„Die Farben des Nachtfalters“ von Petina Gappah

Am Ende des Romans steht Memory immer noch unter dem Todesurteil. Sie könnte hingerichtet werden, denn sie ist nicht von der Amnestie betroffen, die in Simbabwe nach einem Regierungswechsel ausgerufen wurde. Und trotzdem hat sich für die Frau alles geändert. Am Horizont ist das Licht aufgegangen, obwohl wir am Anfang des Romans doch den dunklen Satz lasen: „Ich war neun Jahre alt, und Vater und Mutter verkauften mich an einen fremden Mann.“

Neun Jahre hat Memory in einem Township verbracht. Das war eine Welt von Tratsch und Geisterglauben, mit kleinen Freuden und großen Verlusten. Memory war anders als ihre Umgebung, denn zwischen lauter Schwarzen war sie ein Albino. Ein Bruder ist als Kind gestorben: Trauer und zugleich Erleichterung, weil plötzlich mehr Platz war. Ihr Vater war Schreiner. Ihre Mutter…

Ach, später werden sich viele Sicherheiten doch als Täuschungen herausstellen. Die Erinnerung – und Memory bedeutet ja nichts anderes – ist trügerisch. Das Leben dieser Frau hat viele Schichten, verläuft äußerst komplex. Der Roman, der von ihr erzählt, nimmt immer neue Wendungen. Der Roman trägt den Titel „Die Farben des Nachtfalters“. Nach einem Band mit Erzählungen ist er das erste große Prosawerk von Petina Gappah.

1971 wurde sie in Sambia geboren, doch wie ihre Romanheldin wuchs sie in Simbabwe auf, das damals noch Rhodesien hieß. Sie hat Jura studiert und lebt heute als Juristin und Journalistin in Genf. Mit „Die Farben des Nachtfalters“ ist ihr ein ganz starkes, zutiefst berührendes Buch gelungen.

Zentraler Handlungsort ist ein Gefängnis, eigentlich eine verdreckte Hölle permanenter Angst. Jeder Satz beschreibt diese Situation. Und doch gibt es in keinem Satz einen Buchstaben des Selbstmitleids. Immer ist da eine zauberhafte Distanz des Trotzes, der Selbstbehauptung, des Überlebenswillens. Das ist der überraschende Tonfall des Romans, der die Lektüre so bereichernd macht. Er erzählt davon, dass es auch in der schrecklichsten Existenz Leichtigkeit geben kann. Petina Gappah gelingt das Kunststück, indem sie die Welt der Gefühle in genauso einfache Sätze fasst wie die Welt der objektiven Verhältnisse.

Memory schreibt ihre Geschichte selbst nieder. Sie macht Notizen für eine amerikanische Journalistin, die auf ihre alle Menschenrechte verletzende Lage aufmerksam machen möchte. Wir werden nicht erfahren, ob dieses Vorhaben gelingt oder misslingt. Denn am Ende sind ganz andere Dinge wichtig. Petina Gappah schreibt davon, dass sogar Egoismus human wirken kann. Sie schreibt darüber, wie befreiend es ist, wenn endlich der Vorhang vor den Täuschungen des Lebens entfernt wird und die Wahrheit sich ahnen lässt – auch wenn sie möglichweise von den „ngozi“ beeinflusst ist, den Rachegeistern des Simbabweschen Volksglaubens.

Memory sitzt in der Todeszelle, weil sie den Mann ermordet haben soll, von dem sie glaubt, er hätte sie mit neun Jahren gekauft. Er war ein Weißer. Er hat ihr ein gutes Leben und eine gute Ausbildung ermöglicht. Er war selbst anders, als es die Gesellschaft duldet, genau wie Memory mit ihrer albinoweißen Haut. Beide sind Opfer. Opfer in ganz großen Zusammenhängen, wie sich schließlich herausstellen wird.

Petina Gappah beschreibt, wie man aus Trauer Kraft schöpfen und sich einen Traum bewahren kann: „Sollte ich jemals freikommen, werde ich Paradiesvögel über die Welt regnen lassen.“

Herbert Heinzelmann

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche, 348 Seiten, 22 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.

