Bald als Film, endlich als Buch: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Wenn bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen sein wird, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kommen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (30. August bis 9. September), um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival stehen werden, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra am Ende wird – das Buch und sein Autor sind schon jetzt eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.

Lesetipps zu Jane Austen

Jane Austen auf Deutsch – gar nicht so leicht! Hier unsere Lese-Tipps zum Jubiläum.

Einer, der im deutschen Sprachraum sehr viel für Jane Austen getan hat, ist der Germanist Christian Grawe, Jahrgang 1935. Seit den 80er Jahren hat er mit seiner Frau Ursula das komplette Werk Austens übersetzt, das nun – in einheitlich floraler Aufmachung – von Reclam neu aufgelegt wird: die sechs Romane, das Frühwerk und die Briefe.

Empfehlenswert ist auch Grawes Biografie „Darling Jane“ (9,95 Euro), dazu gibt es von ihm einen Führer durch „Jane Austens Romane“ (12,95 Euro), die überaus kompakte Einführung „Jane Austen – 100 Seiten“ (10 Euro) und – für alle Zeiten – einen „Jane Austen Kalender“ mit täglichen Zitaten (15 Euro).

Umwerfend bunt sind die neuen Cover, mit denen der Insel Verlag seine Jane-Austen-Taschenbücher geschmückt hat: romantische Frauenporträts, gestaltet von der tollen Grafikerin Kat Menschik (Bild). Auch hier gibt es ein kleines Zitate-Bändchen als erste Lockung: „Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen“ (Insel, 8 Euro).

Frisch übersetzt – und in beiden Fällen mit dem nötigen Gespür für die feine Ironie der Autorin – liegen zwei der großen Romane vor: Einmal „Vernunft und Gefühl“, im Original „Sense and Sensibility“, nun von Andrea Ott dezent aufpoliert (Manesse Verlag, 26,95 Euro), dann der oft etwas vernachlässigte „Mansfield Park“ (S. Fischer Verlag, 22 Euro). Manfred Allié und seine Frau Gabriele haben ihn sich im Rahmen ihrer Austen-Übertragungen vorgenommen.

Vergnüglich und doch durchaus hilfreich in seinen vielen kurzen Erklärungen ist Holly Ivins’ Lese-Ratgeber „Jane Austen – Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt“ (DVA, 14,99 Euro). Eines der schönsten Bücher über die Autorin und ihre Lebensstätten bleibt Kim Wilsons „Auf den Spuren von Jane Austen“, ein Band, der – reich bebildert – bereits vor zwei Jahren erschien (Knesebeck, 29,95 Euro).

Wolf Ebersberger

Jane Austen zum 200. Todestag

Populär wie nie zuvor wirkt das Werk der englischen Schriftstellerin Jane Austen (1775–1817). Am 18. Juli vor 200 Jahren ist sie, erst 41 und so gut wie unbekannt, gestorben. Noch immer gibt ihr kurzes Leben Rätsel auf – und reizen ihre Romane zu neuen Interpretationen.

Der Schauspieler – und Mädchenschwarm – Colin Firth kommt zu einer ebenso
einfachen wie durchaus nachvollziehbaren Bilanz: „Es gibt drei Frauen in meinem Leben: meine Mutter, meine Frau und Jane Austen.“

Der neue Schein mit Jane Austen. Foto: dpa

Das kann man nun literarisch deuten – oder vielleicht auch ganz allgemein. War es doch eine BBC-Verfilmung von Austens „Pride and Prejudice“, die Firth als Schauspieler Mitte der 90er Jahre in England berühmt machte: nicht zuletzt durch eine Szene, in der er als von allen begehrter Mr. Darcy mit klatschnassem, folglich am Leib klebendem Hemd aus einem Teich stieg.

Klatschnass?! Selbst texttreue Austen-Leserinnen dürften jedoch wohl kaum gegen die etwas freie Auslegung der Vorlage protestiert haben . . .

So wie das Hemd vom Leib lässt sich inzwischen kaum mehr trennen, wodurch Jane Austen in den letzten Jahrzehnten so überaus beliebt geworden ist: ihre immer wieder neu herausgegebenen, mal mehr, mal weniger romantisch aufgemachten Romane um junge Frauen auf Gattensuche oder die – an die gleiche Zielgruppe gerichteten – höchst erfolgreichen TV- und Kinoversionen, meist aus guter englischer Produktion.

