Milena Moser hinter den blauen Bergen

Sie ist ein Pferdemädchen. Sie ist eine Frau in der Mitte des Lebens. Sie hat Ängste und Zweifel. Und sie hat noch mehr Mut. Sie – das ist Milena Moser. Die Schweizer Autorin macht sich wieder einmal auf, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Pferdemädchen also. Wirklich? Und auch noch ein Pferdemädchen mit Trauma! Das kann ja heiter werden, denkt man nach der Lektüre der ersten beiden Buchseiten… Und siehe da – das wird es auch. Auch dieses Mal.

Dafür begibt sich Moser nach Santa Fe. Hier, in den USA sucht sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Heimat. Und sich. Vieles lässt sie dafür zurück – Familie, Freunde, Besitz. Ihr Ziel ist ein kleines Häuschen, ihre „Casita“, wie sie es spanisch nennt, das sie auf einem Roadtrip erworben hat. Schreiben will sie hier, bei sich sein nach ihrer Scheidung. Ein neues Leben beginnen.

Dass sie das kann, hat sich Milena Moser immer wieder bewiesen. Und dennoch will sie es ein weiteres Mal wissen. Mit im wenigen Gepäck reist die bange Frage: „Kann ich mich noch einmal verlieben?“

Auf dem Weg zu diesem neuen Leben kommt er ihr dazwischen – der Mann, mit dem sich diese Frage recht schnell beantwortet. Ein mexikanischer Künstler, dem das Leben einiges abverlangt hat und der doch unerschütterlich mitten im selbigen steht. Doch so, wie Victor Teil ihres Lebens wird, wird er auch nur ein Teil ihres Buches „Hinter diesen blauen Bergen“. Dorthin, nach Santa Fe, reist sie schließlich doch noch nach einem ungeplanten Aufenthalt in San Francisco – im Atelier des Künstlers.

Damit beginnt die eigentliche Reise – das Abenteuer, die neue Heimat Stück für Stück zu erobern. Doch ihr Mut beschränkt sich dabei nicht nur darauf, sich auf Neues, unbekanntes Terrain zu wagen, sondern er zeigt sich auch darin, dass sie sich dabei in die Seele schauen lässt. Die damit verbundenen Ängste und Zweifel teilt. Dabei gelingt ihr auch dieses Mal wieder das typische Milena-Moser-Kunststück.

Was bei anderen Autoren schnell zur Nabelschau wird – gern auch noch mit einer Portion Larmoyanz versehen – wird bei ihr zur guten Unterhaltung: leicht, ohne oberflächlich zu sein, informativ, ohne zu belehren, vermittelt sie Geschichte in Geschichten.

Wie nebenbei macht sie die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems erlebbar, die Willkür der US-Behörden, wenn es nur um die Vergabe eines Führerscheins geht, erfährt etwas über die in New Mexico lebenden Indianer und die dortige Künstlerszene. Oder über die Befindlichkeiten der Schweizer, was auch in einem Nebensatz verpackt Wucht entfaltet. Denn auch darum geht es – um nationale Identität.

Und nur, indem sie einem Straßenverkäufer eine Zeitung abkauft, lernt man einen ehemaligen Raketenbauer der NASA kennen, der beruflich nach oben schoss und den das Ende des kalten Krieges kalt erwischte.

Moser hingegen findet – selbst wenn sie zwischen gestern und heute mitunter in schnellen Sequenzen springt, zahlreiche Um- und Nebenwege einschlägt – immer wieder zu ihrem Handlungsstrang zurück. Manchmal, auf solch einem Nebenweg stehend, fragt man sich, wie sie das schaffen will. Und sie schafft es schließlich auch, bei sich und in ihrer neuen Heimat anzukommen.

Damit verrät man nicht allzu viel. Denn bei Milena Moser ist der Weg das Ziel. Und die blauen Berge von Santa Fe sind wahrscheinlich ohnehin nur eine Zwischenstation…

Anja Kummerow

Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen. Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro.

Bob Dylan trifft Tomas Espedal

Es gibt wenige, die den radikalen Weg zwischen biografischem und fiktionalem Erzählen so verfolgen wie der norwegische Autor Tomas Espedal und der amerikanische Musiker Bob Dylan. Fast zeitgleich sind nun Bücher von beiden erschienen.

„Einige Jahre suchte ich fast verzweifelt nach einem Beruf, der mich vom Schreiben befreien könnte.“ Schreibt Tomas Espedal. Als wolle er sich mit dem Schreiben vom Leben befreien. Oder vom Lieben. Ums Schreiben, Leben, Lieben kreisen seine Gedanken.

