Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“, das neue Buch des Bestsellerautors David Foenkinos, führt amüsant in die leicht erregbare französische Literaturszene – und ein bisschen Liebe gibt es am Ende natürlich auch.

Wo landen sie wohl, jene unzähligen, von Verlagen abgelehnten Manuskripte? Im bretonischen Finistère, tief im Westen Frankreichs, gibt es eine Bibliothek dafür – und eine junge Pariser Lektorin entdeckt dort unerwartet ein Meisterwerk. Der Autor ist offenbar Monsieur Henri Pick, der einstige
Pizzabäcker des Ortes; beharrt seine Witwe auch darauf, ihn niemals lesend oder nur mit einem Buch gesehen zu haben.

Hatte dieser Mann, der lediglich Einkaufslisten verfasste, ein geheimes Parallelleben geführt? Ein sich derart um die Entstehungsgeschichte rankendes Mysterium beflügelt jedenfalls den Erfolg des Romans. Stürzt Einzelne, viele, ganz Frankreich in den Romanrausch, ja in das Gefühl neuen Selbstbewusstseins und in die tiefe Sehnsucht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Ein ganzes Volk dürstet plötzlich nach Publikum!

Gleichermaßen verändert die Karriere des Romans das Leben seiner Leser, auch das seiner Entdeckerin, der jungen Lektorin. Neue Lieben entstehen, unerwartete Erfolge werden wahr, Paare gehen auseinander, was gewiss schien, gerät ins Wanken. Die bretonische Gemeinde wird von Pick-Wallfahrern überschwemmt – immer mehr Schicksale verweben sich um den Roman zu einem Netz aus Empfindungen, Träumen, Hoffnungen.

Für Literatur-Fans ist David Foenkinos „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ein Buch über Bücher, die Liebe zu ihnen und den Bibliotheken mit ihrem so unbeschreiblichen Flair. Der Bestsellerautor (der auch schon im Nürnberger Literaturhaus zu Gast war) gräbt mit seinem Text tief in der menschlichen Seele, um dort – auf so subtile wie humorvolle Weise – die vielfach schmerzhafte Sehnsucht nach Beachtung zu entlarven. Frei von einer gewissen Langatmigkeit, sogar Umständlichkeit ist Foenkinos verschachtelter Roman dennoch nicht.

Wer lieber lauscht als liest, findet in der Hörbuchfassung mit Schauspielstar Axel Milberg ein absolut wertiges, vermutlich sogar fesselnderes Pendant! Milberg schlüpft einfühlsam und gänzlich uneitel in die so unterschiedlichen Figuren und hüllt sie in einen Erzählduktus aus feiner, nie aufdringlicher Süffisanz und wohldurchdachtem Rhythmus.

Gegen Ende des Romans lässt Milberg verstärkt darstellerisches Temperament zu – es hätte dem Text schon früher gutgetan. Das eher zögerliche Anlaufen der Erzählung befördert Foenkinos auch mit einer üppigen Figurenansammlung nicht. Sie verwirrt den Lesedrang eher, als sie diesen Roman über einen vermeintlichen Betrug im eitlen Literaturbetrieb befeuert. Doch da Foenkinos seine Helden erzählen lässt, wechselt auch der Leser ständig die Sicht: ein nicht zu unterschätzender Kniff, um ein Tempo zu suggerieren, das der Text nicht hat.

Muss er auch nicht. Unterhaltsam ist das Buch über die Macht der Bücher und die Gefühle ihrer Erzeuger allemal. Böse? Ja, auch das! Und bis zum letzten Buchstaben – den Ausgang hatte man irgendwie geahnt – mit genussvoll-eitlem Augenzwinkern garniert.

Anabel Schaffer

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. DVA, 336 Seiten, 19,99 Euro.
Als Hörbuch im Hörverlag, 6 CDs. Vollständige Lesung von Axel Milberg.

