„Die Fassadendiebe“: ein New-York-Roman

„Die verdammte Stadt schafft es doch stets, wieder neu zu erstehen. Sie gleicht einer Schlange, die wächst, indem sie sich vom Schwanz her selbst verschlingt. Einem Möbiusband der Selbstvernichtung und Wiedererschaffung“, sagt Griffin Watts über New York. Er ist der Erzähler, den sich John Freeman Gill für seine Geschichte „Die Fassadendiebe“ ausgedacht hat.

Und er erinnert sich an den Sommer 1974, in dem er als 13-Jähriger mit seinem Vater die Stadt vor dem Zerbröckeln retten wollte. Oder zumindest die verspielten Verzierungen an den alten Wolkenkratzern in Manhattan, die von der Abrissbirne bedroht waren.

Was bleibt von der alten Substanz? Die Skyline von Manhattan. (Foto: dpa)

Es ist kein Wunder, dass die Topografie und Architektur in John Freeman Gills Romandebüt die Hauptrolle spielt. Der gebürtige New Yorker gilt als Spezialist für Architekturgeschichte und schreibt darüber seit Jahren unter anderem für die „New York Times“ und die „International Herald Tribune“.

Die Detailfreude, mit der Wasserspeier und Zierleisten, Stuckaturen und Kapitelle beschrieben werden, ist gleichzeitig das Besondere und das Problem von „Die Fassadendiebe“. Denn eigentlich ist es die Initiationsgeschichte, sind es die pubertären Sehnsüchte und Nöte Griffins, die im Mittelpunkt stehen sollten. Nach der Trennung seiner exzentrischen Eltern ist sein Familienleben ebenso zerbröckelt wie das architektonische Erbe seiner Stadt.

Und um seinem Vater nahe zu sein, lässt er sich von ihm zu waghalsigen, auch lebensgefährlichen Diebestouren und Rettungsaktionen an den Fassaden von Mietshäusern und Wolkenkratzern missbrauchen: Das manische Bewahren des Vergangenen wird für ihn und seinen Vater zur Bedrohung.

Diese teils sehr amüsante, teils berührende Geschichte um Erwachsenwerden und Desillusionierung, um Unschuld und Erfahrung wird allerdings immer wieder durch das wortreiche Beklagen von Bausünden der 70er Jahre und einen großen Beschreibungsdrang in den Schatten gestellt. Der Liebe zur Stadt und ihrer architektonischen Vergangenheit wird die Spannung und Stringenz der Handlung an zu vielen Stellen geopfert.

Für ein Debüt ist der New-York-Roman vielversprechend, für das nächste Mal wäre ein wenig mehr Konzentration ein Gewinn.

Andreas Frane

John Freeman Gill: Die Fassadendiebe. Berlin Verlag, 464 S., 24 Euro.

Dan Brown als Ursprungsforscher

Der amerikanische Bestseller-Autor Dan Brown macht in seinem neuen Buch „Origin“ den Versuch, komplexe Themen von Philosophie und Religion als Unterhaltungsliteratur an eine große Lesergemeinde zu vermitteln. Das verdient immerhin respektvolle Aufmerksamkeit.

„Origin“ wird sich – anders als zuvor „Illuminati“ oder „Inferno“ – nur schwer verfilmen lassen. Denn im Zentrum der Geschichte steht nicht die Entschlüsselung eines Codes, um im letzten Augenblick die Explosion einer Bombe zu verhindern. Im Zentrum gibt es vielmehr die ausführliche Beschreibung einer Art Video-Dokumentation mit dem Thema des Ursprungs von Leben auf dem Planeten. Es geht um Origin, Genesis, Ursprung. Das ist der Stoff zahlloser Schöpfungsmythen. Auch die drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam erzählen davon.