„Biografie. Tagebuch. Briefe.“ ist ein sehr nüchterner Titel für die jüngste Veröffentlichung des Romanciers auf Deutsch. Doch die Klarheit schließt ja die brennenden Sätze nicht aus, die darin stecken. „Es gehört nichts dazu, zu reisen, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen . . . um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.“

Sein Kollege Karl Ove Knausgård hat ihm wohl einmal auf einer Party gesagt, er schreibe so „schön“. Was Espedal zu denken gab. Für den 1961 in Bergen Geborenen, der zu den preisgekrönten Autoren seines nordischen Landes zählt, ist „schön schreiben“ wohl eines der letzten Dinge, worum es ihm geht – passionierter Pendler zwischen dem erlebten Alltäglichen und dem Fiktiven, der er ist.

Seine große Ernsthaftigkeit und auch Schonungslosigkeit beim Schreiben macht die atemberaubende Qualität seiner überwiegend kurzen Kapitel aus. Auch in der Poesie geht er keine Kompromisse ein, weder vor sich, noch vor seinen Lesern.

Der Handlung dieses außergewöhnlichen, zuweilen sehr intimen Buches voller Gedankenanstöße liegen einschneidende biografische Brechungen im Leben des Autors zugrunde. Er schreibt vom Tod der Mutter und zeitnah von dem seiner Frau, einer Schauspielerin, mit der er zwei kleine Töchter hat. Die Pole seines Alltag verlaufen zwischen dem Gefordertsein als plötzlich alleinerziehender Vater und der Selbstbespiegelung als Schriftsteller, der zwischen Notwendigkeiten wie dem morgendlichen Anfeuern, Wecken, Frühstückmachen und die Mädchenschulfertigmachen sein Warten und Finden von Worten im kaum 30 Meter vom Wohnhaus entfernten Gartenhaus beschreibt. Dort, wo Romane wie „Wider die Kunst“ und „Wider die Natur“ entstanden.

Er hat Trinkphasen. Er hat eine Liebesbeziehung mit einer viel zu jungen Frau. Er hat Fluchten in die Stadt. Aber letztlich strandet er immer bei sich und der Literatur. Und wie einer seiner auch ins Deutsche übersetzten Romane „Gehen“ hieß, verströmen auch seine kurzen Texten zwar Ruhe, doch nie Stillstand. Espedal ist – durchaus artverwandt mit W. G. Sebald oder dem frühen Peter Handke – ein großer Wanderer, der in einer Lebenskrise offenbar halb Europa zu Fuß durchschritt. Wer Sebald und Handke gerne gefolgt ist, wird auch mit diesem die Worte wägenden Norweger einen Weggefährten finden. Weggefährten können aber kauzig sein.

Wie wenig sich einer wie Bob Dylan um seine Außenwahrnehmung als Kauz schert, geht aus dem nun veröffentlichte Buch „Planetenwellen“ wunderbar hervor. Auf Deutsch und Englisch zweisprachig gedruckt, enthält es Gedichte und Prosatexte aus den Jahren 1963 bis 1978, bei deren Übersetzung Heinrich Detering einen guten Job geleistet hat.

Reden und Essays bis hin zu Dylans – sehr, sehr artig ausgefallener – Nobelpreis-Tischrede von 2016 ergänzen die frühen Schriften, kommen aber eher wie ein verkaufstaktischer Bonus-Track daher. Gerade in Anbetracht von Dylans frühen Gedichten, die ihm als Steinbruch für Alben von „Bringing it all back home“ (1965) bis „Live at Budokan“ (1975) dienten. „Und du springst aus dem bett, dass die träume vor dir fliehen/Und du fragst dich und du weißt es nicht/hast du selbst im traum geschrien/Und du weißt du brauchst jetzt etwas um himmels willen/Und du weißt keine droge kann dir diesen wunsch erfüllen/Und kein schnaps im ganzen land kann deine hirnblutung stillen“ schreibt da der wütende junge Mann in „Letzte Gedanken über Woody Guthrie“. So wie er andernorts zarte Zeilen für Joan Baez fand.

In den siebziger Jahren schmeißt Dylan solche Poesien jedoch zum Hotelfenster hinaus und probiert zerstörerische Stilformen aus. So dass man als Leser entweder einen satanischen Pakt mit dem Assoziationsstrom eines alle Verständlichkeiten torpedierenden Kunstschreibers eingehen muss – oder verwirrt auf der Strecke bleibt.

