Kein „Fehlstart“: Marion Messinas starkes Debüt

Nein, ein „Fehlstart“ ist Marion Messinas gleichnamiger Debütroman wahrlich nicht. Er ist eine überzeugende, eindringliche Mischung aus Coming-of-Age-Story und literarischer Sozialstudie, die anrührt, nachdenklich und wütend macht.

Autorin mit Perspektiven: Marion Messina. (Foto: Le Dilettante/Hanser)

Bissig-humorvoll erzählt Messina die Geschichte der neunzehnjährigen Aurélie, die dem Arbeitermilieu von Grenoble entstammt. Als erste in ihrer Familie strebt sie eine höhere Bildung an. Nach dem Abitur immatrikuliert sie sich für ein Jurastudium – eine Entscheidung, die sich rasch als Fehlstart ins neue Leben entpuppt. Denn die Universität erweist sich als Ort von Eitelkeiten, Mittelmäßigkeit und Inkompetenz.

Glücksmomente erlebt Aurélie lediglich mit Alejandro, einem jungen, beziehungsunfähigen Kolumbianer, der selbst in prekären Verhältnissen lebt. Als er sie verlässt, droht Aurélie in ein Loch zu fallen. Sie tritt die Flucht nach vorne an – und zieht nach Paris, von jeher Sehnsuchtsort vieler Franzosen aus der Provinz.

Doch die Hauptstadt zeigt sich von ihrer wenig glamourösen Seite: als brutaler Großstadtdschungel, in dem jeder sich selbst am nächsten ist. Aurélie findet einen schlecht bezahlten Job als Empfangsdame. Auf Abruf angeheuert, besteht ihre Aufgabe vor allem darin, anwesend zu sein und zu lächeln. Bald erkennt sie: es sind die Sprossen eines Hamsterrads, nicht der ersehnten Karriereleiter, an denen sie sich tagtäglich entlanghangelt.

Aus Geldnot wohnt sie in einer Jugendherberge, teilt sich dort ein Zimmer mit anderen. Als sie den zwanzig Jahre älteren Franck kennenlernt, geht Aurélie mit ihm eine Beziehung ein. Bei ihm findet sie Unterschlupf, obwohl sie ihn nicht liebt. Denn das hat Aurélie inzwischen verstanden: auch Gefühle sind in einer Konsumwelt eine Ware, die von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Kalkül und Indifferenz eingeschlossen.

Frankreich – krisengeschüttelt und orientierungslos – zehrt noch von Glanz und Dünkel der einstigen „grande nation“ – doch die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drohen zu hohlen Phrasen von Sonntagsrednern zu verkommen. Die Eliten bleiben unter sich, Klassenunterschiede scheinen unüberwindbar.

Bildung allein, so Aurélies schmerzliche Erkenntnis, ist nicht der Schlüssel zu Wohlstand und Teilhabe. Ihr Traum von ökonomischem Fortkommen und Selbstverwirklichung platzt schnell. Wie andere französische Gegenwartsautoren, Didier Eribon oder Nicolas Mathieu, ermöglicht Messina dabei ungeschönte Einblicke ins Arbeitermilieu – nüchtern und unbarmherzig.

„Fehlstart“ ist ein sarkastischer Abgesang auf die französische Gesellschaft, auf ein Land im Niedergang, wirtschaftlich, politisch wie moralisch. Eine alle Lebensbereiche umfassende Abrechnung mit dem modernen Prekariat und seinem mediokren Bildungssystem, mit Wohnungsnot und Migrationsproblemen – soziologisch unterfüttert, mit essayistischem Unterton.

Frankreichs Presse feierte Marion Messina gar als „weiblichen Houellebecq“. Doch Messina thematisiert Entwurzelung, Perspektivlosigkeit und die Auswüchse ungehemmter, neoliberaler Ausbeutung nicht – wie Michel Houellebecq – am Beispiel neurotisch-obsessiver Erotomanen, sondern an einer jungen Durchschnittsfranzösin.

Aurélies vorgezeichnetes Scheitern macht die Lektüre des Romans umso ergreifender und schmerzhafter. Denn sie steht stellvertretend für eine junge, zunehmend desillusionierte Generation, die sich vom
„System“ um ihre Hoffnungen und Träume betrogen fühlt. „Es war ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens.“

Felice Balletta

Marion Messina: Fehlstart. Hanser, 166 Seiten, 18 Euro.

Karl Schlögel über Chanel und die Russen: „Der Duft der Imperien“

Karl Schlögel, einer der besten Kenner der osteuropäischen Geschichte, ist ein begnadeter Erzähler. Ihm gelingt es, Geschichte in Geschichten aufzulösen, ohne dabei die übergeordneten Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. In seinem neuen Buch „Der Duft der Imperien“ erzählt er von den Parfüms „Chanel Nr. 5“ und „Rotes Moskau“.

Grandioser Erzähler: Karl Schlögel (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Coco Chanels Duft steht für Luxus, Mode und den Aufbruch in die Moderne. Kreiert wurde er 1920. „Rotes Moskau“ ist ein Parfüm, mit dem der Kommunismus 1927 seine menschliche Seite zeigen wollte und dem allgemeinen Bedürfnis nach spielerischer Eleganz entgegengekommen ist.

Vor der russischen Revolution waren Düfte nur etwas für Reiche. Beide Parfüms stehen als Marken für westliche und östliche Imperien. Beide haben aber eine gemeinsame Wurzel und beide Düfte wurden von starken Frauen durchgesetzt.

