Short Stories vom Feinsten: Fante, Yates und Salter

Keiner schreibt bessere Kurzgeschichten als amerikanische Autoren. Zum Beispiel John
Fante – der immer wieder neu entdeckt wird (und immer wieder neu vergessen). Aber Fans wie Charles Bukowski – „John Fante war mein Gott“ – wussten schon, was sie im Werk des erst posthum erfolgreichen Schriftstellers (1909 –1983) fanden: eine unverstellte, gern naive Stimme, viel Witz und viel Wärme im Blick auf das ganz normale Leben und Streben kleiner Leute.

Fantes Bücher sind alle autobiografisch, spiegeln die familiäre Enge italienischer Einwanderer, die katholische Kindheit in Colorado. Der Vater ein armer Maurer, die Mutter fromm und betrogen, dazwischen der Sohn, der davon träumt, Baseballstar zu werden. Das ergibt Situationen, die der Kurzgeschichtenband „Little Italy“ (Maro Verlag, 20 Euro) – übrigens erstmals auf Deutsch – betont kindlich und komisch schildert. Wie soll man zur Erstkommunion, wenn man nicht mal ein ordentliches weißes Hemd hat? Eine Tragödie mit zu langen Ärmeln!

Der Schriftsteller Alex Capus wiederum, selbst seit langem Fante-Fan, hat nun auch den ebenfalls sehr kurzen Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ übersetzt (Blumenbar, 16 Euro). Wirtschaftskrise, eisiger Winter, erste abgewiesene Liebe – dem jungen Dominic Molise wird nichts geschenkt, auch nicht vom Elternhaus. Wird er sich gegen den Vater durchsetzen können und mit seinem starken linken Wurfarm zum Sporthelden werden? Eine Geschichte, die erheitert und zu Herzen geht – ohne einen Moment sentimental zu sein.

Ähnlich wie John Fante stets auf Augenhöhe mit seinen Figuren war der inzwischen als moderner Klassiker anerkannte Richard Yates (1926 – 1992). Nun sind auch neun seiner Erzählungen, die bislang noch nicht veröffentlicht waren, auf Deutsch herausgekommen – und bestätigen seinen Rang als großer Menschenfreund und -kenner.

Kriegsveteranen und Krankenhausromanzen, bröckelnde Ehen und Affären mit bitterem Ende: „Eine letzte Liebschaft“ (DVA, 19,99 Euro) führt geradezu idealtypisch vor, wie intim sich Yates in seine Alltagshelden einfühlt und ihre seelischen Nöte ahnt. Allein der Fund einer 50-Cent-Münze im Schulhof kann das Leben eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen völlig durcheinanderbringen – hätte sie nur nicht ihrem dummen Bruder davon erzählt . . . Kleines Herz in kargen Zeiten, von allen verkannt! Dass in einer Story James Joyce zitiert wird, ist kein Zufall: Yates führte das literarische Erbe grandios fort.

Artverwandt in den Themen und Milieus, aber ganz anders im Stil war der aus der gleichen Generation stammende James Salter (1925 – 2015). Lange Jahre Kampfpilot, wovon er in seinen Romanen berichtete, wurde Salter zu einem der raffiniertesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Der noch von ihm selbst angelegte Band „Charisma“ fasst alle seine Short Stories zusammen und ergänzt sie mit drei Vorlesungen, die er übers Schreiben hielt.

Salter war, wenn man so will, eine Schaltstelle zwischen Hemingway und John Updike: ein Erzähler lakonisch kühler Sätze und überaus geschliffener Dialoge, der den emotionalen Abgrund, in den seine Figuren geraten, oft nur andeutet. Dazu die durchaus pikante Note, das erotische Prickeln, die nicht nur in den Dreiecksgeschichten spürbar sind . . . (Berlin Verlag, 22 Euro).

Wolf Ebersberger

Margaret Atwoods brillante Erzählungen: „Die steinerne Matratze“

Frauen leben länger — nicht nur aus biologischen Gründen. Manchen Männern muss man einfach beim zeitigen Abtreten helfen, meint Margaret Atwood. Ihre neuen Erzählungen „Die steinerne Matratze“ sind ein wahrhaft mörderisches Vergnügen.

