Eiskaltes Boston: Dennis Lehane

In den Neunzigern waren sie Ikonen des knallharten Thrillers: Kenzie und Gennaro, die Bostoner Privatdetektive. Jetzt wird die Reihe neu übersetzt.

„Halten Sie sich von seinem Mund fern“, wird der Bostoner Privatdetektiv Patrick Kenzie gewarnt, bevor er den hochintelligenten Psychopathen Alec Hardiman treffen soll. Das FBI braucht Kenzies – und Hardimans – Hilfe, um eine grausame Mordserie aufzuklären, deren Opfer auf makabere Weise in der nordamerikanischen Universitäts-Stadt drapiert sind, zerstückelt, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe ausgeweidet. Aber Hardiman spielt sein eigenes Spiel mit den Ermittlern.

Das klingt bekannt? „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und ihre Epigonen scheinen Pate gestanden zu haben bei Dennis Lehanes schon 1996 in den USA erschienenem Thriller „Dunkelheit, nimm meine Hand“. Der Diogenes Verlag, mit Lehanes aktuellen (und besseren) Romanen erfolgreich, greift damit zurück auf die „Kenzie & Gennaro“-Serie aus den 90ern, um dem begeisterten Publikum mehr Futter zu liefern. Leider kann man sich aber an diesem Menü aus Hard-Boiled-Krimis à la Raymond Chandler oder Ross Macdonald und unappetitlichem Psycho-Horror auch den Magen verderben.

Kenzie und seine aus Mafiakreisen stammende Kollegin Angie Gennaro verstricken sich immer tiefer in ein zunehmend absurdes Netz aus bedrohlichen Gangstern, grausamen Rächern und Geisteskranken in Biedermann-Maske. Nichts und niemand ist hier sicher, und – wie Kenzie gedroht wird – „es werden Opfer gebracht werden müssen“. Das winterliche Boston liefert dazu die eiskalte Kulisse.

Dass Dennis Lehane, der mit seiner Gangster-Saga „In der Nacht“ (gerade verfilmt von und mit Ben Affleck) und „Am Ende einer Welt“ als reifer Meistererzähler überzeugte, zweifellos weiß, wie man Spannung aufbaut, liegt schon in diesem Frühwerk auf der Hand. Aber in der Wahl seiner Mittel war er zur Zeit von „Dunkelheit, nimm meine Hand“ leider weder zimperlich noch sicher.

Übrig bleibt ein Reißer, der von seinen offensichtlichen Vorbildern in den Schatten gestellt wird und dadurch doch eher „passé“ wirkt.

Andreas Frane

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Diogenes, 510 Seiten, 16 Euro.

Colson Whitehead und der Rassismus: „Underground Railroad“

Es gibt Romane, die sind so aktuell, dass man glaubt, der Zeitpunkt ihres Erscheinens wurde genau geplant. Bei dem Buch „Underground Railroad“ des amerikanischen Autors Colson Whitehead, das heute auf Deutsch erscheint, kann das aber nicht der Fall sein, denn der 1969 in New York geborene, afroamerikanische Autor geht mit dem Stoff Rasse, Freiheit und Sklaverei schon seit dem Jahr 2000 um.

Autor Colson Whitehead (Foto: Madeline Whitehead)

Geschrieben wurde der Roman während der Amtszeit von Präsident Barack Obama. Nachdem in Amerika mit Präsident Donald Trump rechtsextreme Gruppierungen wieder Oberwasser haben und es, wie zuletzt in Charlottesville, zu Auseinandersetzungen mit Anhängern der alten Südstaaten kommt, ist Whiteheads Roman aber hochaktuell.

Er erzählt vom historischen Rassismus der Sklavenhalter und wie schwierig es für Schwarze war, von den Baumwollplantagen zu entkommen. Selbst wenn sie es geschafft haben, gibt es für sie kaum Freiheit. Der amerikanische Traum – das eigene Glück zu suchen und es auch zu finden – gilt kaum für Schwarze. Offenbar ist dieser Konflikt noch immer nicht ausgestanden. Der offene Rassismus der Sklavenhalter wurde durch einen latenten Rassismus der Ausgrenzung ersetzt.

