Lutz Seilers großer Nachwende-Roman: „Stern 111“

So viel Anfang war nie: Lutz Seiler erinnert in seinem preisgekrönten neuen Roman „Stern 111“ an die kurze anarchische Zeit nach dem Mauerfall. Und an einen jungen Mann, der – wie er selbst – Dichter werden wollte.

Preisgekrönt: Autor Lutz Seiler (Foto: Schmidt, dpa)

Sogar– und das freut natürlich uns Nürnberger – Kevin Coyne kommt als uralternativer Rocker vor. Oder Nick Cave, als er vom heroinbleichen Punker der frühen Jahre zum poptauglichen Balladensänger wurde, mit Liedern wie dem „Weeping Song“. Lang ist’s her, und der ganze Roman ist ja selbst eine Art Radio, das die längst verklungenen, verwehten Töne und Stimmen der späten 80er Jahre noch einmal einfängt und in Erinnerung ruft – ohne Nostalgie, ohne Ostalgie.

Dennoch: „Stern 111“, das alte DDR-Radio, das Lutz Seiler schon im Titel beschwört, steht auch für das, was nicht preisgegeben werden sollte im Lauf der Zeiten und Leben, steht für alte Hoffnungen, Träume, Werte, für alles, „was gut und richtig war“, auch wenn man es, persönlich wie historisch, vielleicht verdrängen und vergessen will.

Sogar als „Leitstern für die Reise“ kann die eigene Vergangenheit noch dienen, so eine der Erkenntnisse, die Seiler seinem mit sich selbst hadernden Helden, dem etwas verkrachten Studenten Carl Bischoff, in den Ranzen packt. „Stern 111“, das ist ja auch, auf einer Ebene, ein ganz klassischer Bildungs- und Entwicklungsroman. Ein junger Mann versucht, sich selbst zu finden. Ohne Eltern, aber mit einer jungen Frau – nicht ganz einfach, die erste große Liebe!

Und dann unter diesen Bedingungen: November ’89, gerade ist die Mauer gefallen, die Grenzen sind offen, da ordern Bischoffs den braven Sohn von der Uni zurück ins heimische Gera. Inge und Walter haben die Koffer schon gepackt und wollen gen Westen, so schnell wie möglich, wer weiß, was noch kommt – Carl kann sich derweil ja um die Wohnung kümmern! Hat Carl nicht immer gemacht, was Mutti und Vati sagten?

Das ist die Konstellation, die dem Buch schon viel seiner subtilen Komik gibt. Die Eltern werden hier flügge, der Sohn bleibt zuhause – und schaut den späten Nestflüchtern, den „Auswanderern“, wie sie sich selbst nennen, teils neidisch, teils besorgt, auf jeden Fall sich arg wundernd hinterher.

Zunächst aus dem beschaulichen Gera, bald aber aus dem Osten der Hauptstadt, Berlin-Mitte, wohin sich Carl heimlich aufmacht, im alten, aber perfekt gepflegten Russen-Wagen aus der Garage, einem weiß-orangenen „Shiguli“. Darin schläft er anfangs sogar, bis die Winterkälte es nicht mehr zulässt.

Und bis Carl, fröstelnd und fiebernd gleichermaßen, von einer Gruppe Aussteiger gerettet, ja – in jeder Hinsicht – reanimiert wird. Das „kluge Rudel“ werden sie genannt, und als Hausbesetzer wollen sie lieber nicht angesehen werden. Die Häuser werden ja nicht „besetzt“, sondern „in Obhut genommen“, wie es Rudelführer Hoffi, „der Hirte“, geradezu religiös formuliert. Stets an seiner Seite: eine Ziege namens Dodo, deren Milch fast schon magische Kräfte hat. Wie sie selbst ja auch.

Man kann „Stern 111“ auch als Fortsetzung von Seilers famosem ersten Roman „Kruso“ lesen, der auf Hiddensee vor der Wende spielte – und als ziemlich abgedrehte Figur taucht dieser Kruso sogar kurz auf. Warum, so sein Vorschlag, werden die leeren Wohnungen, die das Rudel knackt, nicht von den nun arbeitslosen DDR-Grenzhunden bewacht? Gegen die kapitalistischen Klassenfeinde, die alles ein- und aufkaufend von Westen näherrücken?

Wie in „Kruso“ schildert Seiler ein schräges, anarchisches, die eigene Freiheit absurd verteidigendes Milieu aus den naiven Augen eines Novizen. Carl ist immerhin gelernter Maurer, lässt sich also gut einsetzen im utopischen Niemandsland, etwa beim Ausbau einer Kellerkneipe, der „Assel“. Ein klammer, aber trinkfreudiger Ort, wo Carl auch kellnert und sich erst die abrückenden Russen, dann die anrückenden „Arbeiterinnen“ – des Strichs auf der Oranienburger Straße! – wohlfühlen.

