Jung, stark, irisch: Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“

Wir können dieselben Zutaten nehmen und doch schmeckt es für jeden anders – das Essen, das Leben, die Liebe. Sally Rooneys Debüt-Roman „Gespräche mit Freunden“, eine der literarischen Überraschungen dieses Sommers, besteht für sich genommen aus unspektakulärem Stoff, der aber ist geschickt gestrickt.

Die irische Autorin Sally Rooney (Foto: Luchterhand)

Zwei Paare, ein weibliches Jüngeres und ein gemischtgeschlechtliches mittleren Alters, kommen sich näher. Die Frauen sind im Literaturmillieu unterwegs. Nick ist Schauspieler, er dreht – mäßig erfolgreich – Filme.

Was als zufällige Begegnung bei einer Lesung beginnt, führt bald dazu, dass sich Frances (aus deren Warte erzählt wird) zu Melissas Ehemann Nick hingezogen fühlt. Um so mehr, als ihre Freundin Bobby sich soeben von ihr trennte. Die wiederum würde gerne die verheiratete Melissa erobern. Ein freizügiger Sommerurlaub in Frankreich folgt, intime Geheimnisse inbegriffen.

Natürlich kann auch eine Senkrechtstarterin wie Rooney, 1991 im irischen County Mayo geboren und für „Gespräche mit Freunden“ im angelsächsischen Raum schon mit Literaturpreisen überschüttet, das Genre der modernen Liebesgeschichte mit all ihren Beziehungsmöglichkeiten nicht neu erfinden – deren Klassiker sie gut kennt.

Wer will, kann Motive aus Hemingways „Garten Eden“, Sagans „Bonjour Tristesse“ oder Salingers „Fanny and Zooey“ herauslesen, die Rooney sehr intelligent aus den 50er und 60er Jahren ins Zeitalter von Whatsapp und Billigflügen hineinübersetzt. Das gelingt ihr sinnlich und gedankenscharf.

Über zahlreiche starke Dialoge zwischen den diskutierenden Hauptfiguren hinaus nimmt die Handlung wohltemperiert Kurs auf philosophische Monsterfragen wie Monogamie, Patriarchat, Kapitalismus. Das aber, Gottseidank, ohne in den Abgrund der Grübelei zu stürzen.

Der Roman ist als Reflexion Liebender zu lesen, die ihre Tickets durchs Leben hinterfragen und darüber nachdenken, ob sie diese behalten oder neu buchen sollen. Sommerlektüre, Liebesroman, Gesellschaftsbetrachtung: Rooney lauscht in „Gespräche mit Freunden“ am Puls der Zeit. Dem Geschwätz geht sie nicht auf den Leim. Die Stimmlage passt.

Christian Mückl

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Deutsch von Zoe Beck. Luchterhand, 384 Seiten, 20 Euro.

LSD macht’s möglich: T.C. Boyle sieht „Das Licht“

LSD ist wieder im Kommen, sagen die Experten – als seriöses Medikament etwa gegen Depressionen oder in der Palliativmedizin. Gegen Trübsinn hilft indes auch der neue LSD-Roman von
T. C. Boyle ganz wunderbar . . .

US-Kultautor T.C. Boyle (Foto: dpa)

Natürlich geht es nicht ohne Vorspiel – und das liefert der auf seine Weise berühmte Albert Hofmann, einer der Gründerväter in der Geschichte der modernen Drogen. Entdeckte der Basler Chemiker doch bereits 1943 in seinem Labor die unerwartet starken Reaktionen, die eine Substanz namens Lysergsäurediethylamid – kurz LSD – auf das menschliche Bewusstsein haben kann. Die natürliche Vorlage: das Gift des Mutterkorns.

Und schon zum Einstieg, auf diesen wenigen Seiten, zeigt T. C. Boyle wie ein Taschenspieler seine blendenden literarischen Tricks. Vor allem den einen, für ihn charakteristischen: sich faktischen historischen Figuren aus fiktiver Sicht zu nähern und so deren Größe und Geheimnis halb würdigend, halb kritisch zu vermitteln.

Hier ist es Susi, die junge Assistentin, die nicht nur miterleben darf, in welchen durchaus bedenklichen Rauschzustand sich Dr. Hofmann versetzt (gerade, wenn man danach noch heimradeln will), sondern das Experiment auch an sich selbst testen darf. Vielleicht hilft zum synthetisch erzeugten Glückstraum auch die Tatsache, dass Fräulein Ramstein in ihren Chef heimlich verliebt ist. Und dann ja auch – wieder ganz realistisch – den Nächstbesten heiratet, der ihm ähnlich sieht . . .