Für Schlögel beginnt die gemeinsame Geschichte 1913 mit der Komposition des Parfums „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ Anlass war das 300-jährige Regierungsjubiläum der Romanows. Das Parfum, das an die aus Anhalt-Zerbst stammende Zarin Katharina die Große erinnern sollte, wurde nach Beginn des Ersten Weltkriegs in „Rallet Nr. 1“ umbenannt. Der Verweis auf die Deutsche Katharina war den russischen Kundinnen in Kriegszeiten nicht mehr zumutbar.

Geschaffen hatte das Parfum die russisch-französische Firma Rallet in Moskau, die nach Ende des Ersten Weltkriegs wieder nach Frankreich zurückkehrte. Mit dabei Chefparfumeur Ernst Beaux, der die Rezeptur von „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ kannte, und der für die Zusammensetzung von „Chanel Nr. 5“ in Frankreich verantwortlich war. Es war eine Weiterentwicklung des russischen Ursprungsdufts.

Parfumeur Auguste Michel, der ebenfalls bei Rallet gearbeitet hat und der die Duftkompositionen kannte, wurde vom Moskauer Duftkonzern Brokar abgeworben. Da er seinen Pass verloren hatte, konnte er nicht mehr nach Frankreich ausreisen. Nach der Verstaatlichung des Betriebs unter dem neuen Namen TeShe wurde dann „Rotes Moskau“ entwickelt, das allerdings nur ganz entfernt an den Romanow-Duft
erinnerte.

Protegiert wurde das „Rote Moskau“ von Polina Shemtschushina-Molotowa, der Frau des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow. Schlögel gelingt es, anhand der Biographie der beiden Frauen Chanel und Shemtschushina eine kleine Kulturgeschichte der Düfte und der Moden in den jeweiligen Gesellschaften zu schreiben.

Wie sich Chanel, die früh auf die modische Moderne setzte und Bekleidung für Frauen auf das angenehm Tragbare reduzierte: Das bedeutete eine Abkehr von schweren und mit Mustern überbordenden Kleidern. Frauen sollten sich schick und praktisch anziehen können.

Chanel, die aus ganz armen Familienverhältnissen stammte, wurde zur Stilikone. Es gelang ihr, mit Mut und Kreativität, mit vielen Ideen, einflussreichen Männern und einem opportunistischem Geschick gegenüber Vertretern des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg in Frankreich eine Modeimperium aufzubauen. „Chanel“, das ist seit den 50er Jahren eine Weltmarke.

Shemtschushina wiederum leitete zunächst den sowjetischen Parfumtrust TeShe, dann die Abteilung für die Textil- und Galanterieindustrie, später wurde sie Kommissarin für Kosmetik. Auch sie unterstützte neue Formen der Bekleidung, die sich gut tragen lassen und Frauen gut aussehen lassen. Sie kümmerte sich außerdem um die Parfum- und Salbenindustrie.

Shemtschushina hatte in den 30er Jahren exzellente Beziehungen zum diplomatischen Korps und ins Ausland. Ihre Einladungen sollen legendär gewesen sein. 1949 wurde sie überraschend zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Es half ihr nichts, dass sie stets eine glühende Stalinistin war. Diese Haltung änderte sich auch nicht durch die Verbannung. 1953 kehrte sie aus Sibirien zurück, erhielt aber keinen einflussreichen Posten mehr.

Und das „Rote Moskau“ – es ist inzwischen fast vergessen. Die Originalrezeptur wurde noch nicht wiedergefunden. Schlögel hat darüber ein lesenswertes und sehr unterhaltsames Buch geschrieben. Er weckt die Neugierde auf Bereiche der Geschichte, die bislang nur wenig bekannt waren und überrascht immer wieder mit neuen Bezügen. So hat man den Siegeszug von „Chanel Nr. 5“ jedenfalls noch nicht gekannt. Und der Leser lernt daraus, dass nicht nur Bücher eine Geschichte haben, sondern auch Parfüms.

Übrigens: Von Karl Schlögel ist zuletzt auch eine erweiterte Neuausgabe seines Buchs „Das russische Berlin“ erschienen, eine Reise in das untergegangen Berlin der 20er und 30er Jahre. Auch hier: Die große Geschichte löst sich in viele kleine, anschauliche Geschichten auf.

Wer Zeit hat zum Schmökern, der kann sich in Schlögels Universen verlieren. Es sind wunderbare Leseerlebnisse.

André Fischer

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. Chanel Nr. 5 und Rotes Moskau. Hanser, 221 Seiten, 23 Euro.
Das russische Berlin. Suhrkamp, 667 Seiten, 38 Euro.

Lutz Seilers großer Nachwende-Roman: „Stern 111“

So viel Anfang war nie: Lutz Seiler erinnert in seinem preisgekrönten neuen Roman „Stern 111“ an die kurze anarchische Zeit nach dem Mauerfall. Und an einen jungen Mann, der – wie er selbst – Dichter werden wollte.

Preisgekrönt: Autor Lutz Seiler (Foto: Schmidt, dpa)

Sogar– und das freut natürlich uns Nürnberger – Kevin Coyne kommt als uralternativer Rocker vor. Oder Nick Cave, als er vom heroinbleichen Punker der frühen Jahre zum poptauglichen Balladensänger wurde, mit Liedern wie dem „Weeping Song“. Lang ist’s her, und der ganze Roman ist ja selbst eine Art Radio, das die längst verklungenen, verwehten Töne und Stimmen der späten 80er Jahre noch einmal einfängt und in Erinnerung ruft – ohne Nostalgie, ohne Ostalgie.

