Rétif de la Bretonne und seine prallen Memoiren

Rétif de la Bretonne – ein französischer Autor des 18. Jahrhunderts, den nicht jeder kennt. Und offenbar ein richtiger Casanova, wie seine sehr lesenswerten Memoiren zeigen . . .

Der Bub hat alles, was das Herz begehrt: klaren Verstand, Lust auf Bildung, unversiegbaren Fleiß, einen aufrichtigen Charakter und ein hübsches Gesicht. Dazu eine Schüchternheit, die sämtliche Frauen ermuntert, den Jungen unter ihre Fittiche zu nehmen, an ihren Busen zu drücken und in die fundamentalen Dinge des Lebens einzuweihen.

Monsieur Nicolas hätte in seinem 18. Jahrhundert eine steile Karriere machen können. So reichte es nur zum Schriftsetzer und Autoren. Da aber zeichnete er sich durch eine enorme Produktivität aus. 187 Bücher soll er geschrieben haben, Romane, Erbauliches und höchst Subversives. Vor allem, was erotische Leidenschaften und Vorlieben für zierliche Damenfüße und -schuhe betrifft („Der Fuß der Fanchette“).

Rétif de la Bretonne war ein französischer Romancier… und sehr freizügig. Historischer Stich (FOTO: Reinhard Kaiser)

Nicolas Edme Rétif, der sich Rétif de la Bretonne nannte (1734 bis 1806), hat zwar nicht die Pornografie erfunden, wohl aber den Begriff: Sein Buch „Le Pornographe“ ist kein Schweinkram, sondern ein für damalige Zeiten revolutionäres Traktat, das die Prostitution in geordnetere Bahnen lenken sollte. Auch sonst mangelte es ihm nicht an originellen Ideen: So sollten Buben ab 16 Jahren erfahrenen Frauen ab 32 zugeführt werden. Sind die Männer 32, sollten sie 16-jährigen Mädchen die niederen Weihen erteilen.

Warum ist Rétif de la Bretonne kein „großer“ Autor geworden? Zum einen, weil er aus kleinen Verhältnissen stammte, zum anderen, weil ständig geile Gelüste seine ehrbarsten Absichten durchkreuzten. Und weil ihm es ein wenig an Imagination gebrach. Dafür schilderte er Anekdoten aus seinem eigenen prallen Leben („Der verführte Landmann“).

Im Alter führte er sein ehrgeizigstes Projekt aus: „Das enthüllte Menschenherz“ (1797), eine Lebensbeichte von Kindheit bis zur Gegenwart, die kein edles, zweifelhaftes oder noch so schmutziges Detail auslassen sollte. Augustinus‘ „Confessiones“ dienten Rétif als Vorbild. Obwohl vollendet, standen den Memoiren die Französische Revolution im Weg und ihr Umfang: 5000 Seiten!

Von diesen 5000 Seiten hat der Übersetzer Reinhard Kaiser – berühmt geworden als Bearbeiter des „Simplicissimus“ – gerade mal 640 übrig gelassen. Doch gewinnt man schnell den Eindruck: es sind die essenziellen Seiten. Umso mehr, als sie besonders Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter gewichten, also die Jahre, die die Weichen für das ganze Leben stellen.

Ist „Das enthüllte Menschenherz“ aber tatsächlich „eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur“, wie der rührige Galiani Verlag tönt? Was das Ausleuchten seelischer Abgründe betrifft, ist Dostojewski immer noch unangefochtener Tiefentaucher. Dazu ist die behauptete Aufrichtigkeit mit Vorsicht zu genießen, denn jede Autobiografie ist auch eine Selbststilisierung.

Dafür findet der Leser hier eine Bildungsroman-Biografie vor, freilich den Roman eines gescheiterten Bildungsweges. Die eigentliche Wurzel des Übels liegt in der Diskrepanz der Wahrnehmung der sich entfaltenden Seele und den vorgefassten Meinungen der Tonangeber, namentlich, was Sitte und Anstand betrifft. Und die gebieten: Unerreichbare Damen sind besonders begehrenswert!

Was nun die erotischen Episoden in gehobenen wie niederen Kreisen betrifft, so befleißigt sich Monsieur Nicolas einer gewählten Sprache und herzerfrischender Metaphern. Wird es gar zu skandalös, weicht der Autor auf nobleres Latein aus (Übersetzung im Anhang). Das macht seine Abenteuer höchst vergnüglich.
Gelegentlich trägt er, was die Verknotungen des Schicksals betrifft, dick auf. Dass er unwissentlich seine eigene Tochter schwängert, deren Mutter er als Jüngling beglückt hat, ist schon hart genug. Dass ihm solche Vaterfreuden aber auch noch mit drei verschiedenen Nymphen widerfahren, ist denn doch zu viel des Argen.

Wie gesagt, Stilisierung – auch und gerade im Verwerflichen. Andererseits wälzt sich Nicolas kaum wollüstig im Schlamm der Selbstbezichtigung. Kühl analysiert er das Verbotene seines Treibens und die Diktatur des Phallus, die ihn vom rechten Wege bringt.

