Wie einst Don Quijote: „Das zweite Schwert“ von Peter Handke

„Das zweite Schwert“ nennt Peter Handke sein neues Buch ganz martialisch. Darin geht es ja auch um Rache. Aber zum Glück nicht nur…

Homer in der Straßenbahn: Peter Handke (Foto: Hochmuth,dpa)

Am schönsten – und österreichisch quer gedacht wie immer – hat es neulich die alte Sigrid Löffler formuliert. Peter Handke, so sagte sie in einer literarischen Fernsehrunde, ist und bleibt für sie, als Kritikerin wie Leserin, einer der wichtigsten Autoren ihres Lebens – „auch wenn er jetzt den Literaturnobelpreis hat“! Dazu dieses mörderisch süße Lächeln, mit dem sie einst schon einen Marcel Reich-Ranicki tief in seinen Sessel versenkte.

Aber auch wer kein Fan des gerade politisch heftig umstrittenen Autors ist oder ihm nicht in all seinen Äußerungen und Veräußerungen folgen will (das Nürnberger Staatstheater führte es zuletzt sehr gewitzt mit dem Handke-Frühwerk „Kaspar“ vor), liest vielleicht mit Gewinn, ja Vergnügen seine jüngste Erzählung, „Das zweite Schwert“.

Der Titel, biblisch belegt: ein Zitat aus dem Evangelium des Lukas. Und schon der Anfang: eine einzige Kampf-, ja Kriegserklärung im Zeichen der Rache, gleichsam mit Schaum vorm zuckenden Mund geschrieben.

Da fuchtelt einer wild nicht mit Waffen, aber doch mit Worten, und der Leser, der sich bald fragt, worum es ihm eigentlich geht, um welche Tat und Schuld, ja welches „Verbrechen“, muss sich lang und kunstreich hinhalten lassen.

Erst in der Mitte des Büchleins, auf Seite 74, lässt Handke die böse schwarze Katze aus dem Sack: Eine französische Journalistin ist die gewissenlose Übeltäterin, hat nicht ihn (was ihm egal wäre), sondern
seine „heilige“ Mutter aufs schändlichste beleidigt. Diese habe damals, als Mädchen von 17 Jahren, den Anschluss Österreichs ans Hitlerreich freudig bejubelt! Dazu eine Fotomontage vom vollen Wiener Heldenplatz, fast schon frivol.

Eine Entgleisung, ganz ohne Frage, und man ist einerseits ganz bei Handke, dem Sohn, der sich gekränkt fühlt. Andererseits, und darin offenbart sich seine Größe als Autor und vielleicht auch Mensch, zelebriert er sein Amt als Mutter-Rächer so selbstironisch aufgeblasen und von jedem beliebigen Sinneseindruck ablenkbar, dass sein dramatischer Aufbruch zur Tat nur als Lustspiel gelesen werden kann.

Ist es nicht komisch, wie er sich selbst immer wieder am langen grauen Schopf packt, sich in scheinbar
heroische Pose wirft, auch in Selbstgespräche rücksichtslosester Art? Alles, nur um aus seinem Häuschen am Rand von Paris zu kommen und der unbenannten „Hassfrau“ (Handke kennt deren mehrere), die ja gar nicht allzu weit weg wohnt, entgegenzutreten.

Und natürlich muss er erst einmal haarklein die drei ruhigen Tage daheim schildern, die der schon seit langem geplanten Racheaktion vorausgehen. Thema und Tonfall wechseln da von Zarathustra-hafter Einsamkeit (als sei er „hier auf Erden der letzte Mensch“, über ihm kreist ein Adler!) bis zum genauen Erfassen der Geräusche, die Mülltonnen eben mal machen.

Auch diese können freilich Gewaltphantasien auslösen… Und steckt nicht im sensibelsten Poeten das Potential zum Killer? „Endlich würde ich die mir an- oder eingeborene Illegalität ausleben! Sie unter Beweis stellen. Sie in die Tat umsetzen. Sie exerzieren! Sie exekutieren!“ – so macht er sich da Mut und Luft.

