Joachim Meyerhoffs sexuelle Trickkiste: „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“

Joachim Meyerhoff gehört zu den glücklichen Menschen, die über eine Doppelbegabung verfügen. Er ist nicht nur Schauspieler – und dies am ehrwürdigen Wiener Burgtheater –, sondern inzwischen auch ein renommierter Bestsellerautor, der – wie unlängst in der Elbphilharmonie – 2000 Menschen zu einer seiner Lesungen pilgern lässt.

Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff (Foto: Ole Spata/dpa)

Mit der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ liegt nun der vierte Band seines autobiografischen Romanzyklus vor – und schaffte es bereits in die Hitlisten. Nachdem Meyerhoff in den vorhergehenden Bänden seine Kindheit sowie Jugend- und Ausbildungszeit beschrieben hat, setzt er sein Selbsterkundungsprojekt fort, indem er von seinem Engagement am Theater in Bielefeld erzählt.

Doch wichtiger als die ersten Bühnenerfahrungen als Schauspieler ist für den jungen Meyerhoff vielmehr sein endlich erwachendes Liebesleben. Unverhofft stolpert Hanna in sein Leben und zieht schon bald in seine Wohnung ein. Die blitzgescheite Studentin mit Borderliner-Zügen (über-)fordert ihn auch intellektuell, getreu ihrem Lebensmotto „Unkompliziert ist unter meiner Würde“.

Der Ich-Erzähler taucht durch sie in eine neue Welt ein, beherrscht von Büchern und philosophischen Diskursen. Doch gerade, als sich eine unkonventionelle Zweierbeziehung anzubahnen beginnt, führt ihn ein weiteres Schauspielengagement nach Dortmund, wo er am Stadttheater schon bald Franka, eine grazile Tänzerin, kennenlernt.

Statt mit Büchern zieht sie ihn mit ihrer Sinnlichkeit in den Bann und ermuntert ihn zu ungeahnten erotischen Höhenflügen, an deren akustischen Begleittönen sich allerdings bald die Nachbarn stören.
Meyerhoff pendelt fortan nicht nur zwischen den beiden Städten, sondern auch zwischen den beiden Frauen hin und her, was ihn vor die eine oder andere logistische Herausforderung stellt, die zu slapstickartigen Szenen führt. Doch nicht genug: Mit der so fülligen wie resoluten Bäckereibesitzerin Ilse tritt eine weitere Frau in sein Leben, so dass auch der Besuch einer Dortmunder Backstube zur Konstanten wird, da sie ihn nicht nur mit Schweinsohren versorgt . . . Emotionen bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung!

Das Aufputschmittel „Halloo wach“ hilft über den mangelnden Schlaf hinweg, denn so ganz nebenbei muss der Schauspieler ja auch noch Texte lernen und ein paar Mal pro Woche auf irgendeiner Theaterbühne stehen.

Der 1967 in Homburg geborene Meyerhoff, der oft auch als deutscher Knausgard bezeichnet wird, begeistert seine Leser mit einer schonungslosen Detailtreue, die von einer ganz besonderen Situationskomik getragen wird. Ausgerüstet mit viel Selbstironie, betreibt er eine subtile Gefühlsakrobatik, die einen bei der Lektüre immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Selbst bei schwierigen Themen wie einer bevorstehenden Abtreibung beweist Meyerhoff, dass er das literarische Genre vortrefflich beherrscht.

Ralf Nestmeyer

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch, 353 S., 24 Euro.

Rétif de la Bretonne und seine prallen Memoiren

Rétif de la Bretonne – ein französischer Autor des 18. Jahrhunderts, den nicht jeder kennt. Und offenbar ein richtiger Casanova, wie seine sehr lesenswerten Memoiren zeigen . . .

Der Bub hat alles, was das Herz begehrt: klaren Verstand, Lust auf Bildung, unversiegbaren Fleiß, einen aufrichtigen Charakter und ein hübsches Gesicht. Dazu eine Schüchternheit, die sämtliche Frauen ermuntert, den Jungen unter ihre Fittiche zu nehmen, an ihren Busen zu drücken und in die fundamentalen Dinge des Lebens einzuweihen.

Monsieur Nicolas hätte in seinem 18. Jahrhundert eine steile Karriere machen können. So reichte es nur zum Schriftsetzer und Autoren. Da aber zeichnete er sich durch eine enorme Produktivität aus. 187 Bücher soll er geschrieben haben, Romane, Erbauliches und höchst Subversives. Vor allem, was erotische Leidenschaften und Vorlieben für zierliche Damenfüße und -schuhe betrifft („Der Fuß der Fanchette“).

Rétif de la Bretonne war ein französischer Romancier… und sehr freizügig. Historischer Stich (FOTO: Reinhard Kaiser)

Nicolas Edme Rétif, der sich Rétif de la Bretonne nannte (1734 bis 1806), hat zwar nicht die Pornografie erfunden, wohl aber den Begriff: Sein Buch „Le Pornographe“ ist kein Schweinkram, sondern ein für damalige Zeiten revolutionäres Traktat, das die Prostitution in geordnetere Bahnen lenken sollte. Auch sonst mangelte es ihm nicht an originellen Ideen: So sollten Buben ab 16 Jahren erfahrenen Frauen ab 32 zugeführt werden. Sind die Männer 32, sollten sie 16-jährigen Mädchen die niederen Weihen erteilen.

Warum ist Rétif de la Bretonne kein „großer“ Autor geworden? Zum einen, weil er aus kleinen Verhältnissen stammte, zum anderen, weil ständig geile Gelüste seine ehrbarsten Absichten durchkreuzten. Und weil ihm es ein wenig an Imagination gebrach. Dafür schilderte er Anekdoten aus seinem eigenen prallen Leben („Der verführte Landmann“).

Im Alter führte er sein ehrgeizigstes Projekt aus: „Das enthüllte Menschenherz“ (1797), eine Lebensbeichte von Kindheit bis zur Gegenwart, die kein edles, zweifelhaftes oder noch so schmutziges Detail auslassen sollte. Augustinus‘ „Confessiones“ dienten Rétif als Vorbild. Obwohl vollendet, standen den Memoiren die Französische Revolution im Weg und ihr Umfang: 5000 Seiten!

