Daniel Kehlmanns großer neuer Roman „Tyll“

Auf den Spuren des Simplicissimus: Hat Daniel Kehlmann mit „Tyll“, soeben erschienen, sein bestes Buch geschrieben? Die ersten Lobeshymnen legen es nahe. Selbst einem bluttriefenden Thema wie dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt der deutsche Erfolgsautor jedenfalls auch bewusst unterhaltsame Aspekte ab. Ein historischer Roman als zeitloses Schreckensbild – und große Gaukelei.

Daniel Kehlmann auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Dedert, dpa)

Selbst Shakespeare tritt hier auf: sehr charmant. Gerade hat er am englischen Königshof sein neuestes Stück „Hamlet“ aufführen dürfen, nun bedenkt er die kunstsinnige KönigstochterElizabeth – vom Theater ganz allgemein, von ihm ganz besonders angetan – mit einem untertänigsten Handkuss. Ach, wären alle Künstler doch so angenehm! Tyll, ihr Narr und Unterhalter, wird ihr die Wahrheit ganz anders servieren – knallhart ins Gesicht, auf Augenhöhe, ohne geringsten Respekt. Aber dafür, wie er selbst umgehend einwenden würde, wird er ja bezahlt!

Tyll, das ist der mehr oder weniger verbürgte Till Eulenspiegel oder eben Tyll Ulenspiegel, den sich Daniel Kehlmann als seinen jüngsten Romanhelden auserkoren hat. Wie man es von einem ironisch geprägten Erzähler wie Kehlmann erwarten konnte, aber nicht als blanke Biografie des mittelalterlichen Spaßvogels und Bürgerschrecks oder als süffiger Historienschmöker à la Sabine Weigand, Iny Lorentz oder Ken Follett, sondern als kühnes literarisches Spiel.

Nicht nur, dass dieser „Tyll“ seiner eigentlichen Epoche entrissen wird und, gewissermaßen als zeitlos brauchbarer Mythos, aus dem 14. flugs ins 17. Jahrhundert versetzt wird, er ist – genau genommen – nicht mal die Hauptfigur im hier aufgespannten Panorama. Kehlmann, dieser rebellierende Musterschüler, nutzt ihn als eine Art narrative Staffel, die er von Episode zu Episode reicht, um die Lebens- und Sterbewelt des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) in allen möglichen Facetten zu beleuchten.

Wie raffiniert und spannend er dies macht, zeigt bereits das erste der insgesamt acht Kapitel, aus denen „Tyll“ besteht. Da tritt der Artist auf seinem Hochseil in einem kleinen Bauerndorf auf, das bislang von den Verheerungen des Krieges verschont blieb. Das Chaos freilich, das Tyll Ulenspiegel auslöst, als er alle Zuschauer dazu auffordert, doch ihre rechten Schuhe nach ihm zu werfen (die sie dann natürlich wiederhaben wollen), ist wie ein Vorzeichen jener Vernichtung, der hier am Ende keiner entgehen wird. Das Kapitel wird erzählt als Rückblende – es sprechen die Toten selbst, ein Chor der namenlosen Opfer.

Tyll, dieser Schelm, ist dabei nicht nur ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Situation, er ist auch eine dämonische Figur. Mager, hohlwangig, uniformiert mit Lederkappe und Wams: ein früher Horrorclown, der gnadenlos böse die Mächtigen wie die einfachen Massen reizt und herausfordert. Am Nächsten kommt man ihm wohl als Kind: Sohn eines einfachen Müllers, der dennoch von Wissen und Weisheit träumt und sowohl sich wie anderen mit seinen heilerischen Kenntnissen (und hier und da dem passenden Zauberspruch) weiterhilft.

Das wird ihn leider den Kopf kosten. Zwei Jesuiten bringen den alten Ulenspiegel als „Hexer“ an den Galgen, hemmungslos folternd und selbst den kleinen Tyll zu belastenden Aussagen gegen den Vater zwingend. Der spätere Gelehrte Athanasius Kircher ist einer von ihnen – und wird von Kehlmann als wahrlich teuflische Figur, die auch noch mehrfach auftaucht, gezeichnet.

Mehr noch freilich ist es der Moloch der scheinbar religiös motivierten, letztlich aber als reines Hauen und Stechen, Rauben und Morden endenden Kriegsmanöver, der – egal von welcher Seite – die deutschen Lande blutrünstig verschlingt. Abgeholzte Wälder, verbrannte Erde, ein Heer von Krüppeln und Berge von Leichen: Kehlmann führt den Leser aufs Kriegsfeld und in die Krankenlager. Hunger, Leid und Gestank überall.

Was bedrückend wäre, wenn er – wie in seinem umwerfenden Durchbruchsroman „Die Vermessung der Welt“ (2005) – nicht auch feinere, fröhlichere Saiten anschlagen würde. Eben mit jener Elizabeth, der Enkelin von Maria Stuart, die mit dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich verheiratet wird. Als „Winterkönig“, den sich die Böhmen gegen den Kaiser wählen, ging er, glücklos und verspottet, in die Geschichte ein. Nach seinem frühen Tod wird sie, eine herzerwärmende, kluge Frau, mit allen Mitteln um die verlorene monarchische Würde kämpfen. Und Kehlmann scheint ganz bei ihr.

