Milena Moser hinter den blauen Bergen

Sie ist ein Pferdemädchen. Sie ist eine Frau in der Mitte des Lebens. Sie hat Ängste und Zweifel. Und sie hat noch mehr Mut. Sie – das ist Milena Moser. Die Schweizer Autorin macht sich wieder einmal auf, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Pferdemädchen also. Wirklich? Und auch noch ein Pferdemädchen mit Trauma! Das kann ja heiter werden, denkt man nach der Lektüre der ersten beiden Buchseiten… Und siehe da – das wird es auch. Auch dieses Mal.

Dafür begibt sich Moser nach Santa Fe. Hier, in den USA sucht sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Heimat. Und sich. Vieles lässt sie dafür zurück – Familie, Freunde, Besitz. Ihr Ziel ist ein kleines Häuschen, ihre „Casita“, wie sie es spanisch nennt, das sie auf einem Roadtrip erworben hat. Schreiben will sie hier, bei sich sein nach ihrer Scheidung. Ein neues Leben beginnen.

Dass sie das kann, hat sich Milena Moser immer wieder bewiesen. Und dennoch will sie es ein weiteres Mal wissen. Mit im wenigen Gepäck reist die bange Frage: „Kann ich mich noch einmal verlieben?“

Auf dem Weg zu diesem neuen Leben kommt er ihr dazwischen – der Mann, mit dem sich diese Frage recht schnell beantwortet. Ein mexikanischer Künstler, dem das Leben einiges abverlangt hat und der doch unerschütterlich mitten im selbigen steht. Doch so, wie Victor Teil ihres Lebens wird, wird er auch nur ein Teil ihres Buches „Hinter diesen blauen Bergen“. Dorthin, nach Santa Fe, reist sie schließlich doch noch nach einem ungeplanten Aufenthalt in San Francisco – im Atelier des Künstlers.

Damit beginnt die eigentliche Reise – das Abenteuer, die neue Heimat Stück für Stück zu erobern. Doch ihr Mut beschränkt sich dabei nicht nur darauf, sich auf Neues, unbekanntes Terrain zu wagen, sondern er zeigt sich auch darin, dass sie sich dabei in die Seele schauen lässt. Die damit verbundenen Ängste und Zweifel teilt. Dabei gelingt ihr auch dieses Mal wieder das typische Milena-Moser-Kunststück.

Was bei anderen Autoren schnell zur Nabelschau wird – gern auch noch mit einer Portion Larmoyanz versehen – wird bei ihr zur guten Unterhaltung: leicht, ohne oberflächlich zu sein, informativ, ohne zu belehren, vermittelt sie Geschichte in Geschichten.

Wie nebenbei macht sie die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems erlebbar, die Willkür der US-Behörden, wenn es nur um die Vergabe eines Führerscheins geht, erfährt etwas über die in New Mexico lebenden Indianer und die dortige Künstlerszene. Oder über die Befindlichkeiten der Schweizer, was auch in einem Nebensatz verpackt Wucht entfaltet. Denn auch darum geht es – um nationale Identität.

Und nur, indem sie einem Straßenverkäufer eine Zeitung abkauft, lernt man einen ehemaligen Raketenbauer der NASA kennen, der beruflich nach oben schoss und den das Ende des kalten Krieges kalt erwischte.

Moser hingegen findet – selbst wenn sie zwischen gestern und heute mitunter in schnellen Sequenzen springt, zahlreiche Um- und Nebenwege einschlägt – immer wieder zu ihrem Handlungsstrang zurück. Manchmal, auf solch einem Nebenweg stehend, fragt man sich, wie sie das schaffen will. Und sie schafft es schließlich auch, bei sich und in ihrer neuen Heimat anzukommen.