Aber Carl hat ja nur Augen für Effi, den Schwarm aus Kindertagen, die in Berlin Künstlerin werden will so wie er Dichter, und die mit ihm – ein wunderbares Kapitel – bis nach Paris fährt, um an die gemeinsame Liebe zu glauben. Illusionen hier wie da, schmerzhaft, wenn man sie als solche erkennt. Aber dass Carl Lyriker wird – wie es Lutz Seiler geworden ist, bevor er mit Romanen grandios reüssierte –, das wollen wir doch gerne glauben . . .

Ein großer Wurf!

Wolf Ebersberger

Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp, 528 Seiten, 24 Euro.

Wie einst Don Quijote: „Das zweite Schwert“ von Peter Handke

„Das zweite Schwert“ nennt Peter Handke sein neues Buch ganz martialisch. Darin geht es ja auch um Rache. Aber zum Glück nicht nur…

Homer in der Straßenbahn: Peter Handke (Foto: Hochmuth,dpa)

Am schönsten – und österreichisch quer gedacht wie immer – hat es neulich die alte Sigrid Löffler formuliert. Peter Handke, so sagte sie in einer literarischen Fernsehrunde, ist und bleibt für sie, als Kritikerin wie Leserin, einer der wichtigsten Autoren ihres Lebens – „auch wenn er jetzt den Literaturnobelpreis hat“! Dazu dieses mörderisch süße Lächeln, mit dem sie einst schon einen Marcel Reich-Ranicki tief in seinen Sessel versenkte.

Aber auch wer kein Fan des gerade politisch heftig umstrittenen Autors ist oder ihm nicht in all seinen Äußerungen und Veräußerungen folgen will (das Nürnberger Staatstheater führte es zuletzt sehr gewitzt mit dem Handke-Frühwerk „Kaspar“ vor), liest vielleicht mit Gewinn, ja Vergnügen seine jüngste Erzählung, „Das zweite Schwert“.

Der Titel, biblisch belegt: ein Zitat aus dem Evangelium des Lukas. Und schon der Anfang: eine einzige Kampf-, ja Kriegserklärung im Zeichen der Rache, gleichsam mit Schaum vorm zuckenden Mund geschrieben.

Da fuchtelt einer wild nicht mit Waffen, aber doch mit Worten, und der Leser, der sich bald fragt, worum es ihm eigentlich geht, um welche Tat und Schuld, ja welches „Verbrechen“, muss sich lang und kunstreich hinhalten lassen.

Erst in der Mitte des Büchleins, auf Seite 74, lässt Handke die böse schwarze Katze aus dem Sack: Eine französische Journalistin ist die gewissenlose Übeltäterin, hat nicht ihn (was ihm egal wäre), sondern
seine „heilige“ Mutter aufs schändlichste beleidigt. Diese habe damals, als Mädchen von 17 Jahren, den Anschluss Österreichs ans Hitlerreich freudig bejubelt! Dazu eine Fotomontage vom vollen Wiener Heldenplatz, fast schon frivol.

Eine Entgleisung, ganz ohne Frage, und man ist einerseits ganz bei Handke, dem Sohn, der sich gekränkt fühlt. Andererseits, und darin offenbart sich seine Größe als Autor und vielleicht auch Mensch, zelebriert er sein Amt als Mutter-Rächer so selbstironisch aufgeblasen und von jedem beliebigen Sinneseindruck ablenkbar, dass sein dramatischer Aufbruch zur Tat nur als Lustspiel gelesen werden kann.

Ist es nicht komisch, wie er sich selbst immer wieder am langen grauen Schopf packt, sich in scheinbar
heroische Pose wirft, auch in Selbstgespräche rücksichtslosester Art? Alles, nur um aus seinem Häuschen am Rand von Paris zu kommen und der unbenannten „Hassfrau“ (Handke kennt deren mehrere), die ja gar nicht allzu weit weg wohnt, entgegenzutreten.

Und natürlich muss er erst einmal haarklein die drei ruhigen Tage daheim schildern, die der schon seit langem geplanten Racheaktion vorausgehen. Thema und Tonfall wechseln da von Zarathustra-hafter Einsamkeit (als sei er „hier auf Erden der letzte Mensch“, über ihm kreist ein Adler!) bis zum genauen Erfassen der Geräusche, die Mülltonnen eben mal machen.

Auch diese können freilich Gewaltphantasien auslösen… Und steckt nicht im sensibelsten Poeten das Potential zum Killer? „Endlich würde ich die mir an- oder eingeborene Illegalität ausleben! Sie unter Beweis stellen. Sie in die Tat umsetzen. Sie exerzieren! Sie exekutieren!“ – so macht er sich da Mut und Luft.

