Kurz und gut: Benedict Wells und Frank Schulz

Es ist ein Spätsommer der Kurzgeschichten: Sowohl der alte hanseatische Hase Frank Schulz als auch sein jüngerer süddeutscher Schriftsteller-Kollege Benedict Wells legen schöne Short Stories vor.

Schriftsteller Benedict Wells (Foto: dpa)

Schreiben Autoren tatsächlich die tieferen Texte, wenn sie durch harte Jahre gingen? Sowohl Benedict Wells’ zehn Geschichten unter dem Buchtitel „Die Wahrheit über das Lügen“ als auch Frank Schulz’ Sammlung „Anmut und Feigheit“ tragen, so unterschiedlich sie im Stil sind, feinnervig private Züge.

Wells (geb. 1984) ist es in nur zehn Jahren gelungen, sich vom spritzigen Schreiber („Spinner“) mit filmreifem Stoff („Becks letzter Sommer“) zum ernst zu nehmenden Romancier („Das Ende der Einsamkeit“) zu entwickeln. Abwesende Eltern, sensible Seelen, früher Schmerz und trotzdem Nischen des Glücks: Wells Literatur atmet, fühlt, schält Gedanken.

Vor allem der letztgenannte Roman spiegelte bei aller melancholischen Leichtigkeit dunkle Wolken unter der Wasseroberfläche des Erzählens. Und auch für seine Kurzgeschichten gilt: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Wells erzählt zügig durch. Gleich mit der ersten Story „Die Wanderschaft“ verhandelt er fantastischen Realismus und nacktes Erschrecken in der Wirklichkeit – wohin ist mein Leben? – gleichermaßen. Ein Business-Mann, erfolgreich, Vater zweier kleiner Kinder und obendrein mit einer sehr geduldigen Ehefrau gesegnet, bricht am Geburtstag seines Sohnes spontan zu einer Gipfelwanderung auf. Bin zum Grillen wieder da!

Seine Rückkehr wird dann sein: Gegen Mitternacht. Er kehrt als anderer Mensch heim – am Abgrund des plötzlichen Gealtertseins. Damit verglichen kommt „Die Muse“ zunächst leichtfüßig daher. Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade wird im Bett geküsst. Von der Muse, die männlich ist, sexy und inspirierend auf sie wirkt. Das Teuflische: Schreibt sie am ersehnten Roman weiter, blutet der Musenmann aus, verliert seine Lebenskraft. Kunst oder Liebe, Erfolg oder Erlösung – die Gretchenfrage aller Kreativen ist hier der Dauerbrenner.

Charmant erzählt Wells eine Weihnachtsgeschichte, „Die Nacht der Bücher“. Die Klassiker der Weltliteratur unterhalten sich in einer Londoner Leihbibliothek am Heiligen Abend. Hemingway, Shakespeare, Proust, Rowling: Die Schöngeistigen schießen sich mit giftigen Kommentaren gegenseitig ab.
Wells gelingt eine ironische Abrechnung mit den Säulenheiligen des Betriebs, die als angestaubte, selbstverliebte Langweiler in den Regalen stehen und mit ihrem Schicksal als Zwangslektüre hadern.

„Hunderttausend“ verhandelt dann sehr privat die Sehnsucht nach dem Vater. Und in „Die Entstehung der Angst“ spinnt Wells eine Figur aus seinem letzten Roman weiter. Zentral liegt die Titelstory „Die Wahrheit über das Lügen“ im Buch. Vordergründig mag es um die Erfindung von „Star Wars“ gehen. Hintergründig fächert Wells die Finten des Filmgeschäfts auf. Man kann auch sagen: Er erdet Science Fiction.

Beim Hamburger Schriftsteller Frank Schulz irritiert es zunächst, dass er die Kurzgeschichten „Anmut und Feigheit“ (sein „Prosa-Album der Leidenschaft“) von 2018 bis 1950 zurückdatiert. Scherzkeks, der er ist! Wurde er doch selbst erst 1951 geboren. Bei der Lektüre wird klar: Die älteste Geschichte handelt nicht nur von „Mamapapamamapapa“, sondern auch von seiner Zeugung!

Zu welch zärtlich verschrobenen Persönlichkeits-, Großstadt- und Landschaftsporträts Schulz fähig ist, hat er mit seinen Büchern übers norddeutsche Künstler- und Proletenidyll („Kolks blonde Bräute“, „Morbus Fonticuli“, „Das Ouzo-Orakel“) bewiesen. Mit der hanseatischen Trilogie über „Onno Viets“ und den „Irren vom Kiez“ setzte er diese Kunst fort. Und auch in seinen Stories zappelt die Sinnlichkeit seines Schreibens wieder derart nach der Welt, als wären einem Kettenraucher die Kippen ausgegangen.

Es geht um Trauer in „Rotkehlchen“, einem Oratorium für den Vater. Zwiespältig lustig ertappt Schulz uns mit der Ehe-Satire „Der korfiotische Kuss“. Und dann glücken ihm gänsehautgute Schmachtfetzen wie „Geliebte mein im Schuhkarton“. In einen zentnerschweren Großstadtfenster-Voyeur denkt Schulz sich da hinein. In einen Kerl, der sogar aufgehört hat, zu „seiner“ Hure zu gehen, dem einzigen verzweifelten Frauenkontakt, den er noch hatte. Der Grund: Dem Dicken genügt es irgendwann vollends, der Nachbarin im Haus gegenüber bei ihren Alltagsverrichtungen zuzuschauen. Wenigstens im Winter. Im Sommer versperren die Blätter der Bäume den beglückenden Blick in das zum Greifen nahe Behauste . . .