Man vergisst leicht, dass Margaret Atwood schon 77 ist. Und damit selbst so alt wie die allesamt schon etwas angetagten, ja angenagten Männer und Frauen, von denen sie in ihrem neuen Kurzgeschichtenband „Die
steinerne Matratze“ erzählt: gewohnt komisch eben und ohne jedes wohlfeile Mitleid. Spöttischer denn je – was auch an der beherzten, mitunter saloppen Übersetzung liegt – macht sich die kanadische Autorin da über den unvermeidlichen Hingang der Kreatur Mensch her.

NZ-atwood „Fackelt die Alten ab“, der Titel der letzten Story, wird – so hoffen wir – dennoch nicht ihr eigenes Motto sein. Mit wachem, durchaus besorgtem Blick in die Zukunft einer überalterten Gesellschaft schildert Atwood darin ein nobles Seniorenheim, das in den Fokus einer landesweiten Protestbewegung frustrierter junger Leute gerät. Als Brandstifter rücken diese, mit Babymasken getarnt, bereits militant näher . . .

Ein Horrorszenario, wie Atwood es insgeheim liebt – und gleichzeitig eine Art später Operette. Wilma, die Protagonistin, lässt sich im feinen Ambiente erst mal von einem ungarischen Galan verwöhnen. Sie braucht ihn auch als Berichterstatter, denn Wilma sieht fast nichts mehr, nicht mal sich selbst im Spiegel: „Es ist wie im Internet, bei diesen Leerstellen in Gesichtsform, wenn noch das Foto fehlt“.

Dafür sieht sie befremdliche kleine Wesen, kostümiert wie in einem Historienfilm, keck vor ihrer Nase tanzen. Muss sie sich ernsthaft Sorgen machen? Immerhin der Geruchssinn funktioniert noch, und Wilma wittert, wenn alle im Speisesaal sitzen, die „Basisnote schleichenden Verfalls und undichter Stellen“ durch sämtliche Kosmetika hindurch: „Zarte Blütendüfte bei den Frauen, knackige Gewürznoten bei den Männern, innerlich noch immer ganz die knospende Rose, ganz der schroffe Pirat“.

Atwood hat eine stilistische Meisterschaft erreicht, deren gnadenlose Ironie und süffisant ausgestellte Sinnlichkeit immer wieder an den unvergessenen John Updike erinnern. Anders als dieser aber verkneift sie sich jede Nostalgie, jedes sentimentale Nicken, sieht dem nur bedingt eingeschränkten Treiben ihrer Senioren, die oft von der Vergangenheit eingeholt werden, munter und maliziös zu.

„Verna hatte anfänglich nicht vorgehabt, jemanden zu töten“, fängt etwa die Titelgeschichte an – und natürlich zieht so ein Satz den Leser unweigerlich hinein. Verna, die lustige Witwe (von drei Männern), die eigentlich nur Urlaub machen will und eine Arktis-Kreuzfahrt bucht (auf der vielleicht auch Mann Nummer vier ist), trifft unerwartet auf ihre erste große Liebe aus der fernen Jugend. Die damals allerdings ein bitteres, brutales Ende fand, mit fatalen Folgen. Ein Leben später ist die Zeit für Rache gekommen, so scheint es. Und Verna weiß doch, wie man reiche ältere Herren unauffällig ins Jenseits befördert, oder nicht? Bob, pass auf!

Das mag moralisch bedenklich sein, unterhaltsam, und zwar auf klügste Weise, ist es dennoch, wenn Atwoods schwarze Spinnen ihre Fäden sortieren und die ahnungslosen Opfer bald sanft umgarnen.

Ein eigenes Buch im Buch bilden die ersten drei der neun Geschichten, die eine gescheiterte Beziehung von einst erneut in die Jetztzeit holen, wie ein Triptychon auf drei Sichtweisen verteilt. Im Zentrum: die Schriftstellerin Constance, die wider Erwarten mit einer Fantasy-Reihe reich und berühmt wurde, während ihr viriler, aber betrügerischer Ex-Liebhaber Gavin als Dichter nie wirklich abhob. Gefährlich wütet ein Eissturm um ihr Haus, da träumt sie wieder von ihm – und befreit sich auf diese Weise als Witwe vielleicht auch von ihrem Mann, dessen Stimme sie immer noch hört. War er nicht ebenfalls untreu?

