Short Stories vom Feinsten: Fante, Yates und Salter

Keiner schreibt bessere Kurzgeschichten als amerikanische Autoren. Zum Beispiel John
Fante – der immer wieder neu entdeckt wird (und immer wieder neu vergessen). Aber Fans wie Charles Bukowski – „John Fante war mein Gott“ – wussten schon, was sie im Werk des erst posthum erfolgreichen Schriftstellers (1909 –1983) fanden: eine unverstellte, gern naive Stimme, viel Witz und viel Wärme im Blick auf das ganz normale Leben und Streben kleiner Leute.

Fantes Bücher sind alle autobiografisch, spiegeln die familiäre Enge italienischer Einwanderer, die katholische Kindheit in Colorado. Der Vater ein armer Maurer, die Mutter fromm und betrogen, dazwischen der Sohn, der davon träumt, Baseballstar zu werden. Das ergibt Situationen, die der Kurzgeschichtenband „Little Italy“ (Maro Verlag, 20 Euro) – übrigens erstmals auf Deutsch – betont kindlich und komisch schildert. Wie soll man zur Erstkommunion, wenn man nicht mal ein ordentliches weißes Hemd hat? Eine Tragödie mit zu langen Ärmeln!

Der Schriftsteller Alex Capus wiederum, selbst seit langem Fante-Fan, hat nun auch den ebenfalls sehr kurzen Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ übersetzt (Blumenbar, 16 Euro). Wirtschaftskrise, eisiger Winter, erste abgewiesene Liebe – dem jungen Dominic Molise wird nichts geschenkt, auch nicht vom Elternhaus. Wird er sich gegen den Vater durchsetzen können und mit seinem starken linken Wurfarm zum Sporthelden werden? Eine Geschichte, die erheitert und zu Herzen geht – ohne einen Moment sentimental zu sein.

Ähnlich wie John Fante stets auf Augenhöhe mit seinen Figuren war der inzwischen als moderner Klassiker anerkannte Richard Yates (1926 – 1992). Nun sind auch neun seiner Erzählungen, die bislang noch nicht veröffentlicht waren, auf Deutsch herausgekommen – und bestätigen seinen Rang als großer Menschenfreund und -kenner.

Kriegsveteranen und Krankenhausromanzen, bröckelnde Ehen und Affären mit bitterem Ende: „Eine letzte Liebschaft“ (DVA, 19,99 Euro) führt geradezu idealtypisch vor, wie intim sich Yates in seine Alltagshelden einfühlt und ihre seelischen Nöte ahnt. Allein der Fund einer 50-Cent-Münze im Schulhof kann das Leben eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen völlig durcheinanderbringen – hätte sie nur nicht ihrem dummen Bruder davon erzählt . . . Kleines Herz in kargen Zeiten, von allen verkannt! Dass in einer Story James Joyce zitiert wird, ist kein Zufall: Yates führte das literarische Erbe grandios fort.

Artverwandt in den Themen und Milieus, aber ganz anders im Stil war der aus der gleichen Generation stammende James Salter (1925 – 2015). Lange Jahre Kampfpilot, wovon er in seinen Romanen berichtete, wurde Salter zu einem der raffiniertesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Der noch von ihm selbst angelegte Band „Charisma“ fasst alle seine Short Stories zusammen und ergänzt sie mit drei Vorlesungen, die er übers Schreiben hielt.

Salter war, wenn man so will, eine Schaltstelle zwischen Hemingway und John Updike: ein Erzähler lakonisch kühler Sätze und überaus geschliffener Dialoge, der den emotionalen Abgrund, in den seine Figuren geraten, oft nur andeutet. Dazu die durchaus pikante Note, das erotische Prickeln, die nicht nur in den Dreiecksgeschichten spürbar sind . . . (Berlin Verlag, 22 Euro).

Wolf Ebersberger

Stories von Javier Marías: Die Liebe ist gespenstisch

Der spanische Romancier Javier Marías kann auch die – etwas – kürzere Form. Sein Sammelband „Keine Liebe mehr“ trägt den Untertitel „akzeptierte und akzeptable Erzählungen“.

