Milena Moser hinter den blauen Bergen

Sie ist ein Pferdemädchen. Sie ist eine Frau in der Mitte des Lebens. Sie hat Ängste und Zweifel. Und sie hat noch mehr Mut. Sie – das ist Milena Moser. Die Schweizer Autorin macht sich wieder einmal auf, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Pferdemädchen also. Wirklich? Und auch noch ein Pferdemädchen mit Trauma! Das kann ja heiter werden, denkt man nach der Lektüre der ersten beiden Buchseiten… Und siehe da – das wird es auch. Auch dieses Mal.

Dafür begibt sich Moser nach Santa Fe. Hier, in den USA sucht sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Heimat. Und sich. Vieles lässt sie dafür zurück – Familie, Freunde, Besitz. Ihr Ziel ist ein kleines Häuschen, ihre „Casita“, wie sie es spanisch nennt, das sie auf einem Roadtrip erworben hat. Schreiben will sie hier, bei sich sein nach ihrer Scheidung. Ein neues Leben beginnen.

Dass sie das kann, hat sich Milena Moser immer wieder bewiesen. Und dennoch will sie es ein weiteres Mal wissen. Mit im wenigen Gepäck reist die bange Frage: „Kann ich mich noch einmal verlieben?“

Auf dem Weg zu diesem neuen Leben kommt er ihr dazwischen – der Mann, mit dem sich diese Frage recht schnell beantwortet. Ein mexikanischer Künstler, dem das Leben einiges abverlangt hat und der doch unerschütterlich mitten im selbigen steht. Doch so, wie Victor Teil ihres Lebens wird, wird er auch nur ein Teil ihres Buches „Hinter diesen blauen Bergen“. Dorthin, nach Santa Fe, reist sie schließlich doch noch nach einem ungeplanten Aufenthalt in San Francisco – im Atelier des Künstlers.

Damit beginnt die eigentliche Reise – das Abenteuer, die neue Heimat Stück für Stück zu erobern. Doch ihr Mut beschränkt sich dabei nicht nur darauf, sich auf Neues, unbekanntes Terrain zu wagen, sondern er zeigt sich auch darin, dass sie sich dabei in die Seele schauen lässt. Die damit verbundenen Ängste und Zweifel teilt. Dabei gelingt ihr auch dieses Mal wieder das typische Milena-Moser-Kunststück.

Was bei anderen Autoren schnell zur Nabelschau wird – gern auch noch mit einer Portion Larmoyanz versehen – wird bei ihr zur guten Unterhaltung: leicht, ohne oberflächlich zu sein, informativ, ohne zu belehren, vermittelt sie Geschichte in Geschichten.

Wie nebenbei macht sie die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems erlebbar, die Willkür der US-Behörden, wenn es nur um die Vergabe eines Führerscheins geht, erfährt etwas über die in New Mexico lebenden Indianer und die dortige Künstlerszene. Oder über die Befindlichkeiten der Schweizer, was auch in einem Nebensatz verpackt Wucht entfaltet. Denn auch darum geht es – um nationale Identität.

Und nur, indem sie einem Straßenverkäufer eine Zeitung abkauft, lernt man einen ehemaligen Raketenbauer der NASA kennen, der beruflich nach oben schoss und den das Ende des kalten Krieges kalt erwischte.

Moser hingegen findet – selbst wenn sie zwischen gestern und heute mitunter in schnellen Sequenzen springt, zahlreiche Um- und Nebenwege einschlägt – immer wieder zu ihrem Handlungsstrang zurück. Manchmal, auf solch einem Nebenweg stehend, fragt man sich, wie sie das schaffen will. Und sie schafft es schließlich auch, bei sich und in ihrer neuen Heimat anzukommen.

Damit verrät man nicht allzu viel. Denn bei Milena Moser ist der Weg das Ziel. Und die blauen Berge von Santa Fe sind wahrscheinlich ohnehin nur eine Zwischenstation…

Anja Kummerow

Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen. Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro.