Die Hauptfiguren in „Das Licht“, dem soeben erschienenen neuen Roman des großen amerikanischen Autors, sind aber andere, die Handlung beginnt erst zwanzig Jahre später, 1962 in Harvard. Eben als Timothy Leary, vielversprechender Psychologieprofessor der Bostoner Eliteuniversität, die epochalen Forschungen Hofmanns aufgreift und für völlig neue Zwecke einsetzen will.

Können Drogen wie LSD oder auch das aus den magischen Pilzen Mittelamerikas gewonnene Psilocybin nicht dabei helfen, Patienten von ihren Blockaden zu befreien? „Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette“, heißt es da. „Es war wie Zauberei.“

Wie in seinem Roman über den Sex-Pionier Alfred Kinsey führt der Autor den schnell als Guru und Schamane bewunderten – und in konservativen Kreisen heftig umstrittenen – Leary (1929–1996) von der Seite her ein. Fitz, so heißt der Student, der bei ihm promovieren will und der sich nach erstem bürgerlichen Zögern doch auf die zur Pflicht erhobenen Drogenexperimente einlässt. Auch seine Ehefrau Joanie, eine brave Bibliothekarin, sowie der kleine Sohn Corey werden unweigerlich mit hineingezogen in den Sog aus Rausch und revolutionärer Sinnsuche.

Denn auch darum, wie schon der Titel andeutet, geht es ja beim anfangs noch sorgfältig überwachten Schlucken der Wunderpillen: Alle wollen sie „Das Licht“ sehen, wollen nicht weniger als göttliche Erfahrung, wollen Erlösung und Erleuchtung. Liegt nicht allen Religionen ein Rauscherlebnis zugrunde, fragt sich der unorthodoxe Leary. Und nennt die Verabreichung des LSDs jeden Samstagabend sogar das „Sakrament“.

Aus den experimentellen Sitzungen werden aber bald von Jazzmusik befeuerte Sessions, bei denen der innere Kreis um den Drogen-Prof auch sexuell neue Wege wagt. Mit allen Risiken für schon etwas erkaltete Ehen wie die von Fitz und Joanie. Wohin führt das grenzenlose Begehren, das psychedelisch freigesetzt wird?

Kein anderer als Boyle – in dem Bereich nicht ganz unerfahren – könnte die blumigen, in Farben schier explodierenden Trips so genau schildern. Gleichwohl ist er der Erste, der die kleinen Risse und Krisen notiert, sobald Fitz und Familie sich mit Leary nach Mexiko begeben – ein Paradies auf Zeit –, schließlich in ein altes Herrenhaus in Millbrook im Staate New York, wo sie wie eine Sekte hausen. Und sich Fitz unsterblich in die blutjunge Lori – eine Art Lolita, sehr launisch – verliebt. Mit oder ohne LSD: eine Ekstase, der nur Ernüchterung folgen kann.

Der Leser ahnt es früh – und bleibt doch bis zum Kater-Ende, nun ja, süchtig.

Wolf Ebersberger

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 Seiten, 25 Euro.

Betörend: „Stella“ von Takis Würger

„Ich war ein junger Mann mit Geld und einem Schweizer Pass, der gedacht hat, in diesem Krieg leben zu können, ohne etwas mit ihm zu tun zu haben“: Das Jahr 1942 belehrt die Hauptperson namens Friedrich in Takis Würgers gespenstischem Roman „Stella“ eines Besseren.

Takis Würger (Foto: Döring, Hanser)

Es geht viel um Wahrheit. „Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk . . . Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht.“ Wenige Seiten später: „Ich wusste, dass Vater und Mutter sich nicht liebten“. Weiter: „Die Wahrheit. Du hast gesagt, wir sagen die Wahrheit. Aber über Mutter lügst du.“ Der Junge ahnt: Die Wahrheit zu sagen, kann bedeuten, weh zu tun.


Es sind die frühen 1940er Jahre, Friedrich wächst in einem wohlhabenden Elternhaus am Genfer See auf. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als die Nürnberger Gesetze verkündet werden, trinkt sie eine ganze Flasche Kartoffelschnaps darauf. „Sie hob das Glas auf das Wohl Adolf Hitlers, den sie Adolphe nannte, als wäre er Franzose.“

Als sie ein Jahr später auf dem Privatanwesen die Hakenkreuzfahne hisst, rennt Friedrichs Vater in das Gewächshaus und stößt einen Schrei aus, der das Ende der Ehe ausdrückt. Sonst sei Schweigen seine Art, zu weinen, stellt Friedrich fest. Über den Vater als den Empfindsamen. Den Schwächeren?


Doch was sind Tränen? Spätestens, nachdem der Junge früh farbenblind geworden ist, weil sich ein Kutscher mit dem Stock für einen Schneeballangriff rächte, hat er gelernt, seinen Augen zu misstrauen.


