Meike Winnemuths schönes neues Garten-Buch

Man muss nicht in die weite Welt, um etwas zu erleben. Autorin Meike Winnemuth berichtet aus ihrem Garten.

Autorin Meike Winnemuth (Foto: PR/Felix Amsel)

Die Autorin dieses Artikels outet sich zunächst einmal als Nicht-Gärtnerin, und als Person ohne grünen Daumen. Warum sie dennoch Meike Winnemuths neuen Bestseller „Ich bin im Garten“ mit Begeisterung gelesen hat und aufs Wärmste empfiehlt, liegt an Meike Winnemuth.

Wenn sie ein Gartenbuch schreibt, dann hat das einen tieferen Sinn, muss also gut sein. Denn die Autorin und Journalistin hat sich in der Vergangenheit mehrfach selbst neu erfunden, indem sie immer wieder Dinge ausprobiert und ihre Erfahrungen darüber mit ihrer Leserschaft geteilt hat.

Sei es, dass sie ein Jahr lang ein blaues Kleid trug – weil das als Garderobe eigentlich völlig ausreicht. Oder dass sie ein Jahr lang täglich ein Teil aus ihrem Besitz verschenkte – und so reich an Erkenntnissen wurde. Oder, und das war bislang ihr spektakulärstes Projekt: Dass sie zwölf Monate um die Welt reiste und jeweils einen Monat in einer Metropole wohnte. Das Geld dazu (500 000 Euro) hatte Winnemuth bei „Wer wird Millionär?“ gewonnen.

Was hat die mittlerweile 58-jährige Autorin, Journalistin und „Stern“-Kolumnistin dazu gebracht, sämtliche früheren Maximen – den Erdball zu erkunden, minimalistisch zu leben, die Großstadt mit allen kulturellen Möglichkeiten auszukosten – ad acta zu legen und das Garteln anzufangen? Sie erklärt es auf den ersten Seiten.

Neben einer Ur-Sehnsucht, etwas Bleibendes zu schaffen, hatte Winnemuth ein Schlüsselerlebnis auf ihrer Weltreise. Auf Hawaii sah sie einen Mann mit seinem Hund am Meer – und fühlte, wie geerdet dieser Mensch war. Winnemuth kaufte sich nach ihrer Rückkehr einen Foxterrier, später einen Bungalow an der Ostsee mit einem riesigen Grundstück – und schuf als Autodidaktin ein prächtiges Reich aus Blumen-, Stauden- und Gemüsebeeten.

Ein Jahr lang führte sie Tagebuch über ihr „Fachstudium“ – mittels britischer Gartenvideos auf Youtube – und darüber, wie sie auf Bio-Farmen Saatgut bestellte, welche Gerätschaften sie anschaffte und schließlich wie schuftete und mit Erde und Pflanzen zurechtkam. Es entstand ein spannendes, lustiges und lebenskluges Buch, ganz wie man es von ihr gewohnt ist.

Dabei geht es Winnemuth eben nicht nur darum, zu erklären, wie man Schnecken aus Hochbeeten fernhält, wo Rittersporn, Tomaten und Bohnen am besten wachsen, oder wer sich mit wem im Beet am besten verträgt, sondern es geht ihr um die Beschreibung eines Lebensprojektes mit all seinen Höhen und Tiefen.

Erfolg, Spaß, freudige Erwartung, Geduld, Einsamkeit, Leid, Frust, Enttäuschung und Ärger – sie hat die ganze Gefühlspalette durchlebt, viel über das Wachsen und das Wachsen Lassen reflektiert und daraus ihre Schlüsse gezogen. Einmal mehr ist Winnemuth klar geworden, was wichtig ist im Leben, wofür es sich einzusetzen lohnt. Letztlich führt sie einen Dialog mit der Natur.

Immer wieder zitiert sie aus der Literatur, ohne lehrmeisterlich zu sein. Fast schon wirken ihre Zitate wie Kalendersprüche, aber sie treffen ins Mark. Dabei schafft sie es nebenbei noch, einen Gartenmuffel plötzlich ins Grübeln zu bringen: Lieber den Rasen doch nicht zubetonieren, sondern Sonnenblumen pflanzen?

Susanne Stemmler

Meike Winnemuth: Bin im Garten. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Sibylle Bergs scharfer Roman „GRM Brainfuck“

Sibylle Berg gelingt in ihrem jüngsten Roman „GRM Brainfuck“ ein furioser, aber nicht völlig hoffnungsloser Abgesang auf unsere Gegenwart.

Verfickt nochmal! Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (Foto: Pedersen/dpa)

Wie kriegt man unsere chaotische, gespaltene, von Fake-News und sozialen Medien vergiftete, sich mit Drogen und der Gier nach Geld und Anerkennung über Wasser haltende, immer weiter nach rechts und in die Überwachung durch Computer driftende Gesellschaft noch zwischen zwei Buchdeckel?
Der Franzose Michel Houellebecq, von den Gegenwartsautoren einer der wichtigsten, stimmt in seinem jüngsten Roman „Serotonin“ einen Abgesang auf den depressiven alten weißen Mann an. Das wirkt streckenweise ziemlich defensiv und resignativ.

Ganz anders macht das Sibylle Berg, die 56-jährige, ausgerechnet aus der Klassik-Hochburg Weimar stammende, in die Schweiz „geflüchtete“ Prosa- und Theaterautorin, deren Leben von Anekdoten umrankt ist, und die sich so rar macht, wie sie als „Spiegel“-Kolumnistin präsent ist. Sie hat sehr tief Luft geholt, lange nachgedacht, die literarischen Boxhandschuhe angezogen und legt nun einen großen Roman vor, der die Wucht eines Faustschlags hat.

