Maurizio Torchio aus dem Knast

„Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichen Maß. Nach meinem Maß.“ Der das schreibt, verbüßt eine lebenslange Strafe in einem namenlosen Gefängnis – in Einzelhaft.

Die Zelle ist, nach zwanzig Jahren im Bau, längst zu seinem Universum geworden, die ritualisierten Abläufe im Gefängnis zu seinem Alltag. In einer erstaunlich nüchternen Sprache, sachlich und scheinbar emotionslos, beschreibt Maurizio Torchio dieses Leben in einer Welt, die mit der des Lesers so gar nichts zu tun hat. Und genau daraus bezieht das Buch seinen Reiz.

Es ist auch ein psychologischer Roman. Der Autor zeichnet penibel und schonungslos die persönliche Entwicklung des namenlosen Häftlings nach, von seiner vergleichsweise harmlosen Rolle als Entführer bis hin zum Mörder, zu dem er unter den schier unerträglichen Haftbedingungen schließlich wird.

Er lässt den Leser in die Gedankengänge eines Verbrechers eintauchen, der zwar eine abscheuliche Tat begangen hat, aber trotzdem menschlich und integer wirkt. Als unmenschlich hingegen – und im Laufe des Buches als immer unmenschlicher – empfindet man mit diesem Mann die Zustände im Isolationstrakt des Gefängnisses.

Er und die Haftanstalt sind eins geworden: „Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm.“ Solche Passagen gehen einem unter die Haut und prägen sich ein. Man empfindet das, was der Häftling durchmacht, regelrecht mit ihm mit. „Manchmal geben sie dir Dinge, damit du Angst bekommst, sie wieder zu verlieren. . . Damit du erfährst, wie es ist, zu fallen, heben sie dich von Zeit zu Zeit hoch.“

„Das angehaltene Leben“ ist der zweite Roman des 1970 in Turin geborenen Autors und wurde nach seinem Erscheinen in Italien mehrfach ausgezeichnet. Der Übersetzung von Annette Kopetzki ist es zu verdanken, dass auch der deutsche Leser das Buch in vollen Zügen genießen kann, würde man gerne sagen.

Nun, von Genießen kann hier angesichts des Inhalts nicht die Rede sein. Aber manchmal ist Mitleiden genauso wertvoll.

Ute Wolf

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Zsolnay, 237 S., 22 Euro.

Das lausige Leben: Gonzalo Torné

In der Midlifecrisis sind schlaue Sprüche manchmal so erwünscht wie ein Strick um den Hals. Dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei? Geschenkt. „Die Jahre vergehen für den Körper schneller als für das Bewusstsein“, schreibt Gonzalo Torné diffizil. „Der Geist bleibt daheim (wohin soll er denn gehen), wenn auch mit einem gewissen Unbehagen.“

Der fulminante Roman „Meine Geschichte ohne dich“ des katalanischen Autors Torné (geb. 1976) erzählt von einer Wirklichkeit gewordenen Farce namens Leben, konkret Liebesleben. Und davon, sich zum Affen zu machen bei dem Versuch, zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist.

Juan-Marc heißt die Hauptfigur. Er ist in den Vierzigern. Zwei Mal geschieden. Ein Kerl, der nächtens von Bar zu Bar zieht und sich in ein inneres Zwiegespräch mit seiner zweiten Ex, offenbar einer Schriftstellerin, versenkt. Kein Jammerlappen, auch nicht im Stil seiner Rede. Eher ein ernüchterter Betrachter.  „Meine Geschichte ohne dich“ ist ein sinnlicher Abgesang auf die Hoffnung, dass alles noch mal besser werde. Eine bittersüße Hymne auf die Verkorkstheit des Glücks.