Damit verrät man nicht allzu viel. Denn bei Milena Moser ist der Weg das Ziel. Und die blauen Berge von Santa Fe sind wahrscheinlich ohnehin nur eine Zwischenstation…

Anja Kummerow

Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen. Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Uns bleibt immer noch Paris

Ein launiger Einstieg – das allemal! Mit seinem neuen Roman „Morgen mehr“ durfte Tilman Rammstedt beim diesjährigen Erlanger Poetenfest die Schlossgartenlesungen eröffnen.

Ein naseweiser Erzähler, der gleichsam noch vor seiner Geburt steht und in die Vergangenheit so eingreifen muss, damit sich seine Eltern überhaupt finden? Da werden die einen an „Die Blechtrommel“ denken, die anderen an einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ – und gegen beides dürfte Tilman Rammstedt nichts haben.

rammstedtWenn er den Kapiteln seines soeben erschienenen Romans „Morgen mehr“ ironisch zusammenfassende Einleitungen voranstellt – die im humorigen Extremfall viel länger sind als das Kapitel selbst –, greift er ja noch viel höher: zu den englischen Titanen der auktorialen Komik wie Laurence Sterne und Charles Dickens.

Muss man ihn also in dieser Linie sehen? Oder doch nur als willig netten Lieferanten neuer deutscher Unterhaltung, die dann irgendwann von Detlev Buck verfilmt wird? Den Ganoven „Dimitri“, der vielleicht nur Uwe heißt, würde – unvermeidlich – Moritz Bleibtreu spielen . . .

Von der halbseitigen Eloge (FAZ) bis zum Schnippsel-Verriss (Literatur-Spiegel) ist jedenfalls viel an Reaktionen möglich, und das spricht ja fast schon wieder für dieses Buch, das auch noch – wie sein pränataler Held – auf ganz besondere, ganz besonders eilige Weise entstanden ist.

Rammstedt, Jahrgang 1975, hat die einzelnen Kapitel bereits als digitale Häppchen veröffentlicht, Tag für Tag, als Fortsetzungsroman für die Generation Twitter. Deshalb vielleicht die hohe Gagdichte des humoristisch erfolgreichen Autors („Der Kaiser von China“) – und, wie gedruckt offenbar wird, der mangelnde Tiefgang.

Aber bleiben wir bei den Gags. Es ist der 30. Juni 1972, und der darf nicht vorbeigehen, ohne dass der Erzähler des Buches, der infamerweise auch schon sein restliches Leben kennt, seine Eltern verkuppelt hat. „Das ist meine letzte Chance, danach bin ich zu alt, um noch geboren zu werden. Und glauben Sie mir: Ich habe nicht vor, sie zu verpassen.“

Das Problem: Die Eltern kennen sich noch gar nicht – und befinden sich zudem an völlig unterschiedlichen Orten. Der Vater im heimischen Mainz, wo er, wegen eines absurden Streites, gerade von dem Möchtegernverbrecher Dimitri versenkt werden soll, à la Mafia, mit den Füßen in Beton. Die Mutter im fernen Marseille – wo sie nichts anderes zu tun hat, als mit einem Mann namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle zu verkehren. Ein Regenschauer ist schuld, und die ziemlich ungewöhnliche To-Do-Liste ihrer jüngst verstorbenen Zwillingsschwester. Punkt 19 darauf: „Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen“. Auch einem Kind das Eis klauen oder sich in einer Bar verprügeln lassen gehört zu den Mutproben . . . Und Mutti hat Mut.

Aber wie kommt sie zu Vati? Der läuft ja noch trauernd einer gewissen Claudia hinterher, die ihn schnöde abwies und nun bereits seinen Nachfolger geheiratet hat. Ziel der Hochzeitsreise, wie originell: Paris. Dorthin bugsiert Rammstadt folglich nicht nur das angehende Paar, sondern auch drei richtige Gauner im Pelz, ihren unzufriedenen Chef namens Dr. Rolf und einen recht altklugen Jungen. Bis alles, klischeegerecht und fast akrobatisch, auf dem Eiffelturm seinen Höhepunkt findet.

