Brunetti, der Bienenflüsterer: die neue Donna Leon

Ab auf die Insel: Donna Leon verordnet Guido Brunetti in seinem 26. Fall „Stille Wasser“ eine Auszeit auf einer Gemüseinsel vor der Lagunenstadt – und landet damit umgehend auf Platz eins der Bestsellerliste.

Mamma mia, das musste ja mal so kommen: zu viel Arbeit, Pasta, Grappa und Espresso! Kein Wunder, dass Donna Leon da die Notbremse und unseren Lieblingscommissario aus dem Verkehr ziehen musste: mit einem dramatischen Zusammenbruch.

Doch keine Angst. Der vermeintliche Herzinfarkt ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Um einen übereifrigen Kollegen vor einer dienstlichen Dummheit zu retten. Trotzdem lautet die anschließende Diagnose: Burnout. Und Guido Brunetti wird auf die Gemüseinsel Sant’ Erasmo verbannt. Mit Zahnbürste und Minimalausstattung und Plinius (dem Älteren) statt Gattin Paola im Gepäck.

Aber gar nicht schlecht, so eine Auszeit, die der tatsächlich ordentlich gestresste Guido in einer Prachtvilla mit eigenem Bootssteg, Park und Hausverwalter verbringen darf. Wohl dem, der eine begüterte Ehefrau mit ebensolcher Verwandtschaft hat, die einem solche Annehmlichkeiten gratis überlässt.
Ab sofort also bloß noch ein Glas Weißwein pro Tag, cholesterinarmen Fisch und acht Stunden Schönheitsschlaf. Tagsüber Schwimmen in der Lagune und Bootsausflüge mit dem Verwalter. Es gab in der Weltgeschichte schon schlechtere Exile.

Ist natürlich etwas weit hergeholt, dass der dienstbare (Haus-)Geist – Davide Casati – ausgerechnet der beste Ruderfreund des eigenen Vaters war. Auch, dass sich der Commissario mit Davide quasi aus dem Stand stundenlang wie ein Galeerensträfling ins Zeug legt. Immerhin wird er so ratzfatz topfit. Und wir lernen en passant die Gewässer und Eilande vor der Stadt von einer Seite kennen, die mit Sicherheit in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Kleiner Imker-Crashkurs inklusive.

Davide hat nämlich ein hübsches Hobby: seine „Mädchen“, wie er die Immen in zahlreichen Bienenstöcken auf den Grasinseln in den Salzmarschen vor La Serenissima, nennt. Dorthin rudert das Duo nun zwei Wochen lang. Eine Katastrophe, dass in den Körben plötzlich nichts mehr brummt und summt. Und dann ist der philosophische Honigmacher auch noch verschwunden. Schluss mit lustig für Guido Brunetti und Aus mit der Auszeit.

„Mehr nicht?“ könnten wir nun die in der Stadt lebende US-Erfolgsautorin Donna Leon fragen, deren Kultkommissar wir seit 25 Fällen und genau so vielen Jahren die Treue halten. Zugegeben: „Stille Wasser“ ist tatsächlich ein ebensolches. Keine verschachtelten Handlungsebenen, wie man das aus früheren Büchern gewohnt ist.

Auch das neue zentrale Thema – die maritime Verklappung von Giftmüll vor Ort – gab’s in „Das Gesetz der Lagune“ schon einmal. Andere brisante Themen-Eisen wie Mafia, Korruption, Sex-Tourismus, Nazis und Flüchtlingen aus Afrika sind auch schon abgegrast. Trotzdem ist Leon mit dem kritischen Zustandsbericht ihrer Wahlheimat und der Welt ein weiterer, sauberer Wurf gelungen. Sprachlich und mit seinen Bildern auf dem Punkt. Nur von Honig aus der Lagunenstadt sollte man künftig wohl besser die Finger lassen.

Kerstin Benz

Donna Leon: Stille Wasser. Diogenes, 343 S., 24 Euro.

Maurizio Torchio aus dem Knast

„Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichen Maß. Nach meinem Maß.“ Der das schreibt, verbüßt eine lebenslange Strafe in einem namenlosen Gefängnis – in Einzelhaft.

Die Zelle ist, nach zwanzig Jahren im Bau, längst zu seinem Universum geworden, die ritualisierten Abläufe im Gefängnis zu seinem Alltag. In einer erstaunlich nüchternen Sprache, sachlich und scheinbar emotionslos, beschreibt Maurizio Torchio dieses Leben in einer Welt, die mit der des Lesers so gar nichts zu tun hat. Und genau daraus bezieht das Buch seinen Reiz.

Es ist auch ein psychologischer Roman. Der Autor zeichnet penibel und schonungslos die persönliche Entwicklung des namenlosen Häftlings nach, von seiner vergleichsweise harmlosen Rolle als Entführer bis hin zum Mörder, zu dem er unter den schier unerträglichen Haftbedingungen schließlich wird.

