Virginie Despentes und „Das Leben des Vernon Subutex“

Im Fernsehen kommen Serien wie „Game of Thrones“ oder die deutsche Produktion „Babylon Berlin“ bestens an. Auch die französische Schriftstellerin Virginie Despentes ist ins Serienfach gewechselt. Jetzt schließt sie mit Band 3 ihre 1200-seitige Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ ab.

Virginie Despentes (Foto: AFP/Samson)

Fast am Ende der drei Bände erlaubt sich Virginie Despentes tatsächlich den Scherz und schreibt einen Satz hin, der das, was man sich beim Lesen die ganze Zeit gedacht hat, zusammenfasst: „Um damit fertig zu werden, hat er die Serie geschrieben, es ist ein Riesenerfolg geworden – nicht so eine bescheuerte Actiongeschichte, eine ganz andere Atmosphäre, es macht total süchtig.“

Da hat die Autorin – natürlich augenzwinkernd – die Wirkung ihrer Trilogie gut auf den Punkt gebracht. Die in der Tat süchtig machende Geschichte geht zusammengefasst so: In Band 1 erlebt der ehemalige Plattenladenbesitzer Vernon Subutex in Paris den sozialen Abstieg und landet am Ende auf der Straße. Bis es soweit ist, quartiert er sich mithilfe einer Notlüge bei etlichen alten Bekannten ein – was Despentes die Gelegenheit gibt, ein schräges Kaleidoskop der französischen Gesellschaft zu zeichnen.

In Band 2 lernt Subutex (der Nachname bezeichnet ein starkes Schmerzmittel), auf der Straße zu leben. Er findet bald Gesellschaft – und wird sogar zu einer Art Mittelpunkt von Obdachlosen und Leuten aus seiner Vergangenheit, die glauben, er sei im Besitz von geheimen Aufzeichnungen.

In Band 3 zerbricht die Gemeinschaft, die sich mittlerweile zu legendären „Convergences“ zusammenfindet – eine Art Rave, nur völlig ohne Lichteffekte und ohne Drogen. Vernon ist der Zeremonienmeister und begnadete DJ dieser Treffen. Seine Musik unterlegt er mit geheimnisvollen Klangwellen und verschafft so seinem Publikum nichts Geringeres als Erlösung. Die Gemeinschaft zerbricht übrigens am Geld, und zwar an der Frage, was man mit dem Erbe von Charles anstellen soll. Dieser, ebenfalls obdachlos, hatte vor Jahren im Lotto gewonnen, doch niemals auch nur einer Menschenseele davon erzählt . . .

Außerdem macht sich die bittere Wirklichkeit in der Fiktion des Buches breit: Der Anschlag auf den Pariser Musikclub Bataclan, bei dem am 13. November 2015 fast 130 Menschen starben, lässt keine der Personen im Roman ungerührt. Im weiteren Fortgang der Geschichte wird ein Attentat ebenfalls verhängnisvolle Auswirkungen haben.

Die Stärke der Trilogie besteht darin, dass der Leser die Personen mit der Zeit liebgewinnt, auch wenn sie nicht liebenswert sind. Das gilt für den Antihelden Subutex genauso wie für die „Hyäne“, eine Art heruntergekommene weibliche Superheldin, oder für Laurent Dopalet, einen Filmproduzenten, der ein Meister des bösen Spiels ist.

Die Erzählperspektive tut ihr Übriges: Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer Person erzählt, fast wie bei einem inneren Monolog. Das ist so meisterhaft gemacht, dass dem Leser mit der Zeit sogar Rassisten und Ekel ans Herz wachsen. Zumindest kann man nachvollziehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Hilfreich dabei ist, dass es seit Band 2 am Anfang des Buches ein Personenregister gibt, in dem alle Hauptfiguren aufgelistet sind. Man ertappt sich doch öfter dabei, wie man wieder einen Namen nachschlägt . . .

Ein Problem ist natürlich der schiere Umfang des Werkes: Drei Bände à 400 Seiten sind erstens nicht ganz billig, zweitens braucht es ein gewisses Durchhaltevermögen. Eine Serie im Fernsehen zu schauen ist definitiv leichter! Doch „Das Leben des Vernon Subutex“ wird sicher bald verfilmt – wer würde sich einen solchen Bestseller schon entgehen lassen!

Wie heißt es kurz vor dem Ende des dritten Bandes? „Die Fabriken produzieren die Granaten, die Dopalets produzieren die Geschichten.“ Virginie Despentes hat beides geschafft: Sie hat eine Geschichte geschrieben, die eine echte Granate ist!

Christian Ebinger

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Band 3. Kiepenheuer & Witsch, 416 S., 22 Euro.

Kurz und gut: Benedict Wells und Frank Schulz

Es ist ein Spätsommer der Kurzgeschichten: Sowohl der alte hanseatische Hase Frank Schulz als auch sein jüngerer süddeutscher Schriftsteller-Kollege Benedict Wells legen schöne Short Stories vor.

