Klug: Philipp Blom über die kleine Eiszeit

Der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom hat mit „Die Welt aus den Angeln‘“ sicher eines der spannendsten Bücher dieses Frühjahrs geschrieben. Er geht der Frage nach, welche Auswirkungen die sogenannte kleine Eiszeit zwischen 1570 und 1700 hatte.

Es geht Blom weniger darum, dass damals der Weinbau nicht mehr in Nordeuropa möglich ist, weil die Jahrestemperatur im Durchschnitt um rund zwei Grad gesunken ist, sondern welche langfristigen makroökonomischen und ideengeschichtlichen Folgen dieser Kälteeinbruch für das moderne Europa hatte. Bloms These ist, dass die Kälte für eine radikale Abkehr vom mittelalterlichen Weltbild gesorgt hat und die Ökonomisierung des Lebens, die auch heute noch gilt, sich durchgesetzt hat.

Erfolgreich überlebt haben diejenigen, die mit den Herausforderungen kreativ umgegangen sind und sich nicht mehr auf überkommene Erfahrungen verlassen haben: Amsterdam, das bis zum Kälteeinbruch eine eher kleine Stadt war, wurde angesichts der zurückgehenden Ernteerträge zu einem Großimporteur von Getreide aus Osteuropa. Die Holländer legten damit den Grundstein für ihre Prosperität. Parallel dazu entwickelten sie ein grausames System der Überwachung: Wer nicht gearbeitet hat, bekam auch nichts zu essen oder wurde in Armenhäusern dem Publikum vorgeführt, wie er zum Arbeiten gezwungen wurde: Wer nicht gepumpt hat, der saß im Wasser.

Eine weitere Kehrseite der Entwicklung: Weil die kleine Eiszeit nicht erklärt werden konnte, erlebten der Hexenwahn und andere okkulte Begründungszusammenhänge eine Hochzeit. Vor allem Frauen wurden zu Sündenböcken gemacht.

Geschickt kombiniert Blom die Herausforderungen des kälteren Klimas mit dem aufkommenden Protestantismus, dem sich durchsetzenden naturwissenschaftlichen Denken und den Bestrebungen, demokratische Rechte gegenüber dem Adel durchzusetzen. Alle drei Ideenstränge bedingen sich wechselseitig und sorgen in bestimmten Ländern für eine ökonomische Aufbruchstimmung, etwa eben in Holland.

Diese Entdeckung des eigenen Denkens, mit dem pragmatisch vor allem der eigene wirtschaftliche Erfolg gesucht wird, zeigt natürlich schnell seine Schattenseiten: Spekulanten halten das knappe Getreide noch weiter zurück, um Gewinnmaximierung zu betreiben. Während das entstehende Bürgertum auf seine Freiheiten gegenüber dem Adel pocht, wird der wirtschaftliche Erfolg zu Lasten der Bevölkerung in den Kolonien erzielt. Freiheit und Menschenrechte gelten für die Europäer, aber nicht für Asiaten, Afrikaner oder Südamerikaner.

Blom hat im Grunde keine Geschichte dieser kleinen Eiszeit verfasst, sondern Denk- und Argumentationstraditionen herausgearbeitet, die heute noch gelten und die es seiner Meinung nach schwer machen, mit dem erneuten Klimawandel – diesmal ist es die Erderwärmung – umzugehen.
Während die Menschen vor 400 Jahren im Grunde nicht wussten, welche Ursachen die kleine Eiszeit hatte und wie man mit ihr fertig wird, sie deshalb sehr viel ausprobiert haben und sich von überkommenen Weltbildern gelöst haben, sollten wir es heute freilich besser wissen.

Mit einer weiter vorangetriebenen Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen werden sich die Folgen des Klimawandels nicht beherrschen lassen. Wir machen einfach so weiter – und kommen dem Abgrund immer näher. Auch löst sich zunehmend die Verknüpfung von demokratischen Rechten und erfolgreichem wirtschaftlichem Handeln auf. Es geht auch ohne Rechte.

