Stories von Javier Marías: Die Liebe ist gespenstisch

Der spanische Romancier Javier Marías kann auch die – etwas – kürzere Form. Sein Sammelband „Keine Liebe mehr“ trägt den Untertitel „akzeptierte und akzeptable Erzählungen“.

Javier Marías hat sich mit seinem unterhaltsamen und gleichermaßen eleganten Schreibstil spätestens seit dem Roman „Mein Herz so weiß“ (1998) ins Bewusstsein auch der deutschen Leser geschrieben. Sein Faible für die dunklen Seiten der Liebe färbt offensichtlich auf seine Stories ab – an Gespinsten und Gespenstern, diesen Lieblingsmotiven des Autors, mangelt es nicht.

javier Marías (65) ist als Charakter gestanden und als Belletrist kultiviert genug, die seichten Seiten der Geisterthematik beflissen zu umschiffen. Es sind keine Schlossgespenster, keine Klabautermänner und auch keine Meister der schwarzen Magie, denen er Eintritt in seine Erzählungen gewährt, es sind Großstadtmenschen im Bann der Vergänglichkeit. Ähnlich wie seine Romane – zuletzt „Die sterblich Verliebten“ (2011) und „So fängt das Schlimme an“ (2014) — es bereits im Titel andeuten , so durchdringt auch die Erzählungen eine sinnliche Schleierhaftigkeit.

Etwa in „Wenn die Frauen schlafen“. Darin gesteht ein Strandgast seinem Nachbarn das Unerhörte: dass er auf die Beziehung zu seiner sehr viel jüngeren Begleiterin seit ihrem siebten Lebensjahr gewartet hat, geduldig bis zu deren Volljährigkeit und bis ins letzte Detail vorbereitet, was ihre altersgemäß ganz anderen Interessen betrifft. Und dann sagt er, dass er sie töten wird. Und warum.

In „Lanzenblut“ wiederum, das einige der fiebrigsten Passagen des Buches enthält, wird ein homosexueller Mann im Bett neben einer Prostituierten aufgefunden – beide mit einer mittelalterlichen Lanze erdolcht. Die Puzzlestücke der Erklärungen dafür scheinen nicht zusammenzupassen. Umso weniger, als ein guter Freund des Ermordeten genau jene Frau, die offensichtlich tot neben dem Opfer lag, in einem Restaurant später wiederzuerkennen glaubt. Und ihr folgt.

Trefflich verknappt Marías das Leben besonders in „Als ich sterblich war“. Die Erzählstimme gehört einem Gespenst. Es gewinnt mehr und mehr unser Mitgefühl: weil wir von der Grausamkeit erfahren, sich im Nachhinein an alles im Leben erinnern zu müssen. Selbst an solche Angelegenheiten, die zu Lebzeiten verborgen blieben.

Marías’ Stories stammen aus den Jahren 1968 bis 2005 und sind weitgehend schon einmal erschienen. Das macht nichts, denn seine Gedankenspiele über das Mögliche, das im scheinbar Unmöglichen liegt, sind zeitlos. Sie fangen wie die Liebesaffären immer wieder von vorne an.

Es geht um Verwurzelte im Alltag, deren Innenleben in Aufruhr gerät, weil sie an fremde Sphären stoßen.
In „Geringere Skrupel“ ist es die alleinerziehende Mutter, die aus Geldsorgen zum Porno-Dreh kommt und der dann ihr Filmpartner im Wartezimmer gesteht, was noch schlimmer im Leben ist als die nackte Realität, in der sie sich anschließend wiederfinden werden.
 
Schon der Titel des Sammelbands „Keine Liebe mehr“ besticht durch Doppeldeutigkeit. Gibt es keine Liebe mehr oder ist keine mehr erwünscht? Wehmut und Klärung, Sehnsucht
und Schmerz sind Marías’ Beiwerk in allen Erzählungen.

Gut, manchmal überschreitet er mit seinem Schreibstil auch die Grenze zum Manierierten, manchmal windet und zieht der Autor seine Sätze fast bis zur Unerträglichkeit, um dann endlich doch noch auf den Punkt zu kommen. Vielleicht genau sein Ansatz: eine Ästhetik des Vagen aufzuziehen. In den guten und besseren Stellen seiner akzeptablen und akzeptierten Stories wird das Fantastische zur Fährte – und der nebulöse Schleier zum Sog.

