Ein Meisterwerk: „Verfahren eingestellt“ von Claudio Magris

Zuweilen erscheint das wahre Leben phantastischer als manche Fiktion. So auch in Claudio Magris’ großem neuem Roman „Verfahren eingestellt“ über den Krieg und das Vergessen.

Im Mittelpunkt steht der Triester Professor Diego de Henriquez (1909–1974), dessen Biografie als Quelle der Inspiration diente. Über Jahrzehnte sammelt dieser Militaria jeglicher Art – vom Säbel bis zum Panzer – mit dem Ziel, in seiner Heimatstadt ein der Dokumentation des Krieges gewidmetes, friedensstiftendes Museum zu errichten, oder – barocker formuliert – ein „vollständiges Museum des Krieges für die Ankunft des Friedens und die Entschärfung der Geschichte.“

Henriquez widmet sein Leben dem Frieden: Dafür wird er selbst zum akribischen Archivar des Krieges; und das utopische Ideal zur Obsession. Seine Sammelwut führt Henriquez auch in die berüchtigte Risiera di San Sabba, eine stillgelegte Reismühle in einem Triester Vorort, die als Konzentrationslager fungierte, in dem Tausende, zumeist Partisanen, Juden und Kommunisten, grausam gefoltert und ermordet wurden.

In den dortigen Todeszellen sucht er Graffiti von Inhaftierten, die auch Namen von Denunzianten enthielten – bevor Kalk und Farbe die Erinnerung an die Verräter auslöschten. Allein in seinen Aufzeichnungen, die Teil des Museums werden sollen, existieren die Opfer und Täter nationalsozialistischer und faschistischer Willkür namentlich weiter.

Als Kopist dieser Palimpseste, als „Protokollant des Jüngsten Gerichts“, wird er zum unliebsamen Racheengel – zumindest in den Augen jener Kollaborateure und Kriegsgewinnler, denen es nach dem Zusammenbruch der beiden Diktaturen gelungen ist, unbeschadet von einem System ins nächste zu wechseln: „Über die Toten kann man reden. Aber nicht über die Lebenden, nicht über bestimmte Lebende.“
1974 kommt Diego de Henriquez unter ebenso tragischen wie mysteriösen Umständen bei einem Brand ums Leben. Auch ein beträchtlicher Teil seiner umfangreichen Sammlung fällt den Flammen zum Opfer, darunter die Hefte mit den kompromittierenden Aufzeichnungen. Die anschließenden polizeilichen Ermittlungen laufen ins Leere: Das Verfahren wird eingestellt.

Magris setzt mit „Verfahren eingestellt“ Diego de Henriquez’ außergewöhnlicher Persönlichkeit ein eindrucksvolles Denkmal – und beleuchtet zugleich ein dunkles Kapitel seiner Heimatstadt Triest. Dass sich das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden ausgerechnet vor den Toren dieser Vielvölkerstadt befand, die über Jahrhunderte hinweg durch das ethnisch, kulturell und religiös vielfältige Miteinander ihrer Bewohner geprägt wurde, ist nicht ohne Hohn.

Es ist Luisa Brooks, die den Auftrag erhält, auf der Grundlage der Erinnerungsstücke, die vom Feuer verschont blieben, das Museum ganz im Sinne des Verstorbenen wiederaufzubauen. Als Tochter einer italienischen Jüdin und eines afroamerikanischen Offiziers, der mit den Alliierten Truppen Triest befreite, ist Luisa durch Religion und Hautfarbe doppelt prädestiniert, Henriquez’ Lebenswerk fortzuführen: Auch ihre Großmutter wurde in San Sabba ermordet und im dortigen Krematorium – „ausgezeichnete Chirurgie des Vergessens“ – verbrannt. „Die ganze Geschichte der Menschheit ist ein Abschaben des Bewusstseins und vor allem des Bewusstseins dessen, was verschwindet, verschwunden ist.“

Zu den beiden Protagonisten gesellen sich unzählige weitere Stimmen. Die Erzählungen, düster und bitter, aber nie hoffnungslos stimmend, fügen sich schlussendlich kunstvoll zu einem großen Ganzen, zu einem arabesk verästelten Epos, das zeigt, wozu Menschen in ihrer Grausamkeit fähig sind.

