Endlich ein neuer Roman: Arundhati Roy

20 Jahre nach ihrem Debüt-Erfolg „Der Gott der kleinen Dinge“ ist der zweite Roman der indischen Autorin Arundhati Roy erschienen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist eine Geschichte voller Helden – und Antihelden.

Indiens bekannteste Autorin: Arundhati Roy (Foto: Chiara Goia)

Dieses Buch ist eine Herausforderung. Es verlangt Durchhaltevermögen, zerrt an den Nerven und verleitet dazu, es nach ein paar Seiten wieder wegzulegen. Das schier unendliche Gewirr an Schauplätzen, Ansammlungen von Menschen mit komplizierten Namen, Spitznamen und Titeln ist harter Stoff.

Doch es lohnt sich durchzuhalten. Arundhati Roy lässt ihren Lesern ab und zu dann doch genug Raum, um sich zu orientieren. Dann entsteht ein starkes, kaleidoskophaftes Bild von Indien und seinen schier endlos vielen Problemen. Nach und nach bekommen Roys Figuren Konturen, die Geschichte zieht sich an einem roten Faden entlang.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ heißt der Roman, rund 500 Seiten stark. Er nimmt seinen Anfang auf einem Friedhof in Delhi. Anjum hat dort für sich und viele andere Gestrandete ein Zuhause geschaffen. Am Ort der Toten finden die Lebenden Zuflucht und Zuneigung. Es ist eine seltsame kleine Gemeinde, die hier zusammenkommt und immer größer wird.

Helden und Antihelden gibt es in dem Buch viele. Doch Anjum bleibt der Mittelpunkt in diesem verwirrenden Kosmos aus Elend, Korruption, Treue und Fürsorge. Sie ist als Zwitterwesen geboren, ein Mensch, der in Indien als Hijra bezeichnet wird, „eine in einem männlichen Körper gefangene Frau“.
Anjums Eltern konsultierten einen Arzt, der fand, er habe da ein sehr seltenes Exemplar von einem Hermaphroditen vor sich. „Er empfahl einen Chirurgen, der das Mädchenteil versiegeln, zunähen, würde. Er könne auch Pillen verschreiben.“ Aber der Junge Aftab will eine Frau sein – und lebt als Anjum weiter.

20 Jahre ist es her, dass Arundhati Roys letztes Buch, „Der Gott der kleinen Dinge“, erschienen ist. Damals ist der indischen Schriftstellerin ein Welterfolg gelungen. Der Roman wurde in 30 Ländern veröffentlicht und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Danach hat sie sich lange Zeit auf politische Essays konzentriert, hat ihre Stimme erhoben gegen Ungerechtigkeit und die menschenfeindlichen Auswüchse des Kapitalismus.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ebenfalls ein politischer Roman, der die Probleme Indiens differenziert und gleichzeitig gnadenlos offenlegt. Die Geschichte ist voller Brüche, so wie das Land selbst auch. Mit Herzenswärme beschreibt Roy die Menschen, mit analytischer Gründlichkeit das Chaos, die Korruption und Gewalt, die ihr Heimatland nicht überwinden kann. Im Mittelpunkt steht der nicht enden wollende Konflikt um Kaschmir, dem kleinen Paradies, um das die beiden waffenstarrenden Atommächte Indien und Pakistan ein immerwährendes Machtpoker spielen.

Das Leben auf dem Friedhof in Delhi, wo jeder das Recht auf Selbstbestimmung hat, ist Roys Utopie für Kaschmir. Die Geschichte allerdings lehrt uns, dass der Mensch nicht unbedingt vernünftiger wird.

Gabi Eisenack


Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks
. S. Fischer, 560 Seiten, 24 Euro.

Giacomettis Gegengattin: „Caroline“

Sie war das Gegenteil seiner sittsamen Ehefrau, „Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell“.
Für einen lesenswerten Essay folgte der französische Romancier Franck Maubert der Spur der Muse in ihr heutiges Leben.

