Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.

Meike Winnemuths schönes neues Garten-Buch

Man muss nicht in die weite Welt, um etwas zu erleben. Autorin Meike Winnemuth berichtet aus ihrem Garten.

Autorin Meike Winnemuth (Foto: PR/Felix Amsel)

Die Autorin dieses Artikels outet sich zunächst einmal als Nicht-Gärtnerin, und als Person ohne grünen Daumen. Warum sie dennoch Meike Winnemuths neuen Bestseller „Ich bin im Garten“ mit Begeisterung gelesen hat und aufs Wärmste empfiehlt, liegt an Meike Winnemuth.

Wenn sie ein Gartenbuch schreibt, dann hat das einen tieferen Sinn, muss also gut sein. Denn die Autorin und Journalistin hat sich in der Vergangenheit mehrfach selbst neu erfunden, indem sie immer wieder Dinge ausprobiert und ihre Erfahrungen darüber mit ihrer Leserschaft geteilt hat.

Sei es, dass sie ein Jahr lang ein blaues Kleid trug – weil das als Garderobe eigentlich völlig ausreicht. Oder dass sie ein Jahr lang täglich ein Teil aus ihrem Besitz verschenkte – und so reich an Erkenntnissen wurde. Oder, und das war bislang ihr spektakulärstes Projekt: Dass sie zwölf Monate um die Welt reiste und jeweils einen Monat in einer Metropole wohnte. Das Geld dazu (500 000 Euro) hatte Winnemuth bei „Wer wird Millionär?“ gewonnen.

Was hat die mittlerweile 58-jährige Autorin, Journalistin und „Stern“-Kolumnistin dazu gebracht, sämtliche früheren Maximen – den Erdball zu erkunden, minimalistisch zu leben, die Großstadt mit allen kulturellen Möglichkeiten auszukosten – ad acta zu legen und das Garteln anzufangen? Sie erklärt es auf den ersten Seiten.

Neben einer Ur-Sehnsucht, etwas Bleibendes zu schaffen, hatte Winnemuth ein Schlüsselerlebnis auf ihrer Weltreise. Auf Hawaii sah sie einen Mann mit seinem Hund am Meer – und fühlte, wie geerdet dieser Mensch war. Winnemuth kaufte sich nach ihrer Rückkehr einen Foxterrier, später einen Bungalow an der Ostsee mit einem riesigen Grundstück – und schuf als Autodidaktin ein prächtiges Reich aus Blumen-, Stauden- und Gemüsebeeten.

Ein Jahr lang führte sie Tagebuch über ihr „Fachstudium“ – mittels britischer Gartenvideos auf Youtube – und darüber, wie sie auf Bio-Farmen Saatgut bestellte, welche Gerätschaften sie anschaffte und schließlich wie schuftete und mit Erde und Pflanzen zurechtkam. Es entstand ein spannendes, lustiges und lebenskluges Buch, ganz wie man es von ihr gewohnt ist.

Dabei geht es Winnemuth eben nicht nur darum, zu erklären, wie man Schnecken aus Hochbeeten fernhält, wo Rittersporn, Tomaten und Bohnen am besten wachsen, oder wer sich mit wem im Beet am besten verträgt, sondern es geht ihr um die Beschreibung eines Lebensprojektes mit all seinen Höhen und Tiefen.

Erfolg, Spaß, freudige Erwartung, Geduld, Einsamkeit, Leid, Frust, Enttäuschung und Ärger – sie hat die ganze Gefühlspalette durchlebt, viel über das Wachsen und das Wachsen Lassen reflektiert und daraus ihre Schlüsse gezogen. Einmal mehr ist Winnemuth klar geworden, was wichtig ist im Leben, wofür es sich einzusetzen lohnt. Letztlich führt sie einen Dialog mit der Natur.

Immer wieder zitiert sie aus der Literatur, ohne lehrmeisterlich zu sein. Fast schon wirken ihre Zitate wie Kalendersprüche, aber sie treffen ins Mark. Dabei schafft sie es nebenbei noch, einen Gartenmuffel plötzlich ins Grübeln zu bringen: Lieber den Rasen doch nicht zubetonieren, sondern Sonnenblumen pflanzen?

Susanne Stemmler

Meike Winnemuth: Bin im Garten. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Sibylle Bergs scharfer Roman „GRM Brainfuck“

Sibylle Berg gelingt in ihrem jüngsten Roman „GRM Brainfuck“ ein furioser, aber nicht völlig hoffnungsloser Abgesang auf unsere Gegenwart.