Von diesen 5000 Seiten hat der Übersetzer Reinhard Kaiser – berühmt geworden als Bearbeiter des „Simplicissimus“ – gerade mal 640 übrig gelassen. Doch gewinnt man schnell den Eindruck: es sind die essenziellen Seiten. Umso mehr, als sie besonders Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter gewichten, also die Jahre, die die Weichen für das ganze Leben stellen.

Ist „Das enthüllte Menschenherz“ aber tatsächlich „eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur“, wie der rührige Galiani Verlag tönt? Was das Ausleuchten seelischer Abgründe betrifft, ist Dostojewski immer noch unangefochtener Tiefentaucher. Dazu ist die behauptete Aufrichtigkeit mit Vorsicht zu genießen, denn jede Autobiografie ist auch eine Selbststilisierung.

Dafür findet der Leser hier eine Bildungsroman-Biografie vor, freilich den Roman eines gescheiterten Bildungsweges. Die eigentliche Wurzel des Übels liegt in der Diskrepanz der Wahrnehmung der sich entfaltenden Seele und den vorgefassten Meinungen der Tonangeber, namentlich, was Sitte und Anstand betrifft. Und die gebieten: Unerreichbare Damen sind besonders begehrenswert!

Was nun die erotischen Episoden in gehobenen wie niederen Kreisen betrifft, so befleißigt sich Monsieur Nicolas einer gewählten Sprache und herzerfrischender Metaphern. Wird es gar zu skandalös, weicht der Autor auf nobleres Latein aus (Übersetzung im Anhang). Das macht seine Abenteuer höchst vergnüglich.
Gelegentlich trägt er, was die Verknotungen des Schicksals betrifft, dick auf. Dass er unwissentlich seine eigene Tochter schwängert, deren Mutter er als Jüngling beglückt hat, ist schon hart genug. Dass ihm solche Vaterfreuden aber auch noch mit drei verschiedenen Nymphen widerfahren, ist denn doch zu viel des Argen.

Wie gesagt, Stilisierung – auch und gerade im Verwerflichen. Andererseits wälzt sich Nicolas kaum wollüstig im Schlamm der Selbstbezichtigung. Kühl analysiert er das Verbotene seines Treibens und die Diktatur des Phallus, die ihn vom rechten Wege bringt.

Er steht zum Genuss seiner Gelüste, er weiß um die Ausbeutung und um den Betrug an seiner jeweiligen Herzdame, und er weiß, dass er bitter dafür bezahlt. Das hebt Retifs Autobiografie weit über die moralisierenden Ergüsse seiner Zeitgenossen. Nur eine Weisheit von vielen: „Nach dem Koitus sind alle Lebewesen traurig, ausgenommen der Hahn und der Schüler, der es gratis treibt.“

Reinhard Kalb

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz. Deutsch von Reinhard Kaiser. Galiani, 720 Seiten, 38 Euro.

Neuer Blick auf Napoleon: Ein Prototyp der Moderne?

Braucht es wirklich noch eine Biografie über Napoleon Bonaparte, die sich zu den anderen Tausenden Werken über diese Persönlichkeit gesellt? Der Historiker Patrice Gueniffey bejaht dies – und sein Buch „Bonaparte“ unterscheidet sich auch von allen bisherigen Darstellungen.

„Napoleon nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten in Paris“ von Paul Delaroche im Museum der bildenden Künste Leipzig (Foto: Jan Woitas/dpa)

Gueniffey sieht Napoleon als ersten Menschen der Moderne, der diverse Rollen gespielt habe: korsischer Patriot, jakobinischer Revolutionär, moderater Republikaner, Thermidorianer, Eroberer, Diplomat, Gesetzgeber, Putschist, Diktator, Monarch und Exilant. Er stand für das revolutionäre Pathos und gleichzeitig für den Wunsch der Bevölkerung nach einem Führer. Gueniffeys Buch ist damit ein historisches Werk über Napoleon und die napoleonische Zeit, aber mit einer philosophischen Perspektive auf die Moderne.

Der erste Band der auf zwei Bände angelegten Biografie liegt nun in deutscher Übersetzung vor, und schon zu den Jahren von Napoleons Geburt 1769 bis zum Jahr 1802, als er sich zum Konsul auf Lebenszeit machen ließ, liefert Gueniffey knapp 1300 Seiten. Die sind minutiös recherchiert und weisen einen beachtlichen Literaturapparat auf. Schon dadurch gelingt dem Historiker ein Mammutwerk, eine epochale Darstellung.

Genannt hat er den ersten Teil „Bonaparte“, da Napoleon in dieser Zeit noch seinen Familiennamen verwendete, erst in italienischer, dann in französischer Schreibweise. Schon die vielen Namensänderungen stehen für die wechselnden Rollen, die die Figur einnahm.

Gegliedert ist „Bonaparte“ in sechs Teile, die chronologisch je für eine Lebensphase und gleichsam einen modernen Prototyp stehen: etwa den Patrioten und Revolutionär, den großen Feldherrn in Italien, den Selbstdarsteller in Ägypten und den Putschisten.

Vielleicht ist es aber gerade der schiere Umfang, durch den die Kernthese Gueniffeys in den unübersichtlichen Wogen des Quellenmaterials teils untergeht. Bei den ausführlichen Schilderungen bleiben oft weitere Erklärungen aus, warum es sich gerade bei Napoleon um einen Prototypen der Neuzeit handeln soll.

Was der Autor unter einem so vielschichtigen Phänomen wie der Moderne überhaupt versteht, wird nicht von ihm definiert. Ist es die Kombination aus alten und neuen Werten, ist es die Politik als Kampf, ist es eine Dynamik sich wandelnder Identitäten, sind es Egoismus und Opportunismus statt Tugend?

Damit bleibt der Aspekt der Moderne zwischen Schilderungen von Kriegsverläufen und Napoleons Selbstinszenierung als Revolutionär und Mythos eine eher versteckte Erscheinung. Dennoch kann man mit Hilfe dieses Buches die Moderne, wie Adorno und Horckheimer, als paradoxale Dialektik sehen, zwischen Fortschritt-Mythos und verspätetem Heldentum, wie Nietzsche mit Bezug auf Napoleon meinte. Gueniffey spielt erst in der Mitte des Werkes und nur auf wenigen Seiten darauf an, dass Napoleon als Moderner ja verschiedene Gegensätze und Ideale verkörpert – wie Monarchie und Demokratie, alte und neue Freiheiten.
Das fordert vom Leser einiges an Kombinier-Arbeit.

