Giacomettis Gegengattin: „Caroline“

Sie war das Gegenteil seiner sittsamen Ehefrau, „Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell“.
Für einen lesenswerten Essay folgte der französische Romancier Franck Maubert der Spur der Muse in ihr heutiges Leben.

An Caroline arbeitet sich der Künstler vier Jahre lang ab – über das bildnerische Werk weit hinaus. Die Geliebte, die dem Bildhauer, Maler und Zeichner zwischen 1961 und 1965 häufig Modell stand und dann mit ihm durch das Nachtleben von Montparnasse zog, ging in die Kunstgeschichte ein. 20 gemalte Porträts, zahlreiche Zeichnungen, Grafiken sowie eine Bronzebüste blieben erhalten. Was wurde aus ihr?

Franck Maubert hat Giacomettis junge Herzensdame von damals, die öffentlich stets nur Vorname blieb und nie einen Hehl aus ihren bezahlbaren Diensten gemacht hat, in unseren Tagen aufgesucht. Gefunden hat er
sie in Nizza, in einer winzigen, staubigen Wohnung. Vom Leben erschöpft und gedanklich nicht immer bei der Sache. Maubert hört ihr zu und gewinnt das Vertrauen der Frau, die dem Künstler von Weltrang so wichtig war, dass er ihr zuliebe sogar die nähere Bekanntschaft mit Marlene Dietrich ausschlug.

Alberto Giacometti und Caroline Tamagno im Gespräch in der Bar »Chez Adrien« in Paris, 1959 (Foto: Sammlung Jacques Polge, Verlag)

Mauberts literarisch ambitionierte Recherche ist ein einfühlsames, auch sehr persönlich geratenes Buch über die verzwickte wie verrückte Beziehung zwischen der jungen Hübschen und dem 40 Jahre älteren Bohémien. Außerdem lassen sich seine Zeilen als atmosphärisch starke Studie des Nachtlebens der 60er Jahre lesen. Da ist das Licht in den Gassen, den Bars, den Etablissements. Orte werden durchstreift, die dem Paar zwischen Verzweiflung und Glück zur flüchtigen Heimat wurden.

Giacometti, geboren im Bergell, lebte ab den frühen 20er Jahren in Paris. Faltendurchfurcht, Kette rauchend, die Kleider kaum gipsspurenfrei, war er so etwas wie ein wandelndes Maskottchen der Existenzialisten. Er schuf ihnen ihre Kunst. Dem Material abgetrotzte Geschöpfe, fragil hineingestellt in den freien Raum. „Erst spät begreift sie“, schreibt Maubert über Caroline, „dass Alberto nicht wirklich eine Person zeichnet, sondern vielmehr das, was er sieht.“

Der Künstler und die Kokette: ein Gegensatzpaar. So nahe wie Caroline kamen ihm in Paris nur der Bruder Diego und Annette, die er jung geheiratet hatte. Wobei sie die Stube nicht verließ und ein paar Treppenstufen über dem Atelier verharrte, war die „andere“ da.

Dass der Bildhauer wie besessen war von Prostituierten, ist kein Geheimnis. Aber mit welcher Zärtlichkeit Maubert von der Sehnsucht des Getriebenen erzählt, ist wohlformuliert. Und durchaus intim. Einmal gesteht der Autor dem Leser, früher ähnlich rastlos durch die Straßen gestreift zu sein – um nach dem Besuch der Frauen, also „20 Minuten später wieder hinunterzugehen, den Kopf voll vom Gefühl des Scheiterns, der Zerrüttung und noch stärkerer Einsamkeit, selbst wenn das Mädchen mich ,Mein Prinz‘ genannt hatte“.

Giacometti hatte an Caroline einen Narren gefressen. Er nahm Plünderungen durch ihre Zuhälter in Kauf, gab ihr Geld für einen roten Sportwagen. Manchmal wartete er Wochen an den vertrauten Tresen und in Etablissements auf sie. Als die Gefährtin ihm erzählt, mal eben einen greisen Freier geheiratet zu haben, bewahrt er die Ruhe. Will sie weiterhin. Dabei sind es andere Kreise, in denen er verkehrt. Ein für das junge Ding kaum zu begreifendes Ereignis spielt sich in London ab, wo Caroline mit ihm auf Francis Bacon trifft.