Natürlich ist er als Autor selbst ein Narr und Eulenspiegel: ein luftiger Artist, der elegant und leichthändig mit Geschichten, Zeiten, Menschentypen jongliert. Keck entzieht er sich der Festlegung, spielt mit der Wahrheit, streckt jedem, der es genau wissen will, die Zunge heraus – und ein bisschen Magie ist auch mit dabei. Einen historischen Roman mag man „Tyll“ also kaum nennen. Die Kapitel sind stilistisch wie bunte Bälle, jeder anders, gegen die Chronologie in die Höhe geworfen. Fange sie auf, wer kann.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt, 474 Seiten, 22,95 Euro.

Mit 60 Jahren wird Nick Cave zum Comic-Helden

Dass Reinhard Kleist ein Faible für die düsteren Gestalten der Musikwelt pflegt, ließ schon seine liebevolle Comic-Hommage an Country-Ikone Johnny Cash erahnen. Nun hat sich der mehrfach preisgekrönte Zeichner aus Berlin mit Nick Cave einen anderen „Man in Black“ vorgenommen. Der Frontmann der Bad Seeds, der soeben 60 Jahre wurde, gilt als ähnlich schillernde, komplexe und spätestens seit dem tragischen Unfalltod seines Sohnes von inneren Dämonen geplagte Persönlichkeit.

Nick Cave, das Kunstwerk. (FOTO: Reinhard Kleist, Buch-Illustration aus Nick Cave And The Bad Seeds, Carlsen Verlag)

Die 328 Seiten starke Graphic Novel „Mercy On Me“ (Carlsen Verlag, 24,99 Euro) funktioniert denn auch nicht als klassische Biografie mit streng chronologischer Erzählstruktur. Sie ist vielmehr der virtuose, phasenweise surrealistische und mit viel künstlerischer Freiheit angereicherte Versuch der Annäherung an einen Menschen, der schon zu Lebzeiten an der Schwelle zum Mythos steht.

Zwar schildert Kleist in expressiven, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern den Aufstieg eines grüblerischen Teenagers aus dem australischen Warracknabeal zum weltweit gefeierten Rockstar; die markanten Ereignisse und Wendepunkte in Caves Karriere dienen dabei aber allenfalls als grobe Klammer. Detailverliebt erzählt Kleist von Caves erster Band The Boys Next Door, aus der die legendären The Birthday Party erwuchsen, lässt die drogengetrübten, manischen Punkjahre in Berlin und London Revue passieren und erinnert an illustre Weggefährten wie Mick Harvey, Anita Lane, Lydia Lunch, Blixa Bargeld, PJ Harvey oder Kylie Minogue.

Dazwischen webt der 47-Jährige aber immer wieder furios illustrierte Songtexte ein oder lässt Cave in Visionen auf die gepeinigten (und am Ende meist toten) Figuren seiner eigenen morbiden Lieder und Romane treffen: etwa die adrette Wasserleiche Elisa Day („Where The Wild Roses Grow“), den unschuldigen Delinquenten auf dem elektrischen Stuhl („The Mercy Seat“) oder den sterbenden Ausreißer aus dem „Hammer Song“.

Und spätestens wenn auf dem Weg nach Genf noch Blues-Pionier Robert Johnson in Caves Auto steigt und die Fahrt mit einem großen Knall im Teilchenbeschleuniger endet, sind auch die letzten Grenzen zwischen Fakt und Fiktion pulverisiert. So gerät „Mercy On Me“ zu einem faszinierenden und bisweilen bizarren Panoptikum, das Leser, die mit Caves Schaffen nur wenig vertraut sind, allerdings etwas überfordern könnte.

Als ideale Ergänzung dient das im LP-Format gehaltene, prachtvolle Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ (Carlsen, 24,99 Euro), in dem Kleist weitere Porträts, Skizzen und Comicstrips aus dem Cave-Kosmos versammelt.

Uli Digmayer

Schon lustig: Sven Regeners Roman „Wiener Straße“

Kunst konnte schon mal passieren: Sven Regener zieht in seinem Roman „Wiener Straße“ erneut die Kreuzberger Szene der 80er Jahre durch den Kakao.

In der Hauptrolle erst mal: eine Kettensäge. Ihr neuer Besitzer ist Aktionskünstler, nennt sich H. R. Ledigt und wurde von den anderen dummerweise im Baumarkt vergessen. Weshalb er mit dem Waldarbeiterwerkzeug in der einen und einer dazu passend oder unpassend erstandenen Grabgabel in der anderen Hand nicht eben unauffällig durch Kreuzberg stapft.