Christian Mückl

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, 256 Seiten, 22 Euro.
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani, 336 Seiten, 22 Euro.

Kurz, frech, tragisch: Heinz Strunks „Teemännchen“-Stories

Heinz Strunk seziert in seinen neuen Kurzgeschichten lausige Lebenslügen, beschreibt Frauen als dicke Dinger und Männer als schlimme Finger. Kotzbrocken schenkt er reinen Wein ein und Losern Liebe. Das hat was.

Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape) mag es cool. Foto: dpa

In der Titelgeschichte taucht noch so ein Versager auf. Michael heißt der. Ein Langweiler vor dem Herrn. Kein Wunder, wenn „das Teemännchen“ in seinem Laden selbst zum Ladenhüter wird. Ein Mensch wie „zu früh zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen“. Schreibt Strunk.

„Das Teemännchen“ ist im Buch in bester Gesellschaft. Denn sein Autor hat ein Herz für Versager. Eine Galerie der vom Leben Deformierten tischt er auf. Streichelt die schlimmsten Fälle mit feiner Feder. Keinem der Porträtierten ist noch irgendwie zu helfen. Aber diese Tragik transportiert der Hamburger Bestseller-Autor („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) mit Scharfsinn und Bravour. Und mit keinem Wort zu viel.

In „Tempo 100“ (dem Wald zuliebe) lernen wir zwei Alt-Linke kennen, Marion und Michael. Beide tragen ausschließlich Schwarz: „Er, weil er Tontechniker ist und alle Tontechniker auf Gottes weitem Erdengrund ausschließlich Schwarz tragen, sie, um ihre abstehende Wampe zu kaschieren“. Wenn sie bei allem Hass aufeinander immer noch aneinander kleben, dann deswegen: „Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu alles Mögliche. Das wird schwierig, noch mal neue Lebensabschnittsgefährten zu finden.“

Dann ist da der Bordellgänger, der nur vormittags kommt. Wenn die Damen noch „frisch“ sind. „Nutten mit Kaffeefahne“ heißt die Story. In „Fred Perry“ warnt Strunk davor, kurz nach der Zahnarztspritze einkaufen zu gehen: Schnell gerät man unter Behindertenverdacht.

Oder die Erzählung „Janine“: Ein freudenverheißender Talk an der Hotelbar wird zum Albtraum. Weil das Objekt der Begierde sich als versoffene Quasselstrippe entpuppt. Am Beispiel einer „Jenny Müller“ malt sich Strunk aus, warum es zwischen West- und Ostdeutschen nichts wird. Was beim Antrittsbesuch bei ihren Eltern „drüben“ nicht nur an der Schlachtplatte liegt. Wenn der unvorsichtigerweise Mitgefahrene etwas mit den früheren Zonenbewohnern teilt, dann den Wunsch einer möglichst raschen Flucht.

Strunk seziert mit Röntgenblick Seelendramen und schreibt mit einer Behutsamkeit darüber, dass man sich dem Sog seiner Kurzgeschichten und Miniaturen schwer entziehen kann. Manchmal ist es kaum auszuhalten. Doch es kaum auszuhalten wird hier zur Sucht. Scham, Perversität, Verwahrlosung: Ganz schön frech, wie der Hamburger das einfängt. Doch Sarkasmus ist ihm fremd. Was ihn von Satirikern wie Wiglaf Droste klar unterscheidet.

Christian Mückl

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro.

Kurzweilig: Domenico Starnone und die Ehe

Wer abhaut, ist rasch der Böse. Aber ist der Zurückgelassene deshalb selbstredend gut? Domenico Starnone glückt mit „Auf immer verbunden“ ein zeitgemäßer Ehe-Roman.

Lebenserfahren: Autor Domenico Starnone. (FOTO: MARKA/Alamy/Random House)

„Falls du’s vergessen solltest, mein Lieber, muss ich dich eben daran erinnern: ich bin deine Frau.“ Es ist Jahrzehnte her, dass Vanda diese Briefzeilen an Aldo schrieb. So lange wie Aldos Intermezzo mit Lidia. Er hatte damals sie und die Kinder verlassen, um mit der Jüngeren zu leben.

Was blieb, nachdem er zurückgekrochen kam, waren nicht nur Vandas Briefe, die in diesem Roman am Anfang stehen. Es gab natürlich auch Wunden. Ein banales Ereignis droht die Verkrustungen sehr viel später aufbrechen zu lassen.

Entgegen dem Vorwurf hatte Aldo nie vergessen, dass Vanda seine Frau ist. Was aber nichts an seiner Sicht der Dinge änderte. Das wird im zweiten Kapitel des Romans klar: aus seiner Warte geschildert. So wie im Folgenden noch der Sohn und die Tochter, inzwischen erwachsen, zu Wort kommen werden. Den Wechsel der Perspektiven im Gefühlssturm des Persönlichem spielt Starnone psychologisch meisterhaft aus.

