Virginie Despentes und „Das Leben des Vernon Subutex“

Im Fernsehen kommen Serien wie „Game of Thrones“ oder die deutsche Produktion „Babylon Berlin“ bestens an. Auch die französische Schriftstellerin Virginie Despentes ist ins Serienfach gewechselt. Jetzt schließt sie mit Band 3 ihre 1200-seitige Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ ab.

Virginie Despentes (Foto: AFP/Samson)

Fast am Ende der drei Bände erlaubt sich Virginie Despentes tatsächlich den Scherz und schreibt einen Satz hin, der das, was man sich beim Lesen die ganze Zeit gedacht hat, zusammenfasst: „Um damit fertig zu werden, hat er die Serie geschrieben, es ist ein Riesenerfolg geworden – nicht so eine bescheuerte Actiongeschichte, eine ganz andere Atmosphäre, es macht total süchtig.“

Da hat die Autorin – natürlich augenzwinkernd – die Wirkung ihrer Trilogie gut auf den Punkt gebracht. Die in der Tat süchtig machende Geschichte geht zusammengefasst so: In Band 1 erlebt der ehemalige Plattenladenbesitzer Vernon Subutex in Paris den sozialen Abstieg und landet am Ende auf der Straße. Bis es soweit ist, quartiert er sich mithilfe einer Notlüge bei etlichen alten Bekannten ein – was Despentes die Gelegenheit gibt, ein schräges Kaleidoskop der französischen Gesellschaft zu zeichnen.

In Band 2 lernt Subutex (der Nachname bezeichnet ein starkes Schmerzmittel), auf der Straße zu leben. Er findet bald Gesellschaft – und wird sogar zu einer Art Mittelpunkt von Obdachlosen und Leuten aus seiner Vergangenheit, die glauben, er sei im Besitz von geheimen Aufzeichnungen.

In Band 3 zerbricht die Gemeinschaft, die sich mittlerweile zu legendären „Convergences“ zusammenfindet – eine Art Rave, nur völlig ohne Lichteffekte und ohne Drogen. Vernon ist der Zeremonienmeister und begnadete DJ dieser Treffen. Seine Musik unterlegt er mit geheimnisvollen Klangwellen und verschafft so seinem Publikum nichts Geringeres als Erlösung. Die Gemeinschaft zerbricht übrigens am Geld, und zwar an der Frage, was man mit dem Erbe von Charles anstellen soll. Dieser, ebenfalls obdachlos, hatte vor Jahren im Lotto gewonnen, doch niemals auch nur einer Menschenseele davon erzählt . . .

Außerdem macht sich die bittere Wirklichkeit in der Fiktion des Buches breit: Der Anschlag auf den Pariser Musikclub Bataclan, bei dem am 13. November 2015 fast 130 Menschen starben, lässt keine der Personen im Roman ungerührt. Im weiteren Fortgang der Geschichte wird ein Attentat ebenfalls verhängnisvolle Auswirkungen haben.

Die Stärke der Trilogie besteht darin, dass der Leser die Personen mit der Zeit liebgewinnt, auch wenn sie nicht liebenswert sind. Das gilt für den Antihelden Subutex genauso wie für die „Hyäne“, eine Art heruntergekommene weibliche Superheldin, oder für Laurent Dopalet, einen Filmproduzenten, der ein Meister des bösen Spiels ist.

Die Erzählperspektive tut ihr Übriges: Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer Person erzählt, fast wie bei einem inneren Monolog. Das ist so meisterhaft gemacht, dass dem Leser mit der Zeit sogar Rassisten und Ekel ans Herz wachsen. Zumindest kann man nachvollziehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Hilfreich dabei ist, dass es seit Band 2 am Anfang des Buches ein Personenregister gibt, in dem alle Hauptfiguren aufgelistet sind. Man ertappt sich doch öfter dabei, wie man wieder einen Namen nachschlägt . . .

Ein Problem ist natürlich der schiere Umfang des Werkes: Drei Bände à 400 Seiten sind erstens nicht ganz billig, zweitens braucht es ein gewisses Durchhaltevermögen. Eine Serie im Fernsehen zu schauen ist definitiv leichter! Doch „Das Leben des Vernon Subutex“ wird sicher bald verfilmt – wer würde sich einen solchen Bestseller schon entgehen lassen!

Wie heißt es kurz vor dem Ende des dritten Bandes? „Die Fabriken produzieren die Granaten, die Dopalets produzieren die Geschichten.“ Virginie Despentes hat beides geschafft: Sie hat eine Geschichte geschrieben, die eine echte Granate ist!

Christian Ebinger

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Band 3. Kiepenheuer & Witsch, 416 S., 22 Euro.

Filmstar Brigitte Bardot blickt zurück

Mit den Tieren kamen die Tränen: Die französische Filmlegende Brigitte Bardot veröffentlicht mit 84 Jahren ihre Lebensgeschichte in Buchform. Doch die ist eher eine Abrechnung mit ihren Mitmenschen als die versprochene Autobiografie.