Schriftsteller Sven Regener (Foto: Frank May, dpa)

Die anderen, die ihn im Baumarkt vergessen haben, das sind die von der „Idiotenwohnung“. Zumindest ihr Vermieter Erwin Kächele nennt sie so. Der auch Wirt vom „Cafe Einfall“ ist. Und Nachbar der „ArschArtgalerie“. Wo Vögel wie P. Immel und Künstlerkollektive wie Dr. Votz ihrer meist spontanen Bestimmung nachgehen. „Kunst ist, wenn einer sagt, dass es Kunst ist. Im Zweifel ich. Und dann muss ich noch mindestens einen finden, der mir das glaubt. Dann ist es Kunst.“

Sven Regeners neuer Roman „Wiener Straße“ knüpft findig dort an, wo seine erfolgreiche „Herr Lehmann“-Trilogie aufgehört hat. Es sind immer noch die 80er Jahre. „Die Zeit des Siegeszugs der zusätzlich hinter der Rückscheibe angebrachten Bremslichter, die die Berliner Nächte seit kurzem zu einer Orgie rot funkelnder Lichtspiele machten“, wie Regener ebenso geschichtsbeflissen wie großstadtidyllisch schreibt.

Vor allem aber sind die 80er Jahre die Zeit, in der viele, die sich im Westen missverstanden, im Elternhaus eingeengt oder sonst irgendwie wie Quallen durch den Tag treibend fühlten, alsbald in Berlin zu finden waren. Regener weiß sehr genau, wovon er schreibt. Bevor er mit seinem Herrn Lehmann Bestsellerautor wurde und Sänger der Band Element of Crime, hat er die Milieus ja mit Haut und Haar selbst durchlebt.

Deutsche Komödie kann er, dieser Autor, und Pointen setzen auch. Für „Wiener Straße“ als wieder filmreif geschriebenes Buch, das als leichte Lektüre rüberkommt, spricht die Nase des Autors für Allzumenschliches und ein ausgeprägtes Sprach- und Humorgefühl.

Was heute als Freakshow oder Satire für Lacher sorgt, war ja damals tatsächlich Wirklichkeit: Da sind Typen, die sich lieber „Gunnar“ nannten oder „Kacki“, um ihre Herkunft aus Österreich und den Vornamen Karl Maria zu übertünchen. Da sind die – wie auch immer – falschen Punks und die richtigen, Hauptsache im passenden Augenblick in Szene gesetzt, wenn die Fernsehkamera filmt. Und da tauchen die doch wieder sehr autoritären oder kleinbürgerlichen Strukturen selbst beim Kuchenverkauf im alternativen Café Einfall oder bei der Sitzung der „ArschArtgalerie“ auf.

Als Kerstin anreist, die Schwester von Einfall-Wirt Erwin aus dem Schwäbischen („Guts Nächtle“), um nach ihrer in der Kreuzberger Szene wahrscheinlich süß und doof dahintreibenden Tochter Chrissie zu sehen, stellt sie so zeitgeistgeprägt wie halbwegs lebenserfahren fest, die Kreuzberger Szene sei wie „Kinderladen“ – „nur einfacher“.

Regener streut Running Gags in die Handlung wie ein Hühnerzüchter Futter in den Stall. Wirt Erwin bekommt im „Heilehaus“ einen Mitfühlbauch umgeschnallt, weil seine Helga schwanger ist. Ein Kontaktbereichsbeamter (KOB) wachtmeistert durch den Roman, weil H. R. Ledigt einen Baum der Stadt Berlin unerlaubt umgesägt und ausgestellt hat. Und dann ist da noch die Sache mit dem „Chateau Strunzinger“, weil man auf Vernissagen doch zwangsläufig Wein serviert. Auch als Biertrinker . . .

Kein Kater jedenfalls nach der Lektüre. Aber leider auch kein irgendwie großartiger Nachgeschmack.

Christian Mückl

Sven Regener: Wiener Straße. Galiani, 304 Seiten, 22 Euro.
Der Autor liest am 24. November im Nürnberger Z-Bau.

Geschichten aus dem Westerwald: Mariana Leky

Ein Okapi im Westerwald? Nun ja, nicht wirklich. Wobei es aber geradezu eine Spezialität von Mariana Leky ist, die unterschiedlichsten Dinge zusammenzubringen.

Mariana Leky (Foto: Franziska Hauser)

In ihrem vergnüglichen neuen Roman „Was man von hier aus sehen kann“ reicht es auch schon, von einem Okapi zu träumen. Dann weiß die alte Selma: Innerhalb eines Tages wird einer im kleinen Dorf sterben müssen. So war es zumindest die letzten drei Male, als ihr im Traum das exotische Tier erschien. Wer da also nicht schon gespannt zu lesen beginnt. . .

Und selbst den eher unangenehmen Figuren wie der „traurigen Marlies“ (die eher trotzig als traurig ist) oder Problemfall Palm (in dem ja doch ein treuer Christ steckt) mag man den Tod nicht wünschen! Leky hat – wie John Irving als Vorbild – ein wunderbares Talent für Menschen mit Tics und Marotten, mit besonderen Gaben und bizarren Ritualen, die doch alle im Alltagsleben gründen. Man muss sie einfach gernhaben.

Allen voran Luise, ihre Hauptfigur und zunächst kindliche Erzählerin – die nur eine Lüge zu sagen braucht, schon fällt in ihrer Umgebung irgendwas herab. Mitte der 80er Jahre, wenn der märchenhafte Familienroman anhebt, ist sie zehn – und die beste Freundin des bereits alle Posen eines Gewichthebers beherrschenden Martin.