Wie fair Atwood im Umgang mit den Geschlechtern bleibt, zeigt sich, wenn sie den maroden Gavin im Rentnerparadies Florida danach selbst zu Wort kommen lässt und dann auch noch auf Marjorie schwenkt, die Frau, mit der Constance ihn damals ertappte. Ein Reigen, der, nun ja, am Friedhof endet – aber tatsächlich auch friedlich. Gefühle altern nicht, doch man kriegt sie vielleicht irgendwann in den Griff. Bevor alles zu spät ist . . .

Wolf Ebersberger

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, 304 Seiten, 20 Euro.

Stories von Javier Marías: Die Liebe ist gespenstisch

Der spanische Romancier Javier Marías kann auch die – etwas – kürzere Form. Sein Sammelband „Keine Liebe mehr“ trägt den Untertitel „akzeptierte und akzeptable Erzählungen“.

Javier Marías hat sich mit seinem unterhaltsamen und gleichermaßen eleganten Schreibstil spätestens seit dem Roman „Mein Herz so weiß“ (1998) ins Bewusstsein auch der deutschen Leser geschrieben. Sein Faible für die dunklen Seiten der Liebe färbt offensichtlich auf seine Stories ab – an Gespinsten und Gespenstern, diesen Lieblingsmotiven des Autors, mangelt es nicht.

javier Marías (65) ist als Charakter gestanden und als Belletrist kultiviert genug, die seichten Seiten der Geisterthematik beflissen zu umschiffen. Es sind keine Schlossgespenster, keine Klabautermänner und auch keine Meister der schwarzen Magie, denen er Eintritt in seine Erzählungen gewährt, es sind Großstadtmenschen im Bann der Vergänglichkeit. Ähnlich wie seine Romane – zuletzt „Die sterblich Verliebten“ (2011) und „So fängt das Schlimme an“ (2014) — es bereits im Titel andeuten , so durchdringt auch die Erzählungen eine sinnliche Schleierhaftigkeit.

Etwa in „Wenn die Frauen schlafen“. Darin gesteht ein Strandgast seinem Nachbarn das Unerhörte: dass er auf die Beziehung zu seiner sehr viel jüngeren Begleiterin seit ihrem siebten Lebensjahr gewartet hat, geduldig bis zu deren Volljährigkeit und bis ins letzte Detail vorbereitet, was ihre altersgemäß ganz anderen Interessen betrifft. Und dann sagt er, dass er sie töten wird. Und warum.

In „Lanzenblut“ wiederum, das einige der fiebrigsten Passagen des Buches enthält, wird ein homosexueller Mann im Bett neben einer Prostituierten aufgefunden – beide mit einer mittelalterlichen Lanze erdolcht. Die Puzzlestücke der Erklärungen dafür scheinen nicht zusammenzupassen. Umso weniger, als ein guter Freund des Ermordeten genau jene Frau, die offensichtlich tot neben dem Opfer lag, in einem Restaurant später wiederzuerkennen glaubt. Und ihr folgt.

Trefflich verknappt Marías das Leben besonders in „Als ich sterblich war“. Die Erzählstimme gehört einem Gespenst. Es gewinnt mehr und mehr unser Mitgefühl: weil wir von der Grausamkeit erfahren, sich im Nachhinein an alles im Leben erinnern zu müssen. Selbst an solche Angelegenheiten, die zu Lebzeiten verborgen blieben.

Marías’ Stories stammen aus den Jahren 1968 bis 2005 und sind weitgehend schon einmal erschienen. Das macht nichts, denn seine Gedankenspiele über das Mögliche, das im scheinbar Unmöglichen liegt, sind zeitlos. Sie fangen wie die Liebesaffären immer wieder von vorne an.

Es geht um Verwurzelte im Alltag, deren Innenleben in Aufruhr gerät, weil sie an fremde Sphären stoßen.
In „Geringere Skrupel“ ist es die alleinerziehende Mutter, die aus Geldsorgen zum Porno-Dreh kommt und der dann ihr Filmpartner im Wartezimmer gesteht, was noch schlimmer im Leben ist als die nackte Realität, in der sie sich anschließend wiederfinden werden.
 
Schon der Titel des Sammelbands „Keine Liebe mehr“ besticht durch Doppeldeutigkeit. Gibt es keine Liebe mehr oder ist keine mehr erwünscht? Wehmut und Klärung, Sehnsucht
und Schmerz sind Marías’ Beiwerk in allen Erzählungen.