Detailverliebt und mit unbändiger Erzähllust, die dem Leser mitunter einiges abverlangt, springt Magris mühelos zwischen unterschiedlichsten Orten und Zeiten und meistert bravourös so manch heiklen Spagat: zwischen Nazi-Gräueln auf dem Balkan, Stammeskriegen in Mittelamerika und dem Schicksal afrikanischer Sklaven.

„Verfahren eingestellt“, von Ragni Maria Gschwend gewohnt kongenial übersetzt, ist ein wortgewaltiges Meisterwerk gegen das Vergessen, ein machtvolles, unverzichtbares Plädoyer in Zeiten, in denen geistige Brandstifter wieder salonfähig zu werden scheinen.

Denn erst die Erinnerung, so schmerzhaft sie auch sein mag, ermöglicht die nötige Katharsis: „Die Geschichte ist eine Mülldeponie – natürlich, wenn man sie genau durchsucht, findet man auch schöne Sachen, irgendetwas, das man noch brauchen und wieder verwerten kann.“

Und so beweist Claudio Magris, der Grandseigneur der europäischen Literatur, einmal mehr: Nach Antonio Tabucchis und Umberto Ecos Verschwinden von Italiens literarischer Bühne brilliert er als letzte moralische Instanz mit intellektueller Strahlkraft und Autorität.

Felice Balletta

Claudio Magris: Verfahren eingestellt. Hanser, 400 Seiten, 25 Euro.

Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“, das neue Buch des Bestsellerautors David Foenkinos, führt amüsant in die leicht erregbare französische Literaturszene – und ein bisschen Liebe gibt es am Ende natürlich auch.

Wo landen sie wohl, jene unzähligen, von Verlagen abgelehnten Manuskripte? Im bretonischen Finistère, tief im Westen Frankreichs, gibt es eine Bibliothek dafür – und eine junge Pariser Lektorin entdeckt dort unerwartet ein Meisterwerk. Der Autor ist offenbar Monsieur Henri Pick, der einstige
Pizzabäcker des Ortes; beharrt seine Witwe auch darauf, ihn niemals lesend oder nur mit einem Buch gesehen zu haben.

Hatte dieser Mann, der lediglich Einkaufslisten verfasste, ein geheimes Parallelleben geführt? Ein sich derart um die Entstehungsgeschichte rankendes Mysterium beflügelt jedenfalls den Erfolg des Romans. Stürzt Einzelne, viele, ganz Frankreich in den Romanrausch, ja in das Gefühl neuen Selbstbewusstseins und in die tiefe Sehnsucht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Ein ganzes Volk dürstet plötzlich nach Publikum!

Gleichermaßen verändert die Karriere des Romans das Leben seiner Leser, auch das seiner Entdeckerin, der jungen Lektorin. Neue Lieben entstehen, unerwartete Erfolge werden wahr, Paare gehen auseinander, was gewiss schien, gerät ins Wanken. Die bretonische Gemeinde wird von Pick-Wallfahrern überschwemmt – immer mehr Schicksale verweben sich um den Roman zu einem Netz aus Empfindungen, Träumen, Hoffnungen.

Für Literatur-Fans ist David Foenkinos „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ein Buch über Bücher, die Liebe zu ihnen und den Bibliotheken mit ihrem so unbeschreiblichen Flair. Der Bestsellerautor (der auch schon im Nürnberger Literaturhaus zu Gast war) gräbt mit seinem Text tief in der menschlichen Seele, um dort – auf so subtile wie humorvolle Weise – die vielfach schmerzhafte Sehnsucht nach Beachtung zu entlarven. Frei von einer gewissen Langatmigkeit, sogar Umständlichkeit ist Foenkinos verschachtelter Roman dennoch nicht.

Wer lieber lauscht als liest, findet in der Hörbuchfassung mit Schauspielstar Axel Milberg ein absolut wertiges, vermutlich sogar fesselnderes Pendant! Milberg schlüpft einfühlsam und gänzlich uneitel in die so unterschiedlichen Figuren und hüllt sie in einen Erzählduktus aus feiner, nie aufdringlicher Süffisanz und wohldurchdachtem Rhythmus.

