Von Troja bis Trump: Wendy Brown über „Mauern“

Die Grenze zwischen Mexico und USA bei Tijuana. (Foto: Arias, afp)

Von Troja bis Trump: In „Mauern“ beschreibt die amerikanische Poitikwissenschaftlerin Wendy Brown die neuen Grenzziehungen als Kulissen-Spektakel.

Die ersten Epen des Abendlands erzählen vom Scheitern der Mauern. In Homers „Ilias“ stehen die Befestigungswälle der mächtigen Stadt Troja noch. In der „Odyssee“, mit der Homer die Geschichte fortsetzt, sind sie gefallen – nicht durch die Gewalt einer zehnjährigen Belagerung, sondern durch List. Vielleicht sind diese Ur-Erzählungen Menetekel: Mauern halten
keinen auf.

Diese Gedanken kommen dem Leser bei der Lektüre von Wendy Browns Buch „Mauern“. Die Studie der amerikanischen Politikwissenschaftlerin mit dem Untertitel „Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität“ ist in den USA bereits 2010 erschienen und letztes Jahr ins Deutsche übersetzt worden. Nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten gab es eine Neuauflage mit frischem Vorwort. Denn die „Mauer“ gegen Mexiko ist ihm bekanntlich ein wichtiges Anliegen.

Wendy Brown aber schreibt: „Solche Bauwerke vermögen es kaum jemals, ihrer Abriegelungsfunktion zu genügen, und sie sind auch keine wirtschaftlich vernünftige und technisch effektive Antwort auf die schlimmsten Gefahren, die gegenwärtig über die Grenzen hinwegfließen oder politische Gemeinschaften bedrohen.“

Warum also erlebt die Errichtung physischer Bollwerke seit Jahren eine Renaissance rund um die Welt? Auch wenn sich die Autorin hauptsächlich mit den Grenzzäunen in den USA und in Israel beschäftigt, verweist sie auf Abschottungen im Süden Spaniens, auf dem Balkan, in Indien und Saudi-Arabien – sowie auf das wachsende Phänomen von „Gated Communties“, bewachten Bezirken zum Schutz meist exklusiver Gesellschaftsgruppen.

Brown greift auf Niccolo Machiavelli zurück. Für diesen knallharten Analytiker war Realpolitik immer sehr theatralisch: „ein Schauspiel von Gefahr und Erlösung, Macht und Möglichkeit, zu dem absichtliche Manipulationen von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung gehören“.

Die neuen Mauern sind also Theaterkulissen. Sie sollen den Menschen eine staatliche Souveränität vorgaukeln, die durch weltweite Kapitalflüsse, überstaatliche Institutionen zu deren Regulierung und die digitale Vernetzung verloren gegangen ist. Der schöne Schein der Sicherheit vor Drogen, Kriminalität, Fremden – deren Wirkungsmacht oft durch die Errichtung letztlich doch durchlässiger Grenzen überhaupt erst erzeugt wird.

Das Buch von Wendy Brown, die an der University of California lehrt, ist nicht immer einfach zu lesen. Wenn es Souveränitäts-Theorien (etwa von Carl Schmitt) durchnimmt, greift es in langen Sätzen gern auf Wissenschafts-Jargon zurück. Doch es macht viele politische Bewegungen einsichtig, die auch bei uns zu spüren sind.

Dazu gehört die verzweifelte Behauptung von ethnischen Identitäten, die durch strenge Grenzziehungen zu schützen seien. In den Passagen darüber, dass Ausgrenzung immer auch Einsperrung bedeutet, erhellen sich manche politischen Haltungen von Ostdeutschen. Jahrelang von Mauern „beschützt“, fühlen sie sich „entgrenzt“ zutiefst verunsichert – und rufen nach neuen Mauer-Kulissen im politischen Theater.

Obwohl bereits Homer die Beständigkeit von Mauern als Illusion entlarvt hat, bestehen viele Bürger weiterhin darauf, in Troja leben zu wollen. Wendy Brown erklärt dieses Beharren mit Sigmund und Anna Freud tiefenpsychologisch. Mauern sind Fetische: „Sie gewähren magischen Schutz gegen unvorstellbar große, zerstörerische… Kräfte, gegen das Nachdenken über die Folgen, die die Heldentaten und Aggressionen der eigenen Nation haben, und gegen ihre Schwächung durch die Globalisierung.“

Mit diesem „Fetischismus“ versuchen Donald Trump und andere Politiker Macht zu gewinnen oder zu erhalten. Wendy Brown diagnostiziert ihn als Krankheitssymptom in unserem demokratischen System.