Im Grunde leben wir alle nach einem zynischen Verhaltensmuster, das erläutert Blom etwa an der Person Voltaires: Der berühmte französische Aufklärer forderte Menschenrechte ein, liebte das freie Wort und pochte auf Toleranz. Sein Geld legte Voltaire aber – weil er den größten Gewinn anstrebte – in ausgesprochen üblen Unternehmungen an.

„Voltaire schrieb darüber, dass an jedem Sack Zucker, der aus den Kolonien kam, Blut klebte, aber er investierte in Plantagen und wusste, wie sein Geld sich vermehrte. Er war sich bewusst, dass die „Compagnie des Indes“, in der er erhebliche Geldanlagen hatte, ihre enormen Profite auf dem Rücken von afrikanischen Sklaven erwirtschaftete.“

Die Rhetorik der Menschenrechte ging für einen Großteil der Erdbevölkerung mit Unterdrückung und Ausbeutung einher – was die Lösung der anstehenden Probleme besonders schwierig macht . . . Ein Dilemma, das der 1970 in Hamburg geborene Autor übrigens auch in den lesenswerten Essays des Bändchens „Gefangen im Panoptikum“ beschreibt. Der Untertitel: „Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“.

Die Epoche der Aufklärung mag uns ja aus vielen Fesseln gelöst haben, aber was nun? „Die Massen haben ihre Befreiung dankend zur Kenntnis genommen, ziehen es aber vor, zu Hause vor dem Fernseher zu bleiben, Das Finale fängt gleich an, das Bier steht kalt.“

André Fischer

Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700. Hanser, 302 S., 24 Euro.
Philipp Blom: Gefangen im Panoptikum. Residenz, 96 S., 18 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.

Wichtig: „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele

Auch wenn das hier ein Blog ist, weisen wir immer wieder auch gern auf die Print-Ausgabe der NZ (und anderer Zeitungen) hin. Denn Zeitungen bereichern das Leben. Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Zeitung in Papierform.

Wer regelmäßig Zeitung liest, dem wird dieses Büchlein gefallen. Schon rein optisch – ist doch sein Einband wie die Seite Eins einer Zeitung gestaltet, ein wenig nostalgisch, mit vergilbt wirkendem Aufmacherfoto, altmodischen Schrifttypen und einem einzigen großen Beitrag als Haupttext. Eben genau so, wie heutzutage nur noch ganz wenige Zeitungen aussehen (dürfen).

Michael Angele, deutsch-schweizerischer Journalist und Literaturwissenschaftler, hat eine Liebeserklärung an die Zeitung geschrieben. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ und hat früher für die „FAZ“ gearbeitet, außerdem – welch ein Kontrast! – für die „Netzeitung“, die erste deutsche Internetzeitung, die er sogar mit geleitet hat.

Dass er von diesem Ausflug in virtuelle Welten wieder zur guten alten Zeitung in Papierform – zum Aufschlagen, Umblättern, Überallhin-Mitnehmen, Zusammenfalten, Beiseitelegen, Wieder-zur-Hand-Nehmen, Weitergeben, Artikel-Ausschneiden, Feuer-Anfachen, Dinge-Einwickeln oder Zerknüllen – zurückgekehrt ist, verwundert nach der Lektüre des Buches nicht.

Er liebte Zeitungen: Thomas Bernhard.
Foto: Suhrkamp-Verlag

Angele ist ein Zeitungssüchtiger – wie Thomas Bernhard. Der österreichische Schriftsteller reiste, wenn es sein musste, 350 Kilometer weit, nur um in seiner Heimat ein Exemplar der „NZZ“ (Neuen Zürcher Zeitung) zu ergattern.

