Ulrike Almut Sandigs Missbrauchsroman: „Monster wie wir“

„Wenn man nicht darüberspricht, dann ist es nicht geschehen.“ So lautet der Schlüsselsatz im Roman von Ulrike Almut Sandig, der zunächst in der späten DDR spielt, dann in Frankreich und schließlich im Osten nach der Wende.

Ulrike Almut Sandig (Foto: Michael Aust/Stadt Erlangen)

Verinnerlicht haben den fatal falschen Satz die zwei zentralen Figuren des Buchs, die anfangs noch Kinder sind. Ruth, die als Ich-Erzählerin zurückblickt auf die Geschehnisse, und der schneeblonde Viktor, der mit seinem faltigen Lachen aussieht wie ein Troll. Die anderen Kinder gruseln sich vor ihm, Ruth nicht. So werden die beiden Freunde in einer Kleinstadt der DDR-Provinz – obwohl Ruth in einer Pastorenfamilie mit kleinem Trabi-Glück aufwächst, während Viktor, dessen Vater Parteifunktionär mit Privilegien und Posten bei der NVA ist, im Lada herumkutschiert wird.

Zwei unterschiedliche Haushalte, und doch regiert in ihnen das gleiche Schweigen. Dinge nicht zu sagen, mag eine Kernkompetenz unter dem SED-Regime gewesen sein, doch mit staatlicher Bespitzelung hat das Schweigen in diesem Buch nichts zu tun. Es ist ein universelles Schweigen, das überall regiert, wo Erwachsene sich an Kindern vergreifen.

„Die einen hatten Bisse am Hals. Die anderen rote Backen, Hintern oder blaue Rücken. Manche hatten beides. Das ist wie Karies, sagte Mutter im Vorbeigehen.“ Ruth spricht nicht über die Momente, in denen der Großvater sie auf seine Knie zieht und rhythmisch an ihrem Hals saugt wie ein Vampir. Viktor nicht über die Abende, an denen sich sein Schwager mit ihm in seinem Kinderzimmer einschließt, während seine Schwester nebenan den Fernseher lauter stellt. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: der verhängnisvolle Dreiklang von Misshandlung und Missbrauch, der sich durch Familien zieht.

Die 41-jährige Autorin, aufgewachsen in Sachsen und 2016 bereits einmal zu Gast beim Erlanger Poetenfest, begann mit Lyrik, schrieb Kurzgeschichten und Songs. Mit „Monster wie wir“ legt sie ihren ersten Roman vor. Ein lyrischer Klang zeichnet auch ihn aus, zugleich weicht Sandig souverän allen Stolperfallen aus, wie sie eine literarische Annäherung an ein Thema birgt, das fast täglich Schlagzeilen liefert. Keine Empörungs-Haltung, kein Betroffenheitston richtet sich in ihrem Buch auf der Ebene moralischer Überlegenheit – und damit in sicherer Distanz zum Geschehen – ein.

Stattdessen bettet Sandig den Horror in den ganz normalen Alltag. Die Gewalt und die sexuellen Übergriffe finden mit der gleichen Selbstverständlichkeit statt wie Ausflüge zum Baggersee, Kohleschippen im Hof, Klettern in Apfelbäumen oder der gelegentliche Streit der Eltern. Ein kluger Kunstgriff, denn so en passant präsentiert, wirken die Szenen noch monströser. Dass die Vorkommnisse, über die keiner spricht, tatsächlich Ähnlichkeiten haben mit Karies – davon erzählen die nächsten Kapitel des Romans.

Wie kranke Zähne, die im Inneren zusehends verfaulen, ist die einst kindliche Seele für den Rest des Lebens durch ein Brandzeichen versehrt. Viktor trainiert sich alle Emotionen ab, alles Nachdenken aus dem Kopf und teilt jetzt selbst aus. Ruth spielt besessen Klavier, geht auf Tourneen durch die ganze Welt und versteckt ihre geschwollenen Augen hinter einer Sonnenbrille, wenn der Mann, den sie trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – liebt, wieder mal zugeschlagen hat.

Was Ruth, Viktor und allen anderen widerfährt, löst ein Echo aus, das sich endlos fortsetzt.

