Bob Dylan trifft Tomas Espedal

Es gibt wenige, die den radikalen Weg zwischen biografischem und fiktionalem Erzählen so verfolgen wie der norwegische Autor Tomas Espedal und der amerikanische Musiker Bob Dylan. Fast zeitgleich sind nun Bücher von beiden erschienen.

„Einige Jahre suchte ich fast verzweifelt nach einem Beruf, der mich vom Schreiben befreien könnte.“ Schreibt Tomas Espedal. Als wolle er sich mit dem Schreiben vom Leben befreien. Oder vom Lieben. Ums Schreiben, Leben, Lieben kreisen seine Gedanken.

„Biografie. Tagebuch. Briefe.“ ist ein sehr nüchterner Titel für die jüngste Veröffentlichung des Romanciers auf Deutsch. Doch die Klarheit schließt ja die brennenden Sätze nicht aus, die darin stecken. „Es gehört nichts dazu, zu reisen, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen . . . um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.“

Sein Kollege Karl Ove Knausgård hat ihm wohl einmal auf einer Party gesagt, er schreibe so „schön“. Was Espedal zu denken gab. Für den 1961 in Bergen Geborenen, der zu den preisgekrönten Autoren seines nordischen Landes zählt, ist „schön schreiben“ wohl eines der letzten Dinge, worum es ihm geht – passionierter Pendler zwischen dem erlebten Alltäglichen und dem Fiktiven, der er ist.

Seine große Ernsthaftigkeit und auch Schonungslosigkeit beim Schreiben macht die atemberaubende Qualität seiner überwiegend kurzen Kapitel aus. Auch in der Poesie geht er keine Kompromisse ein, weder vor sich, noch vor seinen Lesern.

Der Handlung dieses außergewöhnlichen, zuweilen sehr intimen Buches voller Gedankenanstöße liegen einschneidende biografische Brechungen im Leben des Autors zugrunde. Er schreibt vom Tod der Mutter und zeitnah von dem seiner Frau, einer Schauspielerin, mit der er zwei kleine Töchter hat. Die Pole seines Alltag verlaufen zwischen dem Gefordertsein als plötzlich alleinerziehender Vater und der Selbstbespiegelung als Schriftsteller, der zwischen Notwendigkeiten wie dem morgendlichen Anfeuern, Wecken, Frühstückmachen und die Mädchenschulfertigmachen sein Warten und Finden von Worten im kaum 30 Meter vom Wohnhaus entfernten Gartenhaus beschreibt. Dort, wo Romane wie „Wider die Kunst“ und „Wider die Natur“ entstanden.

Er hat Trinkphasen. Er hat eine Liebesbeziehung mit einer viel zu jungen Frau. Er hat Fluchten in die Stadt. Aber letztlich strandet er immer bei sich und der Literatur. Und wie einer seiner auch ins Deutsche übersetzten Romane „Gehen“ hieß, verströmen auch seine kurzen Texten zwar Ruhe, doch nie Stillstand. Espedal ist – durchaus artverwandt mit W. G. Sebald oder dem frühen Peter Handke – ein großer Wanderer, der in einer Lebenskrise offenbar halb Europa zu Fuß durchschritt. Wer Sebald und Handke gerne gefolgt ist, wird auch mit diesem die Worte wägenden Norweger einen Weggefährten finden. Weggefährten können aber kauzig sein.

Wie wenig sich einer wie Bob Dylan um seine Außenwahrnehmung als Kauz schert, geht aus dem nun veröffentlichte Buch „Planetenwellen“ wunderbar hervor. Auf Deutsch und Englisch zweisprachig gedruckt, enthält es Gedichte und Prosatexte aus den Jahren 1963 bis 1978, bei deren Übersetzung Heinrich Detering einen guten Job geleistet hat.

Reden und Essays bis hin zu Dylans – sehr, sehr artig ausgefallener – Nobelpreis-Tischrede von 2016 ergänzen die frühen Schriften, kommen aber eher wie ein verkaufstaktischer Bonus-Track daher. Gerade in Anbetracht von Dylans frühen Gedichten, die ihm als Steinbruch für Alben von „Bringing it all back home“ (1965) bis „Live at Budokan“ (1975) dienten. „Und du springst aus dem bett, dass die träume vor dir fliehen/Und du fragst dich und du weißt es nicht/hast du selbst im traum geschrien/Und du weißt du brauchst jetzt etwas um himmels willen/Und du weißt keine droge kann dir diesen wunsch erfüllen/Und kein schnaps im ganzen land kann deine hirnblutung stillen“ schreibt da der wütende junge Mann in „Letzte Gedanken über Woody Guthrie“. So wie er andernorts zarte Zeilen für Joan Baez fand.