Der Roman spielt um 1850. Die junge Cora muss auf der Baumwollplantage der Randall Brüder in Georgia leben. Ihre Großmutter war aus Afrika entführt worden, ihre Mutter hat die Flucht aus der Sklaverei geschafft. Cora weiß allerdings nur, dass sie nicht mehr da ist. Ob sie tatsächlich überlebt hat, bleibt unklar.

Whiteheads Darstellung der Sklaverei ist eindringlich, weil er die Entmenschlichung der Sklaven durch systematisches Quälen beschreibt. Frauen werden von den weißen Sklavenhaltern beliebig vergewaltigt; wer einen eigenen Willen zeigt, der muss leiden, ihm wird etwa die Zunge abgeschnitten. Tote oder fast tote Körper werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Mit der Züchtigung durch die Neunschwänzige Katze werden Menschen für ihr Leben gezeichnet.

Für Sentimentalitäten dem alten Süden gegenüber hat Colson Whitehead nichts übrig. Hier geht es nicht allein um Ausbeutung, sondern um die physische und psychische Zerstörung von Menschen, die nur so viel zum Leben bekommen, dass sie nicht sterben. Cora, die den Traum hat, ihre Mutter zu finden, entschließt sich zur Flucht, die ihr auch knapp gelingt. Immer aber in Angst vor den Sklavenjägern, die sie zu ihren Besitzern zurückbringen wollen.

Mit einem Kunstgriff wird der durchaus realitätsnah geschilderte Romanbeginn metaphorisch aufgeladen: Cora schafft es, in einen Zug einzusteigen, der im Untergrund fährt. Diese „Underground Railroad“, die von Gegnern der Sklaverei betrieben wird und Schwarze in die Freiheit im Norden bringen soll, hat es natürlich historisch nicht gegeben und ist ein Produkt der Phantasie Whiteheads.

Ein Netzwerk mit diesem Namen gab es aber schon. Durch dieses metaphorische Konzept bekommt der Roman Tempo und der Autor kann die unterschiedlichsten Formen von Rassismus durchspielen, ohne dass der Roman didaktisch wirkt.

Auf ihrer Flucht kreuz und quer durch die Südstaaten mit der Untergrundbahn muss Cora immer wieder Stationen bei Gegnern der Sklaverei machen, und Hoffnung keimt bei ihr auf, dass sie es geschafft hat, in Freiheit zu überleben. Doch sie wird enttäuscht und muss erkennen, dass ihre Unterstützer genauso gefährlich leben wie die Sklaven selbst. In South Carolina hat sie zunächst den Eindruck, dass Schwarze frei leben und arbeiten können. Doch Cora wird zusammen mit den Familien, die sie aufgenommen haben, von den Einheimischen, die sich dabei auf die Bibel berufen, vertrieben.

In North Carolina ist die Sklaverei offiziell abgeschafft, gleichwohl will man alle Schwarzen loswerden. Schwarze und ihre Helfer werden gejagt, es gibt Denunziationen. Freitags, im Rahmen eines rassistischen Unterhaltungsspektakels, wird gelyncht. Auch Coras Unterstützer.

Manchmal fragt sich der Leser – in einem ganz altmodischen, pathetischen Sinn –, was die Heldin denn noch alles aushalten muss. Whitehead hat für seinen Roman aber authentische Texte wie Lebenserinnerungen von ehemaligen Sklaven und die Sammlungen von mündlichen Überlieferungen gelesen und ausgewertet.

Sein Buch ist eine Collage der rassistischen Ursünden Amerikas, die mit dem Geisterzug abgefahren werden. „Underground Railroad“ gilt derzeit als der am meisten diskutierte Roman. Er wurde in den USA zum Bestseller. Er hat den Pulitzer Preis und den National Book Award bekommen. Gleich beide Auszeichnungen für ein Buch zu erhalten schaffen nur wenige Autoren.

Absolut lesenswert!

André Fischer

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 352 Seiten, 24 Euro.

Bald als Film, endlich als Buch: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Wenn bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen sein wird, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kommen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (30. August bis 9. September), um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival stehen werden, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra am Ende wird – das Buch und sein Autor sind schon jetzt eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.