Christian Mückl

Javiar Marías: Keine Liebe mehr. Akzeptierte und akzeptable Erzählungen. S. Fischer, 512 Seiten, 25 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Stories von Javier Marías: Die Liebe ist gespenstisch

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Uns bleibt immer noch Paris

Ein launiger Einstieg – das allemal! Mit seinem neuen Roman „Morgen mehr“ durfte Tilman Rammstedt beim diesjährigen Erlanger Poetenfest die Schlossgartenlesungen eröffnen.

Ein naseweiser Erzähler, der gleichsam noch vor seiner Geburt steht und in die Vergangenheit so eingreifen muss, damit sich seine Eltern überhaupt finden? Da werden die einen an „Die Blechtrommel“ denken, die anderen an einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ – und gegen beides dürfte Tilman Rammstedt nichts haben.

rammstedtWenn er den Kapiteln seines soeben erschienenen Romans „Morgen mehr“ ironisch zusammenfassende Einleitungen voranstellt – die im humorigen Extremfall viel länger sind als das Kapitel selbst –, greift er ja noch viel höher: zu den englischen Titanen der auktorialen Komik wie Laurence Sterne und Charles Dickens.

Muss man ihn also in dieser Linie sehen? Oder doch nur als willig netten Lieferanten neuer deutscher Unterhaltung, die dann irgendwann von Detlev Buck verfilmt wird? Den Ganoven „Dimitri“, der vielleicht nur Uwe heißt, würde – unvermeidlich – Moritz Bleibtreu spielen . . .

Von der halbseitigen Eloge (FAZ) bis zum Schnippsel-Verriss (Literatur-Spiegel) ist jedenfalls viel an Reaktionen möglich, und das spricht ja fast schon wieder für dieses Buch, das auch noch – wie sein pränataler Held – auf ganz besondere, ganz besonders eilige Weise entstanden ist.

Rammstedt, Jahrgang 1975, hat die einzelnen Kapitel bereits als digitale Häppchen veröffentlicht, Tag für Tag, als Fortsetzungsroman für die Generation Twitter. Deshalb vielleicht die hohe Gagdichte des humoristisch erfolgreichen Autors („Der Kaiser von China“) – und, wie gedruckt offenbar wird, der mangelnde Tiefgang.

Aber bleiben wir bei den Gags. Es ist der 30. Juni 1972, und der darf nicht vorbeigehen, ohne dass der Erzähler des Buches, der infamerweise auch schon sein restliches Leben kennt, seine Eltern verkuppelt hat. „Das ist meine letzte Chance, danach bin ich zu alt, um noch geboren zu werden. Und glauben Sie mir: Ich habe nicht vor, sie zu verpassen.“

Das Problem: Die Eltern kennen sich noch gar nicht – und befinden sich zudem an völlig unterschiedlichen Orten. Der Vater im heimischen Mainz, wo er, wegen eines absurden Streites, gerade von dem Möchtegernverbrecher Dimitri versenkt werden soll, à la Mafia, mit den Füßen in Beton. Die Mutter im fernen Marseille – wo sie nichts anderes zu tun hat, als mit einem Mann namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle zu verkehren. Ein Regenschauer ist schuld, und die ziemlich ungewöhnliche To-Do-Liste ihrer jüngst verstorbenen Zwillingsschwester. Punkt 19 darauf: „Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen“. Auch einem Kind das Eis klauen oder sich in einer Bar verprügeln lassen gehört zu den Mutproben . . . Und Mutti hat Mut.

Aber wie kommt sie zu Vati? Der läuft ja noch trauernd einer gewissen Claudia hinterher, die ihn schnöde abwies und nun bereits seinen Nachfolger geheiratet hat. Ziel der Hochzeitsreise, wie originell: Paris. Dorthin bugsiert Rammstadt folglich nicht nur das angehende Paar, sondern auch drei richtige Gauner im Pelz, ihren unzufriedenen Chef namens Dr. Rolf und einen recht altklugen Jungen. Bis alles, klischeegerecht und fast akrobatisch, auf dem Eiffelturm seinen Höhepunkt findet.

Eine Räuberpistole, die manchmal arg klappert, ein Trip wie im Comicstrip, voll lustiger Typen und knalliger Sätze, von Rammstedt immer wieder unterbrochen, um festzuhalten, was der Leser schon weiß und was nicht. Er weiß sehr schnell: Von Rammstedt möchte man mehr lesen. Morgen.