Im Labyrinth des Carlos Ruiz Zafon

Seit seinem Megabestseller „Der Schatten des Windes“ gehört Carlos Ruiz Zafón hierzulande zu den bekanntesten spanischen Autoren, der schon mehrfach die Bestsellerlisten gestürmt hat. Mit „Das Labyrinth der Lichter“ hat Zafón nun den vierten und letzten Band des Zyklus „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ geschrieben, der den Leser wieder in das romantisch-düstere Barcelona der Franco-Zeit entführt und den Zafón-Liebhaber in den Bann schlägt.

Zwingenderweise muss man aber nicht die vorherigen drei Bücher gelesen haben, denn durch Rückblicke und Erläuterungen werden dem Leser die früheren Geschehnisse geschickt nahe gebracht. Allerdings ist die Freude an der Lektüre für den Kenner sicher größer, denn verschiedene Handlungsstränge werden weiter geknüpft.

Wer Zafóns Tetralogie liest, sieht keinen blauen Mittelmeerhimmel, sondern evoziert eine in Sepia getauchte Stadt, in der große Häuser oft wie gestrandete Schiffe oder Kathedralen aussehen, Brunnen ausgetrocknet und Fassaden schwarz verwittert sind. „Das Labyrinth der Lichter“ präsentiert sich als eine Mischung aus Krimi, melancholische Gothic Novel und Drama.

War es im ersten Band die Suche nach dem mysteriösen Kultautor Julián Carax, so geht es dieses Mal um Francos Nationalen Bildungsminister, der verschwunden ist. Eine Suche, die bis in die Folterkeller der Diktatur führt. Diesmal ist es nicht Daniel Sempere, sondern eine neue Hauptfigur namens Alicia Gris, die die Ermittlungen aufnimmt. Allerdings begegnet man in dem Buch auch vielen alten Bekannten, so der Buchhändlerfamilie Sempere oder dem geschwätzigen Fermín.

Alicia Gris, eine an Körper und Seele verletzte Femme Fatale – sie hat den Bürgerkrieg als Waisenmädchen überlebt – forscht nach dem Verschwundenen, wobei auch wieder die Welt der Bücher eine tragende Rolle spielt. Zafón führt den Leser durch sein Handlungslabyrinth, wobei es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. Allerdings gibt es auch ein paar langatmige Passagen, so dass es angesichts der fast tausend Seiten stellenweise schwer fällt, dem Inhalt zu folgen. Nichtsdestotrotz ist das an Dialogen reiche Buch eine empfehlenswerte Lektüre für lange Sommerabende.

Ralf Nestmeyer

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter
. Roman. S. Fischer, 944 S., 25 Euro.

Jonas Lüschers böse Satire: „Kraft“

Mit seinem hochgelobten Roman „Kraft“ ist Jonas Lüscher zu Gast bei „Lesen!“ in Fürth: am 27. Juni im Kulturforum.

Bereits mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ sorgte der Schweizer Autor vor ein paar Jahren für Aufsehen – auch zum Erlanger Poetenfest wurde er damals geladen. Da hatte sich Jonas Lüscher die große weite Welt der Banker vorgenommen und bereits als Debütant bewiesen: Hier kommt keiner ungeschoren davon!

Lüscher, Jahrgang 1976, zeigte als angehendes satirisches Talent schon die allerschärfsten Krallen, stilistisch dazu fein manikürt. Manchmal könnte man bei dem in München lebenden Autor fast an Thomas Mann denken, so gezwirbelt geht es hier zur Sache – oder sagen wir: Max Goldt.

Diese Kraft hat ihn auch bei seinem jetzt vorliegenden ersten Roman nicht verlassen. „Kraft“, so der Titel, bezieht sich aber zunächst auf die Hauptfigur. Richard Kraft eben, Professor der Rhetorik aus Tübingen – genau, ein Nachfolger des berühmten Walter Jens! Der ist, trotz akademischer Ehren, privat jedoch die personifizierte Schwäche. Und nun entsprechend frustriert von längst kriselnder Ehe (Heike) und lästiger Vaterschaft (Zwillinge), zudem finanziell erschöpft. Aus einer früheren Verbindung müssen auch noch zwei Söhne versorgt werden . . .

