David Wagners Vater: „Der vergessliche Riese“

„Der vergessliche Riese“ nennt David Wagner sein neues Buch, in dem er – sehr direkt – über seinen dement gewordenen Vater schreibt.

Vater, wo bist du? Autor David Wagner (Foto: Linda Rosa Saal)

Das Buch ist kein Ratgeber. Es sagt nicht: So oder so muss man mit dem Betroffenen umgehen – dann kommt man mit der Krankheit am besten zurecht. Es ist aber auch keine Leidensliteratur. Kein in Worte gefasster Akt der Verzweiflung, kein Schreckensszenario, das die völlige geistige Auslöschung eines Menschen vorführt.

David Wagner (Jahrgang 1971) weiß – und diese Fähigkeit hat er schon öfter bewiesen – gleichzeitig sehr offen und doch dezent von existenziellen Krisenerfahrungen zu erzählen: Er sieht die Krise, die jederzeit in eine Katastrophe münden kann, verliert aber den Mut nicht.

Das zeichnete schon sein uneitles Buch „Leben“ (2013) aus, in dem er von Todesnähe und der Rettung durch eine Lebertransplantation berichtet – und nun, auf andere Weise, auch sein neues Werk „Der vergessliche Riese“. Darin beschreibt er, wie sein Vater mit Anfang 70 langsam, aber unaufhaltsam dement wird, alles vergisst, sogar das gerade Gesagte.

Der Zustand ist von den ersten Seiten an klar. Nach dem Tod seiner zweiten Frau, einer Engländerin, war der Vater bei einer der beiden Töchter – nun holt ihn David, der Sohn, aus Hamburg ab und bringt ihn nach Bonn zurück, nach Hause. Aber schon da fragt der Vater immer wieder, immer neu, immer nervöser: Und wo fahren wir jetzt hin?

David Wagner, in Andernach geboren und in Berlin lebend, hält sein Prinzip konsequent durch. Er behandelt, quasi als Reporter vor Ort, nur die jeweiligen Besuche und Begegnungen mit dem Vater und schildert sie in protokollarischer Schlichtheit. Ohne Kommentar, ohne zusammenfassende Klammern.

So dominieren die Dialoge und wirken auf Dauer fast wie der Text eines Theaterstücks – das in seinen vielen, manchmal endlosen Wiederholungen durchaus absurde Züge aufweist und dann nicht selten an Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erinnert. Wo sind wir? Was machen wir hier? Wie behalten wir – alternativlos – den Humor?

Wie ein Papagei bringt der übrigens in Bayreuth aufgewachsene Vater (er durfte bei den Festspielen auch mal als Zwerg mitmachen) immer wieder gewisse Sprüche, wie den von Tante Gretl: „Die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Da meint er – denn er erkennt sein Problem – auch sich selbst. Oder: „Ich muss ja schwer auszuhalten sein, dass die Frauen mir immer wegsterben.“ Das bist du natürlich nicht, sagt der Sohn dann jedesmal – und empfindet es, ehrlich wie er ist, auch so.

Andererseits hat Wagner das Drama seines Vaters, den drohenden Selbstverlust, nicht wirklich dramatisiert. Er löst es in Alltagsszenen auf, im familiären Arrangieren, der gemeinsamen, mitunter auch überraschenden Erinnerung an die eigene Geschichte, an Kindheit, Ehen, Wohnorte.

Der positive Effekt: So nah wie jetzt war er dem Vater lange nicht. „Freund“ nennt dieser ihn nur noch, nicht David. Dass die Geschwister ihn dann gleichsam mit einem Trick ins Pflegeheim – immerhin eine Villa am Rhein – locken, weil er nicht mehr alleine bleiben kann, tut da erst recht weh. Ein „Waisenhaus für alte Kinder“, so nennt der Vater, der immer wieder auch enorm hellsichtige Sachen sagt, das Heim.

Wagner ist nicht der erste ernstzunehmende Autor, der das Thema für sich entdeckt – man denke an Arno Geigers bewegendes Buch „Der alte König in seinem Exil“. Wenn der Vater am Ende dann nicht mal mehr den das Buch wie eine Lebensader durchziehenden Fluss erkennt, fallen auch die Sätze dieses Plauderprotokolls wie Bomben. Eine Frage, ja, muss er dem Sohn noch stellen: „Wer sind eigentlich deine Eltern?“

Wolf Ebersberger

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt, 269 Seiten, 22 Euro.