Sein schonungsloser Schreibstil, gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Portion Lebenserfahrung, macht das weise Büchlein des 1943 geborenen Schriftstellers zur kurzweiligen, bereichernden Lektüre. In Italien schätzt man ihn schon länger. Der in Rom lebende Autor, Drehbuchschreiber, Journalist und Lehrer für literarisches Schreiben wurde für seine lebensnahe Erzählkunst bereits mit dem renommiertesten Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet.

In „Auf immer verbunden“ steckt also viel. Männliche Wahrnehmung, weibliche Wahrnehmung, generationsbedingte Sicht auf die Welt. Dass Aldo sich womöglich in die Tasche gelogen hat, als er seine Liaison mit Lidia unter den revolutionären Deckmantel eines aufbrechenden, starren Rollenverständnisses und Familienbilds der 60er Jahre stellte, ist nur ein Aspekt davon.

Denn auch wie Vanda es sich in der Opferrolle der Zurückgelassenen einerseits, und doch mit dem Anspruch, eine moderne Frau zu sein, andererseits einzurichten versuchte, ist ein Teil der Geschichte. Die Liebe, ein schreckliches Spiel? Aldo wagte die Finte mit dem Familienkater. Der heißt Labes, abgekürzt für „La Bestia“. Bestia bedeutet „Tier“. Was schon wieder nur die eine Wahrheit ist. Im Wörterbuch wird Bestia auch mit „Unheil, Ruin“ übersetzt.

Hatte Vanda, wenn sie hysterisch den Kater suchte, nur die Geister bekommen, die sie lauthals rief?
Nicht nur das Fellvieh schleicht leise durchs Verborgene der Handlung, in der jeder auf seine Art die Krallen ausfährt.

Christian Mückl

Domenico Starnone: Auf immer verbunden. DVA, 176 Seiten, 18 Euro.

Joachim Meyerhoffs sexuelle Trickkiste: „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“

Joachim Meyerhoff gehört zu den glücklichen Menschen, die über eine Doppelbegabung verfügen. Er ist nicht nur Schauspieler – und dies am ehrwürdigen Wiener Burgtheater –, sondern inzwischen auch ein renommierter Bestsellerautor, der – wie unlängst in der Elbphilharmonie – 2000 Menschen zu einer seiner Lesungen pilgern lässt.

Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff (Foto: Ole Spata/dpa)

Mit der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ liegt nun der vierte Band seines autobiografischen Romanzyklus vor – und schaffte es bereits in die Hitlisten. Nachdem Meyerhoff in den vorhergehenden Bänden seine Kindheit sowie Jugend- und Ausbildungszeit beschrieben hat, setzt er sein Selbsterkundungsprojekt fort, indem er von seinem Engagement am Theater in Bielefeld erzählt.

Doch wichtiger als die ersten Bühnenerfahrungen als Schauspieler ist für den jungen Meyerhoff vielmehr sein endlich erwachendes Liebesleben. Unverhofft stolpert Hanna in sein Leben und zieht schon bald in seine Wohnung ein. Die blitzgescheite Studentin mit Borderliner-Zügen (über-)fordert ihn auch intellektuell, getreu ihrem Lebensmotto „Unkompliziert ist unter meiner Würde“.

Der Ich-Erzähler taucht durch sie in eine neue Welt ein, beherrscht von Büchern und philosophischen Diskursen. Doch gerade, als sich eine unkonventionelle Zweierbeziehung anzubahnen beginnt, führt ihn ein weiteres Schauspielengagement nach Dortmund, wo er am Stadttheater schon bald Franka, eine grazile Tänzerin, kennenlernt.

Statt mit Büchern zieht sie ihn mit ihrer Sinnlichkeit in den Bann und ermuntert ihn zu ungeahnten erotischen Höhenflügen, an deren akustischen Begleittönen sich allerdings bald die Nachbarn stören.
Meyerhoff pendelt fortan nicht nur zwischen den beiden Städten, sondern auch zwischen den beiden Frauen hin und her, was ihn vor die eine oder andere logistische Herausforderung stellt, die zu slapstickartigen Szenen führt. Doch nicht genug: Mit der so fülligen wie resoluten Bäckereibesitzerin Ilse tritt eine weitere Frau in sein Leben, so dass auch der Besuch einer Dortmunder Backstube zur Konstanten wird, da sie ihn nicht nur mit Schweinsohren versorgt . . . Emotionen bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung!

Das Aufputschmittel „Halloo wach“ hilft über den mangelnden Schlaf hinweg, denn so ganz nebenbei muss der Schauspieler ja auch noch Texte lernen und ein paar Mal pro Woche auf irgendeiner Theaterbühne stehen.

Der 1967 in Homburg geborene Meyerhoff, der oft auch als deutscher Knausgard bezeichnet wird, begeistert seine Leser mit einer schonungslosen Detailtreue, die von einer ganz besonderen Situationskomik getragen wird. Ausgerüstet mit viel Selbstironie, betreibt er eine subtile Gefühlsakrobatik, die einen bei der Lektüre immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Selbst bei schwierigen Themen wie einer bevorstehenden Abtreibung beweist Meyerhoff, dass er das literarische Genre vortrefflich beherrscht.