Deswegen trifft sich Edmond Kirsch am Anfang des Romans mit den geheimen Oberhäuptern dieser Religionsgemeinschaften. Kirsch ist ein Computer-Nerd und Zukunftsforscher, der eine große Enthüllung ankündigt. Von der Nacht an, in der er im Guggenheim Museum von Bilbao vor die (Internet-)Öffentlichkeit treten will, soll alles anders sein. Er will seinem Publikum erklären, warum Gott als Lebensschöpfer überflüssig geworden ist.

Dan Brown stellte sein neues Werk auf der Buchmesse in Frankfurt vor (Foto: dpa). In dem Roman geht er – wie es so seine Erzähltechnik ist – gleich an spektakuläre Schauplätze. Diesmal liegen alle in Spanien: das Kloster Montserrat, das Guggenheim Museum. Später kommen Antoni Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona sowie der Escorial und das „Tal der Gefallenen“ bei Madrid hinzu. Browns Serienheld – der Symbolist Robert Langdon – agiert hauptsächlich in Bilbao und Barcelona. weiter lesen

Ganz anders: Jami Attenbergs „Ehemänner“

Manche Sätze wirken wie das Schrillen eines Weckers am frühen Morgen. Dieser zum Beispiel: „Ich warte auf den Tod meines Mannes, sechs Jahre schon.“

Jami Attenberg (Foto: Zack Smith)

So beginnt der neue Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg. Doch keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Abhandlung über einen Beziehungskrieg. Ganz im Gegenteil. Es geht vor allem um Liebe, Trauer, Verlust und Neubeginn.

Jarvis Miller ist ein sensibles Wesen. Seit ihr Mann Martin im Koma liegt, hat sie aus Kummer und Verzweiflung aufgehört, am Leben teilzunehmen. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis ihr Mann wieder aufwacht und einfach der alte ist. Aber das wird er niemals wieder sein.

Martin und Jarvis sind in New York zu Hause, er ist ein viel beachteter Künstler, sie die Frau an seiner Seite, die ihn anhimmelt und deren Schutzbedürftigkeit seinem Ego gut tut. Die beiden sind jung, glücklich und auf Partys immer gerne gesehen.

Eines Tages stürzt Martin bei der Arbeit – er ist Künstler – von einer Leiter, verletzt sich schwer am Kopf und taucht ins Nirgendwo ab. Betreut wird er von nun an in einem Heim, seine Frau besucht ihn regelmäßig. Bis sie nicht mehr kann. Jarvis wird mehr und mehr bewusst, dass sie in einem Totenreich lebt, aus dem sie ausbrechen muss. Dabei helfen ihr Begegnungen in einem Waschsalon – mit anderen Ehemännern.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jami Attenberg, Jahrgang 1971, ist eine Spezialistin für Menschen, die unsanft aus ihrem Alltag gerissen werden. In ihrem neuen Roman lässt sie nicht nur Jarvis’ Welt aus den Fugen geraten. Alle, mit denen die junge Frau zu tun hat, werden am Ende der Geschichte nicht mehr die selben sein . . .

Jarvis selbst steht schließlich vor der wohl wichtigsten Entscheidung ihres Lebens – und sie trifft die richtige.

Gabi Eisenack

Jami Attenberg: Ehemänner. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Schöffling & Co, 328 Seiten, 24 Euro.

Richard Fords Elternbuch: „Zwischen ihnen“

US-Autor Richard Ford, Jahrgang 1944, liefert sonst eher dicke Bücher. Sein neuestes ist dagegen ganz dünn: „Zwischen ihnen“, ein nüchtern-inniges Doppelporträt seiner Eltern.

Als Kind seiner Eltern, schreibt Richard Ford, hatte er gleich einen doppelten Luxus: Er war „ein spätes Kind und ein Einzelkind“. Da geht es ihm aber gar nicht, wie man denken könnte, um seine privilegierte familiäre Stellung – um ungeteilte Aufmerksamkeit, vielleicht Liebe. Es geht ihm, und zwar als Autor seiner Geschichte, um die resultierende Freiheit: „allein und ungestört über die Zeit des ganzen Vorgeschehens zu spekulieren – das lange Leben der Eltern, an dem man keinerlei Anteil hatte.“

Ein interessanter Ansatz – der noch einmal in die Irre führt. Denn wo man nun, als gespannter Leser, erwarten könnte, dass Ford – immerhin Verfasser gigantischer Romane wie „Unabhängigkeitstag“ – weit ausholt und die eigene Imagination spielen lässt, verbietet sich der amerikanische Autor gleichsam sein Handwerk.