Einerseits hat Gueniffey einen großen Wurf gelandet, ein intellektuelles und detailliertes Lesevergnügen geschaffen, wie man es nur noch selten bekommt; andererseits erwartet er vom Leser auch eine große Leistung. Und gerade die Notwendigkeit dieser Biografie, über die Moderne zu reflektieren, macht das Werk so interessant und vorbildlich. Man darf also darauf gespannt sein, ob Gueniffey im zweiten Band deutlicher wird. Die knapp 1300 Seiten sind minutiös recherchiert und weisen einen beachtlichen Literaturapparat auf. Schon dadurch gelingt dem Autor ein Mammutwerk.

Philip Dingeldey

Patrice Gueniffey: Bonaparte. 1769–1802. Suhrkamp, 1296 Seiten, 58 Euro.

Ferdinand von Schirach redet mit Alexander Kluge

Sein neuer Band mit Kurzgeschichten, „Strafe“ betitelt, wird erst im nächsten März erscheinen. Aber auch das Buch, das Bestsellerautor Ferdinand von Schirach mit dem Filmemacher und Schriftstellerkollegen Alexander Kluge gemacht hat, ist lesenswert.

Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach (Foto: Archiv Kairosfilm)

Das ist ein kleines Buch, fest gebunden, gut in der Hand und preiswert dazu. Es passt bequem in jede Innentasche einer Jacke oder eines Mantels. Vielleicht sollte man es immer mit sich führen, denn enthält (beinahe) die Weisheit der Welt. Und es kann helfen, darin zu blättern, wenn gerade wieder Wut oder Ratlosigkeit über den Zustand der Verhältnisse in einem aufsteigen.

Das Buch hat den Titel „Die Herzlichkeit der Vernunft“. Es enthält Gespräche, die der Jurist, Filmemacher und Autor Alexander Kluge und der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach miteinander geführt haben. Mit seinem Theaterstück „Terror“ hat von Schirach auch das Publikum der Nürnberger Kammerspiele in Bann geschlagen.

Ausgehend von historischen Rechtsfällen (etwa Sokrates oder der Fall Jean Calas, bei dem Voltaire im 18. Jahrhunderts für Revision sorgte) schreiten Kluge und von Schirach den Horizont aufgeklärter und aufklärender Vernunft aus. Sie streifen die Teilchenphysik, unterhalten sich über Hirnphysiologie, diskutieren über das Theater und scheuen auch nicht davor zurück, die Schuldfrage an Gott im Fall Adam und Eva zu stellen.

Von Schirach: „Die Mitschuld Gottes wurde nicht geklärt – er war es doch, der diesen seltsamen Baum gepflanzt hat, und er war es doch, der die bösartige Schlange erschaffen hat. Damit hat er selbst die Ursachen für Evas Verfehlung gesetzt. Wenn aber Gott erst Voraussetzung oder sogar Anreiz für Straftaten erschafft, kann er später niemanden dafür verurteilen.“

Es geht in diesem Buch um Gut und Böse und darum, dass man das nicht so einfach unterscheiden kann, wie es viele gern hätten (das ist das Thema von „Terror“). Es geht auch um Güte. Von Schirach meint, er würde bei einer Frau oder einem Mann weder Intelligenz noch Schönheit am meisten schätzen, sondern Güte. Alexander Kluge erwidert darauf: „Sie nähern sich der Komödie stark, wenn Sie in Realverhältnisse einen gütigen Menschen einfügen. Er wirkt wie Don Quijote.“

Güte in diesen Verhältnissen erscheint also als komische Weltverkennung. Dabei ist Kluge – von dem zuletzt eine schöne Kooperation mit dem Maler Georg Baselitz zum Thema Zorn erschien – der Optimist in diesen Gesprächen: weil er Humanist ist und irgendwie an den Menschen und seine Gefühle mit ihrer Sehnsucht nach dem guten Ende glauben möchte. Von Schirach verzweifelt eher an der Humanität und sieht, wie die Verhältnisse derzeit aus den Fugen geraten.

Er hat auch das Schlusswort: „Wir müssen die Unabhängigkeit der Gerichte achten, die Selbstständigkeit der Institutionen, das ganze komplexe Geflecht aus Regierung, Gesetzgebung, Rechtsprechung und Presse. Sonst werden wir eines Tages aufsehen, weil die Musik mitten im Takt abbricht, die heiteren Spaziergänger werden verschwinden, die leichten Sommerkleider und die hellblauen Tage. Und dann, ganz am Ende, verschwinden wir selbst.“

Stefan Zweig hatte beschrieben, wie die Musik im Kurpark in Baden bei Wien abbrach, als die Nachricht von den Schüssen in Sarajevo eintraf, die den Ersten Weltkrieg auslösten. Auch als Mahnung sollte man „Die Herzlichkeit der Vernunft“ immer bei sich tragen.

Herbert Heinzelmann

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der Vernunft. Luchterhand, 192 S., 10 Euro.
Alexander Kluge, Georg Baselitz: Weltverändernder Zorn. Suhrkamp, 237 S., 28 Euro.

Wiederentdeckt: die Chansonsängerin Barbara

Mit „Göttingen“ schrieb sie nicht nur eines ihrer schönsten Chansons, sondern auch – Staatsmänner weisen immer wieder darauf hin – ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der deutsch-französischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum zwanzigsten Todestag wird der Pariser Sängerin Barbara (1930–1997) nun erneut gedacht. Erstmals erscheinen bei uns ihre lesenswerten Memoiren, dazu ein Tributalbum des Klassikpianisten Alexandre Tharaud.

Der war – Jahrgang 1968 – schon damals ein großer Fan der Künstlerin und folglich sogar auf ihrer Beerdigung anwesend, Ende November in Bagneux bei Paris. Nach dem Nieselregen kam die Sonne heraus und die letzten treuen Anhänger, die tapfer und schweigend ausgeharrt hatten, begannen am Grab ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. „In dieser düsteren Stimmung hatten wir im Grunde nur einen einzigen Wunsch: zu singen“, schreibt Alexandre Tharaud.