Schriftsteller Benedict Wells (Foto: dpa)

Schreiben Autoren tatsächlich die tieferen Texte, wenn sie durch harte Jahre gingen? Sowohl Benedict Wells’ zehn Geschichten unter dem Buchtitel „Die Wahrheit über das Lügen“ als auch Frank Schulz’ Sammlung „Anmut und Feigheit“ tragen, so unterschiedlich sie im Stil sind, feinnervig private Züge.

Wells (geb. 1984) ist es in nur zehn Jahren gelungen, sich vom spritzigen Schreiber („Spinner“) mit filmreifem Stoff („Becks letzter Sommer“) zum ernst zu nehmenden Romancier („Das Ende der Einsamkeit“) zu entwickeln. Abwesende Eltern, sensible Seelen, früher Schmerz und trotzdem Nischen des Glücks: Wells Literatur atmet, fühlt, schält Gedanken.

Vor allem der letztgenannte Roman spiegelte bei aller melancholischen Leichtigkeit dunkle Wolken unter der Wasseroberfläche des Erzählens. Und auch für seine Kurzgeschichten gilt: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Wells erzählt zügig durch. Gleich mit der ersten Story „Die Wanderschaft“ verhandelt er fantastischen Realismus und nacktes Erschrecken in der Wirklichkeit – wohin ist mein Leben? – gleichermaßen. Ein Business-Mann, erfolgreich, Vater zweier kleiner Kinder und obendrein mit einer sehr geduldigen Ehefrau gesegnet, bricht am Geburtstag seines Sohnes spontan zu einer Gipfelwanderung auf. Bin zum Grillen wieder da!

Seine Rückkehr wird dann sein: Gegen Mitternacht. Er kehrt als anderer Mensch heim – am Abgrund des plötzlichen Gealtertseins. Damit verglichen kommt „Die Muse“ zunächst leichtfüßig daher. Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade wird im Bett geküsst. Von der Muse, die männlich ist, sexy und inspirierend auf sie wirkt. Das Teuflische: Schreibt sie am ersehnten Roman weiter, blutet der Musenmann aus, verliert seine Lebenskraft. Kunst oder Liebe, Erfolg oder Erlösung – die Gretchenfrage aller Kreativen ist hier der Dauerbrenner.

Charmant erzählt Wells eine Weihnachtsgeschichte, „Die Nacht der Bücher“. Die Klassiker der Weltliteratur unterhalten sich in einer Londoner Leihbibliothek am Heiligen Abend. Hemingway, Shakespeare, Proust, Rowling: Die Schöngeistigen schießen sich mit giftigen Kommentaren gegenseitig ab.
Wells gelingt eine ironische Abrechnung mit den Säulenheiligen des Betriebs, die als angestaubte, selbstverliebte Langweiler in den Regalen stehen und mit ihrem Schicksal als Zwangslektüre hadern.

„Hunderttausend“ verhandelt dann sehr privat die Sehnsucht nach dem Vater. Und in „Die Entstehung der Angst“ spinnt Wells eine Figur aus seinem letzten Roman weiter. Zentral liegt die Titelstory „Die Wahrheit über das Lügen“ im Buch. Vordergründig mag es um die Erfindung von „Star Wars“ gehen. Hintergründig fächert Wells die Finten des Filmgeschäfts auf. Man kann auch sagen: Er erdet Science Fiction.

Beim Hamburger Schriftsteller Frank Schulz irritiert es zunächst, dass er die Kurzgeschichten „Anmut und Feigheit“ (sein „Prosa-Album der Leidenschaft“) von 2018 bis 1950 zurückdatiert. Scherzkeks, der er ist! Wurde er doch selbst erst 1951 geboren. Bei der Lektüre wird klar: Die älteste Geschichte handelt nicht nur von „Mamapapamamapapa“, sondern auch von seiner Zeugung!

Zu welch zärtlich verschrobenen Persönlichkeits-, Großstadt- und Landschaftsporträts Schulz fähig ist, hat er mit seinen Büchern übers norddeutsche Künstler- und Proletenidyll („Kolks blonde Bräute“, „Morbus Fonticuli“, „Das Ouzo-Orakel“) bewiesen. Mit der hanseatischen Trilogie über „Onno Viets“ und den „Irren vom Kiez“ setzte er diese Kunst fort. Und auch in seinen Stories zappelt die Sinnlichkeit seines Schreibens wieder derart nach der Welt, als wären einem Kettenraucher die Kippen ausgegangen.