Bob Dylan trifft Tomas Espedal

Es gibt wenige, die den radikalen Weg zwischen biografischem und fiktionalem Erzählen so verfolgen wie der norwegische Autor Tomas Espedal und der amerikanische Musiker Bob Dylan. Fast zeitgleich sind nun Bücher von beiden erschienen.

„Einige Jahre suchte ich fast verzweifelt nach einem Beruf, der mich vom Schreiben befreien könnte.“ Schreibt Tomas Espedal. Als wolle er sich mit dem Schreiben vom Leben befreien. Oder vom Lieben. Ums Schreiben, Leben, Lieben kreisen seine Gedanken.

„Biografie. Tagebuch. Briefe.“ ist ein sehr nüchterner Titel für die jüngste Veröffentlichung des Romanciers auf Deutsch. Doch die Klarheit schließt ja die brennenden Sätze nicht aus, die darin stecken. „Es gehört nichts dazu, zu reisen, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen . . . um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.“

Sein Kollege Karl Ove Knausgård hat ihm wohl einmal auf einer Party gesagt, er schreibe so „schön“. Was Espedal zu denken gab. Für den 1961 in Bergen Geborenen, der zu den preisgekrönten Autoren seines nordischen Landes zählt, ist „schön schreiben“ wohl eines der letzten Dinge, worum es ihm geht – passionierter Pendler zwischen dem erlebten Alltäglichen und dem Fiktiven, der er ist.

Seine große Ernsthaftigkeit und auch Schonungslosigkeit beim Schreiben macht die atemberaubende Qualität seiner überwiegend kurzen Kapitel aus. Auch in der Poesie geht er keine Kompromisse ein, weder vor sich, noch vor seinen Lesern.

Der Handlung dieses außergewöhnlichen, zuweilen sehr intimen Buches voller Gedankenanstöße liegen einschneidende biografische Brechungen im Leben des Autors zugrunde. Er schreibt vom Tod der Mutter und zeitnah von dem seiner Frau, einer Schauspielerin, mit der er zwei kleine Töchter hat. Die Pole seines Alltag verlaufen zwischen dem Gefordertsein als plötzlich alleinerziehender Vater und der Selbstbespiegelung als Schriftsteller, der zwischen Notwendigkeiten wie dem morgendlichen Anfeuern, Wecken, Frühstückmachen und die Mädchenschulfertigmachen sein Warten und Finden von Worten im kaum 30 Meter vom Wohnhaus entfernten Gartenhaus beschreibt. Dort, wo Romane wie „Wider die Kunst“ und „Wider die Natur“ entstanden.

Er hat Trinkphasen. Er hat eine Liebesbeziehung mit einer viel zu jungen Frau. Er hat Fluchten in die Stadt. Aber letztlich strandet er immer bei sich und der Literatur. Und wie einer seiner auch ins Deutsche übersetzten Romane „Gehen“ hieß, verströmen auch seine kurzen Texten zwar Ruhe, doch nie Stillstand. Espedal ist – durchaus artverwandt mit W. G. Sebald oder dem frühen Peter Handke – ein großer Wanderer, der in einer Lebenskrise offenbar halb Europa zu Fuß durchschritt. Wer Sebald und Handke gerne gefolgt ist, wird auch mit diesem die Worte wägenden Norweger einen Weggefährten finden. Weggefährten können aber kauzig sein.

Wie wenig sich einer wie Bob Dylan um seine Außenwahrnehmung als Kauz schert, geht aus dem nun veröffentlichte Buch „Planetenwellen“ wunderbar hervor. Auf Deutsch und Englisch zweisprachig gedruckt, enthält es Gedichte und Prosatexte aus den Jahren 1963 bis 1978, bei deren Übersetzung Heinrich Detering einen guten Job geleistet hat.

Reden und Essays bis hin zu Dylans – sehr, sehr artig ausgefallener – Nobelpreis-Tischrede von 2016 ergänzen die frühen Schriften, kommen aber eher wie ein verkaufstaktischer Bonus-Track daher. Gerade in Anbetracht von Dylans frühen Gedichten, die ihm als Steinbruch für Alben von „Bringing it all back home“ (1965) bis „Live at Budokan“ (1975) dienten. „Und du springst aus dem bett, dass die träume vor dir fliehen/Und du fragst dich und du weißt es nicht/hast du selbst im traum geschrien/Und du weißt du brauchst jetzt etwas um himmels willen/Und du weißt keine droge kann dir diesen wunsch erfüllen/Und kein schnaps im ganzen land kann deine hirnblutung stillen“ schreibt da der wütende junge Mann in „Letzte Gedanken über Woody Guthrie“. So wie er andernorts zarte Zeilen für Joan Baez fand.