Er steht zum Genuss seiner Gelüste, er weiß um die Ausbeutung und um den Betrug an seiner jeweiligen Herzdame, und er weiß, dass er bitter dafür bezahlt. Das hebt Retifs Autobiografie weit über die moralisierenden Ergüsse seiner Zeitgenossen. Nur eine Weisheit von vielen: „Nach dem Koitus sind alle Lebewesen traurig, ausgenommen der Hahn und der Schüler, der es gratis treibt.“

Reinhard Kalb

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz. Deutsch von Reinhard Kaiser. Galiani, 720 Seiten, 38 Euro.

Neuer Blick auf Napoleon: Ein Prototyp der Moderne?

Braucht es wirklich noch eine Biografie über Napoleon Bonaparte, die sich zu den anderen Tausenden Werken über diese Persönlichkeit gesellt? Der Historiker Patrice Gueniffey bejaht dies – und sein Buch „Bonaparte“ unterscheidet sich auch von allen bisherigen Darstellungen.

„Napoleon nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten in Paris“ von Paul Delaroche im Museum der bildenden Künste Leipzig (Foto: Jan Woitas/dpa)

Gueniffey sieht Napoleon als ersten Menschen der Moderne, der diverse Rollen gespielt habe: korsischer Patriot, jakobinischer Revolutionär, moderater Republikaner, Thermidorianer, Eroberer, Diplomat, Gesetzgeber, Putschist, Diktator, Monarch und Exilant. Er stand für das revolutionäre Pathos und gleichzeitig für den Wunsch der Bevölkerung nach einem Führer. Gueniffeys Buch ist damit ein historisches Werk über Napoleon und die napoleonische Zeit, aber mit einer philosophischen Perspektive auf die Moderne.

Der erste Band der auf zwei Bände angelegten Biografie liegt nun in deutscher Übersetzung vor, und schon zu den Jahren von Napoleons Geburt 1769 bis zum Jahr 1802, als er sich zum Konsul auf Lebenszeit machen ließ, liefert Gueniffey knapp 1300 Seiten. Die sind minutiös recherchiert und weisen einen beachtlichen Literaturapparat auf. Schon dadurch gelingt dem Historiker ein Mammutwerk, eine epochale Darstellung.

Genannt hat er den ersten Teil „Bonaparte“, da Napoleon in dieser Zeit noch seinen Familiennamen verwendete, erst in italienischer, dann in französischer Schreibweise. Schon die vielen Namensänderungen stehen für die wechselnden Rollen, die die Figur einnahm.

Gegliedert ist „Bonaparte“ in sechs Teile, die chronologisch je für eine Lebensphase und gleichsam einen modernen Prototyp stehen: etwa den Patrioten und Revolutionär, den großen Feldherrn in Italien, den Selbstdarsteller in Ägypten und den Putschisten.

Vielleicht ist es aber gerade der schiere Umfang, durch den die Kernthese Gueniffeys in den unübersichtlichen Wogen des Quellenmaterials teils untergeht. Bei den ausführlichen Schilderungen bleiben oft weitere Erklärungen aus, warum es sich gerade bei Napoleon um einen Prototypen der Neuzeit handeln soll.

Was der Autor unter einem so vielschichtigen Phänomen wie der Moderne überhaupt versteht, wird nicht von ihm definiert. Ist es die Kombination aus alten und neuen Werten, ist es die Politik als Kampf, ist es eine Dynamik sich wandelnder Identitäten, sind es Egoismus und Opportunismus statt Tugend?

Damit bleibt der Aspekt der Moderne zwischen Schilderungen von Kriegsverläufen und Napoleons Selbstinszenierung als Revolutionär und Mythos eine eher versteckte Erscheinung. Dennoch kann man mit Hilfe dieses Buches die Moderne, wie Adorno und Horckheimer, als paradoxale Dialektik sehen, zwischen Fortschritt-Mythos und verspätetem Heldentum, wie Nietzsche mit Bezug auf Napoleon meinte. Gueniffey spielt erst in der Mitte des Werkes und nur auf wenigen Seiten darauf an, dass Napoleon als Moderner ja verschiedene Gegensätze und Ideale verkörpert – wie Monarchie und Demokratie, alte und neue Freiheiten.
Das fordert vom Leser einiges an Kombinier-Arbeit.

Einerseits hat Gueniffey einen großen Wurf gelandet, ein intellektuelles und detailliertes Lesevergnügen geschaffen, wie man es nur noch selten bekommt; andererseits erwartet er vom Leser auch eine große Leistung. Und gerade die Notwendigkeit dieser Biografie, über die Moderne zu reflektieren, macht das Werk so interessant und vorbildlich. Man darf also darauf gespannt sein, ob Gueniffey im zweiten Band deutlicher wird. Die knapp 1300 Seiten sind minutiös recherchiert und weisen einen beachtlichen Literaturapparat auf. Schon dadurch gelingt dem Autor ein Mammutwerk.

Philip Dingeldey

Patrice Gueniffey: Bonaparte. 1769–1802. Suhrkamp, 1296 Seiten, 58 Euro.

Ferdinand von Schirach redet mit Alexander Kluge

Sein neuer Band mit Kurzgeschichten, „Strafe“ betitelt, wird erst im nächsten März erscheinen. Aber auch das Buch, das Bestsellerautor Ferdinand von Schirach mit dem Filmemacher und Schriftstellerkollegen Alexander Kluge gemacht hat, ist lesenswert.

Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach (Foto: Archiv Kairosfilm)

Das ist ein kleines Buch, fest gebunden, gut in der Hand und preiswert dazu. Es passt bequem in jede Innentasche einer Jacke oder eines Mantels. Vielleicht sollte man es immer mit sich führen, denn enthält (beinahe) die Weisheit der Welt. Und es kann helfen, darin zu blättern, wenn gerade wieder Wut oder Ratlosigkeit über den Zustand der Verhältnisse in einem aufsteigen.

Das Buch hat den Titel „Die Herzlichkeit der Vernunft“. Es enthält Gespräche, die der Jurist, Filmemacher und Autor Alexander Kluge und der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach miteinander geführt haben. Mit seinem Theaterstück „Terror“ hat von Schirach auch das Publikum der Nürnberger Kammerspiele in Bann geschlagen.

Ausgehend von historischen Rechtsfällen (etwa Sokrates oder der Fall Jean Calas, bei dem Voltaire im 18. Jahrhunderts für Revision sorgte) schreiten Kluge und von Schirach den Horizont aufgeklärter und aufklärender Vernunft aus. Sie streifen die Teilchenphysik, unterhalten sich über Hirnphysiologie, diskutieren über das Theater und scheuen auch nicht davor zurück, die Schuldfrage an Gott im Fall Adam und Eva zu stellen.

Von Schirach: „Die Mitschuld Gottes wurde nicht geklärt – er war es doch, der diesen seltsamen Baum gepflanzt hat, und er war es doch, der die bösartige Schlange erschaffen hat. Damit hat er selbst die Ursachen für Evas Verfehlung gesetzt. Wenn aber Gott erst Voraussetzung oder sogar Anreiz für Straftaten erschafft, kann er später niemanden dafür verurteilen.“

Es geht in diesem Buch um Gut und Böse und darum, dass man das nicht so einfach unterscheiden kann, wie es viele gern hätten (das ist das Thema von „Terror“). Es geht auch um Güte. Von Schirach meint, er würde bei einer Frau oder einem Mann weder Intelligenz noch Schönheit am meisten schätzen, sondern Güte. Alexander Kluge erwidert darauf: „Sie nähern sich der Komödie stark, wenn Sie in Realverhältnisse einen gütigen Menschen einfügen. Er wirkt wie Don Quijote.“

Güte in diesen Verhältnissen erscheint also als komische Weltverkennung. Dabei ist Kluge – von dem zuletzt eine schöne Kooperation mit dem Maler Georg Baselitz zum Thema Zorn erschien – der Optimist in diesen Gesprächen: weil er Humanist ist und irgendwie an den Menschen und seine Gefühle mit ihrer Sehnsucht nach dem guten Ende glauben möchte. Von Schirach verzweifelt eher an der Humanität und sieht, wie die Verhältnisse derzeit aus den Fugen geraten.

Er hat auch das Schlusswort: „Wir müssen die Unabhängigkeit der Gerichte achten, die Selbstständigkeit der Institutionen, das ganze komplexe Geflecht aus Regierung, Gesetzgebung, Rechtsprechung und Presse. Sonst werden wir eines Tages aufsehen, weil die Musik mitten im Takt abbricht, die heiteren Spaziergänger werden verschwinden, die leichten Sommerkleider und die hellblauen Tage. Und dann, ganz am Ende, verschwinden wir selbst.“

Stefan Zweig hatte beschrieben, wie die Musik im Kurpark in Baden bei Wien abbrach, als die Nachricht von den Schüssen in Sarajevo eintraf, die den Ersten Weltkrieg auslösten. Auch als Mahnung sollte man „Die Herzlichkeit der Vernunft“ immer bei sich tragen.

Herbert Heinzelmann

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der Vernunft. Luchterhand, 192 S., 10 Euro.
Alexander Kluge, Georg Baselitz: Weltverändernder Zorn. Suhrkamp, 237 S., 28 Euro.

Wiederentdeckt: die Chansonsängerin Barbara

Mit „Göttingen“ schrieb sie nicht nur eines ihrer schönsten Chansons, sondern auch – Staatsmänner weisen immer wieder darauf hin – ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der deutsch-französischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum zwanzigsten Todestag wird der Pariser Sängerin Barbara (1930–1997) nun erneut gedacht. Erstmals erscheinen bei uns ihre lesenswerten Memoiren, dazu ein Tributalbum des Klassikpianisten Alexandre Tharaud.

Der war – Jahrgang 1968 – schon damals ein großer Fan der Künstlerin und folglich sogar auf ihrer Beerdigung anwesend, Ende November in Bagneux bei Paris. Nach dem Nieselregen kam die Sonne heraus und die letzten treuen Anhänger, die tapfer und schweigend ausgeharrt hatten, begannen am Grab ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. „In dieser düsteren Stimmung hatten wir im Grunde nur einen einzigen Wunsch: zu singen“, schreibt Alexandre Tharaud.

