Babylon Nürnberg? Volker Kutschers neuer Roman „Marlow“

Volker Kutscher schickt seinen Helden Gereon Rath in dem neuen Krimiband „Marlow“ auch nach Nürnberg . . . zum Reichsparteitag 1935.

Der Autor Volker Kutscher. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ hat in der ARD sehr gute Einschaltzahlen erreicht. Bis zum Frühjahr wird die dritte Staffel, in der erneut Kommissar Gereon Rath im Mittelpunkt steht, verfilmt. Die illustre Gemengelage aus politischen Spannungen, Kriminalität und libertären Lebensentwürfen im Berlin der 20er Jahre scheint derzeit auf großes Interesse zu stoßen: Im Buchhandel gibt es über ein Dutzend neuer Bücher, die von Berlin in dieser Epoche handeln.

Dabei sind die Kriminalromane von Volker Kutscher, auf die „Babylon Berlin“ zurückgeht, noch gar nicht mitgezählt. Kutscher beackert die Reichshauptstadt literarisch bereits seit 2007, als sein erster Roman „Der nasse Fisch“ erschienen ist. Die Berlin-Saga beginnt mit der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs. Kommissar Gereon Rath wird von Köln in die Reichshauptstadt versetzt. Dort soll er ein Komplott in der Polizeiverwaltung aufdecken.

Mit „Marlow“ ist jetzt der siebte Band erschienen. Wieder steht Rath, inzwischen zum Oberkommissar befördert, im Zentrum des Erzählens. Er hat inzwischen die schillernde Charlotte, die vergeblich versucht hat, Kommissarin zu werden und die Rath seit dem ersten Band begleitet, geheiratet. Beide erziehen einen Stiefsohn.

Das Buch spielt 1935. Die Nazis regieren seit zwei Jahren Deutschland. Viele haben sich mit den neuen Machthabern arrangiert. Charlotte, genannt Charly, die immer noch unter dem nie geklärten Mord an ihrem Vater leidet, aber nicht. Sie geht, wo sie kann, auf Distanz und streitet sich mit ihrem Mann und mit Vertretern des neuen Regimes.

Der Stiefsohn soll dem Ehepaar Rath deshalb wieder weggenommen werden, weil sie keine verlässlichen Anhänger der Nazi-Ideologie sind. Charly will aus Deutschland weg, aber wohin ohne Geld?
Rath versucht, sich im Alltag auf seine Polizeiarbeit zu konzentrieren und glaubt, dass der Nationalsozialismus nicht auf Dauer an der Macht bleibt. Er versucht einfach wegzusehen, wenn es um Politik geht. Für viele seiner Kollegen bieten Gestapo oder der Sicherheitsdienst Chancen, persönlich aufzusteigen. Im Kern des Kriminalromans geht es um Unterlagen, die Gereon bei einem tödlich verlaufenden Unfall findet. Sie enthalten Material, um Innenminister Hermann Göring wegen seiner Rauschgiftsucht zu erpressen.

Auch wenn Kutscher die Kolportage streift, so gelingt es ihm hervorragend, den historischen Stoff in die Fiktion einzuweben: Die Rivalitäten der Vertreter des neuen Machtapparats untereinander, aber auch mit den alten Eliten. Wie gefährlich kleine Dinge werden, wenn sie als Widerstand gegen das Regime interpretiert werden können. Der offene Rassismus, obwohl die „Nürnberger Gesetze“ noch gar nicht gelten. Das um sich greifende Denunziantentum, die schleichende Rechtsbeugung und der Opportunismus, der auch Verbrechern eine neue Chance gibt.

Unterweltkönig Johann Marlow, der in allen Büchern von Kutscher eine zwielichtige Rolle spielt und der Rath immer wieder bestochen hat, ist plötzlich SS-Mann ehrenhalber und stellt Himmlers Männern Frauen, Rauschgift und Alkohol im – Kutscher-Lesern schon bekannten – „Venuskeller“ zur Verfügung.