Colin Firth als feuchter Traummann, Emma Thompson als eine der liebesbedürftigen Schwestern in „Sinn und Sinnlichkeit“ oder Gwyneth Paltrow als selbstbewusste Dorfschönheit „Emma“ – sie alle befeuerten das Austen-Fieber mit ihrem Starappeal. Auch filmisch ein großes Erlebnis: Keira Knightley in Joe Wrights stürmischer „Stolz und Vorurteil“-Fassung von 2005.

Drei Jahre später wurde sogar die Autorin selbst zur Kinoheldin: in „Geliebte Jane“ mit Anne Hathaway in der Hauptrolle. Da ließ sich dann – gar nicht mal schlecht gemacht – miterleben, wie Austen eine kleine, erquickliche Romanze mit dem irischen Neffen einer Nachbarin, Tom Lefroy, gestattet wurde. Die Schwärmerei ist historisch verbürgt, aber eben: Schwärmerei.

Als Jane Austen – an immer noch ungeklärter Krankheit – mit nur 41 Jahren in dem Örtchen Winchester starb, lag sie in den Armen ihrer Schwester Cassandra: Tante Jane, die liebe alte Jungfer der Familie. Einen Heiratsantrag hatte sie abgelehnt, war lieber bei Mutter und Schwester geblieben, mit der sie sich zeitlebens das Schlafzimmer teilte.

Cassandra hat auch die einzigen authentischen Zeichnungen von Jane Austen angefertigt: zwei aquarellierte Skizzen, eine von vorn, mit Pausbacken, Taubenaugen und Stirnlocken, eine nur von hinten – ein Mädchen mit Haube. Schon rein äußerlich kann man also nur vage erahnen, wie die bescheidene Pastorentochter in Wirklichkeit war.

Ganz zu schweigen von der Art ihres Wesens. Der Stil ihrer Werke, auch der erhaltenen Briefe (Cassandra hat die meisten vernichtet) legt ein heiteres, sanft ironisches Gemüt nahe – das sie, trotz Ehelosigkeit, bis zuletzt behielt.

Die Familie war immer ihr harmonischer Halt, nie hat sie sie verlassen, sich auch nur selten (von Londonbesuchen abgesehen) aus der ländlichen Heimat in Englands Südwesten entfernt. In ihrem Geburtsort Steventon in Hampshire lebte sie bis 1801, dann zog der Tross, über kürzere Stationen in Bath und Southampton, nach Chawton, von den Brüdern (es waren insgesamt sieben) finanziell und auch häuslich unterstützt. Einer wurde reich adoptiert und stellte ihnen sein Cottage zur Verfügung.

Von dem Erlös ihrer sechs Romane (zwei erschienen erst nach ihrem Tod) hätte Jane Austen nicht leben können. Wie beim Erstling „Sense and Sensibility“ (Vernunft und Gefühl) von 1811 stand auf den Titeln nie ihr Name, sondern nur „By a lady“. Romane galten zu ihrer Zeit als nicht statthaft, eher als billige Unterhaltung: Schmuse- wie Schauerstoff.

Austen schließlich war es, die als eine der ersten Autorinnen die Gattung zur Kunstform erhob, in der sich realistisch von Leben und Liebe, von Welt und Gesellschaft erzählen ließ. Der achtbare Erfolg, den sie hatte (sogar das Königshaus las ihre Werke), hat sie darin sicher ermutigt.

Realistisch, nun ja, freilich in Maßen: Austens Welt, das beschauliche Landleben von gutmütigen Bürgerfamilien, Kleinadel und Offizieren, in dem es vor allem gilt, den idealen Ehemann für ihre Heldinnen auszumachen, ist eine zarte Idylle, fern aller Politik. Ohne Revolution, Krieg oder Europas Schreckgespenst Napoleon. Dennoch: Gewissenhafter und psychologisch genauer hat vor Austen niemand von Frauen und ihrer Seelenlage berichtet; ihr Werk ist, selbst wo die Konvention bedient wird, ein Akt der Emanzipation.