Ralf Nestmeyer

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch, 353 S., 24 Euro.

Rétif de la Bretonne und seine prallen Memoiren

Rétif de la Bretonne – ein französischer Autor des 18. Jahrhunderts, den nicht jeder kennt. Und offenbar ein richtiger Casanova, wie seine sehr lesenswerten Memoiren zeigen . . .

Der Bub hat alles, was das Herz begehrt: klaren Verstand, Lust auf Bildung, unversiegbaren Fleiß, einen aufrichtigen Charakter und ein hübsches Gesicht. Dazu eine Schüchternheit, die sämtliche Frauen ermuntert, den Jungen unter ihre Fittiche zu nehmen, an ihren Busen zu drücken und in die fundamentalen Dinge des Lebens einzuweihen.

Monsieur Nicolas hätte in seinem 18. Jahrhundert eine steile Karriere machen können. So reichte es nur zum Schriftsetzer und Autoren. Da aber zeichnete er sich durch eine enorme Produktivität aus. 187 Bücher soll er geschrieben haben, Romane, Erbauliches und höchst Subversives. Vor allem, was erotische Leidenschaften und Vorlieben für zierliche Damenfüße und -schuhe betrifft („Der Fuß der Fanchette“).

Rétif de la Bretonne war ein französischer Romancier… und sehr freizügig. Historischer Stich (FOTO: Reinhard Kaiser)

Nicolas Edme Rétif, der sich Rétif de la Bretonne nannte (1734 bis 1806), hat zwar nicht die Pornografie erfunden, wohl aber den Begriff: Sein Buch „Le Pornographe“ ist kein Schweinkram, sondern ein für damalige Zeiten revolutionäres Traktat, das die Prostitution in geordnetere Bahnen lenken sollte. Auch sonst mangelte es ihm nicht an originellen Ideen: So sollten Buben ab 16 Jahren erfahrenen Frauen ab 32 zugeführt werden. Sind die Männer 32, sollten sie 16-jährigen Mädchen die niederen Weihen erteilen.

Warum ist Rétif de la Bretonne kein „großer“ Autor geworden? Zum einen, weil er aus kleinen Verhältnissen stammte, zum anderen, weil ständig geile Gelüste seine ehrbarsten Absichten durchkreuzten. Und weil ihm es ein wenig an Imagination gebrach. Dafür schilderte er Anekdoten aus seinem eigenen prallen Leben („Der verführte Landmann“).

Im Alter führte er sein ehrgeizigstes Projekt aus: „Das enthüllte Menschenherz“ (1797), eine Lebensbeichte von Kindheit bis zur Gegenwart, die kein edles, zweifelhaftes oder noch so schmutziges Detail auslassen sollte. Augustinus‘ „Confessiones“ dienten Rétif als Vorbild. Obwohl vollendet, standen den Memoiren die Französische Revolution im Weg und ihr Umfang: 5000 Seiten!

Von diesen 5000 Seiten hat der Übersetzer Reinhard Kaiser – berühmt geworden als Bearbeiter des „Simplicissimus“ – gerade mal 640 übrig gelassen. Doch gewinnt man schnell den Eindruck: es sind die essenziellen Seiten. Umso mehr, als sie besonders Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter gewichten, also die Jahre, die die Weichen für das ganze Leben stellen.

Ist „Das enthüllte Menschenherz“ aber tatsächlich „eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur“, wie der rührige Galiani Verlag tönt? Was das Ausleuchten seelischer Abgründe betrifft, ist Dostojewski immer noch unangefochtener Tiefentaucher. Dazu ist die behauptete Aufrichtigkeit mit Vorsicht zu genießen, denn jede Autobiografie ist auch eine Selbststilisierung.

Dafür findet der Leser hier eine Bildungsroman-Biografie vor, freilich den Roman eines gescheiterten Bildungsweges. Die eigentliche Wurzel des Übels liegt in der Diskrepanz der Wahrnehmung der sich entfaltenden Seele und den vorgefassten Meinungen der Tonangeber, namentlich, was Sitte und Anstand betrifft. Und die gebieten: Unerreichbare Damen sind besonders begehrenswert!

Was nun die erotischen Episoden in gehobenen wie niederen Kreisen betrifft, so befleißigt sich Monsieur Nicolas einer gewählten Sprache und herzerfrischender Metaphern. Wird es gar zu skandalös, weicht der Autor auf nobleres Latein aus (Übersetzung im Anhang). Das macht seine Abenteuer höchst vergnüglich.
Gelegentlich trägt er, was die Verknotungen des Schicksals betrifft, dick auf. Dass er unwissentlich seine eigene Tochter schwängert, deren Mutter er als Jüngling beglückt hat, ist schon hart genug. Dass ihm solche Vaterfreuden aber auch noch mit drei verschiedenen Nymphen widerfahren, ist denn doch zu viel des Argen.

Wie gesagt, Stilisierung – auch und gerade im Verwerflichen. Andererseits wälzt sich Nicolas kaum wollüstig im Schlamm der Selbstbezichtigung. Kühl analysiert er das Verbotene seines Treibens und die Diktatur des Phallus, die ihn vom rechten Wege bringt.