Das Ein-Mann-Exekutionskommando legt freilich stets Wert auf geputzte Schuhe und ein weißes Hemd, frischgebügelt und „an der rechten Hüftseite eingestickt ein dickschwarzer Schmetterling, den ich einen Fingerbreit oberhalb des Gürtels in das Blickfeld rückte“. Darüber: ein Anzug von Dior, was sonst.

Eitel auch noch? Da muss man, gerade wenn er dann noch vom immer wieder ersehnten „Ritterlichen Leben“ redet, doch vor allem an tragikomische Ritter wie Don Quijote denken, und Handke tut alles, um die eigene – liebenswerte – Lächerlichkeit zu bestätigen.

Es wird also so schnell kein Blut fließen, nur Tinte, viel Tinte, wie immer, denn „Das zweite Schwert“ ist hier ja nichts anderes als der Stift oder eben die Feder in der Hand des Dichters – der metaphorische Ersatz, die Kunst.

Und wenn er dann mit der Tram unterwegs ist und die Landschaften, Menschen, Veränderungen seiner Wahlheimat an der Seine gewohnt träumerisch beschreibt, bleibt von der heißen Rachelust des Beginns ohnehin wenig übrig . . . Am Ende gibt es gar ein Fest. Der Leser feiert gerne mit.

Wolf Ebersberger

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.

Raffiniert: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

Den Preis der Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Lutz Seiler bekommen. Mit seinem raffinierten neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hätte auch Ingo Schulze ihn verdient gehabt.

Ingo Schulze, nicht Schultze (Foto: dpa/Stache)

Es kommt in der Tat selten vor: Dass man einen deutschen Roman liest und sich plötzlich denkt, hoppla, der könnte auch von Philip Roth sein! Kann man einem Autor ein größeres Kompliment machen?

Dabei fängt Ingo Schulze ganz naiv und märchenhaft an. Erzählt von einem ach so beliebten, belesenen, die deutsche Geistesgeschichte gleichsam repräsentierenden Mann, dabei gutmütig und bescheiden: dem Antiquar und Buchhändler Norbert Paulini, der nicht nur in seiner Heimat Dresden, sondern darüber hinaus den allerbesten Ruf genießt.

Erstausgaben, Kassetten, gesammelte Werke und bibliophile Bände: Bei Paulini gibt es alles, sogar zu den sonst knappen Zeiten der DDR. Schon die Mutter hatte ja, bevor sie bei seiner Geburt starb, an teuren und wertvollen Büchern gehortet, was nur ging. Klein-Norbert schlief, kein Witz, auf Stapeln von Klassikern. Ein Bett gab es nicht.

Und er nimmt den geerbten Auftrag wahr, eröffnet, sobald es irgend geht, ein Geschäft, in dem alle Kunden, Akademiker wie Amateure, garantiert glücklich werden. Muss man ihn nicht lieben? Paulini ist wie wir! Und er ist konsequent. „Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“

Bitter, wenn ausgerechnet er, dieser rechtschaffene Händler des Guten, Schönen, Wahren, zum hilflosen Wendeopfer wird. Von den alten Besitzern aus der Villa geworfen, von der Insolvenz eingeholt und bis an die „Netto“-Kasse gedrängt, dann auch noch von der Jahrhundertflut der Elbe um etliche Regalmeter beraubt. Auch mit seiner Frau, der Stasi-Friseuse, hat er kein Glück . . .

Aber kann man ihm, dem man so nahe schien, die Treue halten, wenn er am Ende dieses ersten Teils den Mund auftut und völlig unerwartet die übelsten rechtsextremen Positionen vertritt? Man glaubt als Leser seinen Ohren oder Augen nicht. Vom Paulus zum Saulus, von Paulini zu Saulini? Wen hatten wir da die ganze Zeit eigentlich vor uns?

Und schon folgt ja, aus der Sicht eines Paulini-Bekannten, die Korrektur. Ein erfolgreicher Berliner Autor, hinter dem niemand anderes zu stecken scheint als Ingo Schulze selbst, entlarvt Teil eins als seine eigene Fiktion, gedacht als Hommage, die dann von der Wirklichkeit eingeholt wurde.