Gegen Ende des Romans lässt Milberg verstärkt darstellerisches Temperament zu – es hätte dem Text schon früher gutgetan. Das eher zögerliche Anlaufen der Erzählung befördert Foenkinos auch mit einer üppigen Figurenansammlung nicht. Sie verwirrt den Lesedrang eher, als sie diesen Roman über einen vermeintlichen Betrug im eitlen Literaturbetrieb befeuert. Doch da Foenkinos seine Helden erzählen lässt, wechselt auch der Leser ständig die Sicht: ein nicht zu unterschätzender Kniff, um ein Tempo zu suggerieren, das der Text nicht hat.

Muss er auch nicht. Unterhaltsam ist das Buch über die Macht der Bücher und die Gefühle ihrer Erzeuger allemal. Böse? Ja, auch das! Und bis zum letzten Buchstaben – den Ausgang hatte man irgendwie geahnt – mit genussvoll-eitlem Augenzwinkern garniert.

Anabel Schaffer

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. DVA, 336 Seiten, 19,99 Euro.
Als Hörbuch im Hörverlag, 6 CDs. Vollständige Lesung von Axel Milberg.

Im Labyrinth des Carlos Ruiz Zafon

Seit seinem Megabestseller „Der Schatten des Windes“ gehört Carlos Ruiz Zafón hierzulande zu den bekanntesten spanischen Autoren, der schon mehrfach die Bestsellerlisten gestürmt hat. Mit „Das Labyrinth der Lichter“ hat Zafón nun den vierten und letzten Band des Zyklus „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ geschrieben, der den Leser wieder in das romantisch-düstere Barcelona der Franco-Zeit entführt und den Zafón-Liebhaber in den Bann schlägt.

Zwingenderweise muss man aber nicht die vorherigen drei Bücher gelesen haben, denn durch Rückblicke und Erläuterungen werden dem Leser die früheren Geschehnisse geschickt nahe gebracht. Allerdings ist die Freude an der Lektüre für den Kenner sicher größer, denn verschiedene Handlungsstränge werden weiter geknüpft.

Wer Zafóns Tetralogie liest, sieht keinen blauen Mittelmeerhimmel, sondern evoziert eine in Sepia getauchte Stadt, in der große Häuser oft wie gestrandete Schiffe oder Kathedralen aussehen, Brunnen ausgetrocknet und Fassaden schwarz verwittert sind. „Das Labyrinth der Lichter“ präsentiert sich als eine Mischung aus Krimi, melancholische Gothic Novel und Drama.

War es im ersten Band die Suche nach dem mysteriösen Kultautor Julián Carax, so geht es dieses Mal um Francos Nationalen Bildungsminister, der verschwunden ist. Eine Suche, die bis in die Folterkeller der Diktatur führt. Diesmal ist es nicht Daniel Sempere, sondern eine neue Hauptfigur namens Alicia Gris, die die Ermittlungen aufnimmt. Allerdings begegnet man in dem Buch auch vielen alten Bekannten, so der Buchhändlerfamilie Sempere oder dem geschwätzigen Fermín.

Alicia Gris, eine an Körper und Seele verletzte Femme Fatale – sie hat den Bürgerkrieg als Waisenmädchen überlebt – forscht nach dem Verschwundenen, wobei auch wieder die Welt der Bücher eine tragende Rolle spielt. Zafón führt den Leser durch sein Handlungslabyrinth, wobei es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. Allerdings gibt es auch ein paar langatmige Passagen, so dass es angesichts der fast tausend Seiten stellenweise schwer fällt, dem Inhalt zu folgen. Nichtsdestotrotz ist das an Dialogen reiche Buch eine empfehlenswerte Lektüre für lange Sommerabende.

Ralf Nestmeyer

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter
. Roman. S. Fischer, 944 S., 25 Euro.

Jonas Lüschers böse Satire: „Kraft“

Mit seinem hochgelobten Roman „Kraft“ ist Jonas Lüscher zu Gast bei „Lesen!“ in Fürth: am 27. Juni im Kulturforum.

Bereits mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ sorgte der Schweizer Autor vor ein paar Jahren für Aufsehen – auch zum Erlanger Poetenfest wurde er damals geladen. Da hatte sich Jonas Lüscher die große weite Welt der Banker vorgenommen und bereits als Debütant bewiesen: Hier kommt keiner ungeschoren davon!