Es geht um Trauer in „Rotkehlchen“, einem Oratorium für den Vater. Zwiespältig lustig ertappt Schulz uns mit der Ehe-Satire „Der korfiotische Kuss“. Und dann glücken ihm gänsehautgute Schmachtfetzen wie „Geliebte mein im Schuhkarton“. In einen zentnerschweren Großstadtfenster-Voyeur denkt Schulz sich da hinein. In einen Kerl, der sogar aufgehört hat, zu „seiner“ Hure zu gehen, dem einzigen verzweifelten Frauenkontakt, den er noch hatte. Der Grund: Dem Dicken genügt es irgendwann vollends, der Nachbarin im Haus gegenüber bei ihren Alltagsverrichtungen zuzuschauen. Wenigstens im Winter. Im Sommer versperren die Blätter der Bäume den beglückenden Blick in das zum Greifen nahe Behauste . . .

Christian Mückl

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, 256 Seiten, 22 Euro.
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani, 336 Seiten, 22 Euro.

Kurz, frech, tragisch: Heinz Strunks „Teemännchen“-Stories

Heinz Strunk seziert in seinen neuen Kurzgeschichten lausige Lebenslügen, beschreibt Frauen als dicke Dinger und Männer als schlimme Finger. Kotzbrocken schenkt er reinen Wein ein und Losern Liebe. Das hat was.

Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape) mag es cool. Foto: dpa

In der Titelgeschichte taucht noch so ein Versager auf. Michael heißt der. Ein Langweiler vor dem Herrn. Kein Wunder, wenn „das Teemännchen“ in seinem Laden selbst zum Ladenhüter wird. Ein Mensch wie „zu früh zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen“. Schreibt Strunk.

„Das Teemännchen“ ist im Buch in bester Gesellschaft. Denn sein Autor hat ein Herz für Versager. Eine Galerie der vom Leben Deformierten tischt er auf. Streichelt die schlimmsten Fälle mit feiner Feder. Keinem der Porträtierten ist noch irgendwie zu helfen. Aber diese Tragik transportiert der Hamburger Bestseller-Autor („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) mit Scharfsinn und Bravour. Und mit keinem Wort zu viel.

In „Tempo 100“ (dem Wald zuliebe) lernen wir zwei Alt-Linke kennen, Marion und Michael. Beide tragen ausschließlich Schwarz: „Er, weil er Tontechniker ist und alle Tontechniker auf Gottes weitem Erdengrund ausschließlich Schwarz tragen, sie, um ihre abstehende Wampe zu kaschieren“. Wenn sie bei allem Hass aufeinander immer noch aneinander kleben, dann deswegen: „Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu alles Mögliche. Das wird schwierig, noch mal neue Lebensabschnittsgefährten zu finden.“

Dann ist da der Bordellgänger, der nur vormittags kommt. Wenn die Damen noch „frisch“ sind. „Nutten mit Kaffeefahne“ heißt die Story. In „Fred Perry“ warnt Strunk davor, kurz nach der Zahnarztspritze einkaufen zu gehen: Schnell gerät man unter Behindertenverdacht.

Oder die Erzählung „Janine“: Ein freudenverheißender Talk an der Hotelbar wird zum Albtraum. Weil das Objekt der Begierde sich als versoffene Quasselstrippe entpuppt. Am Beispiel einer „Jenny Müller“ malt sich Strunk aus, warum es zwischen West- und Ostdeutschen nichts wird. Was beim Antrittsbesuch bei ihren Eltern „drüben“ nicht nur an der Schlachtplatte liegt. Wenn der unvorsichtigerweise Mitgefahrene etwas mit den früheren Zonenbewohnern teilt, dann den Wunsch einer möglichst raschen Flucht.

Strunk seziert mit Röntgenblick Seelendramen und schreibt mit einer Behutsamkeit darüber, dass man sich dem Sog seiner Kurzgeschichten und Miniaturen schwer entziehen kann. Manchmal ist es kaum auszuhalten. Doch es kaum auszuhalten wird hier zur Sucht. Scham, Perversität, Verwahrlosung: Ganz schön frech, wie der Hamburger das einfängt. Doch Sarkasmus ist ihm fremd. Was ihn von Satirikern wie Wiglaf Droste klar unterscheidet.

Christian Mückl

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro.

Kurzweilig: Domenico Starnone und die Ehe

Wer abhaut, ist rasch der Böse. Aber ist der Zurückgelassene deshalb selbstredend gut? Domenico Starnone glückt mit „Auf immer verbunden“ ein zeitgemäßer Ehe-Roman.

Lebenserfahren: Autor Domenico Starnone. (FOTO: MARKA/Alamy/Random House)

„Falls du’s vergessen solltest, mein Lieber, muss ich dich eben daran erinnern: ich bin deine Frau.“ Es ist Jahrzehnte her, dass Vanda diese Briefzeilen an Aldo schrieb. So lange wie Aldos Intermezzo mit Lidia. Er hatte damals sie und die Kinder verlassen, um mit der Jüngeren zu leben.

