Jonas Lüschers böse Satire: „Kraft“

Mit seinem hochgelobten Roman „Kraft“ ist Jonas Lüscher zu Gast bei „Lesen!“ in Fürth: am 27. Juni im Kulturforum.

Bereits mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ sorgte der Schweizer Autor vor ein paar Jahren für Aufsehen – auch zum Erlanger Poetenfest wurde er damals geladen. Da hatte sich Jonas Lüscher die große weite Welt der Banker vorgenommen und bereits als Debütant bewiesen: Hier kommt keiner ungeschoren davon!

Lüscher, Jahrgang 1976, zeigte als angehendes satirisches Talent schon die allerschärfsten Krallen, stilistisch dazu fein manikürt. Manchmal könnte man bei dem in München lebenden Autor fast an Thomas Mann denken, so gezwirbelt geht es hier zur Sache – oder sagen wir: Max Goldt.

Diese Kraft hat ihn auch bei seinem jetzt vorliegenden ersten Roman nicht verlassen. „Kraft“, so der Titel, bezieht sich aber zunächst auf die Hauptfigur. Richard Kraft eben, Professor der Rhetorik aus Tübingen – genau, ein Nachfolger des berühmten Walter Jens! Der ist, trotz akademischer Ehren, privat jedoch die personifizierte Schwäche. Und nun entsprechend frustriert von längst kriselnder Ehe (Heike) und lästiger Vaterschaft (Zwillinge), zudem finanziell erschöpft. Aus einer früheren Verbindung müssen auch noch zwei Söhne versorgt werden . . .

Rettung in der Not – die er sich freilich vielleicht nur einbildet – verspricht nun die irrwitzige Ausschreibung eines im Silicon Valley reichgewordenen Deutschen, der demjenigen Forscher eine Million Dollar stiften will, der den besten Vortrag hält zum doch sehr amerikanischen Thema: Die Welt ist gut, wie sie ist – wie machen wir sie noch besser? Besser natürlich im Sinn von lukrativer. Die Computerindustrie will auch in Zukunft kräftig verdienen.

Kraft jedenfalls beißt an – zu verführerisch lockt der Köder, durch den er ein paar Wochen der Familienhölle in Kalifornien entkommt. Und der Macht der Wirtschaft war er ja schon immer zugetan – bereits während des Studiums in Berlin, wo sich Kraft mit liberal-radikalen Positionen zum Exoten im linken Uni-Milieu der 80er Jahre machte, vielleicht auch nur aus Berechnung.

Die Wiederbegegnung mit einem ungarischen Freund von damals führt nun in Stanford zu einer umfassenden Revision seines Lebens – politisch, philosophisch und paartechnisch. Gerade was seine Frauengeschichten angeht, hat Kraft genug in petto, das Jonas Lüscher pikaresk schildern und mit Peinlichkeiten aller Art polstern kann.

Dem Autor gelingt es spielend, ihn zum sympathischen Unsympathen zu machen, zum „Schwafler“ und elenden Tölpel, der nicht mal zum Paddelausflug taugt – aber den Leser doch mit seinen Gedanken und grotesken Einlagen bei Laune hält.

Die Katastrophe, ahnt man bald, nimmt unweigerlich ihren Lauf!

Wolf Ebersberger

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. C. H. Beck, 237 S., 19,95 Euro.

Milena Moser hinter den blauen Bergen

Sie ist ein Pferdemädchen. Sie ist eine Frau in der Mitte des Lebens. Sie hat Ängste und Zweifel. Und sie hat noch mehr Mut. Sie – das ist Milena Moser. Die Schweizer Autorin macht sich wieder einmal auf, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Pferdemädchen also. Wirklich? Und auch noch ein Pferdemädchen mit Trauma! Das kann ja heiter werden, denkt man nach der Lektüre der ersten beiden Buchseiten… Und siehe da – das wird es auch. Auch dieses Mal.