Und so sangen sie. Sangen Barbaras Lieder, die sie so liebten. „Ein herrlicher, improvisierter Chor aus lauter schrägen, unbeholfenen Stimmen.“ Eine Geisterbeschwörung – und die willkommene Tröstung der Gemeinde: „Barbara war da, mehr denn je, sie lebte in unseren Stimmen.“

Vor 20 Jahren gestorben, jetzt in ihren Memoiren und neuen Alben verewigt: die französische Sängerin Barbara, die sich stets selbst am Klavier begleitete. (Foto: dpa)

Das gilt auf seine Weise auch für das wunderbare Doppelalbum, das Tharaud jetzt zum Jubiläum aufgenommen hat – und das vielleicht schon damals als Idee seinen Ursprung hatte. Hier nun wird sie umso professioneller umgesetzt und hält so die Erinnerung an den grazilen Chansonstar wach.
Alexandre Tharaud, von Bach und Scarlatti über Mozart bis zu Rachmaninow und Satie ein extrem vielseitiger – und vielgepriesener – Interpret am Flügel, konnte für „Barbara“ eine illustre Schar von Musikern gewinnen. Von Klassikkollegen wie Geiger Renaud Capuçon über alte Weggefährten der Künstlerin bis zu Popstars à la Vanessa Paradis, gewohnt erotisch hauchend: Alle machten mit.

Und fächern in ihren Versionen die melancholischen, stets aber leichten und elegant dahinperlenden Chansons von Barbara völlig neu auf. Deren zarter Nachtigallenstimme, so fragil wie flott flötend, kommt dabei wohl die Schauspielerin Juliette Binoche am nächsten, wenn sie die Liebesbilanz „Mes hommes“ (Meine Männer) singt: eine erstaunliche Anverwandlung!

Zerbrechlich wie immer Jane Birkin im aufs Jenseits blickenden „Là-bas“ (das sie dann auch noch auf Englisch wiederholt), mit fast femininer Grazie der Sänger Dominique A. in „Cet enfant-là“ – ein Lied über den vergeblichen Kinderwunsch Barbaras. Kein einziges Chanson wird hier verschenkt, selbst exotischere Stimmen wie Rokia Traoré aus Mali oder die Spanierin Luz Casal gliedern sich stimmig in die Hommage ein, bezaubern mit eigenem Akzent.

Und ja, sogar der alte Helmut Berger hat seinen gelungenen Auftritt: Rezitiert, nicht ohne gewisse Süffisanz, die schlichten und doch völkervereinenden Zeilen des Liedes „Göttingen“, das Barbara nach Konzerten in der Stadt geschrieben hatte. Weil auf der Bühne des Jungen Theaters nur ein lausiges altes Klavier herumstand, organisierten Studenten flugs einen Flügel aus der Nachbarschaft. Die Künstlerin zeigte sich dankbar, ihr Blick auf Deutschland, das sie lange nicht besuchen hatte wollen, wurde gnädig.

Der Hintergrund: Barbara stammte aus einer jüdischen Familie, hatte als Kind die Verfolgung durch die deutschen Besatzer am eigenen Leib miterleben müssen. Das lässt sich alles nachlesen in den Memoiren der als Monique Serf geborenen Sängerin, die nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. „Es war einmal ein schwarzes Klavier . . .“, so der Titel des zwar unvollendet gebliebenen, aber in sich schlüssigen – und sehr schön geschriebenen – Berichts.

Barbara hatte ihn im Jahr ihres Todes begonnen. Von der Bühne aus Krankheitsgründen bereits zurückgezogen, lebte sie in ihrem Landhaus in Precy sur Marne, östlich von Paris. Und blickte nun noch einmal zurück auf Kindheit und Jugend, auf die schwierigen Familienverhältnisse, die Zeit des Krieges und die langwierigen Anfänge ihrer Karriere. Dass sie Klavier spielen und singen wollte, wusste sie schon als kleines Mädchen: Mit den Händen klopfte sie auf den Küchentisch und träumte von Tasten.
Dafür war nur kein Geld da. Noch bevor die Familie immer wieder vor den Nazischergen flüchten musste (auch im unbesetzten Teil Frankreichs), floh sie vor den Vermietern.

Geradezu leitmotivisch, knapp und doch poetisch erzählt das Buch, wie Barbara es dann doch schaffte, ein eigenes Instrument zu haben – und damit endlich „die Frau, die singt“ zu werden, die sie von Anfang sein wollte.

Der Künstlername stammte von „Varvara“, ihrer geliebten Großmutter aus der Ukraine; die musikalischen Kenntnisse von den Gesangsstunden, die sie bekam – und die sie als jugendliche Gasthörerin sogar ans Pariser Konservatorium brachten. Ihre Lehrer sahen in ihr eine klassische Sängerin. Sie selbst nicht. Aber als was sah sie sich dann?

Erste künstlerische Gehversuche mit Tingeltangel und Chansons, zunächst in Brüssel, und auch einige sehr kritische Zeiten am Rande der Bohème (fast wäre sie einmal – vor Hunger und Not – auf dem Straßenstrich gelandet) führten dann doch auf den richtigen Weg. Barbara entdeckte die Lieder von Jacques Brel und Georges Brassens für sich, fand in dem kleinen Pariser Cabaret „L’Ecluse“ (Die Schleuse) am linken Seine-Ufer eine Nische für ihre neuartige Kunst. Täglich um Mitternacht trat sie dort ab Mitte der 50er Jahre auf: ein Nachtgewächs des literarischen Gesangs, zart und apart.

Der Durchbruch kam zehn Jahre später, 1964, mit eigenen Liedern, wie es das Album „Barbara chante Barbara“ schon im Titel postulierte. Ihre Autobiografie zeigt, wie persönlich, ja intim und wahr die Texte ihrer Chansons stets waren. Etwa wenn Barbara den Tod des Vaters in „Nantes“ beschreibt. Er hatte die Familie verlassen müssen (wohl auch wegen sexuellen Missbrauchs, aber das wird nur angedeutet), nun bedauert die trauernde Tochter, dass der Anruf aus dem Krankenhaus zu spät kam, sie ihn nicht mehr lebend vorfand.