Und dann: Als der künstlerisch ambitionierte junger Mann die Schweiz verlässt und in Berlin bei einem Aktzeichenkurs Kristin erblickt, da traut er seinen Augen ebenfalls kaum: So ein starker Charakter ist ihm – nach Mutter – noch nie begegnet. Dass Kristin in Wahrheit Stella Goldschlag heißt, ahnt er nicht.


Was hat Takis Würger da nur für einen betörenden Roman geschrieben! Kein Geringerer als Daniel Kehlmann lobt: „Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung.“


Takis Würger, geboren 1985, war Kriegsreporter für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, kündigte den Job mit 28, ging nach Cambridge, studierte Ideengeschichte, boxte Schwergewicht und veröffentlichte 2017 mit „Der Club“ seinen ersten Roman. Bereits darin ging es um die Frage, ob man aus Liebe das Falsche tun darf, um das Richtige zu erreichen.


Stella und der junge Schweizer im kriegsgezeichneten Berlin spielen die Hauptrollen in Würgers Roman. Sie ist die erste Frau, die Friedrich küsst. Sie kennt Jazzclubs. Und Müdigkeit, Hunger und Angst. Um das zu vertreiben, nimmt sie Pervitin-Pralinen. Den Stoff, mit dem auch die Wehrmacht Frontsoldaten bei Laune zu halten versuchte.

Den Berliner Kapiteln stellt Takis Würger eine knappe Nachrichtenchronologie aus dem Jahr 1942 voran. Dem fügt er jeweils eine Phrase aus dem hinzu, was er die „Zehn Geboten für Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ nennt. Ein Horror.


Doch Friedrich ignoriert die Zeichen der Zeit. Dann ist Kristin plötzlich weg. „Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund und spülte es mit Kognac runter.“


In glasklarer Sprache verhandelt Takis Würger die Schönheit und das Schlimmste. Liebe, Hass, Begehren, Folter, Verlust und Verrat tosen ineinander. Als Jüdin gerät Stella in die Situation, zu verraten, um zu retten. Das Opfer wird zur Täterin.


Die Arbeit an diesem Buch habe ihn dazu gezwungen, „Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte“, sagte Takis Würger in einem Interview. Die Suche war es wert.


Christian Mückl

Takis Würger: Stella. 224 Seiten, Hanser, 22 Euro.

Gerald Murnanes behutsames Buch „Grenzbezirke“

Der bald 80-jährige australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt auf seinem Kontinent seit vielen Jahren als Nobelpreiskandidat. Jetzt hat er ein Erinnerungsbuch geschrieben, in dem vieles steckt, was sein Schreiben von dem anderer Autoren unterscheidet. Es heißt „Grenzbezirke“.

Gerald Murnane (Foto: Giramondo Publishing/Suhrkamp)

Wie bereits in seinem Hauptwerk „Die Ebenen“ (1982), das 2017 endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt uns Murnane in „Grenzbezirke“ mit auf eine Reise in die Innerlichkeit jenseits des realistischen Erzählens. Behutsamkeit durchdringt die Seiten.

Der Ich-Erzähler ist unschwer als Alter-Ego des Autors zu erkennen. Er hat ein Haus am Rand der Zivilisation nahe dem australischem Outback bezogen, um dort die Ecken, Zwischenräume und Kanten der menschlichen Wahrnehmung zu erkunden. Dafür erlegt er sich Regeln auf. So „hütet“ er seine Augen, um wachsamer für das zu sein, „was an den Rändern meines Gesichtsfeldes“ wirkt. Mönchisch experimentiert er mit Sehtechniken. Es interessiert ihn, ob und wie sich neue Bilder, Gedanken, Assoziationen, Bewusstseinsströme auftun, wenn man zum Beispiel das gewöhnliche menschliche „Starren“ auf Dinge durch Blinzeln oder schräge Augenstellung variiert.

Zugegeben, das klingt schrullig. Doch der Autor bringt eine ernstzunehmende Lebenserfahrung ein. Nachdem er Witwer wurde, war der Ich-Erzähler so mutig, das Wagnis des Wegziehens zu wählen. So erfahren wir, dass er, der zeitlebens ein Leser und Liebhaber von Büchern gewesen ist, den Inhalt seiner Regale zurückgelassen hat. Ihn bewegte dazu die Annahme, dass jeder Lesende die wichtigen Essenzen, Prägungen durch Literatur bewusst oder unbewusst speichert – wenn sie denn von Belang für ihn persönlich sind.