Und so sangen sie. Sangen Barbaras Lieder, die sie so liebten. „Ein herrlicher, improvisierter Chor aus lauter schrägen, unbeholfenen Stimmen.“ Eine Geisterbeschwörung – und die willkommene Tröstung der Gemeinde: „Barbara war da, mehr denn je, sie lebte in unseren Stimmen.“

Vor 20 Jahren gestorben, jetzt in ihren Memoiren und neuen Alben verewigt: die französische Sängerin Barbara, die sich stets selbst am Klavier begleitete. (Foto: dpa)

Das gilt auf seine Weise auch für das wunderbare Doppelalbum, das Tharaud jetzt zum Jubiläum aufgenommen hat – und das vielleicht schon damals als Idee seinen Ursprung hatte. Hier nun wird sie umso professioneller umgesetzt und hält so die Erinnerung an den grazilen Chansonstar wach.
Alexandre Tharaud, von Bach und Scarlatti über Mozart bis zu Rachmaninow und Satie ein extrem vielseitiger – und vielgepriesener – Interpret am Flügel, konnte für „Barbara“ eine illustre Schar von Musikern gewinnen. Von Klassikkollegen wie Geiger Renaud Capuçon über alte Weggefährten der Künstlerin bis zu Popstars à la Vanessa Paradis, gewohnt erotisch hauchend: Alle machten mit.

Und fächern in ihren Versionen die melancholischen, stets aber leichten und elegant dahinperlenden Chansons von Barbara völlig neu auf. Deren zarter Nachtigallenstimme, so fragil wie flott flötend, kommt dabei wohl die Schauspielerin Juliette Binoche am nächsten, wenn sie die Liebesbilanz „Mes hommes“ (Meine Männer) singt: eine erstaunliche Anverwandlung!

Zerbrechlich wie immer Jane Birkin im aufs Jenseits blickenden „Là-bas“ (das sie dann auch noch auf Englisch wiederholt), mit fast femininer Grazie der Sänger Dominique A. in „Cet enfant-là“ – ein Lied über den vergeblichen Kinderwunsch Barbaras. Kein einziges Chanson wird hier verschenkt, selbst exotischere Stimmen wie Rokia Traoré aus Mali oder die Spanierin Luz Casal gliedern sich stimmig in die Hommage ein, bezaubern mit eigenem Akzent.

Und ja, sogar der alte Helmut Berger hat seinen gelungenen Auftritt: Rezitiert, nicht ohne gewisse Süffisanz, die schlichten und doch völkervereinenden Zeilen des Liedes „Göttingen“, das Barbara nach Konzerten in der Stadt geschrieben hatte. Weil auf der Bühne des Jungen Theaters nur ein lausiges altes Klavier herumstand, organisierten Studenten flugs einen Flügel aus der Nachbarschaft. Die Künstlerin zeigte sich dankbar, ihr Blick auf Deutschland, das sie lange nicht besuchen hatte wollen, wurde gnädig.

Der Hintergrund: Barbara stammte aus einer jüdischen Familie, hatte als Kind die Verfolgung durch die deutschen Besatzer am eigenen Leib miterleben müssen. Das lässt sich alles nachlesen in den Memoiren der als Monique Serf geborenen Sängerin, die nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. „Es war einmal ein schwarzes Klavier . . .“, so der Titel des zwar unvollendet gebliebenen, aber in sich schlüssigen – und sehr schön geschriebenen – Berichts.

Barbara hatte ihn im Jahr ihres Todes begonnen. Von der Bühne aus Krankheitsgründen bereits zurückgezogen, lebte sie in ihrem Landhaus in Precy sur Marne, östlich von Paris. Und blickte nun noch einmal zurück auf Kindheit und Jugend, auf die schwierigen Familienverhältnisse, die Zeit des Krieges und die langwierigen Anfänge ihrer Karriere. Dass sie Klavier spielen und singen wollte, wusste sie schon als kleines Mädchen: Mit den Händen klopfte sie auf den Küchentisch und träumte von Tasten.
Dafür war nur kein Geld da. Noch bevor die Familie immer wieder vor den Nazischergen flüchten musste (auch im unbesetzten Teil Frankreichs), floh sie vor den Vermietern.

Geradezu leitmotivisch, knapp und doch poetisch erzählt das Buch, wie Barbara es dann doch schaffte, ein eigenes Instrument zu haben – und damit endlich „die Frau, die singt“ zu werden, die sie von Anfang sein wollte.

Der Künstlername stammte von „Varvara“, ihrer geliebten Großmutter aus der Ukraine; die musikalischen Kenntnisse von den Gesangsstunden, die sie bekam – und die sie als jugendliche Gasthörerin sogar ans Pariser Konservatorium brachten. Ihre Lehrer sahen in ihr eine klassische Sängerin. Sie selbst nicht. Aber als was sah sie sich dann?

Erste künstlerische Gehversuche mit Tingeltangel und Chansons, zunächst in Brüssel, und auch einige sehr kritische Zeiten am Rande der Bohème (fast wäre sie einmal – vor Hunger und Not – auf dem Straßenstrich gelandet) führten dann doch auf den richtigen Weg. Barbara entdeckte die Lieder von Jacques Brel und Georges Brassens für sich, fand in dem kleinen Pariser Cabaret „L’Ecluse“ (Die Schleuse) am linken Seine-Ufer eine Nische für ihre neuartige Kunst. Täglich um Mitternacht trat sie dort ab Mitte der 50er Jahre auf: ein Nachtgewächs des literarischen Gesangs, zart und apart.

Der Durchbruch kam zehn Jahre später, 1964, mit eigenen Liedern, wie es das Album „Barbara chante Barbara“ schon im Titel postulierte. Ihre Autobiografie zeigt, wie persönlich, ja intim und wahr die Texte ihrer Chansons stets waren. Etwa wenn Barbara den Tod des Vaters in „Nantes“ beschreibt. Er hatte die Familie verlassen müssen (wohl auch wegen sexuellen Missbrauchs, aber das wird nur angedeutet), nun bedauert die trauernde Tochter, dass der Anruf aus dem Krankenhaus zu spät kam, sie ihn nicht mehr lebend vorfand.