Javier Marías hat sich mit seinem unterhaltsamen und gleichermaßen eleganten Schreibstil spätestens seit dem Roman „Mein Herz so weiß“ (1998) ins Bewusstsein auch der deutschen Leser geschrieben. Sein Faible für die dunklen Seiten der Liebe färbt offensichtlich auf seine Stories ab – an Gespinsten und Gespenstern, diesen Lieblingsmotiven des Autors, mangelt es nicht.

javier Marías (65) ist als Charakter gestanden und als Belletrist kultiviert genug, die seichten Seiten der Geisterthematik beflissen zu umschiffen. Es sind keine Schlossgespenster, keine Klabautermänner und auch keine Meister der schwarzen Magie, denen er Eintritt in seine Erzählungen gewährt, es sind Großstadtmenschen im Bann der Vergänglichkeit. Ähnlich wie seine Romane – zuletzt „Die sterblich Verliebten“ (2011) und „So fängt das Schlimme an“ (2014) — es bereits im Titel andeuten , so durchdringt auch die Erzählungen eine sinnliche Schleierhaftigkeit.

Etwa in „Wenn die Frauen schlafen“. Darin gesteht ein Strandgast seinem Nachbarn das Unerhörte: dass er auf die Beziehung zu seiner sehr viel jüngeren Begleiterin seit ihrem siebten Lebensjahr gewartet hat, geduldig bis zu deren Volljährigkeit und bis ins letzte Detail vorbereitet, was ihre altersgemäß ganz anderen Interessen betrifft. Und dann sagt er, dass er sie töten wird. Und warum.

In „Lanzenblut“ wiederum, das einige der fiebrigsten Passagen des Buches enthält, wird ein homosexueller Mann im Bett neben einer Prostituierten aufgefunden – beide mit einer mittelalterlichen Lanze erdolcht. Die Puzzlestücke der Erklärungen dafür scheinen nicht zusammenzupassen. Umso weniger, als ein guter Freund des Ermordeten genau jene Frau, die offensichtlich tot neben dem Opfer lag, in einem Restaurant später wiederzuerkennen glaubt. Und ihr folgt.

Trefflich verknappt Marías das Leben besonders in „Als ich sterblich war“. Die Erzählstimme gehört einem Gespenst. Es gewinnt mehr und mehr unser Mitgefühl: weil wir von der Grausamkeit erfahren, sich im Nachhinein an alles im Leben erinnern zu müssen. Selbst an solche Angelegenheiten, die zu Lebzeiten verborgen blieben.

Marías’ Stories stammen aus den Jahren 1968 bis 2005 und sind weitgehend schon einmal erschienen. Das macht nichts, denn seine Gedankenspiele über das Mögliche, das im scheinbar Unmöglichen liegt, sind zeitlos. Sie fangen wie die Liebesaffären immer wieder von vorne an.

Es geht um Verwurzelte im Alltag, deren Innenleben in Aufruhr gerät, weil sie an fremde Sphären stoßen.
In „Geringere Skrupel“ ist es die alleinerziehende Mutter, die aus Geldsorgen zum Porno-Dreh kommt und der dann ihr Filmpartner im Wartezimmer gesteht, was noch schlimmer im Leben ist als die nackte Realität, in der sie sich anschließend wiederfinden werden.
 
Schon der Titel des Sammelbands „Keine Liebe mehr“ besticht durch Doppeldeutigkeit. Gibt es keine Liebe mehr oder ist keine mehr erwünscht? Wehmut und Klärung, Sehnsucht
und Schmerz sind Marías’ Beiwerk in allen Erzählungen.

Gut, manchmal überschreitet er mit seinem Schreibstil auch die Grenze zum Manierierten, manchmal windet und zieht der Autor seine Sätze fast bis zur Unerträglichkeit, um dann endlich doch noch auf den Punkt zu kommen. Vielleicht genau sein Ansatz: eine Ästhetik des Vagen aufzuziehen. In den guten und besseren Stellen seiner akzeptablen und akzeptierten Stories wird das Fantastische zur Fährte – und der nebulöse Schleier zum Sog.

Christian Mückl

Javiar Marías: Keine Liebe mehr. Akzeptierte und akzeptable Erzählungen. S. Fischer, 512 Seiten, 25 Euro.