Aber Vorsicht! Nicht Schulze, sondern „Schultze“ (mit t) wird der Erzähler genannt und gesteht dann auch noch ein, dass sein Verhältnis zum Antiquar von Eifersucht getrübt ist: Dessen Helferin Lisa landet zwar willig in Schultzes Bett, will aber dort nicht bleiben. Paulini, das alte Monster, hat sie offenbar in der Hand.

Und dann, Teil drei: ein Mord. Oder nur Unfall? Zumindest, und hier entfaltet sich erst die ganze Größe und geheime Spannung dieses Buchs, eine Enthüllung, die dem Leser erneut den Boden unter den Füßen wegzieht und den Titel weiter fasst, als einem lieb ist: „Die rechtschaffenen Mörder“ sind unter uns!

Was als Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Büchermenschen begann, endet als Krimi und kaltblütige Bilanz, dazwischen die jüngste deutsche Geschichte von Ost und West, ein Erotikdrama zweier alternder Männer, das alles im irritierenden, immer wieder ernüchternden Clinch von Realität und Literatur, Wahrheit und Lüge. Wem kann man da trauen?

Ingo Schulze schon. Er hat einen verdammt guten Roman geschrieben.

Wolf Ebersberger

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer, 318 S., 21 Euro

Wiederentdeckt, wild und frei: Albertine Sarrazin

Sich frei schreiben: So lässt sich das Werk der Französin Albertine Sarrazin (1937–1967) ganz gut fassen. Es war die einzige Freiheit, die sie hatte – und mit Leidenschaft verteidigte.

Albertine Sarrazin (1937-1967) Foto: AFP

Literatur ist auch eine Frage der Umgebung. Es macht einen Unterschied, ob man in stiller Abgeschiedenheit schreibt oder im dröhnenden Herzen einer Metropole; im Spiegelkabinett von Wohlstand oder im Aktenstaub eines grauen Alltags; unter wärmender Sonne oder im Eis der Einsamkeit. Und sei es, dass man sich von diesen Orten fortschreibt.

Albertine Sarrazin war keine Bewohnerin des Elfenbeinturms. Viele Jahre ihres kurzen Lebens hat sie in Haft verbracht – und hat darüber etwa Folgendes geschrieben: „Von meinem Gefängnis (…) möchte ich nichts hassen, verleugnen oder vergessen, sonst würde ich selbst verschwinden; ohne das Gefängnis bin ich nichts“.

Zeile um Zeile ihrer Bücher kritzelt sie dort in winziger Schrift auf alles, was Papier ist und schmuggelt es nach draußen. „Querwege“ heißt, nach „Astragalus“ (1966; neu erschienen 2013) und „Der Ausbruch“ (1967; 2018), der dritte und letzte Roman, der so entstanden und jetzt neu herausgegeben worden ist.

Man kann über die Bücher von Albertine Sarrazin nicht sprechen, ohne von ihrem Leben zu erzählen. Sie war eine radikal autobiographische Autorin, doch wird niemand bestreiten, dass es sich dabei um Literatur handelt – ja, um große Literatur, was die bilderreiche Sprache angeht und darin, wie sich hier eine Stimme formt, die kämpferisch ein Leben verteidigt.

Gerade dadurch, dass es sich so abseits gängiger Lebensentwürfe abspielt, weist es über sich hinaus, katapultiert sich mit stolzem Selbstbewusstsein aus seinem Schattendasein ins Licht. Als eine der ersten hat das Simone de Beauvoir erkannt, die dafür sorgte, dass Sarrazin den Beginn ihres Ruhms noch erleben konnte.

Geboren wird Albertine 1937 in Marokko, sie erfährt nie, wer ihre Eltern sind. Ein konservatives älteres Ehepaar in Frankreich adoptiert sie, mit zehn wird sie vergewaltigt. „Mein Status heißt elternlos und unerwünscht“, so lapidar fasst sie zusammen, wie sie ihren Platz in der Welt empfindet. Gefängniszellen und Heime werden die Ortsmarken ihres Lebens, aber überall fühlt sie sich fremd. Nur mit, nur für Julien (der im Roman „Lou“ heißt) tut sie alles und wird ebenso vorbehaltlos zurückgeliebt; auch er ist als Kleinkrimineller an den Rändern der Gesellschaft zuhause.