Als Schatzgräber verschütteten Wissens übt der Erzähler sich, wenn er versucht, durch den Anblick von Farben einer Murmel oder über das Hören eines Lieds Zugang zu eingeschlafenen Gefühlen seines früheren Lebens zu erhalten.

Murnane erzählt vom Radiobeitrag einer Kollegin: Weil auch sie den Stückeschreibern, Drehbuchautoren und Biografen misstraut, „die zu leicht durch das Sichtbare verlockt werden“, fühlt er sich verstanden. Das „Empfinden stiller Intensität innerhalb der Steinmauern in entlegener Landschaft“ hält er wie sie dagegen. Seinem Denken und Fühlen haftet etwas Naturmystisches an. Sätze fließen sanft. Peter Handke oder W. G. Sebald sind ihm Sprachverwandte. Manchmal entstehen durch das Drehen und Wenden bei der Suche nach präziser Annäherung an die Dinge aber auch Längen.

Wer „Grenzbezirke“ als Einladung sieht, im Heute der Hektik, der schnellen Bilder, der wissenschaftlichen Sicherheiten den sinnlichen Weg in die andere Richtung einzuschlagen – dem schenkt der Australier Mut und Inspiration.

Christian Mückl

Gerald Murnane: Grenzbezirke. Bibliothek Suhrkamp, 231 S., 18 Euro.

Elegisch: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“

Ob er will oder nicht – und dankbar sein darf er ohnehin –, gehört Michael Ondaatje zu den Autoren, die man nicht erwähnen kann, ohne den einen Romantitel zu nennen, dem sie ihren Erfolg, ja vielleicht ihre gesamte Karriere verdanken. Bei Daniel Kehlmann ist es „Die Vermessung der Welt“, an der er selbst nun immer gemessen wird, bei dem Kanadier Ondaatje „Der englische Patient“. Bereits 1992 erschienen, kongenial verfilmt von dem frühverstorbenen Briten Anthony Minghella, am Ende ausgezeichnet mit neun Oscars: ein Welthit, so oder so.

Vor kurzem wurde das Buch auch noch als der beste englisch-sprachige Roman der letzten 50 Jahre mit einem goldenen „Booker Prize“ geehrt. So viel Ehre – die einen seriösen Schriftsteller, und das ist er, sicher auch belasten kann. Denn wie knüpft man an solche Erfolge – und die damit verbundenen Erwartungen – an?

Das Cover

Ondaatje hat einfach weitergeschrieben, ohne jeden Druck, befreit vielleicht sogar für die Geschichten, die er erzählen wollte, und die Weise, wie er sie erzählen wollte. Denn einfach ist sie nicht. Wie in einem Puzzle setzt der Autor, der auch Lyriker ist, was man immer deutlich merkt, seine Geschichten Steinchen für Steinchen zusammen – ohne lineare Ordnung oder einen klar konstruierten Rahmen. Ein Impressionist der uneindeutigen Erinnerung – darauf muss man sich einlassen.

In seinem neuen Roman „Kriegslicht“ geht er zurück in die kurze Zeit, die er als junger Mann in England verbrachte. Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, kam nach der Trennung der Eltern (der Vater war Holländer) dorthin, bevor er mit seinem Bruder weiter nach Kanada ging, wo er seither lebt.

Nathaniel heißt sein jugendliches Alter Ego nun. Ein braver, bürgerlicher Junge, der vierzehn Jahre alt ist, als er und seine kleinere Schwester Rachel vor einer schmerzhaften familiären Wende stehen: Der Vater muss beruflich nach Sri Lanka, die Mutter bleibt noch kurz, dann wird sie ihn begleiten. Die Kinder sollen in London bleiben und ins Internat. Ein Vertrauter, Walter, den sie aber lieber „Falter“ nennen, kümmert sich um sie.

Es ist ein Nachtfalter – eine obskure Figur mit noch obskureren Freunden, die nun alle ins Haus kommen und die zuerst irritierten, dann faszinierten Kinder in eine ganz andere Gesellschaft, eine andere Welt einführen. Und Nathaniel macht gerne mit. Etwa, wenn er nächtens mit einem nur „Boxer“ genannten Kleinkriminellen auf der Themse unterwegs ist und Windhunde für die Rennbahn einschmuggelt . . .

Es ist 1945, erste Nachkriegszeit, und doch herrscht noch immer „Kriegslicht“: Verdunklung, Heimlichkeit, Zwielicht – auch moralisch. Genau darin liegt der erzählerische Reiz, im Flair wie bei Charles Dickens oder Joseph Conrad, ambivalent aufgeladen, nebelhaft, romantisch. Was soll Nathaniel übrigens von seiner Mutter halten, deren vollgepackten Koffer er unerwartet im Keller entdeckt? Hat sie alle belogen, ist sie immer noch im Lande? Und was macht sie dann?

Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sie für den Geheimdienst arbeitet. Ondaatje verrät es selbst nach nicht allzu vielen Seiten. Wichtiger und weniger fassbar bleiben die Folgen, um die es in „Kriegslicht“ geht: um die letztlich zerstörten Leben und Lieben, die der Kampf für eine gute Sache (mit allen unguten Mitteln und Nebenwirkungen) mit sich bringt.

Erst im Nachhinein wird Nathaniel, der selbst in der Diplomatie landen wird, seine Mutter – die große Unbekannte, Fremde, Kalte – begreifen lernen, wird sich in sie hineinversetzen, ihre Beweggründe erkennen, notfalls als Fiktion. Dass er selbst dabei ein Phantom bleibt, ein ungelebtes Leben, ist die bittere Pointe dieser hintergründigen, auf hochelegante Art tristen Elegie eines trauernden Sohnes.

Wolf Ebersberger

Erzähler gebrochener, bruchstückhafter Lebensläufe: Michael Ondaatje, der morgen 75 wird. Foto: dpa

Johan Bargum und der „Nachsommer“ der Gefühle

Der Titel ist zwar eigentlich schon von Adalbert Stifter belegt, aber auch der finnisch-schwedische Autor Johan Bargum hat zum Thema „Nachsommer“ etwas zu sagen.

Toller Autor: Johan Bargum (FOTO: Irmelin Jung/mareverlag)

Wenn ein Stolpern nicht mehr zu kaschieren ist, ein Leben zerbrochen, eine Lüge aufgedeckt – beginnt der Autor und Finnlandschwede Johan Bargum mit dem Erzählen.

In seiner „Septembernovelle“ von 2014 war das so. Und im neuen, heute erscheinenden Roman „Nachsommer“, der das Hinterher schon im Titel trägt, die wachsenden Schatten nach dem reichen Licht, reflektiert er diese Frage nicht minder: Wie konnte das passieren? Ein Fehltritt? Eine Schwäche? Eine Unachtsamkeit?

Es wird nun Herbst und alle sind abgereist von der Insel, so fängt die Geschichte an. Ein Landhaus in den Schären, nur Olof blieb zurück. Der Anlass für das Wiedersehen mit seinem jüngeren Bruder Carl war düster. Die Mutter lag im Sterben.

Dass Carl, der schon als Kind der Selbstbewusstere war und heute als Erwachsener den kühlen Karrieremann gibt, dass er immer Mutters Liebling war, ist allen Beteiligten klar. Beteiligte sind: Tom, der die Rolle des verstorbenen Vaters einnahm und für die Brüder zum zwiespältigen „Onkel“ wurde – als neuer Geliebter der Mutter. Dann ist da Klara, Carls Frau. Und ihre zwei Buben. Wobei sich um den Jüngsten ein Geheimnis rankt. Denn wer tatsächlich der Vater von Sam ist, verrät sie nicht. Ihr Mann? Oder doch dessen Bruder? Rechnerisch ist beides denkbar.

Mit der Romanhandlung, die so unschuldig im sanften Echo des abklingenden Sommers anfängt, beginnt sich das Unausgesproche auszubreiten wie eine eisige Decke. Eine Decke, deren Fasern der Autor mit feiner psychologischer Empfindung nach und nach aufzuschneiden scheint. Erzählt wird aus der Warte Olofs, des Unverheirateten, des Eigenbrötlers. Es gibt Rückblenden in die Kindheit. Die Natur hat der empfindsame Olof immer als Zuflucht erlebt. Und Carl als darin wandelnden Schrecken.

Johan Bargum, 1943 in Helsinki geboren, ist ein bittersüßes Buch über die Ungleichheit gelungen, über die Abgründe zwischen Menschen, die sich nahestehen, doch einander im Wege. Der „Nachsommer“ ist die Zeit des Verschwindens. Irgendwann ist die Chance verpasst.

Christian Mückl

Johan Bargum: Nachsommer. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare, 142 Seiten, 18 Euro.

Frankreich von unten: Virginie Despentes

Wie sexy ist der Absturz? Die Französin Virginie Despentes, als Romanautorin eine Art weibliche Ausgabe von Michel Houellebecq, folgt in „Das Leben des Vernon Subutex“ einem gescheiterten Plattenverkäufer beim Couchsurfing durch die französische Gesellschaft.

