Wie einst Don Quijote: „Das zweite Schwert“ von Peter Handke

„Das zweite Schwert“ nennt Peter Handke sein neues Buch ganz martialisch. Darin geht es ja auch um Rache. Aber zum Glück nicht nur…

Homer in der Straßenbahn: Peter Handke (Foto: Hochmuth,dpa)

Am schönsten – und österreichisch quer gedacht wie immer – hat es neulich die alte Sigrid Löffler formuliert. Peter Handke, so sagte sie in einer literarischen Fernsehrunde, ist und bleibt für sie, als Kritikerin wie Leserin, einer der wichtigsten Autoren ihres Lebens – „auch wenn er jetzt den Literaturnobelpreis hat“! Dazu dieses mörderisch süße Lächeln, mit dem sie einst schon einen Marcel Reich-Ranicki tief in seinen Sessel versenkte.

Aber auch wer kein Fan des gerade politisch heftig umstrittenen Autors ist oder ihm nicht in all seinen Äußerungen und Veräußerungen folgen will (das Nürnberger Staatstheater führte es zuletzt sehr gewitzt mit dem Handke-Frühwerk „Kaspar“ vor), liest vielleicht mit Gewinn, ja Vergnügen seine jüngste Erzählung, „Das zweite Schwert“.

Der Titel, biblisch belegt: ein Zitat aus dem Evangelium des Lukas. Und schon der Anfang: eine einzige Kampf-, ja Kriegserklärung im Zeichen der Rache, gleichsam mit Schaum vorm zuckenden Mund geschrieben.

Da fuchtelt einer wild nicht mit Waffen, aber doch mit Worten, und der Leser, der sich bald fragt, worum es ihm eigentlich geht, um welche Tat und Schuld, ja welches „Verbrechen“, muss sich lang und kunstreich hinhalten lassen.

Erst in der Mitte des Büchleins, auf Seite 74, lässt Handke die böse schwarze Katze aus dem Sack: Eine französische Journalistin ist die gewissenlose Übeltäterin, hat nicht ihn (was ihm egal wäre), sondern
seine „heilige“ Mutter aufs schändlichste beleidigt. Diese habe damals, als Mädchen von 17 Jahren, den Anschluss Österreichs ans Hitlerreich freudig bejubelt! Dazu eine Fotomontage vom vollen Wiener Heldenplatz, fast schon frivol.

Eine Entgleisung, ganz ohne Frage, und man ist einerseits ganz bei Handke, dem Sohn, der sich gekränkt fühlt. Andererseits, und darin offenbart sich seine Größe als Autor und vielleicht auch Mensch, zelebriert er sein Amt als Mutter-Rächer so selbstironisch aufgeblasen und von jedem beliebigen Sinneseindruck ablenkbar, dass sein dramatischer Aufbruch zur Tat nur als Lustspiel gelesen werden kann.

Ist es nicht komisch, wie er sich selbst immer wieder am langen grauen Schopf packt, sich in scheinbar
heroische Pose wirft, auch in Selbstgespräche rücksichtslosester Art? Alles, nur um aus seinem Häuschen am Rand von Paris zu kommen und der unbenannten „Hassfrau“ (Handke kennt deren mehrere), die ja gar nicht allzu weit weg wohnt, entgegenzutreten.

Und natürlich muss er erst einmal haarklein die drei ruhigen Tage daheim schildern, die der schon seit langem geplanten Racheaktion vorausgehen. Thema und Tonfall wechseln da von Zarathustra-hafter Einsamkeit (als sei er „hier auf Erden der letzte Mensch“, über ihm kreist ein Adler!) bis zum genauen Erfassen der Geräusche, die Mülltonnen eben mal machen.

Auch diese können freilich Gewaltphantasien auslösen… Und steckt nicht im sensibelsten Poeten das Potential zum Killer? „Endlich würde ich die mir an- oder eingeborene Illegalität ausleben! Sie unter Beweis stellen. Sie in die Tat umsetzen. Sie exerzieren! Sie exekutieren!“ – so macht er sich da Mut und Luft.

Das Ein-Mann-Exekutionskommando legt freilich stets Wert auf geputzte Schuhe und ein weißes Hemd, frischgebügelt und „an der rechten Hüftseite eingestickt ein dickschwarzer Schmetterling, den ich einen Fingerbreit oberhalb des Gürtels in das Blickfeld rückte“. Darüber: ein Anzug von Dior, was sonst.

Eitel auch noch? Da muss man, gerade wenn er dann noch vom immer wieder ersehnten „Ritterlichen Leben“ redet, doch vor allem an tragikomische Ritter wie Don Quijote denken, und Handke tut alles, um die eigene – liebenswerte – Lächerlichkeit zu bestätigen.

Es wird also so schnell kein Blut fließen, nur Tinte, viel Tinte, wie immer, denn „Das zweite Schwert“ ist hier ja nichts anderes als der Stift oder eben die Feder in der Hand des Dichters – der metaphorische Ersatz, die Kunst.

Und wenn er dann mit der Tram unterwegs ist und die Landschaften, Menschen, Veränderungen seiner Wahlheimat an der Seine gewohnt träumerisch beschreibt, bleibt von der heißen Rachelust des Beginns ohnehin wenig übrig . . . Am Ende gibt es gar ein Fest. Der Leser feiert gerne mit.