„Querwege“ erzählt davon, wie Albe, so nennt sie sich, aus dem Gefängnis entlassen wird und ein Jahr zu überbrücken hat, bis auch Lou freikommt. Dafür muss sie sich wieder in die Obhut ihrer Adoptivmutter begeben, die mittlerweile in einem Kloster lebt. Und eine Stelle im Kaufhaus Prisunic antreten, wo sie mit Ironie die Konsumgier der Klein- und Großbürger kommentiert. Den Begriff der Arbeit dehnt sie im Roman immer wieder angewidert als „Ar-ba-i-t“ ins Vulgäre. Die Übersetzerin Claudia Steinitz trifft durchwegs Sarrazins frechen, frischen, freizügigen Klang.

Albe bleibt eine Unbehauste. Sie lebt und schreibt als Außenseiterin. Aus dieser Perspektive beobachtet sie die Welt um sich, zu der sie nicht gehört, nach der sie sich nicht sehnt. Was sie sieht, destilliert sie mit einer Mischung aus Schärfe und Sarkasmus, Witz und Verachtung zu einem wenig schmeichelhaften Bild ihrer Mitmenschen.

Unverstellt ist aber auch der Blick auf sich selbst. Ohne Scheu offenbart sie sich als Diebin, die nicht nur aus Not stiehlt, sondern aus Leidenschaft; angesichts der funkelnden Ohrringe einer Tischnachbarin kann sie sich nur mit Mühe zurückhalten: „Ich zappelte vor Lust“.

Auf alten Fotografien fixiert sie den Betrachter mit herausforderndem Blick, wirkt mit den großen Augen und dem hellen Teint zart und zerbrechlich wie ein Kind, unglaublich jung. Und so, unglaublich jung, stirbt sie mit 29 an einem ärztlichen Kunstfehler.

„Ich bin ein lachender, hungriger Spatz in den Regenrinnen der traurigen Dürftigkeit, ich suche darin das Lustige und das Nährreiche“, so beschreibt sie sich. Aus ihren kargen Fundstücken hat Sarrazin Großes geschaffen.

Tamara Dotterweich

Albertine Sarrazin: Querwege. Ink Press, 224 Seiten, 20 Euro

Sasa Stanisic und seine „Herkunft“: Deutscher Buchpreis

Empört über Handke: Sasa Stanisic, Schriftsteller aus Bosnien und Herzegowina. (Foto: Jan Woitas, dpa)

Wer bin ich? Das ist die eine Frage. Die andere: Wo komme ich her und wie wichtig ist das überhaupt? Der in Hamburg lebende Autor Sasa Stanisic, Jahrgang 1978, stellt sie in seinem aktuellen Buch „Herkunft“ und findet zumindest erzählerisch Antworten. Dafür bekam er nun den Deutschen Buchpreis. Und nutzte die Gelegenheit, sich gleich über den Literaturnobelpreis für Serbenfreund Peter Handke zu beschweren.

Ja, es wirkt fast wie das Paradies, dieses kleine Dorf. Ganz abgeschieden und still liegt Oskorusa im Osten Bosniens, von Wald umwachsen am Fuße des Berges Vijarac: die Quelle seiner Familie, oder? Denn dort lebten einst seine Urgroßeltern väterlicherseits und bauten ihr Haus – jetzt ist nur noch ihr Grab übrig.
Sasa Stanisic hat es mit seiner geliebten Großmutter Kristina besucht. Hat an einem heißen Sommertag im Schatten unter dem Speierlingsbaum am Grab gesessen und mit den letzten Einheimischen – mehr als ein Dutzend sind es nicht – gespeist, ganz friedlich.

Und natürlich muss man da an den Baum der Erkenntnis denken, nicht umsonst sitzt oben in den Zweigen eine Schlange, eine Hornotter, und züngelt ebenso real wie symbolisch. Die Erkenntnis – am Ende des Buches – wird bitter sein und ein bisschen ratlos, die Vertreibung aus dem Paradies hat dann längst stattgefunden. Oma Kristina weiß eh nichts mehr, sie ist inzwischen dement; die Familie – mit muslimischen Wurzeln auf der Mutterseite – lebt in der Diaspora.