Wichtig: „Der letzte Zeitungsleser“ von Michael Angele

Auch wenn das hier ein Blog ist, weisen wir immer wieder auch gern auf die Print-Ausgabe der NZ (und anderer Zeitungen) hin. Denn Zeitungen bereichern das Leben. Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Zeitung in Papierform.

Wer regelmäßig Zeitung liest, dem wird dieses Büchlein gefallen. Schon rein optisch – ist doch sein Einband wie die Seite Eins einer Zeitung gestaltet, ein wenig nostalgisch, mit vergilbt wirkendem Aufmacherfoto, altmodischen Schrifttypen und einem einzigen großen Beitrag als Haupttext. Eben genau so, wie heutzutage nur noch ganz wenige Zeitungen aussehen (dürfen).

Michael Angele, deutsch-schweizerischer Journalist und Literaturwissenschaftler, hat eine Liebeserklärung an die Zeitung geschrieben. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“ und hat früher für die „FAZ“ gearbeitet, außerdem – welch ein Kontrast! – für die „Netzeitung“, die erste deutsche Internetzeitung, die er sogar mit geleitet hat.

Dass er von diesem Ausflug in virtuelle Welten wieder zur guten alten Zeitung in Papierform – zum Aufschlagen, Umblättern, Überallhin-Mitnehmen, Zusammenfalten, Beiseitelegen, Wieder-zur-Hand-Nehmen, Weitergeben, Artikel-Ausschneiden, Feuer-Anfachen, Dinge-Einwickeln oder Zerknüllen – zurückgekehrt ist, verwundert nach der Lektüre des Buches nicht.

Er liebte Zeitungen: Thomas Bernhard.
Foto: Suhrkamp-Verlag

Angele ist ein Zeitungssüchtiger – wie Thomas Bernhard. Der österreichische Schriftsteller reiste, wenn es sein musste, 350 Kilometer weit, nur um in seiner Heimat ein Exemplar der „NZZ“ (Neuen Zürcher Zeitung) zu ergattern.

Für Angele ist er nicht nur deshalb „der ideale Zeitungsleser“. Sondern auch weil Bernhard die sieben Blätter, mit denen er sich tagtäglich versorgen ließ, außer zur Information noch zu viel mehr dienten: „um sich zu wundern, sich anzuregen, sich aufzuregen (das vor allem)“, wie Angele schreibt.
Es wäre wunderbar, wenn wir das mit der „NZ“ bei unseren Lesern auch erreichen würden!

Ute Wolf

Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser, Galiani Berlin, 160 Seiten, gebunden, 16 Euro.

Grandios: Nathan Hills erster Roman „Geister“

Wunderbar passt „Geister“, das Romandebüt des 40jährigen Amerikaners Nathan Hill, in unsere „postfaktischen“ Zeiten. Denn das, was seine nach stabilen Beziehungen und zwischenmenschlichem Halt suchenden Figuren als Wahrheit oder Wirklichkeit nehmen, erweist sich als Konstrukt der Anderen, als bedrohliches Ammenmärchen oder als mühsam aufrecht erhaltene (Lebens-)Lüge.

Aber vielleicht ist das „wahre Ich“, das sie in ihren Lebensentwürfen verwirklichen wollen, die größte Illusion von allen. Ein Paradebeispiel dafür könnte Faye Anderson-Andresen sein, die als „Packer-Attacker“ zu spätem medialen Ruhm kommt, weil sie einen Präsidentschaftsanwärter mit (Kiesel-)Steinen beworfen hat. Als junge Frau floh sie vor ihrem verbitterten Vater und der Biederkeit der Kleinstadt in Iowa an die Universität in Chicago – und geriet mitten in die berühmt-berüchtigten Studentenunruhen von 1968.

20 Jahre später hat sie Mann und Kind verlassen, doch auch diese Flucht aus dem bürgerlichen Provinzleben ist ihr nicht gut bekommen. Jetzt – im Spätsommer 2011 – bietet sich durch den Medienrummel um ihre nur scheinbar radikale Tat die Chance für ihren Sohn, den verkrachten Literaturprofessor und Möchtegernschriftsteller Samuel, sich mit ihr auszusprechen. Aber wie in den gruseligen Märchen um Hausgeister und den bösen Nix, die ihr aus Norwegen stammender Vater ihr erzählt hat, ist Vorsicht geboten: Denn „die Dinge, die man am meisten liebt, können einen am schlimmsten verletzen“.