Gut, dass Brigitte Bardot wenig mit Nürnberg zu schaffen hat. Die Debatte über die Dezimierung der Wildgänse, die den Wöhrder See verschmutzen, ginge ihr wohl so an die Nieren, dass man sich weniger um den Fortbestand der Gans als um den Fortbestand der Bardot sorgen müsste. „Ich habe so oft und so sehr um Tiere geweint, dass mir ein Augenarzt eines Tages sagte, ich hätte keine Tränen mehr“, schreibt die Schauspielerin in ihrer Lebensbilanz.

Die französische Schauspielerin Brigitte Bardot blickt auf ihr Leben zurück (Foto: Eric Feferberg/AFP/dpa)

Brigitte Bardot: Sie war einmal eine Legende – heute ist sie ein einziges Lamento. „Tränen des Kampfes“ heißt das Buch, das die französische Journalistin Anne-Cécile Huprelle in langen Interviewsitzungen mit ihr herausgebracht hat. Anders als der Titel, der das folgende Pathos ziemlich gut zusammenfasst, ist der Untertitel „Autobiografie“ eine Lüge. Über Brigitte Bardots Lebenslauf erfährt der Leser so gut wie nichts, was über Wikipedia hinausreicht – dafür über ihre Aktivitäten als Tierschützerin mehr, als er je wollte.

„Schon als Kind fühlte ich mich als Tier“, „Für Robben empfinde ich eine grenzenlose Zärtlichkeit“, so fangen die Kapitel an. Sie behandeln, neben esoterischen Betrachtungen von tierischen und menschlichen Seelen, Themen wie Walfang, Tierdressur, Schlachthöfe und die Arbeit der Bardot-Stiftung. Das meistverwendete Wort bleibt jedenfalls „Tier“.

Auch das könnte erquicklich sein, spräche aus Bardots Reflexionen nicht so viel Arroganz. „Das Filmgeschäft habe ich nie gemocht, es diente mir nur als Sprungbrett“, stellt sie fest. Am Schauspiel – und man muss ihr recht geben, ihr Erscheinungsbild war die größere Stärke – habe sie nie Freude gehabt, im Gegenteil. Der Starrummel um ihre Person sei ihr falsch und hohl erschienen, habe sie in die Depression gestürzt. „Berühmtheit ist ein Gift, und mich hat es davon abgehalten, mein Leben zu leben.“ Zu ihrem 80. Geburtstag, noch vier Jahrzehnte nach dem Ausstieg aus dem Jetset, habe sie 100 000 Briefe aus aller Welt erhalten – aber wer kenne sie als Mensch wirklich?

So weit, so traurig. Doch andererseits beschreibt sich der Schmollmund der Nation etwas zu prahlerisch als freigiebigen, altruistischen, unkonventionellen und aufrichtigen Charakter, ja eigentlich als Erbin des heiligen Franz von Assisi, als dass man für diese Selbstdarstellung Sympathie aufbringen könnte.
Bardot, die Missverstandene? Auf ihre bereits strafrechtlich verurteilte Nähe zur extremen politischen Rechten in Frankreich geht sie nicht tiefer ein, abgesehen von der Bekundung, sie sei gewiss keine Rassistin, sondern nur Gegnerin des rituellen Schächtens. Aus Sorge ums Tier natürlich. Zu Hause in Saint-Tropez stehe sie heute jeden Tag um neun Uhr auf, füttere als Erstes ihre Hunde und 200 Tauben und frühstücke dann mit Bernard d’Ormale, ihrem vierten Mann. Ziege und Schwein sind auch dabei. Die Gräber ihrer Verflossenen pflege sie übrigens genauso hingebungsvoll wie die ihrer toten Tiere. „Ich liebe die Liebe, und genau deshalb war ich so oft untreu.“

BB, oje!

Isabel Lauer

Brigitte Bardot: Tränen des Kampfes. Nagel & Kimche, 327 Seiten, 22 Euro.

Flüchtlingsdrama oder Doku-Soap? Timur Vermes’ neuer Roman

Für manche Bürger ist das die absolute Horror-Vorstellung: Ein Zug von 300 000 Flüchtlingen rollt auf die deutsche Grenze zu. Aus dem Stoff kann man einen Roman machen wie Timur Vermes, der vor ein paar Jahren mit der Hitler-Reinkarnation „Er ist wieder da“ bekannt wurde. „Die Hungrigen und die Satten“ heißt sein neues Buch. Nicht uninteressant. Aber schlechte Literatur.

Bestsellerautor Timur Vermes. (FOTO: Michael Matejka)

Schuld ist Nadeche Hackenbusch, die prominente Fernsehmoderatorin aus der Abteilung Doku-Soap. Muss sie doch ihre Kameras in einem afrikanischen Flüchtlingslager aufbauen, um Quote zu machen. Muss sie sich überdies in einen virilen Flüchtling verlieben, der nicht in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer ertrinken, sondern lieber zu Fuß ins Traumland mit dem „Ottobafes“ marschieren will. Noch dazu vor laufenden Kameras, die Sicherheit garantieren. Die Flucht als Life Show. Besorgte Bürger glauben sowieso, die Medien seien für alles Schlimme verantwortlich.