Die Früchte der Erinnerung: „Das Marillenmädchen“

Der Marillenbaum im Garten ihres Wiener Elternhauses ist für Elisabetta Shapiro Halt und Erinnerung an ihre Familie. Nur durch einen Zufall blieb sie damals – 1944 – verschont, als ihre Eltern und ihre beiden Schwestern Rahel und Judith ins KZ deportiert wurden. Bei Kriegsende ist sie elf Jahre alt. Einsam und alleine, nur mit den Stimmen ihrer beiden toten Schwestern im Kopf, fristet sie seitdem ihr Dasein.

Jahr für Jahr sammelt Elisabetta die Früchte des Marillenbaumes auf, den einst ihr Vater pflanzte, und kocht daraus Marmelade. Im Keller stapeln sich die Gläser, fein säuberlich mit der Jahreszahl versehen, wie ein kostbares Vermächtnis, das bewahrt werden muss. Ein Glas aus dem Jahre 1944 ist gekennzeichnet mit „M plus A“, Marille und Arsen. „Es ist nur für den Notfall, Kezele“, sagte die Mutter damals zu Elisabetta. „Falls sie dir was tun wollen und ich dir nicht helfen kann.“

„Das Marillenmädchen“ von Beate Teresa Hanika, die bereits mehrere erfolgreiche Jugendbücher schrieb, ist ihr erster Roman für Erwachsene. Die Ich-Erzählerin Elisabetta ist inzwischen eine alte Frau, sie erzählt die Geschichte von Pola, einer jungen Deutschen, die bei ihr zu Untermiete wohnt – was kein Zufall ist. Die Schicksale der jungen Tänzerin und der alten Dame sind unweigerlich miteinander verknüpft.

Die Zeiten in dem intelligent gebauten Roman sind nicht klar voneinander getrennt und wechseln oftmals von Absatz zu Absatz, so wie eben auch Elisabettas Gedanken immer wieder in die Vergangenheit abschweifen. So werden parallel die Geschichten von Pola aus der Gegenwart und Elisabetta aus der Vergangenheit erzählt, bis die beiden Erzählstränge schließlich ineinander münden und die Geschichte komplementieren.
 
Durch die unterschiedlichen Zeitebenen und Erzählperspektiven, die oft fließend ineinander übergehen, erschließt sich das Buch nicht sofort. Hinzu kommt die Namensgleichheit von Elisabettas Schwester und ihrer Enkelin, was die Zeitlinien zusätzlich verwischt. Vieles bleibt offen und unausgesprochen oder wird nur angedeutet in kleinen Gedanken- und Erinnerungssplittern.

Der lakonische Erzählstil, die melancholisch-nachdenkliche Grundstimmung, die poetisch-sensible Sprache, all das wirkt sehr berührend und zieht den Leser tief in die Geschichte hinein. Das Tragische ist, dass Elisabetta zweimal dasselbe Schicksal erleiden muss. Es ist ein Buch über alten und neuen Antisemitismus und zeigt auf erschreckende Weise, dass manche Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Und trotzdem behält der Roman einen lebensbejahenden Grundton. „Irgendwer muss vergeben. Irgendwer muss seine Hand hinstrecken“ – um nicht selbst zu zerbrechen, um endlich Frieden zu finden. Eine bittersüße Erzählung.

Michaela Höber

Beate Teresa Hanika: Das Marillenmädchen. Roman. btb Verlag, 254 Seiten, 19,99 Euro.

„Die Farben des Nachtfalters“ von Petina Gappah

Am Ende des Romans steht Memory immer noch unter dem Todesurteil. Sie könnte hingerichtet werden, denn sie ist nicht von der Amnestie betroffen, die in Simbabwe nach einem Regierungswechsel ausgerufen wurde. Und trotzdem hat sich für die Frau alles geändert. Am Horizont ist das Licht aufgegangen, obwohl wir am Anfang des Romans doch den dunklen Satz lasen: „Ich war neun Jahre alt, und Vater und Mutter verkauften mich an einen fremden Mann.“