Dafür begibt sich Moser nach Santa Fe. Hier, in den USA sucht sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Heimat. Und sich. Vieles lässt sie dafür zurück – Familie, Freunde, Besitz. Ihr Ziel ist ein kleines Häuschen, ihre „Casita“, wie sie es spanisch nennt, das sie auf einem Roadtrip erworben hat. Schreiben will sie hier, bei sich sein nach ihrer Scheidung. Ein neues Leben beginnen.

Dass sie das kann, hat sich Milena Moser immer wieder bewiesen. Und dennoch will sie es ein weiteres Mal wissen. Mit im wenigen Gepäck reist die bange Frage: „Kann ich mich noch einmal verlieben?“

Auf dem Weg zu diesem neuen Leben kommt er ihr dazwischen – der Mann, mit dem sich diese Frage recht schnell beantwortet. Ein mexikanischer Künstler, dem das Leben einiges abverlangt hat und der doch unerschütterlich mitten im selbigen steht. Doch so, wie Victor Teil ihres Lebens wird, wird er auch nur ein Teil ihres Buches „Hinter diesen blauen Bergen“. Dorthin, nach Santa Fe, reist sie schließlich doch noch nach einem ungeplanten Aufenthalt in San Francisco – im Atelier des Künstlers.

Damit beginnt die eigentliche Reise – das Abenteuer, die neue Heimat Stück für Stück zu erobern. Doch ihr Mut beschränkt sich dabei nicht nur darauf, sich auf Neues, unbekanntes Terrain zu wagen, sondern er zeigt sich auch darin, dass sie sich dabei in die Seele schauen lässt. Die damit verbundenen Ängste und Zweifel teilt. Dabei gelingt ihr auch dieses Mal wieder das typische Milena-Moser-Kunststück.

Was bei anderen Autoren schnell zur Nabelschau wird – gern auch noch mit einer Portion Larmoyanz versehen – wird bei ihr zur guten Unterhaltung: leicht, ohne oberflächlich zu sein, informativ, ohne zu belehren, vermittelt sie Geschichte in Geschichten.

Wie nebenbei macht sie die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems erlebbar, die Willkür der US-Behörden, wenn es nur um die Vergabe eines Führerscheins geht, erfährt etwas über die in New Mexico lebenden Indianer und die dortige Künstlerszene. Oder über die Befindlichkeiten der Schweizer, was auch in einem Nebensatz verpackt Wucht entfaltet. Denn auch darum geht es – um nationale Identität.

Und nur, indem sie einem Straßenverkäufer eine Zeitung abkauft, lernt man einen ehemaligen Raketenbauer der NASA kennen, der beruflich nach oben schoss und den das Ende des kalten Krieges kalt erwischte.

Moser hingegen findet – selbst wenn sie zwischen gestern und heute mitunter in schnellen Sequenzen springt, zahlreiche Um- und Nebenwege einschlägt – immer wieder zu ihrem Handlungsstrang zurück. Manchmal, auf solch einem Nebenweg stehend, fragt man sich, wie sie das schaffen will. Und sie schafft es schließlich auch, bei sich und in ihrer neuen Heimat anzukommen.

Damit verrät man nicht allzu viel. Denn bei Milena Moser ist der Weg das Ziel. Und die blauen Berge von Santa Fe sind wahrscheinlich ohnehin nur eine Zwischenstation…

Anja Kummerow

Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen. Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro.

Klug: Philipp Blom über die kleine Eiszeit

Der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom hat mit „Die Welt aus den Angeln‘“ sicher eines der spannendsten Bücher dieses Frühjahrs geschrieben. Er geht der Frage nach, welche Auswirkungen die sogenannte kleine Eiszeit zwischen 1570 und 1700 hatte.

Es geht Blom weniger darum, dass damals der Weinbau nicht mehr in Nordeuropa möglich ist, weil die Jahrestemperatur im Durchschnitt um rund zwei Grad gesunken ist, sondern welche langfristigen makroökonomischen und ideengeschichtlichen Folgen dieser Kälteeinbruch für das moderne Europa hatte. Bloms These ist, dass die Kälte für eine radikale Abkehr vom mittelalterlichen Weltbild gesorgt hat und die Ökonomisierung des Lebens, die auch heute noch gilt, sich durchgesetzt hat.