Der Vater (Arzt) und die Mutter (Blumenhändlerin) sind so gut wie abwesend, was gar nichts macht. Selma – die übrigens aussieht wie Rudi Carrell – in ihrem schiefen Häuschen und der Dorf-Optiker, der sie heimlich begehrt, haben längst die Erziehung der Kinder übernommen. Herz und Verstand, Empathie und Eigensinn werden gleichermaßen gebildet.

In Gestalt eines Jünglings, der sich in ein japanisches Kloster geflüchtet hat, kommt dann doch die weite Welt in die Provinz. Mit ihr die erste große Liebe für Luise: Hoffen, Bangen – und Warten. Denn sind die beiden wirklich für einander bestimmt?

So schlicht wie raffiniert, ironisch wie innig erzählt Leky vom Großen im Kleinen und vom Fernen im Nahen. Herzerwärmend.

Wolf Ebersberger

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Roman. Dumont, 315 Seiten, 20 Euro.

Die Baufrau: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Ein Haus ist nicht nur ein Gefäß für die Menschen, es hat Auswirkungen auf ihr Leben und ihr
Denken“, sagt Luise Schilling. Sie will Häuser schaffen, „die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen“. Mit solchen hehren Idealen studiert die fiktive Ich-Erzählerin in Theresia Enzensbergers Roman „Blaupause“ am berühmten Bauhaus, wo Kunst und Handwerk zusammengeführt werden sollten. Für die junge Frau aus gutem Berliner Hause ist das Studium auch eine Flucht – weg vom autoritären Vater, weg von der Mutter, die sie ständig mit Langweilern verkuppeln will.

Theresia Enzensberger (Foto: Rosanna Graf)

Doch in Weimar, wo sie 1921 mit dem Studium beginnt, gibt es Widerstände. Ihr Lehrer steckt sie in die Textilwerkstatt – Häuserbauen ist doch nichts für Frauen! Dafür bricht das „Fräulein Schilling“ privat zu neuen Ufern auf. Sie verliebt sich in den schönen Jakob, der zu den kuttentragenden Lieblingsschülern des Naturmystikers Johannes Itten gehört. Luise empfindet die Zugehörigkeit zur Gruppe mit der unnahbaren Sidonie oder dem treuen Zuhörer Samuel anfangs als großes Glück, die Freunde werden zur Ersatzfamilie.

„Aber soziale Gefüge sind chaotisch und sumpfig“, heißt es an einer Stelle. Luise trennt sich schließlich von den Kuttenträgern. Die esoterischen Rituale, merkt sie, dienen vor allem zur elitären Abgrenzung nach außen. Zudem unterbricht der gestrenge Vater das Studium, indem er Luise nach Berlin zurückbeordert – und sorgt damit auch erzähltechnisch für einen Schnitt. Der zweite Teil von „Blaupause“ spielt ab 1926 in Dessau, wohin das Bauhaus umgezogen ist.

Luise, die an den Esoterikern stets deren weltabgewandte Haltung in turbulenten Zeiten kritisierte, ist nun unter anderem mit dem Kommunisten Friedrich befreundet. Der hat vor lauter Politisieren keine Zeit für „so banale Dinge wie Emotionen“. Luise mag ihn trotzdem und fühlt sich heimisch – doch auch in Dessau muss sie Rück- und sogar Faustschläge einstecken.

Enzensbergers Buch punktet mit der stimmigen Zeichnung der sich emanzipierenden Hauptfigur. Historischen Bauhaus-Größen wie Klee oder Kandinsky gönnt die Autorin Nebenrollen, der Schulgründer Walter Gropius hat indes einige nicht unwichtige Auftritte.

Die 1986 geborene Tochter von Hans Magnus Enzensberger verhandelt große Themen wie Liebe, Freundschaft oder die Notwendigkeit einer politischen Haltung leicht und doch nicht klischeehaft. Und ganz am Ende wird auch klar, wie das Buch zu seinem schönen Titel kam.

Marco Puschner

Theresia Enzensberger: Blaupause. Hanser, 256 Seiten, 22 Euro.

Erschütternd: Götz Aly über „Europa gegen die Juden“

Ein Buch, das weh tut – und wichtig ist: Götz Alys neue Studie über den Antisemitismus, „Europa gegen die Juden“.

Mendel Max Karp wurde 1892 im galizischen, damals österreichischen, nach 1918 polnischen Dorf Ruszelcyce geboren. Der spätere Geiger wanderte nach Deutschland aus. Durch einen Erlass der polnischen Regierung verlor er aber 1938 wie Tausende andere Juden seine Staatsbürgerschaft, weil er in Deutschland lebte. Ende Oktober 1938 wurde er deshalb zusammen mit 17000 anderen Juden aus Deutschland über die Grenze gejagt und verschwand als Staatenloser in einem polnischen Lager.

Mit Hilfe seines Cousins, der in Amerika lebte, gelang es Mendel Max Karp, wieder aus dem Lager herauszukommen und das Ticket für eine Passage aus Deutschland nach Amerika zu ergattern. Doch die Hilfe kam zu spät. Karp wurde nach Kriegsbeginn ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt und zugrunde gerichtet. Er starb dort 1940.

Götz Aly (Foto: dpa)

Der Historiker Götz Aly erzählt diese Lebensgeschichte zu Beginn seines Buches – und macht damit deutlich, dass der Antisemitismus in Europa breit gestreut war und die Nationalsozialisten mit Ausnahme von Belgien und Dänemark in allen besetzten Ländern Freiwillige einsetzten konnten, die den Holocaust aus Überzeugung unterstützt haben.