Deshalb ist „Zwischen ihnen“, dieses skizzenhafte Porträt seiner Eltern Parker und Edna, letztlich so schlank geblieben. Deshalb ist es – ein fast schon janusköpfiges Werk – durchaus spannend, auch wenn nichts Dramatisches berichtet wird.

US-Schriftsteller Richard Ford (Foto: dpa)

Ein Schriftsteller, selbst schon ein älterer Mann, versucht sich an seine Kindheit zu erinnern und muss einräumen, dass er es in vielem gar nicht kann. Er stellt Fragen, an seine Eltern, an sich, weigert sich aber gewissenhaft, Antworten zu erfinden, wenn er sie nicht findet. Seine Eltern: Fremde, wenn man so will. Sie lassen sich nicht vereinnahmen.

Richard Ford macht aus der Not eine Tugend: Er bleibt bei den Fakten, dem „verengten Blickwinkel“ des Kindes, das er war und immer sein wird, und ergänzt sie, sehr knapp, eher kommentierend, mit den Einsichten des Erwachsenen. Und wie soll er seinen Vater anders beschreiben als über dessen lange „Abwesenheit“?

Ein Handlungsreisender, der Montag früh wegfuhr und Freitagabend wiederkam – unterwegs in den Südstaaten für die Firma „Faultless“. Deren damals sehr gefragtes Produkt: Wäschestärke.

Fünfzehn Jahre waren die Eltern bereits verheiratet, bis dann doch noch ein Kind kam: 1944 in Jackson, Mississippi. Was hat sich mit ihm alles für sie geändert, fragt Richard Ford im spekulierenden Rückblick. Ging es ihnen, gemeinsam „on the road“ unterwegs und keinem Vergnügen in Hotels, Cafés und Kneipen abgetan, vorher nicht besser? „Sie wollten mich; aber sie brauchten mich nicht“, bilanziert Ford skeptisch. „Zusammen – vielleicht nur zusammen – blühten sie erst richtig auf.“

Die Familie wurde sesshaft, verband sich mit der Großmutter mütterlicherseits und ihrem ebenso leichtlebigen zweiten Mann, die zusammen ein Hotel in Arkansas führten. Der Vater des Vaters hatte sich als Bankrotteur umgebracht, die Mutter machte aus ihrer Missbilligung der Schwiegertochter kein Hehl. Edna verhielt sich für sie zu „katholisch“.

Vom alltäglichen Leben daheim, den Gesprächen und Ansichten seiner Eltern, kann Ford nicht viel überliefern. Aber: „Wenn ich durch den Dunst all dieser kaum gespeicherten Einzelheiten an meinen Vater denke, läuft die wahrste und liebevollste Erkenntnis über ihn darauf hinaus, dass er kein moderner Vater war. Ja, selbst damals, als ich ihn am besten kannte, schien er von einem anderen Ort, aus einer anderen Zeit zu kommen, von weit her.“

Ein Merkmal sticht dabei heraus: „das aufbrausende Temperament meines Vaters“, seine Ungeduld, sein Jähzorn. Da gewinnt auch der Text gleich an Leben, wenn Ford etwa die Anekdote vom gewilderten Weihnachtsbaum erzählt. Der Vater will ihn klein, der Sohn groß; als er dann nicht in die Wohnung passt und der verärgerte Vater ihn an der Spitze kürzt, wirft der ebenso verärgerte Sohn mit dem verstümmelten Baum nach ihm – eine Tracht Prügel folgt sofort!