Rettung in der Not – die er sich freilich vielleicht nur einbildet – verspricht nun die irrwitzige Ausschreibung eines im Silicon Valley reichgewordenen Deutschen, der demjenigen Forscher eine Million Dollar stiften will, der den besten Vortrag hält zum doch sehr amerikanischen Thema: Die Welt ist gut, wie sie ist – wie machen wir sie noch besser? Besser natürlich im Sinn von lukrativer. Die Computerindustrie will auch in Zukunft kräftig verdienen.

Kraft jedenfalls beißt an – zu verführerisch lockt der Köder, durch den er ein paar Wochen der Familienhölle in Kalifornien entkommt. Und der Macht der Wirtschaft war er ja schon immer zugetan – bereits während des Studiums in Berlin, wo sich Kraft mit liberal-radikalen Positionen zum Exoten im linken Uni-Milieu der 80er Jahre machte, vielleicht auch nur aus Berechnung.

Die Wiederbegegnung mit einem ungarischen Freund von damals führt nun in Stanford zu einer umfassenden Revision seines Lebens – politisch, philosophisch und paartechnisch. Gerade was seine Frauengeschichten angeht, hat Kraft genug in petto, das Jonas Lüscher pikaresk schildern und mit Peinlichkeiten aller Art polstern kann.

Dem Autor gelingt es spielend, ihn zum sympathischen Unsympathen zu machen, zum „Schwafler“ und elenden Tölpel, der nicht mal zum Paddelausflug taugt – aber den Leser doch mit seinen Gedanken und grotesken Einlagen bei Laune hält.

Die Katastrophe, ahnt man bald, nimmt unweigerlich ihren Lauf!

Wolf Ebersberger

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. C. H. Beck, 237 S., 19,95 Euro.

Eine Entdeckung von Vincent Klink

Das Reden und Schreiben über Essen hat Konjunktur. Kein Tag ohne Kochsendungen im Fernsehen. Jeder Koch, der meint, sich wichtig nehmen zu müssen, verzapft ein eigenes Buch und glaubt, erst mit ihm fängt das richtige Kochen an. Die informationsfreien Wortblähungen über Esstrends verhindern auch nicht, dass Fertiggerichte auf dem Vormarsch sind. Sie nehmen uns aber die Zeit, selber zu kochen.

Vincent Klink, Patron des Restaurants „Wielandshöhe“ in Stuttgart, gehört zu den Sympathischen seiner Zunft. Er setzt auf eine Küche ohne Firlefanz, die durch sehr gute Grundzutaten und handwerkliches Kochen überzeugt. Legendär sind seine Textsammlungen und Essays über das Kochen. Da hat einer viel Substanz, etwas zu erzählen.

Im Rowohlt Verlag hat Klink jetzt die „Grundzüge des Gastronomischen Anstands von Grimod de la Reynière“ herausgebracht. Der französische Feinschmecker, Exzentriker und Vordenker einer „wohlüberlegten Nahrungsaufnahme“ lebte von 1758 bis 1837 und war bekannt für seine großen Gastmähler – die nur Eingeweihten zugänglich waren, weil nicht nur über die Maßen gegessen, sondern auch feinsinnig diskutiert wurde, vor allem natürlich über das Essen.

Er war aber auch berühmt für seine strengen Vorgaben, was den Umgang mit Nahrung und die Tischmanieren anbelangt. „Vor dem Gesetz und bei Tische müssen Alle gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Die Tafel macht uns alle gleich“, lautete eine der Maximen des Franzosen. Das hätte auch ein Wolfram Siebeck so formulieren können.

Grimod de la Reynière liebte es auch, bei seinen Gelagen auf den Tod anzuspielen. Mal wurde das Essen auf Särgen serviert, mal wurden die 14 Gänge von 200 an Friedhofsbedienstete erinnernde Diener serviert. Der Franzose brachte ein Vermögen mit Essen durch.

