Joshua Groß und sein Roman „Flexen in Miami“

Ein paar gute Jahre lang hat Joshua Groß in Nürnberg geschrieben und gelebt. 2018 las er beim renommierten Bachmann-Preis. Jetzt setzt der Berliner Verlag Matthes & Seitz auf ihn: „Flexen in Miami“ heißt sein neuer Roman.

Joshua Groß beim Erlanger Poetenfest 2016 (Foto: Ralf Rödel)

Die Welt war schon immer fantastisch am Interessantesten in den Büchern von Joshua Groß. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn er in seiner „Novelle aus dem Spätkapitalismus“ namens „Magische Rosinen“ die Politikerin Sahra Wagenknecht von einem Rapper Mascarpone „entwaffnen“ ließ?

Bereits die Titel seiner Romane waren Ausgeburten an guter Fantasie. Mit dem Debüt „Trost von Telefonzellen“ fing das 2013 im Fürther Nischenkunst-Verlag Starfruit an. Im nach Österreich an den Grundlsee verlagerten Spaghetti-Western „Faunenschnitt“ setzte Groß einen Erzählstil fort, in dem Roberto Bolaño anklang, aber auch Philipp K. Dick.

Einen Sound, der dann auch in die Erzählung „FLAUSCHkontraste“ (2017) einging, in der von einem Aufzugrennen im Sheraton ebenso die Rede war wie von einer erotisch angehauchten Straßenbekanntschaft im Stadtteil St. Johannis. Wobei sich der junge Held dann bezeichnenderweise lieber in ein Computerspiel flüchtete, statt mit der „Einhornfrau“ Sex zu haben.

Wenigstens in dieser Hinsicht ist die Hauptfigur in Groß’ neuem Buch breiter aufgestellt, der er als Autor frivol sein Alter Ego andichtet. Ungewollt wird die Quallenforscherin Claire von ihm schwanger. Dass eine Zeit lang auch sein Lieblingsrapper Jellyfish P als Vater in Frage kommt, nährt die Spannung. Falls es denn in diesem Buch überhaupt eine gibt.

Denn aufregend ist wenig im Leben des Traumtänzers, den wir als Kiffer und Müßiggänger, Cyber-Junkie und Rap-Fan, Literatur-Stipendiaten in Miami kennen lernen und den Drohnen mit Essen und Geld versorgen: „Ich verbrachte viel Zeit mit Twittern, meinen Marihuanavorräten und halbesoterischen Büchern. Ich lebte genau genommen das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte“.

Die Entdeckung der Langsamkeit haben andere eindringlich beschrieben. Groß gelingt das nicht. Überhaupt frisst sich im Erzählen des 1989 in Grünsberg bei Altdorf geboren Autors eine Schlendriansprache ein, die auf Dauer nervt: Das Handy ist ausschließlich ein „Phone“. Anstelle zu gehen oder zu verschwinden wird „geschlurcht“. Und selbst einer Großmutter jubelt Groß noch ein Wort wie „Lifestyle“ unter. Wie „wavig“ ist das denn?

Schon kapiert: Wer zu Groß greift, sucht nicht Grass. Und mit den Requisiten von Roadmovie bis Science-Fiction kennt der inzwischen in Braunschweig lebende Schriftsteller sich durchaus aus. Ein sprechender Kühlschrank etwa meint es mit dem laschen Helden in Miami nur gut, wenn er sagt: „Ich bin froh, dass du endlich zurück bist, Joshua. Ich habe mir schon Sorgen um dich und die Nahrungsmittel gemacht, die ich für dich besorgt habe.“

Sein literarisches Spiel mit den Reizen von Sci-Fi und Horror, Virtualität und auch Noir läuft Groß aber spätestens dann aus dem Ruder, wenn er ausufernd über ein Computerspiel schreibt: „Die Spams führten obszöne Tänze in Cloud Control auf, sie vergewaltigten und folterten die Avatare; sie schlitzten ihnen lachend die Kehlen auf, das Blut tropfte verpixelt und monochrom und glitzernd aus offenen Hälsen. Aber die Spams passten gleichzeitig auf, dass die Avatare nicht starben, sie gaben ihnen sogar Algenkompott, damit sich die Energiebalken wieder auffüllten, um sie von Neuem foltern zu können.“

In der Sprache der „Gamer“ gesprochen: Mit solchen Sequenzen hat der Autor sein Buch leider verzockt.

Christian Mückl

Joshua Groß: Flexen in Miami. Matthes & Seitz, 199 Seiten, 14,99 Euro.