Verfickt nochmal! Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (Foto: Pedersen/dpa)

Wie kriegt man unsere chaotische, gespaltene, von Fake-News und sozialen Medien vergiftete, sich mit Drogen und der Gier nach Geld und Anerkennung über Wasser haltende, immer weiter nach rechts und in die Überwachung durch Computer driftende Gesellschaft noch zwischen zwei Buchdeckel?
Der Franzose Michel Houellebecq, von den Gegenwartsautoren einer der wichtigsten, stimmt in seinem jüngsten Roman „Serotonin“ einen Abgesang auf den depressiven alten weißen Mann an. Das wirkt streckenweise ziemlich defensiv und resignativ.

Ganz anders macht das Sibylle Berg, die 56-jährige, ausgerechnet aus der Klassik-Hochburg Weimar stammende, in die Schweiz „geflüchtete“ Prosa- und Theaterautorin, deren Leben von Anekdoten umrankt ist, und die sich so rar macht, wie sie als „Spiegel“-Kolumnistin präsent ist. Sie hat sehr tief Luft geholt, lange nachgedacht, die literarischen Boxhandschuhe angezogen und legt nun einen großen Roman vor, der die Wucht eines Faustschlags hat.

„GRM Brainfuck“ heißt das Werk, das in einem heruntergekommenen Post-Brexit-Großbritannien der Gegenwart und der nahen Zukunft spielt und vier Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die Milieuforscher im prekärsten Prekariat verorten würden.

Der Alltag von Don, Karen, Hannah und Peter im heruntergekommenen Rochdale bei Manchester hat jegliche bürgerliche Strukturen verloren, zudem sind Polizei und Militär privatisiert, die Wirtschaft haben chinesische Investoren übernommen. Politiker sind nur noch Medien-Avatare, die Diktatur kommt in Form eines sedierenden Sozialstaats daher: Wer sich einen Chip zur Totalüberwachung einpflanzen lässt, bekommt dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was leicht zur Karikatur einer dystopischen Gesellschaft missraten könnte, entwickelt dank Bergs originell-intensivem, grammatische Regeln und zeitliche Zusammenhänge verschiebendem Stil einen beklemmenden Sog. Eine Handlung, wie man sie in der Tradition des bürgerlich psychologischen Realismus erwarten würde, gibt es kaum mehr. Die vier Hauptfiguren definieren sich über die Musikrichtung Grime (kurz GRM), eine Mischung aus Rap und Postpunk, die in England immer neue kurzlebige Youtube-Stars produziert und bei Berg zum Soundtrack der sozialen Apokalypse wird.

Aber eben auch zum Hoffnungsschimmer einer Humanität des Trotzdem: Denn über diese Musik finden die Vier zumindest ein Stück weit eine eigene Identität, gelingt ihnen im Chaos um sich herum eine Art Selbstbehauptung, die sie erst zu Menschen werden lässt.

Letztlich kann sich Berg in „GRM Brainfuck“ nicht ganz von der Erzähl-idee einer Künstlerutopie verabschieden. Andererseits, an irgend etwas muss gerade ein Mensch in der heruntergekommensten, perspektivlosesten Gesellschaft ja noch glauben, wenn er nicht völlig seine Seele verlieren will.
So berauscht sich der gut 600 Seiten dicke Roman eben nicht nur am furios und kraftvoll geschilderten Elend unserer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Nein, Berg findet auch zu einem entrückt-schrägen Ton der Hoffnung, vielleicht sogar der Buße, wer weiß? So lange es Menschen gibt, besteht immer auch noch die Hoffnung auf die Befreiung, den Umsturz, die Revolution. Wer Sibylle Berg liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es dafür inzwischen höchste Zeit ist.

Thomas Heinold

Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 Euro.

Die Braut, die sich traut: Ronit Matalons letzter Roman

Die israelische Autorin Ronit Matalon (Foto: Luchterhand)