Warum sollte man aber heute noch de la Reynière lesen? Es ist einmal das kundige Vorwort Vincent Klinks, das einem ein kleines Fenster in eine längst vergangene Zeit aufmacht, und dass sich der Leser über Überraschendes freuen kann. Und es ist der Witz des Franzosen, der wie ein scharfes Tranchiermesser immer wieder aufblitzt. Auch haben seine Tipps, was etwa am besten zu Krebsen passt, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Da schreibt einer, der etwas von der Materie versteht, weil er das Essen liebt.

André Fischer

Grimod de la Reynière: Grundzüge des Gastronomischen Anstands, serviert von Vincent Klink
. Rowohlt, 255 Seiten, 19,95 Euro.

Tommie Goerz im Bierkeller

Tommie Goerz ist bekannt geworden durch sechs Franken-Krimis, in denen deutlich wird, dass die Hauptfigur Friedo Behütuns sehr gerne mal die lärmigen Großstädte der Metropolregion verlässt und sich auf einem Keller in der Fränkischen Schweiz ein oder zwei Seidla fränkischen Landbieres gönnt. In Goerz’ neuem Bändchen „Auf dem Keller“ geht es mitnichten um Kriminalfälle, sondern um Geschichten rund um Bierkeller und das dort dargereichte Hauptgetränk.

„Hans“ heißt in diesem Bändchen mit 35 Geschichten aus der fränkischen und Oberpfälzer Umgegend die Hauptfigur. Dessen Erlebnisse sind keineswegs kriminalistisch spannend; Tommie Goerz nähert sich dem Thema eher (bier-)philosophisch. Und der Hans hat die Geschichten nicht alle selbst erlebt; manche sind ihm auch zugetragen worden.

Goerz stellt existenzielle Fragen wie, warum es auf Kellern keine Bedienungen gibt oder warum die Wirte der Bier-Tempel nach außen hin oft „mufflerd“ wirken – und er gibt stichhaltige Antworten. Insofern ist das Büchlein auch ein Kompendium der fränkischen Seele.

Viele kleine Erlebnisse machen den Reiz von „Auf dem Keller“ aus. Ein Beispiel: „Die Vielfältigkeiten der Antworten ist doch immer wieder überraschend. Auch hier, als dem Hans ein Wirt auf die Frage ,Wos hobbdern nu zeann Essen?‘ mit einer Gegenfrage geantwortet hatte: ,Kald oder warm?‘ Der Hans entschied sofort: ,Scho lieber warm.‘ Darauf der Wirt, furztrocken und wie selbstverständlich: ,Mir hamm blos nu kald.‘ Man weiß bei fränkischen Wirtsleuten halt nie, was man für eine Antwort bekommt.“

Solche überraschenden Alltagserlebnisse sind der Stoff, aus dem dieses Bändchen gewebt ist. Es geht um die Langsamkeit, die einen auf dem Keller umfängt, um den Seelenfrieden, den man nur hier richtig genießen kann, und um fränkische Schläue. So antwortet ein Wirt dem Hans auf die Frage, ob es bei ausgedehnten nächtlichen Festivitäten denn nicht zu Beschwerden komme: Höchstens die Jäger, die die Reviere rund um sein abgelegenes Lokal gepachtet haben, könnten sich beschweren. „Deshalb hobbi die Jachd edds ah pachd.“

Tommie Goerz hat sich genau umgeschaut und noch genauer hingehört in den fränkischen Bier-Oasen, doch macht er sich auch ums Essen seine Gedanken: Karpfen mit und ohne Ingreisch, Karpfen in Bierteig mit Soße und was der Leckereien mehr sind . . . Und auf die Frage, ob man auch etwas ohne Fleisch zum Essen haben könnte, antwortet die Wirtin des Dorfgasthauses, sie könne Bratwürste machen . . . Denn Fleisch, das ist für den Franken immer am Stück; ist es durchgedreht, ist es kein Fleisch mehr, sondern Gehäck, Wurst oder so etwas.