Hätten die Polen 1938 Mendel Max Karp nicht die polnische Staatsbürgerschaft abgesprochen, dann wäre er noch rechtzeitig nach Amerika entkommen. Aly macht aber auch klar: Bei aller weit verbreiteten Judenfeindschaft in Europa – umgebracht haben Karp die Deutschen.

Alys Buch „Europa gegen die Juden 1880–1945“ zeigt, auf welcher breiten Front der Antisemitismus Gesellschaften geprägt hat. Gesellschaften, die im 19. Jahrhundert gerade begonnen hatten, die Herausforderungen der Moderne anzunehmen. Aly beginnt mit 1880, weil die vorausgehende Befreiung und Akzeptanz der Juden im um sich greifenden Nationalismus nach und nach wieder aufgehoben wurde.

Die Möglichkeit, mit Bildung, Fleiß, Einfallsreichtum und Flexibilität den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen, hatten vor allem die bislang oft geächteten Juden genutzt. Sie sahen ihre Chance, den Kreislauf aus Armut, Demütigung und Ausgrenzung, dem sie über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt waren, zu durchbrechen.

Die Gesellschaften vor allem in Osteuropa und Südosteuropa wie Russland, Polen, Litauen, Rumänien, Ungarn und Griechenland neideten aber den Juden ihre einsetzenden Erfolge in Schulen und Universitäten, als Ärzte, Rechtsanwälte oder Unternehmer. Es folgten neue Pogrome, neue Ausgrenzungen von einer höheren Schulbildung, von Universitätsabschlüssen, neue Enteignungen.

Es ist ein erschütternder Gang durch rund 70 Jahre europäischer Geschichte. Aly legt offen, was hinter dem nationalistischen und rassistischen Antisemitismus steckt: Es ist der Neid auf eine wirtschaftlich erfolgreiche Personengruppe, die ihre Möglichkeiten angesichts der einsetzenden wirtschaftlichen Dynamik nutzt. Antisemitismus und die Forderung nach rassisch reinen Gesellschaften waren die Begründung, den Juden Arbeitsplätze, Häuser oder Geld wegzunehmen. Das belegt Aly schlüssig. Es war der Aufstand von Faulen, Zaudernden, nicht Erfolgreichen, Ängstlichen und Enttäuschten gegen die erfolgreichen gesellschaftlichen Aufsteiger.

Als nach dem Ersten Weltkrieg Frankreich das Elsass ethnisch säuberte und die historisch gewachsene Mischung von französischen, deutschen und alemannischen Traditionen gewalttätig trennte, war in Mitteleuropa ein Paradigma geboren, das Schule machte. Frankreich begründete die Vertreibung der Deutschen aus dem Elsass und aus Lothringen mit dem Staatsziel der nationalen Homogenisierung, die auf eine Säuberung und Abschiebung von Menschen deutscher Abstammung hinauslief. Die Betroffenen waren oft auch Opfer eines Staatsraubs.

Zusammen mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs starkmachte, war der Teufelscocktail, den die Nationalsozialisten dann über Europa verbreiteten, angerührt.

Rassistische und antisemitische Ausgrenzungen von Volksgruppen wurden mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht und der angestrebten Reinheit des Volkskörpers begründet: Es war aber nur die perfide Argumentation, sich ungehemmt zur bereichern. Bei der Mischung von Volksgruppen in vielen Ländern Europas war es ein Wahnsinn, dem eine Methode zugrunde lag.

Am Ende seines Buches stellt Götz Aly folgende spannende These zur Diskussion: „Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten. Gute, niemals zu missbilligende Bildungspolitik und der staatlich geförderte Wille zu massenhafter Aufwärtsmobilität, also die größten Erfolge im Europa des 20. Jahrhunderts, steigerten den Hass.“ Eben auf die Erfolgreichen, die ihre Chance besser als andere nutzten.

Der zivilisatorische Fortschritt und der damit einhergehende massenhafte soziale Aufstieg begünstigten den Zivilisationsbruch des Holocausts, so Aly. Lesenswert.

André Fischer

Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880–1945. S. Fischer, 431 Seiten, 26 Euro.

Jonas Lüschers böse Satire: „Kraft“

Mit seinem hochgelobten Roman „Kraft“ war Jonas Lüscher zu Gast bei „Lesen!“ in Fürth.

Bereits mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ sorgte der Schweizer Autor vor ein paar Jahren für Aufsehen – auch zum Erlanger Poetenfest wurde er damals geladen. Da hatte sich Jonas Lüscher die große weite Welt der Banker vorgenommen und bereits als Debütant bewiesen: Hier kommt keiner ungeschoren davon!

Lüscher, Jahrgang 1976, zeigte als angehendes satirisches Talent schon die allerschärfsten Krallen, stilistisch dazu fein manikürt. Manchmal könnte man bei dem in München lebenden Autor fast an Thomas Mann denken, so gezwirbelt geht es hier zur Sache – oder sagen wir: Max Goldt.