Eine Entdeckung: die Autorin Lucia Berlin

Eine literarische Stimme, die man noch nicht kannte – und so schnell nicht wieder vergessen wird: Lucia Berlin. Zum ersten Mal ist die einzigartige amerikanische Autorin (1936 – 2004) nun auch auf Deutsch zu erleben.

berlin So ein wunderbarer Name, fast wie erfunden: Lucia Berlin. Könnte er nicht gut aus dem New Yorker Dunstkreis eines Andy Warhol sein? Sie wissen schon: Eine dieser schönen Damen, die womöglich gar keine Dame ist, nur sehr androgyn und natürlich – oder auch unnatürlich – sehr sehr glamourös. Ein Geschöpf aus der „Factory“ des Künstlers, nachtschwarz schimmernd, somnambul und sexy.

Aber es hat sie wirklich gegeben und sie hat wirklich so geheißen. Und was sie geschrieben hat, diese große, bei uns kaum bekannte Schriftstellerin, hat sich auch wirklich ereignet – zumindest im Kern. Oder wie sie es selbst, frontal offen und flatterhaft, in einer ihrer Geschichten formulierte: „Ich übertreibe oft und verwechsle oft Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

Sie lügt nie. Ja, das spürt man als Leser, und noch in der kleinsten der 30 Kurzgeschichten des Bandes „Was ich sonst noch verpasst habe“. Mit ihm wird die amerikanische Autorin erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Mit ihm müsste sie – so Gott will, aber will er? – endlich berühmt werden, wie sie es zu Lebzeiten nie wurde. Auch nicht in ihrer Heimat. Dort hat letztes Jahr immerhin ein neuer Auswahlband – anders betitelt, aber Grundlage der deutschen Ausgabe – für Furore gesorgt und die Autorin posthum populär gemacht.

Denn Leser, die Freude haben an der unscheinbaren, doch schicksalsträchtigen Erzählkunst einer Alice Munro, am jüdisch gepfefferten Plauderton einer Grace Paley, am dunklen, mit Aberwitz überbrückten Seelenabgrund einer Sylvia Plath – all diese Leser werden auch Lucia Berlin ins Herz schließen. Und zwar von den ersten saloppen Zeilen an, mit denen ihre so leicht wirkenden, in Wirklichkeit schweren, weil durchwegs erlittenen Geschichten beginnen.

Manches bleibt Skizze, wird nicht weitergesponnen. Und doch: Alle Stationen, die Lucia Berlin in ihrer wechselhaften Biografie durchlief, finden sich auch in diesen unerschrocken komischen, dann wieder unerwartet rührenden Stories wieder.

1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geboren und zunächst in Minenstädten des Westens aufgewachsen, kam Berlin zur Mutterseite nach Texas – ein Nest von Suff und Missbrauch. Bald ging es nach Chile, wo die Familie als Upper Class ihren bescheidenen Reichtum feiern konnte, dann querbeet durch Mexico, New Mexico, Kalifornien. Drei Ehen, vier Söhne, viel Alkohol, zuviel Alkohol, immer wieder, dazu lebenslang die Krankheit Skoliose. Am Ende eine sichere Stelle an der Uni von Boulder, Colorado, und – stets neben sich – ein Sauerstoffgerät.

Von den Erinnerungen an den Großvater, einen heruntergekommenen Zahnarzt (dem sie, fast surreal, helfen muss, sich alle Zähne zu ziehen), über die Schikanen der Klosterschule (als Außenseiterin im Stahlkorsett) bis zu den vielen Jobs, mit denen sie sich und die Kinder über Wasser hielt (Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Arzthelferin in der Notaufnahme): Berlin packt die Situationen am Schopf und, samt aller haarsträubenden Details, in eine ungeschönte, unerhört lebendige Prosa. Antje Ravic Strubel, selbst Autorin, hat sie trefflich übersetzt.

Manchmal denkt man an Raymond Carver oder gar an Bukowski: Aber Berlin hat ihren ganz eigenen Stil, die Dämonen zu bannen. Wenn sie von der späten Wiederannäherung an ihre Schwester berichtet, als diese Krebs im Endstadium hat, davon wie sich beide, nun versöhnlich, an die kalte Mutter, auch sie Trinkerin, erinnern, dann zeigt der Blick aufs harte Sein die zartesten Seiten. Sie sind es, nicht die Grausamkeiten, die den Atem des Lesers stocken lassen.