Die Spuren, denen Rath nachgeht, um den Unfall, der offenbar geplant war, aufzuklären, führen ihn bis nach Schwabach, in die Fränkische Schweiz und zum Reichsparteitag 1935 nach Nürnberg. „Nürnberg soll eine schöne Stadt sein“, hofft Rath und bringt dann Charlotte Lebkuchen mit Hakenkreuz mit – was die Ehe extrem belastet.

Kutscher erzählt von der Nazi-Begeisterung der Hitlerjugend und der Bevölkerung, ohne didaktisch-anklagende Kunstgriffe einzusetzen. Er berichtet von der Geschäftstüchtigkeit der Franken, alle Zimmer im Umkreis von 50 Kilometern um Nürnberg zu vermieten, manche auch zweimal. Und es ist erschreckend, wie sich Gereon Rath – gegen seinen Willen – von der Sieg-Heil-Begeisterung anstecken lässt.

Es ist die Blindheit der Menschen, die einen erschaudern lässt. Gerade Kutschers unaufgeregtes Erzählen von den Ereignissen geht unter die Haut. Die Biederkeit, die Bösartigkeit gegenüber Menschen, die anders sind, haut den Leser richtiggehend um, denn er weiß, was das Regime in den folgenden Jahren alles anzetteln und ausführen wird.

Das Buch ist ein richtiger Schmöker, den man nicht aus der Hand legt, weil man wissen will, wie er ausgeht. Rath kann zwar die geplante Erpressung Görings in Grundzügen aufklären und auch die Rolle, die Marlow bei der Ermordung von Charlottes Vater gespielt hat, doch eine Überführung der Täter findet im NS-Regime nicht mehr statt. Am Ende muss sich Rath der stärkeren Macht beugen. Er verfängt sich im NS-Netz, was er immer vermeiden wollte.

Sicher, manches ist doch arg abenteuerlich konstruiert, aber der kriminologische Kern ist spannend und, was die Historie betrifft, auch gut erzählt. Was will man mehr?

André Fischer

Volker Kutscher: Marlow. Piper Verlag, 528 Seiten, 24 Euro.

Spannung garantiert: „Das Päckchen“ von Franz Hohler

Er ist einer der ganz Großen des Schweizer Kabaretts, und als „Mann mit dem Cello“ wurde er europaweit bekannt: Franz Hohler. Im Literaturhaus Nürnberg las aus seinem spannenden neuen Roman „Das Päckchen“.

Autor und Kabarettist: Franz Hohler (Foto: Luchterhand)

Zwei Mal begeisterte der vielfach ausgezeichnete Autor und gefeierte Satirekünstler bereits in Nürnberg: 2004 las er aus dem Erzählband „Die Torte“, 2014 aus seinem Roman „Gleis 4“. Nun stand „Das Päckchen“ auf dem Programm, eine herrlich-unterhaltende, krimiartige Erzählung rund um die älteste deutsche Handschrift.

Das Original des „Codex Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, ist seit dem 8. Jahrhundert verschollen. Doch eines Tages bringt das in unverdächtiges Zeitungspapier eingewickelte Buch das überaus geregelte Leben eines Bibliothekars hübsch durcheinander. Warum Ernst am Berner Hauptbahnhof den Anruf einfach angenommen hat, weiß er selbst nicht mehr. Der öffentliche Telefonapparat klingelt, Ernst hebt ab und macht genau das, was sich die ältere Dame am anderen Ende des Drahts wünscht: das Päckchen bei ihr abzuholen. Und niemandem etwas davon sagen.

Daran hält sich Ernst. Und entdeckt, dass er nicht nur ein verdammt guter Spontan-Lügner ist, sondern auch ein begabter Detektiv. Zufällig kam er zu dem Buch, dessen Wert er nur vermuten kann – doch auch andere sind der verschollenen Handschrift hartnäckig auf der Spur. Doch warum nur?