Neun Jahre hat Memory in einem Township verbracht. Das war eine Welt von Tratsch und Geisterglauben, mit kleinen Freuden und großen Verlusten. Memory war anders als ihre Umgebung, denn zwischen lauter Schwarzen war sie ein Albino. Ein Bruder ist als Kind gestorben: Trauer und zugleich Erleichterung, weil plötzlich mehr Platz war. Ihr Vater war Schreiner. Ihre Mutter…

Ach, später werden sich viele Sicherheiten doch als Täuschungen herausstellen. Die Erinnerung – und Memory bedeutet ja nichts anderes – ist trügerisch. Das Leben dieser Frau hat viele Schichten, verläuft äußerst komplex. Der Roman, der von ihr erzählt, nimmt immer neue Wendungen. Der Roman trägt den Titel „Die Farben des Nachtfalters“. Nach einem Band mit Erzählungen ist er das erste große Prosawerk von Petina Gappah.

1971 wurde sie in Sambia geboren, doch wie ihre Romanheldin wuchs sie in Simbabwe auf, das damals noch Rhodesien hieß. Sie hat Jura studiert und lebt heute als Juristin und Journalistin in Genf. Mit „Die Farben des Nachtfalters“ ist ihr ein ganz starkes, zutiefst berührendes Buch gelungen.

Zentraler Handlungsort ist ein Gefängnis, eigentlich eine verdreckte Hölle permanenter Angst. Jeder Satz beschreibt diese Situation. Und doch gibt es in keinem Satz einen Buchstaben des Selbstmitleids. Immer ist da eine zauberhafte Distanz des Trotzes, der Selbstbehauptung, des Überlebenswillens. Das ist der überraschende Tonfall des Romans, der die Lektüre so bereichernd macht. Er erzählt davon, dass es auch in der schrecklichsten Existenz Leichtigkeit geben kann. Petina Gappah gelingt das Kunststück, indem sie die Welt der Gefühle in genauso einfache Sätze fasst wie die Welt der objektiven Verhältnisse.

Memory schreibt ihre Geschichte selbst nieder. Sie macht Notizen für eine amerikanische Journalistin, die auf ihre alle Menschenrechte verletzende Lage aufmerksam machen möchte. Wir werden nicht erfahren, ob dieses Vorhaben gelingt oder misslingt. Denn am Ende sind ganz andere Dinge wichtig. Petina Gappah schreibt davon, dass sogar Egoismus human wirken kann. Sie schreibt darüber, wie befreiend es ist, wenn endlich der Vorhang vor den Täuschungen des Lebens entfernt wird und die Wahrheit sich ahnen lässt – auch wenn sie möglichweise von den „ngozi“ beeinflusst ist, den Rachegeistern des Simbabweschen Volksglaubens.

Memory sitzt in der Todeszelle, weil sie den Mann ermordet haben soll, von dem sie glaubt, er hätte sie mit neun Jahren gekauft. Er war ein Weißer. Er hat ihr ein gutes Leben und eine gute Ausbildung ermöglicht. Er war selbst anders, als es die Gesellschaft duldet, genau wie Memory mit ihrer albinoweißen Haut. Beide sind Opfer. Opfer in ganz großen Zusammenhängen, wie sich schließlich herausstellen wird.

Petina Gappah beschreibt, wie man aus Trauer Kraft schöpfen und sich einen Traum bewahren kann: „Sollte ich jemals freikommen, werde ich Paradiesvögel über die Welt regnen lassen.“

Herbert Heinzelmann

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche, 348 Seiten, 22 Euro.

Margaret Atwoods brillante Erzählungen: „Die steinerne Matratze“

Frauen leben länger — nicht nur aus biologischen Gründen. Manchen Männern muss man einfach beim zeitigen Abtreten helfen, meint Margaret Atwood. Ihre neuen Erzählungen „Die steinerne Matratze“ sind ein wahrhaft mörderisches Vergnügen.

Man vergisst leicht, dass Margaret Atwood schon 77 ist. Und damit selbst so alt wie die allesamt schon etwas angetagten, ja angenagten Männer und Frauen, von denen sie in ihrem neuen Kurzgeschichtenband „Die
steinerne Matratze“ erzählt: gewohnt komisch eben und ohne jedes wohlfeile Mitleid. Spöttischer denn je – was auch an der beherzten, mitunter saloppen Übersetzung liegt – macht sich die kanadische Autorin da über den unvermeidlichen Hingang der Kreatur Mensch her.