Damit hat Timur Vermes, in Nürnberg mit ungarischem Migrationshintergrund geboren, den Handlungsstrang gesponnen. Er drillt ihn zusammen aus vier regelmäßig wechselnden Perspektiven: dem Geschehen um Nadeche, den Ereignissen im Flüchtlingszug, der sich erstaunlich gut zu organisieren weiß, den Diskussionen von Nadeches heimischen Fernseh-Bossen und den Reaktionen der deutschen Innenpolitik um zwei wechselnde Minister (der eine ist zu human und wird abgelöst). Dazu gibt es eingeblendete Beiträge einer Nadeche verklärenden Bloggerin – womit der Autor wohl auf seine Herkunft aus dem Boulevard-Journalismus verweist.

Der vermischt Katastrophenberichterstattung ja gern mit flapsigem Tonfall. So scheint Timur Vermes immer mal wieder Anläufe zur Satire (vor allem zur Medien- und Lifestyle-Satire) zu nehmen. Aber das Ende der Geschichte ist eigentlich ganz schrecklich. Soll dem Leser das seitenweise bewusst angezettelte Lachen vergehen? Wobei den Schlusspunkt nochmals ein komischer Schlenker setzt. Schwarzer Humor nach Tausenden von Toten? Oder kann es der Autor nicht besser?

Timur Vermes erinnert an einen großen deutschen Unterhaltungsschriftsteller des ausgehenden 20. Jahrhunderts, der heute fast völlig vergessen ist: Johannes Mario Simmel. Der hatte gern gesellschaftskritische Ambitionen. Der füllte die Seiten mit langen Dialogen, ein Stilmittel, das auch Vermes nutzt. Aber Simmel traute seinen Lesern Verdichtungen und Handlungs-Montagen zu, die Vermes vermeidet. Aus Sorge, der Leser könnte irgendwann nicht folgen, wird die Handlung deutlichst ausgebreitet.

Was machen wir also mit „Die Hungrigen und die Satten“, außer Zeit zu vertreiben? Reflektieren wir über die prekäre Lage des Globus als Ausgangspunkt von Flüchtlingsströmen? Befeuern wir unsere Ängste vor kultureller und sozialer Überfremdung? Oder schmunzeln wir über komische Sprüche in den Promi-Welten von Medien und Politik? Der Roman bietet diverse Möglichkeiten, kann sich letztlich aber für keine entscheiden. Immerhin ist das letzte Drittel leidlich spannend und lässt vergessen, wie seltsam konstruiert der Exodus der Flüchtlingsmassen anfangs wirkt.

Ein Exodus der Hoffnung, der in Hoffnungslosigkeit endet? Das Buch klappt zu, die Fragen bleiben offen.

Herbert Heinzelmann

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten. Roman. Eichborn Verlag, 509 Seiten, 22 Euro.

Elegisch: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“

Ob er will oder nicht – und dankbar sein darf er ohnehin –, gehört Michael Ondaatje zu den Autoren, die man nicht erwähnen kann, ohne den einen Romantitel zu nennen, dem sie ihren Erfolg, ja vielleicht ihre gesamte Karriere verdanken. Bei Daniel Kehlmann ist es „Die Vermessung der Welt“, an der er selbst nun immer gemessen wird, bei dem Kanadier Ondaatje „Der englische Patient“. Bereits 1992 erschienen, kongenial verfilmt von dem frühverstorbenen Briten Anthony Minghella, am Ende ausgezeichnet mit neun Oscars: ein Welthit, so oder so.

Vor kurzem wurde das Buch auch noch als der beste englisch-sprachige Roman der letzten 50 Jahre mit einem goldenen „Booker Prize“ geehrt. So viel Ehre – die einen seriösen Schriftsteller, und das ist er, sicher auch belasten kann. Denn wie knüpft man an solche Erfolge – und die damit verbundenen Erwartungen – an?

Das Cover

Ondaatje hat einfach weitergeschrieben, ohne jeden Druck, befreit vielleicht sogar für die Geschichten, die er erzählen wollte, und die Weise, wie er sie erzählen wollte. Denn einfach ist sie nicht. Wie in einem Puzzle setzt der Autor, der auch Lyriker ist, was man immer deutlich merkt, seine Geschichten Steinchen für Steinchen zusammen – ohne lineare Ordnung oder einen klar konstruierten Rahmen. Ein Impressionist der uneindeutigen Erinnerung – darauf muss man sich einlassen.

In seinem neuen Roman „Kriegslicht“ geht er zurück in die kurze Zeit, die er als junger Mann in England verbrachte. Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, kam nach der Trennung der Eltern (der Vater war Holländer) dorthin, bevor er mit seinem Bruder weiter nach Kanada ging, wo er seither lebt.

Nathaniel heißt sein jugendliches Alter Ego nun. Ein braver, bürgerlicher Junge, der vierzehn Jahre alt ist, als er und seine kleinere Schwester Rachel vor einer schmerzhaften familiären Wende stehen: Der Vater muss beruflich nach Sri Lanka, die Mutter bleibt noch kurz, dann wird sie ihn begleiten. Die Kinder sollen in London bleiben und ins Internat. Ein Vertrauter, Walter, den sie aber lieber „Falter“ nennen, kümmert sich um sie.