Herbert Heinzelmann

Wendy Brown: Mauern – Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Aus dem Amerikanischen von Frank Lachmann. Suhrkamp, 260 S., 28 Euro

Leslie Jamisons Suchtbuch „Die Klarheit“

Der suchtkranken US-Autorin Leslie Jamison ist mit ihrem Buch „Die Klarheit“ eine sehr intime Reflexion über „Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“ gelungen – mit ernüchternden Seiten-Sprüngen in die Weltliteratur.

Leslie Jamison (Foto: Sheehan/Hanser Verlag)

Nach einer ihrer Nächte im Vollrausch sagt ihr Freund, er habe das Gefühl, sie mit der Person betrogen zu haben, die sie gestern Abend noch war. Ein anderes Mal, als sie vor Verlangen nach Alkohol darauf wartet, dass ihr Drink endlich fertigt gemixt wird, ertappt sie sich bei dem Gedanken: „Kann ich vielleicht einen Drink bekommen, bevor ich meinen Drink bekomme?“

Und auch den Zustand der körperlichen Verkaterung, den der ebenfalls alkoholkranke Schriftsteller Malcolm Lowry 1947 mit dem Empfinden verglich „als würden Knochen innen drin gegeneinander schaben“, kennt Jamison besser als ihr lieb ist.

Wer, wie sie, süchtig geworden ist, wird sein Leben lang damit kämpfen. Die Schriftstellerin (geboren 1983 in Los Angeles) reflektiert ihr Trinkverhalten und mögliche Ursachen messerscharf. Aber Krankheit hat nichts mit Intelligenz zu tun: Vor Rückfällen aus der Genesung konnte die Selbsterkenntnis sie häufig auch nicht bewahren, wie sie anekdotenreich schildert.

Im Buch „Die Klarheit“ breitet Jamison ihre zuweilen erschütternde Trinkerinnen-Biografie aus. Dazu baut sie Passagen aus Klassikern der Weltliteratur in ihr Erzählen ein, in denen sie süchtige Schriftsteller zitiert. Das schillernde, über zehnseitige Quellenverzeichnis reicht von John Berryman und William Burroughs bis zu Stephen King und David Foster Wallace.

Jamison selbst, die Creative writing studiert hat, schreibt bestechend prägnant. Zuweilen wird sie politisch – wenn sie die Entkriminalisierung Suchtkranker fordert und Scheinmoral beklagt: Warum unsere Gesellschaft etwa Schwarze, die Trinker sind, automatisch als gierige Monster abstemple und Weiße viel eher als hilfsbedürftige Opfer von Rauschmitteln betrachte, fragt sie dann.

Immer wieder setzt Jamison sich mit der Rolle der Anonymen Alkoholiker (AA) auseinander, deren Meetings sie in den Monaten und Jahren ihrer Nüchternheit besucht. In ihrem Buch mag es um Perioden der Trockenheit gehen, die Sprache bleibt spritzig: „Letztlich sind wir doch alle Dramaqueens. Auch wenn wir nüchtern sind. Meine trockenen Abende sind wie Schusswunden.“

Gerade weil die Autorin nicht so tut, als wäre die Genesung vom Trinken eine Erlösung für die Ewigkeit und eine Garantie für Glück, gerade, weil sie die Sisyphusarbeit benennt, die endlose Quälerei der Abstinenz jeden Tag aufs neue, wirkt ihr Buch so authentisch.

Jamison will gar nicht den Eindruck erwecken, ihr Leben sei ohne Rausch interessanter geworden – oft sei das Gegenteil der Fall. Wenngleich das Wechselbad aus Scham und Selbstaufgabe jetzt fehle: „Keine Geschichte ist so interessant wie die des Sich-Betrinkens.“ Jamison erwähnt Charles Jackson, der mit dem Roman „Ein verlorenes Wochenende“ von 1945 zwar einen Klassiker übers Saufen geschrieben hat – an einem Buch über Genesung aber scheiterte.

Zum individuellen Lebensratgeber taugt Jamisons hellsichtiges Werk kaum. Aber zum Verständnis des Dämons, das in vielen Biografien nistet. In „Die Klarheit“ steckt die Hölle auf Erden und starke Literatur.