Eine Räuberpistole, die manchmal arg klappert, ein Trip wie im Comicstrip, voll lustiger Typen und knalliger Sätze, von Rammstedt immer wieder unterbrochen, um festzuhalten, was der Leser schon weiß und was nicht. Er weiß sehr schnell: Von Rammstedt möchte man mehr lesen. Morgen.

Wolf Ebersberger

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 223 Seiten, 20 Euro.

Der Glamour vor dem Terror: Oliver Hilmes über „Berlin 1936″

Achtzig Jahre sind sie her, die „Sechzehn Tage im August“. Sie vergingen in „Berlin 1936“. Zwischen dem 1. und dem 16. 8. fanden in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschland die Olympischen Spiele statt. Am Abend des ersten Tages sprach Adolf Hitler im neuen Olympiastadion den Satz: „Ich erkläre die Spiele von Berlin zur Feier der XI. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.“ Damit wich er ein wenig vom protokollarischen Wortlaut ab. Niemand kreidete es ihm an. Und die Bilder in Leni Riefenstahls Olympiafilm „Fest der Völker“ belegen, wie triumphal „der Führer“ diesen Augenblick empfand.

Die Olympischen Spiele waren den Nazis zugefallen. Sie nutzten sie für eine perfekte Propaganda-Show. Darüber schreibt der Zeithistoriker Oliver Hilmes in seinem Buch mit dem Titel „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ auch. Und er beschreibt dieses oder jenes sportliche Ereignis im Stadion oder in der Schwimmhalle. Vor allem aber entwirft er ein Sittengemälde der Metropole, skizziert eine kleine Alltagsgeschichte des Dritten Reichs, wie sie uns noch immer weitgehend fehlt.

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Bekannte Namen treten auf: die Führungsriege der Nationalsozialisten, Olympiasieger wie Jesse Owens selbstverständlich, die eitle Riefenstahl mit ihren Kameras, Thomas Mann, der das Geschehen im Zürcher Exil am Radio verfolgt. Viele Episoden ranken sich um den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, der Verlagsverhandlungen führt, das Berliner Nachtleben genießt und erst allmählich konfrontiert wird mit dem hintergründigen Schrecken der Konzentrationslager, die parallel zu den Wettkämpfen errichtet werden. Aber ebenso gibt es die nahezu Namenlosen aus der Polizeistatistik wie die Arbeiterin Erna Rakel. Sie wirft sich am zweiten Tag der Spiele vor eine S-Bahn. Niemand weiß: warum.

Oliver Hilmes erzählt. Er erzählt die Geschichten von Menschen. Er benutzt dazu die Zeitform des Präsens, die dem Leser alle Ereignisse so „gegenwärtig“ macht. Er begibt sich dazu in die Köpfe seiner historischen Figuren. Aus den Tagebüchern des Propagandaministers Joseph Goebbels extrapoliert der Autor, was der gedacht, gefühlt haben könnte. Das macht das Buch spannend, ohne dass es zur Fiktion würde. Es ist eine Montage von historischen Momenten. Quellen sind vorhanden. Geschichte lebt.

Auch die Statistik hilft. Auch Informationen über den Alkoholkonsum helfen, eine Epoche besser zu verstehen. Hilmes schreibt: „Wieviel Alkohol trinken die Deutschen im Olympiajahr 1936 wirklich? Tatsache ist, dass der Alkoholverbrauch nach einem Tiefstand Anfang der 1930er Jahre seit einiger Zeit wieder ansteigt. Werden 1933 noch sechs Millionen Flaschen Schaumwein konsumiert, sind es 1936 bereits 14,2 Millionen Flaschen. Der Branntweinverbrauch steigt im gleichen Zeitraum von 564 716 auf 760 796 Hektoliter…“ Die Nazis hielten es eben genau.