Für Angele ist er nicht nur deshalb „der ideale Zeitungsleser“. Sondern auch weil Bernhard die sieben Blätter, mit denen er sich tagtäglich versorgen ließ, außer zur Information noch zu viel mehr dienten: „um sich zu wundern, sich anzuregen, sich aufzuregen (das vor allem)“, wie Angele schreibt.
Es wäre wunderbar, wenn wir das mit der „NZ“ bei unseren Lesern auch erreichen würden!

Ute Wolf

Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser, Galiani Berlin, 160 Seiten, gebunden, 16 Euro.

Grandios: Nathan Hills erster Roman „Geister“

Wunderbar passt „Geister“, das Romandebüt des 40jährigen Amerikaners Nathan Hill, in unsere „postfaktischen“ Zeiten. Denn das, was seine nach stabilen Beziehungen und zwischenmenschlichem Halt suchenden Figuren als Wahrheit oder Wirklichkeit nehmen, erweist sich als Konstrukt der Anderen, als bedrohliches Ammenmärchen oder als mühsam aufrecht erhaltene (Lebens-)Lüge.

Aber vielleicht ist das „wahre Ich“, das sie in ihren Lebensentwürfen verwirklichen wollen, die größte Illusion von allen. Ein Paradebeispiel dafür könnte Faye Anderson-Andresen sein, die als „Packer-Attacker“ zu spätem medialen Ruhm kommt, weil sie einen Präsidentschaftsanwärter mit (Kiesel-)Steinen beworfen hat. Als junge Frau floh sie vor ihrem verbitterten Vater und der Biederkeit der Kleinstadt in Iowa an die Universität in Chicago – und geriet mitten in die berühmt-berüchtigten Studentenunruhen von 1968.

20 Jahre später hat sie Mann und Kind verlassen, doch auch diese Flucht aus dem bürgerlichen Provinzleben ist ihr nicht gut bekommen. Jetzt – im Spätsommer 2011 – bietet sich durch den Medienrummel um ihre nur scheinbar radikale Tat die Chance für ihren Sohn, den verkrachten Literaturprofessor und Möchtegernschriftsteller Samuel, sich mit ihr auszusprechen. Aber wie in den gruseligen Märchen um Hausgeister und den bösen Nix, die ihr aus Norwegen stammender Vater ihr erzählt hat, ist Vorsicht geboten: Denn „die Dinge, die man am meisten liebt, können einen am schlimmsten verletzen“.

Zwischen 1968, 1988 und 2011 blättert Nathan Hill in diesem grandiosen Roman eine ungewöhnliche Familiengeschichte auf. Aber das ist es nicht, was „Geister“ zu einem der besten Bücher des letzten Jahres macht. Hill erzählt von Aufbruch und Revolte der Jugend, ihrer bitteren Enttäuschung und ihren Langzeitfolgen für die Nachgeborenen, und er spielt die unterschiedlichen Generationen und Haltungen mit großer Raffinesse gegeneinander aus.

Die Hippies der 68er gegen Occupy Wall Street, eine Generation mit dem Drang nach gesellschaftlicher Veränderung gegen junge Menschen, die vor den Herausforderungen des Lebens in virtuelle Welten (hier das Online-Spiel Elfscape), dummdreisten Ehrgeiz und blanke Erfolgsgier ausweichen, die naiven Aktivisten gegen die scheinbar unpolitischen Vertreter und Auswüchse des Systems. Allen gemeinsam ist, dass sie manipuliert wurden und werden, dass sie keine Chance gegen die Strippenzieher haben, die selbst aus Protest und Widerstand ihren Profit ziehen und jede menschliche Regung geschickt ausbeuten.

Das Herzstück des voluminösen Romans ist die kurzatmige, sich aus vielen Episoden und Perspektiven zusammensetzende Schilderung der im Spätsommer 1968 brutal niedergeschlagenen Studentendemos in Chicago. Aber auch das in einem sich über Seiten windenden Satz ablaufende Ende eines Elfenkriegers oder die absurden Selbstrechtfertigungen der lustvoll hassenswerten Literaturstudentin Laura sind literarische Kabinettstückchen, die von dem für seine Erzählungen schon preisgekrönten Autor noch Großes erwarten lassen.