Der einst unauffällige Ernst schreckt vor ungewöhnlichen Methoden nicht zurück, und je mehr er in lebensgefährliche Bedrängnis gerät, desto verblüffendere Talente findet er in sich selbst. Der Leser folgt ihm vergnügt mit von Seite zu Seite steigender Spannung, genießt die Intelligenz, den Witz und das Beschreibungstalent Hohlers, der als passionierter Bergsteiger seine Leser souverän zwischen der Gletscherwelt und den Skriptorien mittelalterlicher Klöster wie Weltenburg und St. Gallen hin und her führt.

Natürlich ist Ernst – wie sein 1943 in der Schweizer Uhren-Metropole Biel geborener Schöpfer Hohler –
Bücherenthusiast und überzeugt, dass Bibliotheken das Gedächtnis der Menschheit sind. Wer „Das Päckchen“ aufschlägt, wird den Roman jedenfalls so rasch nicht aus der Hand legen.

So kennt man Franz Hohler, der beim Vortrag seiner Werke ein Humormodul in der Stimme eingebaut zu haben scheint. Im Literaturhaus wird er zudem Kostproben aus dem im Frühjahr erschienenen Gedichtband „Alt“ lesen.

Anabel Schaffer

Franz Hohler: Das Päckchen. Luchterhand Verlag, 224 S., 20 Euro.

Krimi ganz innen: „Offshore“ von Petros Markaris

Seine Fans wissen es längst: Wenn Petros Markaris liest (und mehr noch erzählt), geht es jedes Mal lustig zu. Im Nürnberger Literaturhaus stellte der beliebte Grieche seinen neuen Krimi „Offshore“ vor.

Autor Petros Markaris vor der Akropolis in Athen. (FOTO: Regine Mosimann/Diogenes Verlag)

Es könnte alles so schön sein! Die bis ins Existenzielle reichende Krise scheint – nach sechs mageren Jahren – endlich überwunden. Das Land atmet auf, hat wieder Geld, in Athen macht sich der Aufschwung allerorten bemerkbar: Die Griechen gehen wieder italienisch essen!

Sogar die ausgewanderten Reeder kehren einer nach dem andern zurück in die Heimat – eine Geste mit großem symbolischen Wert. Warum also kann sich Kommissar Kostas Charitos nicht so richtig freuen – und das trotz angekündigter Gehaltserhöhung?

Nun ja, selbst der unbedingt an das Gute im Menschen glaubende Held von Petros Markaris muss erkennen, dass irgendetwas faul ist an der neuen, patriotisch geradezu verordneten Harmonie. In seinem neuen Fall „Offshore“ wird er mit Opfern konfrontiert, die keine andere Deutung zulassen. Zuerst wird ein hoher Mitarbeiter der Tourismusbehörde erschossen, der für die lukrative Vergabe von Yachtplätzen zuständig war. Die Täter, zwei Flüchtlinge, sind schnell gefasst. Zu schnell, meint der Kommissar, der das Ganze für eine knallharte Hinrichtung hält.

Und warum drängt der neue Vizepolizeipräsident – ohnehin ein lästiger Amtsschimmel – ständig darauf, keine weiteren Ermittlungen zu führen? Was soll vertuscht werden, welcher Hintermann geschützt? Eine Mauer des Schweigens, gegen die Charitis – immerhin kulinarisch gestärkt von Ehefrau Adriani – gewohnt hartnäckig angeht.

Die nötige Spannung entsteht hier ganz innen: in seinem Gewissen.

Wolf Ebersberger

Petros Markaris: Offshore. Diogenes, 24 Euro.

Eiskaltes Boston: Dennis Lehane

In den Neunzigern waren sie Ikonen des knallharten Thrillers: Kenzie und Gennaro, die Bostoner Privatdetektive. Jetzt wird die Reihe neu übersetzt.

„Halten Sie sich von seinem Mund fern“, wird der Bostoner Privatdetektiv Patrick Kenzie gewarnt, bevor er den hochintelligenten Psychopathen Alec Hardiman treffen soll. Das FBI braucht Kenzies – und Hardimans – Hilfe, um eine grausame Mordserie aufzuklären, deren Opfer auf makabere Weise in der nordamerikanischen Universitäts-Stadt drapiert sind, zerstückelt, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe ausgeweidet. Aber Hardiman spielt sein eigenes Spiel mit den Ermittlern.