Gern hält sich Oliver Hilmes in Berlins Glitzerwelt auf, besucht etwa mit dem Filmstar Hubert von Meyerinck Bars, Varietés, mondäne Lokale. Trotz der nationalsozialistischen Homophobie gab es noch Orte, wo sich Transsexuelle trafen. Trotz offizieller Verbote wurde Jazz gespielt. Die Zeit war nicht nur braun. Nach den Olympischen Spielen wurde sie immer brauner. Die Abgründe wuchsen. Hilmes lässt keinen Zweifel daran, dass in den sechzehn Olympischen Tagen von Berlin 1936 nur eine Fassade vor dem Terror stand. In einem Schlusskapitel verfolgt er die weiteren Schicksale seines Personals. So findet dieser Roman einer Großstadt vor 80 Jahren ein in vieler Hinsicht melancholisches Finale.

Herbert Heinzelmann

Oliver Hilmes: Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag. 303 S., 19.99 Euro

Grandios: Richard Russos „Diese gottverdammten Träume“

Er findet das Besondere im Alltäglichen, er entdeckt die Tragik im Banalen: Mit seinem großen Roman „Diese gottverdammten Träume“ hat der US-Amerikaner Richard Russo ein unaufdringliches Meisterwerk geschaffen.

Bezeichnenderweise heißt die Stadt, in der er seine Geschichten vom Scheitern, Straucheln und Wiederaufstehen ansiedelt (ebenso wie der Roman im Originaltitel) Empire Falls. Gefallen sind sie nämlich alle, die Figuren in diesem Roman: Allen voran Miles Roby, der vor über zwanzig Jahren nach der Krebserkrankung seiner Mutter das Studium abgebrochen hat und in seinen Heimatort zurückgekommen ist.

russoNun führt er mit seinem versehrten Bruder das „Empire Grill“, ein heruntergekommenes kleines Restaurant. Seine Ehe scheint ebenso verloren wie sein Traum von einem anderen Leben. Alle Hoffnung ruht auf seiner Tochter Tick, die mehr aus sich machen soll, als er selbst es geschafft hat. Doch schleichend wie die Schlange, die sie im Kunstunterricht malt, kommt gerade auf sie ein furchtbares Unheil zu.

Richard Russo nimmt sich Zeit für seine Figuren und seinen Schauplatz, diese verfallende Stadt, deren Industrie am Boden und deren Stolz im Staub liegt. Verbitterung hat sich in den Seelen und Beziehungen eingenistet. Frustration hat die Gemeinschaft der Menschen in Empire Falls zersetzt.
Nur eine Handvoll, darunter Miles, sein unverbesserlicher Schnorrer von Vater und Tick scheinen sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Wie in ihrem Pavillon über dem Fluss thront Francine Whiting, die alte Witwe des letzten Großindustriellen der Stadt, mit ihrer bösartigen Katze hexenhaft über all ihren Bewohnern. Zieht sie im Hintergrund die Fäden ihrer Schicksale, wie Miles Roby manchmal vermutet? Was hat sie damals mit seiner Mutter verbunden? Begann der Niedergang der Stadt mit dem Selbstmord ihres Mannes?

Das Panorama, das Richard Russo vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet, umfasst ein auf größere Zusammenhänge verweisendes Gesellschaftsbild, in dem mit großer Empathie auf die Verlierer der ökonomischen Entwicklung, aber auch auf die Geringsten und Gefallensten geblickt wird, korrupte Gesetzeshüter ebenso wie einsame Soziopathen. Nicht einmal Gewalt und Naturkatastrophen, so scheint es, sind in der Lage, die Menschen in diesem Reich Amerika zusammenzubringen.

Im Bundesstaat Maine in Neuengland lassen bevorzugt John Irving und Stephen King ihre Romane spielen: Anklänge an beide Fabulierer, den warmherzigen Menschenkenner und den Meister des blutigen Grauens, findet man auch in „Diese gottverdammten Träume“. In den USA ist Russo bereits eine bekannte, von Publikum und Kritik hochgeschätzte Größe, er hat bisher acht Romane und einige erfolgreiche Drehbücher (darunter „Im Zwielicht“ und „Nobody’s Fool“) geschrieben.