Bei all dem fehlt es Dylan offenbar nicht an Humor, Heinrich Detering erwähnt aufschlussreiche Stellen. Ein Schlüsselzitat aus Dylans Stellungnahmen, Reden und Essays lautet: „Die Kritiker haben auch gesagt, ich lebte davon, Erwartungen zu enttäuschen. Wirklich? . . . Als ob ich abends lange aufbliebe und mich fragte, wie ich das anfange . . . Erwartungen enttäuschen. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet und wer Zeit dafür hat.“

Dylans „Planetenwellen“ und Espedals „Biografie. Tagebuch. Briefe.“ sind bei aller Unterschiedlichkeit wagemutige Beispiele für den schmalen Grat einer Literatur zwischen Kunst und Ich. Auch im Sinne eines Thomas Mann, den Espedal zitiert, weil dieser Schriftsteller einmal als Menschen bezeichnet hat, denen es schwerer fallen würde, Texte zu schreiben als anderen. Hier mit bestem Ergebnis.

Christian Mückl

Tomas Espedal: Biografie. Tagebuch. Briefe. Matthes & Seitz, 347 Seiten, 25 Euro.
Bob Dylan: Planetenwellen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 24 Euro.

Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Mit „M Train“ legt die amerikanische Sängerin Patti Smith einen neuen Erinnerungsband vor – der aber ganz anders ist als der zum Bestseller gewordene Vorläufer „Just Kids“.

Dass Patti Smith schon immer nicht nur eine Rock-Sängerin, sondern eine Rock-Poetin war – freilich der urbanen, rauhen, punkigen Art –, sprach aus jedem ihrer Lieder. Trotzdem wurde ihr Buch „Just Kids“ (2010) zur Überraschung: Die intimen Erinnerungen an ihre Begegnung und Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe waren sowohl biografisch aufschlussreich als auch literarisch überaus gelungen. Ein großer Wurf, persönlich ansprechend, packend zu lesen.

NZ-patti Hält „M Train“ nun, was „Just Kids“ versprach? Oder anders gefragt: Kann man die beiden Bücher überhaupt vergleichen? Ähnelt das neue Werk nicht eher dem früheren, freieren Bändchen „Traumsammlerin“? Wie dieses lässt sich „M Train“ als lose, eher spirituelle als an Daten und Fakten justierte Autobiografie sehen. Eine Fortsetzung von „Just Kids“ ist es nicht – das hätte sie selbst, als Autorin, vielleicht nur gelangweilt.

Lieber blickt Patti Smith, fast schon ziellos durch Alltag und Gegenwart schlendernd, auf einzelne wichtige Stationen ihres Erwachsenenlebens zurück. Stationen, das passt. Oder eben „Haltestellen“, wie sie die Kapitel nennt. Denn: „Der Schriftsteller ist ein Zugführer“, so die Weisheit, die ihr ein Cowboy, der ihr im Traum begegnet, mit auf den Weg gibt. An sowas glaubt sie.

Und Smith träumt im Grunde die ganze Zeit – auch offenen Auges. Sitzt in ihrem geliebten New Yorker „Café ’Ino“ und sinniert, dass sie selbst gern mal ein Café eröffnet hätte. Der Traum blieb unerfüllt. Andere ließen sich verwirklichen. Mitunter erst beim zweiten Mal, wie der Fan-Besuch, den sie unbedingt Frida Kahlos Blauem Haus in Mexico City abstatten wollte. 1971, als junge Frau, stand sie noch vor der verschlossenen Tür. Der berühmten Künstlerin Patti Smith hat diese sich, Jahrzehnte später, dann geöffnet.

Wie eine Pilgerin reist Smith durch die Welt, folgt den Spuren der Dichter und Denker, die sie bewundert, von Genet, Roberto Bolaño und Haruki Murakami, beehrt die Gräber von Rimbaud und Sylvia Plath. Gern nimmt sie Andenken mit, kleine Fundstücke, auf jeden Fall aber Fotografien, die das Buch nun zieren. Auch ihr früh verstorbener Mann Fred erscheint so, in Wort und Bild betrauert.

Über ihre Musik, die Karriere, den Ruhm – nichts. Stattdessen schwelgt sie, als profaner Kontrapunkt, in TV-Serien, die sie geradezu süchtig verfolgt. Man muss sie dafür mögen, so unprätentiös, offen und ohne jede Spur von Eitelkeit, wie Patti Smith anhand vieler anderer Dinge von sich selbst erzählt.

Wolf Ebersberger

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 329 S., 19,99 Euro.