Wolf Ebersberger

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 223 Seiten, 20 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Uns bleibt immer noch Paris

Der Glamour vor dem Terror: Oliver Hilmes über „Berlin 1936″

Achtzig Jahre sind sie her, die „Sechzehn Tage im August“. Sie vergingen in „Berlin 1936“. Zwischen dem 1. und dem 16. 8. fanden in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschland die Olympischen Spiele statt. Am Abend des ersten Tages sprach Adolf Hitler im neuen Olympiastadion den Satz: „Ich erkläre die Spiele von Berlin zur Feier der XI. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.“ Damit wich er ein wenig vom protokollarischen Wortlaut ab. Niemand kreidete es ihm an. Und die Bilder in Leni Riefenstahls Olympiafilm „Fest der Völker“ belegen, wie triumphal „der Führer“ diesen Augenblick empfand.

Die Olympischen Spiele waren den Nazis zugefallen. Sie nutzten sie für eine perfekte Propaganda-Show. Darüber schreibt der Zeithistoriker Oliver Hilmes in seinem Buch mit dem Titel „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ auch. Und er beschreibt dieses oder jenes sportliche Ereignis im Stadion oder in der Schwimmhalle. Vor allem aber entwirft er ein Sittengemälde der Metropole, skizziert eine kleine Alltagsgeschichte des Dritten Reichs, wie sie uns noch immer weitgehend fehlt.

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Bekannte Namen treten auf: die Führungsriege der Nationalsozialisten, Olympiasieger wie Jesse Owens selbstverständlich, die eitle Riefenstahl mit ihren Kameras, Thomas Mann, der das Geschehen im Zürcher Exil am Radio verfolgt. Viele Episoden ranken sich um den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, der Verlagsverhandlungen führt, das Berliner Nachtleben genießt und erst allmählich konfrontiert wird mit dem hintergründigen Schrecken der Konzentrationslager, die parallel zu den Wettkämpfen errichtet werden. Aber ebenso gibt es die nahezu Namenlosen aus der Polizeistatistik wie die Arbeiterin Erna Rakel. Sie wirft sich am zweiten Tag der Spiele vor eine S-Bahn. Niemand weiß: warum.

Oliver Hilmes erzählt. Er erzählt die Geschichten von Menschen. Er benutzt dazu die Zeitform des Präsens, die dem Leser alle Ereignisse so „gegenwärtig“ macht. Er begibt sich dazu in die Köpfe seiner historischen Figuren. Aus den Tagebüchern des Propagandaministers Joseph Goebbels extrapoliert der Autor, was der gedacht, gefühlt haben könnte. Das macht das Buch spannend, ohne dass es zur Fiktion würde. Es ist eine Montage von historischen Momenten. Quellen sind vorhanden. Geschichte lebt.

Auch die Statistik hilft. Auch Informationen über den Alkoholkonsum helfen, eine Epoche besser zu verstehen. Hilmes schreibt: „Wieviel Alkohol trinken die Deutschen im Olympiajahr 1936 wirklich? Tatsache ist, dass der Alkoholverbrauch nach einem Tiefstand Anfang der 1930er Jahre seit einiger Zeit wieder ansteigt. Werden 1933 noch sechs Millionen Flaschen Schaumwein konsumiert, sind es 1936 bereits 14,2 Millionen Flaschen. Der Branntweinverbrauch steigt im gleichen Zeitraum von 564 716 auf 760 796 Hektoliter…“ Die Nazis hielten es eben genau.

Gern hält sich Oliver Hilmes in Berlins Glitzerwelt auf, besucht etwa mit dem Filmstar Hubert von Meyerinck Bars, Varietés, mondäne Lokale. Trotz der nationalsozialistischen Homophobie gab es noch Orte, wo sich Transsexuelle trafen. Trotz offizieller Verbote wurde Jazz gespielt. Die Zeit war nicht nur braun. Nach den Olympischen Spielen wurde sie immer brauner. Die Abgründe wuchsen. Hilmes lässt keinen Zweifel daran, dass in den sechzehn Olympischen Tagen von Berlin 1936 nur eine Fassade vor dem Terror stand. In einem Schlusskapitel verfolgt er die weiteren Schicksale seines Personals. So findet dieser Roman einer Großstadt vor 80 Jahren ein in vieler Hinsicht melancholisches Finale.