Helen hieß seine erste Frau. Aus der US-amerikanischen Provinz blutjung in Spanien gelandet, muss sie ein ziemlicher Feger gewesen sein. Eine „sensationelle Blondine“ – aber eben auch „vorhersehbar wie ein harmloser Witz“. An solchen Spitzen geizt er nicht, der Erzähler. Wenngleich es schon etwas dauert, bis bei aller Prägnanz der filmreif formulierten Szenen klar wird, von welcher Geschichte „ohne dich“ dieser ins Leben gefallene Lebemann, Looser und Leidenschaftsbegabte eigentlich berichtet.

Ausgerechnet ein spanisches Urlaubsressort für rüstigere Senioren hat Juan-Marc,  der ja selbst noch keine 50 ist, gewählt, um nach jahrelanger Trennung seine erste Ehe zu reaktivieren. Was für eine Schnapsidee. Denn Helen reist mit den ältlichen Eltern an, die Juan-Marc noch nie mochten. Und eine halbwüchsige Nervensäge, die Helen zwischenzeitlich aus einer anderen Beziehung importiert hat, haben sie überdies im Schlepptau.

Die Wiederbegegnung gerät schnell und heftig zur komischen Katastrophe, weil Juan-Marc, wie von allen guten Geistern verlassen, die Situation der Ankunft fehlinterpretiert. Kaum auf dem Zimmer geht er seiner inzwischen deutlich gereiften Verflossenen sofort an die Wäsche. Woraufhin die sonst wenig naturverbundene Amerikanerin flugs in die umliegende Botanik des Senioren-Hotels türmt.

Torné erzählt das alles mit einer Gefasstheit, die irgendwo an den männlichen Hornbrillenblick eines Max Frisch, an das  psychoanalytisch Milchglasige eines  Woody Allen und an die mediterrane Schreibeleganz eines Javier Marias denken lässt. Doch was wie eine Komödie beginnt, nimmt rasch die Züge der klassischen Tragödie an. Weil Helens Vater stirbt.

Was seinen unfreiwilligen Erfahrungsschatz an sterbenden älteren Herren betrifft, ist Juan-Marc leider kein Grünspan. Seinen eigenen Vater hat er auch das letzte Mal mit einem Strick um den Hals gesehen. Selbst war er durch diesen Tod – und dem Vermächtnis, die nicht unerheblichen wirtschaftlichen Geschicke der Familie zu ordnen – ins Erwachsenenleben geworfen worden und stand dann doch nur da wie ein trauriger Clown.

„Die Welt war für mich noch dermaßen neu, dass ich nicht begreifen konnte, dass die Welt schon uralt war.“ Das Hadern mit ihren Rollen als Väter und Mütter, als Söhne und Töchter färbt Tornés Roman zartbitter.

Juan-Marc öffnet Türen zu seiner eigenen Vergangenheit, er nimmt wieder Kontakt zu ein paar Gleichaltrigen auf. Der eine ist zum Messie geworden, seine Wohnung gleicht einem versifften Museum. Ein anderer hat sich operieren lassen und lebt transsexuell. Alles in die Jahre gekommene Lebensentwürfe. Klapprig gewordene Arrangements mit der Sehnsucht. Während das Glück verwest.

„Mich kränkte das reine Verstreichen der Zeit, ihre Dreistigkeit, in kaum einer Sekunde auf uns einzuprallen und sich anschließend wie ein vergeblicher Rückstand zu entfernen, die Trägheit, sich in einer immer fülliger werdenden Vergangenheit zu entfernen“, lässt der Autor seinen Juan-Marc einmal denken.

Und macht selbst das Beste daraus. Denn „Meine Geschichte ohne dich“, Tornés erstes Werk in deutscher Übersetzung, ist tolle Literatur vom lausigen Leben.

Christian Mückl

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich. Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 21,99 Euro.