Erfolgreich überlebt haben diejenigen, die mit den Herausforderungen kreativ umgegangen sind und sich nicht mehr auf überkommene Erfahrungen verlassen haben: Amsterdam, das bis zum Kälteeinbruch eine eher kleine Stadt war, wurde angesichts der zurückgehenden Ernteerträge zu einem Großimporteur von Getreide aus Osteuropa. Die Holländer legten damit den Grundstein für ihre Prosperität. Parallel dazu entwickelten sie ein grausames System der Überwachung: Wer nicht gearbeitet hat, bekam auch nichts zu essen oder wurde in Armenhäusern dem Publikum vorgeführt, wie er zum Arbeiten gezwungen wurde: Wer nicht gepumpt hat, der saß im Wasser.

Eine weitere Kehrseite der Entwicklung: Weil die kleine Eiszeit nicht erklärt werden konnte, erlebten der Hexenwahn und andere okkulte Begründungszusammenhänge eine Hochzeit. Vor allem Frauen wurden zu Sündenböcken gemacht.

Geschickt kombiniert Blom die Herausforderungen des kälteren Klimas mit dem aufkommenden Protestantismus, dem sich durchsetzenden naturwissenschaftlichen Denken und den Bestrebungen, demokratische Rechte gegenüber dem Adel durchzusetzen. Alle drei Ideenstränge bedingen sich wechselseitig und sorgen in bestimmten Ländern für eine ökonomische Aufbruchstimmung, etwa eben in Holland.

Diese Entdeckung des eigenen Denkens, mit dem pragmatisch vor allem der eigene wirtschaftliche Erfolg gesucht wird, zeigt natürlich schnell seine Schattenseiten: Spekulanten halten das knappe Getreide noch weiter zurück, um Gewinnmaximierung zu betreiben. Während das entstehende Bürgertum auf seine Freiheiten gegenüber dem Adel pocht, wird der wirtschaftliche Erfolg zu Lasten der Bevölkerung in den Kolonien erzielt. Freiheit und Menschenrechte gelten für die Europäer, aber nicht für Asiaten, Afrikaner oder Südamerikaner.

Blom hat im Grunde keine Geschichte dieser kleinen Eiszeit verfasst, sondern Denk- und Argumentationstraditionen herausgearbeitet, die heute noch gelten und die es seiner Meinung nach schwer machen, mit dem erneuten Klimawandel – diesmal ist es die Erderwärmung – umzugehen.
Während die Menschen vor 400 Jahren im Grunde nicht wussten, welche Ursachen die kleine Eiszeit hatte und wie man mit ihr fertig wird, sie deshalb sehr viel ausprobiert haben und sich von überkommenen Weltbildern gelöst haben, sollten wir es heute freilich besser wissen.

Mit einer weiter vorangetriebenen Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen werden sich die Folgen des Klimawandels nicht beherrschen lassen. Wir machen einfach so weiter – und kommen dem Abgrund immer näher. Auch löst sich zunehmend die Verknüpfung von demokratischen Rechten und erfolgreichem wirtschaftlichem Handeln auf. Es geht auch ohne Rechte.

Im Grunde leben wir alle nach einem zynischen Verhaltensmuster, das erläutert Blom etwa an der Person Voltaires: Der berühmte französische Aufklärer forderte Menschenrechte ein, liebte das freie Wort und pochte auf Toleranz. Sein Geld legte Voltaire aber – weil er den größten Gewinn anstrebte – in ausgesprochen üblen Unternehmungen an.