Wolf Ebersberger

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.

Wiederentdeckt, wild und frei: Albertine Sarrazin

Sich frei schreiben: So lässt sich das Werk der Französin Albertine Sarrazin (1937–1967) ganz gut fassen. Es war die einzige Freiheit, die sie hatte – und mit Leidenschaft verteidigte.

Albertine Sarrazin (1937-1967) Foto: AFP

Literatur ist auch eine Frage der Umgebung. Es macht einen Unterschied, ob man in stiller Abgeschiedenheit schreibt oder im dröhnenden Herzen einer Metropole; im Spiegelkabinett von Wohlstand oder im Aktenstaub eines grauen Alltags; unter wärmender Sonne oder im Eis der Einsamkeit. Und sei es, dass man sich von diesen Orten fortschreibt.

Albertine Sarrazin war keine Bewohnerin des Elfenbeinturms. Viele Jahre ihres kurzen Lebens hat sie in Haft verbracht – und hat darüber etwa Folgendes geschrieben: „Von meinem Gefängnis (…) möchte ich nichts hassen, verleugnen oder vergessen, sonst würde ich selbst verschwinden; ohne das Gefängnis bin ich nichts“.

Zeile um Zeile ihrer Bücher kritzelt sie dort in winziger Schrift auf alles, was Papier ist und schmuggelt es nach draußen. „Querwege“ heißt, nach „Astragalus“ (1966; neu erschienen 2013) und „Der Ausbruch“ (1967; 2018), der dritte und letzte Roman, der so entstanden und jetzt neu herausgegeben worden ist.

Man kann über die Bücher von Albertine Sarrazin nicht sprechen, ohne von ihrem Leben zu erzählen. Sie war eine radikal autobiographische Autorin, doch wird niemand bestreiten, dass es sich dabei um Literatur handelt – ja, um große Literatur, was die bilderreiche Sprache angeht und darin, wie sich hier eine Stimme formt, die kämpferisch ein Leben verteidigt.

Gerade dadurch, dass es sich so abseits gängiger Lebensentwürfe abspielt, weist es über sich hinaus, katapultiert sich mit stolzem Selbstbewusstsein aus seinem Schattendasein ins Licht. Als eine der ersten hat das Simone de Beauvoir erkannt, die dafür sorgte, dass Sarrazin den Beginn ihres Ruhms noch erleben konnte.

Geboren wird Albertine 1937 in Marokko, sie erfährt nie, wer ihre Eltern sind. Ein konservatives älteres Ehepaar in Frankreich adoptiert sie, mit zehn wird sie vergewaltigt. „Mein Status heißt elternlos und unerwünscht“, so lapidar fasst sie zusammen, wie sie ihren Platz in der Welt empfindet. Gefängniszellen und Heime werden die Ortsmarken ihres Lebens, aber überall fühlt sie sich fremd. Nur mit, nur für Julien (der im Roman „Lou“ heißt) tut sie alles und wird ebenso vorbehaltlos zurückgeliebt; auch er ist als Kleinkrimineller an den Rändern der Gesellschaft zuhause.

„Querwege“ erzählt davon, wie Albe, so nennt sie sich, aus dem Gefängnis entlassen wird und ein Jahr zu überbrücken hat, bis auch Lou freikommt. Dafür muss sie sich wieder in die Obhut ihrer Adoptivmutter begeben, die mittlerweile in einem Kloster lebt. Und eine Stelle im Kaufhaus Prisunic antreten, wo sie mit Ironie die Konsumgier der Klein- und Großbürger kommentiert. Den Begriff der Arbeit dehnt sie im Roman immer wieder angewidert als „Ar-ba-i-t“ ins Vulgäre. Die Übersetzerin Claudia Steinitz trifft durchwegs Sarrazins frechen, frischen, freizügigen Klang.

Albe bleibt eine Unbehauste. Sie lebt und schreibt als Außenseiterin. Aus dieser Perspektive beobachtet sie die Welt um sich, zu der sie nicht gehört, nach der sie sich nicht sehnt. Was sie sieht, destilliert sie mit einer Mischung aus Schärfe und Sarkasmus, Witz und Verachtung zu einem wenig schmeichelhaften Bild ihrer Mitmenschen.

Unverstellt ist aber auch der Blick auf sich selbst. Ohne Scheu offenbart sie sich als Diebin, die nicht nur aus Not stiehlt, sondern aus Leidenschaft; angesichts der funkelnden Ohrringe einer Tischnachbarin kann sie sich nur mit Mühe zurückhalten: „Ich zappelte vor Lust“.

Auf alten Fotografien fixiert sie den Betrachter mit herausforderndem Blick, wirkt mit den großen Augen und dem hellen Teint zart und zerbrechlich wie ein Kind, unglaublich jung. Und so, unglaublich jung, stirbt sie mit 29 an einem ärztlichen Kunstfehler.

„Ich bin ein lachender, hungriger Spatz in den Regenrinnen der traurigen Dürftigkeit, ich suche darin das Lustige und das Nährreiche“, so beschreibt sie sich. Aus ihren kargen Fundstücken hat Sarrazin Großes geschaffen.