„GRM Brainfuck“ heißt das Werk, das in einem heruntergekommenen Post-Brexit-Großbritannien der Gegenwart und der nahen Zukunft spielt und vier Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die Milieuforscher im prekärsten Prekariat verorten würden.

Der Alltag von Don, Karen, Hannah und Peter im heruntergekommenen Rochdale bei Manchester hat jegliche bürgerliche Strukturen verloren, zudem sind Polizei und Militär privatisiert, die Wirtschaft haben chinesische Investoren übernommen. Politiker sind nur noch Medien-Avatare, die Diktatur kommt in Form eines sedierenden Sozialstaats daher: Wer sich einen Chip zur Totalüberwachung einpflanzen lässt, bekommt dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was leicht zur Karikatur einer dystopischen Gesellschaft missraten könnte, entwickelt dank Bergs originell-intensivem, grammatische Regeln und zeitliche Zusammenhänge verschiebendem Stil einen beklemmenden Sog. Eine Handlung, wie man sie in der Tradition des bürgerlich psychologischen Realismus erwarten würde, gibt es kaum mehr. Die vier Hauptfiguren definieren sich über die Musikrichtung Grime (kurz GRM), eine Mischung aus Rap und Postpunk, die in England immer neue kurzlebige Youtube-Stars produziert und bei Berg zum Soundtrack der sozialen Apokalypse wird.

Aber eben auch zum Hoffnungsschimmer einer Humanität des Trotzdem: Denn über diese Musik finden die Vier zumindest ein Stück weit eine eigene Identität, gelingt ihnen im Chaos um sich herum eine Art Selbstbehauptung, die sie erst zu Menschen werden lässt.

Letztlich kann sich Berg in „GRM Brainfuck“ nicht ganz von der Erzähl-idee einer Künstlerutopie verabschieden. Andererseits, an irgend etwas muss gerade ein Mensch in der heruntergekommensten, perspektivlosesten Gesellschaft ja noch glauben, wenn er nicht völlig seine Seele verlieren will.
So berauscht sich der gut 600 Seiten dicke Roman eben nicht nur am furios und kraftvoll geschilderten Elend unserer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Nein, Berg findet auch zu einem entrückt-schrägen Ton der Hoffnung, vielleicht sogar der Buße, wer weiß? So lange es Menschen gibt, besteht immer auch noch die Hoffnung auf die Befreiung, den Umsturz, die Revolution. Wer Sibylle Berg liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es dafür inzwischen höchste Zeit ist.

Thomas Heinold

Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 Euro.

LSD macht’s möglich: T.C. Boyle sieht „Das Licht“

LSD ist wieder im Kommen, sagen die Experten – als seriöses Medikament etwa gegen Depressionen oder in der Palliativmedizin. Gegen Trübsinn hilft indes auch der neue LSD-Roman von
T. C. Boyle ganz wunderbar . . .

US-Kultautor T.C. Boyle (Foto: dpa)

Natürlich geht es nicht ohne Vorspiel – und das liefert der auf seine Weise berühmte Albert Hofmann, einer der Gründerväter in der Geschichte der modernen Drogen. Entdeckte der Basler Chemiker doch bereits 1943 in seinem Labor die unerwartet starken Reaktionen, die eine Substanz namens Lysergsäurediethylamid – kurz LSD – auf das menschliche Bewusstsein haben kann. Die natürliche Vorlage: das Gift des Mutterkorns.

Und schon zum Einstieg, auf diesen wenigen Seiten, zeigt T. C. Boyle wie ein Taschenspieler seine blendenden literarischen Tricks. Vor allem den einen, für ihn charakteristischen: sich faktischen historischen Figuren aus fiktiver Sicht zu nähern und so deren Größe und Geheimnis halb würdigend, halb kritisch zu vermitteln.

Hier ist es Susi, die junge Assistentin, die nicht nur miterleben darf, in welchen durchaus bedenklichen Rauschzustand sich Dr. Hofmann versetzt (gerade, wenn man danach noch heimradeln will), sondern das Experiment auch an sich selbst testen darf. Vielleicht hilft zum synthetisch erzeugten Glückstraum auch die Tatsache, dass Fräulein Ramstein in ihren Chef heimlich verliebt ist. Und dann ja auch – wieder ganz realistisch – den Nächstbesten heiratet, der ihm ähnlich sieht . . .

Die Hauptfiguren in „Das Licht“, dem soeben erschienenen neuen Roman des großen amerikanischen Autors, sind aber andere, die Handlung beginnt erst zwanzig Jahre später, 1962 in Harvard. Eben als Timothy Leary, vielversprechender Psychologieprofessor der Bostoner Eliteuniversität, die epochalen Forschungen Hofmanns aufgreift und für völlig neue Zwecke einsetzen will.

Können Drogen wie LSD oder auch das aus den magischen Pilzen Mittelamerikas gewonnene Psilocybin nicht dabei helfen, Patienten von ihren Blockaden zu befreien? „Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette“, heißt es da. „Es war wie Zauberei.“

Wie in seinem Roman über den Sex-Pionier Alfred Kinsey führt der Autor den schnell als Guru und Schamane bewunderten – und in konservativen Kreisen heftig umstrittenen – Leary (1929–1996) von der Seite her ein. Fitz, so heißt der Student, der bei ihm promovieren will und der sich nach erstem bürgerlichen Zögern doch auf die zur Pflicht erhobenen Drogenexperimente einlässt. Auch seine Ehefrau Joanie, eine brave Bibliothekarin, sowie der kleine Sohn Corey werden unweigerlich mit hineingezogen in den Sog aus Rausch und revolutionärer Sinnsuche.