Wolf Ebersberger

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Arche Verlag, 382 Seiten, 22,99 Euro.

Lars Gustafssons letzter Roman

Die Liste der Auszeichnungen und Werke des schwedischen Schriftstellers und Philosophen Lars Gustafsson ist beeindruckend lang. Der 1936 geborene und vor kurzem verstorbene Autor hat in seinen Romanen mehrfach vom Spiel mit der Identität der handelnden Personen erzählt. Es geht um den Verlust der Ichs und wie ein fiktionaler Selbstentwurf aussehen könnte. Das kann phantasievolle Geschichten ergeben, die zeigen, dass der Einzelne nicht auf eine Rolle im Leben festgelegt ist, sondern unterschiedliche Möglichkeiten hat.

Gustafsson_25051_MR1.indd In seinem letzten auf Deutsch erschienenen Roman zieht Gustafsson noch einmal aller Register seines Spieltriebs und zeigt, welche unterschiedlichen Seiten in Kent Andersson stecken. Der 80-jährige Mann lebt nur noch in seinen Erinnerungen und erzählt von seinem Start ins Leben: Die blonden Haare der Lehrerin waren wichtiger als die Mathematik, auch die sexuellen Exkurse seines Vaters haben den Jungen fasziniert, vor allem seine Ausreden.

Als der junge Kent einen toten Motorradfahrer entdeckt, nutzt er die Möglichkeit, eine neue Identität anzunehmen, und zwar komplett. Er übernimmt nicht nur den Namen des toten DDR-Flüchtlings Dr. Kurt Wasser, sondern auch dessen Beruf. Der war ausgebildeter Arzt. Da Kent aber über keine Ausbildung verfügt, muss er alle Anstrengungen unternehmen, ein Arzt zu werden, der, wie es heißt, „niemandem weh tut“ – er wird also Schlafforscher. Vor allem als Verführer von Frauen hat er auch im Privatleben großen Erfolg.

Das ist alles nett erzählt, bisweilen auch witzig – aber letztlich doch eine Art Altherrenprosa, mit der an die längst vergangene Libido erinnert wird. So richtig in Gang kommt der schmale Roman darüber nicht. Natürlich wird der falsche Doktor mit zunehmendem Alter immer eitler und kritisiert jede Amtsanmaßung von anderen, ohne dabei seinen eigenen Rollenbetrug zu berücksichtigen. Am liebsten würde er alle Blender in seinem Beruf entlarven.

Ein Buch also für die Fans von Gustafsson oder alle, die es auf die vollständige Kenntnis seiner Werke anlegen . . .

André Fischer

Lars Gustafsson: Doktor Wassers Rezept. Deutsch von Verena Reichel. Hanser, 142 Seiten, 17,90 Euro.

Buchtipps zu Henry James

Ein Pionier in der Wiederentdeckung von Henry James ist der kleine Cadolzburger Ars Vivendi Verlag. Zum Jubiläum legt er den Band „Im Käfig“ (20 Euro) mit vier berühmten Erzählungen – darunter „Daisy Miller“ und „Die Drehung der Schraube“ – sowie den großen Roman „Das Porträt einer jungen Dame“ (24,90 Euro) wieder auf. Gottfried Röckelein, der für dessen Übertragung damals viel Lob bekam, durfte nun auch „Was Maisie wusste“ (19,90 Euro) in elegantestes Deutsch bringen.

Umwerfend schön gestaltet der Manesse Verlag seine neu übertragenen James-Bücher – mit farbigem Schnitt, Leinen und Lesebändchen. Nach dem Roman „Washington Square“ und den Geschichten „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ erschien zuletzt das amüsante Frühwerk „Die Europäer“ (24,95 Euro).

James_24917_MR1.indd „Die Gesandten“, einer der elaborierten Meisterromane von Henry James, liegt auf 700 Dünndruckseiten nun bei Hanser vor – ein Klassiker, mit bewusster historischer Patina von Michael Walter höchst kunstvoll übersetzt (39,90 Euro). Anregender noch, gerade für James-Anfänger, mag die handliche Kurzprosa sein: die kompakte Schriftsteller-Erzählung „Die mittleren Jahre“ (Jung und Jung, 12 Euro) oder „Eine Dame von Welt“ über eine unerschrockene Amerikanerin, die in Paris um ihren Ruf kämpft (Aufbau Verlag, 16,95 Euro).