Tamara Dotterweich

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir. Roman. Schöffling & Co., 240 S., 22 Euro

Matthias Politycki und der Tod am Kilimandscharo

Ein Kilimandscharo-Roman? Sofort drängen sich Bilder von Ernest Hemingways berühmter Erzählung und ihrer Verfilmung auf. Dieser Gefahr war sich Matthias Politycki sicherlich bewusst, als er seinen Roman „Das kann uns keiner nehmen“ geschrieben hat. Die erzählerische Nähe zu Hemingway ergibt sich auch dadurch, dass der Tod in Polityckis Buch eine wichtige Rolle spielt.

Schriftsteller, Lyriker, Reisender: Matthias Politycki.
(Foto: Imago)

Matthias Politycki hat sich für Tansania als Schauplatz seines Romans entschieden, da er dort selbst vor 25 Jahren nur mit viel Glück dem Tod entronnen war. „Das kann uns keiner nehmen“ ist der Roman einer Männerfreundschaft, in dem allerdings auch zwei abwesende Frauen eine entscheidende Rolle spielen. Aber der Reihe nach.

Ich-Erzähler Hans ist ein Hamburger Schriftsteller, der nach Afrika zurückkehrt, um den Kilimandscharo zu bezwingen. Dort am Krater trifft er Tscharli, ein oberbayerisches Original, das ihn verächtlich als „Hornbrillenwürschtl“ und „Windelhansi“ bezeichnet. Trotz der anfänglichen und gegenseitigen Antipathie beginnt sich zwischen den beiden Männern eine Freundschaft zu entwickeln.

Tscharli, der nimmermüde Sprüche-klopfer und Macho, hat Afrika zu seiner zweiten Heimat erkoren. Die Einheimischen schätzen seine direkte Art und begegnen ihm ihrerseits mit einer Mischung aus Zuneigung und Respekt. Tscharli nennt sich abwechselnd King of Falula oder Simba One und kommuniziert – ohne jegliche politische Korrektheit – in einer Phantasiesprache, die mit bayerischen, englischen sowie Swahili-Begriffen durchsetzt ist.

Ois easy in Afrika! Politycki lässt die beiden so unterschiedlichen Protagonisten auch nach der Kilimandscharo-Besteigung viel Zeit miteinander verbringen und beschreibt so Stück für Stück, wie sich die Beziehung zwischen Tscharli und Hansi vertieft. Erstmals fallen dann auch die Namen Kiki und Mara – die stellvertretend für die große Liebe im Leben eines Menschen stehen.

Schließlich brechen die beiden Männer auf, um noch die Insel Sansibar mit dem Motorroller zu erkunden. Ein letztes Abenteuer für den schwer kranken und bereits stark geschwächten Tscharli, dessen Leben sich dem Ende zuneigt. Während Tscharli noch immer um seine Kiki trauert, erzählt Hansi von Mara, die ihm einst das Leben gerettet hatte, um ihn anschließend für immer zu verlassen.

„Das kann uns keiner nehmen“ ist Matthias Polityckis persönlichstes Buch, mit tiefen Einblicken in die menschliche Seele, dicht erzählt in schönen Naturbeschreibungen und authentischen Begegnungen mit Land und Leuten.

Ralf Nestmeyer


Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen
. Hoffmann und Campe, 302 S., 22 Euro.

Elizabeth Strouts neuer Roman „Die langen Abende“

Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ hat Elizabeth Strout vor gut zehn Jahren den Pulitzer-Preis bekommen. Er wurde ein Bestseller. Seine Protagonistin, die Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, kehrt im neuen Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin zurück. Es steht in der Lesergunst bereits weit oben.

Ausgezeichnete Autorin: Elizabeth Strout (Foto: Imago)

Olive ist älter geworden. Aber auch mit Mitte 70 zeigt sich diese Frau so barsch wie eh und je. Von Altersmilde ist zumindest zu Beginn des Romans „Die langen Abende“ wenig zu spüren. Anders als die meisten ihrer Mitmenschen, die wie sie an der spärlich besiedelten Küste des nordöstlichen US-Bundesstaates Maine leben, ist sie aber vielleicht einfach nur ehrlich.

