Kurz und gut: Benedict Wells und Frank Schulz

Es ist ein Spätsommer der Kurzgeschichten: Sowohl der alte hanseatische Hase Frank Schulz als auch sein jüngerer süddeutscher Schriftsteller-Kollege Benedict Wells legen schöne Short Stories vor.

Schriftsteller Benedict Wells (Foto: dpa)

Schreiben Autoren tatsächlich die tieferen Texte, wenn sie durch harte Jahre gingen? Sowohl Benedict Wells’ zehn Geschichten unter dem Buchtitel „Die Wahrheit über das Lügen“ als auch Frank Schulz’ Sammlung „Anmut und Feigheit“ tragen, so unterschiedlich sie im Stil sind, feinnervig private Züge.

Wells (geb. 1984) ist es in nur zehn Jahren gelungen, sich vom spritzigen Schreiber („Spinner“) mit filmreifem Stoff („Becks letzter Sommer“) zum ernst zu nehmenden Romancier („Das Ende der Einsamkeit“) zu entwickeln. Abwesende Eltern, sensible Seelen, früher Schmerz und trotzdem Nischen des Glücks: Wells Literatur atmet, fühlt, schält Gedanken.

Vor allem der letztgenannte Roman spiegelte bei aller melancholischen Leichtigkeit dunkle Wolken unter der Wasseroberfläche des Erzählens. Und auch für seine Kurzgeschichten gilt: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Wells erzählt zügig durch. Gleich mit der ersten Story „Die Wanderschaft“ verhandelt er fantastischen Realismus und nacktes Erschrecken in der Wirklichkeit – wohin ist mein Leben? – gleichermaßen. Ein Business-Mann, erfolgreich, Vater zweier kleiner Kinder und obendrein mit einer sehr geduldigen Ehefrau gesegnet, bricht am Geburtstag seines Sohnes spontan zu einer Gipfelwanderung auf. Bin zum Grillen wieder da!

Seine Rückkehr wird dann sein: Gegen Mitternacht. Er kehrt als anderer Mensch heim – am Abgrund des plötzlichen Gealtertseins. Damit verglichen kommt „Die Muse“ zunächst leichtfüßig daher. Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade wird im Bett geküsst. Von der Muse, die männlich ist, sexy und inspirierend auf sie wirkt. Das Teuflische: Schreibt sie am ersehnten Roman weiter, blutet der Musenmann aus, verliert seine Lebenskraft. Kunst oder Liebe, Erfolg oder Erlösung – die Gretchenfrage aller Kreativen ist hier der Dauerbrenner.

Charmant erzählt Wells eine Weihnachtsgeschichte, „Die Nacht der Bücher“. Die Klassiker der Weltliteratur unterhalten sich in einer Londoner Leihbibliothek am Heiligen Abend. Hemingway, Shakespeare, Proust, Rowling: Die Schöngeistigen schießen sich mit giftigen Kommentaren gegenseitig ab.
Wells gelingt eine ironische Abrechnung mit den Säulenheiligen des Betriebs, die als angestaubte, selbstverliebte Langweiler in den Regalen stehen und mit ihrem Schicksal als Zwangslektüre hadern.

„Hunderttausend“ verhandelt dann sehr privat die Sehnsucht nach dem Vater. Und in „Die Entstehung der Angst“ spinnt Wells eine Figur aus seinem letzten Roman weiter. Zentral liegt die Titelstory „Die Wahrheit über das Lügen“ im Buch. Vordergründig mag es um die Erfindung von „Star Wars“ gehen. Hintergründig fächert Wells die Finten des Filmgeschäfts auf. Man kann auch sagen: Er erdet Science Fiction.

Beim Hamburger Schriftsteller Frank Schulz irritiert es zunächst, dass er die Kurzgeschichten „Anmut und Feigheit“ (sein „Prosa-Album der Leidenschaft“) von 2018 bis 1950 zurückdatiert. Scherzkeks, der er ist! Wurde er doch selbst erst 1951 geboren. Bei der Lektüre wird klar: Die älteste Geschichte handelt nicht nur von „Mamapapamamapapa“, sondern auch von seiner Zeugung!

Zu welch zärtlich verschrobenen Persönlichkeits-, Großstadt- und Landschaftsporträts Schulz fähig ist, hat er mit seinen Büchern übers norddeutsche Künstler- und Proletenidyll („Kolks blonde Bräute“, „Morbus Fonticuli“, „Das Ouzo-Orakel“) bewiesen. Mit der hanseatischen Trilogie über „Onno Viets“ und den „Irren vom Kiez“ setzte er diese Kunst fort. Und auch in seinen Stories zappelt die Sinnlichkeit seines Schreibens wieder derart nach der Welt, als wären einem Kettenraucher die Kippen ausgegangen.

Es geht um Trauer in „Rotkehlchen“, einem Oratorium für den Vater. Zwiespältig lustig ertappt Schulz uns mit der Ehe-Satire „Der korfiotische Kuss“. Und dann glücken ihm gänsehautgute Schmachtfetzen wie „Geliebte mein im Schuhkarton“. In einen zentnerschweren Großstadtfenster-Voyeur denkt Schulz sich da hinein. In einen Kerl, der sogar aufgehört hat, zu „seiner“ Hure zu gehen, dem einzigen verzweifelten Frauenkontakt, den er noch hatte. Der Grund: Dem Dicken genügt es irgendwann vollends, der Nachbarin im Haus gegenüber bei ihren Alltagsverrichtungen zuzuschauen. Wenigstens im Winter. Im Sommer versperren die Blätter der Bäume den beglückenden Blick in das zum Greifen nahe Behauste . . .