Flo Hayler und die Ramones: ein Leben als Fan

Es gibt wohl kaum eine Band, die posthum so sorgfältig seziert wurde wie die Ramones. Der renommierte Autor Everett True ließ mit seinem Standardwerk „Hey Ho, Let’s Go: Die Story der Ramones“ eigentlich schon keine Fragen offen. Die Musiker Marky und Johnny erzählten höchstpersönlich ihr Leben und ihr Tourmanager Monte A. Melnick plauderte munter aus dem Nähkästchen.

Wilde Jungs: die Ramones (Foto: Warner Music)

Die Dokumentation „End Of The Century“ kratzte dann mit einem schonungslos-ernüchternden Blick hinter die Kulissen am Mythos der vermeintlichen „Happy family“, während Ex-Manager Danny Fields aus seinem Archiv einen opulenten Bildband zusammenbastelte. Zu guter Letzt wurde die Karriere der New Yorker Punkrock-Ikonen auch noch als epische Graphic Novel in Szene gesetzt . . .

Warum al o sollte die Welt noch ein Ramones-Buch brauchen? Vielleicht, weil Flo Hayler etwas erschaffen hat, was man getrost und durchaus im Wortsinn als Opus Magnum bezeichnen darf. Der Musikjournalist und Radiomoderator hat sich 1990 mit dem Ramones-Fieber infiziert und ist der Band in den folgenden Jahren nicht nur durch die halbe Welt nachgereist, sondern pflegte bis zu ihrem Tod auch private Kontakte zu Joey, Johnny, Dee Dee & Co.

Es sind diese persönlichen Begegnungen und intimen Einblicke, die „Ramones: Eine Lebensgeschichte“ weit über eine normale Biografie hinausheben. Auf 640 Seiten schildert Hayler nicht nur kenntnis- wie detailreich die Geschichte der Band, sondern verwebt sie kunstvoll mit seinem eigenen Dasein als „Fanboy“.

Bei aller Bewunderung läuft der Autor, der den fiktiven „Brüdern“ in Berlin sogar ein eigenes Museum gewidmet hat, aber nie Gefahr, sich in devoter Heldenverehrung zu ergehen. Dass er sein Mammutwerk mit einem gnadenlosen Verriss des wohl ziemlich würdelosen Abschiedskonzerts vom August 1996 eröffnet, beweist die kritische Distanz zum Ramones-Kosmos.

Hayler weiß auch, dass sich hinter den stets ein wenig an lebende Comicfiguren erinnernden Jeans- und Lederjacken-Trägern sehr komplexe Menschen verbargen. Der von Zwangsstörungen besessene, hochneurotische Joey, der rechtskonservative, zu Gewaltausbrüchen neigende Kontrollfreak und Reagan-Bewunderer Johnny, der von Drogen und Alkohol gezeichnete Dee Dee: Hinter der coolen Fassade taten sich Abgründe auf. Es ist auch kein Geheimnis, dass sich Joey und Johnny abseits der Bühne regelrecht hassten, weil der Gitarrist dem Sänger einst die Frau ausgespannt hatte.

Zugleich vermittelt Hayler aber auch eine Ahnung von der außergewöhnlichen, fast familiären Bindung zwischen den Musikern und ihrer treuen Fanbase. Und von der wilden Faszination, die die Punkrock-Pioniere mit ihren unverwüstlichen Drei-Akkord-Hymnen wie „Sheena Is A Punkrocker“, „Rock ’n’ Roll Highschool“ oder „Blitzkrieg Bop“ heute noch ausüben – auch wenn ihr ikonisches Logo längst vom Mainstream als Modetrend vereinnahmt wird und T-Shirts von Leuten ziert, die es bei einem Konzert keine fünf Minuten ausgehalten hätten . . .