„Voltaire schrieb darüber, dass an jedem Sack Zucker, der aus den Kolonien kam, Blut klebte, aber er investierte in Plantagen und wusste, wie sein Geld sich vermehrte. Er war sich bewusst, dass die „Compagnie des Indes“, in der er erhebliche Geldanlagen hatte, ihre enormen Profite auf dem Rücken von afrikanischen Sklaven erwirtschaftete.“

Die Rhetorik der Menschenrechte ging für einen Großteil der Erdbevölkerung mit Unterdrückung und Ausbeutung einher – was die Lösung der anstehenden Probleme besonders schwierig macht . . . Ein Dilemma, das der 1970 in Hamburg geborene Autor übrigens auch in den lesenswerten Essays des Bändchens „Gefangen im Panoptikum“ beschreibt. Der Untertitel: „Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“.

Die Epoche der Aufklärung mag uns ja aus vielen Fesseln gelöst haben, aber was nun? „Die Massen haben ihre Befreiung dankend zur Kenntnis genommen, ziehen es aber vor, zu Hause vor dem Fernseher zu bleiben, Das Finale fängt gleich an, das Bier steht kalt.“

André Fischer

Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700. Hanser, 302 S., 24 Euro.
Philipp Blom: Gefangen im Panoptikum. Residenz, 96 S., 18 Euro.

F. C. Delius rechnet mit Luther ab

Die einen halten Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) für den wichtigsten lateinischen Kirchenvater und Philosophen der Spätantike. Andere, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, sehen in ihm den großen Manipulator, der nur mithilfe eines Tricks seine Erbsündenlehre durchgesetzt hat; eine Lehre, die der Kirchengeschichte eine fatale Wendung gegeben habe.

In keinem Evangelium sei von der Erbsünde die Rede, meint Delius, der einem evangelischen Pfarrhaus entstammt, sich selbst aber als Nichtgläubigen bezeichnet. Und daran ist vor allem Augustinus schuld, der Bischof aus dem nordafrikanischen Hippo, der durch einen Übersetzungsfehler die Botschaft des Paulus vom alten Adam missdeutet habe. Letzterer sei von der Schlange, letztlich aber von Eva verführt worden, den verbotenen Apfel zu essen. Eine Schuld, die sich aufs ganze Menschengeschlecht übertragen habe.

Was das Ganze mit Martin Luther und der Reformation zu tun hat? Nun, Luther war ein – zunächst überzeugter – Mönch im Orden der Augustinereremiten. Und als solcher habe er sich dem Kirchenvater Augustinus auf Gedeih und Verderb verschrieben – obwohl doch Luther selbst aus dem Griechischen übersetzt habe und den Fehler des Augustinus bemerkt haben müsste.

Mit solchen Fragen löchert Delius in seinem neuen Büchlein, das er eine „Streitschrift“ nennt, die bronzene Lutherfigur, die er auf ein Bier vom Sockel holt. Quasi unter dem Siegel des Reinheitsgebots beschwört er den Reformator doch zuzugeben, seine Reformation, die sich so hoffnungvoll angelassen hatte, versemmelt zu haben . . .

Zwar habe der Professor in Wittenberg sich mit den Ablassverkäufern angelegt und erfolgreich dem Papst und dem Kaiser die Stirn geboten; von seiner Höllenangst aber und dem Dogma der Erbsünde habe er sich jedoch nicht lossagen wollen und können.

All die Glaubensnöte seiner Kindheit, die Leibfeindlichkeit des Christentums, und letztlich auch die Diskriminierung der Frau schiebt Delius auf diese Erbsündenlehre, die Augustinus sich, wie Quellen belegen, mit der Schenkung von 80 Berberhengsten an den damaligen Kaiser Honorius erkauft hat. Andere Theologen der damaligen Zeit, wie Pelagius und der weithin unbekannte Julian von Eclanum, seien hingegen mundtot gemacht worden.

Die Geschichte mit den 80 numidischen Zuchthengsten, mit denen sich Augustinus Gehör verschaffte, treibt Delius schon seit geraumer Zeit um. Bereits in seinem Buch „Die Linke Hand des Papstes“ hat er die Begebenheit eingeflochten. Doch das Buch wurde damals anders gelesen, weil es just herauskam, als Benedikt XVI. zurücktrat. Da hat man dem Autor seherische Kräfte nachgesagt.