Auch schöner, im herkömmlichen Sinn, ist Olive mit den Jahren nicht geworden: „Groß, wuchtig; mein Gott, war sie eine seltsame Frau.“ Das denkt der nur wenig ältere Jack Kennison über sie, trotzdem hat er sie kürzlich auf den Mund geküsst. Und wartet nun so ungeduldig wie ein Teenie darauf, dass sie ihn anruft.
Beide sind verwitwet; beide wissen, dass eine neue Bindung im Alter – der Zeit schlaffer Haut und quellender Bäuche – nicht einfacher wird, ganz zu schweigen von den Marotten, die jede(r) im Gepäck hat.

Und was man noch zu erwarten hat im Leben – Prostata-OPs, anstrengende Enkel, Seniorenheim – hebt die Laune beim Alleinsein auch nicht. Trotzdem ruft Olive natürlich nicht an. Vorerst.

„Die langen Abende“ umfasst einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Strout bleibt ihrem erzählerischen Mittel treu, teilt ihren Roman in viele einzelne Kapitel auf. Nicht in allen ist Olive die Protagonistin, bisweilen taucht sie nur in einer Begegnung am Rand auf, oder ihr Name fällt in einem Gespräch.

An Stelle von Olive nimmt die Autorin dann andere Figuren ins Visier. Dabei genügen ihr nur wenige Seiten, um dem Kaleidoskop des Lebens, das sie entwirft, neue Facetten hinzuzufügen.

Da ist Suzanne, die völlig aufgelöst an die Küste kommt, weil in dem Brand, der ihr Elternhaus zerstört hat, auch ihr 83-jähriger Vater ums Leben gekommen ist. Da ist Cindy, erschöpft von einer Chemotherapie, die über das geheimnisvolle Licht des Februars nachdenkt. Oder Denny, der sein Leben „wie ein Stück Rinde auf einem Fluss“ empfindet, weil er nie den Mut hatte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Die meisten Figuren blicken zurück und decken viel Unschönes dabei auf: man begegnet Familiendramen und anderen Tragödien, jeder Menge Ehebrüche, früher Einsamkeit, Verbrechen, Schuldgefühlen, Verletzungen, die nicht heilen wollen.

All die Blessuren, die man sich im Ringkampf mit dem Leben so zuzieht; in den Pausen, wenn es gilt, Kraft zu sammeln vor der nächsten Runde, schlägt man sich mit der Frage herum, wer man eigentlich ist. Aber eine Antwort darauf gibt es nicht; daran lässt die 67-jährige Autorin wenig Zweifel.

Die Innenwelt ihrer Figuren beschreibt Strout ungeschminkt und intensiv; Platz für Illusionen ist da kaum. Vor allem in den inneren Monologen fördert sie zutage, was die Menschen bewegt, als würde sie mit einem Mikroskop unter ihre Haut dringen – und unter die Haut gehen sie auch, diese Geschichten.

Aber – Überraschung! – es ist dennoch kein deprimierendes Buch. Die Schrullen und Schrammen der Figuren machen sie erst zu unseren Mit-Menschen, zu Gegenübern, in denen wir uns wiedererkennen – wohl oder übel.

Und dann, ganz unerwartet, gibt es liebevolle Gesten, zugewandte Gespräche, Zeichen zärtlicher Nähe. Sogar von Olive.

Tamara Dotterweich

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, 352 Seiten, 20 Euro

Joshua Groß und sein Roman „Flexen in Miami“

Ein paar gute Jahre lang hat Joshua Groß in Nürnberg geschrieben und gelebt. 2018 las er beim renommierten Bachmann-Preis. Jetzt setzt der Berliner Verlag Matthes & Seitz auf ihn: „Flexen in Miami“ heißt sein neuer Roman.

Joshua Groß beim Erlanger Poetenfest 2016 (Foto: Ralf Rödel)

Die Welt war schon immer fantastisch am Interessantesten in den Büchern von Joshua Groß. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn er in seiner „Novelle aus dem Spätkapitalismus“ namens „Magische Rosinen“ die Politikerin Sahra Wagenknecht von einem Rapper Mascarpone „entwaffnen“ ließ?

Bereits die Titel seiner Romane waren Ausgeburten an guter Fantasie. Mit dem Debüt „Trost von Telefonzellen“ fing das 2013 im Fürther Nischenkunst-Verlag Starfruit an. Im nach Österreich an den Grundlsee verlagerten Spaghetti-Western „Faunenschnitt“ setzte Groß einen Erzählstil fort, in dem Roberto Bolaño anklang, aber auch Philipp K. Dick.