Das Ein-Mann-Exekutionskommando legt freilich stets Wert auf geputzte Schuhe und ein weißes Hemd, frischgebügelt und „an der rechten Hüftseite eingestickt ein dickschwarzer Schmetterling, den ich einen Fingerbreit oberhalb des Gürtels in das Blickfeld rückte“. Darüber: ein Anzug von Dior, was sonst.

Eitel auch noch? Da muss man, gerade wenn er dann noch vom immer wieder ersehnten „Ritterlichen Leben“ redet, doch vor allem an tragikomische Ritter wie Don Quijote denken, und Handke tut alles, um die eigene – liebenswerte – Lächerlichkeit zu bestätigen.

Es wird also so schnell kein Blut fließen, nur Tinte, viel Tinte, wie immer, denn „Das zweite Schwert“ ist hier ja nichts anderes als der Stift oder eben die Feder in der Hand des Dichters – der metaphorische Ersatz, die Kunst.

Und wenn er dann mit der Tram unterwegs ist und die Landschaften, Menschen, Veränderungen seiner Wahlheimat an der Seine gewohnt träumerisch beschreibt, bleibt von der heißen Rachelust des Beginns ohnehin wenig übrig . . . Am Ende gibt es gar ein Fest. Der Leser feiert gerne mit.

Wolf Ebersberger

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.

Raffiniert: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

Den Preis der Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Lutz Seiler bekommen. Mit seinem raffinierten neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hätte auch Ingo Schulze ihn verdient gehabt.

Ingo Schulze, nicht Schultze (Foto: dpa/Stache)

Es kommt in der Tat selten vor: Dass man einen deutschen Roman liest und sich plötzlich denkt, hoppla, der könnte auch von Philip Roth sein! Kann man einem Autor ein größeres Kompliment machen?

Dabei fängt Ingo Schulze ganz naiv und märchenhaft an. Erzählt von einem ach so beliebten, belesenen, die deutsche Geistesgeschichte gleichsam repräsentierenden Mann, dabei gutmütig und bescheiden: dem Antiquar und Buchhändler Norbert Paulini, der nicht nur in seiner Heimat Dresden, sondern darüber hinaus den allerbesten Ruf genießt.

Erstausgaben, Kassetten, gesammelte Werke und bibliophile Bände: Bei Paulini gibt es alles, sogar zu den sonst knappen Zeiten der DDR. Schon die Mutter hatte ja, bevor sie bei seiner Geburt starb, an teuren und wertvollen Büchern gehortet, was nur ging. Klein-Norbert schlief, kein Witz, auf Stapeln von Klassikern. Ein Bett gab es nicht.

Und er nimmt den geerbten Auftrag wahr, eröffnet, sobald es irgend geht, ein Geschäft, in dem alle Kunden, Akademiker wie Amateure, garantiert glücklich werden. Muss man ihn nicht lieben? Paulini ist wie wir! Und er ist konsequent. „Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“

Bitter, wenn ausgerechnet er, dieser rechtschaffene Händler des Guten, Schönen, Wahren, zum hilflosen Wendeopfer wird. Von den alten Besitzern aus der Villa geworfen, von der Insolvenz eingeholt und bis an die „Netto“-Kasse gedrängt, dann auch noch von der Jahrhundertflut der Elbe um etliche Regalmeter beraubt. Auch mit seiner Frau, der Stasi-Friseuse, hat er kein Glück . . .

Aber kann man ihm, dem man so nahe schien, die Treue halten, wenn er am Ende dieses ersten Teils den Mund auftut und völlig unerwartet die übelsten rechtsextremen Positionen vertritt? Man glaubt als Leser seinen Ohren oder Augen nicht. Vom Paulus zum Saulus, von Paulini zu Saulini? Wen hatten wir da die ganze Zeit eigentlich vor uns?

Und schon folgt ja, aus der Sicht eines Paulini-Bekannten, die Korrektur. Ein erfolgreicher Berliner Autor, hinter dem niemand anderes zu stecken scheint als Ingo Schulze selbst, entlarvt Teil eins als seine eigene Fiktion, gedacht als Hommage, die dann von der Wirklichkeit eingeholt wurde.

Aber Vorsicht! Nicht Schulze, sondern „Schultze“ (mit t) wird der Erzähler genannt und gesteht dann auch noch ein, dass sein Verhältnis zum Antiquar von Eifersucht getrübt ist: Dessen Helferin Lisa landet zwar willig in Schultzes Bett, will aber dort nicht bleiben. Paulini, das alte Monster, hat sie offenbar in der Hand.