Es ist ein Nachtfalter – eine obskure Figur mit noch obskureren Freunden, die nun alle ins Haus kommen und die zuerst irritierten, dann faszinierten Kinder in eine ganz andere Gesellschaft, eine andere Welt einführen. Und Nathaniel macht gerne mit. Etwa, wenn er nächtens mit einem nur „Boxer“ genannten Kleinkriminellen auf der Themse unterwegs ist und Windhunde für die Rennbahn einschmuggelt . . .

Es ist 1945, erste Nachkriegszeit, und doch herrscht noch immer „Kriegslicht“: Verdunklung, Heimlichkeit, Zwielicht – auch moralisch. Genau darin liegt der erzählerische Reiz, im Flair wie bei Charles Dickens oder Joseph Conrad, ambivalent aufgeladen, nebelhaft, romantisch. Was soll Nathaniel übrigens von seiner Mutter halten, deren vollgepackten Koffer er unerwartet im Keller entdeckt? Hat sie alle belogen, ist sie immer noch im Lande? Und was macht sie dann?

Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sie für den Geheimdienst arbeitet. Ondaatje verrät es selbst nach nicht allzu vielen Seiten. Wichtiger und weniger fassbar bleiben die Folgen, um die es in „Kriegslicht“ geht: um die letztlich zerstörten Leben und Lieben, die der Kampf für eine gute Sache (mit allen unguten Mitteln und Nebenwirkungen) mit sich bringt.

Erst im Nachhinein wird Nathaniel, der selbst in der Diplomatie landen wird, seine Mutter – die große Unbekannte, Fremde, Kalte – begreifen lernen, wird sich in sie hineinversetzen, ihre Beweggründe erkennen, notfalls als Fiktion. Dass er selbst dabei ein Phantom bleibt, ein ungelebtes Leben, ist die bittere Pointe dieser hintergründigen, auf hochelegante Art tristen Elegie eines trauernden Sohnes.

Wolf Ebersberger

Erzähler gebrochener, bruchstückhafter Lebensläufe: Michael Ondaatje, der morgen 75 wird. Foto: dpa

Kampf ohne Ende: Holger Afflerbach über den Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg, der vor hundert Jahren langsam zu Ende ging, hat ein zerstörtes Europa hinterlassen. Rund zehn Millionen Menschen mussten sterben. Die Nachkriegsordnung, die nach dem November 1918 entstanden ist, schuf aufgrund der harten Friedensbedingungen die Grundlage für Hitler und den Zweiten Weltkrieg. Auch die russische Revolution 1917 wäre ohne die Zerstörungskraft des Ersten Weltkriegs nicht möglich gewesen.

In den sechziger und siebziger Jahren schien es, dass sich die These des Hamburger Historikers Fritz Fischer durchsetzen würde: eben dass das Deutsche Reich mit seinem „Griff nach der Weltmacht“ die Hauptschuld am Ausbruch der Ersten Weltkriegs und damit auch für seine Folgen trägt. Dieser Deutungsansatz wurde aber immer wieder hinterfragt und zuletzt von dem australischen Historiker Christopher Clark in seinem Buch „Die Schlafwandler“ regelrecht zerlegt.

Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um Absolution, denn die deutsche Politik hat 1914 viele Fehler gemacht, sondern um Differenzierung. Es gab kein in sich geschlossenes Konzept für den Griff nach der Weltmacht in der deutschen Gesellschaft, sondern nur ein kleiner, aber lautstarker Teil der deutschen Elite verfolgte dieses imperialistische Ziel.

Aber auch in Frankreich, Russland oder England gab es imperialistische Zielsetzungen, und Amerika strebte die Weltherrschaft an Stelle von England im internationalen Handel an. Dabei waren
die aufstrebenden Deutschen nur hinderlich. Die deutsche Führung war auch nicht so eindeutig auf umfassende Eroberungen festgelegt, wie oft behauptet wurde, so Holger Afflerbach, Professor für Europäische Geschichte an der Universität Leeds, in seinem Buch „Auf Messers Schneide“.

Afflerbach schildert die Entwicklung der deutschen Kriegsziele sehr genau und verweist darauf, welche Interessengruppen dahinterstanden und warum sie sich verändert haben. Wohltuend sind auch Afflerbachs Einschätzungen der Fehler deutscher Militärs und Politiker, die er zwischen Dummheit, fehlendem Wissen und Überreaktion einstuft, die aber von der englischen Propaganda sehr geschickt und vor allem bei den neutral gebliebenen Ländern gegen Deutschland ausgenutzt wurden: etwa der unkluge deutsche Kampf gegen die belgische Bevölkerung, der dann die Vorlage für das Bild vom bösen „Hunnen“ auf anglo-amerikanischer Seite bildete.

Nur ganz nebenbei: Die englische Blockade der deutschen Seehäfen war genauso völkerrechtswidrig wie der U-Bootkrieg. Propagandamäßig hatten die Deutschen ohnehin schon in den ersten Monaten nach dem August 1914 den Krieg verloren – was die Begeisterung im Inneren aber zunächst weiter aufheizte. Holger Afflerbach geht auch der Frage nach, warum der Erste Weltkrieg bis zum Letzten ausgefochten wurde und warum, trotz der desaströsen Auswirkungen auf beiden Seiten, Friedensbemühungen der Mittelmächte keinen Erfolg hatten und der Rutsch in den Abgrund weiterging.