Tamara Dotterweich

Albertine Sarrazin: Querwege. Ink Press, 224 Seiten, 20 Euro

Schau und Frau: Ein starkes Buch über Sängerin Nico

Eine Liebeserklärung aus Fürth: Nach gut zwei Jahren Recherche, Schreib-, Fleiß- und Schweißarbeit bringt Manfred Rothenberger sein Buch über das rauschhafte Leben der Sängerin und 60er-Jahre-Ikone „Nico“ heraus.

Sängerin Nico (Foto: aus dem Buch „Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ von Manfred Rothenberger, Starfruit Verlag)

Die Frau war die Schau. Zwischen Schall und Schönheit, Wut, Wahn, Selbstzerstörung und Sucht. Ein Hingucker als Deutschlands first Topmodel für Fotografen wie Herbert Tobias und Willy Maywald. Ein Blickfang dann für Männer wie Andy Warhol und Federico Fellini, deren Muse sie wurde. Für Bob Dylan, Iggy Pop, Lou Reed oder Jim Morrison eine Gefährtin im Blitzlichtgewitter. Die Frau war die Schau – doch als Rothenberger nach einem Buch über sie suchte fand er: so gut wie nichts.

Manfred Rothenberger hat, wie er eingesteht, sich in den dunkleren Momenten seiner fast 60 Lebensjahre immer wieder mal hilfesuchend von der düsteren Singstimme Nicos aus dem Plattenspieler trösten lassen.
Weil er zum einen als arbeitswütiger Direktor des Nürnberger Instituts für moderne Kunst seit Jahrzehnten mutig Ausstellungen von und über – sagen wir mal frech – auch „schwer Vermittelbare“ anzettelt und sich zum anderen das zeitraubende, dafür glückbringende Hobby eines feinen kleinen Idealisten-Verlags namens Starfruit leistet – lag die Sache auf der Hand. Wenn es schon kein gescheites Buch über Nico gibt, wird halt eins gemacht!

Bereits im Frühsommer war im Galeriehaus Defet Rothenbergers Nico-Schau „Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ (nach einem Zitat der Autorin Juliane Liebert) zu sehen. Und schon dort war das nach wie vor aktive Magnetfeld der Kölner Weltbürgerin Nico (1938–1988) spürbar. Nun liegt das Buch dazu vor. Wie in allen „Starfruit“-Veröffentlichungen wird darin der Crossover von bildender Kunst und Literatur, Wortsinn und Wahnsinn vom Cover bis zum letzten Blatt durchexerziert.

Was auf gut 600 Seiten zwischen den Noir atmenden Buchdeckeln steckt, mag Rothenberger manche kurze Nacht beschert haben. Sein Problem. Für Leser ist es eine Offenbarung. Um die Sache zu stemmen, tat er sich mit dem „Kammerflimmer-Kollektiv“-Aktivisten, Musikfreak und Lebenskünstler Thomas Weber (Jg. 1969) zusammen.

Einmal das finstere Blut der späten 60er Jahre geleckt, suchten, besuchten, befragten und durchfilterten Rothenberger und Weber Zeitzeugen in aller Welt, sichteten Archivmaterial und heuerten Beitragschreiber an. Sie fanden Künstler, die an Nico einen Narren gefressen hatten. John Cale, Julian Cope, Marianne Rosenberg, Jonathan Meese oder Rosemarie Trockel gehören neben vielen weiteren zum Kreis. Auch der für Nico-Besessene eigentlich viel zu spät geborene Nürnberger Künstler Sebastian Tröger (Jg. 1986) zählt dazu.

So ist eine Art Staralbum voller Lebenserfahrungen entstanden, das der nicht ganz einfachen Künstlerin gerecht werden dürfte, die ja selbst keinem Konflikt aus dem Weg ging bei ihrem zuweilen torkelnden Tanz zwischen der Gosse der Junkies und dem samtenen Glanz ihrer Zeit als Model und bei Velvet Underground.
Als Leser reiben wir uns die Augen über Nico-Gedichte (u. a. von Franz Dobler), Originalfotos, Kunstwerke, zu denen die Sängerin andere inspirierte. Ja sogar Postkarten, welche die Künstlerin an die deutsche Mutter ihres viele Jahre jüngeren Lovers geschrieben hatte, taten Rothenberger und Weber auf.

Der besagte Lover hieß bürgerlich übrigens Lutz Graf-Ulrich (Jg. 1952) und ist heute als „Lüül“ von der
Berliner Band 17 Hippies bekannt. Rothenberger hat ihn für das Buch interviewt. Über die Kindheit der
als Spross einer Brauerei-Dynastie in Köln geborenen Christa Päffgen reimt sich Lüül heute zusammen: „Die Christa war nicht biestig oder so, aber anders als die anderen Kinder. Etwas komisch halt.“

Ein Stern zwischen Schatten und Licht. In ihrem feinen Elternhaus versuchten sie, die Verbindung mit der drogensüchtigen Tochter totzuschweigen. Und der Schauspieler Alain Delon, mit dem Nico offenbar einen gemeinsamen Sohn hat, verleugnet diesen, obwohl er ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Wen wundert’s, dass selbst Leonard Cohen ihr verfiel. Doch hinten anstehen musste. Die Schlange der Verehrer war lang.