An Caroline arbeitet sich der Künstler vier Jahre lang ab – über das bildnerische Werk weit hinaus. Die Geliebte, die dem Bildhauer, Maler und Zeichner zwischen 1961 und 1965 häufig Modell stand und dann mit ihm durch das Nachtleben von Montparnasse zog, ging in die Kunstgeschichte ein. 20 gemalte Porträts, zahlreiche Zeichnungen, Grafiken sowie eine Bronzebüste blieben erhalten. Was wurde aus ihr?

Franck Maubert hat Giacomettis junge Herzensdame von damals, die öffentlich stets nur Vorname blieb und nie einen Hehl aus ihren bezahlbaren Diensten gemacht hat, in unseren Tagen aufgesucht. Gefunden hat er
sie in Nizza, in einer winzigen, staubigen Wohnung. Vom Leben erschöpft und gedanklich nicht immer bei der Sache. Maubert hört ihr zu und gewinnt das Vertrauen der Frau, die dem Künstler von Weltrang so wichtig war, dass er ihr zuliebe sogar die nähere Bekanntschaft mit Marlene Dietrich ausschlug.

Alberto Giacometti und Caroline Tamagno im Gespräch in der Bar »Chez Adrien« in Paris, 1959 (Foto: Sammlung Jacques Polge, Verlag)

Mauberts literarisch ambitionierte Recherche ist ein einfühlsames, auch sehr persönlich geratenes Buch über die verzwickte wie verrückte Beziehung zwischen der jungen Hübschen und dem 40 Jahre älteren Bohémien. Außerdem lassen sich seine Zeilen als atmosphärisch starke Studie des Nachtlebens der 60er Jahre lesen. Da ist das Licht in den Gassen, den Bars, den Etablissements. Orte werden durchstreift, die dem Paar zwischen Verzweiflung und Glück zur flüchtigen Heimat wurden.

Giacometti, geboren im Bergell, lebte ab den frühen 20er Jahren in Paris. Faltendurchfurcht, Kette rauchend, die Kleider kaum gipsspurenfrei, war er so etwas wie ein wandelndes Maskottchen der Existenzialisten. Er schuf ihnen ihre Kunst. Dem Material abgetrotzte Geschöpfe, fragil hineingestellt in den freien Raum. „Erst spät begreift sie“, schreibt Maubert über Caroline, „dass Alberto nicht wirklich eine Person zeichnet, sondern vielmehr das, was er sieht.“

Der Künstler und die Kokette: ein Gegensatzpaar. So nahe wie Caroline kamen ihm in Paris nur der Bruder Diego und Annette, die er jung geheiratet hatte. Wobei sie die Stube nicht verließ und ein paar Treppenstufen über dem Atelier verharrte, war die „andere“ da.

Dass der Bildhauer wie besessen war von Prostituierten, ist kein Geheimnis. Aber mit welcher Zärtlichkeit Maubert von der Sehnsucht des Getriebenen erzählt, ist wohlformuliert. Und durchaus intim. Einmal gesteht der Autor dem Leser, früher ähnlich rastlos durch die Straßen gestreift zu sein – um nach dem Besuch der Frauen, also „20 Minuten später wieder hinunterzugehen, den Kopf voll vom Gefühl des Scheiterns, der Zerrüttung und noch stärkerer Einsamkeit, selbst wenn das Mädchen mich ,Mein Prinz‘ genannt hatte“.

Giacometti hatte an Caroline einen Narren gefressen. Er nahm Plünderungen durch ihre Zuhälter in Kauf, gab ihr Geld für einen roten Sportwagen. Manchmal wartete er Wochen an den vertrauten Tresen und in Etablissements auf sie. Als die Gefährtin ihm erzählt, mal eben einen greisen Freier geheiratet zu haben, bewahrt er die Ruhe. Will sie weiterhin. Dabei sind es andere Kreise, in denen er verkehrt. Ein für das junge Ding kaum zu begreifendes Ereignis spielt sich in London ab, wo Caroline mit ihm auf Francis Bacon trifft.