In den siebziger Jahren schmeißt Dylan solche Poesien jedoch zum Hotelfenster hinaus und probiert zerstörerische Stilformen aus. So dass man als Leser entweder einen satanischen Pakt mit dem Assoziationsstrom eines alle Verständlichkeiten torpedierenden Kunstschreibers eingehen muss – oder verwirrt auf der Strecke bleibt.

Bei all dem fehlt es Dylan offenbar nicht an Humor, Heinrich Detering erwähnt aufschlussreiche Stellen. Ein Schlüsselzitat aus Dylans Stellungnahmen, Reden und Essays lautet: „Die Kritiker haben auch gesagt, ich lebte davon, Erwartungen zu enttäuschen. Wirklich? . . . Als ob ich abends lange aufbliebe und mich fragte, wie ich das anfange . . . Erwartungen enttäuschen. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet und wer Zeit dafür hat.“

Dylans „Planetenwellen“ und Espedals „Biografie. Tagebuch. Briefe.“ sind bei aller Unterschiedlichkeit wagemutige Beispiele für den schmalen Grat einer Literatur zwischen Kunst und Ich. Auch im Sinne eines Thomas Mann, den Espedal zitiert, weil dieser Schriftsteller einmal als Menschen bezeichnet hat, denen es schwerer fallen würde, Texte zu schreiben als anderen. Hier mit bestem Ergebnis.

Christian Mückl

Tomas Espedal: Biografie. Tagebuch. Briefe. Matthes & Seitz, 347 Seiten, 25 Euro.
Bob Dylan: Planetenwellen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 24 Euro.

Short Stories vom Feinsten: Fante, Yates und Salter

Keiner schreibt bessere Kurzgeschichten als amerikanische Autoren. Zum Beispiel John
Fante – der immer wieder neu entdeckt wird (und immer wieder neu vergessen). Aber Fans wie Charles Bukowski – „John Fante war mein Gott“ – wussten schon, was sie im Werk des erst posthum erfolgreichen Schriftstellers (1909 –1983) fanden: eine unverstellte, gern naive Stimme, viel Witz und viel Wärme im Blick auf das ganz normale Leben und Streben kleiner Leute.

Fantes Bücher sind alle autobiografisch, spiegeln die familiäre Enge italienischer Einwanderer, die katholische Kindheit in Colorado. Der Vater ein armer Maurer, die Mutter fromm und betrogen, dazwischen der Sohn, der davon träumt, Baseballstar zu werden. Das ergibt Situationen, die der Kurzgeschichtenband „Little Italy“ (Maro Verlag, 20 Euro) – übrigens erstmals auf Deutsch – betont kindlich und komisch schildert. Wie soll man zur Erstkommunion, wenn man nicht mal ein ordentliches weißes Hemd hat? Eine Tragödie mit zu langen Ärmeln!

Der Schriftsteller Alex Capus wiederum, selbst seit langem Fante-Fan, hat nun auch den ebenfalls sehr kurzen Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ übersetzt (Blumenbar, 16 Euro). Wirtschaftskrise, eisiger Winter, erste abgewiesene Liebe – dem jungen Dominic Molise wird nichts geschenkt, auch nicht vom Elternhaus. Wird er sich gegen den Vater durchsetzen können und mit seinem starken linken Wurfarm zum Sporthelden werden? Eine Geschichte, die erheitert und zu Herzen geht – ohne einen Moment sentimental zu sein.

Ähnlich wie John Fante stets auf Augenhöhe mit seinen Figuren war der inzwischen als moderner Klassiker anerkannte Richard Yates (1926 – 1992). Nun sind auch neun seiner Erzählungen, die bislang noch nicht veröffentlicht waren, auf Deutsch herausgekommen – und bestätigen seinen Rang als großer Menschenfreund und -kenner.