Eine Liebeserklärung an Franken hat Tommie Goerz hier verfasst, eine Liebeserklärung, die aber auch die kleinen Schwächen dieses Stammes nicht verschweigt und sie humorvoll auf die Schippe nimmt…

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Auf dem Keller. Biergeschichten. Verlag ars vivendi, 218 Seiten, 14 Euro

Das lausige Leben: Gonzalo Torné

In der Midlifecrisis sind schlaue Sprüche manchmal so erwünscht wie ein Strick um den Hals. Dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei? Geschenkt. „Die Jahre vergehen für den Körper schneller als für das Bewusstsein“, schreibt Gonzalo Torné diffizil. „Der Geist bleibt daheim (wohin soll er denn gehen), wenn auch mit einem gewissen Unbehagen.“

Der fulminante Roman „Meine Geschichte ohne dich“ des katalanischen Autors Torné (geb. 1976) erzählt von einer Wirklichkeit gewordenen Farce namens Leben, konkret Liebesleben. Und davon, sich zum Affen zu machen bei dem Versuch, zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist.

Juan-Marc heißt die Hauptfigur. Er ist in den Vierzigern. Zwei Mal geschieden. Ein Kerl, der nächtens von Bar zu Bar zieht und sich in ein inneres Zwiegespräch mit seiner zweiten Ex, offenbar einer Schriftstellerin, versenkt. Kein Jammerlappen, auch nicht im Stil seiner Rede. Eher ein ernüchterter Betrachter.  „Meine Geschichte ohne dich“ ist ein sinnlicher Abgesang auf die Hoffnung, dass alles noch mal besser werde. Eine bittersüße Hymne auf die Verkorkstheit des Glücks.

Helen hieß seine erste Frau. Aus der US-amerikanischen Provinz blutjung in Spanien gelandet, muss sie ein ziemlicher Feger gewesen sein. Eine „sensationelle Blondine“ – aber eben auch „vorhersehbar wie ein harmloser Witz“. An solchen Spitzen geizt er nicht, der Erzähler. Wenngleich es schon etwas dauert, bis bei aller Prägnanz der filmreif formulierten Szenen klar wird, von welcher Geschichte „ohne dich“ dieser ins Leben gefallene Lebemann, Looser und Leidenschaftsbegabte eigentlich berichtet.

Ausgerechnet ein spanisches Urlaubsressort für rüstigere Senioren hat Juan-Marc,  der ja selbst noch keine 50 ist, gewählt, um nach jahrelanger Trennung seine erste Ehe zu reaktivieren. Was für eine Schnapsidee. Denn Helen reist mit den ältlichen Eltern an, die Juan-Marc noch nie mochten. Und eine halbwüchsige Nervensäge, die Helen zwischenzeitlich aus einer anderen Beziehung importiert hat, haben sie überdies im Schlepptau.

Die Wiederbegegnung gerät schnell und heftig zur komischen Katastrophe, weil Juan-Marc, wie von allen guten Geistern verlassen, die Situation der Ankunft fehlinterpretiert. Kaum auf dem Zimmer geht er seiner inzwischen deutlich gereiften Verflossenen sofort an die Wäsche. Woraufhin die sonst wenig naturverbundene Amerikanerin flugs in die umliegende Botanik des Senioren-Hotels türmt.

Torné erzählt das alles mit einer Gefasstheit, die irgendwo an den männlichen Hornbrillenblick eines Max Frisch, an das  psychoanalytisch Milchglasige eines  Woody Allen und an die mediterrane Schreibeleganz eines Javier Marias denken lässt. Doch was wie eine Komödie beginnt, nimmt rasch die Züge der klassischen Tragödie an. Weil Helens Vater stirbt.

Was seinen unfreiwilligen Erfahrungsschatz an sterbenden älteren Herren betrifft, ist Juan-Marc leider kein Grünspan. Seinen eigenen Vater hat er auch das letzte Mal mit einem Strick um den Hals gesehen. Selbst war er durch diesen Tod – und dem Vermächtnis, die nicht unerheblichen wirtschaftlichen Geschicke der Familie zu ordnen – ins Erwachsenenleben geworfen worden und stand dann doch nur da wie ein trauriger Clown.

„Die Welt war für mich noch dermaßen neu, dass ich nicht begreifen konnte, dass die Welt schon uralt war.“ Das Hadern mit ihren Rollen als Väter und Mütter, als Söhne und Töchter färbt Tornés Roman zartbitter.