Autor Dennis Lehane (Foto: Boesl/dpa)

Das klingt bekannt? „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und ihre Epigonen scheinen Pate gestanden zu haben bei Dennis Lehanes schon 1996 in den USA erschienenem Thriller „Dunkelheit, nimm meine Hand“. Der Diogenes Verlag, mit Lehanes aktuellen (und besseren) Romanen erfolgreich, greift damit zurück auf die „Kenzie & Gennaro“-Serie aus den 90ern, um dem begeisterten Publikum mehr Futter zu liefern. Leider kann man sich aber an diesem Menü aus Hard-Boiled-Krimis à la Raymond Chandler oder Ross Macdonald und unappetitlichem Psycho-Horror auch den Magen verderben.

Kenzie und seine aus Mafiakreisen stammende Kollegin Angie Gennaro verstricken sich immer tiefer in ein zunehmend absurdes Netz aus bedrohlichen Gangstern, grausamen Rächern und Geisteskranken in Biedermann-Maske. Nichts und niemand ist hier sicher, und – wie Kenzie gedroht wird – „es werden Opfer gebracht werden müssen“. Das winterliche Boston liefert dazu die eiskalte Kulisse.

Dass Dennis Lehane, der mit seiner Gangster-Saga „In der Nacht“ (gerade verfilmt von und mit Ben Affleck) und „Am Ende einer Welt“ als reifer Meistererzähler überzeugte, zweifellos weiß, wie man Spannung aufbaut, liegt schon in diesem Frühwerk auf der Hand. Aber in der Wahl seiner Mittel war er zur Zeit von „Dunkelheit, nimm meine Hand“ leider weder zimperlich noch sicher.

Übrig bleibt ein Reißer, der von seinen offensichtlichen Vorbildern in den Schatten gestellt wird und dadurch doch eher „passé“ wirkt.

Andreas Frane

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Diogenes, 510 Seiten, 16 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.

Brunetti, der Bienenflüsterer: die neue Donna Leon

Ab auf die Insel: Donna Leon verordnet Guido Brunetti in seinem 26. Fall „Stille Wasser“ eine Auszeit auf einer Gemüseinsel vor der Lagunenstadt – und landet damit umgehend auf Platz eins der Bestsellerliste.

Mamma mia, das musste ja mal so kommen: zu viel Arbeit, Pasta, Grappa und Espresso! Kein Wunder, dass Donna Leon da die Notbremse und unseren Lieblingscommissario aus dem Verkehr ziehen musste: mit einem dramatischen Zusammenbruch.

Doch keine Angst. Der vermeintliche Herzinfarkt ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Um einen übereifrigen Kollegen vor einer dienstlichen Dummheit zu retten. Trotzdem lautet die anschließende Diagnose: Burnout. Und Guido Brunetti wird auf die Gemüseinsel Sant’ Erasmo verbannt. Mit Zahnbürste und Minimalausstattung und Plinius (dem Älteren) statt Gattin Paola im Gepäck.

Aber gar nicht schlecht, so eine Auszeit, die der tatsächlich ordentlich gestresste Guido in einer Prachtvilla mit eigenem Bootssteg, Park und Hausverwalter verbringen darf. Wohl dem, der eine begüterte Ehefrau mit ebensolcher Verwandtschaft hat, die einem solche Annehmlichkeiten gratis überlässt.
Ab sofort also bloß noch ein Glas Weißwein pro Tag, cholesterinarmen Fisch und acht Stunden Schönheitsschlaf. Tagsüber Schwimmen in der Lagune und Bootsausflüge mit dem Verwalter. Es gab in der Weltgeschichte schon schlechtere Exile.