Unter den losen Erinnerungen, die das kleine Buch abrunden, ist eine Liebeserklärung an den Schauspieler Gérard Depardieu, mit dem sie 1986 die Musikrevue „Lily Passion“ aufführte. Die Liebe war beidseitig: Bereits Anfang dieses Jahres hat der Mime auch ein Album für sie vorgelegt: „Depardieu singt Barbara“. Und Barbara – war da.

Wolf Ebersberger

Barbara: Es war einmal ein schwarzes Klavier . . . Unvollendete Memoiren. Wallstein, 200 S., 18,90 Euro.

Zwischen Köln, Venedig und Paris: Hanns-Josef Ortheil

Vielleicht hätte Mia bei ihrer Abreise nach einem Studienaufenthalt in Venedig nicht so leichtfertig Einladungen aussprechen sollen. Denn eines Tages steht der junge Venezianer Matteo vor ihrer Kölner Haustür. Entgegen strenger Abmachungen ihrer Drei-Mädel-WG (Kein Mann in der Wohnung!) erhält er Einlass. Und mischt das Leben der drei, die ihm bald mehr als Sympathie entgegenbringen, gehörig auf. Ganz durchschauen sie ihn nicht. Wer ist dieser junge Mann?

Ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, der stundenlang durch Köln streift und hochkonzentriert Sehenswürdigkeiten zeichnet, dabei merkwürdige Affinitäten zu Barlachs schwebendem Engel hat. Einer mit großem Harmoniebedürfnis, der aber auch ganz tatkräftig abwäscht und saubermacht sowie der Betreiberin eines kleinen Cafés mit Rat und Tat zur Seite steht.

Er liebt Paris… Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: Peter von Felbert)

Genaueres zur Handlung des Romans – nicht zuletzt auch eine Hommage an Ortheils Heimatstadt Köln (und an Venedig und an die durch die beiden Dome verkörperte Kultur) – sei hier nicht verraten. Beim ersten Lesen mag einem das Buch fast ein bisschen zahm und altmodisch erscheinen. Aber vielleicht will Ortheil, dass man aufmerksam auch zwischen den Zeilen liest: Da entdeckt man dann ein Plädoyer für Tugenden und Werte wie Achtsamkeit, Langsamkeit, für den intensiven Blick auf die Umgebung, die Bedeutung des Reisens und so weiter.

Und man findet einige aus früheren Werken bekannte Themen des Autors wieder: die Vaterbeziehung und die Bruder-Thematik. Ortheil selbst hat ja bekannt, dass er in Matteo fast ein „alter ego“, eine brüderliche Figur sieht. Wer noch mehr erfahren will: Hanns-Josef Ortheil liest in Erlangen auch aus diesem Roman.
Sehr anspruchsvoll geht es in „Paris, links der Seine“ zu, der zweiten Ortheil-Neuerscheinung des Herbstes. Hier machen sich die lebenslang geführten Kladden des Autors, mehrere Aufenthalte in Paris und sein sehr aufmerksames Betrachten bemerkbar.

Ortheil erkundet das Gebiet links der Seine abseits von Touristenströmen, findet stille Plätze und interessiert sich besonders für die Themen Literatur und Küche. Dabei folgt er nicht nur den Spuren von Ernest Hemingway und Roland Barthes – zwei Schriftsteller, die ihm viel bedeuten und auf seine schriftstellerische Arbeit Einfluss hatten – und anderer nicht nur berühmter Poeten, sondern berichtet auch von Lokalen der Jazz- und Chanson-Szene.

Manche Details sind verblüffend: So soll Sartre angeblich im „Le Tabou“, ein Treffpunkt für junge Nachtschwärmer, gesungen haben … Dazu kommen – ähnlich früheren Büchern wie dem über Rom – eine Menge Tipps für Lokale unterschiedlichster Couleur: Ob nur ein kleiner Imbiss oder ein großes Menu, ein spezieller Drink oder eine große Weinprobe – Ortheil, der Feinschmecker, hat immer lohnende Vorschläge.
Dass er an besonderen Buchläden nicht vorbeigehen kann, erstaunt nicht. Eher, dass er sogar bedeutende Herrenausstatter besucht.

Mit all diesen Spaziergängen entsteht nicht nur für Paris-Kenner, die die Stadt einmal ganz anders erleben wollen, sondern besonders für Freunde französischer Literatur ein konzentrierter Reiseführer, der auch zuhause viel Neues entdecken lässt. Die atmosphärisch dichten und vielsagenden Fotos stammen übrigens von Ortheils Sohn Lukas.

Anja Weigmann

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.
Paris, links der Seine. Insel Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Giacomettis Gegengattin: „Caroline“

Sie war das Gegenteil seiner sittsamen Ehefrau, „Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell“.
Für einen lesenswerten Essay folgte der französische Romancier Franck Maubert der Spur der Muse in ihr heutiges Leben.

An Caroline arbeitet sich der Künstler vier Jahre lang ab – über das bildnerische Werk weit hinaus. Die Geliebte, die dem Bildhauer, Maler und Zeichner zwischen 1961 und 1965 häufig Modell stand und dann mit ihm durch das Nachtleben von Montparnasse zog, ging in die Kunstgeschichte ein. 20 gemalte Porträts, zahlreiche Zeichnungen, Grafiken sowie eine Bronzebüste blieben erhalten. Was wurde aus ihr?

Franck Maubert hat Giacomettis junge Herzensdame von damals, die öffentlich stets nur Vorname blieb und nie einen Hehl aus ihren bezahlbaren Diensten gemacht hat, in unseren Tagen aufgesucht. Gefunden hat er
sie in Nizza, in einer winzigen, staubigen Wohnung. Vom Leben erschöpft und gedanklich nicht immer bei der Sache. Maubert hört ihr zu und gewinnt das Vertrauen der Frau, die dem Künstler von Weltrang so wichtig war, dass er ihr zuliebe sogar die nähere Bekanntschaft mit Marlene Dietrich ausschlug.

Alberto Giacometti und Caroline Tamagno im Gespräch in der Bar »Chez Adrien« in Paris, 1959 (Foto: Sammlung Jacques Polge, Verlag)

Mauberts literarisch ambitionierte Recherche ist ein einfühlsames, auch sehr persönlich geratenes Buch über die verzwickte wie verrückte Beziehung zwischen der jungen Hübschen und dem 40 Jahre älteren Bohémien. Außerdem lassen sich seine Zeilen als atmosphärisch starke Studie des Nachtlebens der 60er Jahre lesen. Da ist das Licht in den Gassen, den Bars, den Etablissements. Orte werden durchstreift, die dem Paar zwischen Verzweiflung und Glück zur flüchtigen Heimat wurden.