Zwischen 1968, 1988 und 2011 blättert Nathan Hill in diesem grandiosen Roman eine ungewöhnliche Familiengeschichte auf. Aber das ist es nicht, was „Geister“ zu einem der besten Bücher des letzten Jahres macht. Hill erzählt von Aufbruch und Revolte der Jugend, ihrer bitteren Enttäuschung und ihren Langzeitfolgen für die Nachgeborenen, und er spielt die unterschiedlichen Generationen und Haltungen mit großer Raffinesse gegeneinander aus.

Die Hippies der 68er gegen Occupy Wall Street, eine Generation mit dem Drang nach gesellschaftlicher Veränderung gegen junge Menschen, die vor den Herausforderungen des Lebens in virtuelle Welten (hier das Online-Spiel Elfscape), dummdreisten Ehrgeiz und blanke Erfolgsgier ausweichen, die naiven Aktivisten gegen die scheinbar unpolitischen Vertreter und Auswüchse des Systems. Allen gemeinsam ist, dass sie manipuliert wurden und werden, dass sie keine Chance gegen die Strippenzieher haben, die selbst aus Protest und Widerstand ihren Profit ziehen und jede menschliche Regung geschickt ausbeuten.

Das Herzstück des voluminösen Romans ist die kurzatmige, sich aus vielen Episoden und Perspektiven zusammensetzende Schilderung der im Spätsommer 1968 brutal niedergeschlagenen Studentendemos in Chicago. Aber auch das in einem sich über Seiten windenden Satz ablaufende Ende eines Elfenkriegers oder die absurden Selbstrechtfertigungen der lustvoll hassenswerten Literaturstudentin Laura sind literarische Kabinettstückchen, die von dem für seine Erzählungen schon preisgekrönten Autor noch Großes erwarten lassen.

Mit „Geister“ hat er sich mit einer weit ausholenden Gesellschaftsbetrachtung empfohlen, die – nicht nur in Anbetracht der Wahl von Donald Trump oder der Kür von „postfaktisch“ zum Wort des Jahres – aktueller nicht sein könnte.

Andreas Frane

Nathan Hill: Geister. Piper Verlag, 864 Seiten, 25 Euro.

„Guter Junge“, guter Anfang: der Autor Paul McVeigh

Seit dem Erfolg von Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“ müssen sich alle irischen Kindheitserzählungen an diesem Bestseller messen lassen. Paul McVeigh gibt der ewig jungen Geschichte vom Heranwachsen auf der Insel einen neuen Dreh.

NZ-McVeigh Klar, katholische Familie und ärmliche Verhältnisse sind auch in seinem Debütroman das Setting. Aber „Guter Junge“ spielt im anderen Irland, jenseits der Grenze im Norden, und damit mitten im Bürgerkrieg. Im Belfaster Viertel Ardoyne, im Schatten von meterhohen Zäunen und Mauern, die Katholiken und Protestanten voneinander fernhalten sollen, hat der kleine Mickey gerade die Grundschule hinter sich gebracht.

Weil er ein cleveres Kerlchen ist, soll er auf die höhere Schule St. Malachy’s gehen – als einziger aus seiner Klasse, seiner Familie, ja als einziger aus der ganzen Straße. Doch dann kommt alles anders: Das Einkommen der Familie Donnelly reicht nicht für das Schulgeld. Stipendium? Fehlanzeige. Also droht St. Gabriel’s, die Schule für alle. Mickey ist am Boden zerstört.

Die neun Wochen zwischen Zeugnistag und Schulanfang, von denen der Roman handelt, werden zum Sommer, in dem der Protagonist vom Kind zum Teenager heranreift: erste Küsse, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – und auch mit dem eigenen. Mickey, der gerade noch ausschließlich mit seiner jüngeren Schwester Maggie und anderen Mädchen gespielt hat, weil er keine männlichen Freunde hat, kommt in die Pubertät. Die schöne Martine hat es ihm angetan. Nachts träumt er von einer Schauspielkarriere in Amerika und davon, dass ihm eines der älteren Mädchen zeigt, wie dieses „Hobeln“ funktioniert, von dem die Größeren alle reden.