Kriegsveteranen und Krankenhausromanzen, bröckelnde Ehen und Affären mit bitterem Ende: „Eine letzte Liebschaft“ (DVA, 19,99 Euro) führt geradezu idealtypisch vor, wie intim sich Yates in seine Alltagshelden einfühlt und ihre seelischen Nöte ahnt. Allein der Fund einer 50-Cent-Münze im Schulhof kann das Leben eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen völlig durcheinanderbringen – hätte sie nur nicht ihrem dummen Bruder davon erzählt . . . Kleines Herz in kargen Zeiten, von allen verkannt! Dass in einer Story James Joyce zitiert wird, ist kein Zufall: Yates führte das literarische Erbe grandios fort.

Artverwandt in den Themen und Milieus, aber ganz anders im Stil war der aus der gleichen Generation stammende James Salter (1925 – 2015). Lange Jahre Kampfpilot, wovon er in seinen Romanen berichtete, wurde Salter zu einem der raffiniertesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Der noch von ihm selbst angelegte Band „Charisma“ fasst alle seine Short Stories zusammen und ergänzt sie mit drei Vorlesungen, die er übers Schreiben hielt.

Salter war, wenn man so will, eine Schaltstelle zwischen Hemingway und John Updike: ein Erzähler lakonisch kühler Sätze und überaus geschliffener Dialoge, der den emotionalen Abgrund, in den seine Figuren geraten, oft nur andeutet. Dazu die durchaus pikante Note, das erotische Prickeln, die nicht nur in den Dreiecksgeschichten spürbar sind . . . (Berlin Verlag, 22 Euro).

Wolf Ebersberger

Armistead Maupins letzte „Stadtgeschichten“

In sechs Bänden erzählte Armistead Maupin zwischen 1978 und 1989 seine „Stadtgeschichten“ aus San Francisco, zuerst als Fortsetzungsromane für den „San Francisco Chronicle“, dann in Buchform. Ein Zyklus, ein lustvoller Reigen um hetero-, homo- und transsexuelle Stadtbewohner und frisch Zugezogene, die sich zwischen den Nachwehen der sexuellen Revolution und der AIDS-Epidemie der 80er Jahre zu Wahlverwandtschaften zusammenfinden.

Zentrum, Grande Dame und Mutterfigur des Zirkels ist die geheimnisvolle Anna Madrigal, die früher einmal Andy Ramsey hieß. Als 92-Jährige ist sie nun die Titelheldin in der dritten Fortsetzung (nach „Michael Tolliver lebt“ und „Mary Ann im Herbst“), die Maupin seit 2007 nachgeliefert hat. Und diesmal sollen es nun wirklich – das orakelt schon das deutsche Buch-Cover – „die letzten Stadtgeschichten“ sein. Zeit also, den Kreis zu schließen und zu Ende zu erzählen? Die Handlungsfäden zu kappen und die Figuren – durchaus buchstäblich – sterben zu lassen?

Glücklicherweise ist der inzwischen 72 Jahre alte Maupin in „Die Tage der Anna Madrigal“ dazu nicht bereit. Die Sterblichkeit wird den ihren Leserinnen und Lesern ans Herz gewachsenen Charakteren zwar schmerzlich bewusst, gerade im Fall von Anna Madrigal spielt die Konfrontation mit den Schatten der Vergangenheit im Angesicht des Todes sogar eine zentrale Rolle. Aber durch Brians Tochter Shawna und Annas Mitbewohner Jake kommt auch eine neue Generation hier zu ihrem Recht und sucht nach ihren jeweils eigenen Lebensentwürfen.

Zwei Reisen, die am Schluss ineinander münden, geben im 9. Roman der Reihe die Richtung vor: Die „unwürdige Greisin“ Anna macht sich mit Brian und seiner neuen Frau Wren auf den Weg nach Winnemucca, Nevada, um Abbitte für eine alte Schuld aus ihrer Jugend zu leisten. Dabei wird auch endlich das Geheimnis enthüllt, wie und warum sie sich als Mrs. Madrigal neu erfunden hat.