Mauberts Besuch bei Caroline in Nizza ist nicht frei von Beklemmungen. Allzu Persönliches will er für seinen Essay gar nicht erfahren. Die Begegnung mit der Geläuterten verläuft zwischen Faszination und Irritation für ihn. Er verhehlt es nicht.

„Alberto hat auf das Geld gepfiffen. Er schenkte mir alles, was ich wollte“, verrät ihm die Gespielin des Künstlers etwa. So dass Maubert nachhakt: „Und Sie!“ Um ein Lachen zu ernten. Dann ein Husten: „Oh, ich . . . Das ist etwas anderes.“

Es sollte tatsächlich Caroline und nicht Annette im Kantonsspital von Chur vorbehalten sein, den oft so Unnahbaren in seiner Todesstunde noch einmal zu berühren.

Neben Carolines Bett in Nizza sah Maubert ein zerknittertes Schwarz-WeißBild des Künstlers stehen. Nur das Foto und die Erinnerungen blieben ihr von seiner Liebe. Keine Kunst.

Christian Mückl

Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell. Piet Meyer Verlag, 112 S, 16 Euro.

Frankreich von unten: Virginie Despentes

Wie sexy ist der Absturz? Die Französin Virginie Despentes, als Romanautorin eine Art weibliche Ausgabe von Michel Houellebecq, folgt in „Das Leben des Vernon Subutex“ einem gescheiterten Plattenverkäufer beim Couchsurfing durch die französische Gesellschaft.

Virginie Despentes (Foto: Hidalgo,dpa)

Bist du über 40, heißt es im Buch, gleicht die Welt einer bombardierten Stadt. Paris duldet dich nur noch als Eigentümerkind. Wenige Orte, wo du im Warmen sein kannst, ohne zu zahlen.
Vernon Subutex steht vor den Trümmern seiner Existenz. „Er hatte seinen Platz, den des Plattenverkäufers. Weniger angesehen, als der des Gitarristen, aber in der Hierarchie immer noch über der des letzten Deppen. Er brach Mädchenherzen.“ Doch der Niedergang der Musikindustrie riss ihn mit.

Und jetzt? Ist der, der zuletzt seine Miete bezahlte, tot. Sein Gönner hieß Alex Bleach, Typ Gainsbourg für Junge. Bandkumpel von früher, der dann richtig Erfolg einfuhr – bevor er sich in einer lausigen Hotelzimmerbadewanne das Leben nahm.

Vernon Subutex – den Vornamen hat die Autorin beim Schriftsteller Boris Vian, den Nachnamen bei einem Schmerzmittel für Junkies entlehnt – hinterließ Bleach im Drogenrausch immerhin ein Vermächtnis: die Aufzeichnung seiner Lebensbeichte.

Manch einer in Paris, den das brennend interessiert. Aus welchen Motiven auch immer. Während Subutex’ Kraft dafür draufgeht, einen Platz zum Schlafen zu finden – wofür er via Facebook alte Szenegeschöpfe kontaktiert, die alle irgendwie gefallene Engel und Teufel aus der Musik-, Porno-, Drogen- oder Familienhölle sind –, starten Bleachs Erbschleicher bereits die Jagd auf die kostbaren Kassetten in seinem Besitz . . .

Die Schrifstellerin Virginie Despentes, Jahrgang 1969, ist selbst ein gebranntes Kind. Wie ihre Protagonisten geprägt von der Ära Kurt Cobain, Zeugin einer Zeit, in der „Musikhören noch etwas Sinnstiftendes war“, probierte sie es im richtigen Leben erst als Plattenverkäuferin. Brauchte dann Geld und verkaufte ihren Körper. Sie weiß, wovon sie schreibt, wenn im Roman Porneusen wie Pamela oder Votka Satana aufkreuzen.