Und dann, Teil drei: ein Mord. Oder nur Unfall? Zumindest, und hier entfaltet sich erst die ganze Größe und geheime Spannung dieses Buchs, eine Enthüllung, die dem Leser erneut den Boden unter den Füßen wegzieht und den Titel weiter fasst, als einem lieb ist: „Die rechtschaffenen Mörder“ sind unter uns!

Was als Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Büchermenschen begann, endet als Krimi und kaltblütige Bilanz, dazwischen die jüngste deutsche Geschichte von Ost und West, ein Erotikdrama zweier alternder Männer, das alles im irritierenden, immer wieder ernüchternden Clinch von Realität und Literatur, Wahrheit und Lüge. Wem kann man da trauen?

Ingo Schulze schon. Er hat einen verdammt guten Roman geschrieben.

Wolf Ebersberger

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer, 318 S., 21 Euro

Sasa Stanisic und seine „Herkunft“: Deutscher Buchpreis

Empört über Handke: Sasa Stanisic, Schriftsteller aus Bosnien und Herzegowina. (Foto: Jan Woitas, dpa)

Wer bin ich? Das ist die eine Frage. Die andere: Wo komme ich her und wie wichtig ist das überhaupt? Der in Hamburg lebende Autor Sasa Stanisic, Jahrgang 1978, stellt sie in seinem aktuellen Buch „Herkunft“ und findet zumindest erzählerisch Antworten. Dafür bekam er nun den Deutschen Buchpreis. Und nutzte die Gelegenheit, sich gleich über den Literaturnobelpreis für Serbenfreund Peter Handke zu beschweren.

Ja, es wirkt fast wie das Paradies, dieses kleine Dorf. Ganz abgeschieden und still liegt Oskorusa im Osten Bosniens, von Wald umwachsen am Fuße des Berges Vijarac: die Quelle seiner Familie, oder? Denn dort lebten einst seine Urgroßeltern väterlicherseits und bauten ihr Haus – jetzt ist nur noch ihr Grab übrig.
Sasa Stanisic hat es mit seiner geliebten Großmutter Kristina besucht. Hat an einem heißen Sommertag im Schatten unter dem Speierlingsbaum am Grab gesessen und mit den letzten Einheimischen – mehr als ein Dutzend sind es nicht – gespeist, ganz friedlich.

Und natürlich muss man da an den Baum der Erkenntnis denken, nicht umsonst sitzt oben in den Zweigen eine Schlange, eine Hornotter, und züngelt ebenso real wie symbolisch. Die Erkenntnis – am Ende des Buches – wird bitter sein und ein bisschen ratlos, die Vertreibung aus dem Paradies hat dann längst stattgefunden. Oma Kristina weiß eh nichts mehr, sie ist inzwischen dement; die Familie – mit muslimischen Wurzeln auf der Mutterseite – lebt in der Diaspora.

„Herkunft“, Sasa Stanisics ambitioniertes neues Buch, ist so etwas wie der Versuch, die Splitter und über die Länder verteilten Steinchen zusammenzutragen und daraus, wie ein Mosaik, wieder ein ganzes Bild werden zu lassen. Bericht, Autobiografie, Tagebuch, Roman – zum Schluss sogar ein Spiel, bei dem der Leser zwischen verschiedenen Varianten wählen und hin- und herblättern darf: „Herkunft“ ist vieles – und wie jede Herkunft, als Produkt des Zufalls, schwierig festzumachen.

Stanisic, der aus der Stadt Visegrad stammt, erzählt einerseits von einem großen Verlust, von Krieg und Flucht und ihren Verwüstungen: Jugoslawien, „das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr… Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats.“ Ein glückliches Kind, muss man hinzufügen, ein Kind Titos.

1992 entkam die Familie den drohenden Schrecken der Bosnien-Kriege und fand – die Eltern nur vorübergehend, dann mussten sie wieder ausreisen – in Deutschland eine neue Heimat. Da ist Sasa gerade 14 Jahre alt und kann kaum ein Wort Deutsch.

Aber das wird sich ändern. In Heidelberg – mit den Freunden, die sich an der Aral-Tankstelle im sozial schlichten Emmertsgrund treffen, mit den ersten Mädchen wie Rike, denen er imponieren will, mit Lehrern, die im Schultrott doch erkennen, welche Talente das Flüchtlingskind in sich trägt, wird Sasa Stanisic die fremde Sprache nicht nur lernen, sondern lieben lernen.

Was für ein Moment, wenn die Klasse dann im Unterricht auch ein Gedicht von ihm bespricht – und natürlich darf das niemand wissen! Deutsch, „besprenkelt mit der Muttersprache“, nennt er diesen knalligen Jugendjargon von damals, den er, als einen Stil von vielen, in der Erinnerung noch einmal aufleben lässt – „wirklich schön“.