Einen Sound, der dann auch in die Erzählung „FLAUSCHkontraste“ (2017) einging, in der von einem Aufzugrennen im Sheraton ebenso die Rede war wie von einer erotisch angehauchten Straßenbekanntschaft im Stadtteil St. Johannis. Wobei sich der junge Held dann bezeichnenderweise lieber in ein Computerspiel flüchtete, statt mit der „Einhornfrau“ Sex zu haben.

Wenigstens in dieser Hinsicht ist die Hauptfigur in Groß’ neuem Buch breiter aufgestellt, der er als Autor frivol sein Alter Ego andichtet. Ungewollt wird die Quallenforscherin Claire von ihm schwanger. Dass eine Zeit lang auch sein Lieblingsrapper Jellyfish P als Vater in Frage kommt, nährt die Spannung. Falls es denn in diesem Buch überhaupt eine gibt.

Denn aufregend ist wenig im Leben des Traumtänzers, den wir als Kiffer und Müßiggänger, Cyber-Junkie und Rap-Fan, Literatur-Stipendiaten in Miami kennen lernen und den Drohnen mit Essen und Geld versorgen: „Ich verbrachte viel Zeit mit Twittern, meinen Marihuanavorräten und halbesoterischen Büchern. Ich lebte genau genommen das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte“.

Die Entdeckung der Langsamkeit haben andere eindringlich beschrieben. Groß gelingt das nicht. Überhaupt frisst sich im Erzählen des 1989 in Grünsberg bei Altdorf geboren Autors eine Schlendriansprache ein, die auf Dauer nervt: Das Handy ist ausschließlich ein „Phone“. Anstelle zu gehen oder zu verschwinden wird „geschlurcht“. Und selbst einer Großmutter jubelt Groß noch ein Wort wie „Lifestyle“ unter. Wie „wavig“ ist das denn?

Schon kapiert: Wer zu Groß greift, sucht nicht Grass. Und mit den Requisiten von Roadmovie bis Science-Fiction kennt der inzwischen in Braunschweig lebende Schriftsteller sich durchaus aus. Ein sprechender Kühlschrank etwa meint es mit dem laschen Helden in Miami nur gut, wenn er sagt: „Ich bin froh, dass du endlich zurück bist, Joshua. Ich habe mir schon Sorgen um dich und die Nahrungsmittel gemacht, die ich für dich besorgt habe.“

Sein literarisches Spiel mit den Reizen von Sci-Fi und Horror, Virtualität und auch Noir läuft Groß aber spätestens dann aus dem Ruder, wenn er ausufernd über ein Computerspiel schreibt: „Die Spams führten obszöne Tänze in Cloud Control auf, sie vergewaltigten und folterten die Avatare; sie schlitzten ihnen lachend die Kehlen auf, das Blut tropfte verpixelt und monochrom und glitzernd aus offenen Hälsen. Aber die Spams passten gleichzeitig auf, dass die Avatare nicht starben, sie gaben ihnen sogar Algenkompott, damit sich die Energiebalken wieder auffüllten, um sie von Neuem foltern zu können.“

In der Sprache der „Gamer“ gesprochen: Mit solchen Sequenzen hat der Autor sein Buch leider verzockt.

Christian Mückl

Joshua Groß: Flexen in Miami. Matthes & Seitz, 199 Seiten, 14,99 Euro.

Debbie Harry über ihr Leben und Blondie: „Face It“

Dem „Stern“ gestand Debbie Harry kürzlich in einem Interview ihre Verehrung für Billie Eilish. „Ich finde sie wunderbar. Ich erfreue mich an ihrer wunderschönen Stimme und sie ist so ein hübsches Mädchen“, schwärmte die 74-Jährige vom gerade mit vier Grammys überhäuften Jungstar.

Debbie Harry 2017 in London (Foto: Ian West/PA Wire/dpa)

Ähnlich dürften wohl Mitte der 70er auch viele über Debbie Harry gedacht haben. Als attraktive Leadsängerin der New-Wave-Pioniere Blondie – „Heart Of Glass“, „Call Me“, „Denis“, „One Way Or Another“ – eroberte das bei Adoptiveltern aufgewachsene Kleinstadtgirl aus New Jersey nicht nur die meist männerdominierte Rockwelt, sondern avancierte auch zur prägenden Stilikone mit hohem Coolness-Faktor.