Gut, manchmal überschreitet er mit seinem Schreibstil auch die Grenze zum Manierierten, manchmal windet und zieht der Autor seine Sätze fast bis zur Unerträglichkeit, um dann endlich doch noch auf den Punkt zu kommen. Vielleicht genau sein Ansatz: eine Ästhetik des Vagen aufzuziehen. In den guten und besseren Stellen seiner akzeptablen und akzeptierten Stories wird das Fantastische zur Fährte – und der nebulöse Schleier zum Sog.

Christian Mückl

Javiar Marías: Keine Liebe mehr. Akzeptierte und akzeptable Erzählungen. S. Fischer, 512 Seiten, 25 Euro.

Judith Hermanns neue Stories: „Lettipark“

So schmal die Stories auch sind: Ein neues Buch von Judith Hermann ist immer ein Ereignis.

Vielleicht ist sie tatsächlich die beste Erzählerin von Kurzgeschichten in diesem Land. Aber dieser Superlativ, berechtigt wie er sein mag, passt so gar nicht zu Judith Hermann und ihrem Stil. So dezent, so undeutsch, so luftig und leicht, wie die 1970 in Berlin geborene Autorin ihre lose gehaltenen Sätze webt. Auch in „Lettipark“, ihrem jüngsten Band.

Feuilleton-Judith Dabei geht es ihr auch nie um etwas wie Zeitgeist oder explizite Gegenwart, um Krisen, Flüchtlinge, wirtschaftliche Existenzängste. Es geht ihr, auch wenn die Prosa zerbrechlich ist wie Porzellan, um elementarste Dinge und Erfahrungen, um Leben und Zeit, um Freundschaft, Liebe, Veränderung. Aber eben – man staune – in Geschichten, die auch nur sechs Seiten lang sein können.

So wie „Kohlen“, die erste – und wohl eine der schönsten. Briketts werden da geliefert und müssen in einem Stall verstaut werden. Die Familie – oder Kommune? – will ja warm über den Winter kommen. Alle helfen mit, auch der kleine Nachbarsjunge, Vincent, vier Jahre alt, der mit seinem Rad dazukommt. Um ihn wird es gehen – und darum, wie er damit lebt, dass er erst im Vorjahr seine Mutter verloren hat. Eine lange Leidensgeschichte, vielleicht: ein gebrochenes Herz. Aber Vincent ist nicht gebrochen. Er macht, auf ebenso kindliche wie schon erwachsene Weise, einfach weiter. Er packt mit an – „und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien“.

Kohlen, schwarz und dreckig, die zu etwas Hellem und Heiligem werden: ein gewagtes, unglaubliches Bild, das in seiner religiösen Überhöhung des Alltags auch bei James Joyce und seinen „Dublinern“ stehen könnte. Ohne, dass es der Leser merkt, läuft die Geschichte auf diesen letzten Satz, dieses letzte, erlösende Bild hinaus – eine Epiphanie. Die aber, und das ist die Kunst der seit „Sommerhaus, später“ bei Kritikern wie Lesern erfolgreichen Judith Hermann, nie prätentiös wirkt.

Leser, die keine Kurzgeschichten mögen, weil sie daran nicht satt werden – werden hier verhungern; Leser, die Kurzgeschichten gerade mögen, weil sie, wie eine Kostprobe, auf das große Ganze neugierig machen, ohne den Magen zu füllen, womöglich süchtig werden. Eigentlich sind es ja nicht mal Geschichten. Es sind einzelne Situationen, die sie herausgreift, vage Skizzen, die sie entwirft.

Begegnungen, Wiederbegegnungen, Blicke, der Liebe und der Fremdheit. Freundschaften, vor allem von Frauen, die bestehen oder nicht. Wie in „Solaris“, in der Ada, nun Fotografin, Ehefrau und Mutter, nach Jahren die Schauspielerin Sophia besucht – und von deren virilem Kollegen erneut erotisch angezogen wird. Wunsch und Wirklichkeit, sie bleiben dennoch zwei Welten.

Wolf Ebersberger

Judith Hermann: Lettipark. Verlag S. Fischer, 192 Seiten, 18,99 Euro.

„Alles kein Zufall“: Anekdoten von Elke Heidenreich

Kleine Geschichten, große Wirkung: Elke Heidenreich hat es mit ihrem neuen Erzählband „Alles kein Zufall“ bis in die Bestsellerlisten geschafft. Was nichts heißen würde – aber das Buch ist auch noch wirklich gut . . .