Christian Mückl

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, 256 Seiten, 22 Euro.
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani, 336 Seiten, 22 Euro.

Kurz, frech, tragisch: Heinz Strunks „Teemännchen“-Stories

Heinz Strunk seziert in seinen neuen Kurzgeschichten lausige Lebenslügen, beschreibt Frauen als dicke Dinger und Männer als schlimme Finger. Kotzbrocken schenkt er reinen Wein ein und Losern Liebe. Das hat was.

Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape) mag es cool. Foto: dpa

In der Titelgeschichte taucht noch so ein Versager auf. Michael heißt der. Ein Langweiler vor dem Herrn. Kein Wunder, wenn „das Teemännchen“ in seinem Laden selbst zum Ladenhüter wird. Ein Mensch wie „zu früh zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen“. Schreibt Strunk.

„Das Teemännchen“ ist im Buch in bester Gesellschaft. Denn sein Autor hat ein Herz für Versager. Eine Galerie der vom Leben Deformierten tischt er auf. Streichelt die schlimmsten Fälle mit feiner Feder. Keinem der Porträtierten ist noch irgendwie zu helfen. Aber diese Tragik transportiert der Hamburger Bestseller-Autor („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) mit Scharfsinn und Bravour. Und mit keinem Wort zu viel.

In „Tempo 100“ (dem Wald zuliebe) lernen wir zwei Alt-Linke kennen, Marion und Michael. Beide tragen ausschließlich Schwarz: „Er, weil er Tontechniker ist und alle Tontechniker auf Gottes weitem Erdengrund ausschließlich Schwarz tragen, sie, um ihre abstehende Wampe zu kaschieren“. Wenn sie bei allem Hass aufeinander immer noch aneinander kleben, dann deswegen: „Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu alles Mögliche. Das wird schwierig, noch mal neue Lebensabschnittsgefährten zu finden.“

Dann ist da der Bordellgänger, der nur vormittags kommt. Wenn die Damen noch „frisch“ sind. „Nutten mit Kaffeefahne“ heißt die Story. In „Fred Perry“ warnt Strunk davor, kurz nach der Zahnarztspritze einkaufen zu gehen: Schnell gerät man unter Behindertenverdacht.

Oder die Erzählung „Janine“: Ein freudenverheißender Talk an der Hotelbar wird zum Albtraum. Weil das Objekt der Begierde sich als versoffene Quasselstrippe entpuppt. Am Beispiel einer „Jenny Müller“ malt sich Strunk aus, warum es zwischen West- und Ostdeutschen nichts wird. Was beim Antrittsbesuch bei ihren Eltern „drüben“ nicht nur an der Schlachtplatte liegt. Wenn der unvorsichtigerweise Mitgefahrene etwas mit den früheren Zonenbewohnern teilt, dann den Wunsch einer möglichst raschen Flucht.

Strunk seziert mit Röntgenblick Seelendramen und schreibt mit einer Behutsamkeit darüber, dass man sich dem Sog seiner Kurzgeschichten und Miniaturen schwer entziehen kann. Manchmal ist es kaum auszuhalten. Doch es kaum auszuhalten wird hier zur Sucht. Scham, Perversität, Verwahrlosung: Ganz schön frech, wie der Hamburger das einfängt. Doch Sarkasmus ist ihm fremd. Was ihn von Satirikern wie Wiglaf Droste klar unterscheidet.

Christian Mückl

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro.

Kampf ohne Ende: Holger Afflerbach über den Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg, der vor hundert Jahren langsam zu Ende ging, hat ein zerstörtes Europa hinterlassen. Rund zehn Millionen Menschen mussten sterben. Die Nachkriegsordnung, die nach dem November 1918 entstanden ist, schuf aufgrund der harten Friedensbedingungen die Grundlage für Hitler und den Zweiten Weltkrieg. Auch die russische Revolution 1917 wäre ohne die Zerstörungskraft des Ersten Weltkriegs nicht möglich gewesen.

In den sechziger und siebziger Jahren schien es, dass sich die These des Hamburger Historikers Fritz Fischer durchsetzen würde: eben dass das Deutsche Reich mit seinem „Griff nach der Weltmacht“ die Hauptschuld am Ausbruch der Ersten Weltkriegs und damit auch für seine Folgen trägt. Dieser Deutungsansatz wurde aber immer wieder hinterfragt und zuletzt von dem australischen Historiker Christopher Clark in seinem Buch „Die Schlafwandler“ regelrecht zerlegt.

Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um Absolution, denn die deutsche Politik hat 1914 viele Fehler gemacht, sondern um Differenzierung. Es gab kein in sich geschlossenes Konzept für den Griff nach der Weltmacht in der deutschen Gesellschaft, sondern nur ein kleiner, aber lautstarker Teil der deutschen Elite verfolgte dieses imperialistische Ziel.