„Meine Rolle war die einer extrem femininen Frontfrau einer männlichen Rockband in einem klaren Macho-Umfeld“, erinnert sich Harry, für die die Selbstinszenierung als begehrtes Sex-Symbol nie einen Widerspruch zu feministischen Überzeugungen darstellte.

Dass sich hinter der Fassade des wasserstoffblonden Pin-Up-Girls mit Schmollmund und Schlafzimmerblick eine vielseitig talentierte, selbstbestimmte Künstlerin verbarg, unterstrich Harry später mit einer erfolgreichen Solokarriere und ihrem „Nebenjob“ als Schauspielerin. Seit Jahren engagiert sie sich zudem für den Umweltschutz und die Rechte der LGBTQ-Community.

Genug Stoff also für eine fesselnde Autobiografie. Dieses Versprechen löst „Face It“ allerdings nur zum Teil ein. Extrem unterhaltsam ist der über 400 Seiten dicke Schmöker vor allem dann, wenn er intime Einblicke in die New Yorker Punk- und Undergroundszene der 70er und 80er Jahre rund um den legendären Klub CBGB’s gestattet. Ob Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, William S. Burroughs, John Waters, David Bowie, Joey Ramone oder Iggy Pop – Debbie Harry kannte sie alle.

Auch lässt sie kein noch so düsteres Kapitel ihres bewegten Lebens aus. Erste Jobs als Playboy-Bunny, Kellnerin und Go-Go-Tänzerin, selbstzerstörerische Drogenexzesse, die gnadenlose Ausbeutung im Musikbusiness bis hin zum finanziellen Ruin, die Trennung der Band, ausschweifende amouröse Abenteuer, eine gruselige Begegnung mit Serienmörder Ted Bundy, eine traumatische Vergewaltigung, die Sucht nach Schönheitsoperationen oder die schwere Krankheit ihres langjährigen Bett- und Bühnenpartners Chris Stein – „Dirty Harry“ erzählt uns (fast) alles.

Trotzdem bleibt einem der Mensch hinter dem Megastar seltsam fremd, was auch am etwas konfus wirkenden, assoziativen Storytelling liegen könnte. Zu oft verlieren sich die Sängerin und ihre Co-Autorin Sylvie Simmons, die die Memoiren auf Basis zahlreicher exklusiver Interviews verfasst hat, in ausufernden Detailschilderungen, zu oft neigen sie zum routinierten Nacherzählen diverser Begebenheiten. Auch das exzessive Name Dropping von – zumindest hierzulande weniger bekannten – Protagonisten macht die Lektüre mitunter anstrengend.

Optisch hingegen präsentiert sich die edle Hardcover-Ausgabe als echtes Schmuckstück. Neben bislang unveröffentlichten Fotos hat Art Director Rob Roth über 40 von Fans gestaltete Debbie-Porträts ausgewählt, deren Bandbreite von der krakeligen Kinderzeichnung bis zum kunstvollen Gemälde reicht.

Dank dieses kreativen Ansatzes gerät „Face It“ zu einer würdigen Hommage an eine faszinierende Frau und starke Persönlichkeit, die tradierte Geschlechterrollen aufbrach, den Punk-Spirit konsequent lebte und dabei als frühes „Role Model“ den Weg bereitete für nachfolgende Generationen. Ohne Debbie Harry keine Madonna, keine Katy Perry, keine Lady Gaga. Und vielleicht auch keine Billie Eilish.

Uli Digmayer

Debbie Harry: Face It. Die Autobiografie. Heyne Hardcore, 432 Seiten, 25 Euro.

Raffiniert: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

Den Preis der Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Lutz Seiler bekommen. Mit seinem raffinierten neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hätte auch Ingo Schulze ihn verdient gehabt.

Ingo Schulze, nicht Schultze (Foto: dpa/Stache)

Es kommt in der Tat selten vor: Dass man einen deutschen Roman liest und sich plötzlich denkt, hoppla, der könnte auch von Philip Roth sein! Kann man einem Autor ein größeres Kompliment machen?