Was blieb, nachdem er zurückgekrochen kam, waren nicht nur Vandas Briefe, die in diesem Roman am Anfang stehen. Es gab natürlich auch Wunden. Ein banales Ereignis droht die Verkrustungen sehr viel später aufbrechen zu lassen.

Entgegen dem Vorwurf hatte Aldo nie vergessen, dass Vanda seine Frau ist. Was aber nichts an seiner Sicht der Dinge änderte. Das wird im zweiten Kapitel des Romans klar: aus seiner Warte geschildert. So wie im Folgenden noch der Sohn und die Tochter, inzwischen erwachsen, zu Wort kommen werden. Den Wechsel der Perspektiven im Gefühlssturm des Persönlichem spielt Starnone psychologisch meisterhaft aus.

Sein schonungsloser Schreibstil, gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Portion Lebenserfahrung, macht das weise Büchlein des 1943 geborenen Schriftstellers zur kurzweiligen, bereichernden Lektüre. In Italien schätzt man ihn schon länger. Der in Rom lebende Autor, Drehbuchschreiber, Journalist und Lehrer für literarisches Schreiben wurde für seine lebensnahe Erzählkunst bereits mit dem renommiertesten Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet.

In „Auf immer verbunden“ steckt also viel. Männliche Wahrnehmung, weibliche Wahrnehmung, generationsbedingte Sicht auf die Welt. Dass Aldo sich womöglich in die Tasche gelogen hat, als er seine Liaison mit Lidia unter den revolutionären Deckmantel eines aufbrechenden, starren Rollenverständnisses und Familienbilds der 60er Jahre stellte, ist nur ein Aspekt davon.

Denn auch wie Vanda es sich in der Opferrolle der Zurückgelassenen einerseits, und doch mit dem Anspruch, eine moderne Frau zu sein, andererseits einzurichten versuchte, ist ein Teil der Geschichte. Die Liebe, ein schreckliches Spiel? Aldo wagte die Finte mit dem Familienkater. Der heißt Labes, abgekürzt für „La Bestia“. Bestia bedeutet „Tier“. Was schon wieder nur die eine Wahrheit ist. Im Wörterbuch wird Bestia auch mit „Unheil, Ruin“ übersetzt.

Hatte Vanda, wenn sie hysterisch den Kater suchte, nur die Geister bekommen, die sie lauthals rief?
Nicht nur das Fellvieh schleicht leise durchs Verborgene der Handlung, in der jeder auf seine Art die Krallen ausfährt.

Christian Mückl

Domenico Starnone: Auf immer verbunden. DVA, 176 Seiten, 18 Euro.

Jakob Heins spannende „Orient-Mission“

Im Ersten Weltkrieg rief der türkische Sultan auf deutsche Initiative hin den Dschihad aus, den Heiligen Krieg zur Verteidigung des Islams – davon handelt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, der neue Roman von Jakob Hein.

Diesmal historisch: Jakob Hein. (Foto: Susanne Schleyer/Literaturclub Nürnberg/Verlag)

Eigentlich hatte Leutnant Edgar Stern ja lediglich vor, den Suez-Kanal zu sprengen. Denn dann, so sein Plan in den ersten Kriegswochen im Jahr 1914, hätten die Engländer alle Hände voll zu tun, um die Lage dort in den Griff zu bekommen. Ein Krieg gegen Deutschland „wäre mit einem Schlag von untergeordneter Bedeutung“. Dieser Plan wird nach der Sperrung der Dardanellendurchfahrt durch das Osmanischen Reich zwar undurchführbar, zugleich aber hat der junge Leutnant beim Kriegsministerium auf sich aufmerksam gemacht – und sich so offensichtlich für einen anderen, nicht minder heiklen Auftrag empfohlen.

Ein deutscher Diplomat mit dem klangvollen Namen Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen hat den türkischen Sultan davon überzeugen können, den Dschihad auszurufen. „Wenn sich die Muslime der Welt gegen ihre Unterdrücker erheben, ist das ganz großartig für das Reich“, erklärt Schabinger dem Leutnant Stern. Denn in dem unter britischer Herrschaft stehenden Indien gebe es ebenso Muslime wie in Russland oder den französischen Kolonien. In Deutschland aber nicht. Die deutschen Kriegsgegner wären dann also in enormer Bedrängnis.

„Wenn all diese Mohammedaner nun dem Ruf des Sultans folgen und sich erheben, dann ist unser Krieg in Europa schon so gut wie gewonnen“, freut sich Schabinger. Stern wiederum fällt die Aufgabe zu, eine Gruppe muslimischer Kriegsgefangener nach Konstantinopel zu schleusen, damit sie dort pünktlich zur Proklamation des Dschihad dem Sultan zujubeln und von der Solidarität Deutschlands zeugen können. Die aus Afrika stammenden Kriegsgefangenen wiederum waren von den Franzosen für den Krieg rekrutiert worden und heilfroh, als sie lebend in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Dem Leutnant ist klar, dass er die 14 Männer nicht irgendwie unauffällig über die verschiedenen Landesgrenzen schmuggeln kann – und ergreift die Flucht nach vorne, in dem er sie als bunte Zirkustruppe und sich selbst als deren Direktor ausgibt.