Diesmal räumt Delius ein, dass ihn die Kindheit im Pfarrhaus geprägt hat; auch das Buch zeugt letztlich davon, dass ein Rest des inneren Protestanten in ihm nach wie vor wirkt und rumort.

Doch ist es andererseits eine Distanzierung von einer Christenlehre, die auf schwerverdaulichen Dogmen basiert. Am Schluss muss sich der Reformator den Vorwurf gefallen lassen, ein „Ultra-Augustiner“ geblieben zu sein.

Schade, dass der bronzene Luther zu allem nur schweigen kann.

Raimund Kirch

Friedrich Christian Delius
: Warum Luther die Reformation versemmelt hat. Rororo, 64 Seiten, 8 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.

Wichtig: „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele

Auch wenn das hier ein Blog ist, weisen wir immer wieder auch gern auf die Print-Ausgabe der NZ (und anderer Zeitungen) hin. Denn Zeitungen bereichern das Leben. Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Zeitung in Papierform.

Wer regelmäßig Zeitung liest, dem wird dieses Büchlein gefallen. Schon rein optisch – ist doch sein Einband wie die Seite Eins einer Zeitung gestaltet, ein wenig nostalgisch, mit vergilbt wirkendem Aufmacherfoto, altmodischen Schrifttypen und einem einzigen großen Beitrag als Haupttext. Eben genau so, wie heutzutage nur noch ganz wenige Zeitungen aussehen (dürfen).

Michael Angele, deutsch-schweizerischer Journalist und Literaturwissenschaftler, hat eine Liebeserklärung an die Zeitung geschrieben. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ und hat früher für die „FAZ“ gearbeitet, außerdem – welch ein Kontrast! – für die „Netzeitung“, die erste deutsche Internetzeitung, die er sogar mit geleitet hat.

Dass er von diesem Ausflug in virtuelle Welten wieder zur guten alten Zeitung in Papierform – zum Aufschlagen, Umblättern, Überallhin-Mitnehmen, Zusammenfalten, Beiseitelegen, Wieder-zur-Hand-Nehmen, Weitergeben, Artikel-Ausschneiden, Feuer-Anfachen, Dinge-Einwickeln oder Zerknüllen – zurückgekehrt ist, verwundert nach der Lektüre des Buches nicht.

Er liebte Zeitungen: Thomas Bernhard.
Foto: Suhrkamp-Verlag

Angele ist ein Zeitungssüchtiger – wie Thomas Bernhard. Der österreichische Schriftsteller reiste, wenn es sein musste, 350 Kilometer weit, nur um in seiner Heimat ein Exemplar der „NZZ“ (Neuen Zürcher Zeitung) zu ergattern.

Für Angele ist er nicht nur deshalb „der ideale Zeitungsleser“. Sondern auch weil Bernhard die sieben Blätter, mit denen er sich tagtäglich versorgen ließ, außer zur Information noch zu viel mehr dienten: „um sich zu wundern, sich anzuregen, sich aufzuregen (das vor allem)“, wie Angele schreibt.
Es wäre wunderbar, wenn wir das mit der „NZ“ bei unseren Lesern auch erreichen würden!

Ute Wolf

Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser, Galiani Berlin, 160 Seiten, gebunden, 16 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Uns bleibt immer noch Paris

Ein launiger Einstieg – das allemal! Mit seinem neuen Roman „Morgen mehr“ durfte Tilman Rammstedt beim diesjährigen Erlanger Poetenfest die Schlossgartenlesungen eröffnen.

Ein naseweiser Erzähler, der gleichsam noch vor seiner Geburt steht und in die Vergangenheit so eingreifen muss, damit sich seine Eltern überhaupt finden? Da werden die einen an „Die Blechtrommel“ denken, die anderen an einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ – und gegen beides dürfte Tilman Rammstedt nichts haben.

rammstedtWenn er den Kapiteln seines soeben erschienenen Romans „Morgen mehr“ ironisch zusammenfassende Einleitungen voranstellt – die im humorigen Extremfall viel länger sind als das Kapitel selbst –, greift er ja noch viel höher: zu den englischen Titanen der auktorialen Komik wie Laurence Sterne und Charles Dickens.