Dabei fängt Ingo Schulze ganz naiv und märchenhaft an. Erzählt von einem ach so beliebten, belesenen, die deutsche Geistesgeschichte gleichsam repräsentierenden Mann, dabei gutmütig und bescheiden: dem Antiquar und Buchhändler Norbert Paulini, der nicht nur in seiner Heimat Dresden, sondern darüber hinaus den allerbesten Ruf genießt.

Erstausgaben, Kassetten, gesammelte Werke und bibliophile Bände: Bei Paulini gibt es alles, sogar zu den sonst knappen Zeiten der DDR. Schon die Mutter hatte ja, bevor sie bei seiner Geburt starb, an teuren und wertvollen Büchern gehortet, was nur ging. Klein-Norbert schlief, kein Witz, auf Stapeln von Klassikern. Ein Bett gab es nicht.

Und er nimmt den geerbten Auftrag wahr, eröffnet, sobald es irgend geht, ein Geschäft, in dem alle Kunden, Akademiker wie Amateure, garantiert glücklich werden. Muss man ihn nicht lieben? Paulini ist wie wir! Und er ist konsequent. „Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“

Bitter, wenn ausgerechnet er, dieser rechtschaffene Händler des Guten, Schönen, Wahren, zum hilflosen Wendeopfer wird. Von den alten Besitzern aus der Villa geworfen, von der Insolvenz eingeholt und bis an die „Netto“-Kasse gedrängt, dann auch noch von der Jahrhundertflut der Elbe um etliche Regalmeter beraubt. Auch mit seiner Frau, der Stasi-Friseuse, hat er kein Glück . . .

Aber kann man ihm, dem man so nahe schien, die Treue halten, wenn er am Ende dieses ersten Teils den Mund auftut und völlig unerwartet die übelsten rechtsextremen Positionen vertritt? Man glaubt als Leser seinen Ohren oder Augen nicht. Vom Paulus zum Saulus, von Paulini zu Saulini? Wen hatten wir da die ganze Zeit eigentlich vor uns?

Und schon folgt ja, aus der Sicht eines Paulini-Bekannten, die Korrektur. Ein erfolgreicher Berliner Autor, hinter dem niemand anderes zu stecken scheint als Ingo Schulze selbst, entlarvt Teil eins als seine eigene Fiktion, gedacht als Hommage, die dann von der Wirklichkeit eingeholt wurde.

Aber Vorsicht! Nicht Schulze, sondern „Schultze“ (mit t) wird der Erzähler genannt und gesteht dann auch noch ein, dass sein Verhältnis zum Antiquar von Eifersucht getrübt ist: Dessen Helferin Lisa landet zwar willig in Schultzes Bett, will aber dort nicht bleiben. Paulini, das alte Monster, hat sie offenbar in der Hand.

Und dann, Teil drei: ein Mord. Oder nur Unfall? Zumindest, und hier entfaltet sich erst die ganze Größe und geheime Spannung dieses Buchs, eine Enthüllung, die dem Leser erneut den Boden unter den Füßen wegzieht und den Titel weiter fasst, als einem lieb ist: „Die rechtschaffenen Mörder“ sind unter uns!

Was als Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Büchermenschen begann, endet als Krimi und kaltblütige Bilanz, dazwischen die jüngste deutsche Geschichte von Ost und West, ein Erotikdrama zweier alternder Männer, das alles im irritierenden, immer wieder ernüchternden Clinch von Realität und Literatur, Wahrheit und Lüge. Wem kann man da trauen?

Ingo Schulze schon. Er hat einen verdammt guten Roman geschrieben.

Wolf Ebersberger

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer, 318 S., 21 Euro

Schau und Frau: Ein starkes Buch über Sängerin Nico

Eine Liebeserklärung aus Fürth: Nach gut zwei Jahren Recherche, Schreib-, Fleiß- und Schweißarbeit bringt Manfred Rothenberger sein Buch über das rauschhafte Leben der Sängerin und 60er-Jahre-Ikone „Nico“ heraus.

Sängerin Nico (Foto: aus dem Buch „Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ von Manfred Rothenberger, Starfruit Verlag)

Die Frau war die Schau. Zwischen Schall und Schönheit, Wut, Wahn, Selbstzerstörung und Sucht. Ein Hingucker als Deutschlands first Topmodel für Fotografen wie Herbert Tobias und Willy Maywald. Ein Blickfang dann für Männer wie Andy Warhol und Federico Fellini, deren Muse sie wurde. Für Bob Dylan, Iggy Pop, Lou Reed oder Jim Morrison eine Gefährtin im Blitzlichtgewitter. Die Frau war die Schau – doch als Rothenberger nach einem Buch über sie suchte fand er: so gut wie nichts.