2002 erhielt der damals 53-jährige den Pulitzer-Preis – für diesen Roman, der auch prompt vom TV-Sender HBO mit Paul Newman, Ed Harris und Philip Seymour Hoffman verfilmt (und ebenfalls preisgekrönt) wurde. Wie in aller Welt ist es zu rechtfertigen, dass es 14 Jahre gedauert hat, dieses Meisterwerk für den deutschen Buchmarkt zu entdecken?

Andreas Frane

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Roman. Deutsch von Monika Köpfer. Dumont, 752 Seiten, 24,99 Euro.

Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Mit „M Train“ legt die amerikanische Sängerin Patti Smith einen neuen Erinnerungsband vor – der aber ganz anders ist als der zum Bestseller gewordene Vorläufer „Just Kids“.

Dass Patti Smith schon immer nicht nur eine Rock-Sängerin, sondern eine Rock-Poetin war – freilich der urbanen, rauhen, punkigen Art –, sprach aus jedem ihrer Lieder. Trotzdem wurde ihr Buch „Just Kids“ (2010) zur Überraschung: Die intimen Erinnerungen an ihre Begegnung und Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe waren sowohl biografisch aufschlussreich als auch literarisch überaus gelungen. Ein großer Wurf, persönlich ansprechend, packend zu lesen.

NZ-patti Hält „M Train“ nun, was „Just Kids“ versprach? Oder anders gefragt: Kann man die beiden Bücher überhaupt vergleichen? Ähnelt das neue Werk nicht eher dem früheren, freieren Bändchen „Traumsammlerin“? Wie dieses lässt sich „M Train“ als lose, eher spirituelle als an Daten und Fakten justierte Autobiografie sehen. Eine Fortsetzung von „Just Kids“ ist es nicht – das hätte sie selbst, als Autorin, vielleicht nur gelangweilt.

Lieber blickt Patti Smith, fast schon ziellos durch Alltag und Gegenwart schlendernd, auf einzelne wichtige Stationen ihres Erwachsenenlebens zurück. Stationen, das passt. Oder eben „Haltestellen“, wie sie die Kapitel nennt. Denn: „Der Schriftsteller ist ein Zugführer“, so die Weisheit, die ihr ein Cowboy, der ihr im Traum begegnet, mit auf den Weg gibt. An sowas glaubt sie.

Und Smith träumt im Grunde die ganze Zeit – auch offenen Auges. Sitzt in ihrem geliebten New Yorker „Café ’Ino“ und sinniert, dass sie selbst gern mal ein Café eröffnet hätte. Der Traum blieb unerfüllt. Andere ließen sich verwirklichen. Mitunter erst beim zweiten Mal, wie der Fan-Besuch, den sie unbedingt Frida Kahlos Blauem Haus in Mexico City abstatten wollte. 1971, als junge Frau, stand sie noch vor der verschlossenen Tür. Der berühmten Künstlerin Patti Smith hat diese sich, Jahrzehnte später, dann geöffnet.

Wie eine Pilgerin reist Smith durch die Welt, folgt den Spuren der Dichter und Denker, die sie bewundert, von Genet, Roberto Bolaño und Haruki Murakami, beehrt die Gräber von Rimbaud und Sylvia Plath. Gern nimmt sie Andenken mit, kleine Fundstücke, auf jeden Fall aber Fotografien, die das Buch nun zieren. Auch ihr früh verstorbener Mann Fred erscheint so, in Wort und Bild betrauert.

Über ihre Musik, die Karriere, den Ruhm – nichts. Stattdessen schwelgt sie, als profaner Kontrapunkt, in TV-Serien, die sie geradezu süchtig verfolgt. Man muss sie dafür mögen, so unprätentiös, offen und ohne jede Spur von Eitelkeit, wie Patti Smith anhand vieler anderer Dinge von sich selbst erzählt.