Eine seiner Thesen ist, dass die Mittelmächte bei den Alliierten mit ihren Friedensbemühungen keine Chance hatten, weil nach dem Kriegseintritt der USA der Sieg der Entente sicher war und nur so die eigenen – imperialistischen – Kriegsziele durchzusetzen waren. Einige Gesprächsangebote wurden wiederum von den Mittelmächten nicht aufrichtig verfolgt.

Afflerbach hat ein nachdenklich machendes Buch geschrieben: Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hätte immer wieder gestoppt werden können, wenn man es gewollt hätte. Auch daran tragen alle Beteiligten ihre Schuld.

André Fischer

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor. Verlag C. H. Beck, 664 Seiten, 29,95 Euro.

Maja Lunde zum Klimawandel: Am Tag, als kein Regen kam

Die norwegische Autorin Maja Lunde hat mit ihrem neuen Roman „Die Geschichte des Wassers“ erst den zweiten von vier geplanten Büchern zur Umweltproblematik geschrieben. Doch schon jetzt dürfte klar sein, dass die Reihe ein Erfolg wird.

Denn bereits ihr erster Roman „Die Geschichte der Bienen“ war bald in den Bestsellerlisten. Und auf den zweiten Roman scheint die Leserschaft geradezu gewartet zu haben. Kurz nach Erscheinen war er einer der gefragtesten in den Buchhandlungen. Und das, obwohl er noch konstruierter wirkt als der Bienenroman; dort wird das Thema Insektensterben aus den drei Perspektiven Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgerollt.

Die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde. (Foto: Sigrid Harms/dpa)

Die Geschichte des Wassers dreht sich letztlich um ein Segelboot. Nicht von ungefähr lautet der norwegische Buchtitel „Bla“, so wie das Schiff von Signe heißt, jener Frau, die noch als 67-Jährige für den Erhalt der Umwelt kämpft.

Später, im Jahr 2041 – Signe ist schon lange tot, der Regen in Südeuropa seit Jahren ausgeblieben – hat sich die Landschaft in eine Sahelzone verwandelt. Da wird das Boot noch einmal eine Rolle spielen. Mehr sei hier nicht verraten.

Jedenfalls versucht David, nachdem seine Entsalzungsanlage in Südfrankreich bei einem Großbrand vernichtet wurde, mit seiner Tochter in den Norden zu gelangen, wohin es alle drängt. In die Wasserländer, die inzwischen allerdings ihre Grenzen geschlossen haben. David und Lou finden in einem Flüchtlingslager Platz. Dort ist bereits alles in Auflösung begriffen.

Und gerade hier erweist sich die Erzählstärke Maja Lundes, die – psychologisch geschult – die Schwächen und Stärken von Menschen in Grenzsituationen exakt zu beschreiben vermag: die Kämpfe mit dem inneren Schweinehund, den Altruismus im Ringen mit dem Egoismus. Lethargie hier, Erfindergeist dort, Nächstenliebe und Fremdenhass.

Im Anhang des Buches nennt die Autorin eigens vier Werke, auf die im Roman Bezug genommen wird. Da ist zum Ersten Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ über die Banalität des Bösen. Offenbar sieht Maja Lunde uns alle, die wir es wissen hätten können, in der Rolle der Mitläufer und Mittäter, die ihr Gewissen ausgeschaltet haben und sich auf „Die da oben“ berufen, die alles scheinbar richtig machen. Scheinbar. Denn die Folgen sind oft katastrophal.

Die amerikanische Sängerin und Songwriterin Joni Mitchell hat, zweitens, mit ihrem Lied „River“ den Grundton zum Roman geliefert. Simone de Beauvoir wiederum hat seherisch in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ die Gender-Frage als erste analytisch beleuchtet.

Inzwischen ist Geschlechtergerechtigkeit zu einem Forschungsgegenstand geworden. Menschen sollen mehr Möglichkeiten haben als das, was aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts gesellschaftlich nahezuliegen scheint. Anders ausgedrückt: Frauen sollen sich etwa, weil sie Kinder gebären können, nicht allein auf die Mutterrolle festlegen müssen . . .

Schließlich nimmt Maja Lunde auch Bezug auf Joshua Slocums Buch „Erdumsegelung – ganz allein“. In der „Geschichte des Wassers“ wird ein Segeltörn von Signe so ausführlich beschreiben, dass man auch als fränkisches Landei weiß, was ein Großsegel, eine Pinne oder das Spinnaker ist. Jedenfalls darf man gespannt sein, welches Umweltthema im nächsten Buch der Reihe behandelt wird.

Raimund Kirch

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Roman. Deutsch von Ursel Allenstein. btb Verlag, 580 Seiten, 20 Euro.

Jakob Heins spannende „Orient-Mission“

Im Ersten Weltkrieg rief der türkische Sultan auf deutsche Initiative hin den Dschihad aus, den Heiligen Krieg zur Verteidigung des Islams – davon handelt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, der neue Roman von Jakob Hein.