Er steht zum Genuss seiner Gelüste, er weiß um die Ausbeutung und um den Betrug an seiner jeweiligen Herzdame, und er weiß, dass er bitter dafür bezahlt. Das hebt Retifs Autobiografie weit über die moralisierenden Ergüsse seiner Zeitgenossen. Nur eine Weisheit von vielen: „Nach dem Koitus sind alle Lebewesen traurig, ausgenommen der Hahn und der Schüler, der es gratis treibt.“

Reinhard Kalb

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz. Deutsch von Reinhard Kaiser. Galiani, 720 Seiten, 38 Euro.

Zwischen Köln, Venedig und Paris: Hanns-Josef Ortheil

Vielleicht hätte Mia bei ihrer Abreise nach einem Studienaufenthalt in Venedig nicht so leichtfertig Einladungen aussprechen sollen. Denn eines Tages steht der junge Venezianer Matteo vor ihrer Kölner Haustür. Entgegen strenger Abmachungen ihrer Drei-Mädel-WG (Kein Mann in der Wohnung!) erhält er Einlass. Und mischt das Leben der drei, die ihm bald mehr als Sympathie entgegenbringen, gehörig auf. Ganz durchschauen sie ihn nicht. Wer ist dieser junge Mann?

Ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, der stundenlang durch Köln streift und hochkonzentriert Sehenswürdigkeiten zeichnet, dabei merkwürdige Affinitäten zu Barlachs schwebendem Engel hat. Einer mit großem Harmoniebedürfnis, der aber auch ganz tatkräftig abwäscht und saubermacht sowie der Betreiberin eines kleinen Cafés mit Rat und Tat zur Seite steht.

Er liebt Paris… Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: Peter von Felbert)

Genaueres zur Handlung des Romans – nicht zuletzt auch eine Hommage an Ortheils Heimatstadt Köln (und an Venedig und an die durch die beiden Dome verkörperte Kultur) – sei hier nicht verraten. Beim ersten Lesen mag einem das Buch fast ein bisschen zahm und altmodisch erscheinen. Aber vielleicht will Ortheil, dass man aufmerksam auch zwischen den Zeilen liest: Da entdeckt man dann ein Plädoyer für Tugenden und Werte wie Achtsamkeit, Langsamkeit, für den intensiven Blick auf die Umgebung, die Bedeutung des Reisens und so weiter.

Und man findet einige aus früheren Werken bekannte Themen des Autors wieder: die Vaterbeziehung und die Bruder-Thematik. Ortheil selbst hat ja bekannt, dass er in Matteo fast ein „alter ego“, eine brüderliche Figur sieht. Wer noch mehr erfahren will: Hanns-Josef Ortheil liest in Erlangen auch aus diesem Roman.
Sehr anspruchsvoll geht es in „Paris, links der Seine“ zu, der zweiten Ortheil-Neuerscheinung des Herbstes. Hier machen sich die lebenslang geführten Kladden des Autors, mehrere Aufenthalte in Paris und sein sehr aufmerksames Betrachten bemerkbar.

Ortheil erkundet das Gebiet links der Seine abseits von Touristenströmen, findet stille Plätze und interessiert sich besonders für die Themen Literatur und Küche. Dabei folgt er nicht nur den Spuren von Ernest Hemingway und Roland Barthes – zwei Schriftsteller, die ihm viel bedeuten und auf seine schriftstellerische Arbeit Einfluss hatten – und anderer nicht nur berühmter Poeten, sondern berichtet auch von Lokalen der Jazz- und Chanson-Szene.

Manche Details sind verblüffend: So soll Sartre angeblich im „Le Tabou“, ein Treffpunkt für junge Nachtschwärmer, gesungen haben … Dazu kommen – ähnlich früheren Büchern wie dem über Rom – eine Menge Tipps für Lokale unterschiedlichster Couleur: Ob nur ein kleiner Imbiss oder ein großes Menu, ein spezieller Drink oder eine große Weinprobe – Ortheil, der Feinschmecker, hat immer lohnende Vorschläge.
Dass er an besonderen Buchläden nicht vorbeigehen kann, erstaunt nicht. Eher, dass er sogar bedeutende Herrenausstatter besucht.

Mit all diesen Spaziergängen entsteht nicht nur für Paris-Kenner, die die Stadt einmal ganz anders erleben wollen, sondern besonders für Freunde französischer Literatur ein konzentrierter Reiseführer, der auch zuhause viel Neues entdecken lässt. Die atmosphärisch dichten und vielsagenden Fotos stammen übrigens von Ortheils Sohn Lukas.

Anja Weigmann

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.
Paris, links der Seine. Insel Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Giacomettis Gegengattin: „Caroline“

Sie war das Gegenteil seiner sittsamen Ehefrau, „Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell“.
Für einen lesenswerten Essay folgte der französische Romancier Franck Maubert der Spur der Muse in ihr heutiges Leben.

An Caroline arbeitet sich der Künstler vier Jahre lang ab – über das bildnerische Werk weit hinaus. Die Geliebte, die dem Bildhauer, Maler und Zeichner zwischen 1961 und 1965 häufig Modell stand und dann mit ihm durch das Nachtleben von Montparnasse zog, ging in die Kunstgeschichte ein. 20 gemalte Porträts, zahlreiche Zeichnungen, Grafiken sowie eine Bronzebüste blieben erhalten. Was wurde aus ihr?