Denn auch darum, wie schon der Titel andeutet, geht es ja beim anfangs noch sorgfältig überwachten Schlucken der Wunderpillen: Alle wollen sie „Das Licht“ sehen, wollen nicht weniger als göttliche Erfahrung, wollen Erlösung und Erleuchtung. Liegt nicht allen Religionen ein Rauscherlebnis zugrunde, fragt sich der unorthodoxe Leary. Und nennt die Verabreichung des LSDs jeden Samstagabend sogar das „Sakrament“.

Aus den experimentellen Sitzungen werden aber bald von Jazzmusik befeuerte Sessions, bei denen der innere Kreis um den Drogen-Prof auch sexuell neue Wege wagt. Mit allen Risiken für schon etwas erkaltete Ehen wie die von Fitz und Joanie. Wohin führt das grenzenlose Begehren, das psychedelisch freigesetzt wird?

Kein anderer als Boyle – in dem Bereich nicht ganz unerfahren – könnte die blumigen, in Farben schier explodierenden Trips so genau schildern. Gleichwohl ist er der Erste, der die kleinen Risse und Krisen notiert, sobald Fitz und Familie sich mit Leary nach Mexiko begeben – ein Paradies auf Zeit –, schließlich in ein altes Herrenhaus in Millbrook im Staate New York, wo sie wie eine Sekte hausen. Und sich Fitz unsterblich in die blutjunge Lori – eine Art Lolita, sehr launisch – verliebt. Mit oder ohne LSD: eine Ekstase, der nur Ernüchterung folgen kann.

Der Leser ahnt es früh – und bleibt doch bis zum Kater-Ende, nun ja, süchtig.

Wolf Ebersberger

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 Seiten, 25 Euro.

Dörte Hansens neuer Roman „Mittagsstunde“

Nach ihrem Überraschungserfolg mit dem Roman „Altes Land“ legt Dörte Hansen ein neues Buch vor. Und „Mittagsstunde“ ist fast noch besser . . .

Schriftstellerin Dörte Hansen (Foto: Axel Heimken/dpa)

Er nennt sie „Mudder“ und „Vadder“, dabei sind es die betagten Großeltern, die Ingwer Feddersen heute pflegt. Seine Mutter heißt eigentlich Marrett. Sie war bei seiner Geburt erst 17 – geistig und körperlich behindert. Immer wieder war sie aus dem Fenster gesprungen, um das werdende Leben in ihrem Körper zu töten. Dann, als das Kind auf der Welt war, überließ sie es Mudder und Vadder – unfähig, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Marrett wird Ingwer zeit seines Lebens als große Schwester verkauft. Mit ihren klappernden Holzschuhen läuft sie durch das Dorf im Alten (Fries-)Land, predigt den Weltuntergang, tanzt im Dorfgasthof der Eltern zu Schlagermusik und lebt in ihrer eigenen, für niemanden zugänglichen Welt. Ingwer, das uneheliche Kind – Vater unbekannt – bleibt stets Außenseiter im Dorf.

Als er zum Studieren nach Kiel geht, anstatt das Lokal zu übernehmen, entfremdet er sich noch weiter von daheim. In der Stadt lebt der promovierte Archäologe, inzwischen Ende 40, seit Jahren mit einer Frau (reiche Erbin) und einem Mann (reicher Erbe) in einer WG zusammen – zu dritt teilt man sich Tisch und Bett. Als armer Wirtshaussohn vom platten Land passt er auch nicht wirklich in diese unorthodoxe Lebensgemeinschaft hinein.

Klar, dass Ingwer Feddersen in der Mitte seines Lebens die Sinnkrise erreicht: Die pflegebedürftigen „Eltern“ allein in dem mittlerweile heruntergekommenen Gasthof, das desolate Privatleben und eine stockende akademische Karriere. Da kommt ihm das Sabbatjahr an der Uni gerade recht, um einen mutigen Schritt zu wagen: Ingwer kehrt vorübergehend in sein Dorf Brinkebüll zurück, um sich hier nützlich zu machen.

Bald wird der verlorene Sohn unentbehrlich für das gebrechliche Paar, das kurz vor seinem 70-jährigen Ehejubiläum steht. Sie: demenzkrank, er: körperlich am Ende. Dennoch finden Sönke und Ella Feddersen immer noch in kurzen Momenten zueinander, was rührend beschrieben wird.

Dabei war ihre lange Ehe alles andere als unproblematisch. Als Sönke im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpft, rechnet niemand mit seiner Rückkehr. Ella wendet sich damals dem Schullehrer zu, Marrett ist also dessen und nicht Sönkes Tochter. Auch Ella führt bis ins hohe Alter ein Doppelleben mit zwei Männern. Doch nichts wird ausgesprochen in Brinkebüll. Man weiß oder vermutet Dinge. Als in den 60er Jahre die Flurbereinigung stattfindet, ändert sich das Leben für die Dorfbewohner.

Aus der alten, mit Wurzeln durchzogenen Hauptstraße wird eine glattgeteerte Rennstrecke. Hier kommt schon bald das „meistgekraulte Kind von Brinkebüll“, der kleine, blondgelockte Marten, zu Tode. Ergreifend die Szene, als die Krämerfrau Dora Koopmann mit einem Eis in der Hand vor ihrem Laden auf den Jungen wartet und den schrecklichen Verkehrsunfall mitansieht.

Über Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“ liegt eine tiefe Melancholie und Sentimentalität. Ganz selten flammt ein wenig Humor auf, ab und zu etwas Lebenslust. Doch selbst die fröhlichen Feste im Dorfgasthof, enden in Besäufnissen, in Zank und Streit. Es geht in dem Buch um Verfall, um die Unausweichlichkeit von Veränderung, um Lebensgeheimnisse. Aber auch um Nostalgie.