Dennoch: „Stern 111“, das alte DDR-Radio, das Lutz Seiler schon im Titel beschwört, steht auch für das, was nicht preisgegeben werden sollte im Lauf der Zeiten und Leben, steht für alte Hoffnungen, Träume, Werte, für alles, „was gut und richtig war“, auch wenn man es, persönlich wie historisch, vielleicht verdrängen und vergessen will.

Sogar als „Leitstern für die Reise“ kann die eigene Vergangenheit noch dienen, so eine der Erkenntnisse, die Seiler seinem mit sich selbst hadernden Helden, dem etwas verkrachten Studenten Carl Bischoff, in den Ranzen packt. „Stern 111“, das ist ja auch, auf einer Ebene, ein ganz klassischer Bildungs- und Entwicklungsroman. Ein junger Mann versucht, sich selbst zu finden. Ohne Eltern, aber mit einer jungen Frau – nicht ganz einfach, die erste große Liebe!

Und dann unter diesen Bedingungen: November ’89, gerade ist die Mauer gefallen, die Grenzen sind offen, da ordern Bischoffs den braven Sohn von der Uni zurück ins heimische Gera. Inge und Walter haben die Koffer schon gepackt und wollen gen Westen, so schnell wie möglich, wer weiß, was noch kommt – Carl kann sich derweil ja um die Wohnung kümmern! Hat Carl nicht immer gemacht, was Mutti und Vati sagten?

Das ist die Konstellation, die dem Buch schon viel seiner subtilen Komik gibt. Die Eltern werden hier flügge, der Sohn bleibt zuhause – und schaut den späten Nestflüchtern, den „Auswanderern“, wie sie sich selbst nennen, teils neidisch, teils besorgt, auf jeden Fall sich arg wundernd hinterher.

Zunächst aus dem beschaulichen Gera, bald aber aus dem Osten der Hauptstadt, Berlin-Mitte, wohin sich Carl heimlich aufmacht, im alten, aber perfekt gepflegten Russen-Wagen aus der Garage, einem weiß-orangenen „Shiguli“. Darin schläft er anfangs sogar, bis die Winterkälte es nicht mehr zulässt.

Und bis Carl, fröstelnd und fiebernd gleichermaßen, von einer Gruppe Aussteiger gerettet, ja – in jeder Hinsicht – reanimiert wird. Das „kluge Rudel“ werden sie genannt, und als Hausbesetzer wollen sie lieber nicht angesehen werden. Die Häuser werden ja nicht „besetzt“, sondern „in Obhut genommen“, wie es Rudelführer Hoffi, „der Hirte“, geradezu religiös formuliert. Stets an seiner Seite: eine Ziege namens Dodo, deren Milch fast schon magische Kräfte hat. Wie sie selbst ja auch.

Man kann „Stern 111“ auch als Fortsetzung von Seilers famosem ersten Roman „Kruso“ lesen, der auf Hiddensee vor der Wende spielte – und als ziemlich abgedrehte Figur taucht dieser Kruso sogar kurz auf. Warum, so sein Vorschlag, werden die leeren Wohnungen, die das Rudel knackt, nicht von den nun arbeitslosen DDR-Grenzhunden bewacht? Gegen die kapitalistischen Klassenfeinde, die alles ein- und aufkaufend von Westen näherrücken?

Wie in „Kruso“ schildert Seiler ein schräges, anarchisches, die eigene Freiheit absurd verteidigendes Milieu aus den naiven Augen eines Novizen. Carl ist immerhin gelernter Maurer, lässt sich also gut einsetzen im utopischen Niemandsland, etwa beim Ausbau einer Kellerkneipe, der „Assel“. Ein klammer, aber trinkfreudiger Ort, wo Carl auch kellnert und sich erst die abrückenden Russen, dann die anrückenden „Arbeiterinnen“ – des Strichs auf der Oranienburger Straße! – wohlfühlen.

Aber Carl hat ja nur Augen für Effi, den Schwarm aus Kindertagen, die in Berlin Künstlerin werden will so wie er Dichter, und die mit ihm – ein wunderbares Kapitel – bis nach Paris fährt, um an die gemeinsame Liebe zu glauben. Illusionen hier wie da, schmerzhaft, wenn man sie als solche erkennt. Aber dass Carl Lyriker wird – wie es Lutz Seiler geworden ist, bevor er mit Romanen grandios reüssierte –, das wollen wir doch gerne glauben . . .

Ein großer Wurf!

Wolf Ebersberger

Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp, 528 Seiten, 24 Euro.

Wiederentdeckt, wild und frei: Albertine Sarrazin

Sich frei schreiben: So lässt sich das Werk der Französin Albertine Sarrazin (1937–1967) ganz gut fassen. Es war die einzige Freiheit, die sie hatte – und mit Leidenschaft verteidigte.

Albertine Sarrazin (1937-1967) Foto: AFP

Literatur ist auch eine Frage der Umgebung. Es macht einen Unterschied, ob man in stiller Abgeschiedenheit schreibt oder im dröhnenden Herzen einer Metropole; im Spiegelkabinett von Wohlstand oder im Aktenstaub eines grauen Alltags; unter wärmender Sonne oder im Eis der Einsamkeit. Und sei es, dass man sich von diesen Orten fortschreibt.

Albertine Sarrazin war keine Bewohnerin des Elfenbeinturms. Viele Jahre ihres kurzen Lebens hat sie in Haft verbracht – und hat darüber etwa Folgendes geschrieben: „Von meinem Gefängnis (…) möchte ich nichts hassen, verleugnen oder vergessen, sonst würde ich selbst verschwinden; ohne das Gefängnis bin ich nichts“.