So long, Nico. Am 18. Juli 1988 kippte sie auf Ibiza vom Fahrrad
und war tot. Tot? Aus 624 Buchseiten steigt sie wieder auf.

Christian Mückl

Nico – Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist. Herausgegeben von
Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Starfruit Verlag, 624 Seiten, 35 Euro.

David Wagners Vater: „Der vergessliche Riese“

„Der vergessliche Riese“ nennt David Wagner sein neues Buch, in dem er – sehr direkt – über seinen dement gewordenen Vater schreibt.

Vater, wo bist du? Autor David Wagner (Foto: Linda Rosa Saal)

Das Buch ist kein Ratgeber. Es sagt nicht: So oder so muss man mit dem Betroffenen umgehen – dann kommt man mit der Krankheit am besten zurecht. Es ist aber auch keine Leidensliteratur. Kein in Worte gefasster Akt der Verzweiflung, kein Schreckensszenario, das die völlige geistige Auslöschung eines Menschen vorführt.

David Wagner (Jahrgang 1971) weiß – und diese Fähigkeit hat er schon öfter bewiesen – gleichzeitig sehr offen und doch dezent von existenziellen Krisenerfahrungen zu erzählen: Er sieht die Krise, die jederzeit in eine Katastrophe münden kann, verliert aber den Mut nicht.

Das zeichnete schon sein uneitles Buch „Leben“ (2013) aus, in dem er von Todesnähe und der Rettung durch eine Lebertransplantation berichtet – und nun, auf andere Weise, auch sein neues Werk „Der vergessliche Riese“. Darin beschreibt er, wie sein Vater mit Anfang 70 langsam, aber unaufhaltsam dement wird, alles vergisst, sogar das gerade Gesagte.

Der Zustand ist von den ersten Seiten an klar. Nach dem Tod seiner zweiten Frau, einer Engländerin, war der Vater bei einer der beiden Töchter – nun holt ihn David, der Sohn, aus Hamburg ab und bringt ihn nach Bonn zurück, nach Hause. Aber schon da fragt der Vater immer wieder, immer neu, immer nervöser: Und wo fahren wir jetzt hin?

David Wagner, in Andernach geboren und in Berlin lebend, hält sein Prinzip konsequent durch. Er behandelt, quasi als Reporter vor Ort, nur die jeweiligen Besuche und Begegnungen mit dem Vater und schildert sie in protokollarischer Schlichtheit. Ohne Kommentar, ohne zusammenfassende Klammern.

So dominieren die Dialoge und wirken auf Dauer fast wie der Text eines Theaterstücks – das in seinen vielen, manchmal endlosen Wiederholungen durchaus absurde Züge aufweist und dann nicht selten an Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erinnert. Wo sind wir? Was machen wir hier? Wie behalten wir – alternativlos – den Humor?

Wie ein Papagei bringt der übrigens in Bayreuth aufgewachsene Vater (er durfte bei den Festspielen auch mal als Zwerg mitmachen) immer wieder gewisse Sprüche, wie den von Tante Gretl: „Die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Da meint er – denn er erkennt sein Problem – auch sich selbst. Oder: „Ich muss ja schwer auszuhalten sein, dass die Frauen mir immer wegsterben.“ Das bist du natürlich nicht, sagt der Sohn dann jedesmal – und empfindet es, ehrlich wie er ist, auch so.

Andererseits hat Wagner das Drama seines Vaters, den drohenden Selbstverlust, nicht wirklich dramatisiert. Er löst es in Alltagsszenen auf, im familiären Arrangieren, der gemeinsamen, mitunter auch überraschenden Erinnerung an die eigene Geschichte, an Kindheit, Ehen, Wohnorte.

Der positive Effekt: So nah wie jetzt war er dem Vater lange nicht. „Freund“ nennt dieser ihn nur noch, nicht David. Dass die Geschwister ihn dann gleichsam mit einem Trick ins Pflegeheim – immerhin eine Villa am Rhein – locken, weil er nicht mehr alleine bleiben kann, tut da erst recht weh. Ein „Waisenhaus für alte Kinder“, so nennt der Vater, der immer wieder auch enorm hellsichtige Sachen sagt, das Heim.

Wagner ist nicht der erste ernstzunehmende Autor, der das Thema für sich entdeckt – man denke an Arno Geigers bewegendes Buch „Der alte König in seinem Exil“. Wenn der Vater am Ende dann nicht mal mehr den das Buch wie eine Lebensader durchziehenden Fluss erkennt, fallen auch die Sätze dieses Plauderprotokolls wie Bomben. Eine Frage, ja, muss er dem Sohn noch stellen: „Wer sind eigentlich deine Eltern?“

Wolf Ebersberger

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt, 269 Seiten, 22 Euro.

Flo Hayler und die Ramones: ein Leben als Fan

Es gibt wohl kaum eine Band, die posthum so sorgfältig seziert wurde wie die Ramones. Der renommierte Autor Everett True ließ mit seinem Standardwerk „Hey Ho, Let’s Go: Die Story der Ramones“ eigentlich schon keine Fragen offen. Die Musiker Marky und Johnny erzählten höchstpersönlich ihr Leben und ihr Tourmanager Monte A. Melnick plauderte munter aus dem Nähkästchen.