Armistead Maupins letzte „Stadtgeschichten“

In sechs Bänden erzählte Armistead Maupin zwischen 1978 und 1989 seine „Stadtgeschichten“ aus San Francisco, zuerst als Fortsetzungsromane für den „San Francisco Chronicle“, dann in Buchform. Ein Zyklus, ein lustvoller Reigen um hetero-, homo- und transsexuelle Stadtbewohner und frisch Zugezogene, die sich zwischen den Nachwehen der sexuellen Revolution und der AIDS-Epidemie der 80er Jahre zu Wahlverwandtschaften zusammenfinden.

Zentrum, Grande Dame und Mutterfigur des Zirkels ist die geheimnisvolle Anna Madrigal, die früher einmal Andy Ramsey hieß. Als 92-Jährige ist sie nun die Titelheldin in der dritten Fortsetzung (nach „Michael Tolliver lebt“ und „Mary Ann im Herbst“), die Maupin seit 2007 nachgeliefert hat. Und diesmal sollen es nun wirklich – das orakelt schon das deutsche Buch-Cover – „die letzten Stadtgeschichten“ sein. Zeit also, den Kreis zu schließen und zu Ende zu erzählen? Die Handlungsfäden zu kappen und die Figuren – durchaus buchstäblich – sterben zu lassen?

Glücklicherweise ist der inzwischen 72 Jahre alte Maupin in „Die Tage der Anna Madrigal“ dazu nicht bereit. Die Sterblichkeit wird den ihren Leserinnen und Lesern ans Herz gewachsenen Charakteren zwar schmerzlich bewusst, gerade im Fall von Anna Madrigal spielt die Konfrontation mit den Schatten der Vergangenheit im Angesicht des Todes sogar eine zentrale Rolle. Aber durch Brians Tochter Shawna und Annas Mitbewohner Jake kommt auch eine neue Generation hier zu ihrem Recht und sucht nach ihren jeweils eigenen Lebensentwürfen.

Zwei Reisen, die am Schluss ineinander münden, geben im 9. Roman der Reihe die Richtung vor: Die „unwürdige Greisin“ Anna macht sich mit Brian und seiner neuen Frau Wren auf den Weg nach Winnemucca, Nevada, um Abbitte für eine alte Schuld aus ihrer Jugend zu leisten. Dabei wird auch endlich das Geheimnis enthüllt, wie und warum sie sich als Mrs. Madrigal neu erfunden hat.

Gleichzeitig lässt sich Michael Tolliver von seinem Partner Ben dazu überreden, am jährlichen Burning Man-Festival in der Wüste von Nevada teilzunehmen. Die eine Reise geht in die Vergangenheit, die andere zeigt Perspektiven für die Zukunft auf: Shawna hegt den heimlichen Plan, sich inmitten des Trubels schwängern zu lassen, Transgender-Boy Jake hofft auf die Aufmerksamkeit seines Freundes Amos. Das Leben will – trotz aller Katastrophen – gefeiert sein.

Noch einmal breitet Amistead Maupin sein entspanntes, souveränes Erzähltalent vor uns aus. Es ist bitte, bitte nicht das letzte Mal. Warum wir allerdings seit der amerikanischen Erstveröffentlichung im Januar 2014 bis jetzt warten mussten, um „Die Tage der Anna Madrigal“ in Deutschland genießen zu können, bleibt ein weiteres Rätsel des Buchmarktes.

Andreas Frane

Armistead Maupin: Die Tage der Anna Madrigal. Roman. Rowohlt, 334 Seiten, 10,99 Euro.

Paul Austers „4 3 2 1“: Vier Leben, viele Möglichkeiten

So dick war er noch nie – und so weise auch nicht: Paul Auster hat mit „4 3 2 1“ seinen besten Roman geschrieben.

Genau 1259 Seiten lang ist der neue Roman des amerikanischen Kultschriftstellers Paul Auster („New-York-Trilogie“). Viel Platz hat er sich genommen, um seine Lebensgeschichte in vier Variationen zu schildern. Was wäre wenn? Diese Frage hat man sich vielleicht selbst schon einmal gestellt: Was wäre, wenn man nur mit der Mutter groß geworden wäre? Wenn man in einem reichen Elternhaus gelebt hätte? Wenn man in einfachen Verhältnissen aufgewachsen wäre?