Christian Mückl

Leslie Jamison: Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Hanser, 638 Seiten, 28 Euro.

Surfen, meine Sucht: William Finnegans „Barbarentage“

Jetzt ist es amtlich: Kalifornien hat das Surfen soeben zum Nationalsport erklärt. William Finnegans „Barbarentage“ ist jedoch mehr als ein fulminantes Buch über das Reiten auf den Wellen. Es ist eine Bekenntnis zum Leben, zur Leidenschaft.

Droge Surfen: Szene am Surfrider Beach in Malibu (Foto: afp)

Wellen haben Gesichter. Aber auch die der Surfer, die sie reiten „verwandeln sich in oft abscheuliche Masken aus Angst, Frust und Wut. Besonders entlarvend ist der Kickout, der Ende des Ritts, bei dem sich eine Mischung aus Erleichterung, Verzweiflung, Freude und Unzufriedenheit auf die Gesichter malt.“

Surfen ist Sucht und William Finnegan ein Bekennender. Wenn der 1952 geborene, in Hawaii aufgewachsene Brandungsjunkie in seiner Autobiografie „Barbarentage“ davon erzählt, dann meint er nicht etwa die heute hippen Formen des Windsurfens oder Kitesurfens damit – laue Lüftchen der Gegenwart.

Er spricht vom Wellenreiten in seiner reinsten, klassischen Form. Dem Meer, dem Board und dem menschlichen Körper darauf. Und wenngleich seine Leidenschaft diesen mit allen unruhigenWassern gewaschenen Journalisten, der zudem als Kriegsreporter viele Jahre für den „New Yorker“ Reportagen schrieb, die besten Surf-Spots der Südsee, Australiens, Afrikas, Madeiras und Long Islands hinterherjagen hat lassen, ist „Barbarentage“ weitaus mehr geworden, als ein Buch über die riskanten Salzwasserspiele eines lange jung gebliebenen Hippies.

Es ist Lebensbeichte, Reisereportage, Zeitzeugnis. Und eine Liebeserklärung an das Schreiben obendrein. Denn Schreiben kann er. Finnegan hat den Pulitzer-Preis für seine „Barbarentage“ bekommen.

Es ist nicht zu viel behauptet, dieses Buch in eine Reihe mit Melvilles „Moby Dick“, Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder Film-Klassiker wie „Der Rausch der Tiefe“ zu stellen. Weil ein Purismus darin liegt, den Finnegan (seinen Nachnamen verdankt er irischen Wurzeln mütterlicherseits) sprachlich reflektiert.

Er hat immer nebenher geschrieben, all die Jahre, in denen sie noch suchen mussten, nach den besten Wellen, vornehmlich auf der Südhalbkugel, vornehmlich im Winter. Dass er sich bei der kalifornischen Eisenbahn als junger Kerl verdingte, was ihm einerseits eine Lebenswirklichkeit der Härte, andererseits der Romantik des Unterwegsseins eingebracht hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die gut 550 Seiten.

Denn egal, ob er in Bali war oder in Australien: Finnegan arbeitete nebenher (neben den Gelegenheitsjobs als Spülhilfe, Büchereiverkäufer oder Lehrer in Südafrika) immer an seinem Roman über die Eisenbahn.
Seine frühe Jahre fallen in den „Summer of Love“ der späten 60er. Und wenngleich er stets irgendwie, wenn auch über Kontinente hinweg, „beweibt“ bleibt, ist seine Sehnsucht die See. Seinen Vorsatz, auf einem mehrjährigen Südseetrip, nachdem sein Blut schwarz ist vor Malaria, mit möglichst vielen exotischen Frauen zu schlafen, wirft er irgendwann über Bord. Weil er stets Bindungen hat. Und schreibt. An sie.