Despentes entwirft sie mit anrührender Empathie. Überdies wäre es wohl leicht gewesen, auch die anderen Exzentriker, Täter und Opfer aus Subutex’ Kosmos zu karikieren. Den rechtslastigen Drehbuchautor. Die fett gewordene Ex-Gitarristin. Die verlassene Wohlstandsgattin. Oder Marcia, die transsexuelle Brasilianerin, die früher ein Junge war.

Despentes wählt einen respektablen Weg der Worte. Ihre Sprache ist energisch und klar. Der Roman kommt Tauchgängen in Gehirnströme von Menschen gleich, die sich irgendwie irgendwo wiedergefunden haben. Wütend. Sehnsuchtsvoll. Schicksalsergeben. Eine der soghaftesten Sequenzen dieses Buchs schildert die Euphorie einer Partynacht auf Drogen. Subutex hat als DJ einen letzten, ungeahnten Höhenflug.

Dass sie schreiben kann, hat die Autorin schon bewiesen, ihr Debüt „Baise moi – Fick mich“ hat sie selbst erfolgreich verfilmt. In „Apocalypse Baby“ brachte sie 2010 ihre Vergewaltigung als junge Frau zu Papier.

Subutex hat halbherzigen Sex mit Gefährtinnen, die ihm Obdach geben. Eine Frau, die sich Hyäne nennt, hat sich auf das Zerstören von Karrieren im Internet spezialisiert. Auch sie nimmt Witterung auf. Es gibt Berührungspunkte zwischen den Protagonisten. Schmerzhafte. Die Tochter trägt Kopftuch, seit sie die Pornovergangenheit der Mutter erfuhr. Ein H&M-Verkäufer, hasserfüllt bis in die rasierten Haarwurzeln, geht auf Obdachlose los. Solche wie Olga. Die – Körpergröße XXL – Subutex mit Bettlertricks aushilft, als dieser schon „besoffen“ ist vom „Vorbeimarsch der Ärsche“ auf seinem Stück Gehweg. Die Kälte ertragen: ein Vollzeitjob.

Noch eine Frage: Was wäre von Patrice, dem Gewalttätigen, dessen Familie weg ist, noch übrig in der sozialen Schicht „der Fußabtreter, der Pissbecken“ – ohne die Wut? Wenigstens seine Faust hat „die Wucht einer gottverdammten Vollzeitstelle“. Dass Patrice Rocker wie Subutex beneidet, „die es schaffen, direkt bei der Senilität zu landen, ohne über das Feld des Erwachsenseins zu gehen“, gesteht er sich ein.

Aber was weiß er? Was wissen wir? Despentes vermittelt eine packende Ahnung.

Christian Mückl

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“, das neue Buch des Bestsellerautors David Foenkinos, führt amüsant in die leicht erregbare französische Literaturszene – und ein bisschen Liebe gibt es am Ende natürlich auch.

Wo landen sie wohl, jene unzähligen, von Verlagen abgelehnten Manuskripte? Im bretonischen Finistère, tief im Westen Frankreichs, gibt es eine Bibliothek dafür – und eine junge Pariser Lektorin entdeckt dort unerwartet ein Meisterwerk. Der Autor ist offenbar Monsieur Henri Pick, der einstige
Pizzabäcker des Ortes; beharrt seine Witwe auch darauf, ihn niemals lesend oder nur mit einem Buch gesehen zu haben.

Hatte dieser Mann, der lediglich Einkaufslisten verfasste, ein geheimes Parallelleben geführt? Ein sich derart um die Entstehungsgeschichte rankendes Mysterium beflügelt jedenfalls den Erfolg des Romans. Stürzt Einzelne, viele, ganz Frankreich in den Romanrausch, ja in das Gefühl neuen Selbstbewusstseins und in die tiefe Sehnsucht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Ein ganzes Volk dürstet plötzlich nach Publikum!

Gleichermaßen verändert die Karriere des Romans das Leben seiner Leser, auch das seiner Entdeckerin, der jungen Lektorin. Neue Lieben entstehen, unerwartete Erfolge werden wahr, Paare gehen auseinander, was gewiss schien, gerät ins Wanken. Die bretonische Gemeinde wird von Pick-Wallfahrern überschwemmt – immer mehr Schicksale verweben sich um den Roman zu einem Netz aus Empfindungen, Träumen, Hoffnungen.