Zeile um Zeile ihrer Bücher kritzelt sie dort in winziger Schrift auf alles, was Papier ist und schmuggelt es nach draußen. „Querwege“ heißt, nach „Astragalus“ (1966; neu erschienen 2013) und „Der Ausbruch“ (1967; 2018), der dritte und letzte Roman, der so entstanden und jetzt neu herausgegeben worden ist.

Man kann über die Bücher von Albertine Sarrazin nicht sprechen, ohne von ihrem Leben zu erzählen. Sie war eine radikal autobiographische Autorin, doch wird niemand bestreiten, dass es sich dabei um Literatur handelt – ja, um große Literatur, was die bilderreiche Sprache angeht und darin, wie sich hier eine Stimme formt, die kämpferisch ein Leben verteidigt.

Gerade dadurch, dass es sich so abseits gängiger Lebensentwürfe abspielt, weist es über sich hinaus, katapultiert sich mit stolzem Selbstbewusstsein aus seinem Schattendasein ins Licht. Als eine der ersten hat das Simone de Beauvoir erkannt, die dafür sorgte, dass Sarrazin den Beginn ihres Ruhms noch erleben konnte.

Geboren wird Albertine 1937 in Marokko, sie erfährt nie, wer ihre Eltern sind. Ein konservatives älteres Ehepaar in Frankreich adoptiert sie, mit zehn wird sie vergewaltigt. „Mein Status heißt elternlos und unerwünscht“, so lapidar fasst sie zusammen, wie sie ihren Platz in der Welt empfindet. Gefängniszellen und Heime werden die Ortsmarken ihres Lebens, aber überall fühlt sie sich fremd. Nur mit, nur für Julien (der im Roman „Lou“ heißt) tut sie alles und wird ebenso vorbehaltlos zurückgeliebt; auch er ist als Kleinkrimineller an den Rändern der Gesellschaft zuhause.

„Querwege“ erzählt davon, wie Albe, so nennt sie sich, aus dem Gefängnis entlassen wird und ein Jahr zu überbrücken hat, bis auch Lou freikommt. Dafür muss sie sich wieder in die Obhut ihrer Adoptivmutter begeben, die mittlerweile in einem Kloster lebt. Und eine Stelle im Kaufhaus Prisunic antreten, wo sie mit Ironie die Konsumgier der Klein- und Großbürger kommentiert. Den Begriff der Arbeit dehnt sie im Roman immer wieder angewidert als „Ar-ba-i-t“ ins Vulgäre. Die Übersetzerin Claudia Steinitz trifft durchwegs Sarrazins frechen, frischen, freizügigen Klang.

Albe bleibt eine Unbehauste. Sie lebt und schreibt als Außenseiterin. Aus dieser Perspektive beobachtet sie die Welt um sich, zu der sie nicht gehört, nach der sie sich nicht sehnt. Was sie sieht, destilliert sie mit einer Mischung aus Schärfe und Sarkasmus, Witz und Verachtung zu einem wenig schmeichelhaften Bild ihrer Mitmenschen.

Unverstellt ist aber auch der Blick auf sich selbst. Ohne Scheu offenbart sie sich als Diebin, die nicht nur aus Not stiehlt, sondern aus Leidenschaft; angesichts der funkelnden Ohrringe einer Tischnachbarin kann sie sich nur mit Mühe zurückhalten: „Ich zappelte vor Lust“.

Auf alten Fotografien fixiert sie den Betrachter mit herausforderndem Blick, wirkt mit den großen Augen und dem hellen Teint zart und zerbrechlich wie ein Kind, unglaublich jung. Und so, unglaublich jung, stirbt sie mit 29 an einem ärztlichen Kunstfehler.

„Ich bin ein lachender, hungriger Spatz in den Regenrinnen der traurigen Dürftigkeit, ich suche darin das Lustige und das Nährreiche“, so beschreibt sie sich. Aus ihren kargen Fundstücken hat Sarrazin Großes geschaffen.

Tamara Dotterweich

Albertine Sarrazin: Querwege. Ink Press, 224 Seiten, 20 Euro

Anika Deckers starkes Romandebüt

Nicht weniger als ein Leben steht in diesem Roman auf dem Spiel. Trotzdem ist er immer wieder extrem lustig. Geht das?

Anika Decker (Foto: dpa)

Die Drehbuchautorin Rahel Wald ist Mitte 30, als sie urplötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Wegen einer Sepsis landet sie auf der Intensivstation, ihre Eltern werden auf das Schlimmste vorbereitet. Doch Rahel überlebt. Aufatmen, aufstehen, Happy End?

Könnte in einem Buch mit mäßigem Drehbuch so sein. Hier aber fängt die Geschichte erst an. Denn als Rahel Wald aus dem künstlichen Koma erwacht, als sie wieder mit ihren Eltern und ihrem Freund kommunizieren kann, stellt sie fest, dass sie Erinnerungslücken hat, was die Zeit vor ihrem Zusammenbruch betrifft.

Damit beginnt eine Horrorstory. Keine übersinnliche Fantasy made in Hollywood, sondern eine aus der ganz normalen Welt – die kann mitunter ja gruselig genug sein. Und ist hier zugleich immer wieder sehr, sehr komisch.