Lüscher, Jahrgang 1976, zeigte als angehendes satirisches Talent schon die allerschärfsten Krallen, stilistisch dazu fein manikürt. Manchmal könnte man bei dem in München lebenden Autor fast an Thomas Mann denken, so gezwirbelt geht es hier zur Sache – oder sagen wir: Max Goldt.

Diese Kraft hat ihn auch bei seinem jetzt vorliegenden ersten Roman nicht verlassen. „Kraft“, so der Titel, bezieht sich aber zunächst auf die Hauptfigur. Richard Kraft eben, Professor der Rhetorik aus Tübingen – genau, ein Nachfolger des berühmten Walter Jens! Der ist, trotz akademischer Ehren, privat jedoch die personifizierte Schwäche. Und nun entsprechend frustriert von längst kriselnder Ehe (Heike) und lästiger Vaterschaft (Zwillinge), zudem finanziell erschöpft. Aus einer früheren Verbindung müssen auch noch zwei Söhne versorgt werden . . .

Rettung in der Not – die er sich freilich vielleicht nur einbildet – verspricht nun die irrwitzige Ausschreibung eines im Silicon Valley reichgewordenen Deutschen, der demjenigen Forscher eine Million Dollar stiften will, der den besten Vortrag hält zum doch sehr amerikanischen Thema: Die Welt ist gut, wie sie ist – wie machen wir sie noch besser? Besser natürlich im Sinn von lukrativer. Die Computerindustrie will auch in Zukunft kräftig verdienen.

Kraft jedenfalls beißt an – zu verführerisch lockt der Köder, durch den er ein paar Wochen der Familienhölle in Kalifornien entkommt. Und der Macht der Wirtschaft war er ja schon immer zugetan – bereits während des Studiums in Berlin, wo sich Kraft mit liberal-radikalen Positionen zum Exoten im linken Uni-Milieu der 80er Jahre machte, vielleicht auch nur aus Berechnung.

Die Wiederbegegnung mit einem ungarischen Freund von damals führt nun in Stanford zu einer umfassenden Revision seines Lebens – politisch, philosophisch und paartechnisch. Gerade was seine Frauengeschichten angeht, hat Kraft genug in petto, das Jonas Lüscher pikaresk schildern und mit Peinlichkeiten aller Art polstern kann.

Dem Autor gelingt es spielend, ihn zum sympathischen Unsympathen zu machen, zum „Schwafler“ und elenden Tölpel, der nicht mal zum Paddelausflug taugt – aber den Leser doch mit seinen Gedanken und grotesken Einlagen bei Laune hält.

Die Katastrophe, ahnt man bald, nimmt unweigerlich ihren Lauf!

Wolf Ebersberger

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. C. H. Beck, 237 S., 19,95 Euro.

Die Früchte der Erinnerung: „Das Marillenmädchen“

Der Marillenbaum im Garten ihres Wiener Elternhauses ist für Elisabetta Shapiro Halt und Erinnerung an ihre Familie. Nur durch einen Zufall blieb sie damals – 1944 – verschont, als ihre Eltern und ihre beiden Schwestern Rahel und Judith ins KZ deportiert wurden. Bei Kriegsende ist sie elf Jahre alt. Einsam und alleine, nur mit den Stimmen ihrer beiden toten Schwestern im Kopf, fristet sie seitdem ihr Dasein.

Jahr für Jahr sammelt Elisabetta die Früchte des Marillenbaumes auf, den einst ihr Vater pflanzte, und kocht daraus Marmelade. Im Keller stapeln sich die Gläser, fein säuberlich mit der Jahreszahl versehen, wie ein kostbares Vermächtnis, das bewahrt werden muss. Ein Glas aus dem Jahre 1944 ist gekennzeichnet mit „M plus A“, Marille und Arsen. „Es ist nur für den Notfall, Kezele“, sagte die Mutter damals zu Elisabetta. „Falls sie dir was tun wollen und ich dir nicht helfen kann.“

„Das Marillenmädchen“ von Beate Teresa Hanika, die bereits mehrere erfolgreiche Jugendbücher schrieb, ist ihr erster Roman für Erwachsene. Die Ich-Erzählerin Elisabetta ist inzwischen eine alte Frau, sie erzählt die Geschichte von Pola, einer jungen Deutschen, die bei ihr zu Untermiete wohnt – was kein Zufall ist. Die Schicksale der jungen Tänzerin und der alten Dame sind unweigerlich miteinander verknüpft.