Hansen beschreibt das Provinzleben, ihre Figuren und Entwicklungen realistisch und versucht gar nicht erst eine „Landlust“-Idylle entstehen zu lassen. Sprachlich ist das Buch eine Wonne. Die Bestsellerautorin, 1964 in Husum geboren („Altes Land“), lässt drastische, mitunter aber auch bittersüße Bilder entstehen, wenn Ella im grünen Mantel auf dem zugefrorenen Teich mit ihren Schlittschuhen übers Eis gleitet und man von weitem ihre Silhouette sieht.

Und immer wieder fließt der plattdeutsche Zungenschlag mit ein. Auch die Schlager und englischsprachigen Songs der 60er Jahre erklingen in dem Buch – aus der Musikbox oder dem Autoradio: Freddy Quinn, Peggy March und Neil Young sind da zu hören.

Hansen, die selbst in Nordfriesland lebt, arbeitet sicherlich mit bildhaften und akustischen Assoziationen aus ihrer Kindheit. Und so werden bei der Lektüre auch die eigenen Erinnerungen an die ersten Jahre auf dem Dorf geweckt: an die Bewohner, an Örtlichkeiten, an Geschichten, Gerüche und Geräusche – und an die Stimmung in der „Mittagsstunde“. Ein fesselnder Roman, der traurig macht.

Susanne Stemmler

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Leslie Jamisons Suchtbuch „Die Klarheit“

Der suchtkranken US-Autorin Leslie Jamison ist mit ihrem Buch „Die Klarheit“ eine sehr intime Reflexion über „Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“ gelungen – mit ernüchternden Seiten-Sprüngen in die Weltliteratur.

Leslie Jamison (Foto: Sheehan/Hanser Verlag)

Nach einer ihrer Nächte im Vollrausch sagt ihr Freund, er habe das Gefühl, sie mit der Person betrogen zu haben, die sie gestern Abend noch war. Ein anderes Mal, als sie vor Verlangen nach Alkohol darauf wartet, dass ihr Drink endlich fertigt gemixt wird, ertappt sie sich bei dem Gedanken: „Kann ich vielleicht einen Drink bekommen, bevor ich meinen Drink bekomme?“

Und auch den Zustand der körperlichen Verkaterung, den der ebenfalls alkoholkranke Schriftsteller Malcolm Lowry 1947 mit dem Empfinden verglich „als würden Knochen innen drin gegeneinander schaben“, kennt Jamison besser als ihr lieb ist.

Wer, wie sie, süchtig geworden ist, wird sein Leben lang damit kämpfen. Die Schriftstellerin (geboren 1983 in Los Angeles) reflektiert ihr Trinkverhalten und mögliche Ursachen messerscharf. Aber Krankheit hat nichts mit Intelligenz zu tun: Vor Rückfällen aus der Genesung konnte die Selbsterkenntnis sie häufig auch nicht bewahren, wie sie anekdotenreich schildert.

Im Buch „Die Klarheit“ breitet Jamison ihre zuweilen erschütternde Trinkerinnen-Biografie aus. Dazu baut sie Passagen aus Klassikern der Weltliteratur in ihr Erzählen ein, in denen sie süchtige Schriftsteller zitiert. Das schillernde, über zehnseitige Quellenverzeichnis reicht von John Berryman und William Burroughs bis zu Stephen King und David Foster Wallace.

Jamison selbst, die Creative writing studiert hat, schreibt bestechend prägnant. Zuweilen wird sie politisch – wenn sie die Entkriminalisierung Suchtkranker fordert und Scheinmoral beklagt: Warum unsere Gesellschaft etwa Schwarze, die Trinker sind, automatisch als gierige Monster abstemple und Weiße viel eher als hilfsbedürftige Opfer von Rauschmitteln betrachte, fragt sie dann.

Immer wieder setzt Jamison sich mit der Rolle der Anonymen Alkoholiker (AA) auseinander, deren Meetings sie in den Monaten und Jahren ihrer Nüchternheit besucht. In ihrem Buch mag es um Perioden der Trockenheit gehen, die Sprache bleibt spritzig: „Letztlich sind wir doch alle Dramaqueens. Auch wenn wir nüchtern sind. Meine trockenen Abende sind wie Schusswunden.“

Gerade weil die Autorin nicht so tut, als wäre die Genesung vom Trinken eine Erlösung für die Ewigkeit und eine Garantie für Glück, gerade, weil sie die Sisyphusarbeit benennt, die endlose Quälerei der Abstinenz jeden Tag aufs neue, wirkt ihr Buch so authentisch.

Jamison will gar nicht den Eindruck erwecken, ihr Leben sei ohne Rausch interessanter geworden – oft sei das Gegenteil der Fall. Wenngleich das Wechselbad aus Scham und Selbstaufgabe jetzt fehle: „Keine Geschichte ist so interessant wie die des Sich-Betrinkens.“ Jamison erwähnt Charles Jackson, der mit dem Roman „Ein verlorenes Wochenende“ von 1945 zwar einen Klassiker übers Saufen geschrieben hat – an einem Buch über Genesung aber scheiterte.

Zum individuellen Lebensratgeber taugt Jamisons hellsichtiges Werk kaum. Aber zum Verständnis des Dämons, das in vielen Biografien nistet. In „Die Klarheit“ steckt die Hölle auf Erden und starke Literatur.

Christian Mückl

Leslie Jamison: Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Hanser, 638 Seiten, 28 Euro.

Babylon Nürnberg? Volker Kutschers neuer Roman „Marlow“

Volker Kutscher schickt seinen Helden Gereon Rath in dem neuen Krimiband „Marlow“ auch nach Nürnberg . . . zum Reichsparteitag 1935.