Passgenau zusammengeführt hat diese Extreme die Drehbuchautorin Anika Decker, die mit „Wir von der anderen Seite“ ihren ersten Roman vorlegt. Von Decker, 44, dürften die wenigsten schon gehört haben, obwohl sie das Drehbuch zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahrzehnts geschrieben hat: „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger; mehr als sechs Millionen Zuschauer haben sich in dieser Komödie amüsiert. Aber Drehbuchautoren sind nach wie vor in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dabei brauchen Filme guten Stoff so nötig wie ein Junkie den seinen.

Auch um den Stellenwert von kreativer Arbeit geht es in diesem Roman, wie überhaupt um die ganze Filmbranche mit ihren Ekel-Egomanen, Selbstdarstellern und Geschäftsleuten – und darum, wie sich eine junge Frau in diesem Haifischbecken bewegt.

Vor allem aber handelt das Buch davon, wie ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, wie sich aus dem Nichts – so zumindest scheint es lange Zeit – eine Hürde in den Weg schiebt, über die man nicht einfach so hinweggehen und danach weitermachen kann wie vorher.

Und obwohl die Parallelen offensichtlich sind – nein, das ist keine verkappte Autobiografie von Anika Decker, die mit ihrem ersten Drehbuch gerade einen Erfolg gelandet hatte und dann schwer erkrankte. Wo Anika aufhört und Rahel beginnt, ist zwar schwer zu sagen; allerdings ist das auch nicht sonderlich wichtig.

Denn die Autorin hat eine starke Figur in einer Extremsituation geschaffen, die um ihr Leben kämpft; der, vollgepumpt mit Medikamenten, nachts ein Eichhörnchen auf der Brust sitzt und winkt; die erst zum Gerippe abmagert und später fett und antriebslos in Jogginghosen auf dem Sofa vor sich hin gammelt. Kurz: die plötzlich auf der anderen Seite steht, wo es nicht um das richtige Outfit für eine Filmparty geht, sondern darum, überhaupt etwas anzuziehen, ohne davon schon wieder komplett erschöpft zu sein.

Und auch eine Figur mit all ihren (und unseren) Unzulänglichkeiten, Neurosen, Ängsten und Eigenheiten.
Puh, ja, ganz schön heftig, all das. Wäre da, sogar auf dieser anderen Seite, nicht Deckers Witz und die (Selbst-)Ironie, die das Schreckliche mit Sinn für Pointen abfedert und diesen Roman zu einem stellenweise sehr komischen macht.

Die Autorin Sibylle Berg, mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens bestens vertraut, hat ihn geliebt.
Muss man mehr sagen?

Tamara Dotterweich

Anika Decker: Wir von der anderen Seite. Roman. Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro

Jung, stark, irisch: Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“

Wir können dieselben Zutaten nehmen und doch schmeckt es für jeden anders – das Essen, das Leben, die Liebe. Sally Rooneys Debüt-Roman „Gespräche mit Freunden“, eine der literarischen Überraschungen dieses Sommers, besteht für sich genommen aus unspektakulärem Stoff, der aber ist geschickt gestrickt.

Die irische Autorin Sally Rooney (Foto: Luchterhand)

Zwei Paare, ein weibliches Jüngeres und ein gemischtgeschlechtliches mittleren Alters, kommen sich näher. Die Frauen sind im Literaturmillieu unterwegs. Nick ist Schauspieler, er dreht – mäßig erfolgreich – Filme.

Was als zufällige Begegnung bei einer Lesung beginnt, führt bald dazu, dass sich Frances (aus deren Warte erzählt wird) zu Melissas Ehemann Nick hingezogen fühlt. Um so mehr, als ihre Freundin Bobby sich soeben von ihr trennte. Die wiederum würde gerne die verheiratete Melissa erobern. Ein freizügiger Sommerurlaub in Frankreich folgt, intime Geheimnisse inbegriffen.

Natürlich kann auch eine Senkrechtstarterin wie Rooney, 1991 im irischen County Mayo geboren und für „Gespräche mit Freunden“ im angelsächsischen Raum schon mit Literaturpreisen überschüttet, das Genre der modernen Liebesgeschichte mit all ihren Beziehungsmöglichkeiten nicht neu erfinden – deren Klassiker sie gut kennt.

Wer will, kann Motive aus Hemingways „Garten Eden“, Sagans „Bonjour Tristesse“ oder Salingers „Fanny and Zooey“ herauslesen, die Rooney sehr intelligent aus den 50er und 60er Jahren ins Zeitalter von Whatsapp und Billigflügen hineinübersetzt. Das gelingt ihr sinnlich und gedankenscharf.

Über zahlreiche starke Dialoge zwischen den diskutierenden Hauptfiguren hinaus nimmt die Handlung wohltemperiert Kurs auf philosophische Monsterfragen wie Monogamie, Patriarchat, Kapitalismus. Das aber, Gottseidank, ohne in den Abgrund der Grübelei zu stürzen.

Der Roman ist als Reflexion Liebender zu lesen, die ihre Tickets durchs Leben hinterfragen und darüber nachdenken, ob sie diese behalten oder neu buchen sollen. Sommerlektüre, Liebesroman, Gesellschaftsbetrachtung: Rooney lauscht in „Gespräche mit Freunden“ am Puls der Zeit. Dem Geschwätz geht sie nicht auf den Leim. Die Stimmlage passt.

Christian Mückl

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Deutsch von Zoe Beck. Luchterhand, 384 Seiten, 20 Euro.

LSD macht’s möglich: T.C. Boyle sieht „Das Licht“

LSD ist wieder im Kommen, sagen die Experten – als seriöses Medikament etwa gegen Depressionen oder in der Palliativmedizin. Gegen Trübsinn hilft indes auch der neue LSD-Roman von
T. C. Boyle ganz wunderbar . . .