Wilde Jungs: die Ramones (Foto: Warner Music)

Die Dokumentation „End Of The Century“ kratzte dann mit einem schonungslos-ernüchternden Blick hinter die Kulissen am Mythos der vermeintlichen „Happy family“, während Ex-Manager Danny Fields aus seinem Archiv einen opulenten Bildband zusammenbastelte. Zu guter Letzt wurde die Karriere der New Yorker Punkrock-Ikonen auch noch als epische Graphic Novel in Szene gesetzt . . .

Warum al o sollte die Welt noch ein Ramones-Buch brauchen? Vielleicht, weil Flo Hayler etwas erschaffen hat, was man getrost und durchaus im Wortsinn als Opus Magnum bezeichnen darf. Der Musikjournalist und Radiomoderator hat sich 1990 mit dem Ramones-Fieber infiziert und ist der Band in den folgenden Jahren nicht nur durch die halbe Welt nachgereist, sondern pflegte bis zu ihrem Tod auch private Kontakte zu Joey, Johnny, Dee Dee & Co.

Es sind diese persönlichen Begegnungen und intimen Einblicke, die „Ramones: Eine Lebensgeschichte“ weit über eine normale Biografie hinausheben. Auf 640 Seiten schildert Hayler nicht nur kenntnis- wie detailreich die Geschichte der Band, sondern verwebt sie kunstvoll mit seinem eigenen Dasein als „Fanboy“.

Bei aller Bewunderung läuft der Autor, der den fiktiven „Brüdern“ in Berlin sogar ein eigenes Museum gewidmet hat, aber nie Gefahr, sich in devoter Heldenverehrung zu ergehen. Dass er sein Mammutwerk mit einem gnadenlosen Verriss des wohl ziemlich würdelosen Abschiedskonzerts vom August 1996 eröffnet, beweist die kritische Distanz zum Ramones-Kosmos.

Hayler weiß auch, dass sich hinter den stets ein wenig an lebende Comicfiguren erinnernden Jeans- und Lederjacken-Trägern sehr komplexe Menschen verbargen. Der von Zwangsstörungen besessene, hochneurotische Joey, der rechtskonservative, zu Gewaltausbrüchen neigende Kontrollfreak und Reagan-Bewunderer Johnny, der von Drogen und Alkohol gezeichnete Dee Dee: Hinter der coolen Fassade taten sich Abgründe auf. Es ist auch kein Geheimnis, dass sich Joey und Johnny abseits der Bühne regelrecht hassten, weil der Gitarrist dem Sänger einst die Frau ausgespannt hatte.

Zugleich vermittelt Hayler aber auch eine Ahnung von der außergewöhnlichen, fast familiären Bindung zwischen den Musikern und ihrer treuen Fanbase. Und von der wilden Faszination, die die Punkrock-Pioniere mit ihren unverwüstlichen Drei-Akkord-Hymnen wie „Sheena Is A Punkrocker“, „Rock ’n’ Roll Highschool“ oder „Blitzkrieg Bop“ heute noch ausüben – auch wenn ihr ikonisches Logo längst vom Mainstream als Modetrend vereinnahmt wird und T-Shirts von Leuten ziert, die es bei einem Konzert keine fünf Minuten ausgehalten hätten . . .

Neben den ebenso informativ wie unterhaltsam geschriebenen Texten machen Hunderte von exklusiven Fotos sowie Konzertplakate, Tickets, Albumcover, Setlists, Zeitungsartikel und obskure Memorabilien Haylers Schmöker zu einer wahren Bibel für all jene Menschen, denen ein gepflegtes „Gabba Gabba Hey!“ auch heute noch locker von den Lippen geht.

Uli Digmayer

Flo Hayler: Ramones. Eine Lebensgeschichte. Heyne Hardcore, 640 Seiten, 48 Euro.

Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.

Leslie Jamisons Suchtbuch „Die Klarheit“

Der suchtkranken US-Autorin Leslie Jamison ist mit ihrem Buch „Die Klarheit“ eine sehr intime Reflexion über „Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“ gelungen – mit ernüchternden Seiten-Sprüngen in die Weltliteratur.

Leslie Jamison (Foto: Sheehan/Hanser Verlag)

Nach einer ihrer Nächte im Vollrausch sagt ihr Freund, er habe das Gefühl, sie mit der Person betrogen zu haben, die sie gestern Abend noch war. Ein anderes Mal, als sie vor Verlangen nach Alkohol darauf wartet, dass ihr Drink endlich fertigt gemixt wird, ertappt sie sich bei dem Gedanken: „Kann ich vielleicht einen Drink bekommen, bevor ich meinen Drink bekomme?“

Und auch den Zustand der körperlichen Verkaterung, den der ebenfalls alkoholkranke Schriftsteller Malcolm Lowry 1947 mit dem Empfinden verglich „als würden Knochen innen drin gegeneinander schaben“, kennt Jamison besser als ihr lieb ist.

Wer, wie sie, süchtig geworden ist, wird sein Leben lang damit kämpfen. Die Schriftstellerin (geboren 1983 in Los Angeles) reflektiert ihr Trinkverhalten und mögliche Ursachen messerscharf. Aber Krankheit hat nichts mit Intelligenz zu tun: Vor Rückfällen aus der Genesung konnte die Selbsterkenntnis sie häufig auch nicht bewahren, wie sie anekdotenreich schildert.