Als Finnegan schlussendlich, nach all den Jahren und Kontinenten, all den Surf-Kumpels und Wegbegleitern zu Wasser und Wegbegleiterinnen zu Land, doch noch in (wir sagen hier jetzt besser nicht den Hafen der Ehe findet, denn welcher Wellenreiter würde einen Hafen benutzen, er stürzt sich, wo immer sich ein Spot andeutet wie ein ausgehungerter Seehund ins Meer), weit über 40, geläutert, gereift, verheiratet ist, schreibt er immer noch mit einer Nostalgie, die ihm nach der Lektüre der „Barbarentage“ keiner übel nimmt: „Wir Surfer hoffen hartgesotten darauf, dass Surfen eines Tages wieder uncool wird, so wie Rollerbladen.“

Verletzter Stolz, weil der Mainstream (schon wieder so ein Wasserwort) die eigene Identität kratzt? Des noch alles Selbst-herausfinden-Müssens, noch ohne Wettervorhersage auf dem Smartphone, noch ohne Pauschal-Surf-Reisen an exotische Ecken der Welt? Seine „Barbarentage“ kann Finnegan keiner nehmen. Seine Wellen schon. Er hat ein hervorragendes Buch daraus gemacht.

Christian Mückl

William Finnegan: Barbarentage. Deutsch von Tanja Handels. Suhrkamp, 566 Seiten, 18 Euro.

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.

„Schräge Typen“: Tom Hanks als cleverer Erzähler

Wie bitte, schreiben kann er auch noch? Ja – und sogar richtig gut, wie Hollywoodstar Tom Hanks mit seinem ersten Buch „Schräge Typen“ beweist. Jetzt erscheinen die Short Stories auch auf Deutsch.

Tom Hanks in seiner Paraderolle als „Forrest Gump“ (FOTO: Paramount Pictures)

Der nächste große Film mit ihm steht schon in der Warteschlange und wird fleißig beworben: „Die Verlegerin“ von Steven Spielberg, ab 22. Februar in den deutschen Kinos. Wobei die Titelrolle, nun ja, natürlich von Meryl Streep gespielt wird . . .

Tom Hanks, 61, das all-amerikanische Gesicht von Hollywood und in den unterschiedlichsten Genres fast schon alterslos aktiv, hat in seiner Karriere immer wieder gezeigt, dass er als Darsteller nicht nur zu überzeugen, sondern auch zu überraschen weiß: ein Jungsprofil mit Tiefe. Beides gelingt ihm nun auch als Schriftsteller. „Schräge Typen“ heißt der Band von Kurzgeschichten, mit dem der Filmstar aus Kalifornien sein erzählerisches Debüt gibt.

Erstaunlich, wie gut es geworden ist. Denn auch wenn der Leser bei manchen Szenen unweigerlich an Filme denken muss, in denen Tom Hanks mitgemacht hat – etwa an „Forrest Gump“, „Der Soldat James Ryan“ oder auch „Apollo 13“ –, so wird doch schnell klar: Diese Geschichten haben ihren eigenen Ton, ihre eigene Haltung. Und wenn sie einleitend bestimmte Milieus oder Situationen heraufbeschwören, die man gleichsam schon längst kennt, dann tun sie es mit Absicht: um gekonnt die Erwartungen zu brechen.

So wie in „Heiligabend 1953“, wo fast schon idyllisch eine Familie vorgeführt wird, die kurz vor den Festlichkeiten steht. Mit pünktlichem Schneefall und genügend Geschenken für die beiden Kinder. Hurra, Papa ist da, jauchzt das kleine Mädchen, und wird vom größeren Bruder – wichtig, wichtig! – auf den Besuch des Weihnachtsmannes vorbereitet. Vater Virgil hat also allen Anlass zum Glück.

Das geheime Zentrum der vermeintlich so nostalgischen Geschichte ist aber der nächtliche Anruf seines Kumpels Bud, der ihm – dem Kriegsinvaliden, der nur noch ein Bein hat, wie langsam klar wird – 1944 in Belgien das Leben gerettet hat. In hartem Kontrast kommt die ganze blutige Erinnerung hoch . . .

„Schräge Typen“, wie man meinen könnte, sind das alle nicht, sondern Bürger, Kumpel, Käuze wie du und ich, nur eben vor der einen oder anderen Bewährung stehend. Bette, eine alleinerziehende Mutter, zieht in ein neues Haus und misstraut erst mal dem Nachbarn – was will der Herr Professor in seinen Flipflops von ihr? In plötzlichen Eingebungen, die sie manchmal hat, sieht sie ihn schon an ihrer Seite und bekommt Angst. Erst als sie seinen Schlüsselbund findet und Ungeahntes über ihn erfährt, taut das Eis.