NZ-elke Ein Glück, dass sie – um es nicht zu vergessen, wie sie offen zugibt – sich alles aufschreibt. Und dann auch noch alles aufhebt. Oder eben aufgehoben hat. Denn das ist das Buch von Elke Heidenreich ja auf jeden Fall: ein Versuch, die über die Jahre wild und wahllos angesammelten Erinnerungen, Briefe und Notizen – häufig nur auf kleinen Zetteln, in Kisten oder als Lesezeichen in Büchern verwahrt – neu zu sichten und zu werten.

Endlich mal aufzuräumen und also auch auszumisten, sich zu befreien vom Ballast des gelebten und gelittenen Lebens, Abschied zu nehmen von alten Lieb- und Freundschaften, den bernsteinhaft konservierten Gefühlen aus nicht immer frohen Kinder- und Jugendtagen, von verschütteten Gesten und Gemengelagen, die man, in der Rückschau, vielleicht kaum mehr begreift.

Schau mal, das war ich damals – und das der Mann an meiner Seite. Kaum zu glauben! Herrje, wie die Zeit vergeht . . .

Hat die erfolgreiche Autorin und Kritikerin, Jahrgang 1943, hier einfach nur ihre Schubladen geleert und daraus – schnell, schnell – ein nettes Büchlein geschustert? Nein, das nun zum Glück nicht. „Alles kein Zufall“, wie Heidenreich das vernügliche Ergebnis nennt, ist zwar durchaus ein Zettelkasten – voller Anekdoten, Episoden, kleiner, aber besonderer Erlebnisse und Zitate –, zugleich jedoch auch eine heimliche Autobiografie.

Und das ist das Interessante daran: Tiefer denn je lässt sie hier blicken, in den eigenen, nicht selten chaotischen Haushalt der Emotionen, in die ewige Rühr- und Verführbarkeit durch die Reize männlicher Weggefährten, in das lebenslang problematische Verhältnis zu ihrer Mutter. Bis dorthin, wo es wehtat – und manchmal noch immer tut. Heidenreich nennt nicht unbedingt Namen, gibt aber klar und eindeutig Auskunft. Ebenso uneitel wie schonungslos, sich selbst und den anderen gegenüber.

Um dem Ganzen eine Ordnung zu geben, hat sie ihre Texte und Textchen – kaum mehr als eine Seite lang, oft nur ein paar Sätze – nach dem Alphabet betitelt. Von A wie „Allein“ bis Z wie „Zufall“. Oder eben „Alles kein Zufall“, wie es abschließend und gleichsam als Bilanz heißt. Denn fast schon abergläubisch hält sich Heidenreich fest an den Koinzidenzen und „Zeichen“, als die sie das vermeintlich Zufällige sieht: wie jenes Containerschiff „Esperanza“, das gerade den Rhein hinabfährt, als sie, melancholisch ob eines ganz besonders grauen Tages, am Ufer steht und zagt. Esperanza – die Hoffnung.

Es geht also auch um Verzweiflung, um Krebs-Krankheit und Krise, vom Tagebuch belegt. Und genauso um Kraft und Zuversicht, um Mut und Weitermachen, das Annehmen, ja sich geborgen Fühlen in Sein und Zeit. „Zweimal im Leben hatte sie, die bewusst Kinderlose, so ein winziges Kind im Arm“, schreibt sie über das geahnte Glück im Angesicht von Nachwuchs – in der dritten Person. Gerade die gewählte Distanz berührt.

Anderes lässt schmunzeln, mitunter laut auflachen. Etwa wenn sie von dem Freund erzählt, der, ein alter Schwerenöter wie einst ihr Vater, immer ein Paar Frauenschuhe dabei hat – um sie neben seinen vors Hotelzimmer zu stellen . . .

Kleine Marotten, Kindermund, ein Mops als Begleiter: Wie schade, wenn Heidenreichs bezaubernde Zettel ungelesen geblieben wären!

Wolf Ebersberger

Elke Heidenreich: Alles kein Zufall. Hanser, 234 Seiten, 19,90 Euro.