Die Zeiten in dem intelligent gebauten Roman sind nicht klar voneinander getrennt und wechseln oftmals von Absatz zu Absatz, so wie eben auch Elisabettas Gedanken immer wieder in die Vergangenheit abschweifen. So werden parallel die Geschichten von Pola aus der Gegenwart und Elisabetta aus der Vergangenheit erzählt, bis die beiden Erzählstränge schließlich ineinander münden und die Geschichte komplementieren.
 
Durch die unterschiedlichen Zeitebenen und Erzählperspektiven, die oft fließend ineinander übergehen, erschließt sich das Buch nicht sofort. Hinzu kommt die Namensgleichheit von Elisabettas Schwester und ihrer Enkelin, was die Zeitlinien zusätzlich verwischt. Vieles bleibt offen und unausgesprochen oder wird nur angedeutet in kleinen Gedanken- und Erinnerungssplittern.

Der lakonische Erzählstil, die melancholisch-nachdenkliche Grundstimmung, die poetisch-sensible Sprache, all das wirkt sehr berührend und zieht den Leser tief in die Geschichte hinein. Das Tragische ist, dass Elisabetta zweimal dasselbe Schicksal erleiden muss. Es ist ein Buch über alten und neuen Antisemitismus und zeigt auf erschreckende Weise, dass manche Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Und trotzdem behält der Roman einen lebensbejahenden Grundton. „Irgendwer muss vergeben. Irgendwer muss seine Hand hinstrecken“ – um nicht selbst zu zerbrechen, um endlich Frieden zu finden. Eine bittersüße Erzählung.

Michaela Höber

Beate Teresa Hanika: Das Marillenmädchen. Roman. btb Verlag, 254 Seiten, 19,99 Euro.

Maurizio Torchio aus dem Knast

„Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichen Maß. Nach meinem Maß.“ Der das schreibt, verbüßt eine lebenslange Strafe in einem namenlosen Gefängnis – in Einzelhaft.

Die Zelle ist, nach zwanzig Jahren im Bau, längst zu seinem Universum geworden, die ritualisierten Abläufe im Gefängnis zu seinem Alltag. In einer erstaunlich nüchternen Sprache, sachlich und scheinbar emotionslos, beschreibt Maurizio Torchio dieses Leben in einer Welt, die mit der des Lesers so gar nichts zu tun hat. Und genau daraus bezieht das Buch seinen Reiz.

Es ist auch ein psychologischer Roman. Der Autor zeichnet penibel und schonungslos die persönliche Entwicklung des namenlosen Häftlings nach, von seiner vergleichsweise harmlosen Rolle als Entführer bis hin zum Mörder, zu dem er unter den schier unerträglichen Haftbedingungen schließlich wird.

Er lässt den Leser in die Gedankengänge eines Verbrechers eintauchen, der zwar eine abscheuliche Tat begangen hat, aber trotzdem menschlich und integer wirkt. Als unmenschlich hingegen – und im Laufe des Buches als immer unmenschlicher – empfindet man mit diesem Mann die Zustände im Isolationstrakt des Gefängnisses.

Er und die Haftanstalt sind eins geworden: „Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm.“ Solche Passagen gehen einem unter die Haut und prägen sich ein. Man empfindet das, was der Häftling durchmacht, regelrecht mit ihm mit. „Manchmal geben sie dir Dinge, damit du Angst bekommst, sie wieder zu verlieren. . . Damit du erfährst, wie es ist, zu fallen, heben sie dich von Zeit zu Zeit hoch.“

„Das angehaltene Leben“ ist der zweite Roman des 1970 in Turin geborenen Autors und wurde nach seinem Erscheinen in Italien mehrfach ausgezeichnet. Der Übersetzung von Annette Kopetzki ist es zu verdanken, dass auch der deutsche Leser das Buch in vollen Zügen genießen kann, würde man gerne sagen.

Nun, von Genießen kann hier angesichts des Inhalts nicht die Rede sein. Aber manchmal ist Mitleiden genauso wertvoll.