Juan-Marc öffnet Türen zu seiner eigenen Vergangenheit, er nimmt wieder Kontakt zu ein paar Gleichaltrigen auf. Der eine ist zum Messie geworden, seine Wohnung gleicht einem versifften Museum. Ein anderer hat sich operieren lassen und lebt transsexuell. Alles in die Jahre gekommene Lebensentwürfe. Klapprig gewordene Arrangements mit der Sehnsucht. Während das Glück verwest.

„Mich kränkte das reine Verstreichen der Zeit, ihre Dreistigkeit, in kaum einer Sekunde auf uns einzuprallen und sich anschließend wie ein vergeblicher Rückstand zu entfernen, die Trägheit, sich in einer immer fülliger werdenden Vergangenheit zu entfernen“, lässt der Autor seinen Juan-Marc einmal denken.

Und macht selbst das Beste daraus. Denn „Meine Geschichte ohne dich“, Tornés erstes Werk in deutscher Übersetzung, ist tolle Literatur vom lausigen Leben.

Christian Mückl

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich. Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 21,99 Euro.

Short Stories vom Feinsten: Fante, Yates und Salter

Keiner schreibt bessere Kurzgeschichten als amerikanische Autoren. Zum Beispiel John
Fante – der immer wieder neu entdeckt wird (und immer wieder neu vergessen). Aber Fans wie Charles Bukowski – „John Fante war mein Gott“ – wussten schon, was sie im Werk des erst posthum erfolgreichen Schriftstellers (1909 –1983) fanden: eine unverstellte, gern naive Stimme, viel Witz und viel Wärme im Blick auf das ganz normale Leben und Streben kleiner Leute.

Fantes Bücher sind alle autobiografisch, spiegeln die familiäre Enge italienischer Einwanderer, die katholische Kindheit in Colorado. Der Vater ein armer Maurer, die Mutter fromm und betrogen, dazwischen der Sohn, der davon träumt, Baseballstar zu werden. Das ergibt Situationen, die der Kurzgeschichtenband „Little Italy“ (Maro Verlag, 20 Euro) – übrigens erstmals auf Deutsch – betont kindlich und komisch schildert. Wie soll man zur Erstkommunion, wenn man nicht mal ein ordentliches weißes Hemd hat? Eine Tragödie mit zu langen Ärmeln!

Der Schriftsteller Alex Capus wiederum, selbst seit langem Fante-Fan, hat nun auch den ebenfalls sehr kurzen Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ übersetzt (Blumenbar, 16 Euro). Wirtschaftskrise, eisiger Winter, erste abgewiesene Liebe – dem jungen Dominic Molise wird nichts geschenkt, auch nicht vom Elternhaus. Wird er sich gegen den Vater durchsetzen können und mit seinem starken linken Wurfarm zum Sporthelden werden? Eine Geschichte, die erheitert und zu Herzen geht – ohne einen Moment sentimental zu sein.

Ähnlich wie John Fante stets auf Augenhöhe mit seinen Figuren war der inzwischen als moderner Klassiker anerkannte Richard Yates (1926 – 1992). Nun sind auch neun seiner Erzählungen, die bislang noch nicht veröffentlicht waren, auf Deutsch herausgekommen – und bestätigen seinen Rang als großer Menschenfreund und -kenner.

Kriegsveteranen und Krankenhausromanzen, bröckelnde Ehen und Affären mit bitterem Ende: „Eine letzte Liebschaft“ (DVA, 19,99 Euro) führt geradezu idealtypisch vor, wie intim sich Yates in seine Alltagshelden einfühlt und ihre seelischen Nöte ahnt. Allein der Fund einer 50-Cent-Münze im Schulhof kann das Leben eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen völlig durcheinanderbringen – hätte sie nur nicht ihrem dummen Bruder davon erzählt . . . Kleines Herz in kargen Zeiten, von allen verkannt! Dass in einer Story James Joyce zitiert wird, ist kein Zufall: Yates führte das literarische Erbe grandios fort.