Es sind alles Liebeserklärungen an ein liberales Amerika, an die Provinz und die kleinen Leute, an das Bowlingspielen und theaterbegeisterte junge Mädchen, die von Arizona nach New York kommen, weil sie meinen, der Broadway wartet auf sie – nicht ganz einfach, der Frust ist da programmiert! Ebenso für mittellose Einwanderer wie Hassan aus Bulgarien, der mit dem Schiff in eine bessere Zukunft überzusetzen meint – und erst mal im Park beraubt wird.

Mit den Typen des Titels spielt Tom Hanks, der flott und ohne Firlefanz zu erzählen weiß, viel mehr auf die im Buch auch abgebildeten alten Schreibmaschinen an. Die – als Medium von einst – leitmotivisch in jeder Story auftauchen und auch für teure, leider vergangene Lebensgefühle stehen. Lokalreporter Hank Fiset kann ein ganz besonderes Lied davon singen und meldet sich gleich mehrfach im Buch zu Wort: Ach, der Journalismus konnte so schön sein, so authentisch und mannhaft!

Man liest es betroffen. Und muss den talentierten Mr. Hanks ja nicht gleich an einer Alice Munro, der Königin der Kurzgeschichte, messen (wie es übereifrige Kritiker schon getan haben), um ihn als Autor anzuerkennen. Weiter so!

Wolf Ebersberger

Tom Hanks: Schräge Typen. Stories. Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. Piper, 345 Seiten, 22 Euro.

„Die Fassadendiebe“: ein New-York-Roman

„Die verdammte Stadt schafft es doch stets, wieder neu zu erstehen. Sie gleicht einer Schlange, die wächst, indem sie sich vom Schwanz her selbst verschlingt. Einem Möbiusband der Selbstvernichtung und Wiedererschaffung“, sagt Griffin Watts über New York. Er ist der Erzähler, den sich John Freeman Gill für seine Geschichte „Die Fassadendiebe“ ausgedacht hat.

Und er erinnert sich an den Sommer 1974, in dem er als 13-Jähriger mit seinem Vater die Stadt vor dem Zerbröckeln retten wollte. Oder zumindest die verspielten Verzierungen an den alten Wolkenkratzern in Manhattan, die von der Abrissbirne bedroht waren.

Was bleibt von der alten Substanz? Die Skyline von Manhattan. (Foto: dpa)

Es ist kein Wunder, dass die Topografie und Architektur in John Freeman Gills Romandebüt die Hauptrolle spielt. Der gebürtige New Yorker gilt als Spezialist für Architekturgeschichte und schreibt darüber seit Jahren unter anderem für die „New York Times“ und die „International Herald Tribune“.

Die Detailfreude, mit der Wasserspeier und Zierleisten, Stuckaturen und Kapitelle beschrieben werden, ist gleichzeitig das Besondere und das Problem von „Die Fassadendiebe“. Denn eigentlich ist es die Initiationsgeschichte, sind es die pubertären Sehnsüchte und Nöte Griffins, die im Mittelpunkt stehen sollten. Nach der Trennung seiner exzentrischen Eltern ist sein Familienleben ebenso zerbröckelt wie das architektonische Erbe seiner Stadt.

Und um seinem Vater nahe zu sein, lässt er sich von ihm zu waghalsigen, auch lebensgefährlichen Diebestouren und Rettungsaktionen an den Fassaden von Mietshäusern und Wolkenkratzern missbrauchen: Das manische Bewahren des Vergangenen wird für ihn und seinen Vater zur Bedrohung.

Diese teils sehr amüsante, teils berührende Geschichte um Erwachsenwerden und Desillusionierung, um Unschuld und Erfahrung wird allerdings immer wieder durch das wortreiche Beklagen von Bausünden der 70er Jahre und einen großen Beschreibungsdrang in den Schatten gestellt. Der Liebe zur Stadt und ihrer architektonischen Vergangenheit wird die Spannung und Stringenz der Handlung an zu vielen Stellen geopfert.

Für ein Debüt ist der New-York-Roman vielversprechend, für das nächste Mal wäre ein wenig mehr Konzentration ein Gewinn.

Andreas Frane

John Freeman Gill: Die Fassadendiebe. Berlin Verlag, 464 S., 24 Euro.