Er tut dies immer aus der akuten Gegenwart heraus, in der er dieses Buch schreibt: politisch konfrontiert mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und dem Aufstieg der AfD, aber auch persönlich ungewiss und zögernd, wie er sich selbst, seine familiäre Identität, sinnvoll und schlüssig darstellen soll. Ist nicht das ganze Konzept von Herkunft fraglich, ja gefährlich? Ist nicht auch ein Buch, das sich so nennt, zum Scheitern verurteilt?

Die Großmutter – deren Geschichte dramatisch dominiert – wird verstummen. Aber umso stärker erwächst ein neuer Impuls: Sasa, der Enkel, wird weiter erzählen. Gut so.

Wolf Ebersberger

Sasa Stanisic: Herkunft. Luchterhand, 355 Seiten, 22 Euro.

Anika Deckers starkes Romandebüt

Nicht weniger als ein Leben steht in diesem Roman auf dem Spiel. Trotzdem ist er immer wieder extrem lustig. Geht das?

Anika Decker (Foto: dpa)

Die Drehbuchautorin Rahel Wald ist Mitte 30, als sie urplötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Wegen einer Sepsis landet sie auf der Intensivstation, ihre Eltern werden auf das Schlimmste vorbereitet. Doch Rahel überlebt. Aufatmen, aufstehen, Happy End?

Könnte in einem Buch mit mäßigem Drehbuch so sein. Hier aber fängt die Geschichte erst an. Denn als Rahel Wald aus dem künstlichen Koma erwacht, als sie wieder mit ihren Eltern und ihrem Freund kommunizieren kann, stellt sie fest, dass sie Erinnerungslücken hat, was die Zeit vor ihrem Zusammenbruch betrifft.

Damit beginnt eine Horrorstory. Keine übersinnliche Fantasy made in Hollywood, sondern eine aus der ganz normalen Welt – die kann mitunter ja gruselig genug sein. Und ist hier zugleich immer wieder sehr, sehr komisch.

Passgenau zusammengeführt hat diese Extreme die Drehbuchautorin Anika Decker, die mit „Wir von der anderen Seite“ ihren ersten Roman vorlegt. Von Decker, 44, dürften die wenigsten schon gehört haben, obwohl sie das Drehbuch zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahrzehnts geschrieben hat: „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger; mehr als sechs Millionen Zuschauer haben sich in dieser Komödie amüsiert. Aber Drehbuchautoren sind nach wie vor in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dabei brauchen Filme guten Stoff so nötig wie ein Junkie den seinen.

Auch um den Stellenwert von kreativer Arbeit geht es in diesem Roman, wie überhaupt um die ganze Filmbranche mit ihren Ekel-Egomanen, Selbstdarstellern und Geschäftsleuten – und darum, wie sich eine junge Frau in diesem Haifischbecken bewegt.

Vor allem aber handelt das Buch davon, wie ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, wie sich aus dem Nichts – so zumindest scheint es lange Zeit – eine Hürde in den Weg schiebt, über die man nicht einfach so hinweggehen und danach weitermachen kann wie vorher.

Und obwohl die Parallelen offensichtlich sind – nein, das ist keine verkappte Autobiografie von Anika Decker, die mit ihrem ersten Drehbuch gerade einen Erfolg gelandet hatte und dann schwer erkrankte. Wo Anika aufhört und Rahel beginnt, ist zwar schwer zu sagen; allerdings ist das auch nicht sonderlich wichtig.

Denn die Autorin hat eine starke Figur in einer Extremsituation geschaffen, die um ihr Leben kämpft; der, vollgepumpt mit Medikamenten, nachts ein Eichhörnchen auf der Brust sitzt und winkt; die erst zum Gerippe abmagert und später fett und antriebslos in Jogginghosen auf dem Sofa vor sich hin gammelt. Kurz: die plötzlich auf der anderen Seite steht, wo es nicht um das richtige Outfit für eine Filmparty geht, sondern darum, überhaupt etwas anzuziehen, ohne davon schon wieder komplett erschöpft zu sein.

Und auch eine Figur mit all ihren (und unseren) Unzulänglichkeiten, Neurosen, Ängsten und Eigenheiten.
Puh, ja, ganz schön heftig, all das. Wäre da, sogar auf dieser anderen Seite, nicht Deckers Witz und die (Selbst-)Ironie, die das Schreckliche mit Sinn für Pointen abfedert und diesen Roman zu einem stellenweise sehr komischen macht.

Die Autorin Sibylle Berg, mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens bestens vertraut, hat ihn geliebt.
Muss man mehr sagen?

Tamara Dotterweich

Anika Decker: Wir von der anderen Seite. Roman. Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro

David Wagners Vater: „Der vergessliche Riese“

„Der vergessliche Riese“ nennt David Wagner sein neues Buch, in dem er – sehr direkt – über seinen dement gewordenen Vater schreibt.