Unter den losen Erinnerungen, die das kleine Buch abrunden, ist eine Liebeserklärung an den Schauspieler Gérard Depardieu, mit dem sie 1986 die Musikrevue „Lily Passion“ aufführte. Die Liebe war beidseitig: Bereits Anfang dieses Jahres hat der Mime auch ein Album für sie vorgelegt: „Depardieu singt Barbara“. Und Barbara – war da.

Wolf Ebersberger

Barbara: Es war einmal ein schwarzes Klavier . . . Unvollendete Memoiren. Wallstein, 200 S., 18,90 Euro.

Spannung garantiert: „Das Päckchen“ von Franz Hohler

Er ist einer der ganz Großen des Schweizer Kabaretts, und als „Mann mit dem Cello“ wurde er europaweit bekannt: Franz Hohler. Im Literaturhaus Nürnberg las aus seinem spannenden neuen Roman „Das Päckchen“.

Autor und Kabarettist: Franz Hohler (Foto: Luchterhand)

Zwei Mal begeisterte der vielfach ausgezeichnete Autor und gefeierte Satirekünstler bereits in Nürnberg: 2004 las er aus dem Erzählband „Die Torte“, 2014 aus seinem Roman „Gleis 4“. Nun stand „Das Päckchen“ auf dem Programm, eine herrlich-unterhaltende, krimiartige Erzählung rund um die älteste deutsche Handschrift.

Das Original des „Codex Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Wörterbuch, ist seit dem 8. Jahrhundert verschollen. Doch eines Tages bringt das in unverdächtiges Zeitungspapier eingewickelte Buch das überaus geregelte Leben eines Bibliothekars hübsch durcheinander. Warum Ernst am Berner Hauptbahnhof den Anruf einfach angenommen hat, weiß er selbst nicht mehr. Der öffentliche Telefonapparat klingelt, Ernst hebt ab und macht genau das, was sich die ältere Dame am anderen Ende des Drahts wünscht: das Päckchen bei ihr abzuholen. Und niemandem etwas davon sagen.

Daran hält sich Ernst. Und entdeckt, dass er nicht nur ein verdammt guter Spontan-Lügner ist, sondern auch ein begabter Detektiv. Zufällig kam er zu dem Buch, dessen Wert er nur vermuten kann – doch auch andere sind der verschollenen Handschrift hartnäckig auf der Spur. Doch warum nur?

Der einst unauffällige Ernst schreckt vor ungewöhnlichen Methoden nicht zurück, und je mehr er in lebensgefährliche Bedrängnis gerät, desto verblüffendere Talente findet er in sich selbst. Der Leser folgt ihm vergnügt mit von Seite zu Seite steigender Spannung, genießt die Intelligenz, den Witz und das Beschreibungstalent Hohlers, der als passionierter Bergsteiger seine Leser souverän zwischen der Gletscherwelt und den Skriptorien mittelalterlicher Klöster wie Weltenburg und St. Gallen hin und her führt.

Natürlich ist Ernst – wie sein 1943 in der Schweizer Uhren-Metropole Biel geborener Schöpfer Hohler –
Bücherenthusiast und überzeugt, dass Bibliotheken das Gedächtnis der Menschheit sind. Wer „Das Päckchen“ aufschlägt, wird den Roman jedenfalls so rasch nicht aus der Hand legen.

So kennt man Franz Hohler, der beim Vortrag seiner Werke ein Humormodul in der Stimme eingebaut zu haben scheint. Im Literaturhaus wird er zudem Kostproben aus dem im Frühjahr erschienenen Gedichtband „Alt“ lesen.

Anabel Schaffer

Franz Hohler: Das Päckchen. Luchterhand Verlag, 224 S., 20 Euro.

„Die Fassadendiebe“: ein New-York-Roman

„Die verdammte Stadt schafft es doch stets, wieder neu zu erstehen. Sie gleicht einer Schlange, die wächst, indem sie sich vom Schwanz her selbst verschlingt. Einem Möbiusband der Selbstvernichtung und Wiedererschaffung“, sagt Griffin Watts über New York. Er ist der Erzähler, den sich John Freeman Gill für seine Geschichte „Die Fassadendiebe“ ausgedacht hat.

Und er erinnert sich an den Sommer 1974, in dem er als 13-Jähriger mit seinem Vater die Stadt vor dem Zerbröckeln retten wollte. Oder zumindest die verspielten Verzierungen an den alten Wolkenkratzern in Manhattan, die von der Abrissbirne bedroht waren.

Was bleibt von der alten Substanz? Die Skyline von Manhattan. (Foto: dpa)

Es ist kein Wunder, dass die Topografie und Architektur in John Freeman Gills Romandebüt die Hauptrolle spielt. Der gebürtige New Yorker gilt als Spezialist für Architekturgeschichte und schreibt darüber seit Jahren unter anderem für die „New York Times“ und die „International Herald Tribune“.