„Herkunft“, Sasa Stanisics ambitioniertes neues Buch, ist so etwas wie der Versuch, die Splitter und über die Länder verteilten Steinchen zusammenzutragen und daraus, wie ein Mosaik, wieder ein ganzes Bild werden zu lassen. Bericht, Autobiografie, Tagebuch, Roman – zum Schluss sogar ein Spiel, bei dem der Leser zwischen verschiedenen Varianten wählen und hin- und herblättern darf: „Herkunft“ ist vieles – und wie jede Herkunft, als Produkt des Zufalls, schwierig festzumachen.

Stanisic, der aus der Stadt Visegrad stammt, erzählt einerseits von einem großen Verlust, von Krieg und Flucht und ihren Verwüstungen: Jugoslawien, „das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr… Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats.“ Ein glückliches Kind, muss man hinzufügen, ein Kind Titos.

1992 entkam die Familie den drohenden Schrecken der Bosnien-Kriege und fand – die Eltern nur vorübergehend, dann mussten sie wieder ausreisen – in Deutschland eine neue Heimat. Da ist Sasa gerade 14 Jahre alt und kann kaum ein Wort Deutsch.

Aber das wird sich ändern. In Heidelberg – mit den Freunden, die sich an der Aral-Tankstelle im sozial schlichten Emmertsgrund treffen, mit den ersten Mädchen wie Rike, denen er imponieren will, mit Lehrern, die im Schultrott doch erkennen, welche Talente das Flüchtlingskind in sich trägt, wird Sasa Stanisic die fremde Sprache nicht nur lernen, sondern lieben lernen.

Was für ein Moment, wenn die Klasse dann im Unterricht auch ein Gedicht von ihm bespricht – und natürlich darf das niemand wissen! Deutsch, „besprenkelt mit der Muttersprache“, nennt er diesen knalligen Jugendjargon von damals, den er, als einen Stil von vielen, in der Erinnerung noch einmal aufleben lässt – „wirklich schön“.

Er tut dies immer aus der akuten Gegenwart heraus, in der er dieses Buch schreibt: politisch konfrontiert mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und dem Aufstieg der AfD, aber auch persönlich ungewiss und zögernd, wie er sich selbst, seine familiäre Identität, sinnvoll und schlüssig darstellen soll. Ist nicht das ganze Konzept von Herkunft fraglich, ja gefährlich? Ist nicht auch ein Buch, das sich so nennt, zum Scheitern verurteilt?

Die Großmutter – deren Geschichte dramatisch dominiert – wird verstummen. Aber umso stärker erwächst ein neuer Impuls: Sasa, der Enkel, wird weiter erzählen. Gut so.

Wolf Ebersberger

Sasa Stanisic: Herkunft. Luchterhand, 355 Seiten, 22 Euro.

Anika Deckers starkes Romandebüt

Nicht weniger als ein Leben steht in diesem Roman auf dem Spiel. Trotzdem ist er immer wieder extrem lustig. Geht das?

Anika Decker (Foto: dpa)

Die Drehbuchautorin Rahel Wald ist Mitte 30, als sie urplötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Wegen einer Sepsis landet sie auf der Intensivstation, ihre Eltern werden auf das Schlimmste vorbereitet. Doch Rahel überlebt. Aufatmen, aufstehen, Happy End?

Könnte in einem Buch mit mäßigem Drehbuch so sein. Hier aber fängt die Geschichte erst an. Denn als Rahel Wald aus dem künstlichen Koma erwacht, als sie wieder mit ihren Eltern und ihrem Freund kommunizieren kann, stellt sie fest, dass sie Erinnerungslücken hat, was die Zeit vor ihrem Zusammenbruch betrifft.

Damit beginnt eine Horrorstory. Keine übersinnliche Fantasy made in Hollywood, sondern eine aus der ganz normalen Welt – die kann mitunter ja gruselig genug sein. Und ist hier zugleich immer wieder sehr, sehr komisch.