Vater, wo bist du? Autor David Wagner (Foto: Linda Rosa Saal)

Das Buch ist kein Ratgeber. Es sagt nicht: So oder so muss man mit dem Betroffenen umgehen – dann kommt man mit der Krankheit am besten zurecht. Es ist aber auch keine Leidensliteratur. Kein in Worte gefasster Akt der Verzweiflung, kein Schreckensszenario, das die völlige geistige Auslöschung eines Menschen vorführt.

David Wagner (Jahrgang 1971) weiß – und diese Fähigkeit hat er schon öfter bewiesen – gleichzeitig sehr offen und doch dezent von existenziellen Krisenerfahrungen zu erzählen: Er sieht die Krise, die jederzeit in eine Katastrophe münden kann, verliert aber den Mut nicht.

Das zeichnete schon sein uneitles Buch „Leben“ (2013) aus, in dem er von Todesnähe und der Rettung durch eine Lebertransplantation berichtet – und nun, auf andere Weise, auch sein neues Werk „Der vergessliche Riese“. Darin beschreibt er, wie sein Vater mit Anfang 70 langsam, aber unaufhaltsam dement wird, alles vergisst, sogar das gerade Gesagte.

Der Zustand ist von den ersten Seiten an klar. Nach dem Tod seiner zweiten Frau, einer Engländerin, war der Vater bei einer der beiden Töchter – nun holt ihn David, der Sohn, aus Hamburg ab und bringt ihn nach Bonn zurück, nach Hause. Aber schon da fragt der Vater immer wieder, immer neu, immer nervöser: Und wo fahren wir jetzt hin?

David Wagner, in Andernach geboren und in Berlin lebend, hält sein Prinzip konsequent durch. Er behandelt, quasi als Reporter vor Ort, nur die jeweiligen Besuche und Begegnungen mit dem Vater und schildert sie in protokollarischer Schlichtheit. Ohne Kommentar, ohne zusammenfassende Klammern.

So dominieren die Dialoge und wirken auf Dauer fast wie der Text eines Theaterstücks – das in seinen vielen, manchmal endlosen Wiederholungen durchaus absurde Züge aufweist und dann nicht selten an Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erinnert. Wo sind wir? Was machen wir hier? Wie behalten wir – alternativlos – den Humor?

Wie ein Papagei bringt der übrigens in Bayreuth aufgewachsene Vater (er durfte bei den Festspielen auch mal als Zwerg mitmachen) immer wieder gewisse Sprüche, wie den von Tante Gretl: „Die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Da meint er – denn er erkennt sein Problem – auch sich selbst. Oder: „Ich muss ja schwer auszuhalten sein, dass die Frauen mir immer wegsterben.“ Das bist du natürlich nicht, sagt der Sohn dann jedesmal – und empfindet es, ehrlich wie er ist, auch so.

Andererseits hat Wagner das Drama seines Vaters, den drohenden Selbstverlust, nicht wirklich dramatisiert. Er löst es in Alltagsszenen auf, im familiären Arrangieren, der gemeinsamen, mitunter auch überraschenden Erinnerung an die eigene Geschichte, an Kindheit, Ehen, Wohnorte.

Der positive Effekt: So nah wie jetzt war er dem Vater lange nicht. „Freund“ nennt dieser ihn nur noch, nicht David. Dass die Geschwister ihn dann gleichsam mit einem Trick ins Pflegeheim – immerhin eine Villa am Rhein – locken, weil er nicht mehr alleine bleiben kann, tut da erst recht weh. Ein „Waisenhaus für alte Kinder“, so nennt der Vater, der immer wieder auch enorm hellsichtige Sachen sagt, das Heim.

Wagner ist nicht der erste ernstzunehmende Autor, der das Thema für sich entdeckt – man denke an Arno Geigers bewegendes Buch „Der alte König in seinem Exil“. Wenn der Vater am Ende dann nicht mal mehr den das Buch wie eine Lebensader durchziehenden Fluss erkennt, fallen auch die Sätze dieses Plauderprotokolls wie Bomben. Eine Frage, ja, muss er dem Sohn noch stellen: „Wer sind eigentlich deine Eltern?“

Wolf Ebersberger

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt, 269 Seiten, 22 Euro.

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Faustisch: Christiane Neudeckers neuer Roman „Der Gott der Stadt“

Faust und Mephisto, die schon wieder? Das ist doch ausgelutscht bis zum Gehtnichtmehr, und doch verkaufen die Mimen ihre Seele und die eigene Mama dazu, um sie auf der Bühne zu verkörpern. Aber es geht auch anders, abseits von Goethe. Wie wäre es mit einem expressionistischen Faust? Mit Entgrenzung pur? Lust, Rausch und Macht, jetzt sofort und auf immer und ewig, und sei es nur für ein paar Momente?