Artverwandt in den Themen und Milieus, aber ganz anders im Stil war der aus der gleichen Generation stammende James Salter (1925 – 2015). Lange Jahre Kampfpilot, wovon er in seinen Romanen berichtete, wurde Salter zu einem der raffiniertesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Der noch von ihm selbst angelegte Band „Charisma“ fasst alle seine Short Stories zusammen und ergänzt sie mit drei Vorlesungen, die er übers Schreiben hielt.

Salter war, wenn man so will, eine Schaltstelle zwischen Hemingway und John Updike: ein Erzähler lakonisch kühler Sätze und überaus geschliffener Dialoge, der den emotionalen Abgrund, in den seine Figuren geraten, oft nur andeutet. Dazu die durchaus pikante Note, das erotische Prickeln, die nicht nur in den Dreiecksgeschichten spürbar sind . . . (Berlin Verlag, 22 Euro).

Wolf Ebersberger

F. C. Delius rechnet mit Luther ab

Die einen halten Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) für den wichtigsten lateinischen Kirchenvater und Philosophen der Spätantike. Andere, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, sehen in ihm den großen Manipulator, der nur mithilfe eines Tricks seine Erbsündenlehre durchgesetzt hat; eine Lehre, die der Kirchengeschichte eine fatale Wendung gegeben habe.

In keinem Evangelium sei von der Erbsünde die Rede, meint Delius, der einem evangelischen Pfarrhaus entstammt, sich selbst aber als Nichtgläubigen bezeichnet. Und daran ist vor allem Augustinus schuld, der Bischof aus dem nordafrikanischen Hippo, der durch einen Übersetzungsfehler die Botschaft des Paulus vom alten Adam missdeutet habe. Letzterer sei von der Schlange, letztlich aber von Eva verführt worden, den verbotenen Apfel zu essen. Eine Schuld, die sich aufs ganze Menschengeschlecht übertragen habe.

Was das Ganze mit Martin Luther und der Reformation zu tun hat? Nun, Luther war ein – zunächst überzeugter – Mönch im Orden der Augustinereremiten. Und als solcher habe er sich dem Kirchenvater Augustinus auf Gedeih und Verderb verschrieben – obwohl doch Luther selbst aus dem Griechischen übersetzt habe und den Fehler des Augustinus bemerkt haben müsste.

Mit solchen Fragen löchert Delius in seinem neuen Büchlein, das er eine „Streitschrift“ nennt, die bronzene Lutherfigur, die er auf ein Bier vom Sockel holt. Quasi unter dem Siegel des Reinheitsgebots beschwört er den Reformator doch zuzugeben, seine Reformation, die sich so hoffnungvoll angelassen hatte, versemmelt zu haben . . .

Zwar habe der Professor in Wittenberg sich mit den Ablassverkäufern angelegt und erfolgreich dem Papst und dem Kaiser die Stirn geboten; von seiner Höllenangst aber und dem Dogma der Erbsünde habe er sich jedoch nicht lossagen wollen und können.

All die Glaubensnöte seiner Kindheit, die Leibfeindlichkeit des Christentums, und letztlich auch die Diskriminierung der Frau schiebt Delius auf diese Erbsündenlehre, die Augustinus sich, wie Quellen belegen, mit der Schenkung von 80 Berberhengsten an den damaligen Kaiser Honorius erkauft hat. Andere Theologen der damaligen Zeit, wie Pelagius und der weithin unbekannte Julian von Eclanum, seien hingegen mundtot gemacht worden.

Die Geschichte mit den 80 numidischen Zuchthengsten, mit denen sich Augustinus Gehör verschaffte, treibt Delius schon seit geraumer Zeit um. Bereits in seinem Buch „Die Linke Hand des Papstes“ hat er die Begebenheit eingeflochten. Doch das Buch wurde damals anders gelesen, weil es just herauskam, als Benedikt XVI. zurücktrat. Da hat man dem Autor seherische Kräfte nachgesagt.

Diesmal räumt Delius ein, dass ihn die Kindheit im Pfarrhaus geprägt hat; auch das Buch zeugt letztlich davon, dass ein Rest des inneren Protestanten in ihm nach wie vor wirkt und rumort.