Giacometti, geboren im Bergell, lebte ab den frühen 20er Jahren in Paris. Faltendurchfurcht, Kette rauchend, die Kleider kaum gipsspurenfrei, war er so etwas wie ein wandelndes Maskottchen der Existenzialisten. Er schuf ihnen ihre Kunst. Dem Material abgetrotzte Geschöpfe, fragil hineingestellt in den freien Raum. „Erst spät begreift sie“, schreibt Maubert über Caroline, „dass Alberto nicht wirklich eine Person zeichnet, sondern vielmehr das, was er sieht.“

Der Künstler und die Kokette: ein Gegensatzpaar. So nahe wie Caroline kamen ihm in Paris nur der Bruder Diego und Annette, die er jung geheiratet hatte. Wobei sie die Stube nicht verließ und ein paar Treppenstufen über dem Atelier verharrte, war die „andere“ da.

Dass der Bildhauer wie besessen war von Prostituierten, ist kein Geheimnis. Aber mit welcher Zärtlichkeit Maubert von der Sehnsucht des Getriebenen erzählt, ist wohlformuliert. Und durchaus intim. Einmal gesteht der Autor dem Leser, früher ähnlich rastlos durch die Straßen gestreift zu sein – um nach dem Besuch der Frauen, also „20 Minuten später wieder hinunterzugehen, den Kopf voll vom Gefühl des Scheiterns, der Zerrüttung und noch stärkerer Einsamkeit, selbst wenn das Mädchen mich ,Mein Prinz‘ genannt hatte“.

Giacometti hatte an Caroline einen Narren gefressen. Er nahm Plünderungen durch ihre Zuhälter in Kauf, gab ihr Geld für einen roten Sportwagen. Manchmal wartete er Wochen an den vertrauten Tresen und in Etablissements auf sie. Als die Gefährtin ihm erzählt, mal eben einen greisen Freier geheiratet zu haben, bewahrt er die Ruhe. Will sie weiterhin. Dabei sind es andere Kreise, in denen er verkehrt. Ein für das junge Ding kaum zu begreifendes Ereignis spielt sich in London ab, wo Caroline mit ihm auf Francis Bacon trifft.

Mauberts Besuch bei Caroline in Nizza ist nicht frei von Beklemmungen. Allzu Persönliches will er für seinen Essay gar nicht erfahren. Die Begegnung mit der Geläuterten verläuft zwischen Faszination und Irritation für ihn. Er verhehlt es nicht.

„Alberto hat auf das Geld gepfiffen. Er schenkte mir alles, was ich wollte“, verrät ihm die Gespielin des Künstlers etwa. So dass Maubert nachhakt: „Und Sie!“ Um ein Lachen zu ernten. Dann ein Husten: „Oh, ich . . . Das ist etwas anderes.“

Es sollte tatsächlich Caroline und nicht Annette im Kantonsspital von Chur vorbehalten sein, den oft so Unnahbaren in seiner Todesstunde noch einmal zu berühren.

Neben Carolines Bett in Nizza sah Maubert ein zerknittertes Schwarz-WeißBild des Künstlers stehen. Nur das Foto und die Erinnerungen blieben ihr von seiner Liebe. Keine Kunst.

Christian Mückl

Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell. Piet Meyer Verlag, 112 S, 16 Euro.

Daniel Kehlmanns großer neuer Roman „Tyll“

Auf den Spuren des Simplicissimus: Hat Daniel Kehlmann mit „Tyll“, soeben erschienen, sein bestes Buch geschrieben? Die ersten Lobeshymnen legen es nahe. Selbst einem bluttriefenden Thema wie dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt der deutsche Erfolgsautor jedenfalls auch bewusst unterhaltsame Aspekte ab. Ein historischer Roman als zeitloses Schreckensbild – und große Gaukelei.

Daniel Kehlmann auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Dedert, dpa)

Selbst Shakespeare tritt hier auf: sehr charmant. Gerade hat er am englischen Königshof sein neuestes Stück „Hamlet“ aufführen dürfen, nun bedenkt er die kunstsinnige KönigstochterElizabeth – vom Theater ganz allgemein, von ihm ganz besonders angetan – mit einem untertänigsten Handkuss. Ach, wären alle Künstler doch so angenehm! Tyll, ihr Narr und Unterhalter, wird ihr die Wahrheit ganz anders servieren – knallhart ins Gesicht, auf Augenhöhe, ohne geringsten Respekt. Aber dafür, wie er selbst umgehend einwenden würde, wird er ja bezahlt!

Tyll, das ist der mehr oder weniger verbürgte Till Eulenspiegel oder eben Tyll Ulenspiegel, den sich Daniel Kehlmann als seinen jüngsten Romanhelden auserkoren hat. Wie man es von einem ironisch geprägten Erzähler wie Kehlmann erwarten konnte, aber nicht als blanke Biografie des mittelalterlichen Spaßvogels und Bürgerschrecks oder als süffiger Historienschmöker à la Sabine Weigand, Iny Lorentz oder Ken Follett, sondern als kühnes literarisches Spiel.

Nicht nur, dass dieser „Tyll“ seiner eigentlichen Epoche entrissen wird und, gewissermaßen als zeitlos brauchbarer Mythos, aus dem 14. flugs ins 17. Jahrhundert versetzt wird, er ist – genau genommen – nicht mal die Hauptfigur im hier aufgespannten Panorama. Kehlmann, dieser rebellierende Musterschüler, nutzt ihn als eine Art narrative Staffel, die er von Episode zu Episode reicht, um die Lebens- und Sterbewelt des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) in allen möglichen Facetten zu beleuchten.