Nach dem frühen Herztod des Vaters 1960, da war Richard erst 16, wird die Mutter zur „Partnerin“. Eine Nähe, wenn auch auf Zeit, die dem ihr gewidmeten zweiten Text des Bandes (im Gegensatz zum Vatertext bereits vor Jahrzehnten entstanden) die weit größere Intimität und Geschlossenheit gibt. Sogar seine ersten sexuellen Erlebnisse mit der Freundin hat er ihr – aus Angst vor den Folgen – eins zu eins geschildert.

„Wann suchst du dir endlich eine Arbeit und legst los?“ fragte sie ihn später. Da hatte Ford schon zwei Romane veröffentlicht und unterrichtete in Princeton. Doch sonst waren sie sich in der Einschätzung der Dinge meist einig. „So war das Leben. Etwas anderes würden wir nicht bekommen. Als Mutter und Sohn waren wir Realisten. Wir machten das Beste aus allem und wussten das.“

Vom irischstämmigen Vater hat er die schönen hellblauen Augen, von der Mutter aber den Rest des Gesichts. Die Stirn groß und hoch. „Gleiches Kinn, gleiche Nase. Man kann es auf Fotos sehen“, schreibt Ford. „In mir sehe ich sie, in meinem Lachen höre ich ihres.“

Ein Glückskind.

Wolf Ebersberger

Richard Ford: Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin, 144 Seiten, 18 Euro.

Eiskaltes Boston: Dennis Lehane

In den Neunzigern waren sie Ikonen des knallharten Thrillers: Kenzie und Gennaro, die Bostoner Privatdetektive. Jetzt wird die Reihe neu übersetzt.

„Halten Sie sich von seinem Mund fern“, wird der Bostoner Privatdetektiv Patrick Kenzie gewarnt, bevor er den hochintelligenten Psychopathen Alec Hardiman treffen soll. Das FBI braucht Kenzies – und Hardimans – Hilfe, um eine grausame Mordserie aufzuklären, deren Opfer auf makabere Weise in der nordamerikanischen Universitäts-Stadt drapiert sind, zerstückelt, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe ausgeweidet. Aber Hardiman spielt sein eigenes Spiel mit den Ermittlern.

Autor Dennis Lehane (Foto: Boesl/dpa)

Das klingt bekannt? „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und ihre Epigonen scheinen Pate gestanden zu haben bei Dennis Lehanes schon 1996 in den USA erschienenem Thriller „Dunkelheit, nimm meine Hand“. Der Diogenes Verlag, mit Lehanes aktuellen (und besseren) Romanen erfolgreich, greift damit zurück auf die „Kenzie & Gennaro“-Serie aus den 90ern, um dem begeisterten Publikum mehr Futter zu liefern. Leider kann man sich aber an diesem Menü aus Hard-Boiled-Krimis à la Raymond Chandler oder Ross Macdonald und unappetitlichem Psycho-Horror auch den Magen verderben.

Kenzie und seine aus Mafiakreisen stammende Kollegin Angie Gennaro verstricken sich immer tiefer in ein zunehmend absurdes Netz aus bedrohlichen Gangstern, grausamen Rächern und Geisteskranken in Biedermann-Maske. Nichts und niemand ist hier sicher, und – wie Kenzie gedroht wird – „es werden Opfer gebracht werden müssen“. Das winterliche Boston liefert dazu die eiskalte Kulisse.

Dass Dennis Lehane, der mit seiner Gangster-Saga „In der Nacht“ (gerade verfilmt von und mit Ben Affleck) und „Am Ende einer Welt“ als reifer Meistererzähler überzeugte, zweifellos weiß, wie man Spannung aufbaut, liegt schon in diesem Frühwerk auf der Hand. Aber in der Wahl seiner Mittel war er zur Zeit von „Dunkelheit, nimm meine Hand“ leider weder zimperlich noch sicher.

Übrig bleibt ein Reißer, der von seinen offensichtlichen Vorbildern in den Schatten gestellt wird und dadurch doch eher „passé“ wirkt.