Ute Wolf

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Zsolnay, 237 S., 22 Euro.

Das lausige Leben: Gonzalo Torné

In der Midlifecrisis sind schlaue Sprüche manchmal so erwünscht wie ein Strick um den Hals. Dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei? Geschenkt. „Die Jahre vergehen für den Körper schneller als für das Bewusstsein“, schreibt Gonzalo Torné diffizil. „Der Geist bleibt daheim (wohin soll er denn gehen), wenn auch mit einem gewissen Unbehagen.“

Der fulminante Roman „Meine Geschichte ohne dich“ des katalanischen Autors Torné (geb. 1976) erzählt von einer Wirklichkeit gewordenen Farce namens Leben, konkret Liebesleben. Und davon, sich zum Affen zu machen bei dem Versuch, zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist.

Juan-Marc heißt die Hauptfigur. Er ist in den Vierzigern. Zwei Mal geschieden. Ein Kerl, der nächtens von Bar zu Bar zieht und sich in ein inneres Zwiegespräch mit seiner zweiten Ex, offenbar einer Schriftstellerin, versenkt. Kein Jammerlappen, auch nicht im Stil seiner Rede. Eher ein ernüchterter Betrachter.  „Meine Geschichte ohne dich“ ist ein sinnlicher Abgesang auf die Hoffnung, dass alles noch mal besser werde. Eine bittersüße Hymne auf die Verkorkstheit des Glücks.

Helen hieß seine erste Frau. Aus der US-amerikanischen Provinz blutjung in Spanien gelandet, muss sie ein ziemlicher Feger gewesen sein. Eine „sensationelle Blondine“ – aber eben auch „vorhersehbar wie ein harmloser Witz“. An solchen Spitzen geizt er nicht, der Erzähler. Wenngleich es schon etwas dauert, bis bei aller Prägnanz der filmreif formulierten Szenen klar wird, von welcher Geschichte „ohne dich“ dieser ins Leben gefallene Lebemann, Looser und Leidenschaftsbegabte eigentlich berichtet.

Ausgerechnet ein spanisches Urlaubsressort für rüstigere Senioren hat Juan-Marc,  der ja selbst noch keine 50 ist, gewählt, um nach jahrelanger Trennung seine erste Ehe zu reaktivieren. Was für eine Schnapsidee. Denn Helen reist mit den ältlichen Eltern an, die Juan-Marc noch nie mochten. Und eine halbwüchsige Nervensäge, die Helen zwischenzeitlich aus einer anderen Beziehung importiert hat, haben sie überdies im Schlepptau.

Die Wiederbegegnung gerät schnell und heftig zur komischen Katastrophe, weil Juan-Marc, wie von allen guten Geistern verlassen, die Situation der Ankunft fehlinterpretiert. Kaum auf dem Zimmer geht er seiner inzwischen deutlich gereiften Verflossenen sofort an die Wäsche. Woraufhin die sonst wenig naturverbundene Amerikanerin flugs in die umliegende Botanik des Senioren-Hotels türmt.

Torné erzählt das alles mit einer Gefasstheit, die irgendwo an den männlichen Hornbrillenblick eines Max Frisch, an das  psychoanalytisch Milchglasige eines  Woody Allen und an die mediterrane Schreibeleganz eines Javier Marias denken lässt. Doch was wie eine Komödie beginnt, nimmt rasch die Züge der klassischen Tragödie an. Weil Helens Vater stirbt.

Was seinen unfreiwilligen Erfahrungsschatz an sterbenden älteren Herren betrifft, ist Juan-Marc leider kein Grünspan. Seinen eigenen Vater hat er auch das letzte Mal mit einem Strick um den Hals gesehen. Selbst war er durch diesen Tod – und dem Vermächtnis, die nicht unerheblichen wirtschaftlichen Geschicke der Familie zu ordnen – ins Erwachsenenleben geworfen worden und stand dann doch nur da wie ein trauriger Clown.

„Die Welt war für mich noch dermaßen neu, dass ich nicht begreifen konnte, dass die Welt schon uralt war.“ Das Hadern mit ihren Rollen als Väter und Mütter, als Söhne und Töchter färbt Tornés Roman zartbitter.