Eine Entdeckung: die Autorin Lucia Berlin

Eine literarische Stimme, die man noch nicht kannte – und so schnell nicht wieder vergessen wird: Lucia Berlin. Zum ersten Mal ist die einzigartige amerikanische Autorin (1936 – 2004) nun auch auf Deutsch zu erleben.

berlin So ein wunderbarer Name, fast wie erfunden: Lucia Berlin. Könnte er nicht gut aus dem New Yorker Dunstkreis eines Andy Warhol sein? Sie wissen schon: Eine dieser schönen Damen, die womöglich gar keine Dame ist, nur sehr androgyn und natürlich – oder auch unnatürlich – sehr sehr glamourös. Ein Geschöpf aus der „Factory“ des Künstlers, nachtschwarz schimmernd, somnambul und sexy.

Aber es hat sie wirklich gegeben und sie hat wirklich so geheißen. Und was sie geschrieben hat, diese große, bei uns kaum bekannte Schriftstellerin, hat sich auch wirklich ereignet – zumindest im Kern. Oder wie sie es selbst, frontal offen und flatterhaft, in einer ihrer Geschichten formulierte: „Ich übertreibe oft und verwechsle oft Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

Sie lügt nie. Ja, das spürt man als Leser, und noch in der kleinsten der 30 Kurzgeschichten des Bandes „Was ich sonst noch verpasst habe“. Mit ihm wird die amerikanische Autorin erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Mit ihm müsste sie – so Gott will, aber will er? – endlich berühmt werden, wie sie es zu Lebzeiten nie wurde. Auch nicht in ihrer Heimat. Dort hat letztes Jahr immerhin ein neuer Auswahlband – anders betitelt, aber Grundlage der deutschen Ausgabe – für Furore gesorgt und die Autorin posthum populär gemacht.

Denn Leser, die Freude haben an der unscheinbaren, doch schicksalsträchtigen Erzählkunst einer Alice Munro, am jüdisch gepfefferten Plauderton einer Grace Paley, am dunklen, mit Aberwitz überbrückten Seelenabgrund einer Sylvia Plath – all diese Leser werden auch Lucia Berlin ins Herz schließen. Und zwar von den ersten saloppen Zeilen an, mit denen ihre so leicht wirkenden, in Wirklichkeit schweren, weil durchwegs erlittenen Geschichten beginnen.

Manches bleibt Skizze, wird nicht weitergesponnen. Und doch: Alle Stationen, die Lucia Berlin in ihrer wechselhaften Biografie durchlief, finden sich auch in diesen unerschrocken komischen, dann wieder unerwartet rührenden Stories wieder.

1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geboren und zunächst in Minenstädten des Westens aufgewachsen, kam Berlin zur Mutterseite nach Texas – ein Nest von Suff und Missbrauch. Bald ging es nach Chile, wo die Familie als Upper Class ihren bescheidenen Reichtum feiern konnte, dann querbeet durch Mexico, New Mexico, Kalifornien. Drei Ehen, vier Söhne, viel Alkohol, zuviel Alkohol, immer wieder, dazu lebenslang die Krankheit Skoliose. Am Ende eine sichere Stelle an der Uni von Boulder, Colorado, und – stets neben sich – ein Sauerstoffgerät.

Von den Erinnerungen an den Großvater, einen heruntergekommenen Zahnarzt (dem sie, fast surreal, helfen muss, sich alle Zähne zu ziehen), über die Schikanen der Klosterschule (als Außenseiterin im Stahlkorsett) bis zu den vielen Jobs, mit denen sie sich und die Kinder über Wasser hielt (Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Arzthelferin in der Notaufnahme): Berlin packt die Situationen am Schopf und, samt aller haarsträubenden Details, in eine ungeschönte, unerhört lebendige Prosa. Antje Ravic Strubel, selbst Autorin, hat sie trefflich übersetzt.

Manchmal denkt man an Raymond Carver oder gar an Bukowski: Aber Berlin hat ihren ganz eigenen Stil, die Dämonen zu bannen. Wenn sie von der späten Wiederannäherung an ihre Schwester berichtet, als diese Krebs im Endstadium hat, davon wie sich beide, nun versöhnlich, an die kalte Mutter, auch sie Trinkerin, erinnern, dann zeigt der Blick aufs harte Sein die zartesten Seiten. Sie sind es, nicht die Grausamkeiten, die den Atem des Lesers stocken lassen.

Wolf Ebersberger

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Arche Verlag, 382 Seiten, 22,99 Euro.