US-Kultautor T.C. Boyle (Foto: dpa)

Natürlich geht es nicht ohne Vorspiel – und das liefert der auf seine Weise berühmte Albert Hofmann, einer der Gründerväter in der Geschichte der modernen Drogen. Entdeckte der Basler Chemiker doch bereits 1943 in seinem Labor die unerwartet starken Reaktionen, die eine Substanz namens Lysergsäurediethylamid – kurz LSD – auf das menschliche Bewusstsein haben kann. Die natürliche Vorlage: das Gift des Mutterkorns.

Und schon zum Einstieg, auf diesen wenigen Seiten, zeigt T. C. Boyle wie ein Taschenspieler seine blendenden literarischen Tricks. Vor allem den einen, für ihn charakteristischen: sich faktischen historischen Figuren aus fiktiver Sicht zu nähern und so deren Größe und Geheimnis halb würdigend, halb kritisch zu vermitteln.

Hier ist es Susi, die junge Assistentin, die nicht nur miterleben darf, in welchen durchaus bedenklichen Rauschzustand sich Dr. Hofmann versetzt (gerade, wenn man danach noch heimradeln will), sondern das Experiment auch an sich selbst testen darf. Vielleicht hilft zum synthetisch erzeugten Glückstraum auch die Tatsache, dass Fräulein Ramstein in ihren Chef heimlich verliebt ist. Und dann ja auch – wieder ganz realistisch – den Nächstbesten heiratet, der ihm ähnlich sieht . . .

Die Hauptfiguren in „Das Licht“, dem soeben erschienenen neuen Roman des großen amerikanischen Autors, sind aber andere, die Handlung beginnt erst zwanzig Jahre später, 1962 in Harvard. Eben als Timothy Leary, vielversprechender Psychologieprofessor der Bostoner Eliteuniversität, die epochalen Forschungen Hofmanns aufgreift und für völlig neue Zwecke einsetzen will.

Können Drogen wie LSD oder auch das aus den magischen Pilzen Mittelamerikas gewonnene Psilocybin nicht dabei helfen, Patienten von ihren Blockaden zu befreien? „Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette“, heißt es da. „Es war wie Zauberei.“

Wie in seinem Roman über den Sex-Pionier Alfred Kinsey führt der Autor den schnell als Guru und Schamane bewunderten – und in konservativen Kreisen heftig umstrittenen – Leary (1929–1996) von der Seite her ein. Fitz, so heißt der Student, der bei ihm promovieren will und der sich nach erstem bürgerlichen Zögern doch auf die zur Pflicht erhobenen Drogenexperimente einlässt. Auch seine Ehefrau Joanie, eine brave Bibliothekarin, sowie der kleine Sohn Corey werden unweigerlich mit hineingezogen in den Sog aus Rausch und revolutionärer Sinnsuche.

Denn auch darum, wie schon der Titel andeutet, geht es ja beim anfangs noch sorgfältig überwachten Schlucken der Wunderpillen: Alle wollen sie „Das Licht“ sehen, wollen nicht weniger als göttliche Erfahrung, wollen Erlösung und Erleuchtung. Liegt nicht allen Religionen ein Rauscherlebnis zugrunde, fragt sich der unorthodoxe Leary. Und nennt die Verabreichung des LSDs jeden Samstagabend sogar das „Sakrament“.

Aus den experimentellen Sitzungen werden aber bald von Jazzmusik befeuerte Sessions, bei denen der innere Kreis um den Drogen-Prof auch sexuell neue Wege wagt. Mit allen Risiken für schon etwas erkaltete Ehen wie die von Fitz und Joanie. Wohin führt das grenzenlose Begehren, das psychedelisch freigesetzt wird?

Kein anderer als Boyle – in dem Bereich nicht ganz unerfahren – könnte die blumigen, in Farben schier explodierenden Trips so genau schildern. Gleichwohl ist er der Erste, der die kleinen Risse und Krisen notiert, sobald Fitz und Familie sich mit Leary nach Mexiko begeben – ein Paradies auf Zeit –, schließlich in ein altes Herrenhaus in Millbrook im Staate New York, wo sie wie eine Sekte hausen. Und sich Fitz unsterblich in die blutjunge Lori – eine Art Lolita, sehr launisch – verliebt. Mit oder ohne LSD: eine Ekstase, der nur Ernüchterung folgen kann.

Der Leser ahnt es früh – und bleibt doch bis zum Kater-Ende, nun ja, süchtig.

Wolf Ebersberger

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 Seiten, 25 Euro.

Betörend: „Stella“ von Takis Würger

„Ich war ein junger Mann mit Geld und einem Schweizer Pass, der gedacht hat, in diesem Krieg leben zu können, ohne etwas mit ihm zu tun zu haben“: Das Jahr 1942 belehrt die Hauptperson namens Friedrich in Takis Würgers gespenstischem Roman „Stella“ eines Besseren.

Takis Würger (Foto: Döring, Hanser)

Es geht viel um Wahrheit. „Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk . . . Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht.“ Wenige Seiten später: „Ich wusste, dass Vater und Mutter sich nicht liebten“. Weiter: „Die Wahrheit. Du hast gesagt, wir sagen die Wahrheit. Aber über Mutter lügst du.“ Der Junge ahnt: Die Wahrheit zu sagen, kann bedeuten, weh zu tun.