Aber auch in Frankreich, Russland oder England gab es imperialistische Zielsetzungen, und Amerika strebte die Weltherrschaft an Stelle von England im internationalen Handel an. Dabei waren
die aufstrebenden Deutschen nur hinderlich. Die deutsche Führung war auch nicht so eindeutig auf umfassende Eroberungen festgelegt, wie oft behauptet wurde, so Holger Afflerbach, Professor für Europäische Geschichte an der Universität Leeds, in seinem Buch „Auf Messers Schneide“.

Afflerbach schildert die Entwicklung der deutschen Kriegsziele sehr genau und verweist darauf, welche Interessengruppen dahinterstanden und warum sie sich verändert haben. Wohltuend sind auch Afflerbachs Einschätzungen der Fehler deutscher Militärs und Politiker, die er zwischen Dummheit, fehlendem Wissen und Überreaktion einstuft, die aber von der englischen Propaganda sehr geschickt und vor allem bei den neutral gebliebenen Ländern gegen Deutschland ausgenutzt wurden: etwa der unkluge deutsche Kampf gegen die belgische Bevölkerung, der dann die Vorlage für das Bild vom bösen „Hunnen“ auf anglo-amerikanischer Seite bildete.

Nur ganz nebenbei: Die englische Blockade der deutschen Seehäfen war genauso völkerrechtswidrig wie der U-Bootkrieg. Propagandamäßig hatten die Deutschen ohnehin schon in den ersten Monaten nach dem August 1914 den Krieg verloren – was die Begeisterung im Inneren aber zunächst weiter aufheizte. Holger Afflerbach geht auch der Frage nach, warum der Erste Weltkrieg bis zum Letzten ausgefochten wurde und warum, trotz der desaströsen Auswirkungen auf beiden Seiten, Friedensbemühungen der Mittelmächte keinen Erfolg hatten und der Rutsch in den Abgrund weiterging.

Eine seiner Thesen ist, dass die Mittelmächte bei den Alliierten mit ihren Friedensbemühungen keine Chance hatten, weil nach dem Kriegseintritt der USA der Sieg der Entente sicher war und nur so die eigenen – imperialistischen – Kriegsziele durchzusetzen waren. Einige Gesprächsangebote wurden wiederum von den Mittelmächten nicht aufrichtig verfolgt.

Afflerbach hat ein nachdenklich machendes Buch geschrieben: Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hätte immer wieder gestoppt werden können, wenn man es gewollt hätte. Auch daran tragen alle Beteiligten ihre Schuld.

André Fischer

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor. Verlag C. H. Beck, 664 Seiten, 29,95 Euro.

Jakob Heins spannende „Orient-Mission“

Im Ersten Weltkrieg rief der türkische Sultan auf deutsche Initiative hin den Dschihad aus, den Heiligen Krieg zur Verteidigung des Islams – davon handelt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, der neue Roman von Jakob Hein.

Diesmal historisch: Jakob Hein. (Foto: Susanne Schleyer/Literaturclub Nürnberg/Verlag)

Eigentlich hatte Leutnant Edgar Stern ja lediglich vor, den Suez-Kanal zu sprengen. Denn dann, so sein Plan in den ersten Kriegswochen im Jahr 1914, hätten die Engländer alle Hände voll zu tun, um die Lage dort in den Griff zu bekommen. Ein Krieg gegen Deutschland „wäre mit einem Schlag von untergeordneter Bedeutung“. Dieser Plan wird nach der Sperrung der Dardanellendurchfahrt durch das Osmanischen Reich zwar undurchführbar, zugleich aber hat der junge Leutnant beim Kriegsministerium auf sich aufmerksam gemacht – und sich so offensichtlich für einen anderen, nicht minder heiklen Auftrag empfohlen.

Ein deutscher Diplomat mit dem klangvollen Namen Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen hat den türkischen Sultan davon überzeugen können, den Dschihad auszurufen. „Wenn sich die Muslime der Welt gegen ihre Unterdrücker erheben, ist das ganz großartig für das Reich“, erklärt Schabinger dem Leutnant Stern. Denn in dem unter britischer Herrschaft stehenden Indien gebe es ebenso Muslime wie in Russland oder den französischen Kolonien. In Deutschland aber nicht. Die deutschen Kriegsgegner wären dann also in enormer Bedrängnis.

„Wenn all diese Mohammedaner nun dem Ruf des Sultans folgen und sich erheben, dann ist unser Krieg in Europa schon so gut wie gewonnen“, freut sich Schabinger. Stern wiederum fällt die Aufgabe zu, eine Gruppe muslimischer Kriegsgefangener nach Konstantinopel zu schleusen, damit sie dort pünktlich zur Proklamation des Dschihad dem Sultan zujubeln und von der Solidarität Deutschlands zeugen können. Die aus Afrika stammenden Kriegsgefangenen wiederum waren von den Franzosen für den Krieg rekrutiert worden und heilfroh, als sie lebend in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Dem Leutnant ist klar, dass er die 14 Männer nicht irgendwie unauffällig über die verschiedenen Landesgrenzen schmuggeln kann – und ergreift die Flucht nach vorne, in dem er sie als bunte Zirkustruppe und sich selbst als deren Direktor ausgibt.