Doch viel Zeit zum Träumen bleibt nicht in diesem Sommer. Der Vater ist – ähnlich wie bei McCourt – ein versoffener Tunichtgut. Mal ist er da, meistens aber nicht. Und während die IRA, die in Ardoyne unangefochten das Leben der Bewohner lenkt und kontrolliert, ihre Fänge immer enger um den großen Bruder Paddy legt, muss Mickey die Mutter so unterstützen, dass sie irgendwie darüber hinwegkommt, sowohl ihren Ehemann als auch den ältesten Sohn quasi verloren zu haben.

Vom Autor ist hierzulande wenig bekannt. In Belfast geboren, arbeitet er als Journalist und Literaturdozent. Auch Comedy-Serien hat er geschrieben. Paul McVeigh ist mit „Guter Junge“ auf jeden Fall ein beachtliches belletristisches Debüt gelungen. Die Stimme des kleinen Mickey, die darauf wartet, endlich zu brechen und zu der eines Mannes zu werden, beschreibt neugierig-naiv, aber doch mit kindlichem Charme die Szenerie in diesem von Gewalt geprägten Viertel. Mickeys Traum von Broadway und Hollywood wird umso bedauernswerter, je klarer wird, dass er Ardoyne noch nie verlassen hat.

Der Protagonist – gefangen in den Grenzen seines Alters, seines sozialen Milieus und der meterhohen „peace lines“, die mit Frieden so gar nichts zu tun haben – will ausbrechen. Aus der Kindheit, aus der Armut und diesem Stadtteil, in dem ständig Soldaten und Polizei patrouillieren.

Der Bub, der sich noch nicht richtig von Mama abgenabelt hat, will eigentlich nur, wie der Titel der Erzählung schon sagt, ein „guter Junge“ sein – und doch will es ihm, wie den meisten von uns, nicht so recht gelingen. Dafür gewinnt er mit Leichtigkeit die Sympathie seines Lese-Publikums.

Florian Heider

Paul McVeigh: Guter Junge. Wagenbach, 256 Seiten, 22 Euro.

Margaret Atwoods brillante Erzählungen: „Die steinerne Matratze“

Frauen leben länger — nicht nur aus biologischen Gründen. Manchen Männern muss man einfach beim zeitigen Abtreten helfen, meint Margaret Atwood. Ihre neuen Erzählungen „Die steinerne Matratze“ sind ein wahrhaft mörderisches Vergnügen.

Man vergisst leicht, dass Margaret Atwood schon 77 ist. Und damit selbst so alt wie die allesamt schon etwas angetagten, ja angenagten Männer und Frauen, von denen sie in ihrem neuen Kurzgeschichtenband „Die
steinerne Matratze“ erzählt: gewohnt komisch eben und ohne jedes wohlfeile Mitleid. Spöttischer denn je – was auch an der beherzten, mitunter saloppen Übersetzung liegt – macht sich die kanadische Autorin da über den unvermeidlichen Hingang der Kreatur Mensch her.

NZ-atwood „Fackelt die Alten ab“, der Titel der letzten Story, wird – so hoffen wir – dennoch nicht ihr eigenes Motto sein. Mit wachem, durchaus besorgtem Blick in die Zukunft einer überalterten Gesellschaft schildert Atwood darin ein nobles Seniorenheim, das in den Fokus einer landesweiten Protestbewegung frustrierter junger Leute gerät. Als Brandstifter rücken diese, mit Babymasken getarnt, bereits militant näher . . .

Ein Horrorszenario, wie Atwood es insgeheim liebt – und gleichzeitig eine Art später Operette. Wilma, die Protagonistin, lässt sich im feinen Ambiente erst mal von einem ungarischen Galan verwöhnen. Sie braucht ihn auch als Berichterstatter, denn Wilma sieht fast nichts mehr, nicht mal sich selbst im Spiegel: „Es ist wie im Internet, bei diesen Leerstellen in Gesichtsform, wenn noch das Foto fehlt“.