Frankens scharfer Literaturexport: Christiane Neudecker (Foto: Maurizio Gambarini)

Berlin im Herbst 1995. Katharina hat unter Hunderten Bewerbern einen Studienplatz für Regie an der hochangesehenen Piscator-Schule ergattert. Zusammen mit vier weiteren Studenten klebt sie an den Lippen des Bühnengottes Korbinian Brandner, der sie in die Weihen des wahren Theaters ostdeutscher Prägung einführt.

Doch die Anforderungen sind hoch: zweimal versagt, und du fliegst raus! Als Talentprobe sollen die Erstsemester ein Faust-Fragment des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912) erarbeiten.
Doch Brandner hat seine eigenen Methoden. So steckt er jedem Studenten nur ein paar Sätze aus dem Fragment zu, die für sich allein genommen keinen Sinn ergeben, alles und nichts bedeuten. „Die Geister des ermordeten Winter“ oder „ringende Schwarze im Lunapark“ oder „Faust und der Teufel auf dem Mond“.
Jeder soll sich daraus – unabhängig von den anderen – ein Konzept basteln, dieses Konzept vor einer Jury mit Zähnen und Klauen verteidigen und hernach inszenieren.

Dass das nicht gut gehen wird, macht die Autorin Christiane Neudecker schon im Prolog klar. Einer aus der Runde wird sterben. Doch wer? Der Roman „Der Gott der Stadt“ bezieht ein Großteil seiner Spannung aus der Frage, wer aus dem halben Dutzend auf der Strecke bleiben wird. Und da bieten sich alle an: Kollege Schwarz, der lieber Filme drehen will, wirft haufenweise Drogen ein, Francois ist ein sensibles Seelchen, die forsche Nele versteckt ihre Defizite hinter einer Blendfassade, Tadeusz brütet über einem finsteren Familiengeheimnis, und Katharina blufft sich durchs Leben. Und auch in Brandners Keller wesen einige
Leichen.

Die Nürnbergerin Christiane Neudecker ist selbst Theaterregisseurin und hat ihr Handwerk an der Ernst-Busch-Schule in Berlin gelernt. Da liegt die Annahme nahe, dass sie ordentlich aus dem Nähkästchen plaudert. Doch „Der Gott der Stadt“ ist kein Enthüllungsroman und auch kein privates Auskotzen. Er lebt von der genauen psychologisierenden Beobachtung.

So verlässt Neudecker die Perspektive Katharinas und lässt auch die anderen Personen mit ihrem Innenleben zu Wort kommen. Auf diese Weise entstehen heterogene Facetten der fünf Protagonisten. Darüberhinaus versteht es Neudecker grandios, sowohl den Ensemblegeist der Truppe zu beschwören, als auch die Intrigen und Machtspiele untereinander in brutaler Detailfreudigkeit zu skizzieren.

Im Laufe der Handlung erscheint Brandner als ein Mephisto, der in seiner Privatinszenierung fünf faustische Seelen in ihrem Geltungsdrang aufstachelt und gegeneinander ausspielt. Doch der Magus dahinter ist immer noch Georg Heym selbst, der mit seinen sinistren Metaphern alle im Griff hält – und dem die Autorin mit Zitaten und Anspielungen aus seinem Werk Tribut zollt. Schon der Romantitel ist nach einem Heym-Gedicht ausgewählt.

Nicht zuletzt ist „Der Gott der Stadt“ auch ein Berlin-Roman. Das Berlin der Wendezeit erweist sich als ein Kosmos, der wie Frankensteins Monster mit Hochglanz und Marodem, Ost- und Westmentalität, Bruchbuden und Villen, internationalen Wohnheimen und Schatten aus der Vergangenheit zusammengenäht ist.

Und auch ein Zeitroman. In einer Zeit, als es weder Handys noch Internet gab, mutet die Recherche nach den Hinweisen, die Heyms Fragment enthält, wie eine nostalgische Schnitzeljagd durch Bibliotheken, Nazi-Antiquariate und Friedhöfe an – als wären wir mit Dan Brown auf Spurensuche nach den llluminati.
Natürlich steckt auch ein gutes Stück Paranoia und Verschwörungstheorie mit drin. Ist Heym mit seinem Freund wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen? Gehen Satanisten ins Theater? Und warum eigentlich schmeckt der Salbeitee so komisch?

So viele Fragen tauchen im Roman auf. Doch Fragesätze beendet die Autorin nicht mit einem Fragezeichen, sondern einem Punkt. Offenbar ein Stilmittel, bei dem die Antwort schon in der Frage enthalten ist.
Eines aber bleibt unverzeihlich: Bei ihrer Spurensuche liest Katharina in der „Offenbarung von Johannes dem Täufer“. In der Bibel gibt es mehrere Johannes, aber die Apokalypse hat ein anderer geschrieben, nicht der Prophet. Da hat die Autorin im Reli-Unterricht wohl süß geschlummert. Und der Lektor auch.