Hein, der zuletzt den komischen Schelmenroman „Kaltes Wasser“ vorgelegt hat (2016), wagt sich diesmal an einen verbürgten Stoff und mithin an das Genre des Historischen Romans. Er schreibt gleichwohl auch hier wieder sehr amüsant und unterhaltsam, zugleich wird es an etlichen Stellen richtig spannend – etwa, als die Tarnung der falschen Zirkustruppe an der rumänischen Grenze aufzufliegen droht.

Der Text ist klug komponiert, die Geschichte wird weder von einem allwissenden noch von einem Ich-Erzähler berichtet, sondern vielmehr aus der Perspektive einzelner Protagonisten wie Stern, Schabinger oder auch des Afrikaners Tassaout. Er gehört zu jenen 14 Männern, die nicht mal wissen, was ein Zirkus ist, sich nun aber als Artisten ausgeben sollen.

Die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs werden weitgehend ausgeblendet – es geht weniger um Schlachtfelder als um das diplomatische Parkett. Allerdings bekommen der als grundsympathische Figur gezeichnete Stern und seine Gefährten durchaus mit, wie die Türken die Armenier verfolgen und dabei auch auf die deutsche Loyalität vertrauen können. „Das Deutsche Reich wird es sich bestimmt nicht mit den Türken verderben“, begründet Botschaftsrat Konstantin von Neurath (er macht später unter Hitler Karriere und wird bei den Nürnberger Prozessen zu 15 Jahren Haft verurteilt) die Abberufung eines allzu armenierfreundlichen deutschen Botschafters aus Konstantinopel.

Dass der Sultan zum Krieg aufruft, interessiert die Muslime übrigens nicht wirklich. Eine schöne Pointe eines gelungenen Romans.

Marco Puschner

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Galiani Verlag, 256 Seiten, 18 Euro.

Hans Pleschinski lässt Gerhart Hauptmann jammern: „Wiesenstein“

Hans Pleschinski hat einen Roman über die letzten Tage Gerhart Hauptmanns geschrieben. Muss man ihn lesen?

Gerhart Hauptmann gilt als einer der umstrittensten Charaktere der deutschen Literatur: ein Nobelpreisträger, der in seinen Dramen alltagsnah das Proletariat beschrieb und doch ästhetisch dichtete, der im Nationalsozialismus konform blieb und als Staatsdichter inszeniert wurde, während seine couragierteren Kollegen flohen oder starben. Mit diesem Gegensatz hat sich auch Hans Pleschinski beschäftigt. Nachdem er bereits einen intimen Roman über Thomas Mann geschrieben hat, liefert er mit „Wiesenstein“ ein Werk über das Ehepaar Hauptmann.

Gerhart Hauptmann (1862 bis 1946). Foto: dpa

Der Roman handelt von ihrer Zeit im Jahr 1945 als Punkt der politischen Wende und der persönlichen Einsicht und Scham des vergreisten Dichters und seiner Frau Margarete. Nachdem Letztere im März aus einem Sanatorium im zerstörten Dresden entlassen wird, fährt das Paar zurück in sein schlesisches Anwesen Wiesenstein, um dort das Kriegsende zu erleben.

Hier treffen sie, als gebrochene und verzweifelte Menschen, auf allerlei Gestalten: vom SS-Mann über Diener, Sekretäre, inzwischen selbstkritische frühere Nazis aus ihrem persönlichen Umfeld, bis zu polnischen Sowjets. Alle errichten ähnliche Gedankengebäude vor ihnen, suchen nach Liebe oder Absolution oder wollen diese vergeblich erteilen. Wollen die Hauptmanns entweder vor den Siegermächten schützen oder sie erneut instrumentalisieren, bis Gerhart 1946 schließlich stirbt.

Pleschinski hat Hauptmanns letztes Lebensjahr minutiös recherchiert und einen nichtfiktiven Roman verfasst. Er möchte keine Kriegsszenarien fantasieren, sondern sich an die Fakten halten. Daher gliedert auch immer wieder Margaretes Tagebuch oder Hauptmanns literarisches Werk das Buch.

Für ein Porträt über die späten Hauptmanns ist der Roman das beste Genre. Durch eine emotionale Sprache, einen distanzierten Erzähler, der jedoch in Köpfe sehen kann, entfalten sich die Widersprüche Hauptmanns wirkungsvoll. Etwa, dass Europa im Krieg versinkt und Deutschland zerbombt ist, während Wiesenstein als Prachtbau des Biedermeiers noch steht.

Es gibt ein dekadentes und groteskes Bild der Illusion ab: die heile Welt der Kunst im totalen Krieg. Ergänzt wird dies durch einen kranken, stotternden Hauptmann, der entweder selbstmitleidig, selbstkritisch oder eben selbstgerecht, auf jeden Fall selbstzentriert agiert. Gerade die so frei werdenden Gefühle der Protagonisten verleihen dem Roman eine gewisse Qualität.

„Wiesenstein“ wäre gar ein großer Wurf, wären da nicht die stilistischen Schwächen. Denn Pleschinski überbetont leider die Jammereien der Hauptmanns. So wird der Roman langatmig und in den Aussagen der Protagonisten redundant. Viele Passagen sind rein atmosphärisch.