Mit „Geister“ hat er sich mit einer weit ausholenden Gesellschaftsbetrachtung empfohlen, die – nicht nur in Anbetracht der Wahl von Donald Trump oder der Kür von „postfaktisch“ zum Wort des Jahres – aktueller nicht sein könnte.

Andreas Frane

Nathan Hill: Geister. Piper Verlag, 864 Seiten, 25 Euro.

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Der Glamour vor dem Terror: Oliver Hilmes über „Berlin 1936″

Achtzig Jahre sind sie her, die „Sechzehn Tage im August“. Sie vergingen in „Berlin 1936“. Zwischen dem 1. und dem 16. 8. fanden in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschland die Olympischen Spiele statt. Am Abend des ersten Tages sprach Adolf Hitler im neuen Olympiastadion den Satz: „Ich erkläre die Spiele von Berlin zur Feier der XI. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.“ Damit wich er ein wenig vom protokollarischen Wortlaut ab. Niemand kreidete es ihm an. Und die Bilder in Leni Riefenstahls Olympiafilm „Fest der Völker“ belegen, wie triumphal „der Führer“ diesen Augenblick empfand.

Die Olympischen Spiele waren den Nazis zugefallen. Sie nutzten sie für eine perfekte Propaganda-Show. Darüber schreibt der Zeithistoriker Oliver Hilmes in seinem Buch mit dem Titel „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ auch. Und er beschreibt dieses oder jenes sportliche Ereignis im Stadion oder in der Schwimmhalle. Vor allem aber entwirft er ein Sittengemälde der Metropole, skizziert eine kleine Alltagsgeschichte des Dritten Reichs, wie sie uns noch immer weitgehend fehlt.

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Bekannte Namen treten auf: die Führungsriege der Nationalsozialisten, Olympiasieger wie Jesse Owens selbstverständlich, die eitle Riefenstahl mit ihren Kameras, Thomas Mann, der das Geschehen im Zürcher Exil am Radio verfolgt. Viele Episoden ranken sich um den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, der Verlagsverhandlungen führt, das Berliner Nachtleben genießt und erst allmählich konfrontiert wird mit dem hintergründigen Schrecken der Konzentrationslager, die parallel zu den Wettkämpfen errichtet werden. Aber ebenso gibt es die nahezu Namenlosen aus der Polizeistatistik wie die Arbeiterin Erna Rakel. Sie wirft sich am zweiten Tag der Spiele vor eine S-Bahn. Niemand weiß: warum.

Oliver Hilmes erzählt. Er erzählt die Geschichten von Menschen. Er benutzt dazu die Zeitform des Präsens, die dem Leser alle Ereignisse so „gegenwärtig“ macht. Er begibt sich dazu in die Köpfe seiner historischen Figuren. Aus den Tagebüchern des Propagandaministers Joseph Goebbels extrapoliert der Autor, was der gedacht, gefühlt haben könnte. Das macht das Buch spannend, ohne dass es zur Fiktion würde. Es ist eine Montage von historischen Momenten. Quellen sind vorhanden. Geschichte lebt.

Auch die Statistik hilft. Auch Informationen über den Alkoholkonsum helfen, eine Epoche besser zu verstehen. Hilmes schreibt: „Wieviel Alkohol trinken die Deutschen im Olympiajahr 1936 wirklich? Tatsache ist, dass der Alkoholverbrauch nach einem Tiefstand Anfang der 1930er Jahre seit einiger Zeit wieder ansteigt. Werden 1933 noch sechs Millionen Flaschen Schaumwein konsumiert, sind es 1936 bereits 14,2 Millionen Flaschen. Der Branntweinverbrauch steigt im gleichen Zeitraum von 564 716 auf 760 796 Hektoliter…“ Die Nazis hielten es eben genau.