Wolf Ebersberger

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 329 S., 19,99 Euro.

Adrien Boscs aufregendes Debüt: „Morgen früh in New York“

Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende: Édith Piaf, der „Spatz von Paris“ (1915 – 1963). Die Chansons der zierlichen französischen Sängerin handelten immer wieder von den Tragödien ihres Lebens. Eine davon war der Schicksalsschlag, durch den sie ihre große Liebe verlor: den in Algerien geborenen Boxweltmeister Marcel Cerdan. Der kam am 27. Oktober 1949 ums Leben, zusammen mit 47 weiteren Opfern bei einem Flugzeugabsturz, der bis heute nicht restlos aufgeklärt ist.

NZ-bosc Der Lockheed-Luxusliner „Constellation“ war unterwegs von Paris nach New York und sollte auf der Azoren-Insel Santa Maria zwischenlanden. Dort kam er aber niemals an – der Funkkontakt riss kurz vorher ab, und die Maschine zerschellte an einem Berg auf der Nachbarinsel.

Dieses Unglück war für die Presse ein gefundenes Fressen und sorgte tagelang für Schlagzeilen. Außer dem Boxchampion Cerdan, den seine Fans „le bombardier“ nannten, befanden sich nämlich noch andere Stars an Bord der Maschine, die seinerzeit als das Langstreckenflugzeug schlechthin galt.

Etwa die Geigerin Ginette Neveu, damals in etwa so prominent wie heute David Garrett, oder der Disney-Manager Kay Kamen. Sie wurden ebenso tot unter den Trümmern an der Absturzstelle geborgen wie die zahlreichen weniger berühmten Opfer.

In seinem vielversprechenden Debütroman spürt Adrien Bosc den durch den schrecklichen Unglücksfall miteinander verknüpften Schicksalen der Toten nach, stellt Zusammenhänge her, wo sie keiner vermutet hätte und setzt die Einzelgeschichten wie ein Puzzle zusammen. Das tut er mit journalistischer Gründlichkeit und geht dabei auch auf die unbekannten verunglückten Passagiere ein, deren Geschichten er akribisch recherchiert hat.

Der 1986 in Avignon geborene Autor hat schon mit 25 Jahren einen Verlag gegründet, in dem eine Literatur- und eine Sportzeitschrift erscheinen. Für seinen ersten Roman wurde er nun mit dem Grand Prix de l’Académie Française und dem Prix littéraire de la Vocation ausgezeichnet.

Aus dem Französischen übersetzt hat den Roman übrigens Olaf M. Roth, ehemaliger Pressesprecher am Staatstheater Nürnberg. Ihm ist es zu verdanken, dass auch die deutschen Leser den unglaublich präzisen Stil von Adrien Bosc voll und ganz genießen können.

Man darf also schon gespannt sein auf den nächsten Roman dieses jungen Autors!

Ute Wolf

Adrien Bosc: Morgen früh in New York. List, 224 Seiten, 18 Euro.

Grandios: Juli Zehs Gesellschaftsroman

Juli Zeh ist ein Mensch mit messerscharfem Verstand und einer klaren Haltung zum politischen Geschehen in diesem Land. Ein Umstand, der ihr immer wieder Auftritte in Talkshows einbringt. Ihr Ton ist sachlich, ihr Urteil eindeutig, ihr Blick auf die Welt frei von Sentimentalität. Oft sind es die brutalen Seiten des Menschen, die im Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens stehen. So auch in ihrem neuesten Werk, einem 600-Seiten-Wälzer namens „Unterleuten“.