Das Hauptproblem, nämlich dass es eine von der Politik unabhängige Kunst nicht geben kann und Hauptmann sich nolens volens hat benutzen lassen, wird dem Leser früh klar. Dennoch muss Pleschinski es mit neuen Details immer wieder aufgreifen, bis man sich gelangweilt abwendet. Dazu kommt, dass Pleschinski eigentlich ein ausgezeichnetes Sprachgefühl hat, aber immer wieder sein Vorbild Thomas Mann zu imitieren scheint.

Pleschinski möchte einen Beitrag zur Aufarbeitung der Kunst, die sich dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellt, aber auch zur Reue von Menschen ohne Hoffnung liefern. Hätte er „Wiesenstein“ von dem dominanten Jammerton befreit und die Widersprüche der Charaktere weitergeführt, hätte er sein Ziel erreicht.

So bleibt es zwar ein kritischer, teils auch lesenswerter, aber viel zu dicker Roman.

Philip Dingeldey

Hans Pleschinski: Wiesenstein. Roman. C. H. Beck, 549 S., 24 Euro.

Joachim Meyerhoffs sexuelle Trickkiste: „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“

Joachim Meyerhoff gehört zu den glücklichen Menschen, die über eine Doppelbegabung verfügen. Er ist nicht nur Schauspieler – und dies am ehrwürdigen Wiener Burgtheater –, sondern inzwischen auch ein renommierter Bestsellerautor, der – wie unlängst in der Elbphilharmonie – 2000 Menschen zu einer seiner Lesungen pilgern lässt.

Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff (Foto: Ole Spata/dpa)

Mit der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ liegt nun der vierte Band seines autobiografischen Romanzyklus vor – und schaffte es bereits in die Hitlisten. Nachdem Meyerhoff in den vorhergehenden Bänden seine Kindheit sowie Jugend- und Ausbildungszeit beschrieben hat, setzt er sein Selbsterkundungsprojekt fort, indem er von seinem Engagement am Theater in Bielefeld erzählt.

Doch wichtiger als die ersten Bühnenerfahrungen als Schauspieler ist für den jungen Meyerhoff vielmehr sein endlich erwachendes Liebesleben. Unverhofft stolpert Hanna in sein Leben und zieht schon bald in seine Wohnung ein. Die blitzgescheite Studentin mit Borderliner-Zügen (über-)fordert ihn auch intellektuell, getreu ihrem Lebensmotto „Unkompliziert ist unter meiner Würde“.

Der Ich-Erzähler taucht durch sie in eine neue Welt ein, beherrscht von Büchern und philosophischen Diskursen. Doch gerade, als sich eine unkonventionelle Zweierbeziehung anzubahnen beginnt, führt ihn ein weiteres Schauspielengagement nach Dortmund, wo er am Stadttheater schon bald Franka, eine grazile Tänzerin, kennenlernt.

Statt mit Büchern zieht sie ihn mit ihrer Sinnlichkeit in den Bann und ermuntert ihn zu ungeahnten erotischen Höhenflügen, an deren akustischen Begleittönen sich allerdings bald die Nachbarn stören.
Meyerhoff pendelt fortan nicht nur zwischen den beiden Städten, sondern auch zwischen den beiden Frauen hin und her, was ihn vor die eine oder andere logistische Herausforderung stellt, die zu slapstickartigen Szenen führt. Doch nicht genug: Mit der so fülligen wie resoluten Bäckereibesitzerin Ilse tritt eine weitere Frau in sein Leben, so dass auch der Besuch einer Dortmunder Backstube zur Konstanten wird, da sie ihn nicht nur mit Schweinsohren versorgt . . . Emotionen bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung!

Das Aufputschmittel „Halloo wach“ hilft über den mangelnden Schlaf hinweg, denn so ganz nebenbei muss der Schauspieler ja auch noch Texte lernen und ein paar Mal pro Woche auf irgendeiner Theaterbühne stehen.

Der 1967 in Homburg geborene Meyerhoff, der oft auch als deutscher Knausgard bezeichnet wird, begeistert seine Leser mit einer schonungslosen Detailtreue, die von einer ganz besonderen Situationskomik getragen wird. Ausgerüstet mit viel Selbstironie, betreibt er eine subtile Gefühlsakrobatik, die einen bei der Lektüre immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Selbst bei schwierigen Themen wie einer bevorstehenden Abtreibung beweist Meyerhoff, dass er das literarische Genre vortrefflich beherrscht.

Ralf Nestmeyer

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch, 353 S., 24 Euro.

Ferdinand von Schirach redet mit Alexander Kluge

Sein neuer Band mit Kurzgeschichten, „Strafe“ betitelt, wird erst im nächsten März erscheinen. Aber auch das Buch, das Bestsellerautor Ferdinand von Schirach mit dem Filmemacher und Schriftstellerkollegen Alexander Kluge gemacht hat, ist lesenswert.

Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach (Foto: Archiv Kairosfilm)

Das ist ein kleines Buch, fest gebunden, gut in der Hand und preiswert dazu. Es passt bequem in jede Innentasche einer Jacke oder eines Mantels. Vielleicht sollte man es immer mit sich führen, denn enthält (beinahe) die Weisheit der Welt. Und es kann helfen, darin zu blättern, wenn gerade wieder Wut oder Ratlosigkeit über den Zustand der Verhältnisse in einem aufsteigen.