Neben den ebenso informativ wie unterhaltsam geschriebenen Texten machen Hunderte von exklusiven Fotos sowie Konzertplakate, Tickets, Albumcover, Setlists, Zeitungsartikel und obskure Memorabilien Haylers Schmöker zu einer wahren Bibel für all jene Menschen, denen ein gepflegtes „Gabba Gabba Hey!“ auch heute noch locker von den Lippen geht.

Uli Digmayer

Flo Hayler: Ramones. Eine Lebensgeschichte. Heyne Hardcore, 640 Seiten, 48 Euro.

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Faustisch: Christiane Neudeckers neuer Roman „Der Gott der Stadt“

Faust und Mephisto, die schon wieder? Das ist doch ausgelutscht bis zum Gehtnichtmehr, und doch verkaufen die Mimen ihre Seele und die eigene Mama dazu, um sie auf der Bühne zu verkörpern. Aber es geht auch anders, abseits von Goethe. Wie wäre es mit einem expressionistischen Faust? Mit Entgrenzung pur? Lust, Rausch und Macht, jetzt sofort und auf immer und ewig, und sei es nur für ein paar Momente?

Frankens scharfer Literaturexport: Christiane Neudecker (Foto: Maurizio Gambarini)

Berlin im Herbst 1995. Katharina hat unter Hunderten Bewerbern einen Studienplatz für Regie an der hochangesehenen Piscator-Schule ergattert. Zusammen mit vier weiteren Studenten klebt sie an den Lippen des Bühnengottes Korbinian Brandner, der sie in die Weihen des wahren Theaters ostdeutscher Prägung einführt.

Doch die Anforderungen sind hoch: zweimal versagt, und du fliegst raus! Als Talentprobe sollen die Erstsemester ein Faust-Fragment des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912) erarbeiten.
Doch Brandner hat seine eigenen Methoden. So steckt er jedem Studenten nur ein paar Sätze aus dem Fragment zu, die für sich allein genommen keinen Sinn ergeben, alles und nichts bedeuten. „Die Geister des ermordeten Winter“ oder „ringende Schwarze im Lunapark“ oder „Faust und der Teufel auf dem Mond“.
Jeder soll sich daraus – unabhängig von den anderen – ein Konzept basteln, dieses Konzept vor einer Jury mit Zähnen und Klauen verteidigen und hernach inszenieren.

Dass das nicht gut gehen wird, macht die Autorin Christiane Neudecker schon im Prolog klar. Einer aus der Runde wird sterben. Doch wer? Der Roman „Der Gott der Stadt“ bezieht ein Großteil seiner Spannung aus der Frage, wer aus dem halben Dutzend auf der Strecke bleiben wird. Und da bieten sich alle an: Kollege Schwarz, der lieber Filme drehen will, wirft haufenweise Drogen ein, Francois ist ein sensibles Seelchen, die forsche Nele versteckt ihre Defizite hinter einer Blendfassade, Tadeusz brütet über einem finsteren Familiengeheimnis, und Katharina blufft sich durchs Leben. Und auch in Brandners Keller wesen einige
Leichen.

Die Nürnbergerin Christiane Neudecker ist selbst Theaterregisseurin und hat ihr Handwerk an der Ernst-Busch-Schule in Berlin gelernt. Da liegt die Annahme nahe, dass sie ordentlich aus dem Nähkästchen plaudert. Doch „Der Gott der Stadt“ ist kein Enthüllungsroman und auch kein privates Auskotzen. Er lebt von der genauen psychologisierenden Beobachtung.

So verlässt Neudecker die Perspektive Katharinas und lässt auch die anderen Personen mit ihrem Innenleben zu Wort kommen. Auf diese Weise entstehen heterogene Facetten der fünf Protagonisten. Darüberhinaus versteht es Neudecker grandios, sowohl den Ensemblegeist der Truppe zu beschwören, als auch die Intrigen und Machtspiele untereinander in brutaler Detailfreudigkeit zu skizzieren.

Im Laufe der Handlung erscheint Brandner als ein Mephisto, der in seiner Privatinszenierung fünf faustische Seelen in ihrem Geltungsdrang aufstachelt und gegeneinander ausspielt. Doch der Magus dahinter ist immer noch Georg Heym selbst, der mit seinen sinistren Metaphern alle im Griff hält – und dem die Autorin mit Zitaten und Anspielungen aus seinem Werk Tribut zollt. Schon der Romantitel ist nach einem Heym-Gedicht ausgewählt.