Mauberts Besuch bei Caroline in Nizza ist nicht frei von Beklemmungen. Allzu Persönliches will er für seinen Essay gar nicht erfahren. Die Begegnung mit der Geläuterten verläuft zwischen Faszination und Irritation für ihn. Er verhehlt es nicht.

„Alberto hat auf das Geld gepfiffen. Er schenkte mir alles, was ich wollte“, verrät ihm die Gespielin des Künstlers etwa. So dass Maubert nachhakt: „Und Sie!“ Um ein Lachen zu ernten. Dann ein Husten: „Oh, ich . . . Das ist etwas anderes.“

Es sollte tatsächlich Caroline und nicht Annette im Kantonsspital von Chur vorbehalten sein, den oft so Unnahbaren in seiner Todesstunde noch einmal zu berühren.

Neben Carolines Bett in Nizza sah Maubert ein zerknittertes Schwarz-WeißBild des Künstlers stehen. Nur das Foto und die Erinnerungen blieben ihr von seiner Liebe. Keine Kunst.

Christian Mückl

Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell. Piet Meyer Verlag, 112 S, 16 Euro.

Frankreich von unten: Virginie Despentes

Wie sexy ist der Absturz? Die Französin Virginie Despentes, als Romanautorin eine Art weibliche Ausgabe von Michel Houellebecq, folgt in „Das Leben des Vernon Subutex“ einem gescheiterten Plattenverkäufer beim Couchsurfing durch die französische Gesellschaft.

Virginie Despentes (Foto: Hidalgo,dpa)

Bist du über 40, heißt es im Buch, gleicht die Welt einer bombardierten Stadt. Paris duldet dich nur noch als Eigentümerkind. Wenige Orte, wo du im Warmen sein kannst, ohne zu zahlen.
Vernon Subutex steht vor den Trümmern seiner Existenz. „Er hatte seinen Platz, den des Plattenverkäufers. Weniger angesehen, als der des Gitarristen, aber in der Hierarchie immer noch über der des letzten Deppen. Er brach Mädchenherzen.“ Doch der Niedergang der Musikindustrie riss ihn mit.

Und jetzt? Ist der, der zuletzt seine Miete bezahlte, tot. Sein Gönner hieß Alex Bleach, Typ Gainsbourg für Junge. Bandkumpel von früher, der dann richtig Erfolg einfuhr – bevor er sich in einer lausigen Hotelzimmerbadewanne das Leben nahm.

Vernon Subutex – den Vornamen hat die Autorin beim Schriftsteller Boris Vian, den Nachnamen bei einem Schmerzmittel für Junkies entlehnt – hinterließ Bleach im Drogenrausch immerhin ein Vermächtnis: die Aufzeichnung seiner Lebensbeichte.

Manch einer in Paris, den das brennend interessiert. Aus welchen Motiven auch immer. Während Subutex’ Kraft dafür draufgeht, einen Platz zum Schlafen zu finden – wofür er via Facebook alte Szenegeschöpfe kontaktiert, die alle irgendwie gefallene Engel und Teufel aus der Musik-, Porno-, Drogen- oder Familienhölle sind –, starten Bleachs Erbschleicher bereits die Jagd auf die kostbaren Kassetten in seinem Besitz . . .

Die Schrifstellerin Virginie Despentes, Jahrgang 1969, ist selbst ein gebranntes Kind. Wie ihre Protagonisten geprägt von der Ära Kurt Cobain, Zeugin einer Zeit, in der „Musikhören noch etwas Sinnstiftendes war“, probierte sie es im richtigen Leben erst als Plattenverkäuferin. Brauchte dann Geld und verkaufte ihren Körper. Sie weiß, wovon sie schreibt, wenn im Roman Porneusen wie Pamela oder Votka Satana aufkreuzen.