Ihr ganzes schriftstellerisches Leben lang habe sie einen Gesellschaftsroman schreiben wollen, erzählte Juli Zeh in einem Interview. „Für mich stellt dies die literarische Königsdisziplin dar: nicht nur eine spannende Geschichte und interessante Figuren zu schaffen, sondern darüber hinaus den Zeitgeist und die Befindlichkeit einer ganzen Epoche in einen Roman hineinzuerzählen.“

Unterleuten von Juli Zeh

Die promovierte Juristin, 1974 in Bonn geboren, hat schon eine ganze Menge großartiger Literatur produziert und wurde vielfach dafür ausgezeichnet. Mit „Adler und Engel“ gelang ihr 2001 ein beeindruckendes Debüt, dem sie weitere erfolgreiche Romane wie „Spieltrieb“ (2004), Krimis und Essays folgen ließ. Nun hat sie sich selbst und ihren Lesern bewiesen, dass sie auch
die Gattung Gesellschaftsroman beherrscht. „Unterleuten“ ist ein Werk von ungeheurer Wucht und Zeh wieder einmal gnadenlos im Herausarbeiten menschlicher Unzulänglichkeiten.

„Unterleuten“ heißt das Dorf in der brandenburgischen Provinz, in dem die Geschichte über den Menschen und seine Macken spielt. Es scheint, als habe sich hier auf kleinstem Raum die Bösartigkeit der ganzen Welt konzentriert. Irgendwie glaubt jeder zu wissen, was für die Gemeinschaft und deren Zukunft gut ist, und hat am Ende doch nur seinen eigenen Vorteil im Blick. Dazu kommt ein immerwährendes unterschwelliges Rauschen und Raunen, das Rumoren der Gerüchteküche, das dem dörflichen Leben stetig kleine Dosen Gift verabreicht.

Dominiert wird Unterleuten von zwei alten Männern: Gombrowski und Kron. Sie pflegen beharrlich eine alte Feindschaft und haben sich in dieser Situation gut eingerichtet. Doch dann kommen die Störer. Die Großstadtflüchtlinge aus Berlin, die meinen, sie könnten etwas frischen Wind in die kleine, alte Welt bringen.

Linda Franzen, die Pferdenärrin mit dem Computer-Nerd Frederik an ihrer Seite. Oder Gerhard Fließ, der vom akademischen Betrieb frustrierte Professor, der sich nun um eine bedrohte Vogelart kümmert, während seine wesentlich jüngere Frau Jule das Baby pflegt und sich weit weg wünscht.

In Unterleuten, wo jeder immer unter Leuten ist, treffen Resignation und Hoffnung aufeinander, Ost und West, Reichtum und Armut, Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass. Juli Zeh lässt die Menschen im Dorf agieren und reagieren und den Leser ahnen, dass eine Katastrophe bevorsteht.

Wen sie treffen wird, wer involviert ist, bleibt bis zuletzt unvorhersehbar. Natürlich gibt Zeh, die selbst in einem brandenburgischen Dorf lebt und dort nach eigenen Angaben sehr glücklich ist, keinerlei Hinweise. Weder Handlung noch Figuren sind einem erkennbaren Schema unterworfen. Jeder ist ein bisschen gut und ein bisschen böse, keiner ist wirklich ehrlich, jeder fühlt sich dem anderen überlegen. „Der größte Vorteil entsteht“, so die Philosophie des alten Gombrowski, „wenn jeder bekommt, was er sich wünscht.“ Eine Unmöglichkeit, wie er irgendwann einsehen muss. Objekt der Begierde und des Hasses: eine Windkraftanlage. Um sie dreht sich alles.

Die Geschichte braucht Zeit, sich zu entwickeln. Zeh verwebt Vergangenheit und Gegenwart, lässt ihren Charakteren Raum. Die Menschen rücken ganz nahe an den Leser heran, er glaubt sie irgendwann zu kennen und wird doch immer wieder aufs Neue überrascht. Sie alle stehen für eine bestimmte Zeit, einen Ort, eine Lebenseinstellung. „Unterleuten“ ist spannend wie ein Krimi und gleichzeitig ein großartiges Porträt vom Zeitgeist einer Sinn suchenden Gesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends.

Gabi Eisenack

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Luchterhand, 640 Seiten, 24.99 Euro.