Wie raffiniert und spannend er dies macht, zeigt bereits das erste der insgesamt acht Kapitel, aus denen „Tyll“ besteht. Da tritt der Artist auf seinem Hochseil in einem kleinen Bauerndorf auf, das bislang von den Verheerungen des Krieges verschont blieb. Das Chaos freilich, das Tyll Ulenspiegel auslöst, als er alle Zuschauer dazu auffordert, doch ihre rechten Schuhe nach ihm zu werfen (die sie dann natürlich wiederhaben wollen), ist wie ein Vorzeichen jener Vernichtung, der hier am Ende keiner entgehen wird. Das Kapitel wird erzählt als Rückblende – es sprechen die Toten selbst, ein Chor der namenlosen Opfer.

Tyll, dieser Schelm, ist dabei nicht nur ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Situation, er ist auch eine dämonische Figur. Mager, hohlwangig, uniformiert mit Lederkappe und Wams: ein früher Horrorclown, der gnadenlos böse die Mächtigen wie die einfachen Massen reizt und herausfordert. Am Nächsten kommt man ihm wohl als Kind: Sohn eines einfachen Müllers, der dennoch von Wissen und Weisheit träumt und sowohl sich wie anderen mit seinen heilerischen Kenntnissen (und hier und da dem passenden Zauberspruch) weiterhilft.

Das wird ihn leider den Kopf kosten. Zwei Jesuiten bringen den alten Ulenspiegel als „Hexer“ an den Galgen, hemmungslos folternd und selbst den kleinen Tyll zu belastenden Aussagen gegen den Vater zwingend. Der spätere Gelehrte Athanasius Kircher ist einer von ihnen – und wird von Kehlmann als wahrlich teuflische Figur, die auch noch mehrfach auftaucht, gezeichnet.

Mehr noch freilich ist es der Moloch der scheinbar religiös motivierten, letztlich aber als reines Hauen und Stechen, Rauben und Morden endenden Kriegsmanöver, der – egal von welcher Seite – die deutschen Lande blutrünstig verschlingt. Abgeholzte Wälder, verbrannte Erde, ein Heer von Krüppeln und Berge von Leichen: Kehlmann führt den Leser aufs Kriegsfeld und in die Krankenlager. Hunger, Leid und Gestank überall.

Was bedrückend wäre, wenn er – wie in seinem umwerfenden Durchbruchsroman „Die Vermessung der Welt“ (2005) – nicht auch feinere, fröhlichere Saiten anschlagen würde. Eben mit jener Elizabeth, der Enkelin von Maria Stuart, die mit dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich verheiratet wird. Als „Winterkönig“, den sich die Böhmen gegen den Kaiser wählen, ging er, glücklos und verspottet, in die Geschichte ein. Nach seinem frühen Tod wird sie, eine herzerwärmende, kluge Frau, mit allen Mitteln um die verlorene monarchische Würde kämpfen. Und Kehlmann scheint ganz bei ihr.

Natürlich ist er als Autor selbst ein Narr und Eulenspiegel: ein luftiger Artist, der elegant und leichthändig mit Geschichten, Zeiten, Menschentypen jongliert. Keck entzieht er sich der Festlegung, spielt mit der Wahrheit, streckt jedem, der es genau wissen will, die Zunge heraus – und ein bisschen Magie ist auch mit dabei. Einen historischen Roman mag man „Tyll“ also kaum nennen. Die Kapitel sind stilistisch wie bunte Bälle, jeder anders, gegen die Chronologie in die Höhe geworfen. Fange sie auf, wer kann.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt, 474 Seiten, 22,95 Euro.

Mit 60 Jahren wird Nick Cave zum Comic-Helden

Dass Reinhard Kleist ein Faible für die düsteren Gestalten der Musikwelt pflegt, ließ schon seine liebevolle Comic-Hommage an Country-Ikone Johnny Cash erahnen. Nun hat sich der mehrfach preisgekrönte Zeichner aus Berlin mit Nick Cave einen anderen „Man in Black“ vorgenommen. Der Frontmann der Bad Seeds, der soeben 60 Jahre wurde, gilt als ähnlich schillernde, komplexe und spätestens seit dem tragischen Unfalltod seines Sohnes von inneren Dämonen geplagte Persönlichkeit.

Nick Cave, das Kunstwerk. (FOTO: Reinhard Kleist, Buch-Illustration aus Nick Cave And The Bad Seeds, Carlsen Verlag)

Die 328 Seiten starke Graphic Novel „Mercy On Me“ (Carlsen Verlag, 24,99 Euro) funktioniert denn auch nicht als klassische Biografie mit streng chronologischer Erzählstruktur. Sie ist vielmehr der virtuose, phasenweise surrealistische und mit viel künstlerischer Freiheit angereicherte Versuch der Annäherung an einen Menschen, der schon zu Lebzeiten an der Schwelle zum Mythos steht.

Zwar schildert Kleist in expressiven, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern den Aufstieg eines grüblerischen Teenagers aus dem australischen Warracknabeal zum weltweit gefeierten Rockstar; die markanten Ereignisse und Wendepunkte in Caves Karriere dienen dabei aber allenfalls als grobe Klammer. Detailverliebt erzählt Kleist von Caves erster Band The Boys Next Door, aus der die legendären The Birthday Party erwuchsen, lässt die drogengetrübten, manischen Punkjahre in Berlin und London Revue passieren und erinnert an illustre Weggefährten wie Mick Harvey, Anita Lane, Lydia Lunch, Blixa Bargeld, PJ Harvey oder Kylie Minogue.

Dazwischen webt der 47-Jährige aber immer wieder furios illustrierte Songtexte ein oder lässt Cave in Visionen auf die gepeinigten (und am Ende meist toten) Figuren seiner eigenen morbiden Lieder und Romane treffen: etwa die adrette Wasserleiche Elisa Day („Where The Wild Roses Grow“), den unschuldigen Delinquenten auf dem elektrischen Stuhl („The Mercy Seat“) oder den sterbenden Ausreißer aus dem „Hammer Song“.

Und spätestens wenn auf dem Weg nach Genf noch Blues-Pionier Robert Johnson in Caves Auto steigt und die Fahrt mit einem großen Knall im Teilchenbeschleuniger endet, sind auch die letzten Grenzen zwischen Fakt und Fiktion pulverisiert. So gerät „Mercy On Me“ zu einem faszinierenden und bisweilen bizarren Panoptikum, das Leser, die mit Caves Schaffen nur wenig vertraut sind, allerdings etwas überfordern könnte.