Klüpfel und Kobr an der Adria

Volker Klüpfel und Michael Kobr, das Erfolgsduo der bayerischen „Kluftinger“-Krimis, haben mit ihrem  neuen Roman „In der ersten Reihe sieht man Meer“  eine Komödie geschrieben, die an die Adria führt… und in die Kindheit vieler Deutscher (Droemer, 19,99 Euro).

NZ-Kluepfel_Kobr„Africavitamineproteinecoccobeeeeellooooooo!“ Wer jemals einen Urlaub an den Stränden der Adria – sagen wir zwischen Bibione und Rimini – verbracht hat, weiß, was gemeint ist: Ein Mann mit einem Eimer in der einen und einem Korb voller Kokosnuss-Stücke in der an deren Hand läuft am Strand entlang, während er in einem seltsamen Singsang seine Ware anpreist – und erfolgreich verkauft. Denn er hat nicht nur die saftigen Nüsse dekorativ auf exotisch wirkenden grünen Blättern drapiert. Nein, er macht auch noch den – vor allem weiblichen – Kunden jede Menge charmante Komplimente.

Diese Stimme, diese Rufe vergisst man nie mehr im Leben. Man spürt regelrecht den heißen Sand unter den Füßen, riecht das Sonnenöl und spürt den köstlichen Kokosgeschmack auf der Zunge. Auf genau diesen Effekt setzen Kobr und Klüpfel in ihrem neuen Buch, das wie ein Fotoalbum von früher aufgemacht ist: blauer, abwaschbarer Kunststoff-Einband, auf dem in Foto-Ecken ein verblichenes Bild mit Liegestuhl und sanften Mittelmeerwellen prangt. Nostalgie pur. Kindheits-, Jugend- und Urlaubserinnerungen in einem, wer würde sich da nicht emotional angesprochen fühlen! Die Adria, das einstige Traum-Urlaubsziel der Deutschen, ist das Thema dieser Geschichte.

Die führt den Ich-Erzähler, einen erfolgreichen Werbefuzzi Mitte vierzig, auf die, wie es im Klappentext heißt, „sonderbarste Reise“ seines Lebens. Eigentlich hat er selbst schon Familie und will am nächsten Tag frühmorgens in den Urlaub aufbrechen. Doch über einer Flasche Wein schlummert er ein. Und beginnt zu träumen. . .

Als er aufwacht, hat er zwar noch nicht die Fahrt in den Urlaub hinter sich, wohl aber eine Zeitreise, die ihn in die schlimmste Phase seiner Pubertät zurückführt. Und in den allerersten Italien-Urlaub mit seinen Eltern und der schon ein wenig erwachseneren Schwester in den achtziger Jahren. Als solche Reisen noch ohne Klimaanlage und Navi in der Familienkutsche unternommen wurden, als Papa fuhr und Mama mit der Landkarte die Richtung vorgab.

Das in der Zusammenarbeit bestens erprobte Autorenduo zieht alle Register und garniert das Ganze mit authentischen Urlaubsfotos von damals. Die Überschriften der Kapitel sind Liedtitel aus den 80ern, viele italienische natürlich. „Santa Maria“, „Ti sento“, „Gente di mare“ oder „Insieme“: Sie wurden in jener Zeit rauf- und runtergenudelt, bis man die Texte im Schlaf mitsingen konnte.

Klüpfel und Kobr lassen kein Klischee aus, das deutschen Italienurlaubern anhaftet. Von der ständigen Angst, von den „Itakern“ übers Ohr gehauen zu werden, bis zur Putzwut der deutschen Hausfrau, die erst die Ferienwohnung desinfiziert, bevor man seine sieben Sachen einräumt. Aber die Autoren machen das so liebevoll und originell, dass man den Roman gar nicht mehr zur Seite legen möchte. Bei der Lektüre stellt sich tatsächlich „Felicità“ ein.

Ute Wolf

Andrzej Stasiuk im dunklen „Osten“

ostenAndrzej Stasiuk bereist Orte, die kaum andere locken. Und dann schreibt er großartige Bücher darüber. „Der Osten“ heißt sein jüngster Roman.

Solche Sätze über die Transsibirische Eisenbahn stehen in keinem Reiseprospekt. „Ich wollte nach sechs Stunden nur gähnen. Es war, als führe ich mit der Elektrischen nach Nasielsk und dieses Nasielsk entfernte sich immer mehr.“ Nur die allmächtige russische PR sei imstande, so eine Fahrt „als etwas Attraktives darzustellen“.