Despentes entwirft sie mit anrührender Empathie. Überdies wäre es wohl leicht gewesen, auch die anderen Exzentriker, Täter und Opfer aus Subutex’ Kosmos zu karikieren. Den rechtslastigen Drehbuchautor. Die fett gewordene Ex-Gitarristin. Die verlassene Wohlstandsgattin. Oder Marcia, die transsexuelle Brasilianerin, die früher ein Junge war.

Despentes wählt einen respektablen Weg der Worte. Ihre Sprache ist energisch und klar. Der Roman kommt Tauchgängen in Gehirnströme von Menschen gleich, die sich irgendwie irgendwo wiedergefunden haben. Wütend. Sehnsuchtsvoll. Schicksalsergeben. Eine der soghaftesten Sequenzen dieses Buchs schildert die Euphorie einer Partynacht auf Drogen. Subutex hat als DJ einen letzten, ungeahnten Höhenflug.

Dass sie schreiben kann, hat die Autorin schon bewiesen, ihr Debüt „Baise moi – Fick mich“ hat sie selbst erfolgreich verfilmt. In „Apocalypse Baby“ brachte sie 2010 ihre Vergewaltigung als junge Frau zu Papier.

Subutex hat halbherzigen Sex mit Gefährtinnen, die ihm Obdach geben. Eine Frau, die sich Hyäne nennt, hat sich auf das Zerstören von Karrieren im Internet spezialisiert. Auch sie nimmt Witterung auf. Es gibt Berührungspunkte zwischen den Protagonisten. Schmerzhafte. Die Tochter trägt Kopftuch, seit sie die Pornovergangenheit der Mutter erfuhr. Ein H&M-Verkäufer, hasserfüllt bis in die rasierten Haarwurzeln, geht auf Obdachlose los. Solche wie Olga. Die – Körpergröße XXL – Subutex mit Bettlertricks aushilft, als dieser schon „besoffen“ ist vom „Vorbeimarsch der Ärsche“ auf seinem Stück Gehweg. Die Kälte ertragen: ein Vollzeitjob.

Noch eine Frage: Was wäre von Patrice, dem Gewalttätigen, dessen Familie weg ist, noch übrig in der sozialen Schicht „der Fußabtreter, der Pissbecken“ – ohne die Wut? Wenigstens seine Faust hat „die Wucht einer gottverdammten Vollzeitstelle“. Dass Patrice Rocker wie Subutex beneidet, „die es schaffen, direkt bei der Senilität zu landen, ohne über das Feld des Erwachsenseins zu gehen“, gesteht er sich ein.

Aber was weiß er? Was wissen wir? Despentes vermittelt eine packende Ahnung.

Christian Mückl

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro.

Ganz anders: Jami Attenbergs „Ehemänner“

Manche Sätze wirken wie das Schrillen eines Weckers am frühen Morgen. Dieser zum Beispiel: „Ich warte auf den Tod meines Mannes, sechs Jahre schon.“

Jami Attenberg (Foto: Zack Smith)

So beginnt der neue Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg. Doch keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Abhandlung über einen Beziehungskrieg. Ganz im Gegenteil. Es geht vor allem um Liebe, Trauer, Verlust und Neubeginn.

Jarvis Miller ist ein sensibles Wesen. Seit ihr Mann Martin im Koma liegt, hat sie aus Kummer und Verzweiflung aufgehört, am Leben teilzunehmen. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis ihr Mann wieder aufwacht und einfach der alte ist. Aber das wird er niemals wieder sein.

Martin und Jarvis sind in New York zu Hause, er ist ein viel beachteter Künstler, sie die Frau an seiner Seite, die ihn anhimmelt und deren Schutzbedürftigkeit seinem Ego gut tut. Die beiden sind jung, glücklich und auf Partys immer gerne gesehen.