Gern hält sich Oliver Hilmes in Berlins Glitzerwelt auf, besucht etwa mit dem Filmstar Hubert von Meyerinck Bars, Varietés, mondäne Lokale. Trotz der nationalsozialistischen Homophobie gab es noch Orte, wo sich Transsexuelle trafen. Trotz offizieller Verbote wurde Jazz gespielt. Die Zeit war nicht nur braun. Nach den Olympischen Spielen wurde sie immer brauner. Die Abgründe wuchsen. Hilmes lässt keinen Zweifel daran, dass in den sechzehn Olympischen Tagen von Berlin 1936 nur eine Fassade vor dem Terror stand. In einem Schlusskapitel verfolgt er die weiteren Schicksale seines Personals. So findet dieser Roman einer Großstadt vor 80 Jahren ein in vieler Hinsicht melancholisches Finale.

Herbert Heinzelmann

Oliver Hilmes: Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag. 303 S., 19.99 Euro

Andreas Rödders Blick auf die Gegenwart

rödderHistoriker beschäftigen sich in der Regel mit Entwicklungen, die abgeschlossen sind – und die dann aus einer rückwärtsgewandten Perspektive eingeordnet werden. Es ist oft der Versuch, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben oder das nicht Rationalisierbare mit Vernunft einzufangen.

Für die Antwort auf Zukunftsfragen sind Historiker nicht zuständig, denn was einmal gegolten hat, muss es künftig nicht mehr. Historische Vergleiche passen auch selten ein zweites Mal.

Andreas Rödder, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, bricht mit diesen Regeln und wagt den Versuch, die gesellschaftlich prägenden aktuellen Entwicklungen in ihrer Genese zu analysieren und aufzuzeigen, mit welchen Problemkonstellationen Politik und Gesellschaft sich in den nächsten Jahren werden herumplagen müssen.

Rödder verknüpft historische Grundprobleme mit ihrer aktuellen Dynamik. Ein Beispiel: Angesichts der europäischen Krisenszenarien wird Deutschland als wichtigste Wirtschaftskraft in der Europäischen Union immer wieder gedrängt, die Führung bei Problemlösungen zu übernehmen. Nimmt es die Rolle an, dann wird ihm Dominanz- und Hegemonialstreben vorgeworfen. Eine Konstellation, die der von 1914 ziemlich ähnlich ist, nur wird inzwischen mehr miteinander verhandelt und miteinander geredet: eine der wichtigsten Lehren nach zwei Weltkriegen. Mit Angela Merkel an der Spitze hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, so das Credo des Mainzer Professors.

Rödders Problemkomplexe wie Klimawandel, Inklusion, Big Data, Währungsunion, Globalisierung und Konsumgesellschaft werden in ihren wesentlichen Strukturen erfasst und die möglichen Lösungswege der Probleme alternativ nebeneinandergestellt. Was Rödders Buch zu einer ausgezeichneten Lektüre macht, ist seine klare Argumentation.
Ja, es gibt einen Klimawandel – wie es einen schon früher gegeben hat. Diesmal führen ihn aber die Menschen herbei. Oder aber die Diskussion, ob die EU nicht schon längst eine Transfer-Union ist, die Deutschlands wirtschaftliche Macht verkleinern will und wird. Dazu gibt es derzeit wohl keine Alternativen, ohne die EU zu zerstören.

Rödder lässt keine Zweifel, welche Länder aufgrund ihrer Wirtschaftskraft gar nicht in die Währungsunion hätten aufgenommen werden dürfen. Glänzend geschrieben auch seine Bilanz der Hartz-Reformen, die zu einer Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen insgesamt geführt haben. Sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wurden eben nicht wie befürchtet abgebaut. Rödder weicht auch schwierigen Themen wie der Kriminalitätsrate unter Migranten nicht aus.
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