Dafür sieht sie befremdliche kleine Wesen, kostümiert wie in einem Historienfilm, keck vor ihrer Nase tanzen. Muss sie sich ernsthaft Sorgen machen? Immerhin der Geruchssinn funktioniert noch, und Wilma wittert, wenn alle im Speisesaal sitzen, die „Basisnote schleichenden Verfalls und undichter Stellen“ durch sämtliche Kosmetika hindurch: „Zarte Blütendüfte bei den Frauen, knackige Gewürznoten bei den Männern, innerlich noch immer ganz die knospende Rose, ganz der schroffe Pirat“.

Atwood hat eine stilistische Meisterschaft erreicht, deren gnadenlose Ironie und süffisant ausgestellte Sinnlichkeit immer wieder an den unvergessenen John Updike erinnern. Anders als dieser aber verkneift sie sich jede Nostalgie, jedes sentimentale Nicken, sieht dem nur bedingt eingeschränkten Treiben ihrer Senioren, die oft von der Vergangenheit eingeholt werden, munter und maliziös zu.

„Verna hatte anfänglich nicht vorgehabt, jemanden zu töten“, fängt etwa die Titelgeschichte an – und natürlich zieht so ein Satz den Leser unweigerlich hinein. Verna, die lustige Witwe (von drei Männern), die eigentlich nur Urlaub machen will und eine Arktis-Kreuzfahrt bucht (auf der vielleicht auch Mann Nummer vier ist), trifft unerwartet auf ihre erste große Liebe aus der fernen Jugend. Die damals allerdings ein bitteres, brutales Ende fand, mit fatalen Folgen. Ein Leben später ist die Zeit für Rache gekommen, so scheint es. Und Verna weiß doch, wie man reiche ältere Herren unauffällig ins Jenseits befördert, oder nicht? Bob, pass auf!

Das mag moralisch bedenklich sein, unterhaltsam, und zwar auf klügste Weise, ist es dennoch, wenn Atwoods schwarze Spinnen ihre Fäden sortieren und die ahnungslosen Opfer bald sanft umgarnen.

Ein eigenes Buch im Buch bilden die ersten drei der neun Geschichten, die eine gescheiterte Beziehung von einst erneut in die Jetztzeit holen, wie ein Triptychon auf drei Sichtweisen verteilt. Im Zentrum: die Schriftstellerin Constance, die wider Erwarten mit einer Fantasy-Reihe reich und berühmt wurde, während ihr viriler, aber betrügerischer Ex-Liebhaber Gavin als Dichter nie wirklich abhob. Gefährlich wütet ein Eissturm um ihr Haus, da träumt sie wieder von ihm – und befreit sich auf diese Weise als Witwe vielleicht auch von ihrem Mann, dessen Stimme sie immer noch hört. War er nicht ebenfalls untreu?

Wie fair Atwood im Umgang mit den Geschlechtern bleibt, zeigt sich, wenn sie den maroden Gavin im Rentnerparadies Florida danach selbst zu Wort kommen lässt und dann auch noch auf Marjorie schwenkt, die Frau, mit der Constance ihn damals ertappte. Ein Reigen, der, nun ja, am Friedhof endet – aber tatsächlich auch friedlich. Gefühle altern nicht, doch man kriegt sie vielleicht irgendwann in den Griff. Bevor alles zu spät ist . . .

Wolf Ebersberger

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, 304 Seiten, 20 Euro.

Stories von Javier Marías: Die Liebe ist gespenstisch

Der spanische Romancier Javier Marías kann auch die – etwas – kürzere Form. Sein Sammelband „Keine Liebe mehr“ trägt den Untertitel „akzeptierte und akzeptable Erzählungen“.

