Leslie Jamisons Suchtbuch „Die Klarheit“

Der suchtkranken US-Autorin Leslie Jamison ist mit ihrem Buch „Die Klarheit“ eine sehr intime Reflexion über „Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung“ gelungen – mit ernüchternden Seiten-Sprüngen in die Weltliteratur.

Leslie Jamison (Foto: Sheehan/Hanser Verlag)

Nach einer ihrer Nächte im Vollrausch sagt ihr Freund, er habe das Gefühl, sie mit der Person betrogen zu haben, die sie gestern Abend noch war. Ein anderes Mal, als sie vor Verlangen nach Alkohol darauf wartet, dass ihr Drink endlich fertigt gemixt wird, ertappt sie sich bei dem Gedanken: „Kann ich vielleicht einen Drink bekommen, bevor ich meinen Drink bekomme?“

Und auch den Zustand der körperlichen Verkaterung, den der ebenfalls alkoholkranke Schriftsteller Malcolm Lowry 1947 mit dem Empfinden verglich „als würden Knochen innen drin gegeneinander schaben“, kennt Jamison besser als ihr lieb ist.

Wer, wie sie, süchtig geworden ist, wird sein Leben lang damit kämpfen. Die Schriftstellerin (geboren 1983 in Los Angeles) reflektiert ihr Trinkverhalten und mögliche Ursachen messerscharf. Aber Krankheit hat nichts mit Intelligenz zu tun: Vor Rückfällen aus der Genesung konnte die Selbsterkenntnis sie häufig auch nicht bewahren, wie sie anekdotenreich schildert.

Im Buch „Die Klarheit“ breitet Jamison ihre zuweilen erschütternde Trinkerinnen-Biografie aus. Dazu baut sie Passagen aus Klassikern der Weltliteratur in ihr Erzählen ein, in denen sie süchtige Schriftsteller zitiert. Das schillernde, über zehnseitige Quellenverzeichnis reicht von John Berryman und William Burroughs bis zu Stephen King und David Foster Wallace.

Jamison selbst, die Creative writing studiert hat, schreibt bestechend prägnant. Zuweilen wird sie politisch – wenn sie die Entkriminalisierung Suchtkranker fordert und Scheinmoral beklagt: Warum unsere Gesellschaft etwa Schwarze, die Trinker sind, automatisch als gierige Monster abstemple und Weiße viel eher als hilfsbedürftige Opfer von Rauschmitteln betrachte, fragt sie dann.

Immer wieder setzt Jamison sich mit der Rolle der Anonymen Alkoholiker (AA) auseinander, deren Meetings sie in den Monaten und Jahren ihrer Nüchternheit besucht. In ihrem Buch mag es um Perioden der Trockenheit gehen, die Sprache bleibt spritzig: „Letztlich sind wir doch alle Dramaqueens. Auch wenn wir nüchtern sind. Meine trockenen Abende sind wie Schusswunden.“

Gerade weil die Autorin nicht so tut, als wäre die Genesung vom Trinken eine Erlösung für die Ewigkeit und eine Garantie für Glück, gerade, weil sie die Sisyphusarbeit benennt, die endlose Quälerei der Abstinenz jeden Tag aufs neue, wirkt ihr Buch so authentisch.

Jamison will gar nicht den Eindruck erwecken, ihr Leben sei ohne Rausch interessanter geworden – oft sei das Gegenteil der Fall. Wenngleich das Wechselbad aus Scham und Selbstaufgabe jetzt fehle: „Keine Geschichte ist so interessant wie die des Sich-Betrinkens.“ Jamison erwähnt Charles Jackson, der mit dem Roman „Ein verlorenes Wochenende“ von 1945 zwar einen Klassiker übers Saufen geschrieben hat – an einem Buch über Genesung aber scheiterte.

Zum individuellen Lebensratgeber taugt Jamisons hellsichtiges Werk kaum. Aber zum Verständnis des Dämons, das in vielen Biografien nistet. In „Die Klarheit“ steckt die Hölle auf Erden und starke Literatur.

Christian Mückl

Leslie Jamison: Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Hanser, 638 Seiten, 28 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.