Dan Brown als Ursprungsforscher

Der amerikanische Bestseller-Autor Dan Brown macht in seinem neuen Buch „Origin“ den Versuch, komplexe Themen von Philosophie und Religion als Unterhaltungsliteratur an eine große Lesergemeinde zu vermitteln. Das verdient immerhin respektvolle Aufmerksamkeit.

„Origin“ wird sich – anders als zuvor „Illuminati“ oder „Inferno“ – nur schwer verfilmen lassen. Denn im Zentrum der Geschichte steht nicht die Entschlüsselung eines Codes, um im letzten Augenblick die Explosion einer Bombe zu verhindern. Im Zentrum gibt es vielmehr die ausführliche Beschreibung einer Art Video-Dokumentation mit dem Thema des Ursprungs von Leben auf dem Planeten. Es geht um Origin, Genesis, Ursprung. Das ist der Stoff zahlloser Schöpfungsmythen. Auch die drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam erzählen davon.

Deswegen trifft sich Edmond Kirsch am Anfang des Romans mit den geheimen Oberhäuptern dieser Religionsgemeinschaften. Kirsch ist ein Computer-Nerd und Zukunftsforscher, der eine große Enthüllung ankündigt. Von der Nacht an, in der er im Guggenheim Museum von Bilbao vor die (Internet-)Öffentlichkeit treten will, soll alles anders sein. Er will seinem Publikum erklären, warum Gott als Lebensschöpfer überflüssig geworden ist.

Dan Brown stellte sein neues Werk auf der Buchmesse in Frankfurt vor (Foto: dpa). In dem Roman geht er – wie es so seine Erzähltechnik ist – gleich an spektakuläre Schauplätze. Diesmal liegen alle in Spanien: das Kloster Montserrat, das Guggenheim Museum. Später kommen Antoni Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona sowie der Escorial und das „Tal der Gefallenen“ bei Madrid hinzu. Browns Serienheld – der Symbolist Robert Langdon – agiert hauptsächlich in Bilbao und Barcelona. weiter lesen

Ganz anders: Jami Attenbergs „Ehemänner“

Manche Sätze wirken wie das Schrillen eines Weckers am frühen Morgen. Dieser zum Beispiel: „Ich warte auf den Tod meines Mannes, sechs Jahre schon.“

Jami Attenberg (Foto: Zack Smith)

So beginnt der neue Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg. Doch keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Abhandlung über einen Beziehungskrieg. Ganz im Gegenteil. Es geht vor allem um Liebe, Trauer, Verlust und Neubeginn.

Jarvis Miller ist ein sensibles Wesen. Seit ihr Mann Martin im Koma liegt, hat sie aus Kummer und Verzweiflung aufgehört, am Leben teilzunehmen. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis ihr Mann wieder aufwacht und einfach der alte ist. Aber das wird er niemals wieder sein.

Martin und Jarvis sind in New York zu Hause, er ist ein viel beachteter Künstler, sie die Frau an seiner Seite, die ihn anhimmelt und deren Schutzbedürftigkeit seinem Ego gut tut. Die beiden sind jung, glücklich und auf Partys immer gerne gesehen.

Eines Tages stürzt Martin bei der Arbeit – er ist Künstler – von einer Leiter, verletzt sich schwer am Kopf und taucht ins Nirgendwo ab. Betreut wird er von nun an in einem Heim, seine Frau besucht ihn regelmäßig. Bis sie nicht mehr kann. Jarvis wird mehr und mehr bewusst, dass sie in einem Totenreich lebt, aus dem sie ausbrechen muss. Dabei helfen ihr Begegnungen in einem Waschsalon – mit anderen Ehemännern.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jami Attenberg, Jahrgang 1971, ist eine Spezialistin für Menschen, die unsanft aus ihrem Alltag gerissen werden. In ihrem neuen Roman lässt sie nicht nur Jarvis’ Welt aus den Fugen geraten. Alle, mit denen die junge Frau zu tun hat, werden am Ende der Geschichte nicht mehr die selben sein . . .

Jarvis selbst steht schließlich vor der wohl wichtigsten Entscheidung ihres Lebens – und sie trifft die richtige.

Gabi Eisenack

Jami Attenberg: Ehemänner. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Schöffling & Co, 328 Seiten, 24 Euro.

Richard Fords Elternbuch: „Zwischen ihnen“

US-Autor Richard Ford, Jahrgang 1944, liefert sonst eher dicke Bücher. Sein neuestes ist dagegen ganz dünn: „Zwischen ihnen“, ein nüchtern-inniges Doppelporträt seiner Eltern.