Virginie Despentes (Foto: Hidalgo,dpa)

Bist du über 40, heißt es im Buch, gleicht die Welt einer bombardierten Stadt. Paris duldet dich nur noch als Eigentümerkind. Wenige Orte, wo du im Warmen sein kannst, ohne zu zahlen.
Vernon Subutex steht vor den Trümmern seiner Existenz. „Er hatte seinen Platz, den des Plattenverkäufers. Weniger angesehen, als der des Gitarristen, aber in der Hierarchie immer noch über der des letzten Deppen. Er brach Mädchenherzen.“ Doch der Niedergang der Musikindustrie riss ihn mit.

Und jetzt? Ist der, der zuletzt seine Miete bezahlte, tot. Sein Gönner hieß Alex Bleach, Typ Gainsbourg für Junge. Bandkumpel von früher, der dann richtig Erfolg einfuhr – bevor er sich in einer lausigen Hotelzimmerbadewanne das Leben nahm.

Vernon Subutex – den Vornamen hat die Autorin beim Schriftsteller Boris Vian, den Nachnamen bei einem Schmerzmittel für Junkies entlehnt – hinterließ Bleach im Drogenrausch immerhin ein Vermächtnis: die Aufzeichnung seiner Lebensbeichte.

Manch einer in Paris, den das brennend interessiert. Aus welchen Motiven auch immer. Während Subutex’ Kraft dafür draufgeht, einen Platz zum Schlafen zu finden – wofür er via Facebook alte Szenegeschöpfe kontaktiert, die alle irgendwie gefallene Engel und Teufel aus der Musik-, Porno-, Drogen- oder Familienhölle sind –, starten Bleachs Erbschleicher bereits die Jagd auf die kostbaren Kassetten in seinem Besitz . . .

Die Schrifstellerin Virginie Despentes, Jahrgang 1969, ist selbst ein gebranntes Kind. Wie ihre Protagonisten geprägt von der Ära Kurt Cobain, Zeugin einer Zeit, in der „Musikhören noch etwas Sinnstiftendes war“, probierte sie es im richtigen Leben erst als Plattenverkäuferin. Brauchte dann Geld und verkaufte ihren Körper. Sie weiß, wovon sie schreibt, wenn im Roman Porneusen wie Pamela oder Votka Satana aufkreuzen.

Despentes entwirft sie mit anrührender Empathie. Überdies wäre es wohl leicht gewesen, auch die anderen Exzentriker, Täter und Opfer aus Subutex’ Kosmos zu karikieren. Den rechtslastigen Drehbuchautor. Die fett gewordene Ex-Gitarristin. Die verlassene Wohlstandsgattin. Oder Marcia, die transsexuelle Brasilianerin, die früher ein Junge war.

Despentes wählt einen respektablen Weg der Worte. Ihre Sprache ist energisch und klar. Der Roman kommt Tauchgängen in Gehirnströme von Menschen gleich, die sich irgendwie irgendwo wiedergefunden haben. Wütend. Sehnsuchtsvoll. Schicksalsergeben. Eine der soghaftesten Sequenzen dieses Buchs schildert die Euphorie einer Partynacht auf Drogen. Subutex hat als DJ einen letzten, ungeahnten Höhenflug.

Dass sie schreiben kann, hat die Autorin schon bewiesen, ihr Debüt „Baise moi – Fick mich“ hat sie selbst erfolgreich verfilmt. In „Apocalypse Baby“ brachte sie 2010 ihre Vergewaltigung als junge Frau zu Papier.

Subutex hat halbherzigen Sex mit Gefährtinnen, die ihm Obdach geben. Eine Frau, die sich Hyäne nennt, hat sich auf das Zerstören von Karrieren im Internet spezialisiert. Auch sie nimmt Witterung auf. Es gibt Berührungspunkte zwischen den Protagonisten. Schmerzhafte. Die Tochter trägt Kopftuch, seit sie die Pornovergangenheit der Mutter erfuhr. Ein H&M-Verkäufer, hasserfüllt bis in die rasierten Haarwurzeln, geht auf Obdachlose los. Solche wie Olga. Die – Körpergröße XXL – Subutex mit Bettlertricks aushilft, als dieser schon „besoffen“ ist vom „Vorbeimarsch der Ärsche“ auf seinem Stück Gehweg. Die Kälte ertragen: ein Vollzeitjob.

Noch eine Frage: Was wäre von Patrice, dem Gewalttätigen, dessen Familie weg ist, noch übrig in der sozialen Schicht „der Fußabtreter, der Pissbecken“ – ohne die Wut? Wenigstens seine Faust hat „die Wucht einer gottverdammten Vollzeitstelle“. Dass Patrice Rocker wie Subutex beneidet, „die es schaffen, direkt bei der Senilität zu landen, ohne über das Feld des Erwachsenseins zu gehen“, gesteht er sich ein.

Aber was weiß er? Was wissen wir? Despentes vermittelt eine packende Ahnung.

Christian Mückl

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro.

