Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Stark: David Mitchell durchmisst die Welt

David Mitchell, weltberühmt seit seinem Erfolg „Wolkenatlas“, ist ein Erzähler, der die vielen bunten Fäden, aus denen sich seine Geschichten entwickeln, immer fest in der Hand behält. Seine Fantasie mag von einem heißen Sommer 1984 an der Themse über einen mörderischen Kampf in einem mystischen Kloster auf dem Schweizer Sidelhorn bis zum Ende der Zivilisation 2043 reichen. Die Erzählerfiguren, die er sich ausgedacht hat, mögen ein globetrottender Schriftsteller, ein von zu Hause ausgerissener Teenager oder ein unsterblicher Körperwanderer sein.

NZ-Mitchell Alles in Mitchells Werk ist raffiniert gesponnen und miteinander verwoben. Und das über die einzelnen Bücher hinweg: In den sechs Teilen seines sechsten Romans „Die Knochenuhren“ treffen wir auf alte Bekannte aus seinen früheren Geschichten, Hugo Lamb aus „Der dreizehnte Monat“, die Naturwissenschaftlerin Mo Muntervary aus „Chaos“ oder verschiedene Figuren aus „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Diesmal ist eine Frau der rote Faden durch Raum und Zeit. Die junge Holly Sykes ist nach einem Streit mit ihrer Mutter abgehauen. Am Ufer der Themse begegnet sie einer einsamen ältlichen Anglerin, die sie um Schutz und Hilfe bittet. Noch ahnt Holly nicht, dass diese Begegnung kein Zufall und sie schon lange Teil eines erbitterten Krieges zwischen verschiedenen Fraktionen von Unsterblichen ist. Nebensächliche Details dieses Sommers werden sich Jahrzehnte später als lebenswichtige Lektionen und Hinweise erweisen.

Schon allein die Art und Weise, wie der britische Autor Realismus und sehr konkrete Gesellschaftskritik mit Fantasy, Horror und dystopischer Science-Fiction konfrontiert, wie er seine Geschichte mit jedem neuen Teil scheinbar neu beginnt und doch weitererzählt, das ist wirklich atemberaubend. Dazu kommen Figuren, die die Leser ebenso irritieren, wie überraschend berühren.

Der Kriegsberichterstatter, der sich zwischen Beruf(ung) und Frau und Kind entscheiden soll. Die alte Frau, die im Angesicht eines Rückfalls der Welt ins Mittelalter die ihr liebsten Menschen aufgeben muss. Der moralisch verworfene Cambridge-Absolvent, der während der Weihnachtsferien gleich zwei Angebote erhält, die sein Leben verändern könnten.

Die Entscheidungen, die in den „Knochenuhren“ getroffen werden, sind alle menschlich und übermenschlich zugleich – und Teil eines großen Plans oder „Skripts“, das sich erst allmählich enthüllt. Sensible Geschichten um Liebe und Freundschaft, Schuld und Vergebung stehen neben Horrormomenten, als hätte Stephen King sich kurz eingeschlichen, oder Beschreibungen von physischer und psychischer Gewalt, die das Weiterlesen schwer machen.

Aber weiterlesen muss man. Dieser Roman ist ein „Reißer“, dessen 816 Seiten buchstäblich Welten durchmessen. Und mehr soll hier gar nicht verraten werden!

Andreas Frane

David Mitchell: Die Knochenuhren. Deutsch von Volker Oldenburg. Rowohlt, 816 Seiten, 24,95 Euro.