Diesmal historisch: Jakob Hein. (Foto: Susanne Schleyer/Literaturclub Nürnberg/Verlag)

Eigentlich hatte Leutnant Edgar Stern ja lediglich vor, den Suez-Kanal zu sprengen. Denn dann, so sein Plan in den ersten Kriegswochen im Jahr 1914, hätten die Engländer alle Hände voll zu tun, um die Lage dort in den Griff zu bekommen. Ein Krieg gegen Deutschland „wäre mit einem Schlag von untergeordneter Bedeutung“. Dieser Plan wird nach der Sperrung der Dardanellendurchfahrt durch das Osmanischen Reich zwar undurchführbar, zugleich aber hat der junge Leutnant beim Kriegsministerium auf sich aufmerksam gemacht – und sich so offensichtlich für einen anderen, nicht minder heiklen Auftrag empfohlen.

Ein deutscher Diplomat mit dem klangvollen Namen Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen hat den türkischen Sultan davon überzeugen können, den Dschihad auszurufen. „Wenn sich die Muslime der Welt gegen ihre Unterdrücker erheben, ist das ganz großartig für das Reich“, erklärt Schabinger dem Leutnant Stern. Denn in dem unter britischer Herrschaft stehenden Indien gebe es ebenso Muslime wie in Russland oder den französischen Kolonien. In Deutschland aber nicht. Die deutschen Kriegsgegner wären dann also in enormer Bedrängnis.

„Wenn all diese Mohammedaner nun dem Ruf des Sultans folgen und sich erheben, dann ist unser Krieg in Europa schon so gut wie gewonnen“, freut sich Schabinger. Stern wiederum fällt die Aufgabe zu, eine Gruppe muslimischer Kriegsgefangener nach Konstantinopel zu schleusen, damit sie dort pünktlich zur Proklamation des Dschihad dem Sultan zujubeln und von der Solidarität Deutschlands zeugen können. Die aus Afrika stammenden Kriegsgefangenen wiederum waren von den Franzosen für den Krieg rekrutiert worden und heilfroh, als sie lebend in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Dem Leutnant ist klar, dass er die 14 Männer nicht irgendwie unauffällig über die verschiedenen Landesgrenzen schmuggeln kann – und ergreift die Flucht nach vorne, in dem er sie als bunte Zirkustruppe und sich selbst als deren Direktor ausgibt.

Hein, der zuletzt den komischen Schelmenroman „Kaltes Wasser“ vorgelegt hat (2016), wagt sich diesmal an einen verbürgten Stoff und mithin an das Genre des Historischen Romans. Er schreibt gleichwohl auch hier wieder sehr amüsant und unterhaltsam, zugleich wird es an etlichen Stellen richtig spannend – etwa, als die Tarnung der falschen Zirkustruppe an der rumänischen Grenze aufzufliegen droht.

Der Text ist klug komponiert, die Geschichte wird weder von einem allwissenden noch von einem Ich-Erzähler berichtet, sondern vielmehr aus der Perspektive einzelner Protagonisten wie Stern, Schabinger oder auch des Afrikaners Tassaout. Er gehört zu jenen 14 Männern, die nicht mal wissen, was ein Zirkus ist, sich nun aber als Artisten ausgeben sollen.

Die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs werden weitgehend ausgeblendet – es geht weniger um Schlachtfelder als um das diplomatische Parkett. Allerdings bekommen der als grundsympathische Figur gezeichnete Stern und seine Gefährten durchaus mit, wie die Türken die Armenier verfolgen und dabei auch auf die deutsche Loyalität vertrauen können. „Das Deutsche Reich wird es sich bestimmt nicht mit den Türken verderben“, begründet Botschaftsrat Konstantin von Neurath (er macht später unter Hitler Karriere und wird bei den Nürnberger Prozessen zu 15 Jahren Haft verurteilt) die Abberufung eines allzu armenierfreundlichen deutschen Botschafters aus Konstantinopel.

Dass der Sultan zum Krieg aufruft, interessiert die Muslime übrigens nicht wirklich. Eine schöne Pointe eines gelungenen Romans.

Marco Puschner

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Galiani Verlag, 256 Seiten, 18 Euro.

Philippe Sands’ herausragende Reportage: „Rückkehr nach Lemberg“

Nürnberg, im Herbst 1946. Im Gerichtssaal 600 fallen die Urteile gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher. Der brillante Robert Jackson ist die Ikone in diesem revolutionären Strafprozess. Im Schatten des US-amerikanischen Hauptanklägers ziehen aber auch heute vergessene Juristen die Fäden.
Von zwei Männern aus der zweiten Reihe erzählt der britische Völkerrechtsexperte Philippe Sands in „Rückkehr nach Lemberg“. Dabei wollte er anfangs nur seine jüdische Familiengeschichte erforschen.

Am 20. November 1945 begann der Hauptkriegsverbrecherprozess im Schwurgerichtssaal, Justizpalast an der Fürther Straße. Die Aufnahme zeigt den Saal mit den Angeklagten und ihren Verteidigern. (Foto: Ray D’Addario, 1946/Stadtarchiv Nürnberg).