Passgenau zusammengeführt hat diese Extreme die Drehbuchautorin Anika Decker, die mit „Wir von der anderen Seite“ ihren ersten Roman vorlegt. Von Decker, 44, dürften die wenigsten schon gehört haben, obwohl sie das Drehbuch zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahrzehnts geschrieben hat: „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger; mehr als sechs Millionen Zuschauer haben sich in dieser Komödie amüsiert. Aber Drehbuchautoren sind nach wie vor in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dabei brauchen Filme guten Stoff so nötig wie ein Junkie den seinen.

Auch um den Stellenwert von kreativer Arbeit geht es in diesem Roman, wie überhaupt um die ganze Filmbranche mit ihren Ekel-Egomanen, Selbstdarstellern und Geschäftsleuten – und darum, wie sich eine junge Frau in diesem Haifischbecken bewegt.

Vor allem aber handelt das Buch davon, wie ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, wie sich aus dem Nichts – so zumindest scheint es lange Zeit – eine Hürde in den Weg schiebt, über die man nicht einfach so hinweggehen und danach weitermachen kann wie vorher.

Und obwohl die Parallelen offensichtlich sind – nein, das ist keine verkappte Autobiografie von Anika Decker, die mit ihrem ersten Drehbuch gerade einen Erfolg gelandet hatte und dann schwer erkrankte. Wo Anika aufhört und Rahel beginnt, ist zwar schwer zu sagen; allerdings ist das auch nicht sonderlich wichtig.

Denn die Autorin hat eine starke Figur in einer Extremsituation geschaffen, die um ihr Leben kämpft; der, vollgepumpt mit Medikamenten, nachts ein Eichhörnchen auf der Brust sitzt und winkt; die erst zum Gerippe abmagert und später fett und antriebslos in Jogginghosen auf dem Sofa vor sich hin gammelt. Kurz: die plötzlich auf der anderen Seite steht, wo es nicht um das richtige Outfit für eine Filmparty geht, sondern darum, überhaupt etwas anzuziehen, ohne davon schon wieder komplett erschöpft zu sein.

Und auch eine Figur mit all ihren (und unseren) Unzulänglichkeiten, Neurosen, Ängsten und Eigenheiten.
Puh, ja, ganz schön heftig, all das. Wäre da, sogar auf dieser anderen Seite, nicht Deckers Witz und die (Selbst-)Ironie, die das Schreckliche mit Sinn für Pointen abfedert und diesen Roman zu einem stellenweise sehr komischen macht.

Die Autorin Sibylle Berg, mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens bestens vertraut, hat ihn geliebt.
Muss man mehr sagen?

Tamara Dotterweich

Anika Decker: Wir von der anderen Seite. Roman. Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Jung, stark, irisch: Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“

Wir können dieselben Zutaten nehmen und doch schmeckt es für jeden anders – das Essen, das Leben, die Liebe. Sally Rooneys Debüt-Roman „Gespräche mit Freunden“, eine der literarischen Überraschungen dieses Sommers, besteht für sich genommen aus unspektakulärem Stoff, der aber ist geschickt gestrickt.

Die irische Autorin Sally Rooney (Foto: Luchterhand)

Zwei Paare, ein weibliches Jüngeres und ein gemischtgeschlechtliches mittleren Alters, kommen sich näher. Die Frauen sind im Literaturmillieu unterwegs. Nick ist Schauspieler, er dreht – mäßig erfolgreich – Filme.

Was als zufällige Begegnung bei einer Lesung beginnt, führt bald dazu, dass sich Frances (aus deren Warte erzählt wird) zu Melissas Ehemann Nick hingezogen fühlt. Um so mehr, als ihre Freundin Bobby sich soeben von ihr trennte. Die wiederum würde gerne die verheiratete Melissa erobern. Ein freizügiger Sommerurlaub in Frankreich folgt, intime Geheimnisse inbegriffen.

Natürlich kann auch eine Senkrechtstarterin wie Rooney, 1991 im irischen County Mayo geboren und für „Gespräche mit Freunden“ im angelsächsischen Raum schon mit Literaturpreisen überschüttet, das Genre der modernen Liebesgeschichte mit all ihren Beziehungsmöglichkeiten nicht neu erfinden – deren Klassiker sie gut kennt.