Gut auch, dass endlich erste biografische Annäherungen an den Autor auf Deutsch erhältlich sind. Zweimal „Henry James“ also: Die englische Professorin Hazel Hutchison gibt einen informativen, eher sachlich gehaltenen Abriss (Parthas, 24,80 Euro), die deutsche Literaturkritikerin Verena Auffermann eine begeisterte Hommage, zudem mit großen Fotos garniert (Deutscher Kunstverlag, 22 Euro). Das schöne Zitat auf dem Cover: „Leben Sie so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler.“ Nun ja. „Lesen Sie“ würde auch stimmen.
Wolf Ebersberger

Henry James zum 100. Todestag

Dieses Jahr hätte er seinen 100. Todestag: Henry James, der große amerikanische Autor. Eine Annäherung an den Pionier des psychologischen Erzählens, der sich so leicht nicht packen lässt.

Schon dieser Einstieg: „Wenn ganz bestimmte Umstände zusammentreffen, dann gibt es nur wenige Stunden im Leben, die angenehmer sind als die, welche jenem Zeremoniell gewidmet sind, das als Nachmittagstee bekannt ist.“ Ein Satz, wie von einem Butler gebracht, auf einem kleinen Silbertablett. Sehr formell, aber nicht ohne feine Ironie. Und natürlich ein Satz, den so nur ein Engländer geschrieben haben kann. Dabei war Henry James, der damit seinen wohl erfolgreichsten Roman „The Portrait of a Lady“ begann, Amerikaner: 1843 in New York geboren.

james Aber er wurde zum Engländer, lebte seit 1882 in London, später in Sussex, und erhielt 1915, knapp ein Jahr vor seinem Tod, gar die britische Staatsbürgerschaft. Wer, wenn nicht er, kannte sich also aus, mit den subtilen und weniger subtilen Unterschieden – zwischen Amerika und Europa, zwischen aufstrebsamen neuen Bürgern und ehrbewusstem, alten Adel, zwischen jungem Blut und kaltem Kalkül, das voll Dünkel den steif und trügerisch bewahrten Konventionen verhaftet bleibt?

Henry James, der mit seinen Geschwistern bereits als Schüler vom ruhelosen Vater (Henry James senior), einem Religionsphilosophen, hin und her über den Atlantik geschickt wurde, um nur ja die ideale Ausbildung zu bekommen, hat Europa geliebt. Vor allem Frankreich und Italien, man lese nur seine Reiseberichte. Aber in seinen vielen Kurzgeschichten und Romanen kommt der Kontinent, der alte, oft ernüchternd schlecht weg.

Nicht selten tragisch, oft freilich satirisch, drohen die amerikanischen Männer und Frauen, die Henry James glücksuchend nach Paris, London oder Rom fahren lässt, übel zu scheitern. Alles ist so anders hier, so undurchsichtig, wie der Held aus „Die Gesandten“ erfahren muss, der einen jungen Landsmann zurückholen und, ja, moralisch retten soll. Es gibt sogar Todesfälle, wie die berühmte „Daisy Miller“. Oder eben, wie bei Isabel Archer, der umfangreich porträtierten Lady, die Falle einer romantischen Fehlentscheidung: fatal, wie sie auf den falschen Mann hereinfällt! In Jane Campions schöner Verfilmung von „Portrait of a Lady“ ist es John Malkovich, der die arme Nicole Kidman fast ruiniert, sozial, seelisch und finanziell. Das Geld, der Besitz – vererbt oder verweigert oder strategisch erheiratet – spielen bei James stets eine wichtige Rolle.

Bereits Truffaut hat Henry James als Vorlage genommen, später war es der ebenfalls anglophile Amerikaner James Ivory, der die raffinierten, oft recht komplizierten Romane von Henry James für das Kino zu nutzen wusste. Mit viel Dekor und historischem Kolorit, was leicht täuschen mag. Denn unter der gediegenen Oberfläche brodelt es bei James stets, kommen die heftigsten und hochleidenschaftlichen Gefühle zum Vorschein, oft ungeahnt, oft grausam.

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