Eines Tages stürzt Martin bei der Arbeit – er ist Künstler – von einer Leiter, verletzt sich schwer am Kopf und taucht ins Nirgendwo ab. Betreut wird er von nun an in einem Heim, seine Frau besucht ihn regelmäßig. Bis sie nicht mehr kann. Jarvis wird mehr und mehr bewusst, dass sie in einem Totenreich lebt, aus dem sie ausbrechen muss. Dabei helfen ihr Begegnungen in einem Waschsalon – mit anderen Ehemännern.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jami Attenberg, Jahrgang 1971, ist eine Spezialistin für Menschen, die unsanft aus ihrem Alltag gerissen werden. In ihrem neuen Roman lässt sie nicht nur Jarvis’ Welt aus den Fugen geraten. Alle, mit denen die junge Frau zu tun hat, werden am Ende der Geschichte nicht mehr die selben sein . . .

Jarvis selbst steht schließlich vor der wohl wichtigsten Entscheidung ihres Lebens – und sie trifft die richtige.

Gabi Eisenack

Jami Attenberg: Ehemänner. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Schöffling & Co, 328 Seiten, 24 Euro.

Geschichten aus dem Westerwald: Mariana Leky

Ein Okapi im Westerwald? Nun ja, nicht wirklich. Wobei es aber geradezu eine Spezialität von Mariana Leky ist, die unterschiedlichsten Dinge zusammenzubringen.

Mariana Leky (Foto: Franziska Hauser)

In ihrem vergnüglichen neuen Roman „Was man von hier aus sehen kann“ reicht es auch schon, von einem Okapi zu träumen. Dann weiß die alte Selma: Innerhalb eines Tages wird einer im kleinen Dorf sterben müssen. So war es zumindest die letzten drei Male, als ihr im Traum das exotische Tier erschien. Wer da also nicht schon gespannt zu lesen beginnt. . .

Und selbst den eher unangenehmen Figuren wie der „traurigen Marlies“ (die eher trotzig als traurig ist) oder Problemfall Palm (in dem ja doch ein treuer Christ steckt) mag man den Tod nicht wünschen! Leky hat – wie John Irving als Vorbild – ein wunderbares Talent für Menschen mit Tics und Marotten, mit besonderen Gaben und bizarren Ritualen, die doch alle im Alltagsleben gründen. Man muss sie einfach gernhaben.

Allen voran Luise, ihre Hauptfigur und zunächst kindliche Erzählerin – die nur eine Lüge zu sagen braucht, schon fällt in ihrer Umgebung irgendwas herab. Mitte der 80er Jahre, wenn der märchenhafte Familienroman anhebt, ist sie zehn – und die beste Freundin des bereits alle Posen eines Gewichthebers beherrschenden Martin.

Der Vater (Arzt) und die Mutter (Blumenhändlerin) sind so gut wie abwesend, was gar nichts macht. Selma – die übrigens aussieht wie Rudi Carrell – in ihrem schiefen Häuschen und der Dorf-Optiker, der sie heimlich begehrt, haben längst die Erziehung der Kinder übernommen. Herz und Verstand, Empathie und Eigensinn werden gleichermaßen gebildet.

In Gestalt eines Jünglings, der sich in ein japanisches Kloster geflüchtet hat, kommt dann doch die weite Welt in die Provinz. Mit ihr die erste große Liebe für Luise: Hoffen, Bangen – und Warten. Denn sind die beiden wirklich für einander bestimmt?

So schlicht wie raffiniert, ironisch wie innig erzählt Leky vom Großen im Kleinen und vom Fernen im Nahen. Herzerwärmend.

Wolf Ebersberger

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Roman. Dumont, 315 Seiten, 20 Euro.

Die Baufrau: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Ein Haus ist nicht nur ein Gefäß für die Menschen, es hat Auswirkungen auf ihr Leben und ihr
Denken“, sagt Luise Schilling. Sie will Häuser schaffen, „die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen“. Mit solchen hehren Idealen studiert die fiktive Ich-Erzählerin in Theresia Enzensbergers Roman „Blaupause“ am berühmten Bauhaus, wo Kunst und Handwerk zusammengeführt werden sollten. Für die junge Frau aus gutem Berliner Hause ist das Studium auch eine Flucht – weg vom autoritären Vater, weg von der Mutter, die sie ständig mit Langweilern verkuppeln will.