Der Autor Volker Kutscher. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ hat in der ARD sehr gute Einschaltzahlen erreicht. Bis zum Frühjahr wird die dritte Staffel, in der erneut Kommissar Gereon Rath im Mittelpunkt steht, verfilmt. Die illustre Gemengelage aus politischen Spannungen, Kriminalität und libertären Lebensentwürfen im Berlin der 20er Jahre scheint derzeit auf großes Interesse zu stoßen: Im Buchhandel gibt es über ein Dutzend neuer Bücher, die von Berlin in dieser Epoche handeln.

Dabei sind die Kriminalromane von Volker Kutscher, auf die „Babylon Berlin“ zurückgeht, noch gar nicht mitgezählt. Kutscher beackert die Reichshauptstadt literarisch bereits seit 2007, als sein erster Roman „Der nasse Fisch“ erschienen ist. Die Berlin-Saga beginnt mit der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs. Kommissar Gereon Rath wird von Köln in die Reichshauptstadt versetzt. Dort soll er ein Komplott in der Polizeiverwaltung aufdecken.

Mit „Marlow“ ist jetzt der siebte Band erschienen. Wieder steht Rath, inzwischen zum Oberkommissar befördert, im Zentrum des Erzählens. Er hat inzwischen die schillernde Charlotte, die vergeblich versucht hat, Kommissarin zu werden und die Rath seit dem ersten Band begleitet, geheiratet. Beide erziehen einen Stiefsohn.

Das Buch spielt 1935. Die Nazis regieren seit zwei Jahren Deutschland. Viele haben sich mit den neuen Machthabern arrangiert. Charlotte, genannt Charly, die immer noch unter dem nie geklärten Mord an ihrem Vater leidet, aber nicht. Sie geht, wo sie kann, auf Distanz und streitet sich mit ihrem Mann und mit Vertretern des neuen Regimes.

Der Stiefsohn soll dem Ehepaar Rath deshalb wieder weggenommen werden, weil sie keine verlässlichen Anhänger der Nazi-Ideologie sind. Charly will aus Deutschland weg, aber wohin ohne Geld?
Rath versucht, sich im Alltag auf seine Polizeiarbeit zu konzentrieren und glaubt, dass der Nationalsozialismus nicht auf Dauer an der Macht bleibt. Er versucht einfach wegzusehen, wenn es um Politik geht. Für viele seiner Kollegen bieten Gestapo oder der Sicherheitsdienst Chancen, persönlich aufzusteigen. Im Kern des Kriminalromans geht es um Unterlagen, die Gereon bei einem tödlich verlaufenden Unfall findet. Sie enthalten Material, um Innenminister Hermann Göring wegen seiner Rauschgiftsucht zu erpressen.

Auch wenn Kutscher die Kolportage streift, so gelingt es ihm hervorragend, den historischen Stoff in die Fiktion einzuweben: Die Rivalitäten der Vertreter des neuen Machtapparats untereinander, aber auch mit den alten Eliten. Wie gefährlich kleine Dinge werden, wenn sie als Widerstand gegen das Regime interpretiert werden können. Der offene Rassismus, obwohl die „Nürnberger Gesetze“ noch gar nicht gelten. Das um sich greifende Denunziantentum, die schleichende Rechtsbeugung und der Opportunismus, der auch Verbrechern eine neue Chance gibt.

Unterweltkönig Johann Marlow, der in allen Büchern von Kutscher eine zwielichtige Rolle spielt und der Rath immer wieder bestochen hat, ist plötzlich SS-Mann ehrenhalber und stellt Himmlers Männern Frauen, Rauschgift und Alkohol im – Kutscher-Lesern schon bekannten – „Venuskeller“ zur Verfügung.

Die Spuren, denen Rath nachgeht, um den Unfall, der offenbar geplant war, aufzuklären, führen ihn bis nach Schwabach, in die Fränkische Schweiz und zum Reichsparteitag 1935 nach Nürnberg. „Nürnberg soll eine schöne Stadt sein“, hofft Rath und bringt dann Charlotte Lebkuchen mit Hakenkreuz mit – was die Ehe extrem belastet.

Kutscher erzählt von der Nazi-Begeisterung der Hitlerjugend und der Bevölkerung, ohne didaktisch-anklagende Kunstgriffe einzusetzen. Er berichtet von der Geschäftstüchtigkeit der Franken, alle Zimmer im Umkreis von 50 Kilometern um Nürnberg zu vermieten, manche auch zweimal. Und es ist erschreckend, wie sich Gereon Rath – gegen seinen Willen – von der Sieg-Heil-Begeisterung anstecken lässt.

Es ist die Blindheit der Menschen, die einen erschaudern lässt. Gerade Kutschers unaufgeregtes Erzählen von den Ereignissen geht unter die Haut. Die Biederkeit, die Bösartigkeit gegenüber Menschen, die anders sind, haut den Leser richtiggehend um, denn er weiß, was das Regime in den folgenden Jahren alles anzetteln und ausführen wird.

Das Buch ist ein richtiger Schmöker, den man nicht aus der Hand legt, weil man wissen will, wie er ausgeht. Rath kann zwar die geplante Erpressung Görings in Grundzügen aufklären und auch die Rolle, die Marlow bei der Ermordung von Charlottes Vater gespielt hat, doch eine Überführung der Täter findet im NS-Regime nicht mehr statt. Am Ende muss sich Rath der stärkeren Macht beugen. Er verfängt sich im NS-Netz, was er immer vermeiden wollte.

Sicher, manches ist doch arg abenteuerlich konstruiert, aber der kriminologische Kern ist spannend und, was die Historie betrifft, auch gut erzählt. Was will man mehr?

André Fischer

Volker Kutscher: Marlow. Piper Verlag, 528 Seiten, 24 Euro.

Virginie Despentes und „Das Leben des Vernon Subutex“

Im Fernsehen kommen Serien wie „Game of Thrones“ oder die deutsche Produktion „Babylon Berlin“ bestens an. Auch die französische Schriftstellerin Virginie Despentes ist ins Serienfach gewechselt. Jetzt schließt sie mit Band 3 ihre 1200-seitige Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ ab.