NZ-atwood „Fackelt die Alten ab“, der Titel der letzten Story, wird – so hoffen wir – dennoch nicht ihr eigenes Motto sein. Mit wachem, durchaus besorgtem Blick in die Zukunft einer überalterten Gesellschaft schildert Atwood darin ein nobles Seniorenheim, das in den Fokus einer landesweiten Protestbewegung frustrierter junger Leute gerät. Als Brandstifter rücken diese, mit Babymasken getarnt, bereits militant näher . . .

Ein Horrorszenario, wie Atwood es insgeheim liebt – und gleichzeitig eine Art später Operette. Wilma, die Protagonistin, lässt sich im feinen Ambiente erst mal von einem ungarischen Galan verwöhnen. Sie braucht ihn auch als Berichterstatter, denn Wilma sieht fast nichts mehr, nicht mal sich selbst im Spiegel: „Es ist wie im Internet, bei diesen Leerstellen in Gesichtsform, wenn noch das Foto fehlt“.

Dafür sieht sie befremdliche kleine Wesen, kostümiert wie in einem Historienfilm, keck vor ihrer Nase tanzen. Muss sie sich ernsthaft Sorgen machen? Immerhin der Geruchssinn funktioniert noch, und Wilma wittert, wenn alle im Speisesaal sitzen, die „Basisnote schleichenden Verfalls und undichter Stellen“ durch sämtliche Kosmetika hindurch: „Zarte Blütendüfte bei den Frauen, knackige Gewürznoten bei den Männern, innerlich noch immer ganz die knospende Rose, ganz der schroffe Pirat“.

Atwood hat eine stilistische Meisterschaft erreicht, deren gnadenlose Ironie und süffisant ausgestellte Sinnlichkeit immer wieder an den unvergessenen John Updike erinnern. Anders als dieser aber verkneift sie sich jede Nostalgie, jedes sentimentale Nicken, sieht dem nur bedingt eingeschränkten Treiben ihrer Senioren, die oft von der Vergangenheit eingeholt werden, munter und maliziös zu.

„Verna hatte anfänglich nicht vorgehabt, jemanden zu töten“, fängt etwa die Titelgeschichte an – und natürlich zieht so ein Satz den Leser unweigerlich hinein. Verna, die lustige Witwe (von drei Männern), die eigentlich nur Urlaub machen will und eine Arktis-Kreuzfahrt bucht (auf der vielleicht auch Mann Nummer vier ist), trifft unerwartet auf ihre erste große Liebe aus der fernen Jugend. Die damals allerdings ein bitteres, brutales Ende fand, mit fatalen Folgen. Ein Leben später ist die Zeit für Rache gekommen, so scheint es. Und Verna weiß doch, wie man reiche ältere Herren unauffällig ins Jenseits befördert, oder nicht? Bob, pass auf!

Das mag moralisch bedenklich sein, unterhaltsam, und zwar auf klügste Weise, ist es dennoch, wenn Atwoods schwarze Spinnen ihre Fäden sortieren und die ahnungslosen Opfer bald sanft umgarnen.

Ein eigenes Buch im Buch bilden die ersten drei der neun Geschichten, die eine gescheiterte Beziehung von einst erneut in die Jetztzeit holen, wie ein Triptychon auf drei Sichtweisen verteilt. Im Zentrum: die Schriftstellerin Constance, die wider Erwarten mit einer Fantasy-Reihe reich und berühmt wurde, während ihr viriler, aber betrügerischer Ex-Liebhaber Gavin als Dichter nie wirklich abhob. Gefährlich wütet ein Eissturm um ihr Haus, da träumt sie wieder von ihm – und befreit sich auf diese Weise als Witwe vielleicht auch von ihrem Mann, dessen Stimme sie immer noch hört. War er nicht ebenfalls untreu?

