Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Mit „M Train“ legt die amerikanische Sängerin Patti Smith einen neuen Erinnerungsband vor – der aber ganz anders ist als der zum Bestseller gewordene Vorläufer „Just Kids“.

Dass Patti Smith schon immer nicht nur eine Rock-Sängerin, sondern eine Rock-Poetin war – freilich der urbanen, rauhen, punkigen Art –, sprach aus jedem ihrer Lieder. Trotzdem wurde ihr Buch „Just Kids“ (2010) zur Überraschung: Die intimen Erinnerungen an ihre Begegnung und Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe waren sowohl biografisch aufschlussreich als auch literarisch überaus gelungen. Ein großer Wurf, persönlich ansprechend, packend zu lesen.

NZ-patti Hält „M Train“ nun, was „Just Kids“ versprach? Oder anders gefragt: Kann man die beiden Bücher überhaupt vergleichen? Ähnelt das neue Werk nicht eher dem früheren, freieren Bändchen „Traumsammlerin“? Wie dieses lässt sich „M Train“ als lose, eher spirituelle als an Daten und Fakten justierte Autobiografie sehen. Eine Fortsetzung von „Just Kids“ ist es nicht – das hätte sie selbst, als Autorin, vielleicht nur gelangweilt.

Lieber blickt Patti Smith, fast schon ziellos durch Alltag und Gegenwart schlendernd, auf einzelne wichtige Stationen ihres Erwachsenenlebens zurück. Stationen, das passt. Oder eben „Haltestellen“, wie sie die Kapitel nennt. Denn: „Der Schriftsteller ist ein Zugführer“, so die Weisheit, die ihr ein Cowboy, der ihr im Traum begegnet, mit auf den Weg gibt. An sowas glaubt sie.

Und Smith träumt im Grunde die ganze Zeit – auch offenen Auges. Sitzt in ihrem geliebten New Yorker „Café ’Ino“ und sinniert, dass sie selbst gern mal ein Café eröffnet hätte. Der Traum blieb unerfüllt. Andere ließen sich verwirklichen. Mitunter erst beim zweiten Mal, wie der Fan-Besuch, den sie unbedingt Frida Kahlos Blauem Haus in Mexico City abstatten wollte. 1971, als junge Frau, stand sie noch vor der verschlossenen Tür. Der berühmten Künstlerin Patti Smith hat diese sich, Jahrzehnte später, dann geöffnet.

Wie eine Pilgerin reist Smith durch die Welt, folgt den Spuren der Dichter und Denker, die sie bewundert, von Genet, Roberto Bolaño und Haruki Murakami, beehrt die Gräber von Rimbaud und Sylvia Plath. Gern nimmt sie Andenken mit, kleine Fundstücke, auf jeden Fall aber Fotografien, die das Buch nun zieren. Auch ihr früh verstorbener Mann Fred erscheint so, in Wort und Bild betrauert.

Über ihre Musik, die Karriere, den Ruhm – nichts. Stattdessen schwelgt sie, als profaner Kontrapunkt, in TV-Serien, die sie geradezu süchtig verfolgt. Man muss sie dafür mögen, so unprätentiös, offen und ohne jede Spur von Eitelkeit, wie Patti Smith anhand vieler anderer Dinge von sich selbst erzählt.

Wolf Ebersberger

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 329 S., 19,99 Euro.

Klüpfel und Kobr an der Adria

Volker Klüpfel und Michael Kobr, das Erfolgsduo der bayerischen „Kluftinger“-Krimis, haben mit ihrem  neuen Roman „In der ersten Reihe sieht man Meer“  eine Komödie geschrieben, die an die Adria führt… und in die Kindheit vieler Deutscher (Droemer, 19,99 Euro).

NZ-Kluepfel_Kobr„Africavitamineproteinecoccobeeeeellooooooo!“ Wer jemals einen Urlaub an den Stränden der Adria – sagen wir zwischen Bibione und Rimini – verbracht hat, weiß, was gemeint ist: Ein Mann mit einem Eimer in der einen und einem Korb voller Kokosnuss-Stücke in der an deren Hand läuft am Strand entlang, während er in einem seltsamen Singsang seine Ware anpreist – und erfolgreich verkauft. Denn er hat nicht nur die saftigen Nüsse dekorativ auf exotisch wirkenden grünen Blättern drapiert. Nein, er macht auch noch den – vor allem weiblichen – Kunden jede Menge charmante Komplimente.