Herbert Heinzelmann

Oliver Hilmes: Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag. 303 S., 19.99 Euro

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Der Glamour vor dem Terror: Oliver Hilmes über „Berlin 1936″

Grandios: Richard Russos „Diese gottverdammten Träume“

Er findet das Besondere im Alltäglichen, er entdeckt die Tragik im Banalen: Mit seinem großen Roman „Diese gottverdammten Träume“ hat der US-Amerikaner Richard Russo ein unaufdringliches Meisterwerk geschaffen.

Bezeichnenderweise heißt die Stadt, in der er seine Geschichten vom Scheitern, Straucheln und Wiederaufstehen ansiedelt (ebenso wie der Roman im Originaltitel) Empire Falls. Gefallen sind sie nämlich alle, die Figuren in diesem Roman: Allen voran Miles Roby, der vor über zwanzig Jahren nach der Krebserkrankung seiner Mutter das Studium abgebrochen hat und in seinen Heimatort zurückgekommen ist.

russoNun führt er mit seinem versehrten Bruder das „Empire Grill“, ein heruntergekommenes kleines Restaurant. Seine Ehe scheint ebenso verloren wie sein Traum von einem anderen Leben. Alle Hoffnung ruht auf seiner Tochter Tick, die mehr aus sich machen soll, als er selbst es geschafft hat. Doch schleichend wie die Schlange, die sie im Kunstunterricht malt, kommt gerade auf sie ein furchtbares Unheil zu.

Richard Russo nimmt sich Zeit für seine Figuren und seinen Schauplatz, diese verfallende Stadt, deren Industrie am Boden und deren Stolz im Staub liegt. Verbitterung hat sich in den Seelen und Beziehungen eingenistet. Frustration hat die Gemeinschaft der Menschen in Empire Falls zersetzt.
Nur eine Handvoll, darunter Miles, sein unverbesserlicher Schnorrer von Vater und Tick scheinen sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Wie in ihrem Pavillon über dem Fluss thront Francine Whiting, die alte Witwe des letzten Großindustriellen der Stadt, mit ihrer bösartigen Katze hexenhaft über all ihren Bewohnern. Zieht sie im Hintergrund die Fäden ihrer Schicksale, wie Miles Roby manchmal vermutet? Was hat sie damals mit seiner Mutter verbunden? Begann der Niedergang der Stadt mit dem Selbstmord ihres Mannes?

Das Panorama, das Richard Russo vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet, umfasst ein auf größere Zusammenhänge verweisendes Gesellschaftsbild, in dem mit großer Empathie auf die Verlierer der ökonomischen Entwicklung, aber auch auf die Geringsten und Gefallensten geblickt wird, korrupte Gesetzeshüter ebenso wie einsame Soziopathen. Nicht einmal Gewalt und Naturkatastrophen, so scheint es, sind in der Lage, die Menschen in diesem Reich Amerika zusammenzubringen.

Im Bundesstaat Maine in Neuengland lassen bevorzugt John Irving und Stephen King ihre Romane spielen: Anklänge an beide Fabulierer, den warmherzigen Menschenkenner und den Meister des blutigen Grauens, findet man auch in „Diese gottverdammten Träume“. In den USA ist Russo bereits eine bekannte, von Publikum und Kritik hochgeschätzte Größe, er hat bisher acht Romane und einige erfolgreiche Drehbücher (darunter „Im Zwielicht“ und „Nobody’s Fool“) geschrieben.

2002 erhielt der damals 53-jährige den Pulitzer-Preis – für diesen Roman, der auch prompt vom TV-Sender HBO mit Paul Newman, Ed Harris und Philip Seymour Hoffman verfilmt (und ebenfalls preisgekrönt) wurde. Wie in aller Welt ist es zu rechtfertigen, dass es 14 Jahre gedauert hat, dieses Meisterwerk für den deutschen Buchmarkt zu entdecken?

Andreas Frane

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Roman. Deutsch von Monika Köpfer. Dumont, 752 Seiten, 24,99 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Grandios: Richard Russos „Diese gottverdammten Träume“

Judith Hermanns neue Stories: „Lettipark“

So schmal die Stories auch sind: Ein neues Buch von Judith Hermann ist immer ein Ereignis.