Wie fair Atwood im Umgang mit den Geschlechtern bleibt, zeigt sich, wenn sie den maroden Gavin im Rentnerparadies Florida danach selbst zu Wort kommen lässt und dann auch noch auf Marjorie schwenkt, die Frau, mit der Constance ihn damals ertappte. Ein Reigen, der, nun ja, am Friedhof endet – aber tatsächlich auch friedlich. Gefühle altern nicht, doch man kriegt sie vielleicht irgendwann in den Griff. Bevor alles zu spät ist . . .

Wolf Ebersberger

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, 304 Seiten, 20 Euro.

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Judith Hermanns neue Stories: „Lettipark“

So schmal die Stories auch sind: Ein neues Buch von Judith Hermann ist immer ein Ereignis.

Vielleicht ist sie tatsächlich die beste Erzählerin von Kurzgeschichten in diesem Land. Aber dieser Superlativ, berechtigt wie er sein mag, passt so gar nicht zu Judith Hermann und ihrem Stil. So dezent, so undeutsch, so luftig und leicht, wie die 1970 in Berlin geborene Autorin ihre lose gehaltenen Sätze webt. Auch in „Lettipark“, ihrem jüngsten Band.

Feuilleton-Judith Dabei geht es ihr auch nie um etwas wie Zeitgeist oder explizite Gegenwart, um Krisen, Flüchtlinge, wirtschaftliche Existenzängste. Es geht ihr, auch wenn die Prosa zerbrechlich ist wie Porzellan, um elementarste Dinge und Erfahrungen, um Leben und Zeit, um Freundschaft, Liebe, Veränderung. Aber eben – man staune – in Geschichten, die auch nur sechs Seiten lang sein können.

So wie „Kohlen“, die erste – und wohl eine der schönsten. Briketts werden da geliefert und müssen in einem Stall verstaut werden. Die Familie – oder Kommune? – will ja warm über den Winter kommen. Alle helfen mit, auch der kleine Nachbarsjunge, Vincent, vier Jahre alt, der mit seinem Rad dazukommt. Um ihn wird es gehen – und darum, wie er damit lebt, dass er erst im Vorjahr seine Mutter verloren hat. Eine lange Leidensgeschichte, vielleicht: ein gebrochenes Herz. Aber Vincent ist nicht gebrochen. Er macht, auf ebenso kindliche wie schon erwachsene Weise, einfach weiter. Er packt mit an – „und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien“.

Kohlen, schwarz und dreckig, die zu etwas Hellem und Heiligem werden: ein gewagtes, unglaubliches Bild, das in seiner religiösen Überhöhung des Alltags auch bei James Joyce und seinen „Dublinern“ stehen könnte. Ohne, dass es der Leser merkt, läuft die Geschichte auf diesen letzten Satz, dieses letzte, erlösende Bild hinaus – eine Epiphanie. Die aber, und das ist die Kunst der seit „Sommerhaus, später“ bei Kritikern wie Lesern erfolgreichen Judith Hermann, nie prätentiös wirkt.

Leser, die keine Kurzgeschichten mögen, weil sie daran nicht satt werden – werden hier verhungern; Leser, die Kurzgeschichten gerade mögen, weil sie, wie eine Kostprobe, auf das große Ganze neugierig machen, ohne den Magen zu füllen, womöglich süchtig werden. Eigentlich sind es ja nicht mal Geschichten. Es sind einzelne Situationen, die sie herausgreift, vage Skizzen, die sie entwirft.

Begegnungen, Wiederbegegnungen, Blicke, der Liebe und der Fremdheit. Freundschaften, vor allem von Frauen, die bestehen oder nicht. Wie in „Solaris“, in der Ada, nun Fotografin, Ehefrau und Mutter, nach Jahren die Schauspielerin Sophia besucht – und von deren virilem Kollegen erneut erotisch angezogen wird. Wunsch und Wirklichkeit, sie bleiben dennoch zwei Welten.

Wolf Ebersberger

Judith Hermann: Lettipark. Verlag S. Fischer, 192 Seiten, 18,99 Euro.

Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Mit „M Train“ legt die amerikanische Sängerin Patti Smith einen neuen Erinnerungsband vor – der aber ganz anders ist als der zum Bestseller gewordene Vorläufer „Just Kids“.

Dass Patti Smith schon immer nicht nur eine Rock-Sängerin, sondern eine Rock-Poetin war – freilich der urbanen, rauhen, punkigen Art –, sprach aus jedem ihrer Lieder. Trotzdem wurde ihr Buch „Just Kids“ (2010) zur Überraschung: Die intimen Erinnerungen an ihre Begegnung und Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe waren sowohl biografisch aufschlussreich als auch literarisch überaus gelungen. Ein großer Wurf, persönlich ansprechend, packend zu lesen.

NZ-patti Hält „M Train“ nun, was „Just Kids“ versprach? Oder anders gefragt: Kann man die beiden Bücher überhaupt vergleichen? Ähnelt das neue Werk nicht eher dem früheren, freieren Bändchen „Traumsammlerin“? Wie dieses lässt sich „M Train“ als lose, eher spirituelle als an Daten und Fakten justierte Autobiografie sehen. Eine Fortsetzung von „Just Kids“ ist es nicht – das hätte sie selbst, als Autorin, vielleicht nur gelangweilt.

Lieber blickt Patti Smith, fast schon ziellos durch Alltag und Gegenwart schlendernd, auf einzelne wichtige Stationen ihres Erwachsenenlebens zurück. Stationen, das passt. Oder eben „Haltestellen“, wie sie die Kapitel nennt. Denn: „Der Schriftsteller ist ein Zugführer“, so die Weisheit, die ihr ein Cowboy, der ihr im Traum begegnet, mit auf den Weg gibt. An sowas glaubt sie.

Und Smith träumt im Grunde die ganze Zeit – auch offenen Auges. Sitzt in ihrem geliebten New Yorker „Café ’Ino“ und sinniert, dass sie selbst gern mal ein Café eröffnet hätte. Der Traum blieb unerfüllt. Andere ließen sich verwirklichen. Mitunter erst beim zweiten Mal, wie der Fan-Besuch, den sie unbedingt Frida Kahlos Blauem Haus in Mexico City abstatten wollte. 1971, als junge Frau, stand sie noch vor der verschlossenen Tür. Der berühmten Künstlerin Patti Smith hat diese sich, Jahrzehnte später, dann geöffnet.

Wie eine Pilgerin reist Smith durch die Welt, folgt den Spuren der Dichter und Denker, die sie bewundert, von Genet, Roberto Bolaño und Haruki Murakami, beehrt die Gräber von Rimbaud und Sylvia Plath. Gern nimmt sie Andenken mit, kleine Fundstücke, auf jeden Fall aber Fotografien, die das Buch nun zieren. Auch ihr früh verstorbener Mann Fred erscheint so, in Wort und Bild betrauert.

Über ihre Musik, die Karriere, den Ruhm – nichts. Stattdessen schwelgt sie, als profaner Kontrapunkt, in TV-Serien, die sie geradezu süchtig verfolgt. Man muss sie dafür mögen, so unprätentiös, offen und ohne jede Spur von Eitelkeit, wie Patti Smith anhand vieler anderer Dinge von sich selbst erzählt.

Wolf Ebersberger

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 329 S., 19,99 Euro.

„Alles kein Zufall“: Anekdoten von Elke Heidenreich

Kleine Geschichten, große Wirkung: Elke Heidenreich hat es mit ihrem neuen Erzählband „Alles kein Zufall“ bis in die Bestsellerlisten geschafft. Was nichts heißen würde – aber das Buch ist auch noch wirklich gut . . .

NZ-elke Ein Glück, dass sie – um es nicht zu vergessen, wie sie offen zugibt – sich alles aufschreibt. Und dann auch noch alles aufhebt. Oder eben aufgehoben hat. Denn das ist das Buch von Elke Heidenreich ja auf jeden Fall: ein Versuch, die über die Jahre wild und wahllos angesammelten Erinnerungen, Briefe und Notizen – häufig nur auf kleinen Zetteln, in Kisten oder als Lesezeichen in Büchern verwahrt – neu zu sichten und zu werten.