Diese Stimme, diese Rufe vergisst man nie mehr im Leben. Man spürt regelrecht den heißen Sand unter den Füßen, riecht das Sonnenöl und spürt den köstlichen Kokosgeschmack auf der Zunge. Auf genau diesen Effekt setzen Kobr und Klüpfel in ihrem neuen Buch, das wie ein Fotoalbum von früher aufgemacht ist: blauer, abwaschbarer Kunststoff-Einband, auf dem in Foto-Ecken ein verblichenes Bild mit Liegestuhl und sanften Mittelmeerwellen prangt. Nostalgie pur. Kindheits-, Jugend- und Urlaubserinnerungen in einem, wer würde sich da nicht emotional angesprochen fühlen! Die Adria, das einstige Traum-Urlaubsziel der Deutschen, ist das Thema dieser Geschichte.

Die führt den Ich-Erzähler, einen erfolgreichen Werbefuzzi Mitte vierzig, auf die, wie es im Klappentext heißt, „sonderbarste Reise“ seines Lebens. Eigentlich hat er selbst schon Familie und will am nächsten Tag frühmorgens in den Urlaub aufbrechen. Doch über einer Flasche Wein schlummert er ein. Und beginnt zu träumen. . .

Als er aufwacht, hat er zwar noch nicht die Fahrt in den Urlaub hinter sich, wohl aber eine Zeitreise, die ihn in die schlimmste Phase seiner Pubertät zurückführt. Und in den allerersten Italien-Urlaub mit seinen Eltern und der schon ein wenig erwachseneren Schwester in den achtziger Jahren. Als solche Reisen noch ohne Klimaanlage und Navi in der Familienkutsche unternommen wurden, als Papa fuhr und Mama mit der Landkarte die Richtung vorgab.

Das in der Zusammenarbeit bestens erprobte Autorenduo zieht alle Register und garniert das Ganze mit authentischen Urlaubsfotos von damals. Die Überschriften der Kapitel sind Liedtitel aus den 80ern, viele italienische natürlich. „Santa Maria“, „Ti sento“, „Gente di mare“ oder „Insieme“: Sie wurden in jener Zeit rauf- und runtergenudelt, bis man die Texte im Schlaf mitsingen konnte.

Klüpfel und Kobr lassen kein Klischee aus, das deutschen Italienurlaubern anhaftet. Von der ständigen Angst, von den „Itakern“ übers Ohr gehauen zu werden, bis zur Putzwut der deutschen Hausfrau, die erst die Ferienwohnung desinfiziert, bevor man seine sieben Sachen einräumt. Aber die Autoren machen das so liebevoll und originell, dass man den Roman gar nicht mehr zur Seite legen möchte. Bei der Lektüre stellt sich tatsächlich „Felicità“ ein.

Ute Wolf

Andrzej Stasiuk im dunklen „Osten“

ostenAndrzej Stasiuk bereist Orte, die kaum andere locken. Und dann schreibt er großartige Bücher darüber. „Der Osten“ heißt sein jüngster Roman.

Solche Sätze über die Transsibirische Eisenbahn stehen in keinem Reiseprospekt. „Ich wollte nach sechs Stunden nur gähnen. Es war, als führe ich mit der Elektrischen nach Nasielsk und dieses Nasielsk entfernte sich immer mehr.“ Nur die allmächtige russische PR sei imstande, so eine Fahrt „als etwas Attraktives darzustellen“.

Wenn der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk (Jg. 1960) nicht gerade unwegsame Reisen unternimmt, ist er seit drei Jahrzehnten in den nicht minder unwegsamen Beskiden daheim. Mit seinem neuen Roman „Der Osten“ setzt er sein literarisches Herzensprojekt fort: Orte aufzuspüren, vornehmlich in den Weiten hinter dem Ural, wo tatsächlich noch Menschen leben. Landschaftserfahrungen zu machen in Gegenden, von denen wir Westeuropäer nicht einmal ahnten, dass es sie gibt.