Eine Entdeckung: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Nun, wo bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen war, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kamen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival standen, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra nun geworden ist (ab 29. September läuft er auf Netflix) – das Buch und sein Autor sind eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

Geschafft! „Kämpfen“ von Karl Ove Knausgård

Der Preis, über Privates zu schreiben, ist hoch. Karl Ove Knausgård hat ihn bezahlt. Auch davon handelt „Kämpfen“, der abschließende Band seines autobiografischen Romanexperiments.

Die Stunde null saß ihm im Jahr 2009 im Nacken. Die Freigabe des ersten Romans stand bevor. Und bei jeder Mail, die einging, wurde Karl Ove Knausgård bang. Denn erst im allerletzten Moment hatte er das Skript den Menschen gesendet, die im Buch vorkamen: von der Mutter über die Schwiegermutter bis zu seiner ersten Frau. Keine ahnte, was er da geschrieben hatte. Es gibt Seiten in „Kämpfen“, die lesen sich wie ein Thriller.

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård. Foto: dpa

Ein Onkel machte aus seinem Hass keinen Hehl. Wollte das Buch verhindern, ihn fertigmachen. Auch für Knausgårds zweite Ehe wurde das Werk zum Damoklesschwert. Die drei kleinen Kinder bekamen den Anfang vom Ende der Beziehung ihrer Eltern hautnah mit. Prägnant, flüssig und packend erzählt uns der Autor intime Katastrophen – und spart nichts aus.

Im abschließenden Band seiner Romanserie spannt Knausgård den Bogen bis an den Anfang seines Wahnsinnsprojekts zurück. Um am Ende, wenn auf Seite 1280 alles vollbracht ist, eine Autofahrt in den erlösenden Gedanken münden zu lassen: „. . . und den ganzen Weg über werde ich genießen, wirklich genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin“.

Wer dem Sog der Bände „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ verfallen war, die der deutsche Verlag bewusst nicht unter dem Originaltitel „Min Kamp“, also „Mein Kampf“, ins Deutsche übernahm, darf gespannt sein, sich freuen. Da ist er wieder, der – inzwischen preisgekrönte – Sound dieses ungewöhnlichen Autors. So weit, so spannend. Doch plötzlich stößt er uns vor den Kopf.

Es ist nicht die bewährte Collage-technik der Zeitsprünge, die irritiert. Auch nicht die schockierende Klarheit – zum Beispiel, wenn er die psychische Erkrankung seiner Frau nachvollzieht. Wer Knausgård liest, ist Verwundungen gewohnt.

Nein, was dieses Buch „anders“ macht als die anderen Bände, ist ein mehrere Hundert Seiten langer Mittelteil. Ein Buch im Buch, das die Privatheit unterbricht. 500 Seiten hat sich der in Schweden lebende Norweger (Jg. 1968) tatsächlich die Freiheit gegönnt, aus heiterem Himmel einen umfangreichen Exkurs durch die Literaturgeschichte und Philosophie des 20. Jahrhunderts aufzuzäumen.

Gut, die essayistische Seite des manischen Lesers und sinnierenden Suchers Karl Ove ist uns spätestens seit seinem Sammelband „Das Amerika der Seele“ bekannt. Dass er den einen oder anderen Roman-Fan mit derart schwer vermittelbarer Proseminar-Prosa verlieren wird, gehört wohl zum Kalkül. Denn: „Die Bücher, die ich gelesen habe, sind ebenso untrennbar Teil meiner Geschichte wie alles, was ich erlebt habe.“

Also werden Adorno, Broch, Borges, Joyce oder Kafka befragt, wenn es etwa um den Unterschied zwischen dem Sublimen und dem Erhabenen geht. Nach einer – langatmigen – Betrachtung der Lyrik von Paul Celan stellt Knausgård Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in den Mittelpunkt.

Die Jugenderinnerungen des Hitler-Kameraden August Kubizek unterminieren hier seine These, wonach noch kein Mensch per se „böse“ zur Welt gekommen sei. Dem Hitler-Biografen Ian Kershaw unterstellt Knausgård in diesem Zusammenhang Schablonenhaftigkeit.

Viele Seiten lang kreist Knausgård um die Frage nach den Mechanismen, die am Werk sind, damit es zum Unheil kommt. Hitlers „Mein Kampf“ zum Beispiel habe bei der Veröffentlichung im Jahr 1925 allenfalls Distanzierung erzeugt – um dann 1933 trotzdem Programm zu werden: „Nicht Hitler hatte sich verändert, sondern die Gesellschaft um ihn herum.“

Der letzte Teil des Buches führt wieder tief in die Familie des Autors hinein. Knausgård reflektiert Vaterschaft, wenn er anmerkt, dass manche Söhne einen „Mann“ als Vater hätten (die Glücklichen), andere hingegen nur einen Sohn gebliebenen Erwachsenen mit Kind. Aus seiner eigenen Gebrochenheit macht er kein Hehl.