Mit 60 Jahren wird Nick Cave zum Comic-Helden

Dass Reinhard Kleist ein Faible für die düsteren Gestalten der Musikwelt pflegt, ließ schon seine liebevolle Comic-Hommage an Country-Ikone Johnny Cash erahnen. Nun hat sich der mehrfach preisgekrönte Zeichner aus Berlin mit Nick Cave einen anderen „Man in Black“ vorgenommen. Der Frontmann der Bad Seeds, der soeben 60 Jahre wurde, gilt als ähnlich schillernde, komplexe und spätestens seit dem tragischen Unfalltod seines Sohnes von inneren Dämonen geplagte Persönlichkeit.

Nick Cave, das Kunstwerk. (FOTO: Reinhard Kleist, Buch-Illustration aus Nick Cave And The Bad Seeds, Carlsen Verlag)

Die 328 Seiten starke Graphic Novel „Mercy On Me“ (Carlsen Verlag, 24,99 Euro) funktioniert denn auch nicht als klassische Biografie mit streng chronologischer Erzählstruktur. Sie ist vielmehr der virtuose, phasenweise surrealistische und mit viel künstlerischer Freiheit angereicherte Versuch der Annäherung an einen Menschen, der schon zu Lebzeiten an der Schwelle zum Mythos steht.

Zwar schildert Kleist in expressiven, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern den Aufstieg eines grüblerischen Teenagers aus dem australischen Warracknabeal zum weltweit gefeierten Rockstar; die markanten Ereignisse und Wendepunkte in Caves Karriere dienen dabei aber allenfalls als grobe Klammer. Detailverliebt erzählt Kleist von Caves erster Band The Boys Next Door, aus der die legendären The Birthday Party erwuchsen, lässt die drogengetrübten, manischen Punkjahre in Berlin und London Revue passieren und erinnert an illustre Weggefährten wie Mick Harvey, Anita Lane, Lydia Lunch, Blixa Bargeld, PJ Harvey oder Kylie Minogue.

Dazwischen webt der 47-Jährige aber immer wieder furios illustrierte Songtexte ein oder lässt Cave in Visionen auf die gepeinigten (und am Ende meist toten) Figuren seiner eigenen morbiden Lieder und Romane treffen: etwa die adrette Wasserleiche Elisa Day („Where The Wild Roses Grow“), den unschuldigen Delinquenten auf dem elektrischen Stuhl („The Mercy Seat“) oder den sterbenden Ausreißer aus dem „Hammer Song“.

Und spätestens wenn auf dem Weg nach Genf noch Blues-Pionier Robert Johnson in Caves Auto steigt und die Fahrt mit einem großen Knall im Teilchenbeschleuniger endet, sind auch die letzten Grenzen zwischen Fakt und Fiktion pulverisiert. So gerät „Mercy On Me“ zu einem faszinierenden und bisweilen bizarren Panoptikum, das Leser, die mit Caves Schaffen nur wenig vertraut sind, allerdings etwas überfordern könnte.

Als ideale Ergänzung dient das im LP-Format gehaltene, prachtvolle Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ (Carlsen, 24,99 Euro), in dem Kleist weitere Porträts, Skizzen und Comicstrips aus dem Cave-Kosmos versammelt.

Uli Digmayer

Im Labyrinth des Carlos Ruiz Zafon

Seit seinem Megabestseller „Der Schatten des Windes“ gehört Carlos Ruiz Zafón hierzulande zu den bekanntesten spanischen Autoren, der schon mehrfach die Bestsellerlisten gestürmt hat. Mit „Das Labyrinth der Lichter“ hat Zafón nun den vierten und letzten Band des Zyklus „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ geschrieben, der den Leser wieder in das romantisch-düstere Barcelona der Franco-Zeit entführt und den Zafón-Liebhaber in den Bann schlägt.

Zwingenderweise muss man aber nicht die vorherigen drei Bücher gelesen haben, denn durch Rückblicke und Erläuterungen werden dem Leser die früheren Geschehnisse geschickt nahe gebracht. Allerdings ist die Freude an der Lektüre für den Kenner sicher größer, denn verschiedene Handlungsstränge werden weiter geknüpft.

Wer Zafóns Tetralogie liest, sieht keinen blauen Mittelmeerhimmel, sondern evoziert eine in Sepia getauchte Stadt, in der große Häuser oft wie gestrandete Schiffe oder Kathedralen aussehen, Brunnen ausgetrocknet und Fassaden schwarz verwittert sind. „Das Labyrinth der Lichter“ präsentiert sich als eine Mischung aus Krimi, melancholische Gothic Novel und Drama.