Paul Auster spielt verschiedene Möglichkeiten durch – und zwar parallel, was anfangs verwirrt. Denn immer wieder dreht Auster die Uhr zurück und es wird erst nach einigen Seiten klar, dass er sich auf einer anderen Erzählebene befindet. Man fühlt sich an den Film „Lola rennt“ erinnert: Kaum ändert sich eine Nuance, nimmt das Schicksal eine andere Wendung.

Austers Protagonist ist immer derselbe: Archie Ferguson, genannt Ferguson, wird im März 1947 an der Ostküste Amerikas geboren. Seine Eltern sind Kinder jüdischer Einwanderer aus Osteuropa – die ersten dieser Generation, die es geschafft haben und es in den USA zu einigem Wohlstand gebracht haben.

Archie ist ein Wunschkind, es wird geliebt und hat eine besonders innige Beziehung zu Mutter Rose, eine für die damalige Zeit selbstbewusste Frau mit eigenen beruflichen Ambitionen. Der Vater wird ihm immer ein wenig fremd bleiben, weil er ein Radio-Geschäft führt und wenig Zeit für die Familie hat.

Viermal Archie Ferguson, viermal dieselben Eltern, viermal dasselbe genetische Material – aber jedesmal andere Lebensumstände und andere Orte, die zu anderen Charaktereigenschaften führen… Ferguson wächst zu einem Teenager und jungen Mann heran, der sich für Literatur und Sport interessiert, der die Sommer in einem Ferienlager verbringt und hier wichtige Begegnungen und prägende Erfahrungen sammelt, der an seiner nicht ganz unproblematischen Großfamilie hängt, der gern experimentiert und sich im Zeitungsmachen oder im Geschichtenschreiben übt. Und der das andere Geschlecht für sich entdeckt… Der Roman enthält viele autobiografische Bezüge.

Es hat Auster – der am 3. Februar 70 Jahre alt wird – sicher große emotionale Mühen gekostet, sich so intensiv mit seiner Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen und sich in so verschiedene imaginäre Spielarten seines Lebens hineinzudenken. Zwar spielt das Buch in den 50er und 60er Jahren, also zu einer Zeit, als Ferguson sehr jung ist. Geschrieben ist das Buch aber mit der Weisheit und der Reflektionsgabe eines reifen Mannes.

Auster, der mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet ist und zwei Kinder hat, lebt heute selbst in Brooklyn. Bis auf einige Jahre, die er in Frankreich verbrachte, hat ihn das großbürgerliche und intellektuelle New York geprägt.

Sei es, dass er über Freundschaften sinniert, über Beziehungen, über die Schule, die Macht von Büchern, die Bedeutung von Musik oder die Wichtigkeit von Zeitungen – als Leser ist man fasziniert davon, wie tiefsinnig sein Ferguson seine Welt wahrnimmt. Es gibt kaum einen Bereich, den Auster dabei auslässt.

Trotz des Umfangs des Buches liest es sich rasch, denn nicht selten gehen die oft bildreichen Sätze über eine ganze Seite. Das gibt dem Roman etwas wunderbar Episches.

Susanne Stemmler

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman. Rowohlt, 1259 Seiten, 29,95 Euro.