Theresia Enzensberger (Foto: Rosanna Graf)

Doch in Weimar, wo sie 1921 mit dem Studium beginnt, gibt es Widerstände. Ihr Lehrer steckt sie in die Textilwerkstatt – Häuserbauen ist doch nichts für Frauen! Dafür bricht das „Fräulein Schilling“ privat zu neuen Ufern auf. Sie verliebt sich in den schönen Jakob, der zu den kuttentragenden Lieblingsschülern des Naturmystikers Johannes Itten gehört. Luise empfindet die Zugehörigkeit zur Gruppe mit der unnahbaren Sidonie oder dem treuen Zuhörer Samuel anfangs als großes Glück, die Freunde werden zur Ersatzfamilie.

„Aber soziale Gefüge sind chaotisch und sumpfig“, heißt es an einer Stelle. Luise trennt sich schließlich von den Kuttenträgern. Die esoterischen Rituale, merkt sie, dienen vor allem zur elitären Abgrenzung nach außen. Zudem unterbricht der gestrenge Vater das Studium, indem er Luise nach Berlin zurückbeordert – und sorgt damit auch erzähltechnisch für einen Schnitt. Der zweite Teil von „Blaupause“ spielt ab 1926 in Dessau, wohin das Bauhaus umgezogen ist.

Luise, die an den Esoterikern stets deren weltabgewandte Haltung in turbulenten Zeiten kritisierte, ist nun unter anderem mit dem Kommunisten Friedrich befreundet. Der hat vor lauter Politisieren keine Zeit für „so banale Dinge wie Emotionen“. Luise mag ihn trotzdem und fühlt sich heimisch – doch auch in Dessau muss sie Rück- und sogar Faustschläge einstecken.

Enzensbergers Buch punktet mit der stimmigen Zeichnung der sich emanzipierenden Hauptfigur. Historischen Bauhaus-Größen wie Klee oder Kandinsky gönnt die Autorin Nebenrollen, der Schulgründer Walter Gropius hat indes einige nicht unwichtige Auftritte.

Die 1986 geborene Tochter von Hans Magnus Enzensberger verhandelt große Themen wie Liebe, Freundschaft oder die Notwendigkeit einer politischen Haltung leicht und doch nicht klischeehaft. Und ganz am Ende wird auch klar, wie das Buch zu seinem schönen Titel kam.

Marco Puschner

Theresia Enzensberger: Blaupause. Hanser, 256 Seiten, 22 Euro.

Eine Entdeckung: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Nun, wo bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen war, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kamen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival standen, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra nun geworden ist (ab 29. September läuft er auf Netflix) – das Buch und sein Autor sind eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

„Sweet Occupation“ von Lizzie Doron

Sie sitzt mit einem fremden Menschen am Tisch und fragt sich immer wieder, wen er wohl getötet hat. Wie er getötet hat. Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, hat sich mit Mitgliedern der Friedenskämpfer-Bewegung (Combatants for Peace) getroffen, mit ihnen gesprochen, ihnen ein Buch gewidmet.

„Sweet Occupation“ heißt es und handelt von ehemaligen palästinensischen Terroristen und israelischen Wehrdienstverweigerern, die das endlose Blutvergießen in ihrer Heimat nicht mehr ertragen können, die selbst innere Mauern überwunden haben und dem Feind die Hand reichen.

Lizzie Doron (Foto: dpa)

Lizzie Doron („Who the Fuck is Kafka“) zwingt sich zum Zuhören, erfährt Geschichten von Leid und Verlust, von Flucht und Vertreibung. Jede Gewalttat schürt neuen Hass, erzeugt neue Zerstörung – von Menschenleben und Heimat.