Javier Marías hat sich mit seinem unterhaltsamen und gleichermaßen eleganten Schreibstil spätestens seit dem Roman „Mein Herz so weiß“ (1998) ins Bewusstsein auch der deutschen Leser geschrieben. Sein Faible für die dunklen Seiten der Liebe färbt offensichtlich auf seine Stories ab – an Gespinsten und Gespenstern, diesen Lieblingsmotiven des Autors, mangelt es nicht.

javier Marías (65) ist als Charakter gestanden und als Belletrist kultiviert genug, die seichten Seiten der Geisterthematik beflissen zu umschiffen. Es sind keine Schlossgespenster, keine Klabautermänner und auch keine Meister der schwarzen Magie, denen er Eintritt in seine Erzählungen gewährt, es sind Großstadtmenschen im Bann der Vergänglichkeit. Ähnlich wie seine Romane – zuletzt „Die sterblich Verliebten“ (2011) und „So fängt das Schlimme an“ (2014) — es bereits im Titel andeuten , so durchdringt auch die Erzählungen eine sinnliche Schleierhaftigkeit.

Etwa in „Wenn die Frauen schlafen“. Darin gesteht ein Strandgast seinem Nachbarn das Unerhörte: dass er auf die Beziehung zu seiner sehr viel jüngeren Begleiterin seit ihrem siebten Lebensjahr gewartet hat, geduldig bis zu deren Volljährigkeit und bis ins letzte Detail vorbereitet, was ihre altersgemäß ganz anderen Interessen betrifft. Und dann sagt er, dass er sie töten wird. Und warum.

In „Lanzenblut“ wiederum, das einige der fiebrigsten Passagen des Buches enthält, wird ein homosexueller Mann im Bett neben einer Prostituierten aufgefunden – beide mit einer mittelalterlichen Lanze erdolcht. Die Puzzlestücke der Erklärungen dafür scheinen nicht zusammenzupassen. Umso weniger, als ein guter Freund des Ermordeten genau jene Frau, die offensichtlich tot neben dem Opfer lag, in einem Restaurant später wiederzuerkennen glaubt. Und ihr folgt.

Trefflich verknappt Marías das Leben besonders in „Als ich sterblich war“. Die Erzählstimme gehört einem Gespenst. Es gewinnt mehr und mehr unser Mitgefühl: weil wir von der Grausamkeit erfahren, sich im Nachhinein an alles im Leben erinnern zu müssen. Selbst an solche Angelegenheiten, die zu Lebzeiten verborgen blieben.

Marías’ Stories stammen aus den Jahren 1968 bis 2005 und sind weitgehend schon einmal erschienen. Das macht nichts, denn seine Gedankenspiele über das Mögliche, das im scheinbar Unmöglichen liegt, sind zeitlos. Sie fangen wie die Liebesaffären immer wieder von vorne an.

Es geht um Verwurzelte im Alltag, deren Innenleben in Aufruhr gerät, weil sie an fremde Sphären stoßen.
In „Geringere Skrupel“ ist es die alleinerziehende Mutter, die aus Geldsorgen zum Porno-Dreh kommt und der dann ihr Filmpartner im Wartezimmer gesteht, was noch schlimmer im Leben ist als die nackte Realität, in der sie sich anschließend wiederfinden werden.
 
Schon der Titel des Sammelbands „Keine Liebe mehr“ besticht durch Doppeldeutigkeit. Gibt es keine Liebe mehr oder ist keine mehr erwünscht? Wehmut und Klärung, Sehnsucht
und Schmerz sind Marías’ Beiwerk in allen Erzählungen.

Gut, manchmal überschreitet er mit seinem Schreibstil auch die Grenze zum Manierierten, manchmal windet und zieht der Autor seine Sätze fast bis zur Unerträglichkeit, um dann endlich doch noch auf den Punkt zu kommen. Vielleicht genau sein Ansatz: eine Ästhetik des Vagen aufzuziehen. In den guten und besseren Stellen seiner akzeptablen und akzeptierten Stories wird das Fantastische zur Fährte – und der nebulöse Schleier zum Sog.

Christian Mückl

Javiar Marías: Keine Liebe mehr. Akzeptierte und akzeptable Erzählungen. S. Fischer, 512 Seiten, 25 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Uns bleibt immer noch Paris

Ein launiger Einstieg – das allemal! Mit seinem neuen Roman „Morgen mehr“ durfte Tilman Rammstedt beim diesjährigen Erlanger Poetenfest die Schlossgartenlesungen eröffnen.

