Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Gerald Murnanes behutsames Buch „Grenzbezirke“

Der bald 80-jährige australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt auf seinem Kontinent seit vielen Jahren als Nobelpreiskandidat. Jetzt hat er ein Erinnerungsbuch geschrieben, in dem vieles steckt, was sein Schreiben von dem anderer Autoren unterscheidet. Es heißt „Grenzbezirke“.

Gerald Murnane (Foto: Giramondo Publishing/Suhrkamp)

Wie bereits in seinem Hauptwerk „Die Ebenen“ (1982), das 2017 endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt uns Murnane in „Grenzbezirke“ mit auf eine Reise in die Innerlichkeit jenseits des realistischen Erzählens. Behutsamkeit durchdringt die Seiten.

Der Ich-Erzähler ist unschwer als Alter-Ego des Autors zu erkennen. Er hat ein Haus am Rand der Zivilisation nahe dem australischem Outback bezogen, um dort die Ecken, Zwischenräume und Kanten der menschlichen Wahrnehmung zu erkunden. Dafür erlegt er sich Regeln auf. So „hütet“ er seine Augen, um wachsamer für das zu sein, „was an den Rändern meines Gesichtsfeldes“ wirkt. Mönchisch experimentiert er mit Sehtechniken. Es interessiert ihn, ob und wie sich neue Bilder, Gedanken, Assoziationen, Bewusstseinsströme auftun, wenn man zum Beispiel das gewöhnliche menschliche „Starren“ auf Dinge durch Blinzeln oder schräge Augenstellung variiert.

Zugegeben, das klingt schrullig. Doch der Autor bringt eine ernstzunehmende Lebenserfahrung ein. Nachdem er Witwer wurde, war der Ich-Erzähler so mutig, das Wagnis des Wegziehens zu wählen. So erfahren wir, dass er, der zeitlebens ein Leser und Liebhaber von Büchern gewesen ist, den Inhalt seiner Regale zurückgelassen hat. Ihn bewegte dazu die Annahme, dass jeder Lesende die wichtigen Essenzen, Prägungen durch Literatur bewusst oder unbewusst speichert – wenn sie denn von Belang für ihn persönlich sind.

Als Schatzgräber verschütteten Wissens übt der Erzähler sich, wenn er versucht, durch den Anblick von Farben einer Murmel oder über das Hören eines Lieds Zugang zu eingeschlafenen Gefühlen seines früheren Lebens zu erhalten.

Murnane erzählt vom Radiobeitrag einer Kollegin: Weil auch sie den Stückeschreibern, Drehbuchautoren und Biografen misstraut, „die zu leicht durch das Sichtbare verlockt werden“, fühlt er sich verstanden. Das „Empfinden stiller Intensität innerhalb der Steinmauern in entlegener Landschaft“ hält er wie sie dagegen. Seinem Denken und Fühlen haftet etwas Naturmystisches an. Sätze fließen sanft. Peter Handke oder W. G. Sebald sind ihm Sprachverwandte. Manchmal entstehen durch das Drehen und Wenden bei der Suche nach präziser Annäherung an die Dinge aber auch Längen.

Wer „Grenzbezirke“ als Einladung sieht, im Heute der Hektik, der schnellen Bilder, der wissenschaftlichen Sicherheiten den sinnlichen Weg in die andere Richtung einzuschlagen – dem schenkt der Australier Mut und Inspiration.

Christian Mückl

Gerald Murnane: Grenzbezirke. Bibliothek Suhrkamp, 231 S., 18 Euro.

Dan Brown als Ursprungsforscher

Der amerikanische Bestseller-Autor Dan Brown macht in seinem neuen Buch „Origin“ den Versuch, komplexe Themen von Philosophie und Religion als Unterhaltungsliteratur an eine große Lesergemeinde zu vermitteln. Das verdient immerhin respektvolle Aufmerksamkeit.

„Origin“ wird sich – anders als zuvor „Illuminati“ oder „Inferno“ – nur schwer verfilmen lassen. Denn im Zentrum der Geschichte steht nicht die Entschlüsselung eines Codes, um im letzten Augenblick die Explosion einer Bombe zu verhindern. Im Zentrum gibt es vielmehr die ausführliche Beschreibung einer Art Video-Dokumentation mit dem Thema des Ursprungs von Leben auf dem Planeten. Es geht um Origin, Genesis, Ursprung. Das ist der Stoff zahlloser Schöpfungsmythen. Auch die drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam erzählen davon.

Deswegen trifft sich Edmond Kirsch am Anfang des Romans mit den geheimen Oberhäuptern dieser Religionsgemeinschaften. Kirsch ist ein Computer-Nerd und Zukunftsforscher, der eine große Enthüllung ankündigt. Von der Nacht an, in der er im Guggenheim Museum von Bilbao vor die (Internet-)Öffentlichkeit treten will, soll alles anders sein. Er will seinem Publikum erklären, warum Gott als Lebensschöpfer überflüssig geworden ist.

Dan Brown stellte sein neues Werk auf der Buchmesse in Frankfurt vor (Foto: dpa). In dem Roman geht er – wie es so seine Erzähltechnik ist – gleich an spektakuläre Schauplätze. Diesmal liegen alle in Spanien: das Kloster Montserrat, das Guggenheim Museum. Später kommen Antoni Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona sowie der Escorial und das „Tal der Gefallenen“ bei Madrid hinzu. Browns Serienheld – der Symbolist Robert Langdon – agiert hauptsächlich in Bilbao und Barcelona. weiter lesen