Als ideale Ergänzung dient das im LP-Format gehaltene, prachtvolle Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ (Carlsen, 24,99 Euro), in dem Kleist weitere Porträts, Skizzen und Comicstrips aus dem Cave-Kosmos versammelt.

Uli Digmayer

Richard Fords Elternbuch: „Zwischen ihnen“

US-Autor Richard Ford, Jahrgang 1944, liefert sonst eher dicke Bücher. Sein neuestes ist dagegen ganz dünn: „Zwischen ihnen“, ein nüchtern-inniges Doppelporträt seiner Eltern.

Als Kind seiner Eltern, schreibt Richard Ford, hatte er gleich einen doppelten Luxus: Er war „ein spätes Kind und ein Einzelkind“. Da geht es ihm aber gar nicht, wie man denken könnte, um seine privilegierte familiäre Stellung – um ungeteilte Aufmerksamkeit, vielleicht Liebe. Es geht ihm, und zwar als Autor seiner Geschichte, um die resultierende Freiheit: „allein und ungestört über die Zeit des ganzen Vorgeschehens zu spekulieren – das lange Leben der Eltern, an dem man keinerlei Anteil hatte.“

Ein interessanter Ansatz – der noch einmal in die Irre führt. Denn wo man nun, als gespannter Leser, erwarten könnte, dass Ford – immerhin Verfasser gigantischer Romane wie „Unabhängigkeitstag“ – weit ausholt und die eigene Imagination spielen lässt, verbietet sich der amerikanische Autor gleichsam sein Handwerk.

Deshalb ist „Zwischen ihnen“, dieses skizzenhafte Porträt seiner Eltern Parker und Edna, letztlich so schlank geblieben. Deshalb ist es – ein fast schon janusköpfiges Werk – durchaus spannend, auch wenn nichts Dramatisches berichtet wird.

US-Schriftsteller Richard Ford (Foto: dpa)

Ein Schriftsteller, selbst schon ein älterer Mann, versucht sich an seine Kindheit zu erinnern und muss einräumen, dass er es in vielem gar nicht kann. Er stellt Fragen, an seine Eltern, an sich, weigert sich aber gewissenhaft, Antworten zu erfinden, wenn er sie nicht findet. Seine Eltern: Fremde, wenn man so will. Sie lassen sich nicht vereinnahmen.

Richard Ford macht aus der Not eine Tugend: Er bleibt bei den Fakten, dem „verengten Blickwinkel“ des Kindes, das er war und immer sein wird, und ergänzt sie, sehr knapp, eher kommentierend, mit den Einsichten des Erwachsenen. Und wie soll er seinen Vater anders beschreiben als über dessen lange „Abwesenheit“?

Ein Handlungsreisender, der Montag früh wegfuhr und Freitagabend wiederkam – unterwegs in den Südstaaten für die Firma „Faultless“. Deren damals sehr gefragtes Produkt: Wäschestärke.

Fünfzehn Jahre waren die Eltern bereits verheiratet, bis dann doch noch ein Kind kam: 1944 in Jackson, Mississippi. Was hat sich mit ihm alles für sie geändert, fragt Richard Ford im spekulierenden Rückblick. Ging es ihnen, gemeinsam „on the road“ unterwegs und keinem Vergnügen in Hotels, Cafés und Kneipen abgetan, vorher nicht besser? „Sie wollten mich; aber sie brauchten mich nicht“, bilanziert Ford skeptisch. „Zusammen – vielleicht nur zusammen – blühten sie erst richtig auf.“

Die Familie wurde sesshaft, verband sich mit der Großmutter mütterlicherseits und ihrem ebenso leichtlebigen zweiten Mann, die zusammen ein Hotel in Arkansas führten. Der Vater des Vaters hatte sich als Bankrotteur umgebracht, die Mutter machte aus ihrer Missbilligung der Schwiegertochter kein Hehl. Edna verhielt sich für sie zu „katholisch“.

Vom alltäglichen Leben daheim, den Gesprächen und Ansichten seiner Eltern, kann Ford nicht viel überliefern. Aber: „Wenn ich durch den Dunst all dieser kaum gespeicherten Einzelheiten an meinen Vater denke, läuft die wahrste und liebevollste Erkenntnis über ihn darauf hinaus, dass er kein moderner Vater war. Ja, selbst damals, als ich ihn am besten kannte, schien er von einem anderen Ort, aus einer anderen Zeit zu kommen, von weit her.“

Ein Merkmal sticht dabei heraus: „das aufbrausende Temperament meines Vaters“, seine Ungeduld, sein Jähzorn. Da gewinnt auch der Text gleich an Leben, wenn Ford etwa die Anekdote vom gewilderten Weihnachtsbaum erzählt. Der Vater will ihn klein, der Sohn groß; als er dann nicht in die Wohnung passt und der verärgerte Vater ihn an der Spitze kürzt, wirft der ebenso verärgerte Sohn mit dem verstümmelten Baum nach ihm – eine Tracht Prügel folgt sofort!

Nach dem frühen Herztod des Vaters 1960, da war Richard erst 16, wird die Mutter zur „Partnerin“. Eine Nähe, wenn auch auf Zeit, die dem ihr gewidmeten zweiten Text des Bandes (im Gegensatz zum Vatertext bereits vor Jahrzehnten entstanden) die weit größere Intimität und Geschlossenheit gibt. Sogar seine ersten sexuellen Erlebnisse mit der Freundin hat er ihr – aus Angst vor den Folgen – eins zu eins geschildert.

„Wann suchst du dir endlich eine Arbeit und legst los?“ fragte sie ihn später. Da hatte Ford schon zwei Romane veröffentlicht und unterrichtete in Princeton. Doch sonst waren sie sich in der Einschätzung der Dinge meist einig. „So war das Leben. Etwas anderes würden wir nicht bekommen. Als Mutter und Sohn waren wir Realisten. Wir machten das Beste aus allem und wussten das.“

Vom irischstämmigen Vater hat er die schönen hellblauen Augen, von der Mutter aber den Rest des Gesichts. Die Stirn groß und hoch. „Gleiches Kinn, gleiche Nase. Man kann es auf Fotos sehen“, schreibt Ford. „In mir sehe ich sie, in meinem Lachen höre ich ihres.“

Ein Glückskind.

Wolf Ebersberger

Richard Ford: Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin, 144 Seiten, 18 Euro.