Wer will, kann Motive aus Hemingways „Garten Eden“, Sagans „Bonjour Tristesse“ oder Salingers „Fanny and Zooey“ herauslesen, die Rooney sehr intelligent aus den 50er und 60er Jahren ins Zeitalter von Whatsapp und Billigflügen hineinübersetzt. Das gelingt ihr sinnlich und gedankenscharf.

Über zahlreiche starke Dialoge zwischen den diskutierenden Hauptfiguren hinaus nimmt die Handlung wohltemperiert Kurs auf philosophische Monsterfragen wie Monogamie, Patriarchat, Kapitalismus. Das aber, Gottseidank, ohne in den Abgrund der Grübelei zu stürzen.

Der Roman ist als Reflexion Liebender zu lesen, die ihre Tickets durchs Leben hinterfragen und darüber nachdenken, ob sie diese behalten oder neu buchen sollen. Sommerlektüre, Liebesroman, Gesellschaftsbetrachtung: Rooney lauscht in „Gespräche mit Freunden“ am Puls der Zeit. Dem Geschwätz geht sie nicht auf den Leim. Die Stimmlage passt.

Christian Mückl

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Deutsch von Zoe Beck. Luchterhand, 384 Seiten, 20 Euro.

Nell Zinks vergnüglicher Roman „Virginia“

Eine lesbische Studentin und ein schwuler Dichter begegnen sich am College, werden ein Paar und bekommen zwei Kinder. Sie leben eine Weile mehr schlecht als recht zusammen, als sie sich irgendwann die Tochter schnappt und verschwindet. Lee, der Vater, hat sich längst wieder dem eigenen Geschlecht zugewandt.

US-Autorin Nell Zink (Foto: Fred Filkorn, Rowohlt)

Peggy, die Pfarrerstochter, die sich später Meg nennen wird, taucht gar nicht weit entfernt unter, bezieht eine verfallene Baracke in einem sumpfigen Wald und gibt ihrem Kind eine gestohlene Existenz. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit nicht immer legalen Geschäften.

Damit kommen die beiden ganz gut zurecht, zumindest ein paar Jahre lang. Der Rest der Familie hört natürlich nicht auf, die Verschwundenen zu suchen. Es kommt zu Irrungen und Wirrungen der vergnüglichsten Art, bis alle irgendwann wiedervereint sind.
„Virginia“ heißt Nell Zinks Roman, der nach seinem Schauplatz benannt ist und in einem erzkonservativen Winkel der USA handelt, zu einer Zeit, in der sich gerade ein Wandel ankündigt. Die 60er und 70er Jahre erschüttern alte Wahrheiten und Gewohnheiten.

Nell Zink, 1964 in Kalifornien geboren, lebt heute in Deutschland, in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig. Auch sie hat ihrem Leben immer wieder eine neue Richtung gegeben. In „Virginia“ erzählt sie eine phantastische Abenteuergeschichte, voll wilder Phantasie und schrägen Haupt- und Nebendarstellern. Sie wirbelt Gewissheiten durcheinander, spart nicht mit Kritik an ihrem Heimatland, an der Politik, am Rassismus, an den Frauenbildern.

All diese Themen verpackt sie in schräge Begebenheiten, lässt niemals einen belehrenden oder anklagenden Unterton aufkommen. Ihre Heldin emanzipiert sich mutig und zügellos und nimmt dafür einen beträchtlichen sozialen Abstieg in Kauf. Unglücklich ist sie deshalb ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Sie hat sich befreit.
Den Leser freut das außerordentlich. Vor allem, weil er so ein ganz wunderbar heiteres Happy End erzählt bekommt.

Gabi Eisenack

Nell Zink: Virginia. Rowohlt, 320. S., 22 Euro.

O, Mond: „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die gängige amerikanische Karriere. Vom verprügelten Heimkind zum Internet-Krösus und Möchtegern-Astronauten – das klingt nicht unbedingt nach einer deutschen Erfolgskurve.