„Die Farben des Nachtfalters“ von Petina Gappah

Am Ende des Romans steht Memory immer noch unter dem Todesurteil. Sie könnte hingerichtet werden, denn sie ist nicht von der Amnestie betroffen, die in Simbabwe nach einem Regierungswechsel ausgerufen wurde. Und trotzdem hat sich für die Frau alles geändert. Am Horizont ist das Licht aufgegangen, obwohl wir am Anfang des Romans doch den dunklen Satz lasen: „Ich war neun Jahre alt, und Vater und Mutter verkauften mich an einen fremden Mann.“

Neun Jahre hat Memory in einem Township verbracht. Das war eine Welt von Tratsch und Geisterglauben, mit kleinen Freuden und großen Verlusten. Memory war anders als ihre Umgebung, denn zwischen lauter Schwarzen war sie ein Albino. Ein Bruder ist als Kind gestorben: Trauer und zugleich Erleichterung, weil plötzlich mehr Platz war. Ihr Vater war Schreiner. Ihre Mutter…

Ach, später werden sich viele Sicherheiten doch als Täuschungen herausstellen. Die Erinnerung – und Memory bedeutet ja nichts anderes – ist trügerisch. Das Leben dieser Frau hat viele Schichten, verläuft äußerst komplex. Der Roman, der von ihr erzählt, nimmt immer neue Wendungen. Der Roman trägt den Titel „Die Farben des Nachtfalters“. Nach einem Band mit Erzählungen ist er das erste große Prosawerk von Petina Gappah.

1971 wurde sie in Sambia geboren, doch wie ihre Romanheldin wuchs sie in Simbabwe auf, das damals noch Rhodesien hieß. Sie hat Jura studiert und lebt heute als Juristin und Journalistin in Genf. Mit „Die Farben des Nachtfalters“ ist ihr ein ganz starkes, zutiefst berührendes Buch gelungen.

Zentraler Handlungsort ist ein Gefängnis, eigentlich eine verdreckte Hölle permanenter Angst. Jeder Satz beschreibt diese Situation. Und doch gibt es in keinem Satz einen Buchstaben des Selbstmitleids. Immer ist da eine zauberhafte Distanz des Trotzes, der Selbstbehauptung, des Überlebenswillens. Das ist der überraschende Tonfall des Romans, der die Lektüre so bereichernd macht. Er erzählt davon, dass es auch in der schrecklichsten Existenz Leichtigkeit geben kann. Petina Gappah gelingt das Kunststück, indem sie die Welt der Gefühle in genauso einfache Sätze fasst wie die Welt der objektiven Verhältnisse.

Memory schreibt ihre Geschichte selbst nieder. Sie macht Notizen für eine amerikanische Journalistin, die auf ihre alle Menschenrechte verletzende Lage aufmerksam machen möchte. Wir werden nicht erfahren, ob dieses Vorhaben gelingt oder misslingt. Denn am Ende sind ganz andere Dinge wichtig. Petina Gappah schreibt davon, dass sogar Egoismus human wirken kann. Sie schreibt darüber, wie befreiend es ist, wenn endlich der Vorhang vor den Täuschungen des Lebens entfernt wird und die Wahrheit sich ahnen lässt – auch wenn sie möglichweise von den „ngozi“ beeinflusst ist, den Rachegeistern des Simbabweschen Volksglaubens.

Memory sitzt in der Todeszelle, weil sie den Mann ermordet haben soll, von dem sie glaubt, er hätte sie mit neun Jahren gekauft. Er war ein Weißer. Er hat ihr ein gutes Leben und eine gute Ausbildung ermöglicht. Er war selbst anders, als es die Gesellschaft duldet, genau wie Memory mit ihrer albinoweißen Haut. Beide sind Opfer. Opfer in ganz großen Zusammenhängen, wie sich schließlich herausstellen wird.

Petina Gappah beschreibt, wie man aus Trauer Kraft schöpfen und sich einen Traum bewahren kann: „Sollte ich jemals freikommen, werde ich Paradiesvögel über die Welt regnen lassen.“

Herbert Heinzelmann

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche, 348 Seiten, 22 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.