Neben den Gefühlen spielt erstaunlich offen auch das Geld eine Rolle bei der obligatorischen Ehebildung am Ende: Austen, die Buchhalterin. Dazu passt die Ehre, die man ihr nun in England erweist. Es gibt eine neue 10-Pfund-Note mit ihrem Gesicht und eine 2-Pfund-Münze mit der Silhouette.

Wolf Ebersberger

Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“, das neue Buch des Bestsellerautors David Foenkinos, führt amüsant in die leicht erregbare französische Literaturszene – und ein bisschen Liebe gibt es am Ende natürlich auch.

Wo landen sie wohl, jene unzähligen, von Verlagen abgelehnten Manuskripte? Im bretonischen Finistère, tief im Westen Frankreichs, gibt es eine Bibliothek dafür – und eine junge Pariser Lektorin entdeckt dort unerwartet ein Meisterwerk. Der Autor ist offenbar Monsieur Henri Pick, der einstige
Pizzabäcker des Ortes; beharrt seine Witwe auch darauf, ihn niemals lesend oder nur mit einem Buch gesehen zu haben.

Hatte dieser Mann, der lediglich Einkaufslisten verfasste, ein geheimes Parallelleben geführt? Ein sich derart um die Entstehungsgeschichte rankendes Mysterium beflügelt jedenfalls den Erfolg des Romans. Stürzt Einzelne, viele, ganz Frankreich in den Romanrausch, ja in das Gefühl neuen Selbstbewusstseins und in die tiefe Sehnsucht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Ein ganzes Volk dürstet plötzlich nach Publikum!

Gleichermaßen verändert die Karriere des Romans das Leben seiner Leser, auch das seiner Entdeckerin, der jungen Lektorin. Neue Lieben entstehen, unerwartete Erfolge werden wahr, Paare gehen auseinander, was gewiss schien, gerät ins Wanken. Die bretonische Gemeinde wird von Pick-Wallfahrern überschwemmt – immer mehr Schicksale verweben sich um den Roman zu einem Netz aus Empfindungen, Träumen, Hoffnungen.

Für Literatur-Fans ist David Foenkinos „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ein Buch über Bücher, die Liebe zu ihnen und den Bibliotheken mit ihrem so unbeschreiblichen Flair. Der Bestsellerautor (der auch schon im Nürnberger Literaturhaus zu Gast war) gräbt mit seinem Text tief in der menschlichen Seele, um dort – auf so subtile wie humorvolle Weise – die vielfach schmerzhafte Sehnsucht nach Beachtung zu entlarven. Frei von einer gewissen Langatmigkeit, sogar Umständlichkeit ist Foenkinos verschachtelter Roman dennoch nicht.

Wer lieber lauscht als liest, findet in der Hörbuchfassung mit Schauspielstar Axel Milberg ein absolut wertiges, vermutlich sogar fesselnderes Pendant! Milberg schlüpft einfühlsam und gänzlich uneitel in die so unterschiedlichen Figuren und hüllt sie in einen Erzählduktus aus feiner, nie aufdringlicher Süffisanz und wohldurchdachtem Rhythmus.

Gegen Ende des Romans lässt Milberg verstärkt darstellerisches Temperament zu – es hätte dem Text schon früher gutgetan. Das eher zögerliche Anlaufen der Erzählung befördert Foenkinos auch mit einer üppigen Figurenansammlung nicht. Sie verwirrt den Lesedrang eher, als sie diesen Roman über einen vermeintlichen Betrug im eitlen Literaturbetrieb befeuert. Doch da Foenkinos seine Helden erzählen lässt, wechselt auch der Leser ständig die Sicht: ein nicht zu unterschätzender Kniff, um ein Tempo zu suggerieren, das der Text nicht hat.

Muss er auch nicht. Unterhaltsam ist das Buch über die Macht der Bücher und die Gefühle ihrer Erzeuger allemal. Böse? Ja, auch das! Und bis zum letzten Buchstaben – den Ausgang hatte man irgendwie geahnt – mit genussvoll-eitlem Augenzwinkern garniert.