Die Detailfreude, mit der Wasserspeier und Zierleisten, Stuckaturen und Kapitelle beschrieben werden, ist gleichzeitig das Besondere und das Problem von „Die Fassadendiebe“. Denn eigentlich ist es die Initiationsgeschichte, sind es die pubertären Sehnsüchte und Nöte Griffins, die im Mittelpunkt stehen sollten. Nach der Trennung seiner exzentrischen Eltern ist sein Familienleben ebenso zerbröckelt wie das architektonische Erbe seiner Stadt.

Und um seinem Vater nahe zu sein, lässt er sich von ihm zu waghalsigen, auch lebensgefährlichen Diebestouren und Rettungsaktionen an den Fassaden von Mietshäusern und Wolkenkratzern missbrauchen: Das manische Bewahren des Vergangenen wird für ihn und seinen Vater zur Bedrohung.

Diese teils sehr amüsante, teils berührende Geschichte um Erwachsenwerden und Desillusionierung, um Unschuld und Erfahrung wird allerdings immer wieder durch das wortreiche Beklagen von Bausünden der 70er Jahre und einen großen Beschreibungsdrang in den Schatten gestellt. Der Liebe zur Stadt und ihrer architektonischen Vergangenheit wird die Spannung und Stringenz der Handlung an zu vielen Stellen geopfert.

Für ein Debüt ist der New-York-Roman vielversprechend, für das nächste Mal wäre ein wenig mehr Konzentration ein Gewinn.

Andreas Frane

John Freeman Gill: Die Fassadendiebe. Berlin Verlag, 464 S., 24 Euro.

Zwischen Köln, Venedig und Paris: Hanns-Josef Ortheil

Vielleicht hätte Mia bei ihrer Abreise nach einem Studienaufenthalt in Venedig nicht so leichtfertig Einladungen aussprechen sollen. Denn eines Tages steht der junge Venezianer Matteo vor ihrer Kölner Haustür. Entgegen strenger Abmachungen ihrer Drei-Mädel-WG (Kein Mann in der Wohnung!) erhält er Einlass. Und mischt das Leben der drei, die ihm bald mehr als Sympathie entgegenbringen, gehörig auf. Ganz durchschauen sie ihn nicht. Wer ist dieser junge Mann?

Ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, der stundenlang durch Köln streift und hochkonzentriert Sehenswürdigkeiten zeichnet, dabei merkwürdige Affinitäten zu Barlachs schwebendem Engel hat. Einer mit großem Harmoniebedürfnis, der aber auch ganz tatkräftig abwäscht und saubermacht sowie der Betreiberin eines kleinen Cafés mit Rat und Tat zur Seite steht.

Er liebt Paris… Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: Peter von Felbert)

Genaueres zur Handlung des Romans – nicht zuletzt auch eine Hommage an Ortheils Heimatstadt Köln (und an Venedig und an die durch die beiden Dome verkörperte Kultur) – sei hier nicht verraten. Beim ersten Lesen mag einem das Buch fast ein bisschen zahm und altmodisch erscheinen. Aber vielleicht will Ortheil, dass man aufmerksam auch zwischen den Zeilen liest: Da entdeckt man dann ein Plädoyer für Tugenden und Werte wie Achtsamkeit, Langsamkeit, für den intensiven Blick auf die Umgebung, die Bedeutung des Reisens und so weiter.

Und man findet einige aus früheren Werken bekannte Themen des Autors wieder: die Vaterbeziehung und die Bruder-Thematik. Ortheil selbst hat ja bekannt, dass er in Matteo fast ein „alter ego“, eine brüderliche Figur sieht. Wer noch mehr erfahren will: Hanns-Josef Ortheil liest in Erlangen auch aus diesem Roman.
Sehr anspruchsvoll geht es in „Paris, links der Seine“ zu, der zweiten Ortheil-Neuerscheinung des Herbstes. Hier machen sich die lebenslang geführten Kladden des Autors, mehrere Aufenthalte in Paris und sein sehr aufmerksames Betrachten bemerkbar.

Ortheil erkundet das Gebiet links der Seine abseits von Touristenströmen, findet stille Plätze und interessiert sich besonders für die Themen Literatur und Küche. Dabei folgt er nicht nur den Spuren von Ernest Hemingway und Roland Barthes – zwei Schriftsteller, die ihm viel bedeuten und auf seine schriftstellerische Arbeit Einfluss hatten – und anderer nicht nur berühmter Poeten, sondern berichtet auch von Lokalen der Jazz- und Chanson-Szene.

Manche Details sind verblüffend: So soll Sartre angeblich im „Le Tabou“, ein Treffpunkt für junge Nachtschwärmer, gesungen haben … Dazu kommen – ähnlich früheren Büchern wie dem über Rom – eine Menge Tipps für Lokale unterschiedlichster Couleur: Ob nur ein kleiner Imbiss oder ein großes Menu, ein spezieller Drink oder eine große Weinprobe – Ortheil, der Feinschmecker, hat immer lohnende Vorschläge.
Dass er an besonderen Buchläden nicht vorbeigehen kann, erstaunt nicht. Eher, dass er sogar bedeutende Herrenausstatter besucht.

Mit all diesen Spaziergängen entsteht nicht nur für Paris-Kenner, die die Stadt einmal ganz anders erleben wollen, sondern besonders für Freunde französischer Literatur ein konzentrierter Reiseführer, der auch zuhause viel Neues entdecken lässt. Die atmosphärisch dichten und vielsagenden Fotos stammen übrigens von Ortheils Sohn Lukas.