Doch ist es andererseits eine Distanzierung von einer Christenlehre, die auf schwerverdaulichen Dogmen basiert. Am Schluss muss sich der Reformator den Vorwurf gefallen lassen, ein „Ultra-Augustiner“ geblieben zu sein.

Schade, dass der bronzene Luther zu allem nur schweigen kann.

Raimund Kirch

Friedrich Christian Delius
: Warum Luther die Reformation versemmelt hat. Rororo, 64 Seiten, 8 Euro.

Armistead Maupins letzte „Stadtgeschichten“

In sechs Bänden erzählte Armistead Maupin zwischen 1978 und 1989 seine „Stadtgeschichten“ aus San Francisco, zuerst als Fortsetzungsromane für den „San Francisco Chronicle“, dann in Buchform. Ein Zyklus, ein lustvoller Reigen um hetero-, homo- und transsexuelle Stadtbewohner und frisch Zugezogene, die sich zwischen den Nachwehen der sexuellen Revolution und der AIDS-Epidemie der 80er Jahre zu Wahlverwandtschaften zusammenfinden.

Zentrum, Grande Dame und Mutterfigur des Zirkels ist die geheimnisvolle Anna Madrigal, die früher einmal Andy Ramsey hieß. Als 92-Jährige ist sie nun die Titelheldin in der dritten Fortsetzung (nach „Michael Tolliver lebt“ und „Mary Ann im Herbst“), die Maupin seit 2007 nachgeliefert hat. Und diesmal sollen es nun wirklich – das orakelt schon das deutsche Buch-Cover – „die letzten Stadtgeschichten“ sein. Zeit also, den Kreis zu schließen und zu Ende zu erzählen? Die Handlungsfäden zu kappen und die Figuren – durchaus buchstäblich – sterben zu lassen?

Glücklicherweise ist der inzwischen 72 Jahre alte Maupin in „Die Tage der Anna Madrigal“ dazu nicht bereit. Die Sterblichkeit wird den ihren Leserinnen und Lesern ans Herz gewachsenen Charakteren zwar schmerzlich bewusst, gerade im Fall von Anna Madrigal spielt die Konfrontation mit den Schatten der Vergangenheit im Angesicht des Todes sogar eine zentrale Rolle. Aber durch Brians Tochter Shawna und Annas Mitbewohner Jake kommt auch eine neue Generation hier zu ihrem Recht und sucht nach ihren jeweils eigenen Lebensentwürfen.

Zwei Reisen, die am Schluss ineinander münden, geben im 9. Roman der Reihe die Richtung vor: Die „unwürdige Greisin“ Anna macht sich mit Brian und seiner neuen Frau Wren auf den Weg nach Winnemucca, Nevada, um Abbitte für eine alte Schuld aus ihrer Jugend zu leisten. Dabei wird auch endlich das Geheimnis enthüllt, wie und warum sie sich als Mrs. Madrigal neu erfunden hat.

Gleichzeitig lässt sich Michael Tolliver von seinem Partner Ben dazu überreden, am jährlichen Burning Man-Festival in der Wüste von Nevada teilzunehmen. Die eine Reise geht in die Vergangenheit, die andere zeigt Perspektiven für die Zukunft auf: Shawna hegt den heimlichen Plan, sich inmitten des Trubels schwängern zu lassen, Transgender-Boy Jake hofft auf die Aufmerksamkeit seines Freundes Amos. Das Leben will – trotz aller Katastrophen – gefeiert sein.

Noch einmal breitet Amistead Maupin sein entspanntes, souveränes Erzähltalent vor uns aus. Es ist bitte, bitte nicht das letzte Mal. Warum wir allerdings seit der amerikanischen Erstveröffentlichung im Januar 2014 bis jetzt warten mussten, um „Die Tage der Anna Madrigal“ in Deutschland genießen zu können, bleibt ein weiteres Rätsel des Buchmarktes.

Andreas Frane

Armistead Maupin: Die Tage der Anna Madrigal. Roman. Rowohlt, 334 Seiten, 10,99 Euro.