Grandios: Nathan Hills erster Roman „Geister“

Wunderbar passt „Geister“, das Romandebüt des 40jährigen Amerikaners Nathan Hill, in unsere „postfaktischen“ Zeiten. Denn das, was seine nach stabilen Beziehungen und zwischenmenschlichem Halt suchenden Figuren als Wahrheit oder Wirklichkeit nehmen, erweist sich als Konstrukt der Anderen, als bedrohliches Ammenmärchen oder als mühsam aufrecht erhaltene (Lebens-)Lüge.

Aber vielleicht ist das „wahre Ich“, das sie in ihren Lebensentwürfen verwirklichen wollen, die größte Illusion von allen. Ein Paradebeispiel dafür könnte Faye Anderson-Andresen sein, die als „Packer-Attacker“ zu spätem medialen Ruhm kommt, weil sie einen Präsidentschaftsanwärter mit (Kiesel-)Steinen beworfen hat. Als junge Frau floh sie vor ihrem verbitterten Vater und der Biederkeit der Kleinstadt in Iowa an die Universität in Chicago – und geriet mitten in die berühmt-berüchtigten Studentenunruhen von 1968.

20 Jahre später hat sie Mann und Kind verlassen, doch auch diese Flucht aus dem bürgerlichen Provinzleben ist ihr nicht gut bekommen. Jetzt – im Spätsommer 2011 – bietet sich durch den Medienrummel um ihre nur scheinbar radikale Tat die Chance für ihren Sohn, den verkrachten Literaturprofessor und Möchtegernschriftsteller Samuel, sich mit ihr auszusprechen. Aber wie in den gruseligen Märchen um Hausgeister und den bösen Nix, die ihr aus Norwegen stammender Vater ihr erzählt hat, ist Vorsicht geboten: Denn „die Dinge, die man am meisten liebt, können einen am schlimmsten verletzen“.

Zwischen 1968, 1988 und 2011 blättert Nathan Hill in diesem grandiosen Roman eine ungewöhnliche Familiengeschichte auf. Aber das ist es nicht, was „Geister“ zu einem der besten Bücher des letzten Jahres macht. Hill erzählt von Aufbruch und Revolte der Jugend, ihrer bitteren Enttäuschung und ihren Langzeitfolgen für die Nachgeborenen, und er spielt die unterschiedlichen Generationen und Haltungen mit großer Raffinesse gegeneinander aus.

Die Hippies der 68er gegen Occupy Wall Street, eine Generation mit dem Drang nach gesellschaftlicher Veränderung gegen junge Menschen, die vor den Herausforderungen des Lebens in virtuelle Welten (hier das Online-Spiel Elfscape), dummdreisten Ehrgeiz und blanke Erfolgsgier ausweichen, die naiven Aktivisten gegen die scheinbar unpolitischen Vertreter und Auswüchse des Systems. Allen gemeinsam ist, dass sie manipuliert wurden und werden, dass sie keine Chance gegen die Strippenzieher haben, die selbst aus Protest und Widerstand ihren Profit ziehen und jede menschliche Regung geschickt ausbeuten.

Das Herzstück des voluminösen Romans ist die kurzatmige, sich aus vielen Episoden und Perspektiven zusammensetzende Schilderung der im Spätsommer 1968 brutal niedergeschlagenen Studentendemos in Chicago. Aber auch das in einem sich über Seiten windenden Satz ablaufende Ende eines Elfenkriegers oder die absurden Selbstrechtfertigungen der lustvoll hassenswerten Literaturstudentin Laura sind literarische Kabinettstückchen, die von dem für seine Erzählungen schon preisgekrönten Autor noch Großes erwarten lassen.

Mit „Geister“ hat er sich mit einer weit ausholenden Gesellschaftsbetrachtung empfohlen, die – nicht nur in Anbetracht der Wahl von Donald Trump oder der Kür von „postfaktisch“ zum Wort des Jahres – aktueller nicht sein könnte.

Andreas Frane

Nathan Hill: Geister. Piper Verlag, 864 Seiten, 25 Euro.