Dieses Buch macht traurig, bevor man auch nur die erste Zeile gelesen hat. Die israelische Schriftstellerin Ronit Matalon ist am Tag vor ihrem Tod im Dezember 2017 noch mit einem Preis für ihr Werk „Und die Braut schloss die Tür“ ausgezeichnet worden.
Sie konnte bei der Verleihung nicht mehr dabei sein. Ihre Tochter vertrat sie und trug die Dankesrede vor. Darin ließ Ronit Matalon dem Publikum folgendes ausrichten: „Abwesenheit ist manchmal genauso bedeutsam wie Anwesenheit.“
Mit diesen Worten hat sie im Grunde auch die Kernaussage ihres letzten kleinen Romans auf den Punkt gebracht. Es geht um die Abwesenheit einer Braut. Kurz vor der Hochzeit sperrt sich Margi im Schlafzimmer ihrer Eltern ein. Sie will nicht heiraten und weigert sich, den Raum zu verlassen. Keiner versteht warum, denn Margi schweigt eisern. Vor der Tür versammeln sich derweil der Bräutigam und eine Schar Familienangehöriger in Aufregung.
Ronit Matalons Geschichte hat etwas Klaustrophobisches. Die Szenerie vermittelt Enge und Bedrängnis. Die Braut will ihre Ruhe, die Menschen vor der Tür wollen, dass sie ihre Rolle wie geplant spielt. Sie schwanken emotional zwischen Ungeduld, Gereiztheit und Sorge.
Dieses Klein-Drama ist wirkungsvoll inszeniert. Es bringt Verdrängtes und Vergessenes zutage, und führt bisweilen zu skurrilen Reaktionen: Da wird zum Beispiel eine Psychiaterin bestellt, Expertin für „bereuende Bräute“. Aber auch sie, immerhin teuer für ihren Einsatz bezahlt, kann nichts ausrichten.
Ronit Matalon ist 1959 als Kind ägyptisch-jüdischer Einwanderer in Israel geboren. Bevor sie Schriftstellerin wurde, arbeitete sie für die Tageszeitung „Haaretz“. Im Jahr 2000 hat sie ihren Debütroman „Sara, Sara“ veröffentlicht. Eine Geschichte, die für einiges Aufsehen sorgte. Sie handelt von Liebe und Freundschaft vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts: auch ein Vermächtnis Matalons, das es Wert ist, gelesen zu werden.


Gabi Eisenack


Ronit Matalon: Und die Braut schloss die Tür. Roman. Luchterhand, 160 Seiten, 18 Euro.

Dörte Hansens neuer Roman „Mittagsstunde“

Nach ihrem Überraschungserfolg mit dem Roman „Altes Land“ legt Dörte Hansen ein neues Buch vor. Und „Mittagsstunde“ ist fast noch besser . . .

Schriftstellerin Dörte Hansen (Foto: Axel Heimken/dpa)

Er nennt sie „Mudder“ und „Vadder“, dabei sind es die betagten Großeltern, die Ingwer Feddersen heute pflegt. Seine Mutter heißt eigentlich Marrett. Sie war bei seiner Geburt erst 17 – geistig und körperlich behindert. Immer wieder war sie aus dem Fenster gesprungen, um das werdende Leben in ihrem Körper zu töten. Dann, als das Kind auf der Welt war, überließ sie es Mudder und Vadder – unfähig, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Marrett wird Ingwer zeit seines Lebens als große Schwester verkauft. Mit ihren klappernden Holzschuhen läuft sie durch das Dorf im Alten (Fries-)Land, predigt den Weltuntergang, tanzt im Dorfgasthof der Eltern zu Schlagermusik und lebt in ihrer eigenen, für niemanden zugänglichen Welt. Ingwer, das uneheliche Kind – Vater unbekannt – bleibt stets Außenseiter im Dorf.

Als er zum Studieren nach Kiel geht, anstatt das Lokal zu übernehmen, entfremdet er sich noch weiter von daheim. In der Stadt lebt der promovierte Archäologe, inzwischen Ende 40, seit Jahren mit einer Frau (reiche Erbin) und einem Mann (reicher Erbe) in einer WG zusammen – zu dritt teilt man sich Tisch und Bett. Als armer Wirtshaussohn vom platten Land passt er auch nicht wirklich in diese unorthodoxe Lebensgemeinschaft hinein.

Klar, dass Ingwer Feddersen in der Mitte seines Lebens die Sinnkrise erreicht: Die pflegebedürftigen „Eltern“ allein in dem mittlerweile heruntergekommenen Gasthof, das desolate Privatleben und eine stockende akademische Karriere. Da kommt ihm das Sabbatjahr an der Uni gerade recht, um einen mutigen Schritt zu wagen: Ingwer kehrt vorübergehend in sein Dorf Brinkebüll zurück, um sich hier nützlich zu machen.

Bald wird der verlorene Sohn unentbehrlich für das gebrechliche Paar, das kurz vor seinem 70-jährigen Ehejubiläum steht. Sie: demenzkrank, er: körperlich am Ende. Dennoch finden Sönke und Ella Feddersen immer noch in kurzen Momenten zueinander, was rührend beschrieben wird.

Dabei war ihre lange Ehe alles andere als unproblematisch. Als Sönke im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpft, rechnet niemand mit seiner Rückkehr. Ella wendet sich damals dem Schullehrer zu, Marrett ist also dessen und nicht Sönkes Tochter. Auch Ella führt bis ins hohe Alter ein Doppelleben mit zwei Männern. Doch nichts wird ausgesprochen in Brinkebüll. Man weiß oder vermutet Dinge. Als in den 60er Jahre die Flurbereinigung stattfindet, ändert sich das Leben für die Dorfbewohner.