Endlich mal aufzuräumen und also auch auszumisten, sich zu befreien vom Ballast des gelebten und gelittenen Lebens, Abschied zu nehmen von alten Lieb- und Freundschaften, den bernsteinhaft konservierten Gefühlen aus nicht immer frohen Kinder- und Jugendtagen, von verschütteten Gesten und Gemengelagen, die man, in der Rückschau, vielleicht kaum mehr begreift.

Schau mal, das war ich damals – und das der Mann an meiner Seite. Kaum zu glauben! Herrje, wie die Zeit vergeht . . .

Hat die erfolgreiche Autorin und Kritikerin, Jahrgang 1943, hier einfach nur ihre Schubladen geleert und daraus – schnell, schnell – ein nettes Büchlein geschustert? Nein, das nun zum Glück nicht. „Alles kein Zufall“, wie Heidenreich das vernügliche Ergebnis nennt, ist zwar durchaus ein Zettelkasten – voller Anekdoten, Episoden, kleiner, aber besonderer Erlebnisse und Zitate –, zugleich jedoch auch eine heimliche Autobiografie.

Und das ist das Interessante daran: Tiefer denn je lässt sie hier blicken, in den eigenen, nicht selten chaotischen Haushalt der Emotionen, in die ewige Rühr- und Verführbarkeit durch die Reize männlicher Weggefährten, in das lebenslang problematische Verhältnis zu ihrer Mutter. Bis dorthin, wo es wehtat – und manchmal noch immer tut. Heidenreich nennt nicht unbedingt Namen, gibt aber klar und eindeutig Auskunft. Ebenso uneitel wie schonungslos, sich selbst und den anderen gegenüber.

Um dem Ganzen eine Ordnung zu geben, hat sie ihre Texte und Textchen – kaum mehr als eine Seite lang, oft nur ein paar Sätze – nach dem Alphabet betitelt. Von A wie „Allein“ bis Z wie „Zufall“. Oder eben „Alles kein Zufall“, wie es abschließend und gleichsam als Bilanz heißt. Denn fast schon abergläubisch hält sich Heidenreich fest an den Koinzidenzen und „Zeichen“, als die sie das vermeintlich Zufällige sieht: wie jenes Containerschiff „Esperanza“, das gerade den Rhein hinabfährt, als sie, melancholisch ob eines ganz besonders grauen Tages, am Ufer steht und zagt. Esperanza – die Hoffnung.

Es geht also auch um Verzweiflung, um Krebs-Krankheit und Krise, vom Tagebuch belegt. Und genauso um Kraft und Zuversicht, um Mut und Weitermachen, das Annehmen, ja sich geborgen Fühlen in Sein und Zeit. „Zweimal im Leben hatte sie, die bewusst Kinderlose, so ein winziges Kind im Arm“, schreibt sie über das geahnte Glück im Angesicht von Nachwuchs – in der dritten Person. Gerade die gewählte Distanz berührt.

Anderes lässt schmunzeln, mitunter laut auflachen. Etwa wenn sie von dem Freund erzählt, der, ein alter Schwerenöter wie einst ihr Vater, immer ein Paar Frauenschuhe dabei hat – um sie neben seinen vors Hotelzimmer zu stellen . . .

Kleine Marotten, Kindermund, ein Mops als Begleiter: Wie schade, wenn Heidenreichs bezaubernde Zettel ungelesen geblieben wären!

Wolf Ebersberger

Elke Heidenreich: Alles kein Zufall. Hanser, 234 Seiten, 19,90 Euro.

Eine Entdeckung: die Autorin Lucia Berlin

Eine literarische Stimme, die man noch nicht kannte – und so schnell nicht wieder vergessen wird: Lucia Berlin. Zum ersten Mal ist die einzigartige amerikanische Autorin (1936 – 2004) nun auch auf Deutsch zu erleben.

berlin So ein wunderbarer Name, fast wie erfunden: Lucia Berlin. Könnte er nicht gut aus dem New Yorker Dunstkreis eines Andy Warhol sein? Sie wissen schon: Eine dieser schönen Damen, die womöglich gar keine Dame ist, nur sehr androgyn und natürlich – oder auch unnatürlich – sehr sehr glamourös. Ein Geschöpf aus der „Factory“ des Künstlers, nachtschwarz schimmernd, somnambul und sexy.