Hein, der zuletzt den komischen Schelmenroman „Kaltes Wasser“ vorgelegt hat (2016), wagt sich diesmal an einen verbürgten Stoff und mithin an das Genre des Historischen Romans. Er schreibt gleichwohl auch hier wieder sehr amüsant und unterhaltsam, zugleich wird es an etlichen Stellen richtig spannend – etwa, als die Tarnung der falschen Zirkustruppe an der rumänischen Grenze aufzufliegen droht.

Der Text ist klug komponiert, die Geschichte wird weder von einem allwissenden noch von einem Ich-Erzähler berichtet, sondern vielmehr aus der Perspektive einzelner Protagonisten wie Stern, Schabinger oder auch des Afrikaners Tassaout. Er gehört zu jenen 14 Männern, die nicht mal wissen, was ein Zirkus ist, sich nun aber als Artisten ausgeben sollen.

Die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs werden weitgehend ausgeblendet – es geht weniger um Schlachtfelder als um das diplomatische Parkett. Allerdings bekommen der als grundsympathische Figur gezeichnete Stern und seine Gefährten durchaus mit, wie die Türken die Armenier verfolgen und dabei auch auf die deutsche Loyalität vertrauen können. „Das Deutsche Reich wird es sich bestimmt nicht mit den Türken verderben“, begründet Botschaftsrat Konstantin von Neurath (er macht später unter Hitler Karriere und wird bei den Nürnberger Prozessen zu 15 Jahren Haft verurteilt) die Abberufung eines allzu armenierfreundlichen deutschen Botschafters aus Konstantinopel.

Dass der Sultan zum Krieg aufruft, interessiert die Muslime übrigens nicht wirklich. Eine schöne Pointe eines gelungenen Romans.

Marco Puschner

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Galiani Verlag, 256 Seiten, 18 Euro.

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.

„Schräge Typen“: Tom Hanks als cleverer Erzähler

Wie bitte, schreiben kann er auch noch? Ja – und sogar richtig gut, wie Hollywoodstar Tom Hanks mit seinem ersten Buch „Schräge Typen“ beweist. Jetzt erscheinen die Short Stories auch auf Deutsch.

Tom Hanks in seiner Paraderolle als „Forrest Gump“ (FOTO: Paramount Pictures)

Der nächste große Film mit ihm steht schon in der Warteschlange und wird fleißig beworben: „Die Verlegerin“ von Steven Spielberg, ab 22. Februar in den deutschen Kinos. Wobei die Titelrolle, nun ja, natürlich von Meryl Streep gespielt wird . . .

Tom Hanks, 61, das all-amerikanische Gesicht von Hollywood und in den unterschiedlichsten Genres fast schon alterslos aktiv, hat in seiner Karriere immer wieder gezeigt, dass er als Darsteller nicht nur zu überzeugen, sondern auch zu überraschen weiß: ein Jungsprofil mit Tiefe. Beides gelingt ihm nun auch als Schriftsteller. „Schräge Typen“ heißt der Band von Kurzgeschichten, mit dem der Filmstar aus Kalifornien sein erzählerisches Debüt gibt.

Erstaunlich, wie gut es geworden ist. Denn auch wenn der Leser bei manchen Szenen unweigerlich an Filme denken muss, in denen Tom Hanks mitgemacht hat – etwa an „Forrest Gump“, „Der Soldat James Ryan“ oder auch „Apollo 13“ –, so wird doch schnell klar: Diese Geschichten haben ihren eigenen Ton, ihre eigene Haltung. Und wenn sie einleitend bestimmte Milieus oder Situationen heraufbeschwören, die man gleichsam schon längst kennt, dann tun sie es mit Absicht: um gekonnt die Erwartungen zu brechen.

So wie in „Heiligabend 1953“, wo fast schon idyllisch eine Familie vorgeführt wird, die kurz vor den Festlichkeiten steht. Mit pünktlichem Schneefall und genügend Geschenken für die beiden Kinder. Hurra, Papa ist da, jauchzt das kleine Mädchen, und wird vom größeren Bruder – wichtig, wichtig! – auf den Besuch des Weihnachtsmannes vorbereitet. Vater Virgil hat also allen Anlass zum Glück.

Das geheime Zentrum der vermeintlich so nostalgischen Geschichte ist aber der nächtliche Anruf seines Kumpels Bud, der ihm – dem Kriegsinvaliden, der nur noch ein Bein hat, wie langsam klar wird – 1944 in Belgien das Leben gerettet hat. In hartem Kontrast kommt die ganze blutige Erinnerung hoch . . .