Andreas Frane

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Diogenes, 510 Seiten, 16 Euro.

Colson Whitehead und der Rassismus: „Underground Railroad“

Es gibt Romane, die sind so aktuell, dass man glaubt, der Zeitpunkt ihres Erscheinens wurde genau geplant. Bei dem Buch „Underground Railroad“ des amerikanischen Autors Colson Whitehead kann das aber nicht der Fall sein, denn der 1969 in New York geborene, afroamerikanische Autor geht mit dem Stoff Rasse, Freiheit und Sklaverei schon seit dem Jahr 2000 um.

Autor Colson Whitehead (Foto: Madeline Whitehead)

Geschrieben wurde der Roman während der Amtszeit von Präsident Barack Obama. Nachdem in Amerika mit Präsident Donald Trump rechtsextreme Gruppierungen wieder Oberwasser haben und es, wie zuletzt in Charlottesville, zu Auseinandersetzungen mit Anhängern der alten Südstaaten kommt, ist Whiteheads Roman aber hochaktuell.

Er erzählt vom historischen Rassismus der Sklavenhalter und wie schwierig es für Schwarze war, von den Baumwollplantagen zu entkommen. Selbst wenn sie es geschafft haben, gibt es für sie kaum Freiheit. Der amerikanische Traum – das eigene Glück zu suchen und es auch zu finden – gilt kaum für Schwarze. Offenbar ist dieser Konflikt noch immer nicht ausgestanden. Der offene Rassismus der Sklavenhalter wurde durch einen latenten Rassismus der Ausgrenzung ersetzt.

Der Roman spielt um 1850. Die junge Cora muss auf der Baumwollplantage der Randall Brüder in Georgia leben. Ihre Großmutter war aus Afrika entführt worden, ihre Mutter hat die Flucht aus der Sklaverei geschafft. Cora weiß allerdings nur, dass sie nicht mehr da ist. Ob sie tatsächlich überlebt hat, bleibt unklar.

Whiteheads Darstellung der Sklaverei ist eindringlich, weil er die Entmenschlichung der Sklaven durch systematisches Quälen beschreibt. Frauen werden von den weißen Sklavenhaltern beliebig vergewaltigt; wer einen eigenen Willen zeigt, der muss leiden, ihm wird etwa die Zunge abgeschnitten. Tote oder fast tote Körper werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Mit der Züchtigung durch die Neunschwänzige Katze werden Menschen für ihr Leben gezeichnet.

Für Sentimentalitäten dem alten Süden gegenüber hat Colson Whitehead nichts übrig. Hier geht es nicht allein um Ausbeutung, sondern um die physische und psychische Zerstörung von Menschen, die nur so viel zum Leben bekommen, dass sie nicht sterben. Cora, die den Traum hat, ihre Mutter zu finden, entschließt sich zur Flucht, die ihr auch knapp gelingt. Immer aber in Angst vor den Sklavenjägern, die sie zu ihren Besitzern zurückbringen wollen.

Mit einem Kunstgriff wird der durchaus realitätsnah geschilderte Romanbeginn metaphorisch aufgeladen: Cora schafft es, in einen Zug einzusteigen, der im Untergrund fährt. Diese „Underground Railroad“, die von Gegnern der Sklaverei betrieben wird und Schwarze in die Freiheit im Norden bringen soll, hat es natürlich historisch nicht gegeben und ist ein Produkt der Phantasie Whiteheads.

Ein Netzwerk mit diesem Namen gab es aber schon. Durch dieses metaphorische Konzept bekommt der Roman Tempo und der Autor kann die unterschiedlichsten Formen von Rassismus durchspielen, ohne dass der Roman didaktisch wirkt.