Im Buch „Die Klarheit“ breitet Jamison ihre zuweilen erschütternde Trinkerinnen-Biografie aus. Dazu baut sie Passagen aus Klassikern der Weltliteratur in ihr Erzählen ein, in denen sie süchtige Schriftsteller zitiert. Das schillernde, über zehnseitige Quellenverzeichnis reicht von John Berryman und William Burroughs bis zu Stephen King und David Foster Wallace.

Jamison selbst, die Creative writing studiert hat, schreibt bestechend prägnant. Zuweilen wird sie politisch – wenn sie die Entkriminalisierung Suchtkranker fordert und Scheinmoral beklagt: Warum unsere Gesellschaft etwa Schwarze, die Trinker sind, automatisch als gierige Monster abstemple und Weiße viel eher als hilfsbedürftige Opfer von Rauschmitteln betrachte, fragt sie dann.

Immer wieder setzt Jamison sich mit der Rolle der Anonymen Alkoholiker (AA) auseinander, deren Meetings sie in den Monaten und Jahren ihrer Nüchternheit besucht. In ihrem Buch mag es um Perioden der Trockenheit gehen, die Sprache bleibt spritzig: „Letztlich sind wir doch alle Dramaqueens. Auch wenn wir nüchtern sind. Meine trockenen Abende sind wie Schusswunden.“

Gerade weil die Autorin nicht so tut, als wäre die Genesung vom Trinken eine Erlösung für die Ewigkeit und eine Garantie für Glück, gerade, weil sie die Sisyphusarbeit benennt, die endlose Quälerei der Abstinenz jeden Tag aufs neue, wirkt ihr Buch so authentisch.

Jamison will gar nicht den Eindruck erwecken, ihr Leben sei ohne Rausch interessanter geworden – oft sei das Gegenteil der Fall. Wenngleich das Wechselbad aus Scham und Selbstaufgabe jetzt fehle: „Keine Geschichte ist so interessant wie die des Sich-Betrinkens.“ Jamison erwähnt Charles Jackson, der mit dem Roman „Ein verlorenes Wochenende“ von 1945 zwar einen Klassiker übers Saufen geschrieben hat – an einem Buch über Genesung aber scheiterte.

Zum individuellen Lebensratgeber taugt Jamisons hellsichtiges Werk kaum. Aber zum Verständnis des Dämons, das in vielen Biografien nistet. In „Die Klarheit“ steckt die Hölle auf Erden und starke Literatur.

Christian Mückl

Leslie Jamison: Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Hanser, 638 Seiten, 28 Euro.

Filmstar Brigitte Bardot blickt zurück

Mit den Tieren kamen die Tränen: Die französische Filmlegende Brigitte Bardot veröffentlicht mit 84 Jahren ihre Lebensgeschichte in Buchform. Doch die ist eher eine Abrechnung mit ihren Mitmenschen als die versprochene Autobiografie.

Gut, dass Brigitte Bardot wenig mit Nürnberg zu schaffen hat. Die Debatte über die Dezimierung der Wildgänse, die den Wöhrder See verschmutzen, ginge ihr wohl so an die Nieren, dass man sich weniger um den Fortbestand der Gans als um den Fortbestand der Bardot sorgen müsste. „Ich habe so oft und so sehr um Tiere geweint, dass mir ein Augenarzt eines Tages sagte, ich hätte keine Tränen mehr“, schreibt die Schauspielerin in ihrer Lebensbilanz.

Die französische Schauspielerin Brigitte Bardot blickt auf ihr Leben zurück (Foto: Eric Feferberg/AFP/dpa)

Brigitte Bardot: Sie war einmal eine Legende – heute ist sie ein einziges Lamento. „Tränen des Kampfes“ heißt das Buch, das die französische Journalistin Anne-Cécile Huprelle in langen Interviewsitzungen mit ihr herausgebracht hat. Anders als der Titel, der das folgende Pathos ziemlich gut zusammenfasst, ist der Untertitel „Autobiografie“ eine Lüge. Über Brigitte Bardots Lebenslauf erfährt der Leser so gut wie nichts, was über Wikipedia hinausreicht – dafür über ihre Aktivitäten als Tierschützerin mehr, als er je wollte.

„Schon als Kind fühlte ich mich als Tier“, „Für Robben empfinde ich eine grenzenlose Zärtlichkeit“, so fangen die Kapitel an. Sie behandeln, neben esoterischen Betrachtungen von tierischen und menschlichen Seelen, Themen wie Walfang, Tierdressur, Schlachthöfe und die Arbeit der Bardot-Stiftung. Das meistverwendete Wort bleibt jedenfalls „Tier“.

Auch das könnte erquicklich sein, spräche aus Bardots Reflexionen nicht so viel Arroganz. „Das Filmgeschäft habe ich nie gemocht, es diente mir nur als Sprungbrett“, stellt sie fest. Am Schauspiel – und man muss ihr recht geben, ihr Erscheinungsbild war die größere Stärke – habe sie nie Freude gehabt, im Gegenteil. Der Starrummel um ihre Person sei ihr falsch und hohl erschienen, habe sie in die Depression gestürzt. „Berühmtheit ist ein Gift, und mich hat es davon abgehalten, mein Leben zu leben.“ Zu ihrem 80. Geburtstag, noch vier Jahrzehnte nach dem Ausstieg aus dem Jetset, habe sie 100 000 Briefe aus aller Welt erhalten – aber wer kenne sie als Mensch wirklich?