In den siebziger Jahren schmeißt Dylan solche Poesien jedoch zum Hotelfenster hinaus und probiert zerstörerische Stilformen aus. So dass man als Leser entweder einen satanischen Pakt mit dem Assoziationsstrom eines alle Verständlichkeiten torpedierenden Kunstschreibers eingehen muss – oder verwirrt auf der Strecke bleibt.

Bei all dem fehlt es Dylan offenbar nicht an Humor, Heinrich Detering erwähnt aufschlussreiche Stellen. Ein Schlüsselzitat aus Dylans Stellungnahmen, Reden und Essays lautet: „Die Kritiker haben auch gesagt, ich lebte davon, Erwartungen zu enttäuschen. Wirklich? . . . Als ob ich abends lange aufbliebe und mich fragte, wie ich das anfange . . . Erwartungen enttäuschen. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet und wer Zeit dafür hat.“

Dylans „Planetenwellen“ und Espedals „Biografie. Tagebuch. Briefe.“ sind bei aller Unterschiedlichkeit wagemutige Beispiele für den schmalen Grat einer Literatur zwischen Kunst und Ich. Auch im Sinne eines Thomas Mann, den Espedal zitiert, weil dieser Schriftsteller einmal als Menschen bezeichnet hat, denen es schwerer fallen würde, Texte zu schreiben als anderen. Hier mit bestem Ergebnis.

Christian Mückl

Tomas Espedal: Biografie. Tagebuch. Briefe. Matthes & Seitz, 347 Seiten, 25 Euro.
Bob Dylan: Planetenwellen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 24 Euro.

Nur Statisten: Jonas Jonassons „Mörder Anders“

Es war zu erwarten: Jonas Jonasson schrieb sich auch mit seinem neuen Roman nach ganz oben. Mit Recht?

Allmählich nutzt sich das Prinzip ab. Mit seinem „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und
verschwand“ wurde der schwedische Journalist Jonas Jonasson berühmt. Sein Erstlingswerk entwickelte sich ruckzuck zum Renner und besetzte auch in Deutschland über Monate hinweg den ersten Platz der Bestsellerlisten. Sein zweites Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, hatte ebenfalls noch einen hohen Unterhaltungswert. Enorm Abwegiges mit lässiger Selbstverständlichkeit zu erzählen, gehört zu Jonassons Spezialgebiet.

Jonasson_JMoerder_Anders__162221 Doch sein jüngster Roman „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem ein oder anderen Feind“, der auch schon ganz oben auf der Verkaufsschlager-Liste steht, liest sich eher wie ein fader Abklatsch seiner Vorgänger. Der Text wirkt, als hätte sich Jonasson nicht viel Zeit zum Schreiben genommen, als spule er ein lange eingeübtes Ritual ab.

Wieder finden sich hier Außenseiter zusammen, um schließlich ein abstruses Geschehen in Gang zu setzen: Da ist Per Persson, der Rezeptionist, der sich vom Leben betrogen fühlt, weil sein Großvater das gesamte Familienvermögen verschleudert hat und er selbst nun das Management in einem Bordell übernehmen musste. Zu ihm gesellt sich die verwahrloste Pfarrerin Johanna Kjellander, die nicht an Gott glaubt und ihre Anstellung verloren hat. Der Dritte im Bunde trägt den Spitznamen Mörder-Anders, hat drei Menschen aus dem Leben befördert und ist nach wie vor gefährlich.

Bis er schließlich mit unfreiwilliger Hilfe der Pastorin Tugend und Nächstenliebe für sich entdeckt. Was seine Geschäftspartner Per und Johanna nicht sonderlich erfreut. Immerhin lässt sich mit Anders’ Aggressivität gutes Geld verdienen: „Sie hatte aus Versehen Mörder-Anders mit Jesus bekannt gemacht, und Jesus wiederum hatte Mörder-Anders dazu bewegt, sowohl dem Alkohol als auch der Auftrags-Körperverletzung abzuschwören.“

Jonas Jonasson ist ein routinierter Schreiber mit einer blühenden Fantasie. Doch auch er ist nicht davor gefeit, Langeweile zu verbreiten. Irgendwann um Seite Hundert herum plätschert das Geschehen noch immer vor sich hin und es drängt sich die Frage auf, ob das denn nun noch bis zur letzten Seite so weiter geht.

Leider ist das der Fall. Das Hauptpersonal hat nicht den Charme des „Hundertjährigen“ oder der „Analphabetin“. Es bleibt blass und eindimensional – als fülle es nur Statistenrollen in einer allzu kauzig konstruierten Handlung aus.

Gabi Eisenack

Jonas Jonasson: Mörder Anders und seine Freunde nebst dem ein oder anderen Feind. Carl’s Books, 352 S., 19,99 Euro.