Als Kind seiner Eltern, schreibt Richard Ford, hatte er gleich einen doppelten Luxus: Er war „ein spätes Kind und ein Einzelkind“. Da geht es ihm aber gar nicht, wie man denken könnte, um seine privilegierte familiäre Stellung – um ungeteilte Aufmerksamkeit, vielleicht Liebe. Es geht ihm, und zwar als Autor seiner Geschichte, um die resultierende Freiheit: „allein und ungestört über die Zeit des ganzen Vorgeschehens zu spekulieren – das lange Leben der Eltern, an dem man keinerlei Anteil hatte.“

Ein interessanter Ansatz – der noch einmal in die Irre führt. Denn wo man nun, als gespannter Leser, erwarten könnte, dass Ford – immerhin Verfasser gigantischer Romane wie „Unabhängigkeitstag“ – weit ausholt und die eigene Imagination spielen lässt, verbietet sich der amerikanische Autor gleichsam sein Handwerk.

Deshalb ist „Zwischen ihnen“, dieses skizzenhafte Porträt seiner Eltern Parker und Edna, letztlich so schlank geblieben. Deshalb ist es – ein fast schon janusköpfiges Werk – durchaus spannend, auch wenn nichts Dramatisches berichtet wird.

US-Schriftsteller Richard Ford (Foto: dpa)

Ein Schriftsteller, selbst schon ein älterer Mann, versucht sich an seine Kindheit zu erinnern und muss einräumen, dass er es in vielem gar nicht kann. Er stellt Fragen, an seine Eltern, an sich, weigert sich aber gewissenhaft, Antworten zu erfinden, wenn er sie nicht findet. Seine Eltern: Fremde, wenn man so will. Sie lassen sich nicht vereinnahmen.

Richard Ford macht aus der Not eine Tugend: Er bleibt bei den Fakten, dem „verengten Blickwinkel“ des Kindes, das er war und immer sein wird, und ergänzt sie, sehr knapp, eher kommentierend, mit den Einsichten des Erwachsenen. Und wie soll er seinen Vater anders beschreiben als über dessen lange „Abwesenheit“?

Ein Handlungsreisender, der Montag früh wegfuhr und Freitagabend wiederkam – unterwegs in den Südstaaten für die Firma „Faultless“. Deren damals sehr gefragtes Produkt: Wäschestärke.

Fünfzehn Jahre waren die Eltern bereits verheiratet, bis dann doch noch ein Kind kam: 1944 in Jackson, Mississippi. Was hat sich mit ihm alles für sie geändert, fragt Richard Ford im spekulierenden Rückblick. Ging es ihnen, gemeinsam „on the road“ unterwegs und keinem Vergnügen in Hotels, Cafés und Kneipen abgetan, vorher nicht besser? „Sie wollten mich; aber sie brauchten mich nicht“, bilanziert Ford skeptisch. „Zusammen – vielleicht nur zusammen – blühten sie erst richtig auf.“

Die Familie wurde sesshaft, verband sich mit der Großmutter mütterlicherseits und ihrem ebenso leichtlebigen zweiten Mann, die zusammen ein Hotel in Arkansas führten. Der Vater des Vaters hatte sich als Bankrotteur umgebracht, die Mutter machte aus ihrer Missbilligung der Schwiegertochter kein Hehl. Edna verhielt sich für sie zu „katholisch“.

Vom alltäglichen Leben daheim, den Gesprächen und Ansichten seiner Eltern, kann Ford nicht viel überliefern. Aber: „Wenn ich durch den Dunst all dieser kaum gespeicherten Einzelheiten an meinen Vater denke, läuft die wahrste und liebevollste Erkenntnis über ihn darauf hinaus, dass er kein moderner Vater war. Ja, selbst damals, als ich ihn am besten kannte, schien er von einem anderen Ort, aus einer anderen Zeit zu kommen, von weit her.“

Ein Merkmal sticht dabei heraus: „das aufbrausende Temperament meines Vaters“, seine Ungeduld, sein Jähzorn. Da gewinnt auch der Text gleich an Leben, wenn Ford etwa die Anekdote vom gewilderten Weihnachtsbaum erzählt. Der Vater will ihn klein, der Sohn groß; als er dann nicht in die Wohnung passt und der verärgerte Vater ihn an der Spitze kürzt, wirft der ebenso verärgerte Sohn mit dem verstümmelten Baum nach ihm – eine Tracht Prügel folgt sofort!