Virginie Despentes (Foto: AFP/Samson)

Fast am Ende der drei Bände erlaubt sich Virginie Despentes tatsächlich den Scherz und schreibt einen Satz hin, der das, was man sich beim Lesen die ganze Zeit gedacht hat, zusammenfasst: „Um damit fertig zu werden, hat er die Serie geschrieben, es ist ein Riesenerfolg geworden – nicht so eine bescheuerte Actiongeschichte, eine ganz andere Atmosphäre, es macht total süchtig.“

Da hat die Autorin – natürlich augenzwinkernd – die Wirkung ihrer Trilogie gut auf den Punkt gebracht. Die in der Tat süchtig machende Geschichte geht zusammengefasst so: In Band 1 erlebt der ehemalige Plattenladenbesitzer Vernon Subutex in Paris den sozialen Abstieg und landet am Ende auf der Straße. Bis es soweit ist, quartiert er sich mithilfe einer Notlüge bei etlichen alten Bekannten ein – was Despentes die Gelegenheit gibt, ein schräges Kaleidoskop der französischen Gesellschaft zu zeichnen.

In Band 2 lernt Subutex (der Nachname bezeichnet ein starkes Schmerzmittel), auf der Straße zu leben. Er findet bald Gesellschaft – und wird sogar zu einer Art Mittelpunkt von Obdachlosen und Leuten aus seiner Vergangenheit, die glauben, er sei im Besitz von geheimen Aufzeichnungen.

In Band 3 zerbricht die Gemeinschaft, die sich mittlerweile zu legendären „Convergences“ zusammenfindet – eine Art Rave, nur völlig ohne Lichteffekte und ohne Drogen. Vernon ist der Zeremonienmeister und begnadete DJ dieser Treffen. Seine Musik unterlegt er mit geheimnisvollen Klangwellen und verschafft so seinem Publikum nichts Geringeres als Erlösung. Die Gemeinschaft zerbricht übrigens am Geld, und zwar an der Frage, was man mit dem Erbe von Charles anstellen soll. Dieser, ebenfalls obdachlos, hatte vor Jahren im Lotto gewonnen, doch niemals auch nur einer Menschenseele davon erzählt . . .

Außerdem macht sich die bittere Wirklichkeit in der Fiktion des Buches breit: Der Anschlag auf den Pariser Musikclub Bataclan, bei dem am 13. November 2015 fast 130 Menschen starben, lässt keine der Personen im Roman ungerührt. Im weiteren Fortgang der Geschichte wird ein Attentat ebenfalls verhängnisvolle Auswirkungen haben.

Die Stärke der Trilogie besteht darin, dass der Leser die Personen mit der Zeit liebgewinnt, auch wenn sie nicht liebenswert sind. Das gilt für den Antihelden Subutex genauso wie für die „Hyäne“, eine Art heruntergekommene weibliche Superheldin, oder für Laurent Dopalet, einen Filmproduzenten, der ein Meister des bösen Spiels ist.

Die Erzählperspektive tut ihr Übriges: Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer Person erzählt, fast wie bei einem inneren Monolog. Das ist so meisterhaft gemacht, dass dem Leser mit der Zeit sogar Rassisten und Ekel ans Herz wachsen. Zumindest kann man nachvollziehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Hilfreich dabei ist, dass es seit Band 2 am Anfang des Buches ein Personenregister gibt, in dem alle Hauptfiguren aufgelistet sind. Man ertappt sich doch öfter dabei, wie man wieder einen Namen nachschlägt . . .

Ein Problem ist natürlich der schiere Umfang des Werkes: Drei Bände à 400 Seiten sind erstens nicht ganz billig, zweitens braucht es ein gewisses Durchhaltevermögen. Eine Serie im Fernsehen zu schauen ist definitiv leichter! Doch „Das Leben des Vernon Subutex“ wird sicher bald verfilmt – wer würde sich einen solchen Bestseller schon entgehen lassen!

Wie heißt es kurz vor dem Ende des dritten Bandes? „Die Fabriken produzieren die Granaten, die Dopalets produzieren die Geschichten.“ Virginie Despentes hat beides geschafft: Sie hat eine Geschichte geschrieben, die eine echte Granate ist!

Christian Ebinger

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Band 3. Kiepenheuer & Witsch, 416 S., 22 Euro.

Filmstar Brigitte Bardot blickt zurück

Mit den Tieren kamen die Tränen: Die französische Filmlegende Brigitte Bardot veröffentlicht mit 84 Jahren ihre Lebensgeschichte in Buchform. Doch die ist eher eine Abrechnung mit ihren Mitmenschen als die versprochene Autobiografie.

Gut, dass Brigitte Bardot wenig mit Nürnberg zu schaffen hat. Die Debatte über die Dezimierung der Wildgänse, die den Wöhrder See verschmutzen, ginge ihr wohl so an die Nieren, dass man sich weniger um den Fortbestand der Gans als um den Fortbestand der Bardot sorgen müsste. „Ich habe so oft und so sehr um Tiere geweint, dass mir ein Augenarzt eines Tages sagte, ich hätte keine Tränen mehr“, schreibt die Schauspielerin in ihrer Lebensbilanz.

Die französische Schauspielerin Brigitte Bardot blickt auf ihr Leben zurück (Foto: Eric Feferberg/AFP/dpa)

Brigitte Bardot: Sie war einmal eine Legende – heute ist sie ein einziges Lamento. „Tränen des Kampfes“ heißt das Buch, das die französische Journalistin Anne-Cécile Huprelle in langen Interviewsitzungen mit ihr herausgebracht hat. Anders als der Titel, der das folgende Pathos ziemlich gut zusammenfasst, ist der Untertitel „Autobiografie“ eine Lüge. Über Brigitte Bardots Lebenslauf erfährt der Leser so gut wie nichts, was über Wikipedia hinausreicht – dafür über ihre Aktivitäten als Tierschützerin mehr, als er je wollte.