Nicht zuletzt ist „Der Gott der Stadt“ auch ein Berlin-Roman. Das Berlin der Wendezeit erweist sich als ein Kosmos, der wie Frankensteins Monster mit Hochglanz und Marodem, Ost- und Westmentalität, Bruchbuden und Villen, internationalen Wohnheimen und Schatten aus der Vergangenheit zusammengenäht ist.

Und auch ein Zeitroman. In einer Zeit, als es weder Handys noch Internet gab, mutet die Recherche nach den Hinweisen, die Heyms Fragment enthält, wie eine nostalgische Schnitzeljagd durch Bibliotheken, Nazi-Antiquariate und Friedhöfe an – als wären wir mit Dan Brown auf Spurensuche nach den llluminati.
Natürlich steckt auch ein gutes Stück Paranoia und Verschwörungstheorie mit drin. Ist Heym mit seinem Freund wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen? Gehen Satanisten ins Theater? Und warum eigentlich schmeckt der Salbeitee so komisch?

So viele Fragen tauchen im Roman auf. Doch Fragesätze beendet die Autorin nicht mit einem Fragezeichen, sondern einem Punkt. Offenbar ein Stilmittel, bei dem die Antwort schon in der Frage enthalten ist.
Eines aber bleibt unverzeihlich: Bei ihrer Spurensuche liest Katharina in der „Offenbarung von Johannes dem Täufer“. In der Bibel gibt es mehrere Johannes, aber die Apokalypse hat ein anderer geschrieben, nicht der Prophet. Da hat die Autorin im Reli-Unterricht wohl süß geschlummert. Und der Lektor auch.

Reinhard Kalb

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand, 660 Seiten, 24 Euro.

In Bestform: John Grishams „Bekenntnis“

Für den aktuellen Roman von John Grisham braucht man starke Nerven. Auf Netflix ist der US-Bestseller-Autor jetzt ebenfalls zu sehen . . .

John Grisham in der Netflix-Serie „The Innocent Man“ (Foto: Netflix)

„Das Bekenntnis“ ist Krimi, Gerichtsdrama, Familiensaga und Kriegsgeschichte in einem. Grisham hat eine ihm zugetragene Begebenheit, die vielleicht nie stattgefunden hat (siehe Nachwort), mit einer fiktiven
Storyline und historisch korrekten Beschreibungen des amerikanischen Partisanenkampfes auf den Philippinen verknüpft.

Doch der Reihe nach: Hauptfigur Pete Banning ist im Jahr 1946 in seiner Heimatstadt Clanton/Mississippi ein hochangesehener Baumwoll-Farmer, Kriegsveteran und Familienvater. Ausgerechnet dieser Ehrenmann verfolgt ein schreckliches Ziel: Er will den örtlichen Pfarrer und Freund der Familie erschießen: „Der Gedanke daran trieb ihn derart um, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen konnte“.

Und Banning setzt sein exakt geplantes Vorhaben konsequent um. Die Leser werden zu Zeugen – und fragen sich fast 600 Seiten lang: Warum musste der Pastor sterben? Und weil man von Anfang an den Protagonisten mag, ertappt man sich bei dem Gedanken: Er wird schon seine Gründe für die Tat gehabt haben.

Pete Banning hat auch die Folgen seiner Bluttat genau vorhergesehen: Dass man ihn festnehmen, ihm den Prozess machen und die Todesstrafe verlangen wird. In einer für den Leser fast schmerzhaften ersten Hälfte des Buches, die mit „Der Mord“ überschrieben ist, will die Hoffnung nicht schwinden, dass doch alles anders kommt.

Aber Pete Banning hängt nicht an seinem Leben. Er hat nichts mehr zu verlieren, will weder Mitleid, noch Gnade – noch sich irgendjemandem gegenüber erklären. Wie gesagt: Auch dafür wird er seine Gründe haben.
Die zweite Hälfte des Romans beginnt im Jahr 1925: Banning ist ein junger Soldat und verliebt sich in Liza Sweeny, die er bald heiraten und mit der er zwei Kinder haben wird. Dann muss er die Baumwollplantage verlassen und in den Krieg ziehen.