Ist natürlich etwas weit hergeholt, dass der dienstbare (Haus-)Geist – Davide Casati – ausgerechnet der beste Ruderfreund des eigenen Vaters war. Auch, dass sich der Commissario mit Davide quasi aus dem Stand stundenlang wie ein Galeerensträfling ins Zeug legt. Immerhin wird er so ratzfatz topfit. Und wir lernen en passant die Gewässer und Eilande vor der Stadt von einer Seite kennen, die mit Sicherheit in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Kleiner Imker-Crashkurs inklusive.

Davide hat nämlich ein hübsches Hobby: seine „Mädchen“, wie er die Immen in zahlreichen Bienenstöcken auf den Grasinseln in den Salzmarschen vor La Serenissima, nennt. Dorthin rudert das Duo nun zwei Wochen lang. Eine Katastrophe, dass in den Körben plötzlich nichts mehr brummt und summt. Und dann ist der philosophische Honigmacher auch noch verschwunden. Schluss mit lustig für Guido Brunetti und Aus mit der Auszeit.

„Mehr nicht?“ könnten wir nun die in der Stadt lebende US-Erfolgsautorin Donna Leon fragen, deren Kultkommissar wir seit 25 Fällen und genau so vielen Jahren die Treue halten. Zugegeben: „Stille Wasser“ ist tatsächlich ein ebensolches. Keine verschachtelten Handlungsebenen, wie man das aus früheren Büchern gewohnt ist.

Auch das neue zentrale Thema – die maritime Verklappung von Giftmüll vor Ort – gab’s in „Das Gesetz der Lagune“ schon einmal. Andere brisante Themen-Eisen wie Mafia, Korruption, Sex-Tourismus, Nazis und Flüchtlingen aus Afrika sind auch schon abgegrast. Trotzdem ist Leon mit dem kritischen Zustandsbericht ihrer Wahlheimat und der Welt ein weiterer, sauberer Wurf gelungen. Sprachlich und mit seinen Bildern auf dem Punkt. Nur von Honig aus der Lagunenstadt sollte man künftig wohl besser die Finger lassen.

Kerstin Benz

Donna Leon: Stille Wasser. Diogenes, 343 S., 24 Euro.

Maurizio Torchio aus dem Knast

„Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichen Maß. Nach meinem Maß.“ Der das schreibt, verbüßt eine lebenslange Strafe in einem namenlosen Gefängnis – in Einzelhaft.

Die Zelle ist, nach zwanzig Jahren im Bau, längst zu seinem Universum geworden, die ritualisierten Abläufe im Gefängnis zu seinem Alltag. In einer erstaunlich nüchternen Sprache, sachlich und scheinbar emotionslos, beschreibt Maurizio Torchio dieses Leben in einer Welt, die mit der des Lesers so gar nichts zu tun hat. Und genau daraus bezieht das Buch seinen Reiz.

Es ist auch ein psychologischer Roman. Der Autor zeichnet penibel und schonungslos die persönliche Entwicklung des namenlosen Häftlings nach, von seiner vergleichsweise harmlosen Rolle als Entführer bis hin zum Mörder, zu dem er unter den schier unerträglichen Haftbedingungen schließlich wird.

Er lässt den Leser in die Gedankengänge eines Verbrechers eintauchen, der zwar eine abscheuliche Tat begangen hat, aber trotzdem menschlich und integer wirkt. Als unmenschlich hingegen – und im Laufe des Buches als immer unmenschlicher – empfindet man mit diesem Mann die Zustände im Isolationstrakt des Gefängnisses.

Er und die Haftanstalt sind eins geworden: „Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm.“ Solche Passagen gehen einem unter die Haut und prägen sich ein. Man empfindet das, was der Häftling durchmacht, regelrecht mit ihm mit. „Manchmal geben sie dir Dinge, damit du Angst bekommst, sie wieder zu verlieren. . . Damit du erfährst, wie es ist, zu fallen, heben sie dich von Zeit zu Zeit hoch.“

„Das angehaltene Leben“ ist der zweite Roman des 1970 in Turin geborenen Autors und wurde nach seinem Erscheinen in Italien mehrfach ausgezeichnet. Der Übersetzung von Annette Kopetzki ist es zu verdanken, dass auch der deutsche Leser das Buch in vollen Zügen genießen kann, würde man gerne sagen.