Für die „Bekämpfung der Juden“, so hielt Hans Frank im Juni 1944 in seinem Diensttagebuch fest, was er soeben in einer Rede vor Parteiführern gesagt hatte, „war es unerläßlich, daß wir Polen bekamen . . . Seit der Ausrottung der Juden in Polen ist es, rein blutsmäßig gesehen, mit der jüdischen Zukunft vollkommen vorbei; denn nur hier gab es Juden, die Kinder hatten.“

Die Tage des „Schlächters von Polen“ waren bald darauf gezählt. Gute zwei Jahre später, am 16. Oktober 1946, wurde Frank in Nürnberg am Galgen hingerichtet. Als Hitlers Statthalter in den besetzten polnischen Gebieten hatte er die nazideutsche Mordmission im Osten systematisiert, unter anderem mit den Vernichtungslagern von Treblinka, Belzec und Majdanek. Nach dem Völkerrecht war er damit schuldig geworden.

Der Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg brach erstmals in der Weltgeschichte mit einem tradierten Konzept: Er machte Schluss mit der unantastbaren Souveränität eines Staates. Wer im Namen eines Landes Unrecht gegen Individuen oder Gruppen beging, blieb nun nicht mehr immun gegen Strafverfolgung.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord sind seit Nürnberg strafbar, auch wenn die Ahndung in der Realität viel zu oft scheitert. Zu verdanken ist dieser zumindest theoretische Durchbruch zwei Männern, denen der britische Rechtsanwalt Philippe Sands mit einem Buch ein Denkmal setzt: Hersch
Lauterpacht (1897–1960) und Raphael Lemkin (1900–1959).

Während Lauterpacht den Tatbestand der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ für den Prozess ausarbeitete und maßgeblich die britische Anklage beriet, entwickelte Lemkin im Hintergrund noch während des Kriegs den Begriff „Genozid“.

Die beiden polnisch-jüdischen Rechtsgelehrten, die als Nachbarn und Studienkollegen aufwuchsen, einander jedoch nur flüchtig kannten, standen damit in einer bizarren Konkurrenz. Sands problematisiert eindrücklich, wie der rechtliche Schutz von Bevölkerungsgruppen den Schutz der individuellen Menschenrechte stören, ja aushebeln kann.

Internationale Strafverfolger sind uneins, ob der Tatbestand „Völkermord“ Konflikte zwischen Gruppen nicht sogar schürt, weil er ihre Identitäten stärkt. „Rückkehr nach Lemberg“ zeichnet Lauterpachts und Lemkins ähnliche Werdegänge nach, ihre konträren Persönlichkeiten und Rechtsauffassungen – aber noch weit mehr. Es ist kein ganz übliches Sachbuch. Ein halb autobiografischer, experimenteller Zug macht es besonders und hervorragend. Denn Lauterpacht und Lemkin waren Zeitgenossen von Sands’ Großvater.

Alle drei kamen aus der Stadt Lemberg, heute Lwiw in der Ukraine, und alle drei konnten vor Hans Franks Judenverfolgungskommando ins Exil entkommen. Philippe Sands schließlich – ist das noch Zufall? – schlug eine Laufbahn in der internationalen Verfolgung von Menschenrechtsverbrechen ein, klagte etwa den chilenischen Diktator Augusto Pinochet an, lange bevor er nun seine eigene Identität erforschte.

Es ist müßig, seine Recherchen nachzuerzählen, derart akribisch ist er über Jahre vorgegangen, um die Welt gereist und in Archive gestiegen. Dabei lüftete er so manches Familiengeheimnis. Nicht alle Gesprächspartner waren so leicht aufzutun wie die Mitarbeiter des Memoriums Nürnberger Prozesse oder der Sohn Hans Franks, Niklas Frank, der seit Jahrzehnten öffentlich seinen Nazi-Vater hasst.

Sands’ Mutter, seine wichtigste Zeitzeugin, lebte zwar noch, hatte als Spross einer typischerweise im Schweigen gefangenen Familie von Holocaust-Überlebenden aber außer einigen Fotos und Briefen wenig beizusteuern.

Geschichte schillert in diesem Buch vielfarbig, und sie schillerte ja tatsächlich in Lemberg. Seit dem Ersten Weltkrieg war es ein Ort voller ethnisch-kultureller Spannungen, weil wechselnde Machthaber – von 1941 bis 1945 dann Hans Franks Generalgouvernement – ihn einander entrissen wie ein Stück Beute.
Als hätte es übrigens noch einer weiteren kritischen Stimme gegen das fragwürdige neue „Holocaust-Gesetz“ in Polen bedurft, dokumentiert Sands’ Spurensuche auch Antisemitismus und Judenpogrome im unabhängigen Polen der Zwischenkriegszeit.

Das Buch, im Original nach der Adresse des großväterlichen Elternhauses „East West Street“ betitelt, hat sogleich Literaturpreise bekommen – durch und durch verdient. Sands besitzt die unter Juristen seltene Gabe, eine komplexe Faktensammlung zu einer Reportage zu verweben, die spannend zu lesen bleibt. Dabei hilft ihm die Unbefangenheit, mit der man im angloamerikanischen Sprachraum die Ich-Perspektive beim Schreiben einsetzt.