War es im ersten Band die Suche nach dem mysteriösen Kultautor Julián Carax, so geht es dieses Mal um Francos Nationalen Bildungsminister, der verschwunden ist. Eine Suche, die bis in die Folterkeller der Diktatur führt. Diesmal ist es nicht Daniel Sempere, sondern eine neue Hauptfigur namens Alicia Gris, die die Ermittlungen aufnimmt. Allerdings begegnet man in dem Buch auch vielen alten Bekannten, so der Buchhändlerfamilie Sempere oder dem geschwätzigen Fermín.

Alicia Gris, eine an Körper und Seele verletzte Femme Fatale – sie hat den Bürgerkrieg als Waisenmädchen überlebt – forscht nach dem Verschwundenen, wobei auch wieder die Welt der Bücher eine tragende Rolle spielt. Zafón führt den Leser durch sein Handlungslabyrinth, wobei es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. Allerdings gibt es auch ein paar langatmige Passagen, so dass es angesichts der fast tausend Seiten stellenweise schwer fällt, dem Inhalt zu folgen. Nichtsdestotrotz ist das an Dialogen reiche Buch eine empfehlenswerte Lektüre für lange Sommerabende.

Ralf Nestmeyer

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter
. Roman. S. Fischer, 944 S., 25 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Stark: David Mitchell durchmisst die Welt

David Mitchell, weltberühmt seit seinem Erfolg „Wolkenatlas“, ist ein Erzähler, der die vielen bunten Fäden, aus denen sich seine Geschichten entwickeln, immer fest in der Hand behält. Seine Fantasie mag von einem heißen Sommer 1984 an der Themse über einen mörderischen Kampf in einem mystischen Kloster auf dem Schweizer Sidelhorn bis zum Ende der Zivilisation 2043 reichen. Die Erzählerfiguren, die er sich ausgedacht hat, mögen ein globetrottender Schriftsteller, ein von zu Hause ausgerissener Teenager oder ein unsterblicher Körperwanderer sein.

NZ-Mitchell Alles in Mitchells Werk ist raffiniert gesponnen und miteinander verwoben. Und das über die einzelnen Bücher hinweg: In den sechs Teilen seines sechsten Romans „Die Knochenuhren“ treffen wir auf alte Bekannte aus seinen früheren Geschichten, Hugo Lamb aus „Der dreizehnte Monat“, die Naturwissenschaftlerin Mo Muntervary aus „Chaos“ oder verschiedene Figuren aus „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Diesmal ist eine Frau der rote Faden durch Raum und Zeit. Die junge Holly Sykes ist nach einem Streit mit ihrer Mutter abgehauen. Am Ufer der Themse begegnet sie einer einsamen ältlichen Anglerin, die sie um Schutz und Hilfe bittet. Noch ahnt Holly nicht, dass diese Begegnung kein Zufall und sie schon lange Teil eines erbitterten Krieges zwischen verschiedenen Fraktionen von Unsterblichen ist. Nebensächliche Details dieses Sommers werden sich Jahrzehnte später als lebenswichtige Lektionen und Hinweise erweisen.

Schon allein die Art und Weise, wie der britische Autor Realismus und sehr konkrete Gesellschaftskritik mit Fantasy, Horror und dystopischer Science-Fiction konfrontiert, wie er seine Geschichte mit jedem neuen Teil scheinbar neu beginnt und doch weitererzählt, das ist wirklich atemberaubend. Dazu kommen Figuren, die die Leser ebenso irritieren, wie überraschend berühren.

Der Kriegsberichterstatter, der sich zwischen Beruf(ung) und Frau und Kind entscheiden soll. Die alte Frau, die im Angesicht eines Rückfalls der Welt ins Mittelalter die ihr liebsten Menschen aufgeben muss. Der moralisch verworfene Cambridge-Absolvent, der während der Weihnachtsferien gleich zwei Angebote erhält, die sein Leben verändern könnten.

Die Entscheidungen, die in den „Knochenuhren“ getroffen werden, sind alle menschlich und übermenschlich zugleich – und Teil eines großen Plans oder „Skripts“, das sich erst allmählich enthüllt. Sensible Geschichten um Liebe und Freundschaft, Schuld und Vergebung stehen neben Horrormomenten, als hätte Stephen King sich kurz eingeschlichen, oder Beschreibungen von physischer und psychischer Gewalt, die das Weiterlesen schwer machen.

Aber weiterlesen muss man. Dieser Roman ist ein „Reißer“, dessen 816 Seiten buchstäblich Welten durchmessen. Und mehr soll hier gar nicht verraten werden!

Andreas Frane

David Mitchell: Die Knochenuhren. Deutsch von Volker Oldenburg. Rowohlt, 816 Seiten, 24,95 Euro.