Reinhard Kalb

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand, 660 Seiten, 24 Euro.

O, Mond: „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die gängige amerikanische Karriere. Vom verprügelten Heimkind zum Internet-Krösus und Möchtegern-Astronauten – das klingt nicht unbedingt nach einer deutschen Erfolgskurve.

Was der Autor Norbert Zähringer in seinem fünften Roman „Wo wir waren“ ausheckt, ist im Grunde pure Kolportage: sein Held Hardy Rohn entweicht mit fünf Jahren dem Waisenhaus, wird von einer mitleidigen Familie adoptiert, erfährt die Enge des 1970er-Jahre-Spießertums und die Verlockungen der Alternativkultur, entwickelt in den USA Computerspiele und intelligente Rasenmäher und steigt zum Multimillionär auf.

Norbert Zähringer (Foto: Isabella Scheel/Rowohlt-Verlag).

Damit nicht genug, serviert uns Zähringer auch noch die ganz anders gearteten Lebensläufe von Hardys leiblichen Eltern, der Mutter Martha, die als Giftmörderin im Zuchthaus landet, und des Vaters Jim, eines US-Soldaten, den es von Deutschland nach Vietnam verschlägt.

Ein Drama hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Tatsächlich erzählt Zähringer seine Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern wirbelt die Zeiten und Schauplätze wild durcheinander. Die reichen von 1901 bis 2009, vom Rheingau, wo sich Taunus und Hunsrück gute Nacht sagen, bis nach Los Angeles und Baikonur, vom Kloster bis zum Weltraumbahnhof.

Dreh- und Angelpunkt, demonstrativ als solches deklariertes Zentrum des Romans, ist allerdings der Mond am 21. Juli 1969, als Neil Armstrong seinen Fuß in den Staub des Mare Tranquillitatis setzt. In jenem Moment setzen die drei Erzählstränge ein oder kommt es zu entscheidenden Weichenstellungen.

Der Witz des Romans ist so beschaffen, dass sämtliche Haupt- und Nebenfiguren der verschiedenen Handlungsfäden gelegentlich einander begegnen, ohne sich oder ihre Schicksalsverbundenheit zu erkennen. Dies eben bleibt dem aufmerksamen Leser überlassen.

Damit lädt Zähringer den Leser ein, auf Wolke Neun Platz zu nehmen und gottgleich seine Romanfiguren durchs Schicksals-Opernglas zu betrachten. Betrachtet man die Episoden für sich, so gestaltet der Autor überaus einfühlsame Stimmungen und Milieus: das westdeutsche Kleinbürgeridyll der 1960er und 70er Jahre mit seinen Abgründen in Gestalt sadistischer Heimleiter, zwangsgesteuerter Karrieristen und frustrierter Hausfrauen, und im Gegensatz dazu das freie Leben in Berlin; die „Anything goes“-Mentalität der USA in den 1980er Jahren; und als Zukunftsvision die nachindustrielle Wildnis in Kasachstan mit High-Tech-Ruinen.

Darüber hinaus lebt Zähringers Roman vom Gegensatz aus Enge und Weite im räumlichen wie im geistigen Sinn, aus der Spannung zwischen Abwarten und Aufbruch, zwischen Neugier und Zaudern, zwischen Courage und Duckmäusertum.

Zur inspirierenden Personnage zählen illustre Phänomene der deutschen Nachkriegsgeschichte wie Giftmischerinnen, die sich ihrer bevormundenden Gatten entledigten, SF-Heftromanschreiber im Stile Perry Rhodans, gescheiterte Alternativ-Literaten und natürlich diverse Leichen im NS-Keller.

Doch tatsächlich bedingt erst die Erfahrung der Enge das Erlebnis der Weite. Hätte Hardy seine Passion für den unbegrenzten Raum entwickelt ohne das Erleiden des Eingesperrtseins, ohne das kindliche Spiel im „Raumschiff Orion“-Autowrack?

Die Ironie der Geschichte und die Tücken der Technik zwingen den Hobby-Kosmonauten wieder in die Klaustrophobie: in die Enge einer Sojus-Kapsel, die kindliche Traumata wieder aufrührt.
Doch unser Held ist nicht umsonst nach dem Filmstar Hardy Krüger benannt. Der hatte seinen Durchbruch in der Rolle als deutscher Flüchtling aus englischer Kriegsgefangenschaft. Titel des Films: „Einer kam durch“.

Reinhard Kalb

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Roman. Rowohlt, 500 Seiten, 25 Euro

Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.