Ein naseweiser Erzähler, der gleichsam noch vor seiner Geburt steht und in die Vergangenheit so eingreifen muss, damit sich seine Eltern überhaupt finden? Da werden die einen an „Die Blechtrommel“ denken, die anderen an einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ – und gegen beides dürfte Tilman Rammstedt nichts haben.

rammstedtWenn er den Kapiteln seines soeben erschienenen Romans „Morgen mehr“ ironisch zusammenfassende Einleitungen voranstellt – die im humorigen Extremfall viel länger sind als das Kapitel selbst –, greift er ja noch viel höher: zu den englischen Titanen der auktorialen Komik wie Laurence Sterne und Charles Dickens.

Muss man ihn also in dieser Linie sehen? Oder doch nur als willig netten Lieferanten neuer deutscher Unterhaltung, die dann irgendwann von Detlev Buck verfilmt wird? Den Ganoven „Dimitri“, der vielleicht nur Uwe heißt, würde – unvermeidlich – Moritz Bleibtreu spielen . . .

Von der halbseitigen Eloge (FAZ) bis zum Schnippsel-Verriss (Literatur-Spiegel) ist jedenfalls viel an Reaktionen möglich, und das spricht ja fast schon wieder für dieses Buch, das auch noch – wie sein pränataler Held – auf ganz besondere, ganz besonders eilige Weise entstanden ist.

Rammstedt, Jahrgang 1975, hat die einzelnen Kapitel bereits als digitale Häppchen veröffentlicht, Tag für Tag, als Fortsetzungsroman für die Generation Twitter. Deshalb vielleicht die hohe Gagdichte des humoristisch erfolgreichen Autors („Der Kaiser von China“) – und, wie gedruckt offenbar wird, der mangelnde Tiefgang.

Aber bleiben wir bei den Gags. Es ist der 30. Juni 1972, und der darf nicht vorbeigehen, ohne dass der Erzähler des Buches, der infamerweise auch schon sein restliches Leben kennt, seine Eltern verkuppelt hat. „Das ist meine letzte Chance, danach bin ich zu alt, um noch geboren zu werden. Und glauben Sie mir: Ich habe nicht vor, sie zu verpassen.“

Das Problem: Die Eltern kennen sich noch gar nicht – und befinden sich zudem an völlig unterschiedlichen Orten. Der Vater im heimischen Mainz, wo er, wegen eines absurden Streites, gerade von dem Möchtegernverbrecher Dimitri versenkt werden soll, à la Mafia, mit den Füßen in Beton. Die Mutter im fernen Marseille – wo sie nichts anderes zu tun hat, als mit einem Mann namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle zu verkehren. Ein Regenschauer ist schuld, und die ziemlich ungewöhnliche To-Do-Liste ihrer jüngst verstorbenen Zwillingsschwester. Punkt 19 darauf: „Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen“. Auch einem Kind das Eis klauen oder sich in einer Bar verprügeln lassen gehört zu den Mutproben . . . Und Mutti hat Mut.

Aber wie kommt sie zu Vati? Der läuft ja noch trauernd einer gewissen Claudia hinterher, die ihn schnöde abwies und nun bereits seinen Nachfolger geheiratet hat. Ziel der Hochzeitsreise, wie originell: Paris. Dorthin bugsiert Rammstadt folglich nicht nur das angehende Paar, sondern auch drei richtige Gauner im Pelz, ihren unzufriedenen Chef namens Dr. Rolf und einen recht altklugen Jungen. Bis alles, klischeegerecht und fast akrobatisch, auf dem Eiffelturm seinen Höhepunkt findet.

Eine Räuberpistole, die manchmal arg klappert, ein Trip wie im Comicstrip, voll lustiger Typen und knalliger Sätze, von Rammstedt immer wieder unterbrochen, um festzuhalten, was der Leser schon weiß und was nicht. Er weiß sehr schnell: Von Rammstedt möchte man mehr lesen. Morgen.

Wolf Ebersberger

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 223 Seiten, 20 Euro.