Anja Weigmann

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.
Paris, links der Seine. Insel Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Donnerwetter! Frank Witzels Roman „Direkt danach …“

Frank Witzels neuer Roman „Direkt danach und kurz davor“ ist ein großes Buch für kluge Leser.

Nach 100 Seiten wollte ich aussteigen aus der Lektüre dieses Buches, obwohl bis zum Ende noch 444 weitere drohten. Ich las Frank Witzels neuen Roman mit dem Titel „Direkt danach und kurz davor“.
Vor zwei Jahren hatte mich der Vorgänger „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ begeistert – Witzel bekam dafür den Deutschen Buchpreis. Im neuen Buch hing ich in einer Situation fest, in der ein gewisser Siebert aus einem Fenster auf die Straße schaute, von der aus eine gewisse Marga in seinem Rücken erschossen wurde.

Oder war Marga aus dem Fenster gesprungen? Es gab keine Erzählung der Situation, sondern nur eine Annäherung an die Situation aus Fragen und Reflektionen. In den Fragen wurde manchmal Zukunft angedeutet und war manchmal von Vergangenheit die Rede. Aber alles blieb aufgelöst, erstarrt – wie in ganz langsamer Zeitlupe.

Er mag es komplex: Autor Frank Witzel (Foto: Arne Dedert/dpa)

Ich wollte aussteigen, aber ich konnte nicht. Denn ich war schon wieder vom Sog der Sprache Witzels eingefangen. Es ist keine komplizierte Sprache. Sie ist einfach, prägnant, in dieser Prägnanz oft aphoristisch und in den Höhepunkten poetisch. Nicht die Sprache macht die Lektüre schwierig, sondern Witzels Überzeugung, dass die Welt zu komplex ist, um sie in einer geradlinigen Geschichte zu erzählen. Und damit hat er Recht, wenn man bedenkt, dass jeder von uns ein Körper aus Quantenschaum ist und ein Geist aus konstruierten Erinnerungen und unbewusst gefälschten Geschichten von sich selbst.

„Das Entsetzliche“, schreibt Frank Witzel, „ist das, was von der Erinnerung und der Erzählung gleichermaßen ausgeschlossen ist. Wir versuchen, dieses Ausgeschlossene durch ein geschlossenes Narrativ zu ersetzen, erreichen es selbst aber nie.“

Witzel philosophiert – an dieser Stelle ganz ernsthaft. An anderen Stellen gelingen ihm ironische und dennoch bedenkenswerte Philosophie-Parodien wie ein auf Wittgenstein anspielender „Tractatus Logico-Bufonicus“, der mit dem Satz beginnt „Wir sagen: Die Welt ist alles, was im Fall ist.“

Ja, man muss seinen Wittgenstein schon kennen, um hier mitzukommen. Man muss Ahnung haben von der
Literatur, der Malerei und manchen absurden Naturtheorien der Nazis, um Listen von fiktiven Büchern, Tafelbildern, Mythen zu genießen. „Direkt danach und kurz davor“ ist ein Roman für kluge Leser. Für die aber wird er Seite für Seite besser – und witziger.

Worum es geht? Um die Zeit direkt nach dem Dritten Reich und kurz vor dem Anbruch des Wirtschaftswunders. Es ist eine beklemmende Epoche, die Witzel atmosphärisch brillant rekonstruiert, eine Epoche der Ratlosigkeit, in der alte Verbrechen verschwiegen wurden und die Menschen sich an die Momente klammerten.

Es geht um brutale Experimente an Menschen, die „der alte Siebert“ vorgenommen hat, um Attentate, Zugunglücke, den Absturz eines Flugzeugs – alles in Möglichkeitsform. Es geht um Kinder und wie sie erzogen wurden. Es geht um Erziehungsgrotesken und um Farcen von Schicksalen. Es geht um die Vergangenheit, die in die Gegenwart mit ihren Handys und Fernbedienungen hineinragt. Es geht um die „Weltmechanik“, die alles in Bewegung hält. Und es geht um die Vielfalt von Erzähl-Facetten wie in einem barocken Schelmenroman.

Das Buch kann kein Kritiker kritisieren, weil ihm der Autor dauernd seine Werkzeuge der Interpretation und des Zweifels aus der Hand nimmt. Vielleicht kann man eine Annäherung so versuchen wie im Deutschlandfunk, in dem sich drei Kritiker zwei Stunden lang mit dem Schriftsteller unterhalten haben.

Das war jene Suche nach dem „Unschlüssigen“, die Witzel fordert und für die er uns sogar ein Sinnversprechen macht: „Wahrscheinlich geht es allein darum, das Zufällige, in das man hineingeboren wird, und das ebenso Zufällige, das man daraus macht, anzunehmen.“ Romane wie „Direkt danach und kurz davor“ helfen dabei. Der Leser darf nur nicht aussteigen.

Herbert Heinzelmann

Frank Witzel: Direkt danach und kurz davor. Roman. Matthes & Seitz, 544 S., 25 Euro.

Endlich ein neuer Roman: Arundhati Roy

20 Jahre nach ihrem Debüt-Erfolg „Der Gott der kleinen Dinge“ ist der zweite Roman der indischen Autorin Arundhati Roy erschienen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist eine Geschichte voller Helden – und Antihelden.