„Guter Junge“, guter Anfang: der Autor Paul McVeigh

Seit dem Erfolg von Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“ müssen sich alle irischen Kindheitserzählungen an diesem Bestseller messen lassen. Paul McVeigh gibt der ewig jungen Geschichte vom Heranwachsen auf der Insel einen neuen Dreh.

NZ-McVeigh Klar, katholische Familie und ärmliche Verhältnisse sind auch in seinem Debütroman das Setting. Aber „Guter Junge“ spielt im anderen Irland, jenseits der Grenze im Norden, und damit mitten im Bürgerkrieg. Im Belfaster Viertel Ardoyne, im Schatten von meterhohen Zäunen und Mauern, die Katholiken und Protestanten voneinander fernhalten sollen, hat der kleine Mickey gerade die Grundschule hinter sich gebracht.

Weil er ein cleveres Kerlchen ist, soll er auf die höhere Schule St. Malachy’s gehen – als einziger aus seiner Klasse, seiner Familie, ja als einziger aus der ganzen Straße. Doch dann kommt alles anders: Das Einkommen der Familie Donnelly reicht nicht für das Schulgeld. Stipendium? Fehlanzeige. Also droht St. Gabriel’s, die Schule für alle. Mickey ist am Boden zerstört.

Die neun Wochen zwischen Zeugnistag und Schulanfang, von denen der Roman handelt, werden zum Sommer, in dem der Protagonist vom Kind zum Teenager heranreift: erste Küsse, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – und auch mit dem eigenen. Mickey, der gerade noch ausschließlich mit seiner jüngeren Schwester Maggie und anderen Mädchen gespielt hat, weil er keine männlichen Freunde hat, kommt in die Pubertät. Die schöne Martine hat es ihm angetan. Nachts träumt er von einer Schauspielkarriere in Amerika und davon, dass ihm eines der älteren Mädchen zeigt, wie dieses „Hobeln“ funktioniert, von dem die Größeren alle reden.

Doch viel Zeit zum Träumen bleibt nicht in diesem Sommer. Der Vater ist – ähnlich wie bei McCourt – ein versoffener Tunichtgut. Mal ist er da, meistens aber nicht. Und während die IRA, die in Ardoyne unangefochten das Leben der Bewohner lenkt und kontrolliert, ihre Fänge immer enger um den großen Bruder Paddy legt, muss Mickey die Mutter so unterstützen, dass sie irgendwie darüber hinwegkommt, sowohl ihren Ehemann als auch den ältesten Sohn quasi verloren zu haben.

Vom Autor ist hierzulande wenig bekannt. In Belfast geboren, arbeitet er als Journalist und Literaturdozent. Auch Comedy-Serien hat er geschrieben. Paul McVeigh ist mit „Guter Junge“ auf jeden Fall ein beachtliches belletristisches Debüt gelungen. Die Stimme des kleinen Mickey, die darauf wartet, endlich zu brechen und zu der eines Mannes zu werden, beschreibt neugierig-naiv, aber doch mit kindlichem Charme die Szenerie in diesem von Gewalt geprägten Viertel. Mickeys Traum von Broadway und Hollywood wird umso bedauernswerter, je klarer wird, dass er Ardoyne noch nie verlassen hat.

Der Protagonist – gefangen in den Grenzen seines Alters, seines sozialen Milieus und der meterhohen „peace lines“, die mit Frieden so gar nichts zu tun haben – will ausbrechen. Aus der Kindheit, aus der Armut und diesem Stadtteil, in dem ständig Soldaten und Polizei patrouillieren.

Der Bub, der sich noch nicht richtig von Mama abgenabelt hat, will eigentlich nur, wie der Titel der Erzählung schon sagt, ein „guter Junge“ sein – und doch will es ihm, wie den meisten von uns, nicht so recht gelingen. Dafür gewinnt er mit Leichtigkeit die Sympathie seines Lese-Publikums.

