Sibylle Bergs scharfer Roman „GRM Brainfuck“

Sibylle Berg gelingt in ihrem jüngsten Roman „GRM Brainfuck“ ein furioser, aber nicht völlig hoffnungsloser Abgesang auf unsere Gegenwart.

Verfickt nochmal! Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (Foto: Pedersen/dpa)

Wie kriegt man unsere chaotische, gespaltene, von Fake-News und sozialen Medien vergiftete, sich mit Drogen und der Gier nach Geld und Anerkennung über Wasser haltende, immer weiter nach rechts und in die Überwachung durch Computer driftende Gesellschaft noch zwischen zwei Buchdeckel?
Der Franzose Michel Houellebecq, von den Gegenwartsautoren einer der wichtigsten, stimmt in seinem jüngsten Roman „Serotonin“ einen Abgesang auf den depressiven alten weißen Mann an. Das wirkt streckenweise ziemlich defensiv und resignativ.

Ganz anders macht das Sibylle Berg, die 56-jährige, ausgerechnet aus der Klassik-Hochburg Weimar stammende, in die Schweiz „geflüchtete“ Prosa- und Theaterautorin, deren Leben von Anekdoten umrankt ist, und die sich so rar macht, wie sie als „Spiegel“-Kolumnistin präsent ist. Sie hat sehr tief Luft geholt, lange nachgedacht, die literarischen Boxhandschuhe angezogen und legt nun einen großen Roman vor, der die Wucht eines Faustschlags hat.

„GRM Brainfuck“ heißt das Werk, das in einem heruntergekommenen Post-Brexit-Großbritannien der Gegenwart und der nahen Zukunft spielt und vier Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die Milieuforscher im prekärsten Prekariat verorten würden.

Der Alltag von Don, Karen, Hannah und Peter im heruntergekommenen Rochdale bei Manchester hat jegliche bürgerliche Strukturen verloren, zudem sind Polizei und Militär privatisiert, die Wirtschaft haben chinesische Investoren übernommen. Politiker sind nur noch Medien-Avatare, die Diktatur kommt in Form eines sedierenden Sozialstaats daher: Wer sich einen Chip zur Totalüberwachung einpflanzen lässt, bekommt dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was leicht zur Karikatur einer dystopischen Gesellschaft missraten könnte, entwickelt dank Bergs originell-intensivem, grammatische Regeln und zeitliche Zusammenhänge verschiebendem Stil einen beklemmenden Sog. Eine Handlung, wie man sie in der Tradition des bürgerlich psychologischen Realismus erwarten würde, gibt es kaum mehr. Die vier Hauptfiguren definieren sich über die Musikrichtung Grime (kurz GRM), eine Mischung aus Rap und Postpunk, die in England immer neue kurzlebige Youtube-Stars produziert und bei Berg zum Soundtrack der sozialen Apokalypse wird.

Aber eben auch zum Hoffnungsschimmer einer Humanität des Trotzdem: Denn über diese Musik finden die Vier zumindest ein Stück weit eine eigene Identität, gelingt ihnen im Chaos um sich herum eine Art Selbstbehauptung, die sie erst zu Menschen werden lässt.

Letztlich kann sich Berg in „GRM Brainfuck“ nicht ganz von der Erzähl-idee einer Künstlerutopie verabschieden. Andererseits, an irgend etwas muss gerade ein Mensch in der heruntergekommensten, perspektivlosesten Gesellschaft ja noch glauben, wenn er nicht völlig seine Seele verlieren will.
So berauscht sich der gut 600 Seiten dicke Roman eben nicht nur am furios und kraftvoll geschilderten Elend unserer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Nein, Berg findet auch zu einem entrückt-schrägen Ton der Hoffnung, vielleicht sogar der Buße, wer weiß? So lange es Menschen gibt, besteht immer auch noch die Hoffnung auf die Befreiung, den Umsturz, die Revolution. Wer Sibylle Berg liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es dafür inzwischen höchste Zeit ist.

Thomas Heinold

Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 Euro.

Stark: David Mitchell durchmisst die Welt

David Mitchell, weltberühmt seit seinem Erfolg „Wolkenatlas“, ist ein Erzähler, der die vielen bunten Fäden, aus denen sich seine Geschichten entwickeln, immer fest in der Hand behält. Seine Fantasie mag von einem heißen Sommer 1984 an der Themse über einen mörderischen Kampf in einem mystischen Kloster auf dem Schweizer Sidelhorn bis zum Ende der Zivilisation 2043 reichen. Die Erzählerfiguren, die er sich ausgedacht hat, mögen ein globetrottender Schriftsteller, ein von zu Hause ausgerissener Teenager oder ein unsterblicher Körperwanderer sein.

NZ-Mitchell Alles in Mitchells Werk ist raffiniert gesponnen und miteinander verwoben. Und das über die einzelnen Bücher hinweg: In den sechs Teilen seines sechsten Romans „Die Knochenuhren“ treffen wir auf alte Bekannte aus seinen früheren Geschichten, Hugo Lamb aus „Der dreizehnte Monat“, die Naturwissenschaftlerin Mo Muntervary aus „Chaos“ oder verschiedene Figuren aus „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Diesmal ist eine Frau der rote Faden durch Raum und Zeit. Die junge Holly Sykes ist nach einem Streit mit ihrer Mutter abgehauen. Am Ufer der Themse begegnet sie einer einsamen ältlichen Anglerin, die sie um Schutz und Hilfe bittet. Noch ahnt Holly nicht, dass diese Begegnung kein Zufall und sie schon lange Teil eines erbitterten Krieges zwischen verschiedenen Fraktionen von Unsterblichen ist. Nebensächliche Details dieses Sommers werden sich Jahrzehnte später als lebenswichtige Lektionen und Hinweise erweisen.

Schon allein die Art und Weise, wie der britische Autor Realismus und sehr konkrete Gesellschaftskritik mit Fantasy, Horror und dystopischer Science-Fiction konfrontiert, wie er seine Geschichte mit jedem neuen Teil scheinbar neu beginnt und doch weitererzählt, das ist wirklich atemberaubend. Dazu kommen Figuren, die die Leser ebenso irritieren, wie überraschend berühren.

Der Kriegsberichterstatter, der sich zwischen Beruf(ung) und Frau und Kind entscheiden soll. Die alte Frau, die im Angesicht eines Rückfalls der Welt ins Mittelalter die ihr liebsten Menschen aufgeben muss. Der moralisch verworfene Cambridge-Absolvent, der während der Weihnachtsferien gleich zwei Angebote erhält, die sein Leben verändern könnten.

Die Entscheidungen, die in den „Knochenuhren“ getroffen werden, sind alle menschlich und übermenschlich zugleich – und Teil eines großen Plans oder „Skripts“, das sich erst allmählich enthüllt. Sensible Geschichten um Liebe und Freundschaft, Schuld und Vergebung stehen neben Horrormomenten, als hätte Stephen King sich kurz eingeschlichen, oder Beschreibungen von physischer und psychischer Gewalt, die das Weiterlesen schwer machen.

Aber weiterlesen muss man. Dieser Roman ist ein „Reißer“, dessen 816 Seiten buchstäblich Welten durchmessen. Und mehr soll hier gar nicht verraten werden!

Andreas Frane

David Mitchell: Die Knochenuhren. Deutsch von Volker Oldenburg. Rowohlt, 816 Seiten, 24,95 Euro.