Muss man ihn also in dieser Linie sehen? Oder doch nur als willig netten Lieferanten neuer deutscher Unterhaltung, die dann irgendwann von Detlev Buck verfilmt wird? Den Ganoven „Dimitri“, der vielleicht nur Uwe heißt, würde – unvermeidlich – Moritz Bleibtreu spielen . . .

Von der halbseitigen Eloge (FAZ) bis zum Schnippsel-Verriss (Literatur-Spiegel) ist jedenfalls viel an Reaktionen möglich, und das spricht ja fast schon wieder für dieses Buch, das auch noch – wie sein pränataler Held – auf ganz besondere, ganz besonders eilige Weise entstanden ist.

Rammstedt, Jahrgang 1975, hat die einzelnen Kapitel bereits als digitale Häppchen veröffentlicht, Tag für Tag, als Fortsetzungsroman für die Generation Twitter. Deshalb vielleicht die hohe Gagdichte des humoristisch erfolgreichen Autors („Der Kaiser von China“) – und, wie gedruckt offenbar wird, der mangelnde Tiefgang.

Aber bleiben wir bei den Gags. Es ist der 30. Juni 1972, und der darf nicht vorbeigehen, ohne dass der Erzähler des Buches, der infamerweise auch schon sein restliches Leben kennt, seine Eltern verkuppelt hat. „Das ist meine letzte Chance, danach bin ich zu alt, um noch geboren zu werden. Und glauben Sie mir: Ich habe nicht vor, sie zu verpassen.“

Das Problem: Die Eltern kennen sich noch gar nicht – und befinden sich zudem an völlig unterschiedlichen Orten. Der Vater im heimischen Mainz, wo er, wegen eines absurden Streites, gerade von dem Möchtegernverbrecher Dimitri versenkt werden soll, à la Mafia, mit den Füßen in Beton. Die Mutter im fernen Marseille – wo sie nichts anderes zu tun hat, als mit einem Mann namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle zu verkehren. Ein Regenschauer ist schuld, und die ziemlich ungewöhnliche To-Do-Liste ihrer jüngst verstorbenen Zwillingsschwester. Punkt 19 darauf: „Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen“. Auch einem Kind das Eis klauen oder sich in einer Bar verprügeln lassen gehört zu den Mutproben . . . Und Mutti hat Mut.

Aber wie kommt sie zu Vati? Der läuft ja noch trauernd einer gewissen Claudia hinterher, die ihn schnöde abwies und nun bereits seinen Nachfolger geheiratet hat. Ziel der Hochzeitsreise, wie originell: Paris. Dorthin bugsiert Rammstadt folglich nicht nur das angehende Paar, sondern auch drei richtige Gauner im Pelz, ihren unzufriedenen Chef namens Dr. Rolf und einen recht altklugen Jungen. Bis alles, klischeegerecht und fast akrobatisch, auf dem Eiffelturm seinen Höhepunkt findet.

Eine Räuberpistole, die manchmal arg klappert, ein Trip wie im Comicstrip, voll lustiger Typen und knalliger Sätze, von Rammstedt immer wieder unterbrochen, um festzuhalten, was der Leser schon weiß und was nicht. Er weiß sehr schnell: Von Rammstedt möchte man mehr lesen. Morgen.

Wolf Ebersberger

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 223 Seiten, 20 Euro.