Aus der alten, mit Wurzeln durchzogenen Hauptstraße wird eine glattgeteerte Rennstrecke. Hier kommt schon bald das „meistgekraulte Kind von Brinkebüll“, der kleine, blondgelockte Marten, zu Tode. Ergreifend die Szene, als die Krämerfrau Dora Koopmann mit einem Eis in der Hand vor ihrem Laden auf den Jungen wartet und den schrecklichen Verkehrsunfall mitansieht.

Über Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“ liegt eine tiefe Melancholie und Sentimentalität. Ganz selten flammt ein wenig Humor auf, ab und zu etwas Lebenslust. Doch selbst die fröhlichen Feste im Dorfgasthof, enden in Besäufnissen, in Zank und Streit. Es geht in dem Buch um Verfall, um die Unausweichlichkeit von Veränderung, um Lebensgeheimnisse. Aber auch um Nostalgie.

Hansen beschreibt das Provinzleben, ihre Figuren und Entwicklungen realistisch und versucht gar nicht erst eine „Landlust“-Idylle entstehen zu lassen. Sprachlich ist das Buch eine Wonne. Die Bestsellerautorin, 1964 in Husum geboren („Altes Land“), lässt drastische, mitunter aber auch bittersüße Bilder entstehen, wenn Ella im grünen Mantel auf dem zugefrorenen Teich mit ihren Schlittschuhen übers Eis gleitet und man von weitem ihre Silhouette sieht.

Und immer wieder fließt der plattdeutsche Zungenschlag mit ein. Auch die Schlager und englischsprachigen Songs der 60er Jahre erklingen in dem Buch – aus der Musikbox oder dem Autoradio: Freddy Quinn, Peggy March und Neil Young sind da zu hören.

Hansen, die selbst in Nordfriesland lebt, arbeitet sicherlich mit bildhaften und akustischen Assoziationen aus ihrer Kindheit. Und so werden bei der Lektüre auch die eigenen Erinnerungen an die ersten Jahre auf dem Dorf geweckt: an die Bewohner, an Örtlichkeiten, an Geschichten, Gerüche und Geräusche – und an die Stimmung in der „Mittagsstunde“. Ein fesselnder Roman, der traurig macht.

Susanne Stemmler

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Virginie Despentes und „Das Leben des Vernon Subutex“

Im Fernsehen kommen Serien wie „Game of Thrones“ oder die deutsche Produktion „Babylon Berlin“ bestens an. Auch die französische Schriftstellerin Virginie Despentes ist ins Serienfach gewechselt. Jetzt schließt sie mit Band 3 ihre 1200-seitige Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ ab.

Virginie Despentes (Foto: AFP/Samson)

Fast am Ende der drei Bände erlaubt sich Virginie Despentes tatsächlich den Scherz und schreibt einen Satz hin, der das, was man sich beim Lesen die ganze Zeit gedacht hat, zusammenfasst: „Um damit fertig zu werden, hat er die Serie geschrieben, es ist ein Riesenerfolg geworden – nicht so eine bescheuerte Actiongeschichte, eine ganz andere Atmosphäre, es macht total süchtig.“

Da hat die Autorin – natürlich augenzwinkernd – die Wirkung ihrer Trilogie gut auf den Punkt gebracht. Die in der Tat süchtig machende Geschichte geht zusammengefasst so: In Band 1 erlebt der ehemalige Plattenladenbesitzer Vernon Subutex in Paris den sozialen Abstieg und landet am Ende auf der Straße. Bis es soweit ist, quartiert er sich mithilfe einer Notlüge bei etlichen alten Bekannten ein – was Despentes die Gelegenheit gibt, ein schräges Kaleidoskop der französischen Gesellschaft zu zeichnen.

In Band 2 lernt Subutex (der Nachname bezeichnet ein starkes Schmerzmittel), auf der Straße zu leben. Er findet bald Gesellschaft – und wird sogar zu einer Art Mittelpunkt von Obdachlosen und Leuten aus seiner Vergangenheit, die glauben, er sei im Besitz von geheimen Aufzeichnungen.

In Band 3 zerbricht die Gemeinschaft, die sich mittlerweile zu legendären „Convergences“ zusammenfindet – eine Art Rave, nur völlig ohne Lichteffekte und ohne Drogen. Vernon ist der Zeremonienmeister und begnadete DJ dieser Treffen. Seine Musik unterlegt er mit geheimnisvollen Klangwellen und verschafft so seinem Publikum nichts Geringeres als Erlösung. Die Gemeinschaft zerbricht übrigens am Geld, und zwar an der Frage, was man mit dem Erbe von Charles anstellen soll. Dieser, ebenfalls obdachlos, hatte vor Jahren im Lotto gewonnen, doch niemals auch nur einer Menschenseele davon erzählt . . .