Anabel Schaffer

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. DVA, 336 Seiten, 19,99 Euro.
Als Hörbuch im Hörverlag, 6 CDs. Vollständige Lesung von Axel Milberg.

Im Labyrinth des Carlos Ruiz Zafon

Seit seinem Megabestseller „Der Schatten des Windes“ gehört Carlos Ruiz Zafón hierzulande zu den bekanntesten spanischen Autoren, der schon mehrfach die Bestsellerlisten gestürmt hat. Mit „Das Labyrinth der Lichter“ hat Zafón nun den vierten und letzten Band des Zyklus „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ geschrieben, der den Leser wieder in das romantisch-düstere Barcelona der Franco-Zeit entführt und den Zafón-Liebhaber in den Bann schlägt.

Zwingenderweise muss man aber nicht die vorherigen drei Bücher gelesen haben, denn durch Rückblicke und Erläuterungen werden dem Leser die früheren Geschehnisse geschickt nahe gebracht. Allerdings ist die Freude an der Lektüre für den Kenner sicher größer, denn verschiedene Handlungsstränge werden weiter geknüpft.

Wer Zafóns Tetralogie liest, sieht keinen blauen Mittelmeerhimmel, sondern evoziert eine in Sepia getauchte Stadt, in der große Häuser oft wie gestrandete Schiffe oder Kathedralen aussehen, Brunnen ausgetrocknet und Fassaden schwarz verwittert sind. „Das Labyrinth der Lichter“ präsentiert sich als eine Mischung aus Krimi, melancholische Gothic Novel und Drama.

War es im ersten Band die Suche nach dem mysteriösen Kultautor Julián Carax, so geht es dieses Mal um Francos Nationalen Bildungsminister, der verschwunden ist. Eine Suche, die bis in die Folterkeller der Diktatur führt. Diesmal ist es nicht Daniel Sempere, sondern eine neue Hauptfigur namens Alicia Gris, die die Ermittlungen aufnimmt. Allerdings begegnet man in dem Buch auch vielen alten Bekannten, so der Buchhändlerfamilie Sempere oder dem geschwätzigen Fermín.

Alicia Gris, eine an Körper und Seele verletzte Femme Fatale – sie hat den Bürgerkrieg als Waisenmädchen überlebt – forscht nach dem Verschwundenen, wobei auch wieder die Welt der Bücher eine tragende Rolle spielt. Zafón führt den Leser durch sein Handlungslabyrinth, wobei es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. Allerdings gibt es auch ein paar langatmige Passagen, so dass es angesichts der fast tausend Seiten stellenweise schwer fällt, dem Inhalt zu folgen. Nichtsdestotrotz ist das an Dialogen reiche Buch eine empfehlenswerte Lektüre für lange Sommerabende.

Ralf Nestmeyer

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter
. Roman. S. Fischer, 944 S., 25 Euro.

Jonas Lüschers böse Satire: „Kraft“

Mit seinem hochgelobten Roman „Kraft“ war Jonas Lüscher zu Gast bei „Lesen!“ in Fürth.

Bereits mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ sorgte der Schweizer Autor vor ein paar Jahren für Aufsehen – auch zum Erlanger Poetenfest wurde er damals geladen. Da hatte sich Jonas Lüscher die große weite Welt der Banker vorgenommen und bereits als Debütant bewiesen: Hier kommt keiner ungeschoren davon!

Lüscher, Jahrgang 1976, zeigte als angehendes satirisches Talent schon die allerschärfsten Krallen, stilistisch dazu fein manikürt. Manchmal könnte man bei dem in München lebenden Autor fast an Thomas Mann denken, so gezwirbelt geht es hier zur Sache – oder sagen wir: Max Goldt.

Diese Kraft hat ihn auch bei seinem jetzt vorliegenden ersten Roman nicht verlassen. „Kraft“, so der Titel, bezieht sich aber zunächst auf die Hauptfigur. Richard Kraft eben, Professor der Rhetorik aus Tübingen – genau, ein Nachfolger des berühmten Walter Jens! Der ist, trotz akademischer Ehren, privat jedoch die personifizierte Schwäche. Und nun entsprechend frustriert von längst kriselnder Ehe (Heike) und lästiger Vaterschaft (Zwillinge), zudem finanziell erschöpft. Aus einer früheren Verbindung müssen auch noch zwei Söhne versorgt werden . . .