Von der persönlichen Betroffenheit lässt sich Sands kaum emotionalisieren, er schafft es auch, die Exkurse zu Hans Franks Terrorherrschaft – die allein Bücher füllen könnte – knapp zu halten. Er ist kein Historiker, muss daher an manchen Punkten an der Oberfläche bleiben, und hat es dennoch geschafft, aus der Historie der Nürnberger Prozesse neue Aspekte herauszuarbeiten.

Wo private und politische Geschichte so nachvollziehbar in Beziehung gesetzt werden, kann die Erkenntnis wachsen.

Isabel Lauer

Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. S. Fischer Verlag, 592 Seiten, 26 Euro.

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.

Hans Pleschinski lässt Gerhart Hauptmann jammern: „Wiesenstein“

Hans Pleschinski hat einen Roman über die letzten Tage Gerhart Hauptmanns geschrieben. Muss man ihn lesen?

Gerhart Hauptmann gilt als einer der umstrittensten Charaktere der deutschen Literatur: ein Nobelpreisträger, der in seinen Dramen alltagsnah das Proletariat beschrieb und doch ästhetisch dichtete, der im Nationalsozialismus konform blieb und als Staatsdichter inszeniert wurde, während seine couragierteren Kollegen flohen oder starben. Mit diesem Gegensatz hat sich auch Hans Pleschinski beschäftigt. Nachdem er bereits einen intimen Roman über Thomas Mann geschrieben hat, liefert er mit „Wiesenstein“ ein Werk über das Ehepaar Hauptmann.

Gerhart Hauptmann (1862 bis 1946). Foto: dpa

Der Roman handelt von ihrer Zeit im Jahr 1945 als Punkt der politischen Wende und der persönlichen Einsicht und Scham des vergreisten Dichters und seiner Frau Margarete. Nachdem Letztere im März aus einem Sanatorium im zerstörten Dresden entlassen wird, fährt das Paar zurück in sein schlesisches Anwesen Wiesenstein, um dort das Kriegsende zu erleben.

Hier treffen sie, als gebrochene und verzweifelte Menschen, auf allerlei Gestalten: vom SS-Mann über Diener, Sekretäre, inzwischen selbstkritische frühere Nazis aus ihrem persönlichen Umfeld, bis zu polnischen Sowjets. Alle errichten ähnliche Gedankengebäude vor ihnen, suchen nach Liebe oder Absolution oder wollen diese vergeblich erteilen. Wollen die Hauptmanns entweder vor den Siegermächten schützen oder sie erneut instrumentalisieren, bis Gerhart 1946 schließlich stirbt.

Pleschinski hat Hauptmanns letztes Lebensjahr minutiös recherchiert und einen nichtfiktiven Roman verfasst. Er möchte keine Kriegsszenarien fantasieren, sondern sich an die Fakten halten. Daher gliedert auch immer wieder Margaretes Tagebuch oder Hauptmanns literarisches Werk das Buch.

Für ein Porträt über die späten Hauptmanns ist der Roman das beste Genre. Durch eine emotionale Sprache, einen distanzierten Erzähler, der jedoch in Köpfe sehen kann, entfalten sich die Widersprüche Hauptmanns wirkungsvoll. Etwa, dass Europa im Krieg versinkt und Deutschland zerbombt ist, während Wiesenstein als Prachtbau des Biedermeiers noch steht.

Es gibt ein dekadentes und groteskes Bild der Illusion ab: die heile Welt der Kunst im totalen Krieg. Ergänzt wird dies durch einen kranken, stotternden Hauptmann, der entweder selbstmitleidig, selbstkritisch oder eben selbstgerecht, auf jeden Fall selbstzentriert agiert. Gerade die so frei werdenden Gefühle der Protagonisten verleihen dem Roman eine gewisse Qualität.

„Wiesenstein“ wäre gar ein großer Wurf, wären da nicht die stilistischen Schwächen. Denn Pleschinski überbetont leider die Jammereien der Hauptmanns. So wird der Roman langatmig und in den Aussagen der Protagonisten redundant. Viele Passagen sind rein atmosphärisch.

Das Hauptproblem, nämlich dass es eine von der Politik unabhängige Kunst nicht geben kann und Hauptmann sich nolens volens hat benutzen lassen, wird dem Leser früh klar. Dennoch muss Pleschinski es mit neuen Details immer wieder aufgreifen, bis man sich gelangweilt abwendet. Dazu kommt, dass Pleschinski eigentlich ein ausgezeichnetes Sprachgefühl hat, aber immer wieder sein Vorbild Thomas Mann zu imitieren scheint.

Pleschinski möchte einen Beitrag zur Aufarbeitung der Kunst, die sich dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellt, aber auch zur Reue von Menschen ohne Hoffnung liefern. Hätte er „Wiesenstein“ von dem dominanten Jammerton befreit und die Widersprüche der Charaktere weitergeführt, hätte er sein Ziel erreicht.

So bleibt es zwar ein kritischer, teils auch lesenswerter, aber viel zu dicker Roman.

Philip Dingeldey

Hans Pleschinski: Wiesenstein. Roman. C. H. Beck, 549 S., 24 Euro.