Für Literatur-Fans ist David Foenkinos „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ein Buch über Bücher, die Liebe zu ihnen und den Bibliotheken mit ihrem so unbeschreiblichen Flair. Der Bestsellerautor (der auch schon im Nürnberger Literaturhaus zu Gast war) gräbt mit seinem Text tief in der menschlichen Seele, um dort – auf so subtile wie humorvolle Weise – die vielfach schmerzhafte Sehnsucht nach Beachtung zu entlarven. Frei von einer gewissen Langatmigkeit, sogar Umständlichkeit ist Foenkinos verschachtelter Roman dennoch nicht.

Wer lieber lauscht als liest, findet in der Hörbuchfassung mit Schauspielstar Axel Milberg ein absolut wertiges, vermutlich sogar fesselnderes Pendant! Milberg schlüpft einfühlsam und gänzlich uneitel in die so unterschiedlichen Figuren und hüllt sie in einen Erzählduktus aus feiner, nie aufdringlicher Süffisanz und wohldurchdachtem Rhythmus.

Gegen Ende des Romans lässt Milberg verstärkt darstellerisches Temperament zu – es hätte dem Text schon früher gutgetan. Das eher zögerliche Anlaufen der Erzählung befördert Foenkinos auch mit einer üppigen Figurenansammlung nicht. Sie verwirrt den Lesedrang eher, als sie diesen Roman über einen vermeintlichen Betrug im eitlen Literaturbetrieb befeuert. Doch da Foenkinos seine Helden erzählen lässt, wechselt auch der Leser ständig die Sicht: ein nicht zu unterschätzender Kniff, um ein Tempo zu suggerieren, das der Text nicht hat.

Muss er auch nicht. Unterhaltsam ist das Buch über die Macht der Bücher und die Gefühle ihrer Erzeuger allemal. Böse? Ja, auch das! Und bis zum letzten Buchstaben – den Ausgang hatte man irgendwie geahnt – mit genussvoll-eitlem Augenzwinkern garniert.

Anabel Schaffer

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. DVA, 336 Seiten, 19,99 Euro.
Als Hörbuch im Hörverlag, 6 CDs. Vollständige Lesung von Axel Milberg.

Eine Entdeckung von Vincent Klink

Das Reden und Schreiben über Essen hat Konjunktur. Kein Tag ohne Kochsendungen im Fernsehen. Jeder Koch, der meint, sich wichtig nehmen zu müssen, verzapft ein eigenes Buch und glaubt, erst mit ihm fängt das richtige Kochen an. Die informationsfreien Wortblähungen über Esstrends verhindern auch nicht, dass Fertiggerichte auf dem Vormarsch sind. Sie nehmen uns aber die Zeit, selber zu kochen.

Vincent Klink, Patron des Restaurants „Wielandshöhe“ in Stuttgart, gehört zu den Sympathischen seiner Zunft. Er setzt auf eine Küche ohne Firlefanz, die durch sehr gute Grundzutaten und handwerkliches Kochen überzeugt. Legendär sind seine Textsammlungen und Essays über das Kochen. Da hat einer viel Substanz, etwas zu erzählen.

Im Rowohlt Verlag hat Klink jetzt die „Grundzüge des Gastronomischen Anstands von Grimod de la Reynière“ herausgebracht. Der französische Feinschmecker, Exzentriker und Vordenker einer „wohlüberlegten Nahrungsaufnahme“ lebte von 1758 bis 1837 und war bekannt für seine großen Gastmähler – die nur Eingeweihten zugänglich waren, weil nicht nur über die Maßen gegessen, sondern auch feinsinnig diskutiert wurde, vor allem natürlich über das Essen.

Er war aber auch berühmt für seine strengen Vorgaben, was den Umgang mit Nahrung und die Tischmanieren anbelangt. „Vor dem Gesetz und bei Tische müssen Alle gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Die Tafel macht uns alle gleich“, lautete eine der Maximen des Franzosen. Das hätte auch ein Wolfram Siebeck so formulieren können.