Es sind die frühen 1940er Jahre, Friedrich wächst in einem wohlhabenden Elternhaus am Genfer See auf. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als die Nürnberger Gesetze verkündet werden, trinkt sie eine ganze Flasche Kartoffelschnaps darauf. „Sie hob das Glas auf das Wohl Adolf Hitlers, den sie Adolphe nannte, als wäre er Franzose.“

Als sie ein Jahr später auf dem Privatanwesen die Hakenkreuzfahne hisst, rennt Friedrichs Vater in das Gewächshaus und stößt einen Schrei aus, der das Ende der Ehe ausdrückt. Sonst sei Schweigen seine Art, zu weinen, stellt Friedrich fest. Über den Vater als den Empfindsamen. Den Schwächeren?


Doch was sind Tränen? Spätestens, nachdem der Junge früh farbenblind geworden ist, weil sich ein Kutscher mit dem Stock für einen Schneeballangriff rächte, hat er gelernt, seinen Augen zu misstrauen.


Und dann: Als der künstlerisch ambitionierte junger Mann die Schweiz verlässt und in Berlin bei einem Aktzeichenkurs Kristin erblickt, da traut er seinen Augen ebenfalls kaum: So ein starker Charakter ist ihm – nach Mutter – noch nie begegnet. Dass Kristin in Wahrheit Stella Goldschlag heißt, ahnt er nicht.


Was hat Takis Würger da nur für einen betörenden Roman geschrieben! Kein Geringerer als Daniel Kehlmann lobt: „Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung.“


Takis Würger, geboren 1985, war Kriegsreporter für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, kündigte den Job mit 28, ging nach Cambridge, studierte Ideengeschichte, boxte Schwergewicht und veröffentlichte 2017 mit „Der Club“ seinen ersten Roman. Bereits darin ging es um die Frage, ob man aus Liebe das Falsche tun darf, um das Richtige zu erreichen.


Stella und der junge Schweizer im kriegsgezeichneten Berlin spielen die Hauptrollen in Würgers Roman. Sie ist die erste Frau, die Friedrich küsst. Sie kennt Jazzclubs. Und Müdigkeit, Hunger und Angst. Um das zu vertreiben, nimmt sie Pervitin-Pralinen. Den Stoff, mit dem auch die Wehrmacht Frontsoldaten bei Laune zu halten versuchte.

Den Berliner Kapiteln stellt Takis Würger eine knappe Nachrichtenchronologie aus dem Jahr 1942 voran. Dem fügt er jeweils eine Phrase aus dem hinzu, was er die „Zehn Geboten für Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ nennt. Ein Horror.


Doch Friedrich ignoriert die Zeichen der Zeit. Dann ist Kristin plötzlich weg. „Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund und spülte es mit Kognac runter.“


In glasklarer Sprache verhandelt Takis Würger die Schönheit und das Schlimmste. Liebe, Hass, Begehren, Folter, Verlust und Verrat tosen ineinander. Als Jüdin gerät Stella in die Situation, zu verraten, um zu retten. Das Opfer wird zur Täterin.


Die Arbeit an diesem Buch habe ihn dazu gezwungen, „Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte“, sagte Takis Würger in einem Interview. Die Suche war es wert.


Christian Mückl

Takis Würger: Stella. 224 Seiten, Hanser, 22 Euro.

Gerald Murnanes behutsames Buch „Grenzbezirke“

Der bald 80-jährige australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt auf seinem Kontinent seit vielen Jahren als Nobelpreiskandidat. Jetzt hat er ein Erinnerungsbuch geschrieben, in dem vieles steckt, was sein Schreiben von dem anderer Autoren unterscheidet. Es heißt „Grenzbezirke“.

Gerald Murnane (Foto: Giramondo Publishing/Suhrkamp)

Wie bereits in seinem Hauptwerk „Die Ebenen“ (1982), das 2017 endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt uns Murnane in „Grenzbezirke“ mit auf eine Reise in die Innerlichkeit jenseits des realistischen Erzählens. Behutsamkeit durchdringt die Seiten.

Der Ich-Erzähler ist unschwer als Alter-Ego des Autors zu erkennen. Er hat ein Haus am Rand der Zivilisation nahe dem australischem Outback bezogen, um dort die Ecken, Zwischenräume und Kanten der menschlichen Wahrnehmung zu erkunden. Dafür erlegt er sich Regeln auf. So „hütet“ er seine Augen, um wachsamer für das zu sein, „was an den Rändern meines Gesichtsfeldes“ wirkt. Mönchisch experimentiert er mit Sehtechniken. Es interessiert ihn, ob und wie sich neue Bilder, Gedanken, Assoziationen, Bewusstseinsströme auftun, wenn man zum Beispiel das gewöhnliche menschliche „Starren“ auf Dinge durch Blinzeln oder schräge Augenstellung variiert.

Zugegeben, das klingt schrullig. Doch der Autor bringt eine ernstzunehmende Lebenserfahrung ein. Nachdem er Witwer wurde, war der Ich-Erzähler so mutig, das Wagnis des Wegziehens zu wählen. So erfahren wir, dass er, der zeitlebens ein Leser und Liebhaber von Büchern gewesen ist, den Inhalt seiner Regale zurückgelassen hat. Ihn bewegte dazu die Annahme, dass jeder Lesende die wichtigen Essenzen, Prägungen durch Literatur bewusst oder unbewusst speichert – wenn sie denn von Belang für ihn persönlich sind.

Als Schatzgräber verschütteten Wissens übt der Erzähler sich, wenn er versucht, durch den Anblick von Farben einer Murmel oder über das Hören eines Lieds Zugang zu eingeschlafenen Gefühlen seines früheren Lebens zu erhalten.