Juan-Marc öffnet Türen zu seiner eigenen Vergangenheit, er nimmt wieder Kontakt zu ein paar Gleichaltrigen auf. Der eine ist zum Messie geworden, seine Wohnung gleicht einem versifften Museum. Ein anderer hat sich operieren lassen und lebt transsexuell. Alles in die Jahre gekommene Lebensentwürfe. Klapprig gewordene Arrangements mit der Sehnsucht. Während das Glück verwest.

„Mich kränkte das reine Verstreichen der Zeit, ihre Dreistigkeit, in kaum einer Sekunde auf uns einzuprallen und sich anschließend wie ein vergeblicher Rückstand zu entfernen, die Trägheit, sich in einer immer fülliger werdenden Vergangenheit zu entfernen“, lässt der Autor seinen Juan-Marc einmal denken.

Und macht selbst das Beste daraus. Denn „Meine Geschichte ohne dich“, Tornés erstes Werk in deutscher Übersetzung, ist tolle Literatur vom lausigen Leben.

Christian Mückl

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich. Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 21,99 Euro.

Armistead Maupins letzte „Stadtgeschichten“

In sechs Bänden erzählte Armistead Maupin zwischen 1978 und 1989 seine „Stadtgeschichten“ aus San Francisco, zuerst als Fortsetzungsromane für den „San Francisco Chronicle“, dann in Buchform. Ein Zyklus, ein lustvoller Reigen um hetero-, homo- und transsexuelle Stadtbewohner und frisch Zugezogene, die sich zwischen den Nachwehen der sexuellen Revolution und der AIDS-Epidemie der 80er Jahre zu Wahlverwandtschaften zusammenfinden.

Zentrum, Grande Dame und Mutterfigur des Zirkels ist die geheimnisvolle Anna Madrigal, die früher einmal Andy Ramsey hieß. Als 92-Jährige ist sie nun die Titelheldin in der dritten Fortsetzung (nach „Michael Tolliver lebt“ und „Mary Ann im Herbst“), die Maupin seit 2007 nachgeliefert hat. Und diesmal sollen es nun wirklich – das orakelt schon das deutsche Buch-Cover – „die letzten Stadtgeschichten“ sein. Zeit also, den Kreis zu schließen und zu Ende zu erzählen? Die Handlungsfäden zu kappen und die Figuren – durchaus buchstäblich – sterben zu lassen?

Glücklicherweise ist der inzwischen 72 Jahre alte Maupin in „Die Tage der Anna Madrigal“ dazu nicht bereit. Die Sterblichkeit wird den ihren Leserinnen und Lesern ans Herz gewachsenen Charakteren zwar schmerzlich bewusst, gerade im Fall von Anna Madrigal spielt die Konfrontation mit den Schatten der Vergangenheit im Angesicht des Todes sogar eine zentrale Rolle. Aber durch Brians Tochter Shawna und Annas Mitbewohner Jake kommt auch eine neue Generation hier zu ihrem Recht und sucht nach ihren jeweils eigenen Lebensentwürfen.

Zwei Reisen, die am Schluss ineinander münden, geben im 9. Roman der Reihe die Richtung vor: Die „unwürdige Greisin“ Anna macht sich mit Brian und seiner neuen Frau Wren auf den Weg nach Winnemucca, Nevada, um Abbitte für eine alte Schuld aus ihrer Jugend zu leisten. Dabei wird auch endlich das Geheimnis enthüllt, wie und warum sie sich als Mrs. Madrigal neu erfunden hat.

Gleichzeitig lässt sich Michael Tolliver von seinem Partner Ben dazu überreden, am jährlichen Burning Man-Festival in der Wüste von Nevada teilzunehmen. Die eine Reise geht in die Vergangenheit, die andere zeigt Perspektiven für die Zukunft auf: Shawna hegt den heimlichen Plan, sich inmitten des Trubels schwängern zu lassen, Transgender-Boy Jake hofft auf die Aufmerksamkeit seines Freundes Amos. Das Leben will – trotz aller Katastrophen – gefeiert sein.

Noch einmal breitet Amistead Maupin sein entspanntes, souveränes Erzähltalent vor uns aus. Es ist bitte, bitte nicht das letzte Mal. Warum wir allerdings seit der amerikanischen Erstveröffentlichung im Januar 2014 bis jetzt warten mussten, um „Die Tage der Anna Madrigal“ in Deutschland genießen zu können, bleibt ein weiteres Rätsel des Buchmarktes.