Gleichzeitig lässt sich Michael Tolliver von seinem Partner Ben dazu überreden, am jährlichen Burning Man-Festival in der Wüste von Nevada teilzunehmen. Die eine Reise geht in die Vergangenheit, die andere zeigt Perspektiven für die Zukunft auf: Shawna hegt den heimlichen Plan, sich inmitten des Trubels schwängern zu lassen, Transgender-Boy Jake hofft auf die Aufmerksamkeit seines Freundes Amos. Das Leben will – trotz aller Katastrophen – gefeiert sein.

Noch einmal breitet Amistead Maupin sein entspanntes, souveränes Erzähltalent vor uns aus. Es ist bitte, bitte nicht das letzte Mal. Warum wir allerdings seit der amerikanischen Erstveröffentlichung im Januar 2014 bis jetzt warten mussten, um „Die Tage der Anna Madrigal“ in Deutschland genießen zu können, bleibt ein weiteres Rätsel des Buchmarktes.

Andreas Frane

Armistead Maupin: Die Tage der Anna Madrigal. Roman. Rowohlt, 334 Seiten, 10,99 Euro.

Paul Austers „4 3 2 1“: Vier Leben, viele Möglichkeiten

So dick war er noch nie – und so weise auch nicht: Paul Auster hat mit „4 3 2 1“ seinen besten Roman geschrieben.

Genau 1259 Seiten lang ist der neue Roman des amerikanischen Kultschriftstellers Paul Auster („New-York-Trilogie“). Viel Platz hat er sich genommen, um seine Lebensgeschichte in vier Variationen zu schildern. Was wäre wenn? Diese Frage hat man sich vielleicht selbst schon einmal gestellt: Was wäre, wenn man nur mit der Mutter groß geworden wäre? Wenn man in einem reichen Elternhaus gelebt hätte? Wenn man in einfachen Verhältnissen aufgewachsen wäre?

Paul Auster spielt verschiedene Möglichkeiten durch – und zwar parallel, was anfangs verwirrt. Denn immer wieder dreht Auster die Uhr zurück und es wird erst nach einigen Seiten klar, dass er sich auf einer anderen Erzählebene befindet. Man fühlt sich an den Film „Lola rennt“ erinnert: Kaum ändert sich eine Nuance, nimmt das Schicksal eine andere Wendung.

Austers Protagonist ist immer derselbe: Archie Ferguson, genannt Ferguson, wird im März 1947 an der Ostküste Amerikas geboren. Seine Eltern sind Kinder jüdischer Einwanderer aus Osteuropa – die ersten dieser Generation, die es geschafft haben und es in den USA zu einigem Wohlstand gebracht haben.

Archie ist ein Wunschkind, es wird geliebt und hat eine besonders innige Beziehung zu Mutter Rose, eine für die damalige Zeit selbstbewusste Frau mit eigenen beruflichen Ambitionen. Der Vater wird ihm immer ein wenig fremd bleiben, weil er ein Radio-Geschäft führt und wenig Zeit für die Familie hat.

Viermal Archie Ferguson, viermal dieselben Eltern, viermal dasselbe genetische Material – aber jedesmal andere Lebensumstände und andere Orte, die zu anderen Charaktereigenschaften führen… Ferguson wächst zu einem Teenager und jungen Mann heran, der sich für Literatur und Sport interessiert, der die Sommer in einem Ferienlager verbringt und hier wichtige Begegnungen und prägende Erfahrungen sammelt, der an seiner nicht ganz unproblematischen Großfamilie hängt, der gern experimentiert und sich im Zeitungsmachen oder im Geschichtenschreiben übt. Und der das andere Geschlecht für sich entdeckt… Der Roman enthält viele autobiografische Bezüge.

Es hat Auster – der am 3. Februar 70 Jahre alt wird – sicher große emotionale Mühen gekostet, sich so intensiv mit seiner Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen und sich in so verschiedene imaginäre Spielarten seines Lebens hineinzudenken. Zwar spielt das Buch in den 50er und 60er Jahren, also zu einer Zeit, als Ferguson sehr jung ist. Geschrieben ist das Buch aber mit der Weisheit und der Reflektionsgabe eines reifen Mannes.

Auster, der mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet ist und zwei Kinder hat, lebt heute selbst in Brooklyn. Bis auf einige Jahre, die er in Frankreich verbrachte, hat ihn das großbürgerliche und intellektuelle New York geprägt.