Manfred Rothenberger hat, wie er eingesteht, sich in den dunkleren Momenten seiner fast 60 Lebensjahre immer wieder mal hilfesuchend von der düsteren Singstimme Nicos aus dem Plattenspieler trösten lassen.
Weil er zum einen als arbeitswütiger Direktor des Nürnberger Instituts für moderne Kunst seit Jahrzehnten mutig Ausstellungen von und über – sagen wir mal frech – auch „schwer Vermittelbare“ anzettelt und sich zum anderen das zeitraubende, dafür glückbringende Hobby eines feinen kleinen Idealisten-Verlags namens Starfruit leistet – lag die Sache auf der Hand. Wenn es schon kein gescheites Buch über Nico gibt, wird halt eins gemacht!

Bereits im Frühsommer war im Galeriehaus Defet Rothenbergers Nico-Schau „Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ (nach einem Zitat der Autorin Juliane Liebert) zu sehen. Und schon dort war das nach wie vor aktive Magnetfeld der Kölner Weltbürgerin Nico (1938–1988) spürbar. Nun liegt das Buch dazu vor. Wie in allen „Starfruit“-Veröffentlichungen wird darin der Crossover von bildender Kunst und Literatur, Wortsinn und Wahnsinn vom Cover bis zum letzten Blatt durchexerziert.

Was auf gut 600 Seiten zwischen den Noir atmenden Buchdeckeln steckt, mag Rothenberger manche kurze Nacht beschert haben. Sein Problem. Für Leser ist es eine Offenbarung. Um die Sache zu stemmen, tat er sich mit dem „Kammerflimmer-Kollektiv“-Aktivisten, Musikfreak und Lebenskünstler Thomas Weber (Jg. 1969) zusammen.

Einmal das finstere Blut der späten 60er Jahre geleckt, suchten, besuchten, befragten und durchfilterten Rothenberger und Weber Zeitzeugen in aller Welt, sichteten Archivmaterial und heuerten Beitragschreiber an. Sie fanden Künstler, die an Nico einen Narren gefressen hatten. John Cale, Julian Cope, Marianne Rosenberg, Jonathan Meese oder Rosemarie Trockel gehören neben vielen weiteren zum Kreis. Auch der für Nico-Besessene eigentlich viel zu spät geborene Nürnberger Künstler Sebastian Tröger (Jg. 1986) zählt dazu.

So ist eine Art Staralbum voller Lebenserfahrungen entstanden, das der nicht ganz einfachen Künstlerin gerecht werden dürfte, die ja selbst keinem Konflikt aus dem Weg ging bei ihrem zuweilen torkelnden Tanz zwischen der Gosse der Junkies und dem samtenen Glanz ihrer Zeit als Model und bei Velvet Underground.
Als Leser reiben wir uns die Augen über Nico-Gedichte (u. a. von Franz Dobler), Originalfotos, Kunstwerke, zu denen die Sängerin andere inspirierte. Ja sogar Postkarten, welche die Künstlerin an die deutsche Mutter ihres viele Jahre jüngeren Lovers geschrieben hatte, taten Rothenberger und Weber auf.

Der besagte Lover hieß bürgerlich übrigens Lutz Graf-Ulrich (Jg. 1952) und ist heute als „Lüül“ von der
Berliner Band 17 Hippies bekannt. Rothenberger hat ihn für das Buch interviewt. Über die Kindheit der
als Spross einer Brauerei-Dynastie in Köln geborenen Christa Päffgen reimt sich Lüül heute zusammen: „Die Christa war nicht biestig oder so, aber anders als die anderen Kinder. Etwas komisch halt.“

Ein Stern zwischen Schatten und Licht. In ihrem feinen Elternhaus versuchten sie, die Verbindung mit der drogensüchtigen Tochter totzuschweigen. Und der Schauspieler Alain Delon, mit dem Nico offenbar einen gemeinsamen Sohn hat, verleugnet diesen, obwohl er ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Wen wundert’s, dass selbst Leonard Cohen ihr verfiel. Doch hinten anstehen musste. Die Schlange der Verehrer war lang.