Florian Heider

Paul McVeigh: Guter Junge. Wagenbach, 256 Seiten, 22 Euro.

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Grandios: Richard Russos „Diese gottverdammten Träume“

Er findet das Besondere im Alltäglichen, er entdeckt die Tragik im Banalen: Mit seinem großen Roman „Diese gottverdammten Träume“ hat der US-Amerikaner Richard Russo ein unaufdringliches Meisterwerk geschaffen.

Bezeichnenderweise heißt die Stadt, in der er seine Geschichten vom Scheitern, Straucheln und Wiederaufstehen ansiedelt (ebenso wie der Roman im Originaltitel) Empire Falls. Gefallen sind sie nämlich alle, die Figuren in diesem Roman: Allen voran Miles Roby, der vor über zwanzig Jahren nach der Krebserkrankung seiner Mutter das Studium abgebrochen hat und in seinen Heimatort zurückgekommen ist.

russoNun führt er mit seinem versehrten Bruder das „Empire Grill“, ein heruntergekommenes kleines Restaurant. Seine Ehe scheint ebenso verloren wie sein Traum von einem anderen Leben. Alle Hoffnung ruht auf seiner Tochter Tick, die mehr aus sich machen soll, als er selbst es geschafft hat. Doch schleichend wie die Schlange, die sie im Kunstunterricht malt, kommt gerade auf sie ein furchtbares Unheil zu.

Richard Russo nimmt sich Zeit für seine Figuren und seinen Schauplatz, diese verfallende Stadt, deren Industrie am Boden und deren Stolz im Staub liegt. Verbitterung hat sich in den Seelen und Beziehungen eingenistet. Frustration hat die Gemeinschaft der Menschen in Empire Falls zersetzt.
Nur eine Handvoll, darunter Miles, sein unverbesserlicher Schnorrer von Vater und Tick scheinen sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Wie in ihrem Pavillon über dem Fluss thront Francine Whiting, die alte Witwe des letzten Großindustriellen der Stadt, mit ihrer bösartigen Katze hexenhaft über all ihren Bewohnern. Zieht sie im Hintergrund die Fäden ihrer Schicksale, wie Miles Roby manchmal vermutet? Was hat sie damals mit seiner Mutter verbunden? Begann der Niedergang der Stadt mit dem Selbstmord ihres Mannes?

Das Panorama, das Richard Russo vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet, umfasst ein auf größere Zusammenhänge verweisendes Gesellschaftsbild, in dem mit großer Empathie auf die Verlierer der ökonomischen Entwicklung, aber auch auf die Geringsten und Gefallensten geblickt wird, korrupte Gesetzeshüter ebenso wie einsame Soziopathen. Nicht einmal Gewalt und Naturkatastrophen, so scheint es, sind in der Lage, die Menschen in diesem Reich Amerika zusammenzubringen.

Im Bundesstaat Maine in Neuengland lassen bevorzugt John Irving und Stephen King ihre Romane spielen: Anklänge an beide Fabulierer, den warmherzigen Menschenkenner und den Meister des blutigen Grauens, findet man auch in „Diese gottverdammten Träume“. In den USA ist Russo bereits eine bekannte, von Publikum und Kritik hochgeschätzte Größe, er hat bisher acht Romane und einige erfolgreiche Drehbücher (darunter „Im Zwielicht“ und „Nobody’s Fool“) geschrieben.

2002 erhielt der damals 53-jährige den Pulitzer-Preis – für diesen Roman, der auch prompt vom TV-Sender HBO mit Paul Newman, Ed Harris und Philip Seymour Hoffman verfilmt (und ebenfalls preisgekrönt) wurde. Wie in aller Welt ist es zu rechtfertigen, dass es 14 Jahre gedauert hat, dieses Meisterwerk für den deutschen Buchmarkt zu entdecken?

Andreas Frane

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Roman. Deutsch von Monika Köpfer. Dumont, 752 Seiten, 24,99 Euro.