Außerdem macht sich die bittere Wirklichkeit in der Fiktion des Buches breit: Der Anschlag auf den Pariser Musikclub Bataclan, bei dem am 13. November 2015 fast 130 Menschen starben, lässt keine der Personen im Roman ungerührt. Im weiteren Fortgang der Geschichte wird ein Attentat ebenfalls verhängnisvolle Auswirkungen haben.

Die Stärke der Trilogie besteht darin, dass der Leser die Personen mit der Zeit liebgewinnt, auch wenn sie nicht liebenswert sind. Das gilt für den Antihelden Subutex genauso wie für die „Hyäne“, eine Art heruntergekommene weibliche Superheldin, oder für Laurent Dopalet, einen Filmproduzenten, der ein Meister des bösen Spiels ist.

Die Erzählperspektive tut ihr Übriges: Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer Person erzählt, fast wie bei einem inneren Monolog. Das ist so meisterhaft gemacht, dass dem Leser mit der Zeit sogar Rassisten und Ekel ans Herz wachsen. Zumindest kann man nachvollziehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Hilfreich dabei ist, dass es seit Band 2 am Anfang des Buches ein Personenregister gibt, in dem alle Hauptfiguren aufgelistet sind. Man ertappt sich doch öfter dabei, wie man wieder einen Namen nachschlägt . . .

Ein Problem ist natürlich der schiere Umfang des Werkes: Drei Bände à 400 Seiten sind erstens nicht ganz billig, zweitens braucht es ein gewisses Durchhaltevermögen. Eine Serie im Fernsehen zu schauen ist definitiv leichter! Doch „Das Leben des Vernon Subutex“ wird sicher bald verfilmt – wer würde sich einen solchen Bestseller schon entgehen lassen!

Wie heißt es kurz vor dem Ende des dritten Bandes? „Die Fabriken produzieren die Granaten, die Dopalets produzieren die Geschichten.“ Virginie Despentes hat beides geschafft: Sie hat eine Geschichte geschrieben, die eine echte Granate ist!

Christian Ebinger

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Band 3. Kiepenheuer & Witsch, 416 S., 22 Euro.

Kurz und gut: Benedict Wells und Frank Schulz

Es ist ein Spätsommer der Kurzgeschichten: Sowohl der alte hanseatische Hase Frank Schulz als auch sein jüngerer süddeutscher Schriftsteller-Kollege Benedict Wells legen schöne Short Stories vor.

Schriftsteller Benedict Wells (Foto: dpa)

Schreiben Autoren tatsächlich die tieferen Texte, wenn sie durch harte Jahre gingen? Sowohl Benedict Wells’ zehn Geschichten unter dem Buchtitel „Die Wahrheit über das Lügen“ als auch Frank Schulz’ Sammlung „Anmut und Feigheit“ tragen, so unterschiedlich sie im Stil sind, feinnervig private Züge.

Wells (geb. 1984) ist es in nur zehn Jahren gelungen, sich vom spritzigen Schreiber („Spinner“) mit filmreifem Stoff („Becks letzter Sommer“) zum ernst zu nehmenden Romancier („Das Ende der Einsamkeit“) zu entwickeln. Abwesende Eltern, sensible Seelen, früher Schmerz und trotzdem Nischen des Glücks: Wells Literatur atmet, fühlt, schält Gedanken.

Vor allem der letztgenannte Roman spiegelte bei aller melancholischen Leichtigkeit dunkle Wolken unter der Wasseroberfläche des Erzählens. Und auch für seine Kurzgeschichten gilt: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Wells erzählt zügig durch. Gleich mit der ersten Story „Die Wanderschaft“ verhandelt er fantastischen Realismus und nacktes Erschrecken in der Wirklichkeit – wohin ist mein Leben? – gleichermaßen. Ein Business-Mann, erfolgreich, Vater zweier kleiner Kinder und obendrein mit einer sehr geduldigen Ehefrau gesegnet, bricht am Geburtstag seines Sohnes spontan zu einer Gipfelwanderung auf. Bin zum Grillen wieder da!

Seine Rückkehr wird dann sein: Gegen Mitternacht. Er kehrt als anderer Mensch heim – am Abgrund des plötzlichen Gealtertseins. Damit verglichen kommt „Die Muse“ zunächst leichtfüßig daher. Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade wird im Bett geküsst. Von der Muse, die männlich ist, sexy und inspirierend auf sie wirkt. Das Teuflische: Schreibt sie am ersehnten Roman weiter, blutet der Musenmann aus, verliert seine Lebenskraft. Kunst oder Liebe, Erfolg oder Erlösung – die Gretchenfrage aller Kreativen ist hier der Dauerbrenner.