Wenn der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk (Jg. 1960) nicht gerade unwegsame Reisen unternimmt, ist er seit drei Jahrzehnten in den nicht minder unwegsamen Beskiden daheim. Mit seinem neuen Roman „Der Osten“ setzt er sein literarisches Herzensprojekt fort: Orte aufzuspüren, vornehmlich in den Weiten hinter dem Ural, wo tatsächlich noch Menschen leben. Landschaftserfahrungen zu machen in Gegenden, von denen wir Westeuropäer nicht einmal ahnten, dass es sie gibt.

Wenn Stasiuk aufbricht, nehmen sich Sehnsucht und Desillusionierung gegenseitig nichts. Als Suchender in Russland, der Mongolei oder in China unterwegs, musste er „dort hinfahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelt, dessen Kind ich bin“.

Empfindsam hofft der Reisende an den Randbezirken der Zivilisation längst nicht mehr darauf, so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit zu finden. Dafür entdeckt er noch im staubigsten vorderasiatischen Steppennest Körnungen von Poesie: „Dort, wo die wüsten Winde entstehen. Dort wo die Dunkelheit geboren ist.“

Die Gattungsbezeichnung Roman trifft es insofern, weil Stasiuks Sätze und Gedanken rein subjektiv sind. Hier eine harte, staubtrockene, zuweilen auch urzeitliche Wirklichkeit, die sich stoisch in die Gegenwart hinübergerettet hat. Und dort die nicht minder urpersönliche Wahrnehmung des Autors. Reiseeindrücke, in knappen Sätzen aneinandergereiht, verdichten den Stoff, Meditationen über die Landschaft oder den allgegenwärtigen Dreck im Osten liegen nah beieinander, haben fast lyrischen Sog.

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An der Etsch gibt es was zu erleben

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Verona? Der Opernfreund denkt sofort an Freiluft-Aufführungen in der Arena di Verona, dem Literatur­liebhaber kommt das Drama um Romeo und Julia in den Sinn. Und die Bezüge der oberitalienischen Stadt zu Bayern und Deutschland sind viel­fältig.

Von all dem erzählt die Nürnberger Malerin und Schriftstellerin Ulrike Rauh in ihrem neuen Bändchen „Spa­ziergänge in Verona“. Es ist ein wei­terer, gelungener Baustein in ihrer Reiseliteratur-Reihe zu Städten im Land, wo die Zitronen blühen. Und wie stets hat sich die Künstlerin akri­bisch vorbereitet für ihre Tour durch die Stadt an der Etsch, was dem Leser ihres Buches zugute kommt.

So bewegt sich die Auto­rin zielgerichtet durch das Gewirr der Plätze und Häuser, wird bekannt mit einem Abkömmling des Dichters Dante Alighieri und trifft auf Spuren von Wolfgang Amadeus Mo­zart.

Sie bewundert die Pracht der vielen Gottes­häuser und streift durch sehenswerte Museen. Und sie unterhält sich mit Ein­heimischen, knüpft Kon­takte nicht nur literari­scher Art. Aber nicht nur die Stadt selbst durchstreift sie, sondern auch deren Um­gebung. „Terra Cimbra“ heißt das Ziel des Ausflugs in die Umgebung, und hier wird es sehr geschichts­trächtig: Die Nachfahren der Cimbern sprechen noch heute ein eigentümliches Bairisch, doch die jun­ge Generation pflegt diese Tradition nicht mehr. So wird Ulrike Rauh zur Zeugin der Vergänglichkeit von Kul­tur – in einer Umgebung, die nur so strotzt von kulturellen Attraktionen.

Ganz nebenbei erfährt der Leser die Herkunft des Begriffs „Skala“ – die Leiter der Skaliger stand hier Pate. Und fasziniert ist die Nürnbergerin von der Atmosphäre bei einer Auffüh­rung in der berühmten Arena. Wie sie das Geschehen auf den Rängen schil­dert, erweckt Lust, es einmal selbst mitzuerleben.

So ist eben der Stil von Ulrike Rauh: Sie verfasst keinen Stadtfüh­rer, der den Touristen von A nach B lotst, sondern stößt zu eigenen Beob­achtungen an, sofern man die Stadt einmal selbst besuchen sollte. Der Daheimgebliebene aber lässt die Ein­drücke in Schrift- und auch in Bild­form auf sich wirken und erlebt die Stadtspaziergänge im Kopf mit.

Friedrich G. Stern

Ulrike Rauh: Spaziergänge in Verona. Wiesenburg Verlag, 130 Sei­ten mit 6 Farbbildern der Autorin, 15,20 Euro.