Rettung in der Not – die er sich freilich vielleicht nur einbildet – verspricht nun die irrwitzige Ausschreibung eines im Silicon Valley reichgewordenen Deutschen, der demjenigen Forscher eine Million Dollar stiften will, der den besten Vortrag hält zum doch sehr amerikanischen Thema: Die Welt ist gut, wie sie ist – wie machen wir sie noch besser? Besser natürlich im Sinn von lukrativer. Die Computerindustrie will auch in Zukunft kräftig verdienen.

Kraft jedenfalls beißt an – zu verführerisch lockt der Köder, durch den er ein paar Wochen der Familienhölle in Kalifornien entkommt. Und der Macht der Wirtschaft war er ja schon immer zugetan – bereits während des Studiums in Berlin, wo sich Kraft mit liberal-radikalen Positionen zum Exoten im linken Uni-Milieu der 80er Jahre machte, vielleicht auch nur aus Berechnung.

Die Wiederbegegnung mit einem ungarischen Freund von damals führt nun in Stanford zu einer umfassenden Revision seines Lebens – politisch, philosophisch und paartechnisch. Gerade was seine Frauengeschichten angeht, hat Kraft genug in petto, das Jonas Lüscher pikaresk schildern und mit Peinlichkeiten aller Art polstern kann.

Dem Autor gelingt es spielend, ihn zum sympathischen Unsympathen zu machen, zum „Schwafler“ und elenden Tölpel, der nicht mal zum Paddelausflug taugt – aber den Leser doch mit seinen Gedanken und grotesken Einlagen bei Laune hält.

Die Katastrophe, ahnt man bald, nimmt unweigerlich ihren Lauf!

Wolf Ebersberger

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. C. H. Beck, 237 S., 19,95 Euro.

Eine Entdeckung von Vincent Klink

Das Reden und Schreiben über Essen hat Konjunktur. Kein Tag ohne Kochsendungen im Fernsehen. Jeder Koch, der meint, sich wichtig nehmen zu müssen, verzapft ein eigenes Buch und glaubt, erst mit ihm fängt das richtige Kochen an. Die informationsfreien Wortblähungen über Esstrends verhindern auch nicht, dass Fertiggerichte auf dem Vormarsch sind. Sie nehmen uns aber die Zeit, selber zu kochen.

Vincent Klink, Patron des Restaurants „Wielandshöhe“ in Stuttgart, gehört zu den Sympathischen seiner Zunft. Er setzt auf eine Küche ohne Firlefanz, die durch sehr gute Grundzutaten und handwerkliches Kochen überzeugt. Legendär sind seine Textsammlungen und Essays über das Kochen. Da hat einer viel Substanz, etwas zu erzählen.

Im Rowohlt Verlag hat Klink jetzt die „Grundzüge des Gastronomischen Anstands von Grimod de la Reynière“ herausgebracht. Der französische Feinschmecker, Exzentriker und Vordenker einer „wohlüberlegten Nahrungsaufnahme“ lebte von 1758 bis 1837 und war bekannt für seine großen Gastmähler – die nur Eingeweihten zugänglich waren, weil nicht nur über die Maßen gegessen, sondern auch feinsinnig diskutiert wurde, vor allem natürlich über das Essen.

Er war aber auch berühmt für seine strengen Vorgaben, was den Umgang mit Nahrung und die Tischmanieren anbelangt. „Vor dem Gesetz und bei Tische müssen Alle gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Die Tafel macht uns alle gleich“, lautete eine der Maximen des Franzosen. Das hätte auch ein Wolfram Siebeck so formulieren können.

Grimod de la Reynière liebte es auch, bei seinen Gelagen auf den Tod anzuspielen. Mal wurde das Essen auf Särgen serviert, mal wurden die 14 Gänge von 200 an Friedhofsbedienstete erinnernde Diener serviert. Der Franzose brachte ein Vermögen mit Essen durch.