Sei es, dass er über Freundschaften sinniert, über Beziehungen, über die Schule, die Macht von Büchern, die Bedeutung von Musik oder die Wichtigkeit von Zeitungen – als Leser ist man fasziniert davon, wie tiefsinnig sein Ferguson seine Welt wahrnimmt. Es gibt kaum einen Bereich, den Auster dabei auslässt.

Trotz des Umfangs des Buches liest es sich rasch, denn nicht selten gehen die oft bildreichen Sätze über eine ganze Seite. Das gibt dem Roman etwas wunderbar Episches.

Susanne Stemmler

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman. Rowohlt, 1259 Seiten, 29,95 Euro.

Grandios: Nathan Hills erster Roman „Geister“

Wunderbar passt „Geister“, das Romandebüt des 40jährigen Amerikaners Nathan Hill, in unsere „postfaktischen“ Zeiten. Denn das, was seine nach stabilen Beziehungen und zwischenmenschlichem Halt suchenden Figuren als Wahrheit oder Wirklichkeit nehmen, erweist sich als Konstrukt der Anderen, als bedrohliches Ammenmärchen oder als mühsam aufrecht erhaltene (Lebens-)Lüge.

Aber vielleicht ist das „wahre Ich“, das sie in ihren Lebensentwürfen verwirklichen wollen, die größte Illusion von allen. Ein Paradebeispiel dafür könnte Faye Anderson-Andresen sein, die als „Packer-Attacker“ zu spätem medialen Ruhm kommt, weil sie einen Präsidentschaftsanwärter mit (Kiesel-)Steinen beworfen hat. Als junge Frau floh sie vor ihrem verbitterten Vater und der Biederkeit der Kleinstadt in Iowa an die Universität in Chicago – und geriet mitten in die berühmt-berüchtigten Studentenunruhen von 1968.

20 Jahre später hat sie Mann und Kind verlassen, doch auch diese Flucht aus dem bürgerlichen Provinzleben ist ihr nicht gut bekommen. Jetzt – im Spätsommer 2011 – bietet sich durch den Medienrummel um ihre nur scheinbar radikale Tat die Chance für ihren Sohn, den verkrachten Literaturprofessor und Möchtegernschriftsteller Samuel, sich mit ihr auszusprechen. Aber wie in den gruseligen Märchen um Hausgeister und den bösen Nix, die ihr aus Norwegen stammender Vater ihr erzählt hat, ist Vorsicht geboten: Denn „die Dinge, die man am meisten liebt, können einen am schlimmsten verletzen“.

Zwischen 1968, 1988 und 2011 blättert Nathan Hill in diesem grandiosen Roman eine ungewöhnliche Familiengeschichte auf. Aber das ist es nicht, was „Geister“ zu einem der besten Bücher des letzten Jahres macht. Hill erzählt von Aufbruch und Revolte der Jugend, ihrer bitteren Enttäuschung und ihren Langzeitfolgen für die Nachgeborenen, und er spielt die unterschiedlichen Generationen und Haltungen mit großer Raffinesse gegeneinander aus.

Die Hippies der 68er gegen Occupy Wall Street, eine Generation mit dem Drang nach gesellschaftlicher Veränderung gegen junge Menschen, die vor den Herausforderungen des Lebens in virtuelle Welten (hier das Online-Spiel Elfscape), dummdreisten Ehrgeiz und blanke Erfolgsgier ausweichen, die naiven Aktivisten gegen die scheinbar unpolitischen Vertreter und Auswüchse des Systems. Allen gemeinsam ist, dass sie manipuliert wurden und werden, dass sie keine Chance gegen die Strippenzieher haben, die selbst aus Protest und Widerstand ihren Profit ziehen und jede menschliche Regung geschickt ausbeuten.

Das Herzstück des voluminösen Romans ist die kurzatmige, sich aus vielen Episoden und Perspektiven zusammensetzende Schilderung der im Spätsommer 1968 brutal niedergeschlagenen Studentendemos in Chicago. Aber auch das in einem sich über Seiten windenden Satz ablaufende Ende eines Elfenkriegers oder die absurden Selbstrechtfertigungen der lustvoll hassenswerten Literaturstudentin Laura sind literarische Kabinettstückchen, die von dem für seine Erzählungen schon preisgekrönten Autor noch Großes erwarten lassen.