Franck Maubert hat Giacomettis junge Herzensdame von damals, die öffentlich stets nur Vorname blieb und nie einen Hehl aus ihren bezahlbaren Diensten gemacht hat, in unseren Tagen aufgesucht. Gefunden hat er
sie in Nizza, in einer winzigen, staubigen Wohnung. Vom Leben erschöpft und gedanklich nicht immer bei der Sache. Maubert hört ihr zu und gewinnt das Vertrauen der Frau, die dem Künstler von Weltrang so wichtig war, dass er ihr zuliebe sogar die nähere Bekanntschaft mit Marlene Dietrich ausschlug.

Alberto Giacometti und Caroline Tamagno im Gespräch in der Bar »Chez Adrien« in Paris, 1959 (Foto: Sammlung Jacques Polge, Verlag)

Mauberts literarisch ambitionierte Recherche ist ein einfühlsames, auch sehr persönlich geratenes Buch über die verzwickte wie verrückte Beziehung zwischen der jungen Hübschen und dem 40 Jahre älteren Bohémien. Außerdem lassen sich seine Zeilen als atmosphärisch starke Studie des Nachtlebens der 60er Jahre lesen. Da ist das Licht in den Gassen, den Bars, den Etablissements. Orte werden durchstreift, die dem Paar zwischen Verzweiflung und Glück zur flüchtigen Heimat wurden.

Giacometti, geboren im Bergell, lebte ab den frühen 20er Jahren in Paris. Faltendurchfurcht, Kette rauchend, die Kleider kaum gipsspurenfrei, war er so etwas wie ein wandelndes Maskottchen der Existenzialisten. Er schuf ihnen ihre Kunst. Dem Material abgetrotzte Geschöpfe, fragil hineingestellt in den freien Raum. „Erst spät begreift sie“, schreibt Maubert über Caroline, „dass Alberto nicht wirklich eine Person zeichnet, sondern vielmehr das, was er sieht.“

Der Künstler und die Kokette: ein Gegensatzpaar. So nahe wie Caroline kamen ihm in Paris nur der Bruder Diego und Annette, die er jung geheiratet hatte. Wobei sie die Stube nicht verließ und ein paar Treppenstufen über dem Atelier verharrte, war die „andere“ da.

Dass der Bildhauer wie besessen war von Prostituierten, ist kein Geheimnis. Aber mit welcher Zärtlichkeit Maubert von der Sehnsucht des Getriebenen erzählt, ist wohlformuliert. Und durchaus intim. Einmal gesteht der Autor dem Leser, früher ähnlich rastlos durch die Straßen gestreift zu sein – um nach dem Besuch der Frauen, also „20 Minuten später wieder hinunterzugehen, den Kopf voll vom Gefühl des Scheiterns, der Zerrüttung und noch stärkerer Einsamkeit, selbst wenn das Mädchen mich ,Mein Prinz‘ genannt hatte“.

Giacometti hatte an Caroline einen Narren gefressen. Er nahm Plünderungen durch ihre Zuhälter in Kauf, gab ihr Geld für einen roten Sportwagen. Manchmal wartete er Wochen an den vertrauten Tresen und in Etablissements auf sie. Als die Gefährtin ihm erzählt, mal eben einen greisen Freier geheiratet zu haben, bewahrt er die Ruhe. Will sie weiterhin. Dabei sind es andere Kreise, in denen er verkehrt. Ein für das junge Ding kaum zu begreifendes Ereignis spielt sich in London ab, wo Caroline mit ihm auf Francis Bacon trifft.

Mauberts Besuch bei Caroline in Nizza ist nicht frei von Beklemmungen. Allzu Persönliches will er für seinen Essay gar nicht erfahren. Die Begegnung mit der Geläuterten verläuft zwischen Faszination und Irritation für ihn. Er verhehlt es nicht.

„Alberto hat auf das Geld gepfiffen. Er schenkte mir alles, was ich wollte“, verrät ihm die Gespielin des Künstlers etwa. So dass Maubert nachhakt: „Und Sie!“ Um ein Lachen zu ernten. Dann ein Husten: „Oh, ich . . . Das ist etwas anderes.“

Es sollte tatsächlich Caroline und nicht Annette im Kantonsspital von Chur vorbehalten sein, den oft so Unnahbaren in seiner Todesstunde noch einmal zu berühren.

Neben Carolines Bett in Nizza sah Maubert ein zerknittertes Schwarz-WeißBild des Künstlers stehen. Nur das Foto und die Erinnerungen blieben ihr von seiner Liebe. Keine Kunst.

Christian Mückl

Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell. Piet Meyer Verlag, 112 S, 16 Euro.

Frankreich von unten: Virginie Despentes

Wie sexy ist der Absturz? Die Französin Virginie Despentes, als Romanautorin eine Art weibliche Ausgabe von Michel Houellebecq, folgt in „Das Leben des Vernon Subutex“ einem gescheiterten Plattenverkäufer beim Couchsurfing durch die französische Gesellschaft.