Was der Autor Norbert Zähringer in seinem fünften Roman „Wo wir waren“ ausheckt, ist im Grunde pure Kolportage: sein Held Hardy Rohn entweicht mit fünf Jahren dem Waisenhaus, wird von einer mitleidigen Familie adoptiert, erfährt die Enge des 1970er-Jahre-Spießertums und die Verlockungen der Alternativkultur, entwickelt in den USA Computerspiele und intelligente Rasenmäher und steigt zum Multimillionär auf.

Norbert Zähringer (Foto: Isabella Scheel/Rowohlt-Verlag).

Damit nicht genug, serviert uns Zähringer auch noch die ganz anders gearteten Lebensläufe von Hardys leiblichen Eltern, der Mutter Martha, die als Giftmörderin im Zuchthaus landet, und des Vaters Jim, eines US-Soldaten, den es von Deutschland nach Vietnam verschlägt.

Ein Drama hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Tatsächlich erzählt Zähringer seine Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern wirbelt die Zeiten und Schauplätze wild durcheinander. Die reichen von 1901 bis 2009, vom Rheingau, wo sich Taunus und Hunsrück gute Nacht sagen, bis nach Los Angeles und Baikonur, vom Kloster bis zum Weltraumbahnhof.

Dreh- und Angelpunkt, demonstrativ als solches deklariertes Zentrum des Romans, ist allerdings der Mond am 21. Juli 1969, als Neil Armstrong seinen Fuß in den Staub des Mare Tranquillitatis setzt. In jenem Moment setzen die drei Erzählstränge ein oder kommt es zu entscheidenden Weichenstellungen.

Der Witz des Romans ist so beschaffen, dass sämtliche Haupt- und Nebenfiguren der verschiedenen Handlungsfäden gelegentlich einander begegnen, ohne sich oder ihre Schicksalsverbundenheit zu erkennen. Dies eben bleibt dem aufmerksamen Leser überlassen.

Damit lädt Zähringer den Leser ein, auf Wolke Neun Platz zu nehmen und gottgleich seine Romanfiguren durchs Schicksals-Opernglas zu betrachten. Betrachtet man die Episoden für sich, so gestaltet der Autor überaus einfühlsame Stimmungen und Milieus: das westdeutsche Kleinbürgeridyll der 1960er und 70er Jahre mit seinen Abgründen in Gestalt sadistischer Heimleiter, zwangsgesteuerter Karrieristen und frustrierter Hausfrauen, und im Gegensatz dazu das freie Leben in Berlin; die „Anything goes“-Mentalität der USA in den 1980er Jahren; und als Zukunftsvision die nachindustrielle Wildnis in Kasachstan mit High-Tech-Ruinen.

Darüber hinaus lebt Zähringers Roman vom Gegensatz aus Enge und Weite im räumlichen wie im geistigen Sinn, aus der Spannung zwischen Abwarten und Aufbruch, zwischen Neugier und Zaudern, zwischen Courage und Duckmäusertum.

Zur inspirierenden Personnage zählen illustre Phänomene der deutschen Nachkriegsgeschichte wie Giftmischerinnen, die sich ihrer bevormundenden Gatten entledigten, SF-Heftromanschreiber im Stile Perry Rhodans, gescheiterte Alternativ-Literaten und natürlich diverse Leichen im NS-Keller.

Doch tatsächlich bedingt erst die Erfahrung der Enge das Erlebnis der Weite. Hätte Hardy seine Passion für den unbegrenzten Raum entwickelt ohne das Erleiden des Eingesperrtseins, ohne das kindliche Spiel im „Raumschiff Orion“-Autowrack?

Die Ironie der Geschichte und die Tücken der Technik zwingen den Hobby-Kosmonauten wieder in die Klaustrophobie: in die Enge einer Sojus-Kapsel, die kindliche Traumata wieder aufrührt.
Doch unser Held ist nicht umsonst nach dem Filmstar Hardy Krüger benannt. Der hatte seinen Durchbruch in der Rolle als deutscher Flüchtling aus englischer Kriegsgefangenschaft. Titel des Films: „Einer kam durch“.

Reinhard Kalb

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Roman. Rowohlt, 500 Seiten, 25 Euro

Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.