Nun, von Genießen kann hier angesichts des Inhalts nicht die Rede sein. Aber manchmal ist Mitleiden genauso wertvoll.

Ute Wolf

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Zsolnay, 237 S., 22 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Tommie Goerz’ Frankenkrimi: „Schlachttag“

Kommissar Friedo Behütuns hat das Zeitliche nicht gesegnet, auch wenn es ihm am Ende des letzten Franken-Krimis aus der Feder von Tommie Goerz gar nicht gut ging – in „Einkehr“ kippte der Nürnberger Fahnder am Ende in einem Biergarten um. Doch jetzt schlaunzt er in seinem nunmehr sechsten Fall wieder durch die Gasthäuser und Bierkeller der Fränkischen Schweiz – als frisch ernannter Leiter des neuen Sonderbüros Metropolregion Nürnberg. Und da kommen er und sein Team ziemlich herum in Mittel- und Oberfranken.

Persönlich geht es Behütuns nicht übermäßig gut. Seine Fern-Freundin Julie LaFayette war in Frankreich Opfer eines Auto-Unfalls geworden – mit tödlichem Ausgang für sie. Da grübelt Behütuns nun über den Sinn von Leben und Tod – das hat natürlich Auswirkungen auf seinen Arbeitseifer und seine Arbeitsfähigkeit. Doch nach und nach kommen die Dinge wieder ins Lot und quälend langsam kehrt die Lebenslust von Behütuns zurück.

Die aktuellen Ermittlungen drehen sich zunächst um eine Leiche, die ein Wanderer zwischen den Felsbrocken des Druidenhains bei Wohlmannsgesees gefunden hat — und die kurze Zeit später, als die Polizei eintrifft, wieder verschwunden ist. Es handelt sich – das weiß aber zunächst nur der Leser – um Franziskus Aloisius Heiselbetz, einen katholischen Pfarrer im Ruhestand. Und der war in seinem aktiven Berufsleben auch mal Pfarrer in Markt Erlbach. Und dort ist zu seiner Pfarrerszeit eine Frau spurlos verschwunden, die Frau des ortsansässigen Bauunternehmers Scholl.

Das sind schon Rätsel genug. Obendrein aber wird in der Nähe einer einsam stehenden Kirche bei Kaubenheim ein Teil einer Frauenleiche von einem Hund ans Tageslicht gezerrt. Das Ermittlerteam wird jedoch das Gefühl nicht los, dass zwischen all diesen Fällen — ob alt, ob frisch — ein Zusammenhang besteht. Behütuns und seine Mitermittler winden sich zwischen den Verdachtsmomenten durch, geraten immer wieder auf falsche Spuren und schließlich auf eine schlüssige, wenn auch überraschende Lösung der vertackten Gemengelage.

Tommie Goerz taucht wieder einmal tief und treffsicher ein in die fränkische Gemütslage und schildert in meisterhaft geschriebenen Mundartpassagen die Befindlichkeiten der fränkischen Seele.
Nur die Schilderungen, in denen Behütuns wieder und wieder sein Seelenleid knetet, sind teilweise etwas langatmig geraten. Aber sonst kommt die komplizierte Story flott und schlüssig erzählt daher – mit dem für Goerz typischen überraschenden Schlussakkord.

Nebenbei grantelt der Autor noch etwas an der geistigen Befindlichkeit von islamischen Terroristen und katholischen Geistlichen herum – nicht zu tiefschürfend, aber doch bedenkenswert. Und faszinierend die eingeschobenen Kapitel über das Schlachten eines Schweins — ein Schlachttag ist nichts weniger als ein Festtag. Goerz ist erneut ein Franken-Krimi vom feinsten gelungen – auch weil er sich in fränkischen Landen und Köpfen bestens auskennt.

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Schlachttag. ars vivendi, 425 Seiten, 14,90 Euro.