„Schon als Kind fühlte ich mich als Tier“, „Für Robben empfinde ich eine grenzenlose Zärtlichkeit“, so fangen die Kapitel an. Sie behandeln, neben esoterischen Betrachtungen von tierischen und menschlichen Seelen, Themen wie Walfang, Tierdressur, Schlachthöfe und die Arbeit der Bardot-Stiftung. Das meistverwendete Wort bleibt jedenfalls „Tier“.

Auch das könnte erquicklich sein, spräche aus Bardots Reflexionen nicht so viel Arroganz. „Das Filmgeschäft habe ich nie gemocht, es diente mir nur als Sprungbrett“, stellt sie fest. Am Schauspiel – und man muss ihr recht geben, ihr Erscheinungsbild war die größere Stärke – habe sie nie Freude gehabt, im Gegenteil. Der Starrummel um ihre Person sei ihr falsch und hohl erschienen, habe sie in die Depression gestürzt. „Berühmtheit ist ein Gift, und mich hat es davon abgehalten, mein Leben zu leben.“ Zu ihrem 80. Geburtstag, noch vier Jahrzehnte nach dem Ausstieg aus dem Jetset, habe sie 100 000 Briefe aus aller Welt erhalten – aber wer kenne sie als Mensch wirklich?

So weit, so traurig. Doch andererseits beschreibt sich der Schmollmund der Nation etwas zu prahlerisch als freigiebigen, altruistischen, unkonventionellen und aufrichtigen Charakter, ja eigentlich als Erbin des heiligen Franz von Assisi, als dass man für diese Selbstdarstellung Sympathie aufbringen könnte.
Bardot, die Missverstandene? Auf ihre bereits strafrechtlich verurteilte Nähe zur extremen politischen Rechten in Frankreich geht sie nicht tiefer ein, abgesehen von der Bekundung, sie sei gewiss keine Rassistin, sondern nur Gegnerin des rituellen Schächtens. Aus Sorge ums Tier natürlich. Zu Hause in Saint-Tropez stehe sie heute jeden Tag um neun Uhr auf, füttere als Erstes ihre Hunde und 200 Tauben und frühstücke dann mit Bernard d’Ormale, ihrem vierten Mann. Ziege und Schwein sind auch dabei. Die Gräber ihrer Verflossenen pflege sie übrigens genauso hingebungsvoll wie die ihrer toten Tiere. „Ich liebe die Liebe, und genau deshalb war ich so oft untreu.“

BB, oje!

Isabel Lauer

Brigitte Bardot: Tränen des Kampfes. Nagel & Kimche, 327 Seiten, 22 Euro.

Flüchtlingsdrama oder Doku-Soap? Timur Vermes’ neuer Roman

Für manche Bürger ist das die absolute Horror-Vorstellung: Ein Zug von 300 000 Flüchtlingen rollt auf die deutsche Grenze zu. Aus dem Stoff kann man einen Roman machen wie Timur Vermes, der vor ein paar Jahren mit der Hitler-Reinkarnation „Er ist wieder da“ bekannt wurde. „Die Hungrigen und die Satten“ heißt sein neues Buch. Nicht uninteressant. Aber schlechte Literatur.

Bestsellerautor Timur Vermes. (FOTO: Michael Matejka)

Schuld ist Nadeche Hackenbusch, die prominente Fernsehmoderatorin aus der Abteilung Doku-Soap. Muss sie doch ihre Kameras in einem afrikanischen Flüchtlingslager aufbauen, um Quote zu machen. Muss sie sich überdies in einen virilen Flüchtling verlieben, der nicht in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer ertrinken, sondern lieber zu Fuß ins Traumland mit dem „Ottobafes“ marschieren will. Noch dazu vor laufenden Kameras, die Sicherheit garantieren. Die Flucht als Life Show. Besorgte Bürger glauben sowieso, die Medien seien für alles Schlimme verantwortlich.

Damit hat Timur Vermes, in Nürnberg mit ungarischem Migrationshintergrund geboren, den Handlungsstrang gesponnen. Er drillt ihn zusammen aus vier regelmäßig wechselnden Perspektiven: dem Geschehen um Nadeche, den Ereignissen im Flüchtlingszug, der sich erstaunlich gut zu organisieren weiß, den Diskussionen von Nadeches heimischen Fernseh-Bossen und den Reaktionen der deutschen Innenpolitik um zwei wechselnde Minister (der eine ist zu human und wird abgelöst). Dazu gibt es eingeblendete Beiträge einer Nadeche verklärenden Bloggerin – womit der Autor wohl auf seine Herkunft aus dem Boulevard-Journalismus verweist.

Der vermischt Katastrophenberichterstattung ja gern mit flapsigem Tonfall. So scheint Timur Vermes immer mal wieder Anläufe zur Satire (vor allem zur Medien- und Lifestyle-Satire) zu nehmen. Aber das Ende der Geschichte ist eigentlich ganz schrecklich. Soll dem Leser das seitenweise bewusst angezettelte Lachen vergehen? Wobei den Schlusspunkt nochmals ein komischer Schlenker setzt. Schwarzer Humor nach Tausenden von Toten? Oder kann es der Autor nicht besser?