Grisham entführt die Leser nun zu einem Schauplatz des Grauens. Der Todesmarsch von Bataan ging wegen seiner Grausamkeit in die amerikanische „World War II“-Geschichte ein. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 marschierten japanische Streitkräfte zeitgleich in mehrere südostasiatische Länder ein, auch auf den Philippinen.

Die dortigen Soldaten – darunter Zehntausende amerikanische – wurden getötet oder gefangengenommen und in Internierungslager gebracht – zu Fuß. Unzählige starben auf den „Knochenäckern“, wie das zweite Kapitel überschrieben ist. Grisham hat seinem Roman authentische Erfahrungsberichte aus dieser Zeit zugrundegelegt.

Dem Soldaten Banning und einigen Kameraden gelingt die Flucht aus den Reihen der Marschierenden. Sie verschwinden im Dschungel – und rächen sich fortan aus dem Hinterhalt an den Japanern. Später werden die amerikanischen Veteranen in den USA als Helden gefeiert.

Doch nach seiner Rückkehr ist für den Baumwollfarmer nichts mehr so wie früher, hat er doch Dinge gesehen und erlebt, die sich nie mehr ausblenden lassen. Alles was ihm im Kampf Lebenswillen gegeben hatte, war die Liebe zu seiner Frau, seinen Kindern und seiner Heimat.

„Verrat“ heißt der dritte Teil des Buches – und man ahnt Unheilvolles. Bannings Sohn Joel tritt nun in den Vordergrund der Handlung. Er ist inzwischen Jurastudent und hat vor allem eine Mission: das Geheimnis um seinen Vater und dessen Tat zu lüften. Und er will für seine Familie die Farm retten, auf die inzwischen die Witwe des getöteten Pfarrers Anspruch erhebt.

Dessen Ermordung wird erst gegen Ende des Buches nachvollziehbar. Wie in vielen Romanen, die den Krieg thematisieren, geht es auch hier um Traumata und Ängste – und wie diese die Menschen und ihre Wahrnehmung verändern. Soldaten fühlen sich isoliert, von ihrer Umwelt und sogar nächsten Angehörigen nicht mehr verstanden. Sie bringen die Rohheit aus dem Krieg mit, aber auch Resignation – bis hin zur Selbstaufgabe.

Bis zur letzten Seite schafft es John Grisham, die Spannung aufrecht zu erhalten und sorgt sogar noch für eine richtige Pointe. „Das Bekenntnis“ dürfte eines seiner besten Bücher sein. Es ist sein 42.

Übrigens tummelt sich der Jurist und Bestseller-Autor mittlerweile auch auf dem Streamingsender Netflix: Hier tritt der 64-jährige Grisham sogar selbst auf – in einer sechsteiligen Dokumentation namens „Der Gefangene“.

Dabei handelt es sich um die Adaption seines einzigen Sachbuchs aus dem Jahr 2006, das im Amerikanischen „The Innocent Man“ heißt und von zwei Sexualmorden handelt – und natürlich einem Justizirrtum.

Susanne Stemmler

John Grisham: Das Bekenntnis. Heyne, 592 Seiten, 24 Euro

Nell Zinks vergnüglicher Roman „Virginia“

Eine lesbische Studentin und ein schwuler Dichter begegnen sich am College, werden ein Paar und bekommen zwei Kinder. Sie leben eine Weile mehr schlecht als recht zusammen, als sie sich irgendwann die Tochter schnappt und verschwindet. Lee, der Vater, hat sich längst wieder dem eigenen Geschlecht zugewandt.

US-Autorin Nell Zink (Foto: Fred Filkorn, Rowohlt)

Peggy, die Pfarrerstochter, die sich später Meg nennen wird, taucht gar nicht weit entfernt unter, bezieht eine verfallene Baracke in einem sumpfigen Wald und gibt ihrem Kind eine gestohlene Existenz. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit nicht immer legalen Geschäften.