Der Glamour vor dem Terror: Oliver Hilmes über „Berlin 1936″

Achtzig Jahre sind sie her, die „Sechzehn Tage im August“. Sie vergingen in „Berlin 1936“. Zwischen dem 1. und dem 16. 8. fanden in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschland die Olympischen Spiele statt. Am Abend des ersten Tages sprach Adolf Hitler im neuen Olympiastadion den Satz: „Ich erkläre die Spiele von Berlin zur Feier der XI. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.“ Damit wich er ein wenig vom protokollarischen Wortlaut ab. Niemand kreidete es ihm an. Und die Bilder in Leni Riefenstahls Olympiafilm „Fest der Völker“ belegen, wie triumphal „der Führer“ diesen Augenblick empfand.

Die Olympischen Spiele waren den Nazis zugefallen. Sie nutzten sie für eine perfekte Propaganda-Show. Darüber schreibt der Zeithistoriker Oliver Hilmes in seinem Buch mit dem Titel „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ auch. Und er beschreibt dieses oder jenes sportliche Ereignis im Stadion oder in der Schwimmhalle. Vor allem aber entwirft er ein Sittengemälde der Metropole, skizziert eine kleine Alltagsgeschichte des Dritten Reichs, wie sie uns noch immer weitgehend fehlt.

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Bekannte Namen treten auf: die Führungsriege der Nationalsozialisten, Olympiasieger wie Jesse Owens selbstverständlich, die eitle Riefenstahl mit ihren Kameras, Thomas Mann, der das Geschehen im Zürcher Exil am Radio verfolgt. Viele Episoden ranken sich um den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, der Verlagsverhandlungen führt, das Berliner Nachtleben genießt und erst allmählich konfrontiert wird mit dem hintergründigen Schrecken der Konzentrationslager, die parallel zu den Wettkämpfen errichtet werden. Aber ebenso gibt es die nahezu Namenlosen aus der Polizeistatistik wie die Arbeiterin Erna Rakel. Sie wirft sich am zweiten Tag der Spiele vor eine S-Bahn. Niemand weiß: warum.

Oliver Hilmes erzählt. Er erzählt die Geschichten von Menschen. Er benutzt dazu die Zeitform des Präsens, die dem Leser alle Ereignisse so „gegenwärtig“ macht. Er begibt sich dazu in die Köpfe seiner historischen Figuren. Aus den Tagebüchern des Propagandaministers Joseph Goebbels extrapoliert der Autor, was der gedacht, gefühlt haben könnte. Das macht das Buch spannend, ohne dass es zur Fiktion würde. Es ist eine Montage von historischen Momenten. Quellen sind vorhanden. Geschichte lebt.

Auch die Statistik hilft. Auch Informationen über den Alkoholkonsum helfen, eine Epoche besser zu verstehen. Hilmes schreibt: „Wieviel Alkohol trinken die Deutschen im Olympiajahr 1936 wirklich? Tatsache ist, dass der Alkoholverbrauch nach einem Tiefstand Anfang der 1930er Jahre seit einiger Zeit wieder ansteigt. Werden 1933 noch sechs Millionen Flaschen Schaumwein konsumiert, sind es 1936 bereits 14,2 Millionen Flaschen. Der Branntweinverbrauch steigt im gleichen Zeitraum von 564 716 auf 760 796 Hektoliter…“ Die Nazis hielten es eben genau.

Gern hält sich Oliver Hilmes in Berlins Glitzerwelt auf, besucht etwa mit dem Filmstar Hubert von Meyerinck Bars, Varietés, mondäne Lokale. Trotz der nationalsozialistischen Homophobie gab es noch Orte, wo sich Transsexuelle trafen. Trotz offizieller Verbote wurde Jazz gespielt. Die Zeit war nicht nur braun. Nach den Olympischen Spielen wurde sie immer brauner. Die Abgründe wuchsen. Hilmes lässt keinen Zweifel daran, dass in den sechzehn Olympischen Tagen von Berlin 1936 nur eine Fassade vor dem Terror stand. In einem Schlusskapitel verfolgt er die weiteren Schicksale seines Personals. So findet dieser Roman einer Großstadt vor 80 Jahren ein in vieler Hinsicht melancholisches Finale.

Herbert Heinzelmann

Oliver Hilmes: Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag. 303 S., 19.99 Euro