Charmant erzählt Wells eine Weihnachtsgeschichte, „Die Nacht der Bücher“. Die Klassiker der Weltliteratur unterhalten sich in einer Londoner Leihbibliothek am Heiligen Abend. Hemingway, Shakespeare, Proust, Rowling: Die Schöngeistigen schießen sich mit giftigen Kommentaren gegenseitig ab.
Wells gelingt eine ironische Abrechnung mit den Säulenheiligen des Betriebs, die als angestaubte, selbstverliebte Langweiler in den Regalen stehen und mit ihrem Schicksal als Zwangslektüre hadern.

„Hunderttausend“ verhandelt dann sehr privat die Sehnsucht nach dem Vater. Und in „Die Entstehung der Angst“ spinnt Wells eine Figur aus seinem letzten Roman weiter. Zentral liegt die Titelstory „Die Wahrheit über das Lügen“ im Buch. Vordergründig mag es um die Erfindung von „Star Wars“ gehen. Hintergründig fächert Wells die Finten des Filmgeschäfts auf. Man kann auch sagen: Er erdet Science Fiction.

Beim Hamburger Schriftsteller Frank Schulz irritiert es zunächst, dass er die Kurzgeschichten „Anmut und Feigheit“ (sein „Prosa-Album der Leidenschaft“) von 2018 bis 1950 zurückdatiert. Scherzkeks, der er ist! Wurde er doch selbst erst 1951 geboren. Bei der Lektüre wird klar: Die älteste Geschichte handelt nicht nur von „Mamapapamamapapa“, sondern auch von seiner Zeugung!

Zu welch zärtlich verschrobenen Persönlichkeits-, Großstadt- und Landschaftsporträts Schulz fähig ist, hat er mit seinen Büchern übers norddeutsche Künstler- und Proletenidyll („Kolks blonde Bräute“, „Morbus Fonticuli“, „Das Ouzo-Orakel“) bewiesen. Mit der hanseatischen Trilogie über „Onno Viets“ und den „Irren vom Kiez“ setzte er diese Kunst fort. Und auch in seinen Stories zappelt die Sinnlichkeit seines Schreibens wieder derart nach der Welt, als wären einem Kettenraucher die Kippen ausgegangen.

Es geht um Trauer in „Rotkehlchen“, einem Oratorium für den Vater. Zwiespältig lustig ertappt Schulz uns mit der Ehe-Satire „Der korfiotische Kuss“. Und dann glücken ihm gänsehautgute Schmachtfetzen wie „Geliebte mein im Schuhkarton“. In einen zentnerschweren Großstadtfenster-Voyeur denkt Schulz sich da hinein. In einen Kerl, der sogar aufgehört hat, zu „seiner“ Hure zu gehen, dem einzigen verzweifelten Frauenkontakt, den er noch hatte. Der Grund: Dem Dicken genügt es irgendwann vollends, der Nachbarin im Haus gegenüber bei ihren Alltagsverrichtungen zuzuschauen. Wenigstens im Winter. Im Sommer versperren die Blätter der Bäume den beglückenden Blick in das zum Greifen nahe Behauste . . .

Christian Mückl

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, 256 Seiten, 22 Euro.
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani, 336 Seiten, 22 Euro.

Kurz, frech, tragisch: Heinz Strunks „Teemännchen“-Stories

Heinz Strunk seziert in seinen neuen Kurzgeschichten lausige Lebenslügen, beschreibt Frauen als dicke Dinger und Männer als schlimme Finger. Kotzbrocken schenkt er reinen Wein ein und Losern Liebe. Das hat was.

Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape) mag es cool. Foto: dpa

In der Titelgeschichte taucht noch so ein Versager auf. Michael heißt der. Ein Langweiler vor dem Herrn. Kein Wunder, wenn „das Teemännchen“ in seinem Laden selbst zum Ladenhüter wird. Ein Mensch wie „zu früh zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen“. Schreibt Strunk.

„Das Teemännchen“ ist im Buch in bester Gesellschaft. Denn sein Autor hat ein Herz für Versager. Eine Galerie der vom Leben Deformierten tischt er auf. Streichelt die schlimmsten Fälle mit feiner Feder. Keinem der Porträtierten ist noch irgendwie zu helfen. Aber diese Tragik transportiert der Hamburger Bestseller-Autor („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) mit Scharfsinn und Bravour. Und mit keinem Wort zu viel.