„Schräge Typen“, wie man meinen könnte, sind das alle nicht, sondern Bürger, Kumpel, Käuze wie du und ich, nur eben vor der einen oder anderen Bewährung stehend. Bette, eine alleinerziehende Mutter, zieht in ein neues Haus und misstraut erst mal dem Nachbarn – was will der Herr Professor in seinen Flipflops von ihr? In plötzlichen Eingebungen, die sie manchmal hat, sieht sie ihn schon an ihrer Seite und bekommt Angst. Erst als sie seinen Schlüsselbund findet und Ungeahntes über ihn erfährt, taut das Eis.

Es sind alles Liebeserklärungen an ein liberales Amerika, an die Provinz und die kleinen Leute, an das Bowlingspielen und theaterbegeisterte junge Mädchen, die von Arizona nach New York kommen, weil sie meinen, der Broadway wartet auf sie – nicht ganz einfach, der Frust ist da programmiert! Ebenso für mittellose Einwanderer wie Hassan aus Bulgarien, der mit dem Schiff in eine bessere Zukunft überzusetzen meint – und erst mal im Park beraubt wird.

Mit den Typen des Titels spielt Tom Hanks, der flott und ohne Firlefanz zu erzählen weiß, viel mehr auf die im Buch auch abgebildeten alten Schreibmaschinen an. Die – als Medium von einst – leitmotivisch in jeder Story auftauchen und auch für teure, leider vergangene Lebensgefühle stehen. Lokalreporter Hank Fiset kann ein ganz besonderes Lied davon singen und meldet sich gleich mehrfach im Buch zu Wort: Ach, der Journalismus konnte so schön sein, so authentisch und mannhaft!

Man liest es betroffen. Und muss den talentierten Mr. Hanks ja nicht gleich an einer Alice Munro, der Königin der Kurzgeschichte, messen (wie es übereifrige Kritiker schon getan haben), um ihn als Autor anzuerkennen. Weiter so!

Wolf Ebersberger

Tom Hanks: Schräge Typen. Stories. Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. Piper, 345 Seiten, 22 Euro.

Joachim Meyerhoffs sexuelle Trickkiste: „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“

Joachim Meyerhoff gehört zu den glücklichen Menschen, die über eine Doppelbegabung verfügen. Er ist nicht nur Schauspieler – und dies am ehrwürdigen Wiener Burgtheater –, sondern inzwischen auch ein renommierter Bestsellerautor, der – wie unlängst in der Elbphilharmonie – 2000 Menschen zu einer seiner Lesungen pilgern lässt.

Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff (Foto: Ole Spata/dpa)

Mit der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ liegt nun der vierte Band seines autobiografischen Romanzyklus vor – und schaffte es bereits in die Hitlisten. Nachdem Meyerhoff in den vorhergehenden Bänden seine Kindheit sowie Jugend- und Ausbildungszeit beschrieben hat, setzt er sein Selbsterkundungsprojekt fort, indem er von seinem Engagement am Theater in Bielefeld erzählt.

Doch wichtiger als die ersten Bühnenerfahrungen als Schauspieler ist für den jungen Meyerhoff vielmehr sein endlich erwachendes Liebesleben. Unverhofft stolpert Hanna in sein Leben und zieht schon bald in seine Wohnung ein. Die blitzgescheite Studentin mit Borderliner-Zügen (über-)fordert ihn auch intellektuell, getreu ihrem Lebensmotto „Unkompliziert ist unter meiner Würde“.

Der Ich-Erzähler taucht durch sie in eine neue Welt ein, beherrscht von Büchern und philosophischen Diskursen. Doch gerade, als sich eine unkonventionelle Zweierbeziehung anzubahnen beginnt, führt ihn ein weiteres Schauspielengagement nach Dortmund, wo er am Stadttheater schon bald Franka, eine grazile Tänzerin, kennenlernt.

Statt mit Büchern zieht sie ihn mit ihrer Sinnlichkeit in den Bann und ermuntert ihn zu ungeahnten erotischen Höhenflügen, an deren akustischen Begleittönen sich allerdings bald die Nachbarn stören.
Meyerhoff pendelt fortan nicht nur zwischen den beiden Städten, sondern auch zwischen den beiden Frauen hin und her, was ihn vor die eine oder andere logistische Herausforderung stellt, die zu slapstickartigen Szenen führt. Doch nicht genug: Mit der so fülligen wie resoluten Bäckereibesitzerin Ilse tritt eine weitere Frau in sein Leben, so dass auch der Besuch einer Dortmunder Backstube zur Konstanten wird, da sie ihn nicht nur mit Schweinsohren versorgt . . . Emotionen bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung!