Murnane erzählt vom Radiobeitrag einer Kollegin: Weil auch sie den Stückeschreibern, Drehbuchautoren und Biografen misstraut, „die zu leicht durch das Sichtbare verlockt werden“, fühlt er sich verstanden. Das „Empfinden stiller Intensität innerhalb der Steinmauern in entlegener Landschaft“ hält er wie sie dagegen. Seinem Denken und Fühlen haftet etwas Naturmystisches an. Sätze fließen sanft. Peter Handke oder W. G. Sebald sind ihm Sprachverwandte. Manchmal entstehen durch das Drehen und Wenden bei der Suche nach präziser Annäherung an die Dinge aber auch Längen.

Wer „Grenzbezirke“ als Einladung sieht, im Heute der Hektik, der schnellen Bilder, der wissenschaftlichen Sicherheiten den sinnlichen Weg in die andere Richtung einzuschlagen – dem schenkt der Australier Mut und Inspiration.

Christian Mückl

Gerald Murnane: Grenzbezirke. Bibliothek Suhrkamp, 231 S., 18 Euro.

Elegisch: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“

Ob er will oder nicht – und dankbar sein darf er ohnehin –, gehört Michael Ondaatje zu den Autoren, die man nicht erwähnen kann, ohne den einen Romantitel zu nennen, dem sie ihren Erfolg, ja vielleicht ihre gesamte Karriere verdanken. Bei Daniel Kehlmann ist es „Die Vermessung der Welt“, an der er selbst nun immer gemessen wird, bei dem Kanadier Ondaatje „Der englische Patient“. Bereits 1992 erschienen, kongenial verfilmt von dem frühverstorbenen Briten Anthony Minghella, am Ende ausgezeichnet mit neun Oscars: ein Welthit, so oder so.

Vor kurzem wurde das Buch auch noch als der beste englisch-sprachige Roman der letzten 50 Jahre mit einem goldenen „Booker Prize“ geehrt. So viel Ehre – die einen seriösen Schriftsteller, und das ist er, sicher auch belasten kann. Denn wie knüpft man an solche Erfolge – und die damit verbundenen Erwartungen – an?

Das Cover

Ondaatje hat einfach weitergeschrieben, ohne jeden Druck, befreit vielleicht sogar für die Geschichten, die er erzählen wollte, und die Weise, wie er sie erzählen wollte. Denn einfach ist sie nicht. Wie in einem Puzzle setzt der Autor, der auch Lyriker ist, was man immer deutlich merkt, seine Geschichten Steinchen für Steinchen zusammen – ohne lineare Ordnung oder einen klar konstruierten Rahmen. Ein Impressionist der uneindeutigen Erinnerung – darauf muss man sich einlassen.

In seinem neuen Roman „Kriegslicht“ geht er zurück in die kurze Zeit, die er als junger Mann in England verbrachte. Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, kam nach der Trennung der Eltern (der Vater war Holländer) dorthin, bevor er mit seinem Bruder weiter nach Kanada ging, wo er seither lebt.

Nathaniel heißt sein jugendliches Alter Ego nun. Ein braver, bürgerlicher Junge, der vierzehn Jahre alt ist, als er und seine kleinere Schwester Rachel vor einer schmerzhaften familiären Wende stehen: Der Vater muss beruflich nach Sri Lanka, die Mutter bleibt noch kurz, dann wird sie ihn begleiten. Die Kinder sollen in London bleiben und ins Internat. Ein Vertrauter, Walter, den sie aber lieber „Falter“ nennen, kümmert sich um sie.

Es ist ein Nachtfalter – eine obskure Figur mit noch obskureren Freunden, die nun alle ins Haus kommen und die zuerst irritierten, dann faszinierten Kinder in eine ganz andere Gesellschaft, eine andere Welt einführen. Und Nathaniel macht gerne mit. Etwa, wenn er nächtens mit einem nur „Boxer“ genannten Kleinkriminellen auf der Themse unterwegs ist und Windhunde für die Rennbahn einschmuggelt . . .

Es ist 1945, erste Nachkriegszeit, und doch herrscht noch immer „Kriegslicht“: Verdunklung, Heimlichkeit, Zwielicht – auch moralisch. Genau darin liegt der erzählerische Reiz, im Flair wie bei Charles Dickens oder Joseph Conrad, ambivalent aufgeladen, nebelhaft, romantisch. Was soll Nathaniel übrigens von seiner Mutter halten, deren vollgepackten Koffer er unerwartet im Keller entdeckt? Hat sie alle belogen, ist sie immer noch im Lande? Und was macht sie dann?

Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sie für den Geheimdienst arbeitet. Ondaatje verrät es selbst nach nicht allzu vielen Seiten. Wichtiger und weniger fassbar bleiben die Folgen, um die es in „Kriegslicht“ geht: um die letztlich zerstörten Leben und Lieben, die der Kampf für eine gute Sache (mit allen unguten Mitteln und Nebenwirkungen) mit sich bringt.

Erst im Nachhinein wird Nathaniel, der selbst in der Diplomatie landen wird, seine Mutter – die große Unbekannte, Fremde, Kalte – begreifen lernen, wird sich in sie hineinversetzen, ihre Beweggründe erkennen, notfalls als Fiktion. Dass er selbst dabei ein Phantom bleibt, ein ungelebtes Leben, ist die bittere Pointe dieser hintergründigen, auf hochelegante Art tristen Elegie eines trauernden Sohnes.

Wolf Ebersberger

Erzähler gebrochener, bruchstückhafter Lebensläufe: Michael Ondaatje, der morgen 75 wird. Foto: dpa