In „Tempo 100“ (dem Wald zuliebe) lernen wir zwei Alt-Linke kennen, Marion und Michael. Beide tragen ausschließlich Schwarz: „Er, weil er Tontechniker ist und alle Tontechniker auf Gottes weitem Erdengrund ausschließlich Schwarz tragen, sie, um ihre abstehende Wampe zu kaschieren“. Wenn sie bei allem Hass aufeinander immer noch aneinander kleben, dann deswegen: „Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu alles Mögliche. Das wird schwierig, noch mal neue Lebensabschnittsgefährten zu finden.“

Dann ist da der Bordellgänger, der nur vormittags kommt. Wenn die Damen noch „frisch“ sind. „Nutten mit Kaffeefahne“ heißt die Story. In „Fred Perry“ warnt Strunk davor, kurz nach der Zahnarztspritze einkaufen zu gehen: Schnell gerät man unter Behindertenverdacht.

Oder die Erzählung „Janine“: Ein freudenverheißender Talk an der Hotelbar wird zum Albtraum. Weil das Objekt der Begierde sich als versoffene Quasselstrippe entpuppt. Am Beispiel einer „Jenny Müller“ malt sich Strunk aus, warum es zwischen West- und Ostdeutschen nichts wird. Was beim Antrittsbesuch bei ihren Eltern „drüben“ nicht nur an der Schlachtplatte liegt. Wenn der unvorsichtigerweise Mitgefahrene etwas mit den früheren Zonenbewohnern teilt, dann den Wunsch einer möglichst raschen Flucht.

Strunk seziert mit Röntgenblick Seelendramen und schreibt mit einer Behutsamkeit darüber, dass man sich dem Sog seiner Kurzgeschichten und Miniaturen schwer entziehen kann. Manchmal ist es kaum auszuhalten. Doch es kaum auszuhalten wird hier zur Sucht. Scham, Perversität, Verwahrlosung: Ganz schön frech, wie der Hamburger das einfängt. Doch Sarkasmus ist ihm fremd. Was ihn von Satirikern wie Wiglaf Droste klar unterscheidet.

Christian Mückl

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro.

Kurzweilig: Domenico Starnone und die Ehe

Wer abhaut, ist rasch der Böse. Aber ist der Zurückgelassene deshalb selbstredend gut? Domenico Starnone glückt mit „Auf immer verbunden“ ein zeitgemäßer Ehe-Roman.

Lebenserfahren: Autor Domenico Starnone. (FOTO: MARKA/Alamy/Random House)

„Falls du’s vergessen solltest, mein Lieber, muss ich dich eben daran erinnern: ich bin deine Frau.“ Es ist Jahrzehnte her, dass Vanda diese Briefzeilen an Aldo schrieb. So lange wie Aldos Intermezzo mit Lidia. Er hatte damals sie und die Kinder verlassen, um mit der Jüngeren zu leben.

Was blieb, nachdem er zurückgekrochen kam, waren nicht nur Vandas Briefe, die in diesem Roman am Anfang stehen. Es gab natürlich auch Wunden. Ein banales Ereignis droht die Verkrustungen sehr viel später aufbrechen zu lassen.

Entgegen dem Vorwurf hatte Aldo nie vergessen, dass Vanda seine Frau ist. Was aber nichts an seiner Sicht der Dinge änderte. Das wird im zweiten Kapitel des Romans klar: aus seiner Warte geschildert. So wie im Folgenden noch der Sohn und die Tochter, inzwischen erwachsen, zu Wort kommen werden. Den Wechsel der Perspektiven im Gefühlssturm des Persönlichem spielt Starnone psychologisch meisterhaft aus.

Sein schonungsloser Schreibstil, gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Portion Lebenserfahrung, macht das weise Büchlein des 1943 geborenen Schriftstellers zur kurzweiligen, bereichernden Lektüre. In Italien schätzt man ihn schon länger. Der in Rom lebende Autor, Drehbuchschreiber, Journalist und Lehrer für literarisches Schreiben wurde für seine lebensnahe Erzählkunst bereits mit dem renommiertesten Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet.

In „Auf immer verbunden“ steckt also viel. Männliche Wahrnehmung, weibliche Wahrnehmung, generationsbedingte Sicht auf die Welt. Dass Aldo sich womöglich in die Tasche gelogen hat, als er seine Liaison mit Lidia unter den revolutionären Deckmantel eines aufbrechenden, starren Rollenverständnisses und Familienbilds der 60er Jahre stellte, ist nur ein Aspekt davon.

Denn auch wie Vanda es sich in der Opferrolle der Zurückgelassenen einerseits, und doch mit dem Anspruch, eine moderne Frau zu sein, andererseits einzurichten versuchte, ist ein Teil der Geschichte. Die Liebe, ein schreckliches Spiel? Aldo wagte die Finte mit dem Familienkater. Der heißt Labes, abgekürzt für „La Bestia“. Bestia bedeutet „Tier“. Was schon wieder nur die eine Wahrheit ist. Im Wörterbuch wird Bestia auch mit „Unheil, Ruin“ übersetzt.