Das Aufputschmittel „Halloo wach“ hilft über den mangelnden Schlaf hinweg, denn so ganz nebenbei muss der Schauspieler ja auch noch Texte lernen und ein paar Mal pro Woche auf irgendeiner Theaterbühne stehen.

Der 1967 in Homburg geborene Meyerhoff, der oft auch als deutscher Knausgard bezeichnet wird, begeistert seine Leser mit einer schonungslosen Detailtreue, die von einer ganz besonderen Situationskomik getragen wird. Ausgerüstet mit viel Selbstironie, betreibt er eine subtile Gefühlsakrobatik, die einen bei der Lektüre immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Selbst bei schwierigen Themen wie einer bevorstehenden Abtreibung beweist Meyerhoff, dass er das literarische Genre vortrefflich beherrscht.

Ralf Nestmeyer

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch, 353 S., 24 Euro.

Rétif de la Bretonne und seine prallen Memoiren

Rétif de la Bretonne – ein französischer Autor des 18. Jahrhunderts, den nicht jeder kennt. Und offenbar ein richtiger Casanova, wie seine sehr lesenswerten Memoiren zeigen . . .

Der Bub hat alles, was das Herz begehrt: klaren Verstand, Lust auf Bildung, unversiegbaren Fleiß, einen aufrichtigen Charakter und ein hübsches Gesicht. Dazu eine Schüchternheit, die sämtliche Frauen ermuntert, den Jungen unter ihre Fittiche zu nehmen, an ihren Busen zu drücken und in die fundamentalen Dinge des Lebens einzuweihen.

Monsieur Nicolas hätte in seinem 18. Jahrhundert eine steile Karriere machen können. So reichte es nur zum Schriftsetzer und Autoren. Da aber zeichnete er sich durch eine enorme Produktivität aus. 187 Bücher soll er geschrieben haben, Romane, Erbauliches und höchst Subversives. Vor allem, was erotische Leidenschaften und Vorlieben für zierliche Damenfüße und -schuhe betrifft („Der Fuß der Fanchette“).

Rétif de la Bretonne war ein französischer Romancier… und sehr freizügig. Historischer Stich (FOTO: Reinhard Kaiser)

Nicolas Edme Rétif, der sich Rétif de la Bretonne nannte (1734 bis 1806), hat zwar nicht die Pornografie erfunden, wohl aber den Begriff: Sein Buch „Le Pornographe“ ist kein Schweinkram, sondern ein für damalige Zeiten revolutionäres Traktat, das die Prostitution in geordnetere Bahnen lenken sollte. Auch sonst mangelte es ihm nicht an originellen Ideen: So sollten Buben ab 16 Jahren erfahrenen Frauen ab 32 zugeführt werden. Sind die Männer 32, sollten sie 16-jährigen Mädchen die niederen Weihen erteilen.

Warum ist Rétif de la Bretonne kein „großer“ Autor geworden? Zum einen, weil er aus kleinen Verhältnissen stammte, zum anderen, weil ständig geile Gelüste seine ehrbarsten Absichten durchkreuzten. Und weil ihm es ein wenig an Imagination gebrach. Dafür schilderte er Anekdoten aus seinem eigenen prallen Leben („Der verführte Landmann“).

Im Alter führte er sein ehrgeizigstes Projekt aus: „Das enthüllte Menschenherz“ (1797), eine Lebensbeichte von Kindheit bis zur Gegenwart, die kein edles, zweifelhaftes oder noch so schmutziges Detail auslassen sollte. Augustinus‘ „Confessiones“ dienten Rétif als Vorbild. Obwohl vollendet, standen den Memoiren die Französische Revolution im Weg und ihr Umfang: 5000 Seiten!

Von diesen 5000 Seiten hat der Übersetzer Reinhard Kaiser – berühmt geworden als Bearbeiter des „Simplicissimus“ – gerade mal 640 übrig gelassen. Doch gewinnt man schnell den Eindruck: es sind die essenziellen Seiten. Umso mehr, als sie besonders Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter gewichten, also die Jahre, die die Weichen für das ganze Leben stellen.

Ist „Das enthüllte Menschenherz“ aber tatsächlich „eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur“, wie der rührige Galiani Verlag tönt? Was das Ausleuchten seelischer Abgründe betrifft, ist Dostojewski immer noch unangefochtener Tiefentaucher. Dazu ist die behauptete Aufrichtigkeit mit Vorsicht zu genießen, denn jede Autobiografie ist auch eine Selbststilisierung.

Dafür findet der Leser hier eine Bildungsroman-Biografie vor, freilich den Roman eines gescheiterten Bildungsweges. Die eigentliche Wurzel des Übels liegt in der Diskrepanz der Wahrnehmung der sich entfaltenden Seele und den vorgefassten Meinungen der Tonangeber, namentlich, was Sitte und Anstand betrifft. Und die gebieten: Unerreichbare Damen sind besonders begehrenswert!