So weit, so traurig. Doch andererseits beschreibt sich der Schmollmund der Nation etwas zu prahlerisch als freigiebigen, altruistischen, unkonventionellen und aufrichtigen Charakter, ja eigentlich als Erbin des heiligen Franz von Assisi, als dass man für diese Selbstdarstellung Sympathie aufbringen könnte.
Bardot, die Missverstandene? Auf ihre bereits strafrechtlich verurteilte Nähe zur extremen politischen Rechten in Frankreich geht sie nicht tiefer ein, abgesehen von der Bekundung, sie sei gewiss keine Rassistin, sondern nur Gegnerin des rituellen Schächtens. Aus Sorge ums Tier natürlich. Zu Hause in Saint-Tropez stehe sie heute jeden Tag um neun Uhr auf, füttere als Erstes ihre Hunde und 200 Tauben und frühstücke dann mit Bernard d’Ormale, ihrem vierten Mann. Ziege und Schwein sind auch dabei. Die Gräber ihrer Verflossenen pflege sie übrigens genauso hingebungsvoll wie die ihrer toten Tiere. „Ich liebe die Liebe, und genau deshalb war ich so oft untreu.“

BB, oje!

Isabel Lauer

Brigitte Bardot: Tränen des Kampfes. Nagel & Kimche, 327 Seiten, 22 Euro.

Surfen, meine Sucht: William Finnegans „Barbarentage“

Jetzt ist es amtlich: Kalifornien hat das Surfen soeben zum Nationalsport erklärt. William Finnegans „Barbarentage“ ist jedoch mehr als ein fulminantes Buch über das Reiten auf den Wellen. Es ist eine Bekenntnis zum Leben, zur Leidenschaft.

Droge Surfen: Szene am Surfrider Beach in Malibu (Foto: afp)

Wellen haben Gesichter. Aber auch die der Surfer, die sie reiten „verwandeln sich in oft abscheuliche Masken aus Angst, Frust und Wut. Besonders entlarvend ist der Kickout, der Ende des Ritts, bei dem sich eine Mischung aus Erleichterung, Verzweiflung, Freude und Unzufriedenheit auf die Gesichter malt.“

Surfen ist Sucht und William Finnegan ein Bekennender. Wenn der 1952 geborene, in Hawaii aufgewachsene Brandungsjunkie in seiner Autobiografie „Barbarentage“ davon erzählt, dann meint er nicht etwa die heute hippen Formen des Windsurfens oder Kitesurfens damit – laue Lüftchen der Gegenwart.

Er spricht vom Wellenreiten in seiner reinsten, klassischen Form. Dem Meer, dem Board und dem menschlichen Körper darauf. Und wenngleich seine Leidenschaft diesen mit allen unruhigenWassern gewaschenen Journalisten, der zudem als Kriegsreporter viele Jahre für den „New Yorker“ Reportagen schrieb, die besten Surf-Spots der Südsee, Australiens, Afrikas, Madeiras und Long Islands hinterherjagen hat lassen, ist „Barbarentage“ weitaus mehr geworden, als ein Buch über die riskanten Salzwasserspiele eines lange jung gebliebenen Hippies.

Es ist Lebensbeichte, Reisereportage, Zeitzeugnis. Und eine Liebeserklärung an das Schreiben obendrein. Denn Schreiben kann er. Finnegan hat den Pulitzer-Preis für seine „Barbarentage“ bekommen.

Es ist nicht zu viel behauptet, dieses Buch in eine Reihe mit Melvilles „Moby Dick“, Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder Film-Klassiker wie „Der Rausch der Tiefe“ zu stellen. Weil ein Purismus darin liegt, den Finnegan (seinen Nachnamen verdankt er irischen Wurzeln mütterlicherseits) sprachlich reflektiert.

Er hat immer nebenher geschrieben, all die Jahre, in denen sie noch suchen mussten, nach den besten Wellen, vornehmlich auf der Südhalbkugel, vornehmlich im Winter. Dass er sich bei der kalifornischen Eisenbahn als junger Kerl verdingte, was ihm einerseits eine Lebenswirklichkeit der Härte, andererseits der Romantik des Unterwegsseins eingebracht hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die gut 550 Seiten.

Denn egal, ob er in Bali war oder in Australien: Finnegan arbeitete nebenher (neben den Gelegenheitsjobs als Spülhilfe, Büchereiverkäufer oder Lehrer in Südafrika) immer an seinem Roman über die Eisenbahn.
Seine frühe Jahre fallen in den „Summer of Love“ der späten 60er. Und wenngleich er stets irgendwie, wenn auch über Kontinente hinweg, „beweibt“ bleibt, ist seine Sehnsucht die See. Seinen Vorsatz, auf einem mehrjährigen Südseetrip, nachdem sein Blut schwarz ist vor Malaria, mit möglichst vielen exotischen Frauen zu schlafen, wirft er irgendwann über Bord. Weil er stets Bindungen hat. Und schreibt. An sie.