Hier gibt es kein Gut und Böse. Es gibt ein Vielleicht, eine Vision und gleichzeitig viel Raum für Resignation. Während fünf Menschen von ihrer Sehnsucht nach Umkehr, nach Frieden erzählen, wird weiter getötet, es wird geschossen, es wird gebombt, es fliegen Steine. Doron lässt immer wieder aktuelle Nachrichten einfließen vom schier immerwährenden Sterben in Nahost.

Für „Sweet Occupation“ hat Lizzie Doron, die viel Zeit auch in Berlin verbringt, in Israel keinen Verlag gefunden. Dafür hat sie sich dort eine Menge Feinde gemacht. Freunde haben sich von ihr distanziert, empfinden sie als Verräterin, weil sie auch vom Leid der anderen Seite berichtet.

Sie tut das ohne Pathos, sie wertet nicht. Sie hört zu, schreibt auf. Immer wieder lässt sie Passagen über ihre eigene Jugend einfließen. Über Freunde, die zur Armee gegangen sind, voller Euphorie. Die starben für einen sinnlosen Krieg. Sie nimmt die Schmerzen der Menschen auf beiden Seiten des Zauns ernst, das macht ihr Buch so wertvoll. Und so traurig. Weil es keine Hoffnung auf ein Ende der Gewalt zu geben scheint.

Die aktuellen Nachrichten aus Nahost verheißen nichts Gutes.

Gabi Eisenack

Lizzie Doron: Sweet Occupation
. dtv, 208 Seiten, 16,90 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.

Lesetipps zu Jane Austen

Jane Austen auf Deutsch – gar nicht so leicht! Hier unsere Lese-Tipps zum Jubiläum.

Einer, der im deutschen Sprachraum sehr viel für Jane Austen getan hat, ist der Germanist Christian Grawe, Jahrgang 1935. Seit den 80er Jahren hat er mit seiner Frau Ursula das komplette Werk Austens übersetzt, das nun – in einheitlich floraler Aufmachung – von Reclam neu aufgelegt wird: die sechs Romane, das Frühwerk und die Briefe.

Empfehlenswert ist auch Grawes Biografie „Darling Jane“ (9,95 Euro), dazu gibt es von ihm einen Führer durch „Jane Austens Romane“ (12,95 Euro), die überaus kompakte Einführung „Jane Austen – 100 Seiten“ (10 Euro) und – für alle Zeiten – einen „Jane Austen Kalender“ mit täglichen Zitaten (15 Euro).

Umwerfend bunt sind die neuen Cover, mit denen der Insel Verlag seine Jane-Austen-Taschenbücher geschmückt hat: romantische Frauenporträts, gestaltet von der tollen Grafikerin Kat Menschik (Bild). Auch hier gibt es ein kleines Zitate-Bändchen als erste Lockung: „Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen“ (Insel, 8 Euro).

Frisch übersetzt – und in beiden Fällen mit dem nötigen Gespür für die feine Ironie der Autorin – liegen zwei der großen Romane vor: Einmal „Vernunft und Gefühl“, im Original „Sense and Sensibility“, nun von Andrea Ott dezent aufpoliert (Manesse Verlag, 26,95 Euro), dann der oft etwas vernachlässigte „Mansfield Park“ (S. Fischer Verlag, 22 Euro). Manfred Allié und seine Frau Gabriele haben ihn sich im Rahmen ihrer Austen-Übertragungen vorgenommen.

Vergnüglich und doch durchaus hilfreich in seinen vielen kurzen Erklärungen ist Holly Ivins’ Lese-Ratgeber „Jane Austen – Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt“ (DVA, 14,99 Euro). Eines der schönsten Bücher über die Autorin und ihre Lebensstätten bleibt Kim Wilsons „Auf den Spuren von Jane Austen“, ein Band, der – reich bebildert – bereits vor zwei Jahren erschien (Knesebeck, 29,95 Euro).

Wolf Ebersberger