Damit kommen die beiden ganz gut zurecht, zumindest ein paar Jahre lang. Der Rest der Familie hört natürlich nicht auf, die Verschwundenen zu suchen. Es kommt zu Irrungen und Wirrungen der vergnüglichsten Art, bis alle irgendwann wiedervereint sind.
„Virginia“ heißt Nell Zinks Roman, der nach seinem Schauplatz benannt ist und in einem erzkonservativen Winkel der USA handelt, zu einer Zeit, in der sich gerade ein Wandel ankündigt. Die 60er und 70er Jahre erschüttern alte Wahrheiten und Gewohnheiten.

Nell Zink, 1964 in Kalifornien geboren, lebt heute in Deutschland, in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig. Auch sie hat ihrem Leben immer wieder eine neue Richtung gegeben. In „Virginia“ erzählt sie eine phantastische Abenteuergeschichte, voll wilder Phantasie und schrägen Haupt- und Nebendarstellern. Sie wirbelt Gewissheiten durcheinander, spart nicht mit Kritik an ihrem Heimatland, an der Politik, am Rassismus, an den Frauenbildern.

All diese Themen verpackt sie in schräge Begebenheiten, lässt niemals einen belehrenden oder anklagenden Unterton aufkommen. Ihre Heldin emanzipiert sich mutig und zügellos und nimmt dafür einen beträchtlichen sozialen Abstieg in Kauf. Unglücklich ist sie deshalb ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Sie hat sich befreit.
Den Leser freut das außerordentlich. Vor allem, weil er so ein ganz wunderbar heiteres Happy End erzählt bekommt.

Gabi Eisenack

Nell Zink: Virginia. Rowohlt, 320. S., 22 Euro.

O, Mond: „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die gängige amerikanische Karriere. Vom verprügelten Heimkind zum Internet-Krösus und Möchtegern-Astronauten – das klingt nicht unbedingt nach einer deutschen Erfolgskurve.

Was der Autor Norbert Zähringer in seinem fünften Roman „Wo wir waren“ ausheckt, ist im Grunde pure Kolportage: sein Held Hardy Rohn entweicht mit fünf Jahren dem Waisenhaus, wird von einer mitleidigen Familie adoptiert, erfährt die Enge des 1970er-Jahre-Spießertums und die Verlockungen der Alternativkultur, entwickelt in den USA Computerspiele und intelligente Rasenmäher und steigt zum Multimillionär auf.

Norbert Zähringer (Foto: Isabella Scheel/Rowohlt-Verlag).

Damit nicht genug, serviert uns Zähringer auch noch die ganz anders gearteten Lebensläufe von Hardys leiblichen Eltern, der Mutter Martha, die als Giftmörderin im Zuchthaus landet, und des Vaters Jim, eines US-Soldaten, den es von Deutschland nach Vietnam verschlägt.

Ein Drama hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Tatsächlich erzählt Zähringer seine Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern wirbelt die Zeiten und Schauplätze wild durcheinander. Die reichen von 1901 bis 2009, vom Rheingau, wo sich Taunus und Hunsrück gute Nacht sagen, bis nach Los Angeles und Baikonur, vom Kloster bis zum Weltraumbahnhof.

Dreh- und Angelpunkt, demonstrativ als solches deklariertes Zentrum des Romans, ist allerdings der Mond am 21. Juli 1969, als Neil Armstrong seinen Fuß in den Staub des Mare Tranquillitatis setzt. In jenem Moment setzen die drei Erzählstränge ein oder kommt es zu entscheidenden Weichenstellungen.

Der Witz des Romans ist so beschaffen, dass sämtliche Haupt- und Nebenfiguren der verschiedenen Handlungsfäden gelegentlich einander begegnen, ohne sich oder ihre Schicksalsverbundenheit zu erkennen. Dies eben bleibt dem aufmerksamen Leser überlassen.

Damit lädt Zähringer den Leser ein, auf Wolke Neun Platz zu nehmen und gottgleich seine Romanfiguren durchs Schicksals-Opernglas zu betrachten. Betrachtet man die Episoden für sich, so gestaltet der Autor überaus einfühlsame Stimmungen und Milieus: das westdeutsche Kleinbürgeridyll der 1960er und 70er Jahre mit seinen Abgründen in Gestalt sadistischer Heimleiter, zwangsgesteuerter Karrieristen und frustrierter Hausfrauen, und im Gegensatz dazu das freie Leben in Berlin; die „Anything goes“-Mentalität der USA in den 1980er Jahren; und als Zukunftsvision die nachindustrielle Wildnis in Kasachstan mit High-Tech-Ruinen.