Nach dem frühen Herztod des Vaters 1960, da war Richard erst 16, wird die Mutter zur „Partnerin“. Eine Nähe, wenn auch auf Zeit, die dem ihr gewidmeten zweiten Text des Bandes (im Gegensatz zum Vatertext bereits vor Jahrzehnten entstanden) die weit größere Intimität und Geschlossenheit gibt. Sogar seine ersten sexuellen Erlebnisse mit der Freundin hat er ihr – aus Angst vor den Folgen – eins zu eins geschildert.

„Wann suchst du dir endlich eine Arbeit und legst los?“ fragte sie ihn später. Da hatte Ford schon zwei Romane veröffentlicht und unterrichtete in Princeton. Doch sonst waren sie sich in der Einschätzung der Dinge meist einig. „So war das Leben. Etwas anderes würden wir nicht bekommen. Als Mutter und Sohn waren wir Realisten. Wir machten das Beste aus allem und wussten das.“

Vom irischstämmigen Vater hat er die schönen hellblauen Augen, von der Mutter aber den Rest des Gesichts. Die Stirn groß und hoch. „Gleiches Kinn, gleiche Nase. Man kann es auf Fotos sehen“, schreibt Ford. „In mir sehe ich sie, in meinem Lachen höre ich ihres.“

Ein Glückskind.

Wolf Ebersberger

Richard Ford: Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin, 144 Seiten, 18 Euro.

Eiskaltes Boston: Dennis Lehane

In den Neunzigern waren sie Ikonen des knallharten Thrillers: Kenzie und Gennaro, die Bostoner Privatdetektive. Jetzt wird die Reihe neu übersetzt.

„Halten Sie sich von seinem Mund fern“, wird der Bostoner Privatdetektiv Patrick Kenzie gewarnt, bevor er den hochintelligenten Psychopathen Alec Hardiman treffen soll. Das FBI braucht Kenzies – und Hardimans – Hilfe, um eine grausame Mordserie aufzuklären, deren Opfer auf makabere Weise in der nordamerikanischen Universitäts-Stadt drapiert sind, zerstückelt, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe ausgeweidet. Aber Hardiman spielt sein eigenes Spiel mit den Ermittlern.

Autor Dennis Lehane (Foto: Boesl/dpa)

Das klingt bekannt? „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und ihre Epigonen scheinen Pate gestanden zu haben bei Dennis Lehanes schon 1996 in den USA erschienenem Thriller „Dunkelheit, nimm meine Hand“. Der Diogenes Verlag, mit Lehanes aktuellen (und besseren) Romanen erfolgreich, greift damit zurück auf die „Kenzie & Gennaro“-Serie aus den 90ern, um dem begeisterten Publikum mehr Futter zu liefern. Leider kann man sich aber an diesem Menü aus Hard-Boiled-Krimis à la Raymond Chandler oder Ross Macdonald und unappetitlichem Psycho-Horror auch den Magen verderben.

Kenzie und seine aus Mafiakreisen stammende Kollegin Angie Gennaro verstricken sich immer tiefer in ein zunehmend absurdes Netz aus bedrohlichen Gangstern, grausamen Rächern und Geisteskranken in Biedermann-Maske. Nichts und niemand ist hier sicher, und – wie Kenzie gedroht wird – „es werden Opfer gebracht werden müssen“. Das winterliche Boston liefert dazu die eiskalte Kulisse.

Dass Dennis Lehane, der mit seiner Gangster-Saga „In der Nacht“ (gerade verfilmt von und mit Ben Affleck) und „Am Ende einer Welt“ als reifer Meistererzähler überzeugte, zweifellos weiß, wie man Spannung aufbaut, liegt schon in diesem Frühwerk auf der Hand. Aber in der Wahl seiner Mittel war er zur Zeit von „Dunkelheit, nimm meine Hand“ leider weder zimperlich noch sicher.

Übrig bleibt ein Reißer, der von seinen offensichtlichen Vorbildern in den Schatten gestellt wird und dadurch doch eher „passé“ wirkt.

Andreas Frane

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Diogenes, 510 Seiten, 16 Euro.