Das Buch hat den Titel „Die Herzlichkeit der Vernunft“. Es enthält Gespräche, die der Jurist, Filmemacher und Autor Alexander Kluge und der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach miteinander geführt haben. Mit seinem Theaterstück „Terror“ hat von Schirach auch das Publikum der Nürnberger Kammerspiele in Bann geschlagen.

Ausgehend von historischen Rechtsfällen (etwa Sokrates oder der Fall Jean Calas, bei dem Voltaire im 18. Jahrhunderts für Revision sorgte) schreiten Kluge und von Schirach den Horizont aufgeklärter und aufklärender Vernunft aus. Sie streifen die Teilchenphysik, unterhalten sich über Hirnphysiologie, diskutieren über das Theater und scheuen auch nicht davor zurück, die Schuldfrage an Gott im Fall Adam und Eva zu stellen.

Von Schirach: „Die Mitschuld Gottes wurde nicht geklärt – er war es doch, der diesen seltsamen Baum gepflanzt hat, und er war es doch, der die bösartige Schlange erschaffen hat. Damit hat er selbst die Ursachen für Evas Verfehlung gesetzt. Wenn aber Gott erst Voraussetzung oder sogar Anreiz für Straftaten erschafft, kann er später niemanden dafür verurteilen.“

Es geht in diesem Buch um Gut und Böse und darum, dass man das nicht so einfach unterscheiden kann, wie es viele gern hätten (das ist das Thema von „Terror“). Es geht auch um Güte. Von Schirach meint, er würde bei einer Frau oder einem Mann weder Intelligenz noch Schönheit am meisten schätzen, sondern Güte. Alexander Kluge erwidert darauf: „Sie nähern sich der Komödie stark, wenn Sie in Realverhältnisse einen gütigen Menschen einfügen. Er wirkt wie Don Quijote.“

Güte in diesen Verhältnissen erscheint also als komische Weltverkennung. Dabei ist Kluge – von dem zuletzt eine schöne Kooperation mit dem Maler Georg Baselitz zum Thema Zorn erschien – der Optimist in diesen Gesprächen: weil er Humanist ist und irgendwie an den Menschen und seine Gefühle mit ihrer Sehnsucht nach dem guten Ende glauben möchte. Von Schirach verzweifelt eher an der Humanität und sieht, wie die Verhältnisse derzeit aus den Fugen geraten.

Er hat auch das Schlusswort: „Wir müssen die Unabhängigkeit der Gerichte achten, die Selbstständigkeit der Institutionen, das ganze komplexe Geflecht aus Regierung, Gesetzgebung, Rechtsprechung und Presse. Sonst werden wir eines Tages aufsehen, weil die Musik mitten im Takt abbricht, die heiteren Spaziergänger werden verschwinden, die leichten Sommerkleider und die hellblauen Tage. Und dann, ganz am Ende, verschwinden wir selbst.“

Stefan Zweig hatte beschrieben, wie die Musik im Kurpark in Baden bei Wien abbrach, als die Nachricht von den Schüssen in Sarajevo eintraf, die den Ersten Weltkrieg auslösten. Auch als Mahnung sollte man „Die Herzlichkeit der Vernunft“ immer bei sich tragen.

Herbert Heinzelmann

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der Vernunft. Luchterhand, 192 S., 10 Euro.
Alexander Kluge, Georg Baselitz: Weltverändernder Zorn. Suhrkamp, 237 S., 28 Euro.

Spannung garantiert: „Das Päckchen“ von Franz Hohler

Er ist einer der ganz Großen des Schweizer Kabaretts, und als „Mann mit dem Cello“ wurde er europaweit bekannt: Franz Hohler. Im Literaturhaus Nürnberg las aus seinem spannenden neuen Roman „Das Päckchen“.

Autor und Kabarettist: Franz Hohler (Foto: Luchterhand)

Zwei Mal begeisterte der vielfach ausgezeichnete Autor und gefeierte Satirekünstler bereits in Nürnberg: 2004 las er aus dem Erzählband „Die Torte“, 2014 aus seinem Roman „Gleis 4“. Nun stand „Das Päckchen“ auf dem Programm, eine herrlich-unterhaltende, krimiartige Erzählung rund um die älteste deutsche Handschrift.

Das Original des „Codex Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, ist seit dem 8. Jahrhundert verschollen. Doch eines Tages bringt das in unverdächtiges Zeitungspapier eingewickelte Buch das überaus geregelte Leben eines Bibliothekars hübsch durcheinander. Warum Ernst am Berner Hauptbahnhof den Anruf einfach angenommen hat, weiß er selbst nicht mehr. Der öffentliche Telefonapparat klingelt, Ernst hebt ab und macht genau das, was sich die ältere Dame am anderen Ende des Drahts wünscht: das Päckchen bei ihr abzuholen. Und niemandem etwas davon sagen.

Daran hält sich Ernst. Und entdeckt, dass er nicht nur ein verdammt guter Spontan-Lügner ist, sondern auch ein begabter Detektiv. Zufällig kam er zu dem Buch, dessen Wert er nur vermuten kann – doch auch andere sind der verschollenen Handschrift hartnäckig auf der Spur. Doch warum nur?