Virginie Despentes (Foto: Hidalgo,dpa)

Bist du über 40, heißt es im Buch, gleicht die Welt einer bombardierten Stadt. Paris duldet dich nur noch als Eigentümerkind. Wenige Orte, wo du im Warmen sein kannst, ohne zu zahlen.
Vernon Subutex steht vor den Trümmern seiner Existenz. „Er hatte seinen Platz, den des Plattenverkäufers. Weniger angesehen, als der des Gitarristen, aber in der Hierarchie immer noch über der des letzten Deppen. Er brach Mädchenherzen.“ Doch der Niedergang der Musikindustrie riss ihn mit.

Und jetzt? Ist der, der zuletzt seine Miete bezahlte, tot. Sein Gönner hieß Alex Bleach, Typ Gainsbourg für Junge. Bandkumpel von früher, der dann richtig Erfolg einfuhr – bevor er sich in einer lausigen Hotelzimmerbadewanne das Leben nahm.

Vernon Subutex – den Vornamen hat die Autorin beim Schriftsteller Boris Vian, den Nachnamen bei einem Schmerzmittel für Junkies entlehnt – hinterließ Bleach im Drogenrausch immerhin ein Vermächtnis: die Aufzeichnung seiner Lebensbeichte.

Manch einer in Paris, den das brennend interessiert. Aus welchen Motiven auch immer. Während Subutex’ Kraft dafür draufgeht, einen Platz zum Schlafen zu finden – wofür er via Facebook alte Szenegeschöpfe kontaktiert, die alle irgendwie gefallene Engel und Teufel aus der Musik-, Porno-, Drogen- oder Familienhölle sind –, starten Bleachs Erbschleicher bereits die Jagd auf die kostbaren Kassetten in seinem Besitz . . .

Die Schrifstellerin Virginie Despentes, Jahrgang 1969, ist selbst ein gebranntes Kind. Wie ihre Protagonisten geprägt von der Ära Kurt Cobain, Zeugin einer Zeit, in der „Musikhören noch etwas Sinnstiftendes war“, probierte sie es im richtigen Leben erst als Plattenverkäuferin. Brauchte dann Geld und verkaufte ihren Körper. Sie weiß, wovon sie schreibt, wenn im Roman Porneusen wie Pamela oder Votka Satana aufkreuzen.

Despentes entwirft sie mit anrührender Empathie. Überdies wäre es wohl leicht gewesen, auch die anderen Exzentriker, Täter und Opfer aus Subutex’ Kosmos zu karikieren. Den rechtslastigen Drehbuchautor. Die fett gewordene Ex-Gitarristin. Die verlassene Wohlstandsgattin. Oder Marcia, die transsexuelle Brasilianerin, die früher ein Junge war.

Despentes wählt einen respektablen Weg der Worte. Ihre Sprache ist energisch und klar. Der Roman kommt Tauchgängen in Gehirnströme von Menschen gleich, die sich irgendwie irgendwo wiedergefunden haben. Wütend. Sehnsuchtsvoll. Schicksalsergeben. Eine der soghaftesten Sequenzen dieses Buchs schildert die Euphorie einer Partynacht auf Drogen. Subutex hat als DJ einen letzten, ungeahnten Höhenflug.

Dass sie schreiben kann, hat die Autorin schon bewiesen, ihr Debüt „Baise moi – Fick mich“ hat sie selbst erfolgreich verfilmt. In „Apocalypse Baby“ brachte sie 2010 ihre Vergewaltigung als junge Frau zu Papier.

Subutex hat halbherzigen Sex mit Gefährtinnen, die ihm Obdach geben. Eine Frau, die sich Hyäne nennt, hat sich auf das Zerstören von Karrieren im Internet spezialisiert. Auch sie nimmt Witterung auf. Es gibt Berührungspunkte zwischen den Protagonisten. Schmerzhafte. Die Tochter trägt Kopftuch, seit sie die Pornovergangenheit der Mutter erfuhr. Ein H&M-Verkäufer, hasserfüllt bis in die rasierten Haarwurzeln, geht auf Obdachlose los. Solche wie Olga. Die – Körpergröße XXL – Subutex mit Bettlertricks aushilft, als dieser schon „besoffen“ ist vom „Vorbeimarsch der Ärsche“ auf seinem Stück Gehweg. Die Kälte ertragen: ein Vollzeitjob.

Noch eine Frage: Was wäre von Patrice, dem Gewalttätigen, dessen Familie weg ist, noch übrig in der sozialen Schicht „der Fußabtreter, der Pissbecken“ – ohne die Wut? Wenigstens seine Faust hat „die Wucht einer gottverdammten Vollzeitstelle“. Dass Patrice Rocker wie Subutex beneidet, „die es schaffen, direkt bei der Senilität zu landen, ohne über das Feld des Erwachsenseins zu gehen“, gesteht er sich ein.

Aber was weiß er? Was wissen wir? Despentes vermittelt eine packende Ahnung.

Christian Mückl

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro.