Als Finnegan schlussendlich, nach all den Jahren und Kontinenten, all den Surf-Kumpels und Wegbegleitern zu Wasser und Wegbegleiterinnen zu Land, doch noch in (wir sagen hier jetzt besser nicht den Hafen der Ehe findet, denn welcher Wellenreiter würde einen Hafen benutzen, er stürzt sich, wo immer sich ein Spot andeutet wie ein ausgehungerter Seehund ins Meer), weit über 40, geläutert, gereift, verheiratet ist, schreibt er immer noch mit einer Nostalgie, die ihm nach der Lektüre der „Barbarentage“ keiner übel nimmt: „Wir Surfer hoffen hartgesotten darauf, dass Surfen eines Tages wieder uncool wird, so wie Rollerbladen.“

Verletzter Stolz, weil der Mainstream (schon wieder so ein Wasserwort) die eigene Identität kratzt? Des noch alles Selbst-herausfinden-Müssens, noch ohne Wettervorhersage auf dem Smartphone, noch ohne Pauschal-Surf-Reisen an exotische Ecken der Welt? Seine „Barbarentage“ kann Finnegan keiner nehmen. Seine Wellen schon. Er hat ein hervorragendes Buch daraus gemacht.

Christian Mückl

William Finnegan: Barbarentage. Deutsch von Tanja Handels. Suhrkamp, 566 Seiten, 18 Euro.

Kampf ohne Ende: Holger Afflerbach über den Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg, der vor hundert Jahren langsam zu Ende ging, hat ein zerstörtes Europa hinterlassen. Rund zehn Millionen Menschen mussten sterben. Die Nachkriegsordnung, die nach dem November 1918 entstanden ist, schuf aufgrund der harten Friedensbedingungen die Grundlage für Hitler und den Zweiten Weltkrieg. Auch die russische Revolution 1917 wäre ohne die Zerstörungskraft des Ersten Weltkriegs nicht möglich gewesen.

In den sechziger und siebziger Jahren schien es, dass sich die These des Hamburger Historikers Fritz Fischer durchsetzen würde: eben dass das Deutsche Reich mit seinem „Griff nach der Weltmacht“ die Hauptschuld am Ausbruch der Ersten Weltkriegs und damit auch für seine Folgen trägt. Dieser Deutungsansatz wurde aber immer wieder hinterfragt und zuletzt von dem australischen Historiker Christopher Clark in seinem Buch „Die Schlafwandler“ regelrecht zerlegt.

Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um Absolution, denn die deutsche Politik hat 1914 viele Fehler gemacht, sondern um Differenzierung. Es gab kein in sich geschlossenes Konzept für den Griff nach der Weltmacht in der deutschen Gesellschaft, sondern nur ein kleiner, aber lautstarker Teil der deutschen Elite verfolgte dieses imperialistische Ziel.

Aber auch in Frankreich, Russland oder England gab es imperialistische Zielsetzungen, und Amerika strebte die Weltherrschaft an Stelle von England im internationalen Handel an. Dabei waren
die aufstrebenden Deutschen nur hinderlich. Die deutsche Führung war auch nicht so eindeutig auf umfassende Eroberungen festgelegt, wie oft behauptet wurde, so Holger Afflerbach, Professor für Europäische Geschichte an der Universität Leeds, in seinem Buch „Auf Messers Schneide“.

Afflerbach schildert die Entwicklung der deutschen Kriegsziele sehr genau und verweist darauf, welche Interessengruppen dahinterstanden und warum sie sich verändert haben. Wohltuend sind auch Afflerbachs Einschätzungen der Fehler deutscher Militärs und Politiker, die er zwischen Dummheit, fehlendem Wissen und Überreaktion einstuft, die aber von der englischen Propaganda sehr geschickt und vor allem bei den neutral gebliebenen Ländern gegen Deutschland ausgenutzt wurden: etwa der unkluge deutsche Kampf gegen die belgische Bevölkerung, der dann die Vorlage für das Bild vom bösen „Hunnen“ auf anglo-amerikanischer Seite bildete.

Nur ganz nebenbei: Die englische Blockade der deutschen Seehäfen war genauso völkerrechtswidrig wie der U-Bootkrieg. Propagandamäßig hatten die Deutschen ohnehin schon in den ersten Monaten nach dem August 1914 den Krieg verloren – was die Begeisterung im Inneren aber zunächst weiter aufheizte. Holger Afflerbach geht auch der Frage nach, warum der Erste Weltkrieg bis zum Letzten ausgefochten wurde und warum, trotz der desaströsen Auswirkungen auf beiden Seiten, Friedensbemühungen der Mittelmächte keinen Erfolg hatten und der Rutsch in den Abgrund weiterging.

Eine seiner Thesen ist, dass die Mittelmächte bei den Alliierten mit ihren Friedensbemühungen keine Chance hatten, weil nach dem Kriegseintritt der USA der Sieg der Entente sicher war und nur so die eigenen – imperialistischen – Kriegsziele durchzusetzen waren. Einige Gesprächsangebote wurden wiederum von den Mittelmächten nicht aufrichtig verfolgt.

Afflerbach hat ein nachdenklich machendes Buch geschrieben: Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hätte immer wieder gestoppt werden können, wenn man es gewollt hätte. Auch daran tragen alle Beteiligten ihre Schuld.

André Fischer

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor. Verlag C. H. Beck, 664 Seiten, 29,95 Euro.