Er lässt den Leser in die Gedankengänge eines Verbrechers eintauchen, der zwar eine abscheuliche Tat begangen hat, aber trotzdem menschlich und integer wirkt. Als unmenschlich hingegen – und im Laufe des Buches als immer unmenschlicher – empfindet man mit diesem Mann die Zustände im Isolationstrakt des Gefängnisses.

Er und die Haftanstalt sind eins geworden: „Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm.“ Solche Passagen gehen einem unter die Haut und prägen sich ein. Man empfindet das, was der Häftling durchmacht, regelrecht mit ihm mit. „Manchmal geben sie dir Dinge, damit du Angst bekommst, sie wieder zu verlieren. . . Damit du erfährst, wie es ist, zu fallen, heben sie dich von Zeit zu Zeit hoch.“

„Das angehaltene Leben“ ist der zweite Roman des 1970 in Turin geborenen Autors und wurde nach seinem Erscheinen in Italien mehrfach ausgezeichnet. Der Übersetzung von Annette Kopetzki ist es zu verdanken, dass auch der deutsche Leser das Buch in vollen Zügen genießen kann, würde man gerne sagen.

Nun, von Genießen kann hier angesichts des Inhalts nicht die Rede sein. Aber manchmal ist Mitleiden genauso wertvoll.

Ute Wolf

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Zsolnay, 237 S., 22 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Tommie Goerz’ Frankenkrimi: „Schlachttag“

Kommissar Friedo Behütuns hat das Zeitliche nicht gesegnet, auch wenn es ihm am Ende des letzten Franken-Krimis aus der Feder von Tommie Goerz gar nicht gut ging – in „Einkehr“ kippte der Nürnberger Fahnder am Ende in einem Biergarten um. Doch jetzt schlaunzt er in seinem nunmehr sechsten Fall wieder durch die Gasthäuser und Bierkeller der Fränkischen Schweiz – als frisch ernannter Leiter des neuen Sonderbüros Metropolregion Nürnberg. Und da kommen er und sein Team ziemlich herum in Mittel- und Oberfranken.

Persönlich geht es Behütuns nicht übermäßig gut. Seine Fern-Freundin Julie LaFayette war in Frankreich Opfer eines Auto-Unfalls geworden – mit tödlichem Ausgang für sie. Da grübelt Behütuns nun über den Sinn von Leben und Tod – das hat natürlich Auswirkungen auf seinen Arbeitseifer und seine Arbeitsfähigkeit. Doch nach und nach kommen die Dinge wieder ins Lot und quälend langsam kehrt die Lebenslust von Behütuns zurück.

Die aktuellen Ermittlungen drehen sich zunächst um eine Leiche, die ein Wanderer zwischen den Felsbrocken des Druidenhains bei Wohlmannsgesees gefunden hat — und die kurze Zeit später, als die Polizei eintrifft, wieder verschwunden ist. Es handelt sich – das weiß aber zunächst nur der Leser – um Franziskus Aloisius Heiselbetz, einen katholischen Pfarrer im Ruhestand. Und der war in seinem aktiven Berufsleben auch mal Pfarrer in Markt Erlbach. Und dort ist zu seiner Pfarrerszeit eine Frau spurlos verschwunden, die Frau des ortsansässigen Bauunternehmers Scholl.

Das sind schon Rätsel genug. Obendrein aber wird in der Nähe einer einsam stehenden Kirche bei Kaubenheim ein Teil einer Frauenleiche von einem Hund ans Tageslicht gezerrt. Das Ermittlerteam wird jedoch das Gefühl nicht los, dass zwischen all diesen Fällen — ob alt, ob frisch — ein Zusammenhang besteht. Behütuns und seine Mitermittler winden sich zwischen den Verdachtsmomenten durch, geraten immer wieder auf falsche Spuren und schließlich auf eine schlüssige, wenn auch überraschende Lösung der vertackten Gemengelage.

Tommie Goerz taucht wieder einmal tief und treffsicher ein in die fränkische Gemütslage und schildert in meisterhaft geschriebenen Mundartpassagen die Befindlichkeiten der fränkischen Seele.
Nur die Schilderungen, in denen Behütuns wieder und wieder sein Seelenleid knetet, sind teilweise etwas langatmig geraten. Aber sonst kommt die komplizierte Story flott und schlüssig erzählt daher – mit dem für Goerz typischen überraschenden Schlussakkord.

Nebenbei grantelt der Autor noch etwas an der geistigen Befindlichkeit von islamischen Terroristen und katholischen Geistlichen herum – nicht zu tiefschürfend, aber doch bedenkenswert. Und faszinierend die eingeschobenen Kapitel über das Schlachten eines Schweins — ein Schlachttag ist nichts weniger als ein Festtag. Goerz ist erneut ein Franken-Krimi vom feinsten gelungen – auch weil er sich in fränkischen Landen und Köpfen bestens auskennt.

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Schlachttag. ars vivendi, 425 Seiten, 14,90 Euro.