Diese Kraft hat ihn auch bei seinem jetzt vorliegenden ersten Roman nicht verlassen. „Kraft“, so der Titel, bezieht sich aber zunächst auf die Hauptfigur. Richard Kraft eben, Professor der Rhetorik aus Tübingen – genau, ein Nachfolger des berühmten Walter Jens! Der ist, trotz akademischer Ehren, privat jedoch die personifizierte Schwäche. Und nun entsprechend frustriert von längst kriselnder Ehe (Heike) und lästiger Vaterschaft (Zwillinge), zudem finanziell erschöpft. Aus einer früheren Verbindung müssen auch noch zwei Söhne versorgt werden . . .

Rettung in der Not – die er sich freilich vielleicht nur einbildet – verspricht nun die irrwitzige Ausschreibung eines im Silicon Valley reichgewordenen Deutschen, der demjenigen Forscher eine Million Dollar stiften will, der den besten Vortrag hält zum doch sehr amerikanischen Thema: Die Welt ist gut, wie sie ist – wie machen wir sie noch besser? Besser natürlich im Sinn von lukrativer. Die Computerindustrie will auch in Zukunft kräftig verdienen.

Kraft jedenfalls beißt an – zu verführerisch lockt der Köder, durch den er ein paar Wochen der Familienhölle in Kalifornien entkommt. Und der Macht der Wirtschaft war er ja schon immer zugetan – bereits während des Studiums in Berlin, wo sich Kraft mit liberal-radikalen Positionen zum Exoten im linken Uni-Milieu der 80er Jahre machte, vielleicht auch nur aus Berechnung.

Die Wiederbegegnung mit einem ungarischen Freund von damals führt nun in Stanford zu einer umfassenden Revision seines Lebens – politisch, philosophisch und paartechnisch. Gerade was seine Frauengeschichten angeht, hat Kraft genug in petto, das Jonas Lüscher pikaresk schildern und mit Peinlichkeiten aller Art polstern kann.

Dem Autor gelingt es spielend, ihn zum sympathischen Unsympathen zu machen, zum „Schwafler“ und elenden Tölpel, der nicht mal zum Paddelausflug taugt – aber den Leser doch mit seinen Gedanken und grotesken Einlagen bei Laune hält.

Die Katastrophe, ahnt man bald, nimmt unweigerlich ihren Lauf!

Wolf Ebersberger

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. C. H. Beck, 237 S., 19,95 Euro.

Milena Moser hinter den blauen Bergen

Sie ist ein Pferdemädchen. Sie ist eine Frau in der Mitte des Lebens. Sie hat Ängste und Zweifel. Und sie hat noch mehr Mut. Sie – das ist Milena Moser. Die Schweizer Autorin macht sich wieder einmal auf, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Pferdemädchen also. Wirklich? Und auch noch ein Pferdemädchen mit Trauma! Das kann ja heiter werden, denkt man nach der Lektüre der ersten beiden Buchseiten… Und siehe da – das wird es auch. Auch dieses Mal.

Dafür begibt sich Moser nach Santa Fe. Hier, in den USA sucht sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Heimat. Und sich. Vieles lässt sie dafür zurück – Familie, Freunde, Besitz. Ihr Ziel ist ein kleines Häuschen, ihre „Casita“, wie sie es spanisch nennt, das sie auf einem Roadtrip erworben hat. Schreiben will sie hier, bei sich sein nach ihrer Scheidung. Ein neues Leben beginnen.

Dass sie das kann, hat sich Milena Moser immer wieder bewiesen. Und dennoch will sie es ein weiteres Mal wissen. Mit im wenigen Gepäck reist die bange Frage: „Kann ich mich noch einmal verlieben?“

Auf dem Weg zu diesem neuen Leben kommt er ihr dazwischen – der Mann, mit dem sich diese Frage recht schnell beantwortet. Ein mexikanischer Künstler, dem das Leben einiges abverlangt hat und der doch unerschütterlich mitten im selbigen steht. Doch so, wie Victor Teil ihres Lebens wird, wird er auch nur ein Teil ihres Buches „Hinter diesen blauen Bergen“. Dorthin, nach Santa Fe, reist sie schließlich doch noch nach einem ungeplanten Aufenthalt in San Francisco – im Atelier des Künstlers.

Damit beginnt die eigentliche Reise – das Abenteuer, die neue Heimat Stück für Stück zu erobern. Doch ihr Mut beschränkt sich dabei nicht nur darauf, sich auf Neues, unbekanntes Terrain zu wagen, sondern er zeigt sich auch darin, dass sie sich dabei in die Seele schauen lässt. Die damit verbundenen Ängste und Zweifel teilt. Dabei gelingt ihr auch dieses Mal wieder das typische Milena-Moser-Kunststück.

Was bei anderen Autoren schnell zur Nabelschau wird – gern auch noch mit einer Portion Larmoyanz versehen – wird bei ihr zur guten Unterhaltung: leicht, ohne oberflächlich zu sein, informativ, ohne zu belehren, vermittelt sie Geschichte in Geschichten.

Wie nebenbei macht sie die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems erlebbar, die Willkür der US-Behörden, wenn es nur um die Vergabe eines Führerscheins geht, erfährt etwas über die in New Mexico lebenden Indianer und die dortige Künstlerszene. Oder über die Befindlichkeiten der Schweizer, was auch in einem Nebensatz verpackt Wucht entfaltet. Denn auch darum geht es – um nationale Identität.