Andreas Frane

Armistead Maupin: Die Tage der Anna Madrigal. Roman. Rowohlt, 334 Seiten, 10,99 Euro.

Paul Austers „4 3 2 1“: Vier Leben, viele Möglichkeiten

So dick war er noch nie – und so weise auch nicht: Paul Auster hat mit „4 3 2 1“ seinen besten Roman geschrieben.

Genau 1259 Seiten lang ist der neue Roman des amerikanischen Kultschriftstellers Paul Auster („New-York-Trilogie“). Viel Platz hat er sich genommen, um seine Lebensgeschichte in vier Variationen zu schildern. Was wäre wenn? Diese Frage hat man sich vielleicht selbst schon einmal gestellt: Was wäre, wenn man nur mit der Mutter groß geworden wäre? Wenn man in einem reichen Elternhaus gelebt hätte? Wenn man in einfachen Verhältnissen aufgewachsen wäre?

Paul Auster spielt verschiedene Möglichkeiten durch – und zwar parallel, was anfangs verwirrt. Denn immer wieder dreht Auster die Uhr zurück und es wird erst nach einigen Seiten klar, dass er sich auf einer anderen Erzählebene befindet. Man fühlt sich an den Film „Lola rennt“ erinnert: Kaum ändert sich eine Nuance, nimmt das Schicksal eine andere Wendung.

Austers Protagonist ist immer derselbe: Archie Ferguson, genannt Ferguson, wird im März 1947 an der Ostküste Amerikas geboren. Seine Eltern sind Kinder jüdischer Einwanderer aus Osteuropa – die ersten dieser Generation, die es geschafft haben und es in den USA zu einigem Wohlstand gebracht haben.

Archie ist ein Wunschkind, es wird geliebt und hat eine besonders innige Beziehung zu Mutter Rose, eine für die damalige Zeit selbstbewusste Frau mit eigenen beruflichen Ambitionen. Der Vater wird ihm immer ein wenig fremd bleiben, weil er ein Radio-Geschäft führt und wenig Zeit für die Familie hat.

Viermal Archie Ferguson, viermal dieselben Eltern, viermal dasselbe genetische Material – aber jedesmal andere Lebensumstände und andere Orte, die zu anderen Charaktereigenschaften führen… Ferguson wächst zu einem Teenager und jungen Mann heran, der sich für Literatur und Sport interessiert, der die Sommer in einem Ferienlager verbringt und hier wichtige Begegnungen und prägende Erfahrungen sammelt, der an seiner nicht ganz unproblematischen Großfamilie hängt, der gern experimentiert und sich im Zeitungsmachen oder im Geschichtenschreiben übt. Und der das andere Geschlecht für sich entdeckt… Der Roman enthält viele autobiografische Bezüge.

Es hat Auster – der am 3. Februar 70 Jahre alt wird – sicher große emotionale Mühen gekostet, sich so intensiv mit seiner Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen und sich in so verschiedene imaginäre Spielarten seines Lebens hineinzudenken. Zwar spielt das Buch in den 50er und 60er Jahren, also zu einer Zeit, als Ferguson sehr jung ist. Geschrieben ist das Buch aber mit der Weisheit und der Reflektionsgabe eines reifen Mannes.

Auster, der mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet ist und zwei Kinder hat, lebt heute selbst in Brooklyn. Bis auf einige Jahre, die er in Frankreich verbrachte, hat ihn das großbürgerliche und intellektuelle New York geprägt.

Sei es, dass er über Freundschaften sinniert, über Beziehungen, über die Schule, die Macht von Büchern, die Bedeutung von Musik oder die Wichtigkeit von Zeitungen – als Leser ist man fasziniert davon, wie tiefsinnig sein Ferguson seine Welt wahrnimmt. Es gibt kaum einen Bereich, den Auster dabei auslässt.

Trotz des Umfangs des Buches liest es sich rasch, denn nicht selten gehen die oft bildreichen Sätze über eine ganze Seite. Das gibt dem Roman etwas wunderbar Episches.

Susanne Stemmler

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman. Rowohlt, 1259 Seiten, 29,95 Euro.