Was nun die erotischen Episoden in gehobenen wie niederen Kreisen betrifft, so befleißigt sich Monsieur Nicolas einer gewählten Sprache und herzerfrischender Metaphern. Wird es gar zu skandalös, weicht der Autor auf nobleres Latein aus (Übersetzung im Anhang). Das macht seine Abenteuer höchst vergnüglich.
Gelegentlich trägt er, was die Verknotungen des Schicksals betrifft, dick auf. Dass er unwissentlich seine eigene Tochter schwängert, deren Mutter er als Jüngling beglückt hat, ist schon hart genug. Dass ihm solche Vaterfreuden aber auch noch mit drei verschiedenen Nymphen widerfahren, ist denn doch zu viel des Argen.

Wie gesagt, Stilisierung – auch und gerade im Verwerflichen. Andererseits wälzt sich Nicolas kaum wollüstig im Schlamm der Selbstbezichtigung. Kühl analysiert er das Verbotene seines Treibens und die Diktatur des Phallus, die ihn vom rechten Wege bringt.

Er steht zum Genuss seiner Gelüste, er weiß um die Ausbeutung und um den Betrug an seiner jeweiligen Herzdame, und er weiß, dass er bitter dafür bezahlt. Das hebt Retifs Autobiografie weit über die moralisierenden Ergüsse seiner Zeitgenossen. Nur eine Weisheit von vielen: „Nach dem Koitus sind alle Lebewesen traurig, ausgenommen der Hahn und der Schüler, der es gratis treibt.“

Reinhard Kalb

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz. Deutsch von Reinhard Kaiser. Galiani, 720 Seiten, 38 Euro.

Spannung garantiert: „Das Päckchen“ von Franz Hohler

Er ist einer der ganz Großen des Schweizer Kabaretts, und als „Mann mit dem Cello“ wurde er europaweit bekannt: Franz Hohler. Im Literaturhaus Nürnberg las aus seinem spannenden neuen Roman „Das Päckchen“.

Autor und Kabarettist: Franz Hohler (Foto: Luchterhand)

Zwei Mal begeisterte der vielfach ausgezeichnete Autor und gefeierte Satirekünstler bereits in Nürnberg: 2004 las er aus dem Erzählband „Die Torte“, 2014 aus seinem Roman „Gleis 4“. Nun stand „Das Päckchen“ auf dem Programm, eine herrlich-unterhaltende, krimiartige Erzählung rund um die älteste deutsche Handschrift.

Das Original des „Codex Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, ist seit dem 8. Jahrhundert verschollen. Doch eines Tages bringt das in unverdächtiges Zeitungspapier eingewickelte Buch das überaus geregelte Leben eines Bibliothekars hübsch durcheinander. Warum Ernst am Berner Hauptbahnhof den Anruf einfach angenommen hat, weiß er selbst nicht mehr. Der öffentliche Telefonapparat klingelt, Ernst hebt ab und macht genau das, was sich die ältere Dame am anderen Ende des Drahts wünscht: das Päckchen bei ihr abzuholen. Und niemandem etwas davon sagen.

Daran hält sich Ernst. Und entdeckt, dass er nicht nur ein verdammt guter Spontan-Lügner ist, sondern auch ein begabter Detektiv. Zufällig kam er zu dem Buch, dessen Wert er nur vermuten kann – doch auch andere sind der verschollenen Handschrift hartnäckig auf der Spur. Doch warum nur?

Der einst unauffällige Ernst schreckt vor ungewöhnlichen Methoden nicht zurück, und je mehr er in lebensgefährliche Bedrängnis gerät, desto verblüffendere Talente findet er in sich selbst. Der Leser folgt ihm vergnügt mit von Seite zu Seite steigender Spannung, genießt die Intelligenz, den Witz und das Beschreibungstalent Hohlers, der als passionierter Bergsteiger seine Leser souverän zwischen der Gletscherwelt und den Skriptorien mittelalterlicher Klöster wie Weltenburg und St. Gallen hin und her führt.

Natürlich ist Ernst – wie sein 1943 in der Schweizer Uhren-Metropole Biel geborener Schöpfer Hohler –
Bücherenthusiast und überzeugt, dass Bibliotheken das Gedächtnis der Menschheit sind. Wer „Das Päckchen“ aufschlägt, wird den Roman jedenfalls so rasch nicht aus der Hand legen.

So kennt man Franz Hohler, der beim Vortrag seiner Werke ein Humormodul in der Stimme eingebaut zu haben scheint. Im Literaturhaus wird er zudem Kostproben aus dem im Frühjahr erschienenen Gedichtband „Alt“ lesen.

Anabel Schaffer

Franz Hohler: Das Päckchen. Luchterhand Verlag, 224 S., 20 Euro.