Der einst unauffällige Ernst schreckt vor ungewöhnlichen Methoden nicht zurück, und je mehr er in lebensgefährliche Bedrängnis gerät, desto verblüffendere Talente findet er in sich selbst. Der Leser folgt ihm vergnügt mit von Seite zu Seite steigender Spannung, genießt die Intelligenz, den Witz und das Beschreibungstalent Hohlers, der als passionierter Bergsteiger seine Leser souverän zwischen der Gletscherwelt und den Skriptorien mittelalterlicher Klöster wie Weltenburg und St. Gallen hin und her führt.

Natürlich ist Ernst – wie sein 1943 in der Schweizer Uhren-Metropole Biel geborener Schöpfer Hohler –
Bücherenthusiast und überzeugt, dass Bibliotheken das Gedächtnis der Menschheit sind. Wer „Das Päckchen“ aufschlägt, wird den Roman jedenfalls so rasch nicht aus der Hand legen.

So kennt man Franz Hohler, der beim Vortrag seiner Werke ein Humormodul in der Stimme eingebaut zu haben scheint. Im Literaturhaus wird er zudem Kostproben aus dem im Frühjahr erschienenen Gedichtband „Alt“ lesen.

Anabel Schaffer

Franz Hohler: Das Päckchen. Luchterhand Verlag, 224 S., 20 Euro.

Zwischen Köln, Venedig und Paris: Hanns-Josef Ortheil

Vielleicht hätte Mia bei ihrer Abreise nach einem Studienaufenthalt in Venedig nicht so leichtfertig Einladungen aussprechen sollen. Denn eines Tages steht der junge Venezianer Matteo vor ihrer Kölner Haustür. Entgegen strenger Abmachungen ihrer Drei-Mädel-WG (Kein Mann in der Wohnung!) erhält er Einlass. Und mischt das Leben der drei, die ihm bald mehr als Sympathie entgegenbringen, gehörig auf. Ganz durchschauen sie ihn nicht. Wer ist dieser junge Mann?

Ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, der stundenlang durch Köln streift und hochkonzentriert Sehenswürdigkeiten zeichnet, dabei merkwürdige Affinitäten zu Barlachs schwebendem Engel hat. Einer mit großem Harmoniebedürfnis, der aber auch ganz tatkräftig abwäscht und saubermacht sowie der Betreiberin eines kleinen Cafés mit Rat und Tat zur Seite steht.

Er liebt Paris… Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: Peter von Felbert)

Genaueres zur Handlung des Romans – nicht zuletzt auch eine Hommage an Ortheils Heimatstadt Köln (und an Venedig und an die durch die beiden Dome verkörperte Kultur) – sei hier nicht verraten. Beim ersten Lesen mag einem das Buch fast ein bisschen zahm und altmodisch erscheinen. Aber vielleicht will Ortheil, dass man aufmerksam auch zwischen den Zeilen liest: Da entdeckt man dann ein Plädoyer für Tugenden und Werte wie Achtsamkeit, Langsamkeit, für den intensiven Blick auf die Umgebung, die Bedeutung des Reisens und so weiter.

Und man findet einige aus früheren Werken bekannte Themen des Autors wieder: die Vaterbeziehung und die Bruder-Thematik. Ortheil selbst hat ja bekannt, dass er in Matteo fast ein „alter ego“, eine brüderliche Figur sieht. Wer noch mehr erfahren will: Hanns-Josef Ortheil liest in Erlangen auch aus diesem Roman.
Sehr anspruchsvoll geht es in „Paris, links der Seine“ zu, der zweiten Ortheil-Neuerscheinung des Herbstes. Hier machen sich die lebenslang geführten Kladden des Autors, mehrere Aufenthalte in Paris und sein sehr aufmerksames Betrachten bemerkbar.

Ortheil erkundet das Gebiet links der Seine abseits von Touristenströmen, findet stille Plätze und interessiert sich besonders für die Themen Literatur und Küche. Dabei folgt er nicht nur den Spuren von Ernest Hemingway und Roland Barthes – zwei Schriftsteller, die ihm viel bedeuten und auf seine schriftstellerische Arbeit Einfluss hatten – und anderer nicht nur berühmter Poeten, sondern berichtet auch von Lokalen der Jazz- und Chanson-Szene.

Manche Details sind verblüffend: So soll Sartre angeblich im „Le Tabou“, ein Treffpunkt für junge Nachtschwärmer, gesungen haben … Dazu kommen – ähnlich früheren Büchern wie dem über Rom – eine Menge Tipps für Lokale unterschiedlichster Couleur: Ob nur ein kleiner Imbiss oder ein großes Menu, ein spezieller Drink oder eine große Weinprobe – Ortheil, der Feinschmecker, hat immer lohnende Vorschläge.
Dass er an besonderen Buchläden nicht vorbeigehen kann, erstaunt nicht. Eher, dass er sogar bedeutende Herrenausstatter besucht.