Den Autobiografen in seiner Vita hat der Norweger mit diesem Buch offiziell beerdigt. Der Poet hingegen, er lebt. Schon für Herbst ist sein Zyklus zu den Jahreszeiten angekündigt, von Künstlern illustriert. Knausgård hat ja selbst bereits in einem Romantitel formuliert: „Alles hat
seine Zeit“.

Christian Mückl

Karl Ove Knausgård: Kämpfen. 1280 Seiten, Luchterhand, 29 Euro.

Brunetti, der Bienenflüsterer: die neue Donna Leon

Ab auf die Insel: Donna Leon verordnet Guido Brunetti in seinem 26. Fall „Stille Wasser“ eine Auszeit auf einer Gemüseinsel vor der Lagunenstadt – und landet damit umgehend auf Platz eins der Bestsellerliste.

Mamma mia, das musste ja mal so kommen: zu viel Arbeit, Pasta, Grappa und Espresso! Kein Wunder, dass Donna Leon da die Notbremse und unseren Lieblingscommissario aus dem Verkehr ziehen musste: mit einem dramatischen Zusammenbruch.

Doch keine Angst. Der vermeintliche Herzinfarkt ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Um einen übereifrigen Kollegen vor einer dienstlichen Dummheit zu retten. Trotzdem lautet die anschließende Diagnose: Burnout. Und Guido Brunetti wird auf die Gemüseinsel Sant’ Erasmo verbannt. Mit Zahnbürste und Minimalausstattung und Plinius (dem Älteren) statt Gattin Paola im Gepäck.

Aber gar nicht schlecht, so eine Auszeit, die der tatsächlich ordentlich gestresste Guido in einer Prachtvilla mit eigenem Bootssteg, Park und Hausverwalter verbringen darf. Wohl dem, der eine begüterte Ehefrau mit ebensolcher Verwandtschaft hat, die einem solche Annehmlichkeiten gratis überlässt.
Ab sofort also bloß noch ein Glas Weißwein pro Tag, cholesterinarmen Fisch und acht Stunden Schönheitsschlaf. Tagsüber Schwimmen in der Lagune und Bootsausflüge mit dem Verwalter. Es gab in der Weltgeschichte schon schlechtere Exile.

Ist natürlich etwas weit hergeholt, dass der dienstbare (Haus-)Geist – Davide Casati – ausgerechnet der beste Ruderfreund des eigenen Vaters war. Auch, dass sich der Commissario mit Davide quasi aus dem Stand stundenlang wie ein Galeerensträfling ins Zeug legt. Immerhin wird er so ratzfatz topfit. Und wir lernen en passant die Gewässer und Eilande vor der Stadt von einer Seite kennen, die mit Sicherheit in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Kleiner Imker-Crashkurs inklusive.

Davide hat nämlich ein hübsches Hobby: seine „Mädchen“, wie er die Immen in zahlreichen Bienenstöcken auf den Grasinseln in den Salzmarschen vor La Serenissima, nennt. Dorthin rudert das Duo nun zwei Wochen lang. Eine Katastrophe, dass in den Körben plötzlich nichts mehr brummt und summt. Und dann ist der philosophische Honigmacher auch noch verschwunden. Schluss mit lustig für Guido Brunetti und Aus mit der Auszeit.

„Mehr nicht?“ könnten wir nun die in der Stadt lebende US-Erfolgsautorin Donna Leon fragen, deren Kultkommissar wir seit 25 Fällen und genau so vielen Jahren die Treue halten. Zugegeben: „Stille Wasser“ ist tatsächlich ein ebensolches. Keine verschachtelten Handlungsebenen, wie man das aus früheren Büchern gewohnt ist.

Auch das neue zentrale Thema – die maritime Verklappung von Giftmüll vor Ort – gab’s in „Das Gesetz der Lagune“ schon einmal. Andere brisante Themen-Eisen wie Mafia, Korruption, Sex-Tourismus, Nazis und Flüchtlingen aus Afrika sind auch schon abgegrast. Trotzdem ist Leon mit dem kritischen Zustandsbericht ihrer Wahlheimat und der Welt ein weiterer, sauberer Wurf gelungen. Sprachlich und mit seinen Bildern auf dem Punkt. Nur von Honig aus der Lagunenstadt sollte man künftig wohl besser die Finger lassen.

Kerstin Benz

Donna Leon: Stille Wasser. Diogenes, 343 S., 24 Euro.