Vielleicht ist sie tatsächlich die beste Erzählerin von Kurzgeschichten in diesem Land. Aber dieser Superlativ, berechtigt wie er sein mag, passt so gar nicht zu Judith Hermann und ihrem Stil. So dezent, so undeutsch, so luftig und leicht, wie die 1970 in Berlin geborene Autorin ihre lose gehaltenen Sätze webt. Auch in „Lettipark“, ihrem jüngsten Band.

Feuilleton-Judith Dabei geht es ihr auch nie um etwas wie Zeitgeist oder explizite Gegenwart, um Krisen, Flüchtlinge, wirtschaftliche Existenzängste. Es geht ihr, auch wenn die Prosa zerbrechlich ist wie Porzellan, um elementarste Dinge und Erfahrungen, um Leben und Zeit, um Freundschaft, Liebe, Veränderung. Aber eben – man staune – in Geschichten, die auch nur sechs Seiten lang sein können.

So wie „Kohlen“, die erste – und wohl eine der schönsten. Briketts werden da geliefert und müssen in einem Stall verstaut werden. Die Familie – oder Kommune? – will ja warm über den Winter kommen. Alle helfen mit, auch der kleine Nachbarsjunge, Vincent, vier Jahre alt, der mit seinem Rad dazukommt. Um ihn wird es gehen – und darum, wie er damit lebt, dass er erst im Vorjahr seine Mutter verloren hat. Eine lange Leidensgeschichte, vielleicht: ein gebrochenes Herz. Aber Vincent ist nicht gebrochen. Er macht, auf ebenso kindliche wie schon erwachsene Weise, einfach weiter. Er packt mit an – „und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien“.

Kohlen, schwarz und dreckig, die zu etwas Hellem und Heiligem werden: ein gewagtes, unglaubliches Bild, das in seiner religiösen Überhöhung des Alltags auch bei James Joyce und seinen „Dublinern“ stehen könnte. Ohne, dass es der Leser merkt, läuft die Geschichte auf diesen letzten Satz, dieses letzte, erlösende Bild hinaus – eine Epiphanie. Die aber, und das ist die Kunst der seit „Sommerhaus, später“ bei Kritikern wie Lesern erfolgreichen Judith Hermann, nie prätentiös wirkt.

Leser, die keine Kurzgeschichten mögen, weil sie daran nicht satt werden – werden hier verhungern; Leser, die Kurzgeschichten gerade mögen, weil sie, wie eine Kostprobe, auf das große Ganze neugierig machen, ohne den Magen zu füllen, womöglich süchtig werden. Eigentlich sind es ja nicht mal Geschichten. Es sind einzelne Situationen, die sie herausgreift, vage Skizzen, die sie entwirft.

Begegnungen, Wiederbegegnungen, Blicke, der Liebe und der Fremdheit. Freundschaften, vor allem von Frauen, die bestehen oder nicht. Wie in „Solaris“, in der Ada, nun Fotografin, Ehefrau und Mutter, nach Jahren die Schauspielerin Sophia besucht – und von deren virilem Kollegen erneut erotisch angezogen wird. Wunsch und Wirklichkeit, sie bleiben dennoch zwei Welten.

Wolf Ebersberger

Judith Hermann: Lettipark. Verlag S. Fischer, 192 Seiten, 18,99 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Judith Hermanns neue Stories: „Lettipark“

Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Mit „M Train“ legt die amerikanische Sängerin Patti Smith einen neuen Erinnerungsband vor – der aber ganz anders ist als der zum Bestseller gewordene Vorläufer „Just Kids“.

Dass Patti Smith schon immer nicht nur eine Rock-Sängerin, sondern eine Rock-Poetin war – freilich der urbanen, rauhen, punkigen Art –, sprach aus jedem ihrer Lieder. Trotzdem wurde ihr Buch „Just Kids“ (2010) zur Überraschung: Die intimen Erinnerungen an ihre Begegnung und Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe waren sowohl biografisch aufschlussreich als auch literarisch überaus gelungen. Ein großer Wurf, persönlich ansprechend, packend zu lesen.