Warum sollte man aber heute noch de la Reynière lesen? Es ist einmal das kundige Vorwort Vincent Klinks, das einem ein kleines Fenster in eine längst vergangene Zeit aufmacht, und dass sich der Leser über Überraschendes freuen kann. Und es ist der Witz des Franzosen, der wie ein scharfes Tranchiermesser immer wieder aufblitzt. Auch haben seine Tipps, was etwa am besten zu Krebsen passt, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Da schreibt einer, der etwas von der Materie versteht, weil er das Essen liebt.

André Fischer

Grimod de la Reynière: Grundzüge des Gastronomischen Anstands, serviert von Vincent Klink
. Rowohlt, 255 Seiten, 19,95 Euro.

Tommie Goerz im Bierkeller

Tommie Goerz ist bekannt geworden durch sechs Franken-Krimis, in denen deutlich wird, dass die Hauptfigur Friedo Behütuns sehr gerne mal die lärmigen Großstädte der Metropolregion verlässt und sich auf einem Keller in der Fränkischen Schweiz ein oder zwei Seidla fränkischen Landbieres gönnt. In Goerz’ neuem Bändchen „Auf dem Keller“ geht es mitnichten um Kriminalfälle, sondern um Geschichten rund um Bierkeller und das dort dargereichte Hauptgetränk.

„Hans“ heißt in diesem Bändchen mit 35 Geschichten aus der fränkischen und Oberpfälzer Umgegend die Hauptfigur. Dessen Erlebnisse sind keineswegs kriminalistisch spannend; Tommie Goerz nähert sich dem Thema eher (bier-)philosophisch. Und der Hans hat die Geschichten nicht alle selbst erlebt; manche sind ihm auch zugetragen worden.

Goerz stellt existenzielle Fragen wie, warum es auf Kellern keine Bedienungen gibt oder warum die Wirte der Bier-Tempel nach außen hin oft „mufflerd“ wirken – und er gibt stichhaltige Antworten. Insofern ist das Büchlein auch ein Kompendium der fränkischen Seele.

Viele kleine Erlebnisse machen den Reiz von „Auf dem Keller“ aus. Ein Beispiel: „Die Vielfältigkeiten der Antworten ist doch immer wieder überraschend. Auch hier, als dem Hans ein Wirt auf die Frage ,Wos hobbdern nu zeann Essen?‘ mit einer Gegenfrage geantwortet hatte: ,Kald oder warm?‘ Der Hans entschied sofort: ,Scho lieber warm.‘ Darauf der Wirt, furztrocken und wie selbstverständlich: ,Mir hamm blos nu kald.‘ Man weiß bei fränkischen Wirtsleuten halt nie, was man für eine Antwort bekommt.“

Solche überraschenden Alltagserlebnisse sind der Stoff, aus dem dieses Bändchen gewebt ist. Es geht um die Langsamkeit, die einen auf dem Keller umfängt, um den Seelenfrieden, den man nur hier richtig genießen kann, und um fränkische Schläue. So antwortet ein Wirt dem Hans auf die Frage, ob es bei ausgedehnten nächtlichen Festivitäten denn nicht zu Beschwerden komme: Höchstens die Jäger, die die Reviere rund um sein abgelegenes Lokal gepachtet haben, könnten sich beschweren. „Deshalb hobbi die Jachd edds ah pachd.“

Tommie Goerz hat sich genau umgeschaut und noch genauer hingehört in den fränkischen Bier-Oasen, doch macht er sich auch ums Essen seine Gedanken: Karpfen mit und ohne Ingreisch, Karpfen in Bierteig mit Soße und was der Leckereien mehr sind . . . Und auf die Frage, ob man auch etwas ohne Fleisch zum Essen haben könnte, antwortet die Wirtin des Dorfgasthauses, sie könne Bratwürste machen . . . Denn Fleisch, das ist für den Franken immer am Stück; ist es durchgedreht, ist es kein Fleisch mehr, sondern Gehäck, Wurst oder so etwas.

Eine Liebeserklärung an Franken hat Tommie Goerz hier verfasst, eine Liebeserklärung, die aber auch die kleinen Schwächen dieses Stammes nicht verschweigt und sie humorvoll auf die Schippe nimmt…

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Auf dem Keller. Biergeschichten. Verlag ars vivendi, 218 Seiten, 14 Euro