Und nur, indem sie einem Straßenverkäufer eine Zeitung abkauft, lernt man einen ehemaligen Raketenbauer der NASA kennen, der beruflich nach oben schoss und den das Ende des kalten Krieges kalt erwischte.

Moser hingegen findet – selbst wenn sie zwischen gestern und heute mitunter in schnellen Sequenzen springt, zahlreiche Um- und Nebenwege einschlägt – immer wieder zu ihrem Handlungsstrang zurück. Manchmal, auf solch einem Nebenweg stehend, fragt man sich, wie sie das schaffen will. Und sie schafft es schließlich auch, bei sich und in ihrer neuen Heimat anzukommen.

Damit verrät man nicht allzu viel. Denn bei Milena Moser ist der Weg das Ziel. Und die blauen Berge von Santa Fe sind wahrscheinlich ohnehin nur eine Zwischenstation…

Anja Kummerow

Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen. Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro.

Klug: Philipp Blom über die kleine Eiszeit

Der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom hat mit „Die Welt aus den Angeln‘“ sicher eines der spannendsten Bücher dieses Frühjahrs geschrieben. Er geht der Frage nach, welche Auswirkungen die sogenannte kleine Eiszeit zwischen 1570 und 1700 hatte.

Es geht Blom weniger darum, dass damals der Weinbau nicht mehr in Nordeuropa möglich ist, weil die Jahrestemperatur im Durchschnitt um rund zwei Grad gesunken ist, sondern welche langfristigen makroökonomischen und ideengeschichtlichen Folgen dieser Kälteeinbruch für das moderne Europa hatte. Bloms These ist, dass die Kälte für eine radikale Abkehr vom mittelalterlichen Weltbild gesorgt hat und die Ökonomisierung des Lebens, die auch heute noch gilt, sich durchgesetzt hat.

Erfolgreich überlebt haben diejenigen, die mit den Herausforderungen kreativ umgegangen sind und sich nicht mehr auf überkommene Erfahrungen verlassen haben: Amsterdam, das bis zum Kälteeinbruch eine eher kleine Stadt war, wurde angesichts der zurückgehenden Ernteerträge zu einem Großimporteur von Getreide aus Osteuropa. Die Holländer legten damit den Grundstein für ihre Prosperität. Parallel dazu entwickelten sie ein grausames System der Überwachung: Wer nicht gearbeitet hat, bekam auch nichts zu essen oder wurde in Armenhäusern dem Publikum vorgeführt, wie er zum Arbeiten gezwungen wurde: Wer nicht gepumpt hat, der saß im Wasser.

Eine weitere Kehrseite der Entwicklung: Weil die kleine Eiszeit nicht erklärt werden konnte, erlebten der Hexenwahn und andere okkulte Begründungszusammenhänge eine Hochzeit. Vor allem Frauen wurden zu Sündenböcken gemacht.

Geschickt kombiniert Blom die Herausforderungen des kälteren Klimas mit dem aufkommenden Protestantismus, dem sich durchsetzenden naturwissenschaftlichen Denken und den Bestrebungen, demokratische Rechte gegenüber dem Adel durchzusetzen. Alle drei Ideenstränge bedingen sich wechselseitig und sorgen in bestimmten Ländern für eine ökonomische Aufbruchstimmung, etwa eben in Holland.

Diese Entdeckung des eigenen Denkens, mit dem pragmatisch vor allem der eigene wirtschaftliche Erfolg gesucht wird, zeigt natürlich schnell seine Schattenseiten: Spekulanten halten das knappe Getreide noch weiter zurück, um Gewinnmaximierung zu betreiben. Während das entstehende Bürgertum auf seine Freiheiten gegenüber dem Adel pocht, wird der wirtschaftliche Erfolg zu Lasten der Bevölkerung in den Kolonien erzielt. Freiheit und Menschenrechte gelten für die Europäer, aber nicht für Asiaten, Afrikaner oder Südamerikaner.

Blom hat im Grunde keine Geschichte dieser kleinen Eiszeit verfasst, sondern Denk- und Argumentationstraditionen herausgearbeitet, die heute noch gelten und die es seiner Meinung nach schwer machen, mit dem erneuten Klimawandel – diesmal ist es die Erderwärmung – umzugehen.
Während die Menschen vor 400 Jahren im Grunde nicht wussten, welche Ursachen die kleine Eiszeit hatte und wie man mit ihr fertig wird, sie deshalb sehr viel ausprobiert haben und sich von überkommenen Weltbildern gelöst haben, sollten wir es heute freilich besser wissen.

Mit einer weiter vorangetriebenen Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen werden sich die Folgen des Klimawandels nicht beherrschen lassen. Wir machen einfach so weiter – und kommen dem Abgrund immer näher. Auch löst sich zunehmend die Verknüpfung von demokratischen Rechten und erfolgreichem wirtschaftlichem Handeln auf. Es geht auch ohne Rechte.

Im Grunde leben wir alle nach einem zynischen Verhaltensmuster, das erläutert Blom etwa an der Person Voltaires: Der berühmte französische Aufklärer forderte Menschenrechte ein, liebte das freie Wort und pochte auf Toleranz. Sein Geld legte Voltaire aber – weil er den größten Gewinn anstrebte – in ausgesprochen üblen Unternehmungen an.