NZ-patti Hält „M Train“ nun, was „Just Kids“ versprach? Oder anders gefragt: Kann man die beiden Bücher überhaupt vergleichen? Ähnelt das neue Werk nicht eher dem früheren, freieren Bändchen „Traumsammlerin“? Wie dieses lässt sich „M Train“ als lose, eher spirituelle als an Daten und Fakten justierte Autobiografie sehen. Eine Fortsetzung von „Just Kids“ ist es nicht – das hätte sie selbst, als Autorin, vielleicht nur gelangweilt.

Lieber blickt Patti Smith, fast schon ziellos durch Alltag und Gegenwart schlendernd, auf einzelne wichtige Stationen ihres Erwachsenenlebens zurück. Stationen, das passt. Oder eben „Haltestellen“, wie sie die Kapitel nennt. Denn: „Der Schriftsteller ist ein Zugführer“, so die Weisheit, die ihr ein Cowboy, der ihr im Traum begegnet, mit auf den Weg gibt. An sowas glaubt sie.

Und Smith träumt im Grunde die ganze Zeit – auch offenen Auges. Sitzt in ihrem geliebten New Yorker „Café ’Ino“ und sinniert, dass sie selbst gern mal ein Café eröffnet hätte. Der Traum blieb unerfüllt. Andere ließen sich verwirklichen. Mitunter erst beim zweiten Mal, wie der Fan-Besuch, den sie unbedingt Frida Kahlos Blauem Haus in Mexico City abstatten wollte. 1971, als junge Frau, stand sie noch vor der verschlossenen Tür. Der berühmten Künstlerin Patti Smith hat diese sich, Jahrzehnte später, dann geöffnet.

Wie eine Pilgerin reist Smith durch die Welt, folgt den Spuren der Dichter und Denker, die sie bewundert, von Genet, Roberto Bolaño und Haruki Murakami, beehrt die Gräber von Rimbaud und Sylvia Plath. Gern nimmt sie Andenken mit, kleine Fundstücke, auf jeden Fall aber Fotografien, die das Buch nun zieren. Auch ihr früh verstorbener Mann Fred erscheint so, in Wort und Bild betrauert.

Über ihre Musik, die Karriere, den Ruhm – nichts. Stattdessen schwelgt sie, als profaner Kontrapunkt, in TV-Serien, die sie geradezu süchtig verfolgt. Man muss sie dafür mögen, so unprätentiös, offen und ohne jede Spur von Eitelkeit, wie Patti Smith anhand vieler anderer Dinge von sich selbst erzählt.

Wolf Ebersberger

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 329 S., 19,99 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Adrien Boscs aufregendes Debüt: „Morgen früh in New York“

Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende: Édith Piaf, der „Spatz von Paris“ (1915 – 1963). Die Chansons der zierlichen französischen Sängerin handelten immer wieder von den Tragödien ihres Lebens. Eine davon war der Schicksalsschlag, durch den sie ihre große Liebe verlor: den in Algerien geborenen Boxweltmeister Marcel Cerdan. Der kam am 27. Oktober 1949 ums Leben, zusammen mit 47 weiteren Opfern bei einem Flugzeugabsturz, der bis heute nicht restlos aufgeklärt ist.

NZ-bosc Der Lockheed-Luxusliner „Constellation“ war unterwegs von Paris nach New York und sollte auf der Azoren-Insel Santa Maria zwischenlanden. Dort kam er aber niemals an – der Funkkontakt riss kurz vorher ab, und die Maschine zerschellte an einem Berg auf der Nachbarinsel.

Dieses Unglück war für die Presse ein gefundenes Fressen und sorgte tagelang für Schlagzeilen. Außer dem Boxchampion Cerdan, den seine Fans „le bombardier“ nannten, befanden sich nämlich noch andere Stars an Bord der Maschine, die seinerzeit als das Langstreckenflugzeug schlechthin galt.

Etwa die Geigerin Ginette Neveu, damals in etwa so prominent wie heute David Garrett, oder der Disney-Manager Kay Kamen. Sie wurden ebenso tot unter den Trümmern an der Absturzstelle geborgen wie die zahlreichen weniger berühmten Opfer.

In seinem vielversprechenden Debütroman spürt Adrien Bosc den durch den schrecklichen Unglücksfall miteinander verknüpften Schicksalen der Toten nach, stellt Zusammenhänge her, wo sie keiner vermutet hätte und setzt die Einzelgeschichten wie ein Puzzle zusammen. Das tut er mit journalistischer Gründlichkeit und geht dabei auch auf die unbekannten verunglückten Passagiere ein, deren Geschichten er akribisch recherchiert hat.