Mit all diesen Spaziergängen entsteht nicht nur für Paris-Kenner, die die Stadt einmal ganz anders erleben wollen, sondern besonders für Freunde französischer Literatur ein konzentrierter Reiseführer, der auch zuhause viel Neues entdecken lässt. Die atmosphärisch dichten und vielsagenden Fotos stammen übrigens von Ortheils Sohn Lukas.

Anja Weigmann

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.
Paris, links der Seine. Insel Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Donnerwetter! Frank Witzels Roman „Direkt danach …“

Frank Witzels neuer Roman „Direkt danach und kurz davor“ ist ein großes Buch für kluge Leser.

Nach 100 Seiten wollte ich aussteigen aus der Lektüre dieses Buches, obwohl bis zum Ende noch 444 weitere drohten. Ich las Frank Witzels neuen Roman mit dem Titel „Direkt danach und kurz davor“.
Vor zwei Jahren hatte mich der Vorgänger „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ begeistert – Witzel bekam dafür den Deutschen Buchpreis. Im neuen Buch hing ich in einer Situation fest, in der ein gewisser Siebert aus einem Fenster auf die Straße schaute, von der aus eine gewisse Marga in seinem Rücken erschossen wurde.

Oder war Marga aus dem Fenster gesprungen? Es gab keine Erzählung der Situation, sondern nur eine Annäherung an die Situation aus Fragen und Reflektionen. In den Fragen wurde manchmal Zukunft angedeutet und war manchmal von Vergangenheit die Rede. Aber alles blieb aufgelöst, erstarrt – wie in ganz langsamer Zeitlupe.

Er mag es komplex: Autor Frank Witzel (Foto: Arne Dedert/dpa)

Ich wollte aussteigen, aber ich konnte nicht. Denn ich war schon wieder vom Sog der Sprache Witzels eingefangen. Es ist keine komplizierte Sprache. Sie ist einfach, prägnant, in dieser Prägnanz oft aphoristisch und in den Höhepunkten poetisch. Nicht die Sprache macht die Lektüre schwierig, sondern Witzels Überzeugung, dass die Welt zu komplex ist, um sie in einer geradlinigen Geschichte zu erzählen. Und damit hat er Recht, wenn man bedenkt, dass jeder von uns ein Körper aus Quantenschaum ist und ein Geist aus konstruierten Erinnerungen und unbewusst gefälschten Geschichten von sich selbst.

„Das Entsetzliche“, schreibt Frank Witzel, „ist das, was von der Erinnerung und der Erzählung gleichermaßen ausgeschlossen ist. Wir versuchen, dieses Ausgeschlossene durch ein geschlossenes Narrativ zu ersetzen, erreichen es selbst aber nie.“

Witzel philosophiert – an dieser Stelle ganz ernsthaft. An anderen Stellen gelingen ihm ironische und dennoch bedenkenswerte Philosophie-Parodien wie ein auf Wittgenstein anspielender „Tractatus Logico-Bufonicus“, der mit dem Satz beginnt „Wir sagen: Die Welt ist alles, was im Fall ist.“

Ja, man muss seinen Wittgenstein schon kennen, um hier mitzukommen. Man muss Ahnung haben von der
Literatur, der Malerei und manchen absurden Naturtheorien der Nazis, um Listen von fiktiven Büchern, Tafelbildern, Mythen zu genießen. „Direkt danach und kurz davor“ ist ein Roman für kluge Leser. Für die aber wird er Seite für Seite besser – und witziger.

Worum es geht? Um die Zeit direkt nach dem Dritten Reich und kurz vor dem Anbruch des Wirtschaftswunders. Es ist eine beklemmende Epoche, die Witzel atmosphärisch brillant rekonstruiert, eine Epoche der Ratlosigkeit, in der alte Verbrechen verschwiegen wurden und die Menschen sich an die Momente klammerten.

Es geht um brutale Experimente an Menschen, die „der alte Siebert“ vorgenommen hat, um Attentate, Zugunglücke, den Absturz eines Flugzeugs – alles in Möglichkeitsform. Es geht um Kinder und wie sie erzogen wurden. Es geht um Erziehungsgrotesken und um Farcen von Schicksalen. Es geht um die Vergangenheit, die in die Gegenwart mit ihren Handys und Fernbedienungen hineinragt. Es geht um die „Weltmechanik“, die alles in Bewegung hält. Und es geht um die Vielfalt von Erzähl-Facetten wie in einem barocken Schelmenroman.

Das Buch kann kein Kritiker kritisieren, weil ihm der Autor dauernd seine Werkzeuge der Interpretation und des Zweifels aus der Hand nimmt. Vielleicht kann man eine Annäherung so versuchen wie im Deutschlandfunk, in dem sich drei Kritiker zwei Stunden lang mit dem Schriftsteller unterhalten haben.

Das war jene Suche nach dem „Unschlüssigen“, die Witzel fordert und für die er uns sogar ein Sinnversprechen macht: „Wahrscheinlich geht es allein darum, das Zufällige, in das man hineingeboren wird, und das ebenso Zufällige, das man daraus macht, anzunehmen.“ Romane wie „Direkt danach und kurz davor“ helfen dabei. Der Leser darf nur nicht aussteigen.

Herbert Heinzelmann

Frank Witzel: Direkt danach und kurz davor. Roman. Matthes & Seitz, 544 S., 25 Euro.