Timur Vermes erinnert an einen großen deutschen Unterhaltungsschriftsteller des ausgehenden 20. Jahrhunderts, der heute fast völlig vergessen ist: Johannes Mario Simmel. Der hatte gern gesellschaftskritische Ambitionen. Der füllte die Seiten mit langen Dialogen, ein Stilmittel, das auch Vermes nutzt. Aber Simmel traute seinen Lesern Verdichtungen und Handlungs-Montagen zu, die Vermes vermeidet. Aus Sorge, der Leser könnte irgendwann nicht folgen, wird die Handlung deutlichst ausgebreitet.

Was machen wir also mit „Die Hungrigen und die Satten“, außer Zeit zu vertreiben? Reflektieren wir über die prekäre Lage des Globus als Ausgangspunkt von Flüchtlingsströmen? Befeuern wir unsere Ängste vor kultureller und sozialer Überfremdung? Oder schmunzeln wir über komische Sprüche in den Promi-Welten von Medien und Politik? Der Roman bietet diverse Möglichkeiten, kann sich letztlich aber für keine entscheiden. Immerhin ist das letzte Drittel leidlich spannend und lässt vergessen, wie seltsam konstruiert der Exodus der Flüchtlingsmassen anfangs wirkt.

Ein Exodus der Hoffnung, der in Hoffnungslosigkeit endet? Das Buch klappt zu, die Fragen bleiben offen.

Herbert Heinzelmann

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten. Roman. Eichborn Verlag, 509 Seiten, 22 Euro.

Elegisch: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“

Ob er will oder nicht – und dankbar sein darf er ohnehin –, gehört Michael Ondaatje zu den Autoren, die man nicht erwähnen kann, ohne den einen Romantitel zu nennen, dem sie ihren Erfolg, ja vielleicht ihre gesamte Karriere verdanken. Bei Daniel Kehlmann ist es „Die Vermessung der Welt“, an der er selbst nun immer gemessen wird, bei dem Kanadier Ondaatje „Der englische Patient“. Bereits 1992 erschienen, kongenial verfilmt von dem frühverstorbenen Briten Anthony Minghella, am Ende ausgezeichnet mit neun Oscars: ein Welthit, so oder so.

Vor kurzem wurde das Buch auch noch als der beste englisch-sprachige Roman der letzten 50 Jahre mit einem goldenen „Booker Prize“ geehrt. So viel Ehre – die einen seriösen Schriftsteller, und das ist er, sicher auch belasten kann. Denn wie knüpft man an solche Erfolge – und die damit verbundenen Erwartungen – an?

Das Cover

Ondaatje hat einfach weitergeschrieben, ohne jeden Druck, befreit vielleicht sogar für die Geschichten, die er erzählen wollte, und die Weise, wie er sie erzählen wollte. Denn einfach ist sie nicht. Wie in einem Puzzle setzt der Autor, der auch Lyriker ist, was man immer deutlich merkt, seine Geschichten Steinchen für Steinchen zusammen – ohne lineare Ordnung oder einen klar konstruierten Rahmen. Ein Impressionist der uneindeutigen Erinnerung – darauf muss man sich einlassen.

In seinem neuen Roman „Kriegslicht“ geht er zurück in die kurze Zeit, die er als junger Mann in England verbrachte. Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, kam nach der Trennung der Eltern (der Vater war Holländer) dorthin, bevor er mit seinem Bruder weiter nach Kanada ging, wo er seither lebt.

Nathaniel heißt sein jugendliches Alter Ego nun. Ein braver, bürgerlicher Junge, der vierzehn Jahre alt ist, als er und seine kleinere Schwester Rachel vor einer schmerzhaften familiären Wende stehen: Der Vater muss beruflich nach Sri Lanka, die Mutter bleibt noch kurz, dann wird sie ihn begleiten. Die Kinder sollen in London bleiben und ins Internat. Ein Vertrauter, Walter, den sie aber lieber „Falter“ nennen, kümmert sich um sie.

Es ist ein Nachtfalter – eine obskure Figur mit noch obskureren Freunden, die nun alle ins Haus kommen und die zuerst irritierten, dann faszinierten Kinder in eine ganz andere Gesellschaft, eine andere Welt einführen. Und Nathaniel macht gerne mit. Etwa, wenn er nächtens mit einem nur „Boxer“ genannten Kleinkriminellen auf der Themse unterwegs ist und Windhunde für die Rennbahn einschmuggelt . . .

Es ist 1945, erste Nachkriegszeit, und doch herrscht noch immer „Kriegslicht“: Verdunklung, Heimlichkeit, Zwielicht – auch moralisch. Genau darin liegt der erzählerische Reiz, im Flair wie bei Charles Dickens oder Joseph Conrad, ambivalent aufgeladen, nebelhaft, romantisch. Was soll Nathaniel übrigens von seiner Mutter halten, deren vollgepackten Koffer er unerwartet im Keller entdeckt? Hat sie alle belogen, ist sie immer noch im Lande? Und was macht sie dann?

Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sie für den Geheimdienst arbeitet. Ondaatje verrät es selbst nach nicht allzu vielen Seiten. Wichtiger und weniger fassbar bleiben die Folgen, um die es in „Kriegslicht“ geht: um die letztlich zerstörten Leben und Lieben, die der Kampf für eine gute Sache (mit allen unguten Mitteln und Nebenwirkungen) mit sich bringt.

Erst im Nachhinein wird Nathaniel, der selbst in der Diplomatie landen wird, seine Mutter – die große Unbekannte, Fremde, Kalte – begreifen lernen, wird sich in sie hineinversetzen, ihre Beweggründe erkennen, notfalls als Fiktion. Dass er selbst dabei ein Phantom bleibt, ein ungelebtes Leben, ist die bittere Pointe dieser hintergründigen, auf hochelegante Art tristen Elegie eines trauernden Sohnes.

Wolf Ebersberger

Erzähler gebrochener, bruchstückhafter Lebensläufe: Michael Ondaatje, der morgen 75 wird. Foto: dpa