Aber es hat sie wirklich gegeben und sie hat wirklich so geheißen. Und was sie geschrieben hat, diese große, bei uns kaum bekannte Schriftstellerin, hat sich auch wirklich ereignet – zumindest im Kern. Oder wie sie es selbst, frontal offen und flatterhaft, in einer ihrer Geschichten formulierte: „Ich übertreibe oft und verwechsle oft Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

Sie lügt nie. Ja, das spürt man als Leser, und noch in der kleinsten der 30 Kurzgeschichten des Bandes „Was ich sonst noch verpasst habe“. Mit ihm wird die amerikanische Autorin erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Mit ihm müsste sie – so Gott will, aber will er? – endlich berühmt werden, wie sie es zu Lebzeiten nie wurde. Auch nicht in ihrer Heimat. Dort hat letztes Jahr immerhin ein neuer Auswahlband – anders betitelt, aber Grundlage der deutschen Ausgabe – für Furore gesorgt und die Autorin posthum populär gemacht.

Denn Leser, die Freude haben an der unscheinbaren, doch schicksalsträchtigen Erzählkunst einer Alice Munro, am jüdisch gepfefferten Plauderton einer Grace Paley, am dunklen, mit Aberwitz überbrückten Seelenabgrund einer Sylvia Plath – all diese Leser werden auch Lucia Berlin ins Herz schließen. Und zwar von den ersten saloppen Zeilen an, mit denen ihre so leicht wirkenden, in Wirklichkeit schweren, weil durchwegs erlittenen Geschichten beginnen.

Manches bleibt Skizze, wird nicht weitergesponnen. Und doch: Alle Stationen, die Lucia Berlin in ihrer wechselhaften Biografie durchlief, finden sich auch in diesen unerschrocken komischen, dann wieder unerwartet rührenden Stories wieder.

1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geboren und zunächst in Minenstädten des Westens aufgewachsen, kam Berlin zur Mutterseite nach Texas – ein Nest von Suff und Missbrauch. Bald ging es nach Chile, wo die Familie als Upper Class ihren bescheidenen Reichtum feiern konnte, dann querbeet durch Mexico, New Mexico, Kalifornien. Drei Ehen, vier Söhne, viel Alkohol, zuviel Alkohol, immer wieder, dazu lebenslang die Krankheit Skoliose. Am Ende eine sichere Stelle an der Uni von Boulder, Colorado, und – stets neben sich – ein Sauerstoffgerät.

Von den Erinnerungen an den Großvater, einen heruntergekommenen Zahnarzt (dem sie, fast surreal, helfen muss, sich alle Zähne zu ziehen), über die Schikanen der Klosterschule (als Außenseiterin im Stahlkorsett) bis zu den vielen Jobs, mit denen sie sich und die Kinder über Wasser hielt (Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Arzthelferin in der Notaufnahme): Berlin packt die Situationen am Schopf und, samt aller haarsträubenden Details, in eine ungeschönte, unerhört lebendige Prosa. Antje Ravic Strubel, selbst Autorin, hat sie trefflich übersetzt.

Manchmal denkt man an Raymond Carver oder gar an Bukowski: Aber Berlin hat ihren ganz eigenen Stil, die Dämonen zu bannen. Wenn sie von der späten Wiederannäherung an ihre Schwester berichtet, als diese Krebs im Endstadium hat, davon wie sich beide, nun versöhnlich, an die kalte Mutter, auch sie Trinkerin, erinnern, dann zeigt der Blick aufs harte Sein die zartesten Seiten. Sie sind es, nicht die Grausamkeiten, die den Atem des Lesers stocken lassen.

Wolf Ebersberger

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Arche Verlag, 382 Seiten, 22,99 Euro.