Darüber hinaus lebt Zähringers Roman vom Gegensatz aus Enge und Weite im räumlichen wie im geistigen Sinn, aus der Spannung zwischen Abwarten und Aufbruch, zwischen Neugier und Zaudern, zwischen Courage und Duckmäusertum.

Zur inspirierenden Personnage zählen illustre Phänomene der deutschen Nachkriegsgeschichte wie Giftmischerinnen, die sich ihrer bevormundenden Gatten entledigten, SF-Heftromanschreiber im Stile Perry Rhodans, gescheiterte Alternativ-Literaten und natürlich diverse Leichen im NS-Keller.

Doch tatsächlich bedingt erst die Erfahrung der Enge das Erlebnis der Weite. Hätte Hardy seine Passion für den unbegrenzten Raum entwickelt ohne das Erleiden des Eingesperrtseins, ohne das kindliche Spiel im „Raumschiff Orion“-Autowrack?

Die Ironie der Geschichte und die Tücken der Technik zwingen den Hobby-Kosmonauten wieder in die Klaustrophobie: in die Enge einer Sojus-Kapsel, die kindliche Traumata wieder aufrührt.
Doch unser Held ist nicht umsonst nach dem Filmstar Hardy Krüger benannt. Der hatte seinen Durchbruch in der Rolle als deutscher Flüchtling aus englischer Kriegsgefangenschaft. Titel des Films: „Einer kam durch“.

Reinhard Kalb

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Roman. Rowohlt, 500 Seiten, 25 Euro

Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.

Sibylle Bergs scharfer Roman „GRM Brainfuck“

Sibylle Berg gelingt in ihrem jüngsten Roman „GRM Brainfuck“ ein furioser, aber nicht völlig hoffnungsloser Abgesang auf unsere Gegenwart.

Verfickt nochmal! Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (Foto: Pedersen/dpa)

Wie kriegt man unsere chaotische, gespaltene, von Fake-News und sozialen Medien vergiftete, sich mit Drogen und der Gier nach Geld und Anerkennung über Wasser haltende, immer weiter nach rechts und in die Überwachung durch Computer driftende Gesellschaft noch zwischen zwei Buchdeckel?
Der Franzose Michel Houellebecq, von den Gegenwartsautoren einer der wichtigsten, stimmt in seinem jüngsten Roman „Serotonin“ einen Abgesang auf den depressiven alten weißen Mann an. Das wirkt streckenweise ziemlich defensiv und resignativ.

Ganz anders macht das Sibylle Berg, die 56-jährige, ausgerechnet aus der Klassik-Hochburg Weimar stammende, in die Schweiz „geflüchtete“ Prosa- und Theaterautorin, deren Leben von Anekdoten umrankt ist, und die sich so rar macht, wie sie als „Spiegel“-Kolumnistin präsent ist. Sie hat sehr tief Luft geholt, lange nachgedacht, die literarischen Boxhandschuhe angezogen und legt nun einen großen Roman vor, der die Wucht eines Faustschlags hat.

„GRM Brainfuck“ heißt das Werk, das in einem heruntergekommenen Post-Brexit-Großbritannien der Gegenwart und der nahen Zukunft spielt und vier Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die Milieuforscher im prekärsten Prekariat verorten würden.

Der Alltag von Don, Karen, Hannah und Peter im heruntergekommenen Rochdale bei Manchester hat jegliche bürgerliche Strukturen verloren, zudem sind Polizei und Militär privatisiert, die Wirtschaft haben chinesische Investoren übernommen. Politiker sind nur noch Medien-Avatare, die Diktatur kommt in Form eines sedierenden Sozialstaats daher: Wer sich einen Chip zur Totalüberwachung einpflanzen lässt, bekommt dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was leicht zur Karikatur einer dystopischen Gesellschaft missraten könnte, entwickelt dank Bergs originell-intensivem, grammatische Regeln und zeitliche Zusammenhänge verschiebendem Stil einen beklemmenden Sog. Eine Handlung, wie man sie in der Tradition des bürgerlich psychologischen Realismus erwarten würde, gibt es kaum mehr. Die vier Hauptfiguren definieren sich über die Musikrichtung Grime (kurz GRM), eine Mischung aus Rap und Postpunk, die in England immer neue kurzlebige Youtube-Stars produziert und bei Berg zum Soundtrack der sozialen Apokalypse wird.