Wenn Stasiuk aufbricht, nehmen sich Sehnsucht und Desillusionierung gegenseitig nichts. Als Suchender in Russland, der Mongolei oder in China unterwegs, musste er „dort hinfahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelt, dessen Kind ich bin“.

Empfindsam hofft der Reisende an den Randbezirken der Zivilisation längst nicht mehr darauf, so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit zu finden. Dafür entdeckt er noch im staubigsten vorderasiatischen Steppennest Körnungen von Poesie: „Dort, wo die wüsten Winde entstehen. Dort wo die Dunkelheit geboren ist.“

Die Gattungsbezeichnung Roman trifft es insofern, weil Stasiuks Sätze und Gedanken rein subjektiv sind. Hier eine harte, staubtrockene, zuweilen auch urzeitliche Wirklichkeit, die sich stoisch in die Gegenwart hinübergerettet hat. Und dort die nicht minder urpersönliche Wahrnehmung des Autors. Reiseeindrücke, in knappen Sätzen aneinandergereiht, verdichten den Stoff, Meditationen über die Landschaft oder den allgegenwärtigen Dreck im Osten liegen nah beieinander, haben fast lyrischen Sog.

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An der Etsch gibt es was zu erleben

etsch
Verona? Der Opernfreund denkt sofort an Freiluft-Aufführungen in der Arena di Verona, dem Literatur­liebhaber kommt das Drama um Romeo und Julia in den Sinn. Und die Bezüge der oberitalienischen Stadt zu Bayern und Deutschland sind viel­fältig.

Von all dem erzählt die Nürnberger Malerin und Schriftstellerin Ulrike Rauh in ihrem neuen Bändchen „Spa­ziergänge in Verona“. Es ist ein wei­terer, gelungener Baustein in ihrer Reiseliteratur-Reihe zu Städten im Land, wo die Zitronen blühen. Und wie stets hat sich die Künstlerin akri­bisch vorbereitet für ihre Tour durch die Stadt an der Etsch, was dem Leser ihres Buches zugute kommt.

So bewegt sich die Auto­rin zielgerichtet durch das Gewirr der Plätze und Häuser, wird bekannt mit einem Abkömmling des Dichters Dante Alighieri und trifft auf Spuren von Wolfgang Amadeus Mo­zart.

Sie bewundert die Pracht der vielen Gottes­häuser und streift durch sehenswerte Museen. Und sie unterhält sich mit Ein­heimischen, knüpft Kon­takte nicht nur literari­scher Art. Aber nicht nur die Stadt selbst durchstreift sie, sondern auch deren Um­gebung. „Terra Cimbra“ heißt das Ziel des Ausflugs in die Umgebung, und hier wird es sehr geschichts­trächtig: Die Nachfahren der Cimbern sprechen noch heute ein eigentümliches Bairisch, doch die jun­ge Generation pflegt diese Tradition nicht mehr. So wird Ulrike Rauh zur Zeugin der Vergänglichkeit von Kul­tur – in einer Umgebung, die nur so strotzt von kulturellen Attraktionen.

Ganz nebenbei erfährt der Leser die Herkunft des Begriffs „Skala“ – die Leiter der Skaliger stand hier Pate. Und fasziniert ist die Nürnbergerin von der Atmosphäre bei einer Auffüh­rung in der berühmten Arena. Wie sie das Geschehen auf den Rängen schil­dert, erweckt Lust, es einmal selbst mitzuerleben.

So ist eben der Stil von Ulrike Rauh: Sie verfasst keinen Stadtfüh­rer, der den Touristen von A nach B lotst, sondern stößt zu eigenen Beob­achtungen an, sofern man die Stadt einmal selbst besuchen sollte. Der Daheimgebliebene aber lässt die Ein­drücke in Schrift- und auch in Bild­form auf sich wirken und erlebt die Stadtspaziergänge im Kopf mit.

Friedrich G. Stern

Ulrike Rauh: Spaziergänge in Verona. Wiesenburg Verlag, 130 Sei­ten mit 6 Farbbildern der Autorin, 15,20 Euro.