„Guter Junge“, guter Anfang: der Autor Paul McVeigh

Seit dem Erfolg von Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“ müssen sich alle irischen Kindheitserzählungen an diesem Bestseller messen lassen. Paul McVeigh gibt der ewig jungen Geschichte vom Heranwachsen auf der Insel einen neuen Dreh.

NZ-McVeigh Klar, katholische Familie und ärmliche Verhältnisse sind auch in seinem Debütroman das Setting. Aber „Guter Junge“ spielt im anderen Irland, jenseits der Grenze im Norden, und damit mitten im Bürgerkrieg. Im Belfaster Viertel Ardoyne, im Schatten von meterhohen Zäunen und Mauern, die Katholiken und Protestanten voneinander fernhalten sollen, hat der kleine Mickey gerade die Grundschule hinter sich gebracht.

Weil er ein cleveres Kerlchen ist, soll er auf die höhere Schule St. Malachy’s gehen – als einziger aus seiner Klasse, seiner Familie, ja als einziger aus der ganzen Straße. Doch dann kommt alles anders: Das Einkommen der Familie Donnelly reicht nicht für das Schulgeld. Stipendium? Fehlanzeige. Also droht St. Gabriel’s, die Schule für alle. Mickey ist am Boden zerstört.

Die neun Wochen zwischen Zeugnistag und Schulanfang, von denen der Roman handelt, werden zum Sommer, in dem der Protagonist vom Kind zum Teenager heranreift: erste Küsse, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – und auch mit dem eigenen. Mickey, der gerade noch ausschließlich mit seiner jüngeren Schwester Maggie und anderen Mädchen gespielt hat, weil er keine männlichen Freunde hat, kommt in die Pubertät. Die schöne Martine hat es ihm angetan. Nachts träumt er von einer Schauspielkarriere in Amerika und davon, dass ihm eines der älteren Mädchen zeigt, wie dieses „Hobeln“ funktioniert, von dem die Größeren alle reden.

Doch viel Zeit zum Träumen bleibt nicht in diesem Sommer. Der Vater ist – ähnlich wie bei McCourt – ein versoffener Tunichtgut. Mal ist er da, meistens aber nicht. Und während die IRA, die in Ardoyne unangefochten das Leben der Bewohner lenkt und kontrolliert, ihre Fänge immer enger um den großen Bruder Paddy legt, muss Mickey die Mutter so unterstützen, dass sie irgendwie darüber hinwegkommt, sowohl ihren Ehemann als auch den ältesten Sohn quasi verloren zu haben.

Vom Autor ist hierzulande wenig bekannt. In Belfast geboren, arbeitet er als Journalist und Literaturdozent. Auch Comedy-Serien hat er geschrieben. Paul McVeigh ist mit „Guter Junge“ auf jeden Fall ein beachtliches belletristisches Debüt gelungen. Die Stimme des kleinen Mickey, die darauf wartet, endlich zu brechen und zu der eines Mannes zu werden, beschreibt neugierig-naiv, aber doch mit kindlichem Charme die Szenerie in diesem von Gewalt geprägten Viertel. Mickeys Traum von Broadway und Hollywood wird umso bedauernswerter, je klarer wird, dass er Ardoyne noch nie verlassen hat.

Der Protagonist – gefangen in den Grenzen seines Alters, seines sozialen Milieus und der meterhohen „peace lines“, die mit Frieden so gar nichts zu tun haben – will ausbrechen. Aus der Kindheit, aus der Armut und diesem Stadtteil, in dem ständig Soldaten und Polizei patrouillieren.

Der Bub, der sich noch nicht richtig von Mama abgenabelt hat, will eigentlich nur, wie der Titel der Erzählung schon sagt, ein „guter Junge“ sein – und doch will es ihm, wie den meisten von uns, nicht so recht gelingen. Dafür gewinnt er mit Leichtigkeit die Sympathie seines Lese-Publikums.

Florian Heider

Paul McVeigh: Guter Junge. Wagenbach, 256 Seiten, 22 Euro.

Stark: David Mitchell durchmisst die Welt

David Mitchell, weltberühmt seit seinem Erfolg „Wolkenatlas“, ist ein Erzähler, der die vielen bunten Fäden, aus denen sich seine Geschichten entwickeln, immer fest in der Hand behält. Seine Fantasie mag von einem heißen Sommer 1984 an der Themse über einen mörderischen Kampf in einem mystischen Kloster auf dem Schweizer Sidelhorn bis zum Ende der Zivilisation 2043 reichen. Die Erzählerfiguren, die er sich ausgedacht hat, mögen ein globetrottender Schriftsteller, ein von zu Hause ausgerissener Teenager oder ein unsterblicher Körperwanderer sein.

NZ-Mitchell Alles in Mitchells Werk ist raffiniert gesponnen und miteinander verwoben. Und das über die einzelnen Bücher hinweg: In den sechs Teilen seines sechsten Romans „Die Knochenuhren“ treffen wir auf alte Bekannte aus seinen früheren Geschichten, Hugo Lamb aus „Der dreizehnte Monat“, die Naturwissenschaftlerin Mo Muntervary aus „Chaos“ oder verschiedene Figuren aus „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Diesmal ist eine Frau der rote Faden durch Raum und Zeit. Die junge Holly Sykes ist nach einem Streit mit ihrer Mutter abgehauen. Am Ufer der Themse begegnet sie einer einsamen ältlichen Anglerin, die sie um Schutz und Hilfe bittet. Noch ahnt Holly nicht, dass diese Begegnung kein Zufall und sie schon lange Teil eines erbitterten Krieges zwischen verschiedenen Fraktionen von Unsterblichen ist. Nebensächliche Details dieses Sommers werden sich Jahrzehnte später als lebenswichtige Lektionen und Hinweise erweisen.

Schon allein die Art und Weise, wie der britische Autor Realismus und sehr konkrete Gesellschaftskritik mit Fantasy, Horror und dystopischer Science-Fiction konfrontiert, wie er seine Geschichte mit jedem neuen Teil scheinbar neu beginnt und doch weitererzählt, das ist wirklich atemberaubend. Dazu kommen Figuren, die die Leser ebenso irritieren, wie überraschend berühren.

Der Kriegsberichterstatter, der sich zwischen Beruf(ung) und Frau und Kind entscheiden soll. Die alte Frau, die im Angesicht eines Rückfalls der Welt ins Mittelalter die ihr liebsten Menschen aufgeben muss. Der moralisch verworfene Cambridge-Absolvent, der während der Weihnachtsferien gleich zwei Angebote erhält, die sein Leben verändern könnten.

Die Entscheidungen, die in den „Knochenuhren“ getroffen werden, sind alle menschlich und übermenschlich zugleich – und Teil eines großen Plans oder „Skripts“, das sich erst allmählich enthüllt. Sensible Geschichten um Liebe und Freundschaft, Schuld und Vergebung stehen neben Horrormomenten, als hätte Stephen King sich kurz eingeschlichen, oder Beschreibungen von physischer und psychischer Gewalt, die das Weiterlesen schwer machen.

Aber weiterlesen muss man. Dieser Roman ist ein „Reißer“, dessen 816 Seiten buchstäblich Welten durchmessen. Und mehr soll hier gar nicht verraten werden!

Andreas Frane

David Mitchell: Die Knochenuhren. Deutsch von Volker Oldenburg. Rowohlt, 816 Seiten, 24,95 Euro.