Aber eben auch zum Hoffnungsschimmer einer Humanität des Trotzdem: Denn über diese Musik finden die Vier zumindest ein Stück weit eine eigene Identität, gelingt ihnen im Chaos um sich herum eine Art Selbstbehauptung, die sie erst zu Menschen werden lässt.

Letztlich kann sich Berg in „GRM Brainfuck“ nicht ganz von der Erzähl-idee einer Künstlerutopie verabschieden. Andererseits, an irgend etwas muss gerade ein Mensch in der heruntergekommensten, perspektivlosesten Gesellschaft ja noch glauben, wenn er nicht völlig seine Seele verlieren will.
So berauscht sich der gut 600 Seiten dicke Roman eben nicht nur am furios und kraftvoll geschilderten Elend unserer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Nein, Berg findet auch zu einem entrückt-schrägen Ton der Hoffnung, vielleicht sogar der Buße, wer weiß? So lange es Menschen gibt, besteht immer auch noch die Hoffnung auf die Befreiung, den Umsturz, die Revolution. Wer Sibylle Berg liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es dafür inzwischen höchste Zeit ist.

Thomas Heinold

Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 Euro.

Die Braut, die sich traut: Ronit Matalons letzter Roman

Die israelische Autorin Ronit Matalon (Foto: Luchterhand)


Dieses Buch macht traurig, bevor man auch nur die erste Zeile gelesen hat. Die israelische Schriftstellerin Ronit Matalon ist am Tag vor ihrem Tod im Dezember 2017 noch mit einem Preis für ihr Werk „Und die Braut schloss die Tür“ ausgezeichnet worden.
Sie konnte bei der Verleihung nicht mehr dabei sein. Ihre Tochter vertrat sie und trug die Dankesrede vor. Darin ließ Ronit Matalon dem Publikum folgendes ausrichten: „Abwesenheit ist manchmal genauso bedeutsam wie Anwesenheit.“
Mit diesen Worten hat sie im Grunde auch die Kernaussage ihres letzten kleinen Romans auf den Punkt gebracht. Es geht um die Abwesenheit einer Braut. Kurz vor der Hochzeit sperrt sich Margi im Schlafzimmer ihrer Eltern ein. Sie will nicht heiraten und weigert sich, den Raum zu verlassen. Keiner versteht warum, denn Margi schweigt eisern. Vor der Tür versammeln sich derweil der Bräutigam und eine Schar Familienangehöriger in Aufregung.
Ronit Matalons Geschichte hat etwas Klaustrophobisches. Die Szenerie vermittelt Enge und Bedrängnis. Die Braut will ihre Ruhe, die Menschen vor der Tür wollen, dass sie ihre Rolle wie geplant spielt. Sie schwanken emotional zwischen Ungeduld, Gereiztheit und Sorge.
Dieses Klein-Drama ist wirkungsvoll inszeniert. Es bringt Verdrängtes und Vergessenes zutage, und führt bisweilen zu skurrilen Reaktionen: Da wird zum Beispiel eine Psychiaterin bestellt, Expertin für „bereuende Bräute“. Aber auch sie, immerhin teuer für ihren Einsatz bezahlt, kann nichts ausrichten.
Ronit Matalon ist 1959 als Kind ägyptisch-jüdischer Einwanderer in Israel geboren. Bevor sie Schriftstellerin wurde, arbeitete sie für die Tageszeitung „Haaretz“. Im Jahr 2000 hat sie ihren Debütroman „Sara, Sara“ veröffentlicht. Eine Geschichte, die für einiges Aufsehen sorgte. Sie handelt von Liebe und Freundschaft vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts: auch ein Vermächtnis Matalons, das es Wert ist, gelesen zu werden.


Gabi Eisenack


Ronit Matalon: Und die Braut schloss die Tür. Roman. Luchterhand, 160 Seiten, 18 Euro.