Mit 60 Jahren wird Nick Cave zum Comic-Helden

Dass Reinhard Kleist ein Faible für die düsteren Gestalten der Musikwelt pflegt, ließ schon seine liebevolle Comic-Hommage an Country-Ikone Johnny Cash erahnen. Nun hat sich der mehrfach preisgekrönte Zeichner aus Berlin mit Nick Cave einen anderen „Man in Black“ vorgenommen. Der Frontmann der Bad Seeds, der soeben 60 Jahre wurde, gilt als ähnlich schillernde, komplexe und spätestens seit dem tragischen Unfalltod seines Sohnes von inneren Dämonen geplagte Persönlichkeit.

Nick Cave, das Kunstwerk. (FOTO: Reinhard Kleist, Buch-Illustration aus Nick Cave And The Bad Seeds, Carlsen Verlag)

Die 328 Seiten starke Graphic Novel „Mercy On Me“ (Carlsen Verlag, 24,99 Euro) funktioniert denn auch nicht als klassische Biografie mit streng chronologischer Erzählstruktur. Sie ist vielmehr der virtuose, phasenweise surrealistische und mit viel künstlerischer Freiheit angereicherte Versuch der Annäherung an einen Menschen, der schon zu Lebzeiten an der Schwelle zum Mythos steht.

Zwar schildert Kleist in expressiven, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern den Aufstieg eines grüblerischen Teenagers aus dem australischen Warracknabeal zum weltweit gefeierten Rockstar; die markanten Ereignisse und Wendepunkte in Caves Karriere dienen dabei aber allenfalls als grobe Klammer. Detailverliebt erzählt Kleist von Caves erster Band The Boys Next Door, aus der die legendären The Birthday Party erwuchsen, lässt die drogengetrübten, manischen Punkjahre in Berlin und London Revue passieren und erinnert an illustre Weggefährten wie Mick Harvey, Anita Lane, Lydia Lunch, Blixa Bargeld, PJ Harvey oder Kylie Minogue.

Dazwischen webt der 47-Jährige aber immer wieder furios illustrierte Songtexte ein oder lässt Cave in Visionen auf die gepeinigten (und am Ende meist toten) Figuren seiner eigenen morbiden Lieder und Romane treffen: etwa die adrette Wasserleiche Elisa Day („Where The Wild Roses Grow“), den unschuldigen Delinquenten auf dem elektrischen Stuhl („The Mercy Seat“) oder den sterbenden Ausreißer aus dem „Hammer Song“.

Und spätestens wenn auf dem Weg nach Genf noch Blues-Pionier Robert Johnson in Caves Auto steigt und die Fahrt mit einem großen Knall im Teilchenbeschleuniger endet, sind auch die letzten Grenzen zwischen Fakt und Fiktion pulverisiert. So gerät „Mercy On Me“ zu einem faszinierenden und bisweilen bizarren Panoptikum, das Leser, die mit Caves Schaffen nur wenig vertraut sind, allerdings etwas überfordern könnte.

Als ideale Ergänzung dient das im LP-Format gehaltene, prachtvolle Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ (Carlsen, 24,99 Euro), in dem Kleist weitere Porträts, Skizzen und Comicstrips aus dem Cave-Kosmos versammelt.

Uli Digmayer

Ganz anders: Jami Attenbergs „Ehemänner“

Manche Sätze wirken wie das Schrillen eines Weckers am frühen Morgen. Dieser zum Beispiel: „Ich warte auf den Tod meines Mannes, sechs Jahre schon.“

Jami Attenberg (Foto: Zack Smith)

So beginnt der neue Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg. Doch keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Abhandlung über einen Beziehungskrieg. Ganz im Gegenteil. Es geht vor allem um Liebe, Trauer, Verlust und Neubeginn.

Jarvis Miller ist ein sensibles Wesen. Seit ihr Mann Martin im Koma liegt, hat sie aus Kummer und Verzweiflung aufgehört, am Leben teilzunehmen. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis ihr Mann wieder aufwacht und einfach der alte ist. Aber das wird er niemals wieder sein.

Martin und Jarvis sind in New York zu Hause, er ist ein viel beachteter Künstler, sie die Frau an seiner Seite, die ihn anhimmelt und deren Schutzbedürftigkeit seinem Ego gut tut. Die beiden sind jung, glücklich und auf Partys immer gerne gesehen.

Eines Tages stürzt Martin bei der Arbeit – er ist Künstler – von einer Leiter, verletzt sich schwer am Kopf und taucht ins Nirgendwo ab. Betreut wird er von nun an in einem Heim, seine Frau besucht ihn regelmäßig. Bis sie nicht mehr kann. Jarvis wird mehr und mehr bewusst, dass sie in einem Totenreich lebt, aus dem sie ausbrechen muss. Dabei helfen ihr Begegnungen in einem Waschsalon – mit anderen Ehemännern.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jami Attenberg, Jahrgang 1971, ist eine Spezialistin für Menschen, die unsanft aus ihrem Alltag gerissen werden. In ihrem neuen Roman lässt sie nicht nur Jarvis’ Welt aus den Fugen geraten. Alle, mit denen die junge Frau zu tun hat, werden am Ende der Geschichte nicht mehr die selben sein . . .

Jarvis selbst steht schließlich vor der wohl wichtigsten Entscheidung ihres Lebens – und sie trifft die richtige.

Gabi Eisenack

Jami Attenberg: Ehemänner. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Schöffling & Co, 328 Seiten, 24 Euro.