Indiens bekannteste Autorin: Arundhati Roy (Foto: Chiara Goia)

Dieses Buch ist eine Herausforderung. Es verlangt Durchhaltevermögen, zerrt an den Nerven und verleitet dazu, es nach ein paar Seiten wieder wegzulegen. Das schier unendliche Gewirr an Schauplätzen, Ansammlungen von Menschen mit komplizierten Namen, Spitznamen und Titeln ist harter Stoff.

Doch es lohnt sich durchzuhalten. Arundhati Roy lässt ihren Lesern ab und zu dann doch genug Raum, um sich zu orientieren. Dann entsteht ein starkes, kaleidoskophaftes Bild von Indien und seinen schier endlos vielen Problemen. Nach und nach bekommen Roys Figuren Konturen, die Geschichte zieht sich an einem roten Faden entlang.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ heißt der Roman, rund 500 Seiten stark. Er nimmt seinen Anfang auf einem Friedhof in Delhi. Anjum hat dort für sich und viele andere Gestrandete ein Zuhause geschaffen. Am Ort der Toten finden die Lebenden Zuflucht und Zuneigung. Es ist eine seltsame kleine Gemeinde, die hier zusammenkommt und immer größer wird.

Helden und Antihelden gibt es in dem Buch viele. Doch Anjum bleibt der Mittelpunkt in diesem verwirrenden Kosmos aus Elend, Korruption, Treue und Fürsorge. Sie ist als Zwitterwesen geboren, ein Mensch, der in Indien als Hijra bezeichnet wird, „eine in einem männlichen Körper gefangene Frau“.
Anjums Eltern konsultierten einen Arzt, der fand, er habe da ein sehr seltenes Exemplar von einem Hermaphroditen vor sich. „Er empfahl einen Chirurgen, der das Mädchenteil versiegeln, zunähen, würde. Er könne auch Pillen verschreiben.“ Aber der Junge Aftab will eine Frau sein – und lebt als Anjum weiter.

20 Jahre ist es her, dass Arundhati Roys letztes Buch, „Der Gott der kleinen Dinge“, erschienen ist. Damals ist der indischen Schriftstellerin ein Welterfolg gelungen. Der Roman wurde in 30 Ländern veröffentlicht und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Danach hat sie sich lange Zeit auf politische Essays konzentriert, hat ihre Stimme erhoben gegen Ungerechtigkeit und die menschenfeindlichen Auswüchse des Kapitalismus.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ebenfalls ein politischer Roman, der die Probleme Indiens differenziert und gleichzeitig gnadenlos offenlegt. Die Geschichte ist voller Brüche, so wie das Land selbst auch. Mit Herzenswärme beschreibt Roy die Menschen, mit analytischer Gründlichkeit das Chaos, die Korruption und Gewalt, die ihr Heimatland nicht überwinden kann. Im Mittelpunkt steht der nicht enden wollende Konflikt um Kaschmir, dem kleinen Paradies, um das die beiden waffenstarrenden Atommächte Indien und Pakistan ein immerwährendes Machtpoker spielen.

Das Leben auf dem Friedhof in Delhi, wo jeder das Recht auf Selbstbestimmung hat, ist Roys Utopie für Kaschmir. Die Geschichte allerdings lehrt uns, dass der Mensch nicht unbedingt vernünftiger wird.

Gabi Eisenack


Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks
. S. Fischer, 560 Seiten, 24 Euro.

Dan Brown als Ursprungsforscher

Der amerikanische Bestseller-Autor Dan Brown macht in seinem neuen Buch „Origin“ den Versuch, komplexe Themen von Philosophie und Religion als Unterhaltungsliteratur an eine große Lesergemeinde zu vermitteln. Das verdient immerhin respektvolle Aufmerksamkeit.

„Origin“ wird sich – anders als zuvor „Illuminati“ oder „Inferno“ – nur schwer verfilmen lassen. Denn im Zentrum der Geschichte steht nicht die Entschlüsselung eines Codes, um im letzten Augenblick die Explosion einer Bombe zu verhindern. Im Zentrum gibt es vielmehr die ausführliche Beschreibung einer Art Video-Dokumentation mit dem Thema des Ursprungs von Leben auf dem Planeten. Es geht um Origin, Genesis, Ursprung. Das ist der Stoff zahlloser Schöpfungsmythen. Auch die drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam erzählen davon.

Deswegen trifft sich Edmond Kirsch am Anfang des Romans mit den geheimen Oberhäuptern dieser Religionsgemeinschaften. Kirsch ist ein Computer-Nerd und Zukunftsforscher, der eine große Enthüllung ankündigt. Von der Nacht an, in der er im Guggenheim Museum von Bilbao vor die (Internet-)Öffentlichkeit treten will, soll alles anders sein. Er will seinem Publikum erklären, warum Gott als Lebensschöpfer überflüssig geworden ist.

Dan Brown stellte sein neues Werk auf der Buchmesse in Frankfurt vor (Foto: dpa). In dem Roman geht er – wie es so seine Erzähltechnik ist – gleich an spektakuläre Schauplätze. Diesmal liegen alle in Spanien: das Kloster Montserrat, das Guggenheim Museum. Später kommen Antoni Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona sowie der Escorial und das „Tal der Gefallenen“ bei Madrid hinzu. Browns Serienheld – der Symbolist Robert Langdon – agiert hauptsächlich in Bilbao und Barcelona. weiter lesen