Hatte Vanda, wenn sie hysterisch den Kater suchte, nur die Geister bekommen, die sie lauthals rief?
Nicht nur das Fellvieh schleicht leise durchs Verborgene der Handlung, in der jeder auf seine Art die Krallen ausfährt.

Christian Mückl

Domenico Starnone: Auf immer verbunden. DVA, 176 Seiten, 18 Euro.

Jakob Heins spannende „Orient-Mission“

Im Ersten Weltkrieg rief der türkische Sultan auf deutsche Initiative hin den Dschihad aus, den Heiligen Krieg zur Verteidigung des Islams – davon handelt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, der neue Roman von Jakob Hein.

Diesmal historisch: Jakob Hein. (Foto: Susanne Schleyer/Literaturclub Nürnberg/Verlag)

Eigentlich hatte Leutnant Edgar Stern ja lediglich vor, den Suez-Kanal zu sprengen. Denn dann, so sein Plan in den ersten Kriegswochen im Jahr 1914, hätten die Engländer alle Hände voll zu tun, um die Lage dort in den Griff zu bekommen. Ein Krieg gegen Deutschland „wäre mit einem Schlag von untergeordneter Bedeutung“. Dieser Plan wird nach der Sperrung der Dardanellendurchfahrt durch das Osmanischen Reich zwar undurchführbar, zugleich aber hat der junge Leutnant beim Kriegsministerium auf sich aufmerksam gemacht – und sich so offensichtlich für einen anderen, nicht minder heiklen Auftrag empfohlen.

Ein deutscher Diplomat mit dem klangvollen Namen Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen hat den türkischen Sultan davon überzeugen können, den Dschihad auszurufen. „Wenn sich die Muslime der Welt gegen ihre Unterdrücker erheben, ist das ganz großartig für das Reich“, erklärt Schabinger dem Leutnant Stern. Denn in dem unter britischer Herrschaft stehenden Indien gebe es ebenso Muslime wie in Russland oder den französischen Kolonien. In Deutschland aber nicht. Die deutschen Kriegsgegner wären dann also in enormer Bedrängnis.

„Wenn all diese Mohammedaner nun dem Ruf des Sultans folgen und sich erheben, dann ist unser Krieg in Europa schon so gut wie gewonnen“, freut sich Schabinger. Stern wiederum fällt die Aufgabe zu, eine Gruppe muslimischer Kriegsgefangener nach Konstantinopel zu schleusen, damit sie dort pünktlich zur Proklamation des Dschihad dem Sultan zujubeln und von der Solidarität Deutschlands zeugen können. Die aus Afrika stammenden Kriegsgefangenen wiederum waren von den Franzosen für den Krieg rekrutiert worden und heilfroh, als sie lebend in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Dem Leutnant ist klar, dass er die 14 Männer nicht irgendwie unauffällig über die verschiedenen Landesgrenzen schmuggeln kann – und ergreift die Flucht nach vorne, in dem er sie als bunte Zirkustruppe und sich selbst als deren Direktor ausgibt.

Hein, der zuletzt den komischen Schelmenroman „Kaltes Wasser“ vorgelegt hat (2016), wagt sich diesmal an einen verbürgten Stoff und mithin an das Genre des Historischen Romans. Er schreibt gleichwohl auch hier wieder sehr amüsant und unterhaltsam, zugleich wird es an etlichen Stellen richtig spannend – etwa, als die Tarnung der falschen Zirkustruppe an der rumänischen Grenze aufzufliegen droht.

Der Text ist klug komponiert, die Geschichte wird weder von einem allwissenden noch von einem Ich-Erzähler berichtet, sondern vielmehr aus der Perspektive einzelner Protagonisten wie Stern, Schabinger oder auch des Afrikaners Tassaout. Er gehört zu jenen 14 Männern, die nicht mal wissen, was ein Zirkus ist, sich nun aber als Artisten ausgeben sollen.

Die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs werden weitgehend ausgeblendet – es geht weniger um Schlachtfelder als um das diplomatische Parkett. Allerdings bekommen der als grundsympathische Figur gezeichnete Stern und seine Gefährten durchaus mit, wie die Türken die Armenier verfolgen und dabei auch auf die deutsche Loyalität vertrauen können. „Das Deutsche Reich wird es sich bestimmt nicht mit den Türken verderben“, begründet Botschaftsrat Konstantin von Neurath (er macht später unter Hitler Karriere und wird bei den Nürnberger Prozessen zu 15 Jahren Haft verurteilt) die Abberufung eines allzu armenierfreundlichen deutschen Botschafters aus Konstantinopel.

Dass der Sultan zum Krieg aufruft, interessiert die Muslime übrigens nicht wirklich. Eine schöne Pointe eines gelungenen Romans.

Marco Puschner

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Galiani Verlag, 256 Seiten, 18 Euro.