„Voltaire schrieb darüber, dass an jedem Sack Zucker, der aus den Kolonien kam, Blut klebte, aber er investierte in Plantagen und wusste, wie sein Geld sich vermehrte. Er war sich bewusst, dass die „Compagnie des Indes“, in der er erhebliche Geldanlagen hatte, ihre enormen Profite auf dem Rücken von afrikanischen Sklaven erwirtschaftete.“

Die Rhetorik der Menschenrechte ging für einen Großteil der Erdbevölkerung mit Unterdrückung und Ausbeutung einher – was die Lösung der anstehenden Probleme besonders schwierig macht . . . Ein Dilemma, das der 1970 in Hamburg geborene Autor übrigens auch in den lesenswerten Essays des Bändchens „Gefangen im Panoptikum“ beschreibt. Der Untertitel: „Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“.

Die Epoche der Aufklärung mag uns ja aus vielen Fesseln gelöst haben, aber was nun? „Die Massen haben ihre Befreiung dankend zur Kenntnis genommen, ziehen es aber vor, zu Hause vor dem Fernseher zu bleiben, Das Finale fängt gleich an, das Bier steht kalt.“

André Fischer

Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700. Hanser, 302 S., 24 Euro.
Philipp Blom: Gefangen im Panoptikum. Residenz, 96 S., 18 Euro.

F. C. Delius rechnet mit Luther ab

Die einen halten Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) für den wichtigsten lateinischen Kirchenvater und Philosophen der Spätantike. Andere, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, sehen in ihm den großen Manipulator, der nur mithilfe eines Tricks seine Erbsündenlehre durchgesetzt hat; eine Lehre, die der Kirchengeschichte eine fatale Wendung gegeben habe.

In keinem Evangelium sei von der Erbsünde die Rede, meint Delius, der einem evangelischen Pfarrhaus entstammt, sich selbst aber als Nichtgläubigen bezeichnet. Und daran ist vor allem Augustinus schuld, der Bischof aus dem nordafrikanischen Hippo, der durch einen Übersetzungsfehler die Botschaft des Paulus vom alten Adam missdeutet habe. Letzterer sei von der Schlange, letztlich aber von Eva verführt worden, den verbotenen Apfel zu essen. Eine Schuld, die sich aufs ganze Menschengeschlecht übertragen habe.

Was das Ganze mit Martin Luther und der Reformation zu tun hat? Nun, Luther war ein – zunächst überzeugter – Mönch im Orden der Augustinereremiten. Und als solcher habe er sich dem Kirchenvater Augustinus auf Gedeih und Verderb verschrieben – obwohl doch Luther selbst aus dem Griechischen übersetzt habe und den Fehler des Augustinus bemerkt haben müsste.

Mit solchen Fragen löchert Delius in seinem neuen Büchlein, das er eine „Streitschrift“ nennt, die bronzene Lutherfigur, die er auf ein Bier vom Sockel holt. Quasi unter dem Siegel des Reinheitsgebots beschwört er den Reformator doch zuzugeben, seine Reformation, die sich so hoffnungvoll angelassen hatte, versemmelt zu haben . . .

Zwar habe der Professor in Wittenberg sich mit den Ablassverkäufern angelegt und erfolgreich dem Papst und dem Kaiser die Stirn geboten; von seiner Höllenangst aber und dem Dogma der Erbsünde habe er sich jedoch nicht lossagen wollen und können.

All die Glaubensnöte seiner Kindheit, die Leibfeindlichkeit des Christentums, und letztlich auch die Diskriminierung der Frau schiebt Delius auf diese Erbsündenlehre, die Augustinus sich, wie Quellen belegen, mit der Schenkung von 80 Berberhengsten an den damaligen Kaiser Honorius erkauft hat. Andere Theologen der damaligen Zeit, wie Pelagius und der weithin unbekannte Julian von Eclanum, seien hingegen mundtot gemacht worden.

Die Geschichte mit den 80 numidischen Zuchthengsten, mit denen sich Augustinus Gehör verschaffte, treibt Delius schon seit geraumer Zeit um. Bereits in seinem Buch „Die Linke Hand des Papstes“ hat er die Begebenheit eingeflochten. Doch das Buch wurde damals anders gelesen, weil es just herauskam, als Benedikt XVI. zurücktrat. Da hat man dem Autor seherische Kräfte nachgesagt.

Diesmal räumt Delius ein, dass ihn die Kindheit im Pfarrhaus geprägt hat; auch das Buch zeugt letztlich davon, dass ein Rest des inneren Protestanten in ihm nach wie vor wirkt und rumort.

Doch ist es andererseits eine Distanzierung von einer Christenlehre, die auf schwerverdaulichen Dogmen basiert. Am Schluss muss sich der Reformator den Vorwurf gefallen lassen, ein „Ultra-Augustiner“ geblieben zu sein.

Schade, dass der bronzene Luther zu allem nur schweigen kann.

Raimund Kirch

Friedrich Christian Delius
: Warum Luther die Reformation versemmelt hat. Rororo, 64 Seiten, 8 Euro.