Auf ihrer Flucht kreuz und quer durch die Südstaaten mit der Untergrundbahn muss Cora immer wieder Stationen bei Gegnern der Sklaverei machen, und Hoffnung keimt bei ihr auf, dass sie es geschafft hat, in Freiheit zu überleben. Doch sie wird enttäuscht und muss erkennen, dass ihre Unterstützer genauso gefährlich leben wie die Sklaven selbst. In South Carolina hat sie zunächst den Eindruck, dass Schwarze frei leben und arbeiten können. Doch Cora wird zusammen mit den Familien, die sie aufgenommen haben, von den Einheimischen, die sich dabei auf die Bibel berufen, vertrieben.

In North Carolina ist die Sklaverei offiziell abgeschafft, gleichwohl will man alle Schwarzen loswerden. Schwarze und ihre Helfer werden gejagt, es gibt Denunziationen. Freitags, im Rahmen eines rassistischen Unterhaltungsspektakels, wird gelyncht. Auch Coras Unterstützer.

Manchmal fragt sich der Leser – in einem ganz altmodischen, pathetischen Sinn –, was die Heldin denn noch alles aushalten muss. Whitehead hat für seinen Roman aber authentische Texte wie Lebenserinnerungen von ehemaligen Sklaven und die Sammlungen von mündlichen Überlieferungen gelesen und ausgewertet.

Sein Buch ist eine Collage der rassistischen Ursünden Amerikas, die mit dem Geisterzug abgefahren werden. „Underground Railroad“ gilt derzeit als der am meisten diskutierte Roman. Er wurde in den USA zum Bestseller. Er hat den Pulitzer Preis und den National Book Award bekommen. Gleich beide Auszeichnungen für ein Buch zu erhalten schaffen nur wenige Autoren.

Absolut lesenswert!

André Fischer

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 352 Seiten, 24 Euro.

Eine Entdeckung: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Nun, wo bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen war, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kamen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival standen, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra nun geworden ist (ab 29. September läuft er auf Netflix) – das Buch und sein Autor sind eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.

Bob Dylan trifft Tomas Espedal

Es gibt wenige, die den radikalen Weg zwischen biografischem und fiktionalem Erzählen so verfolgen wie der norwegische Autor Tomas Espedal und der amerikanische Musiker Bob Dylan. Fast zeitgleich sind nun Bücher von beiden erschienen.

„Einige Jahre suchte ich fast verzweifelt nach einem Beruf, der mich vom Schreiben befreien könnte.“ Schreibt Tomas Espedal. Als wolle er sich mit dem Schreiben vom Leben befreien. Oder vom Lieben. Ums Schreiben, Leben, Lieben kreisen seine Gedanken.

„Biografie. Tagebuch. Briefe.“ ist ein sehr nüchterner Titel für die jüngste Veröffentlichung des Romanciers auf Deutsch. Doch die Klarheit schließt ja die brennenden Sätze nicht aus, die darin stecken. „Es gehört nichts dazu, zu reisen, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen . . . um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.“

Sein Kollege Karl Ove Knausgård hat ihm wohl einmal auf einer Party gesagt, er schreibe so „schön“. Was Espedal zu denken gab. Für den 1961 in Bergen Geborenen, der zu den preisgekrönten Autoren seines nordischen Landes zählt, ist „schön schreiben“ wohl eines der letzten Dinge, worum es ihm geht – passionierter Pendler zwischen dem erlebten Alltäglichen und dem Fiktiven, der er ist.

Seine große Ernsthaftigkeit und auch Schonungslosigkeit beim Schreiben macht die atemberaubende Qualität seiner überwiegend kurzen Kapitel aus. Auch in der Poesie geht er keine Kompromisse ein, weder vor sich, noch vor seinen Lesern.

Der Handlung dieses außergewöhnlichen, zuweilen sehr intimen Buches voller Gedankenanstöße liegen einschneidende biografische Brechungen im Leben des Autors zugrunde. Er schreibt vom Tod der Mutter und zeitnah von dem seiner Frau, einer Schauspielerin, mit der er zwei kleine Töchter hat. Die Pole seines Alltag verlaufen zwischen dem Gefordertsein als plötzlich alleinerziehender Vater und der Selbstbespiegelung als Schriftsteller, der zwischen Notwendigkeiten wie dem morgendlichen Anfeuern, Wecken, Frühstückmachen und die Mädchenschulfertigmachen sein Warten und Finden von Worten im kaum 30 Meter vom Wohnhaus entfernten Gartenhaus beschreibt. Dort, wo Romane wie „Wider die Kunst“ und „Wider die Natur“ entstanden.