So long, Nico. Am 18. Juli 1988 kippte sie auf Ibiza vom Fahrrad
und war tot. Tot? Aus 624 Buchseiten steigt sie wieder auf.

Christian Mückl

Nico – Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist. Herausgegeben von
Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Starfruit Verlag, 624 Seiten, 35 Euro.

Anika Deckers starkes Romandebüt

Nicht weniger als ein Leben steht in diesem Roman auf dem Spiel. Trotzdem ist er immer wieder extrem lustig. Geht das?

Anika Decker (Foto: dpa)

Die Drehbuchautorin Rahel Wald ist Mitte 30, als sie urplötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Wegen einer Sepsis landet sie auf der Intensivstation, ihre Eltern werden auf das Schlimmste vorbereitet. Doch Rahel überlebt. Aufatmen, aufstehen, Happy End?

Könnte in einem Buch mit mäßigem Drehbuch so sein. Hier aber fängt die Geschichte erst an. Denn als Rahel Wald aus dem künstlichen Koma erwacht, als sie wieder mit ihren Eltern und ihrem Freund kommunizieren kann, stellt sie fest, dass sie Erinnerungslücken hat, was die Zeit vor ihrem Zusammenbruch betrifft.

Damit beginnt eine Horrorstory. Keine übersinnliche Fantasy made in Hollywood, sondern eine aus der ganz normalen Welt – die kann mitunter ja gruselig genug sein. Und ist hier zugleich immer wieder sehr, sehr komisch.

Passgenau zusammengeführt hat diese Extreme die Drehbuchautorin Anika Decker, die mit „Wir von der anderen Seite“ ihren ersten Roman vorlegt. Von Decker, 44, dürften die wenigsten schon gehört haben, obwohl sie das Drehbuch zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahrzehnts geschrieben hat: „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger; mehr als sechs Millionen Zuschauer haben sich in dieser Komödie amüsiert. Aber Drehbuchautoren sind nach wie vor in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dabei brauchen Filme guten Stoff so nötig wie ein Junkie den seinen.

Auch um den Stellenwert von kreativer Arbeit geht es in diesem Roman, wie überhaupt um die ganze Filmbranche mit ihren Ekel-Egomanen, Selbstdarstellern und Geschäftsleuten – und darum, wie sich eine junge Frau in diesem Haifischbecken bewegt.

Vor allem aber handelt das Buch davon, wie ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, wie sich aus dem Nichts – so zumindest scheint es lange Zeit – eine Hürde in den Weg schiebt, über die man nicht einfach so hinweggehen und danach weitermachen kann wie vorher.

Und obwohl die Parallelen offensichtlich sind – nein, das ist keine verkappte Autobiografie von Anika Decker, die mit ihrem ersten Drehbuch gerade einen Erfolg gelandet hatte und dann schwer erkrankte. Wo Anika aufhört und Rahel beginnt, ist zwar schwer zu sagen; allerdings ist das auch nicht sonderlich wichtig.

Denn die Autorin hat eine starke Figur in einer Extremsituation geschaffen, die um ihr Leben kämpft; der, vollgepumpt mit Medikamenten, nachts ein Eichhörnchen auf der Brust sitzt und winkt; die erst zum Gerippe abmagert und später fett und antriebslos in Jogginghosen auf dem Sofa vor sich hin gammelt. Kurz: die plötzlich auf der anderen Seite steht, wo es nicht um das richtige Outfit für eine Filmparty geht, sondern darum, überhaupt etwas anzuziehen, ohne davon schon wieder komplett erschöpft zu sein.

Und auch eine Figur mit all ihren (und unseren) Unzulänglichkeiten, Neurosen, Ängsten und Eigenheiten.
Puh, ja, ganz schön heftig, all das. Wäre da, sogar auf dieser anderen Seite, nicht Deckers Witz und die (Selbst-)Ironie, die das Schreckliche mit Sinn für Pointen abfedert und diesen Roman zu einem stellenweise sehr komischen macht.

Die Autorin Sibylle Berg, mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens bestens vertraut, hat ihn geliebt.
Muss man mehr sagen?

Tamara Dotterweich

Anika Decker: Wir von der anderen Seite. Roman. Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.