Mit „Geister“ hat er sich mit einer weit ausholenden Gesellschaftsbetrachtung empfohlen, die – nicht nur in Anbetracht der Wahl von Donald Trump oder der Kür von „postfaktisch“ zum Wort des Jahres – aktueller nicht sein könnte.

Andreas Frane

Nathan Hill: Geister. Piper Verlag, 864 Seiten, 25 Euro.

Grandios: Richard Russos „Diese gottverdammten Träume“

Er findet das Besondere im Alltäglichen, er entdeckt die Tragik im Banalen: Mit seinem großen Roman „Diese gottverdammten Träume“ hat der US-Amerikaner Richard Russo ein unaufdringliches Meisterwerk geschaffen.

Bezeichnenderweise heißt die Stadt, in der er seine Geschichten vom Scheitern, Straucheln und Wiederaufstehen ansiedelt (ebenso wie der Roman im Originaltitel) Empire Falls. Gefallen sind sie nämlich alle, die Figuren in diesem Roman: Allen voran Miles Roby, der vor über zwanzig Jahren nach der Krebserkrankung seiner Mutter das Studium abgebrochen hat und in seinen Heimatort zurückgekommen ist.

russoNun führt er mit seinem versehrten Bruder das „Empire Grill“, ein heruntergekommenes kleines Restaurant. Seine Ehe scheint ebenso verloren wie sein Traum von einem anderen Leben. Alle Hoffnung ruht auf seiner Tochter Tick, die mehr aus sich machen soll, als er selbst es geschafft hat. Doch schleichend wie die Schlange, die sie im Kunstunterricht malt, kommt gerade auf sie ein furchtbares Unheil zu.

Richard Russo nimmt sich Zeit für seine Figuren und seinen Schauplatz, diese verfallende Stadt, deren Industrie am Boden und deren Stolz im Staub liegt. Verbitterung hat sich in den Seelen und Beziehungen eingenistet. Frustration hat die Gemeinschaft der Menschen in Empire Falls zersetzt.
Nur eine Handvoll, darunter Miles, sein unverbesserlicher Schnorrer von Vater und Tick scheinen sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Wie in ihrem Pavillon über dem Fluss thront Francine Whiting, die alte Witwe des letzten Großindustriellen der Stadt, mit ihrer bösartigen Katze hexenhaft über all ihren Bewohnern. Zieht sie im Hintergrund die Fäden ihrer Schicksale, wie Miles Roby manchmal vermutet? Was hat sie damals mit seiner Mutter verbunden? Begann der Niedergang der Stadt mit dem Selbstmord ihres Mannes?

Das Panorama, das Richard Russo vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet, umfasst ein auf größere Zusammenhänge verweisendes Gesellschaftsbild, in dem mit großer Empathie auf die Verlierer der ökonomischen Entwicklung, aber auch auf die Geringsten und Gefallensten geblickt wird, korrupte Gesetzeshüter ebenso wie einsame Soziopathen. Nicht einmal Gewalt und Naturkatastrophen, so scheint es, sind in der Lage, die Menschen in diesem Reich Amerika zusammenzubringen.

Im Bundesstaat Maine in Neuengland lassen bevorzugt John Irving und Stephen King ihre Romane spielen: Anklänge an beide Fabulierer, den warmherzigen Menschenkenner und den Meister des blutigen Grauens, findet man auch in „Diese gottverdammten Träume“. In den USA ist Russo bereits eine bekannte, von Publikum und Kritik hochgeschätzte Größe, er hat bisher acht Romane und einige erfolgreiche Drehbücher (darunter „Im Zwielicht“ und „Nobody’s Fool“) geschrieben.

2002 erhielt der damals 53-jährige den Pulitzer-Preis – für diesen Roman, der auch prompt vom TV-Sender HBO mit Paul Newman, Ed Harris und Philip Seymour Hoffman verfilmt (und ebenfalls preisgekrönt) wurde. Wie in aller Welt ist es zu rechtfertigen, dass es 14 Jahre gedauert hat, dieses Meisterwerk für den deutschen Buchmarkt zu entdecken?

Andreas Frane

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Roman. Deutsch von Monika Köpfer. Dumont, 752 Seiten, 24,99 Euro.