Er hat Trinkphasen. Er hat eine Liebesbeziehung mit einer viel zu jungen Frau. Er hat Fluchten in die Stadt. Aber letztlich strandet er immer bei sich und der Literatur. Und wie einer seiner auch ins Deutsche übersetzten Romane „Gehen“ hieß, verströmen auch seine kurzen Texten zwar Ruhe, doch nie Stillstand. Espedal ist – durchaus artverwandt mit W. G. Sebald oder dem frühen Peter Handke – ein großer Wanderer, der in einer Lebenskrise offenbar halb Europa zu Fuß durchschritt. Wer Sebald und Handke gerne gefolgt ist, wird auch mit diesem die Worte wägenden Norweger einen Weggefährten finden. Weggefährten können aber kauzig sein.

Wie wenig sich einer wie Bob Dylan um seine Außenwahrnehmung als Kauz schert, geht aus dem nun veröffentlichte Buch „Planetenwellen“ wunderbar hervor. Auf Deutsch und Englisch zweisprachig gedruckt, enthält es Gedichte und Prosatexte aus den Jahren 1963 bis 1978, bei deren Übersetzung Heinrich Detering einen guten Job geleistet hat.

Reden und Essays bis hin zu Dylans – sehr, sehr artig ausgefallener – Nobelpreis-Tischrede von 2016 ergänzen die frühen Schriften, kommen aber eher wie ein verkaufstaktischer Bonus-Track daher. Gerade in Anbetracht von Dylans frühen Gedichten, die ihm als Steinbruch für Alben von „Bringing it all back home“ (1965) bis „Live at Budokan“ (1975) dienten. „Und du springst aus dem bett, dass die träume vor dir fliehen/Und du fragst dich und du weißt es nicht/hast du selbst im traum geschrien/Und du weißt du brauchst jetzt etwas um himmels willen/Und du weißt keine droge kann dir diesen wunsch erfüllen/Und kein schnaps im ganzen land kann deine hirnblutung stillen“ schreibt da der wütende junge Mann in „Letzte Gedanken über Woody Guthrie“. So wie er andernorts zarte Zeilen für Joan Baez fand.

In den siebziger Jahren schmeißt Dylan solche Poesien jedoch zum Hotelfenster hinaus und probiert zerstörerische Stilformen aus. So dass man als Leser entweder einen satanischen Pakt mit dem Assoziationsstrom eines alle Verständlichkeiten torpedierenden Kunstschreibers eingehen muss – oder verwirrt auf der Strecke bleibt.

Bei all dem fehlt es Dylan offenbar nicht an Humor, Heinrich Detering erwähnt aufschlussreiche Stellen. Ein Schlüsselzitat aus Dylans Stellungnahmen, Reden und Essays lautet: „Die Kritiker haben auch gesagt, ich lebte davon, Erwartungen zu enttäuschen. Wirklich? . . . Als ob ich abends lange aufbliebe und mich fragte, wie ich das anfange . . . Erwartungen enttäuschen. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet und wer Zeit dafür hat.“

Dylans „Planetenwellen“ und Espedals „Biografie. Tagebuch. Briefe.“ sind bei aller Unterschiedlichkeit wagemutige Beispiele für den schmalen Grat einer Literatur zwischen Kunst und Ich. Auch im Sinne eines Thomas Mann, den Espedal zitiert, weil dieser Schriftsteller einmal als Menschen bezeichnet hat, denen es schwerer fallen würde, Texte zu schreiben als anderen. Hier mit bestem Ergebnis.