Grimod de la Reynière liebte es auch, bei seinen Gelagen auf den Tod anzuspielen. Mal wurde das Essen auf Särgen serviert, mal wurden die 14 Gänge von 200 an Friedhofsbedienstete erinnernde Diener serviert. Der Franzose brachte ein Vermögen mit Essen durch.

Warum sollte man aber heute noch de la Reynière lesen? Es ist einmal das kundige Vorwort Vincent Klinks, das einem ein kleines Fenster in eine längst vergangene Zeit aufmacht, und dass sich der Leser über Überraschendes freuen kann. Und es ist der Witz des Franzosen, der wie ein scharfes Tranchiermesser immer wieder aufblitzt. Auch haben seine Tipps, was etwa am besten zu Krebsen passt, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Da schreibt einer, der etwas von der Materie versteht, weil er das Essen liebt.

André Fischer

Grimod de la Reynière: Grundzüge des Gastronomischen Anstands, serviert von Vincent Klink
. Rowohlt, 255 Seiten, 19,95 Euro.

Adrien Boscs aufregendes Debüt: „Morgen früh in New York“

Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende: Édith Piaf, der „Spatz von Paris“ (1915 – 1963). Die Chansons der zierlichen französischen Sängerin handelten immer wieder von den Tragödien ihres Lebens. Eine davon war der Schicksalsschlag, durch den sie ihre große Liebe verlor: den in Algerien geborenen Boxweltmeister Marcel Cerdan. Der kam am 27. Oktober 1949 ums Leben, zusammen mit 47 weiteren Opfern bei einem Flugzeugabsturz, der bis heute nicht restlos aufgeklärt ist.

NZ-bosc Der Lockheed-Luxusliner „Constellation“ war unterwegs von Paris nach New York und sollte auf der Azoren-Insel Santa Maria zwischenlanden. Dort kam er aber niemals an – der Funkkontakt riss kurz vorher ab, und die Maschine zerschellte an einem Berg auf der Nachbarinsel.

Dieses Unglück war für die Presse ein gefundenes Fressen und sorgte tagelang für Schlagzeilen. Außer dem Boxchampion Cerdan, den seine Fans „le bombardier“ nannten, befanden sich nämlich noch andere Stars an Bord der Maschine, die seinerzeit als das Langstreckenflugzeug schlechthin galt.

Etwa die Geigerin Ginette Neveu, damals in etwa so prominent wie heute David Garrett, oder der Disney-Manager Kay Kamen. Sie wurden ebenso tot unter den Trümmern an der Absturzstelle geborgen wie die zahlreichen weniger berühmten Opfer.

In seinem vielversprechenden Debütroman spürt Adrien Bosc den durch den schrecklichen Unglücksfall miteinander verknüpften Schicksalen der Toten nach, stellt Zusammenhänge her, wo sie keiner vermutet hätte und setzt die Einzelgeschichten wie ein Puzzle zusammen. Das tut er mit journalistischer Gründlichkeit und geht dabei auch auf die unbekannten verunglückten Passagiere ein, deren Geschichten er akribisch recherchiert hat.

Der 1986 in Avignon geborene Autor hat schon mit 25 Jahren einen Verlag gegründet, in dem eine Literatur- und eine Sportzeitschrift erscheinen. Für seinen ersten Roman wurde er nun mit dem Grand Prix de l’Académie Française und dem Prix littéraire de la Vocation ausgezeichnet.

Aus dem Französischen übersetzt hat den Roman übrigens Olaf M. Roth, ehemaliger Pressesprecher am Staatstheater Nürnberg. Ihm ist es zu verdanken, dass auch die deutschen Leser den unglaublich präzisen Stil von Adrien Bosc voll und ganz genießen können.

Man darf also schon gespannt sein auf den nächsten Roman dieses jungen Autors!

Ute Wolf

Adrien Bosc: Morgen früh in New York. List, 224 Seiten, 18 Euro.