Der 1986 in Avignon geborene Autor hat schon mit 25 Jahren einen Verlag gegründet, in dem eine Literatur- und eine Sportzeitschrift erscheinen. Für seinen ersten Roman wurde er nun mit dem Grand Prix de l’Académie Française und dem Prix littéraire de la Vocation ausgezeichnet.

Aus dem Französischen übersetzt hat den Roman übrigens Olaf M. Roth, ehemaliger Pressesprecher am Staatstheater Nürnberg. Ihm ist es zu verdanken, dass auch die deutschen Leser den unglaublich präzisen Stil von Adrien Bosc voll und ganz genießen können.

Man darf also schon gespannt sein auf den nächsten Roman dieses jungen Autors!

Ute Wolf

Adrien Bosc: Morgen früh in New York. List, 224 Seiten, 18 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Adrien Boscs aufregendes Debüt: „Morgen früh in New York“

Nur Statisten: Jonas Jonassons „Mörder Anders“

Es war zu erwarten: Jonas Jonasson schrieb sich auch mit seinem neuen Roman nach ganz oben. Mit Recht?

Allmählich nutzt sich das Prinzip ab. Mit seinem „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und
verschwand“ wurde der schwedische Journalist Jonas Jonasson berühmt. Sein Erstlingswerk entwickelte sich ruckzuck zum Renner und besetzte auch in Deutschland über Monate hinweg den ersten Platz der Bestsellerlisten. Sein zweites Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, hatte ebenfalls noch einen hohen Unterhaltungswert. Enorm Abwegiges mit lässiger Selbstverständlichkeit zu erzählen, gehört zu Jonassons Spezialgebiet.

Jonasson_JMoerder_Anders__162221 Doch sein jüngster Roman „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem ein oder anderen Feind“, der auch schon ganz oben auf der Verkaufsschlager-Liste steht, liest sich eher wie ein fader Abklatsch seiner Vorgänger. Der Text wirkt, als hätte sich Jonasson nicht viel Zeit zum Schreiben genommen, als spule er ein lange eingeübtes Ritual ab.

Wieder finden sich hier Außenseiter zusammen, um schließlich ein abstruses Geschehen in Gang zu setzen: Da ist Per Persson, der Rezeptionist, der sich vom Leben betrogen fühlt, weil sein Großvater das gesamte Familienvermögen verschleudert hat und er selbst nun das Management in einem Bordell übernehmen musste. Zu ihm gesellt sich die verwahrloste Pfarrerin Johanna Kjellander, die nicht an Gott glaubt und ihre Anstellung verloren hat. Der Dritte im Bunde trägt den Spitznamen Mörder-Anders, hat drei Menschen aus dem Leben befördert und ist nach wie vor gefährlich.

Bis er schließlich mit unfreiwilliger Hilfe der Pastorin Tugend und Nächstenliebe für sich entdeckt. Was seine Geschäftspartner Per und Johanna nicht sonderlich erfreut. Immerhin lässt sich mit Anders’ Aggressivität gutes Geld verdienen: „Sie hatte aus Versehen Mörder-Anders mit Jesus bekannt gemacht, und Jesus wiederum hatte Mörder-Anders dazu bewegt, sowohl dem Alkohol als auch der Auftrags-Körperverletzung abzuschwören.“

Jonas Jonasson ist ein routinierter Schreiber mit einer blühenden Fantasie. Doch auch er ist nicht davor gefeit, Langeweile zu verbreiten. Irgendwann um Seite Hundert herum plätschert das Geschehen noch immer vor sich hin und es drängt sich die Frage auf, ob das denn nun noch bis zur letzten Seite so weiter geht.

Leider ist das der Fall. Das Hauptpersonal hat nicht den Charme des „Hundertjährigen“ oder der „Analphabetin“. Es bleibt blass und eindimensional – als fülle es nur Statistenrollen in einer allzu kauzig konstruierten Handlung aus.

Gabi Eisenack

Jonas Jonasson: Mörder Anders und seine Freunde nebst dem ein oder anderen Feind. Carl’s Books, 352 S., 19,99 Euro.

Erschien in Allgemein | Kommentare deaktiviert für Nur Statisten: Jonas Jonassons „Mörder Anders“