Christian Mückl

Tomas Espedal: Biografie. Tagebuch. Briefe. Matthes & Seitz, 347 Seiten, 25 Euro.
Bob Dylan: Planetenwellen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 24 Euro.

Short Stories vom Feinsten: Fante, Yates und Salter

Keiner schreibt bessere Kurzgeschichten als amerikanische Autoren. Zum Beispiel John
Fante – der immer wieder neu entdeckt wird (und immer wieder neu vergessen). Aber Fans wie Charles Bukowski – „John Fante war mein Gott“ – wussten schon, was sie im Werk des erst posthum erfolgreichen Schriftstellers (1909 –1983) fanden: eine unverstellte, gern naive Stimme, viel Witz und viel Wärme im Blick auf das ganz normale Leben und Streben kleiner Leute.

Fantes Bücher sind alle autobiografisch, spiegeln die familiäre Enge italienischer Einwanderer, die katholische Kindheit in Colorado. Der Vater ein armer Maurer, die Mutter fromm und betrogen, dazwischen der Sohn, der davon träumt, Baseballstar zu werden. Das ergibt Situationen, die der Kurzgeschichtenband „Little Italy“ (Maro Verlag, 20 Euro) – übrigens erstmals auf Deutsch – betont kindlich und komisch schildert. Wie soll man zur Erstkommunion, wenn man nicht mal ein ordentliches weißes Hemd hat? Eine Tragödie mit zu langen Ärmeln!

Der Schriftsteller Alex Capus wiederum, selbst seit langem Fante-Fan, hat nun auch den ebenfalls sehr kurzen Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ übersetzt (Blumenbar, 16 Euro). Wirtschaftskrise, eisiger Winter, erste abgewiesene Liebe – dem jungen Dominic Molise wird nichts geschenkt, auch nicht vom Elternhaus. Wird er sich gegen den Vater durchsetzen können und mit seinem starken linken Wurfarm zum Sporthelden werden? Eine Geschichte, die erheitert und zu Herzen geht – ohne einen Moment sentimental zu sein.

Ähnlich wie John Fante stets auf Augenhöhe mit seinen Figuren war der inzwischen als moderner Klassiker anerkannte Richard Yates (1926 – 1992). Nun sind auch neun seiner Erzählungen, die bislang noch nicht veröffentlicht waren, auf Deutsch herausgekommen – und bestätigen seinen Rang als großer Menschenfreund und -kenner.

Kriegsveteranen und Krankenhausromanzen, bröckelnde Ehen und Affären mit bitterem Ende: „Eine letzte Liebschaft“ (DVA, 19,99 Euro) führt geradezu idealtypisch vor, wie intim sich Yates in seine Alltagshelden einfühlt und ihre seelischen Nöte ahnt. Allein der Fund einer 50-Cent-Münze im Schulhof kann das Leben eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen völlig durcheinanderbringen – hätte sie nur nicht ihrem dummen Bruder davon erzählt . . . Kleines Herz in kargen Zeiten, von allen verkannt! Dass in einer Story James Joyce zitiert wird, ist kein Zufall: Yates führte das literarische Erbe grandios fort.

Artverwandt in den Themen und Milieus, aber ganz anders im Stil war der aus der gleichen Generation stammende James Salter (1925 – 2015). Lange Jahre Kampfpilot, wovon er in seinen Romanen berichtete, wurde Salter zu einem der raffiniertesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Der noch von ihm selbst angelegte Band „Charisma“ fasst alle seine Short Stories zusammen und ergänzt sie mit drei Vorlesungen, die er übers Schreiben hielt.

Salter war, wenn man so will, eine Schaltstelle zwischen Hemingway und John Updike: ein Erzähler lakonisch kühler Sätze und überaus geschliffener Dialoge, der den emotionalen Abgrund, in den seine Figuren geraten, oft nur andeutet. Dazu die durchaus pikante Note, das erotische Prickeln, die nicht nur in den Dreiecksgeschichten spürbar sind . . . (Berlin Verlag, 22 Euro).

Wolf Ebersberger