Daniel Immerwahr über das „Imperium“ USA

Es ist eine Selbstverständlichkeit unter vielen Europäern, dass die USA immer noch eine Imperialmacht sind. Unter einem Rüpel wie Präsident Donald Trump wird dies wieder einmal mehr als deutlich. Denn zu chauvinistisch und egoistisch benehmen sich die USA wieder einmal, wenn sie sich zur Weltpolizei aufbauschen, was doch nur ein Euphemismus für Imperialismus oder Neokolonialismus ist.

Autor Daniel Immerwahr (Foto: Pamela Krayenbuhl / S. Fischer Verlag)

Doch die USA sind nicht von ungefähr ein Imperium, und Trump schließt an eine koloniale Tradition an, wenn er Nichtbürgern des Kernlandes Menschenrechte abspricht, oder versucht, Barack Obama als Nichtamerikaner zu diffamieren.

Wie kommt es also, dass ein Staat, der sich selbst als Republik versteht und sich von einer monarchischen Kolonialmacht (Großbritannien) befreite, zum Imperium wird? Der US-amerikanische Historiker Daniel Immerwahr geht dem auf dem Grund. In seinem neuen Buch „Das heimliche Imperium“ untersucht er, wie die Vereinigten Staaten zur modernen Kolonialmacht wurden: zu den „Greater United States“.

Damit kritisiert Immerwahr das Narrativ von Karten, die die USA immer nur als Festland darstellen, ohne die vielen annektierten Gebiete kartographisch darzustellen. Dabei gehörten oder gehören Gebiete wie Alaska, die Philippinen, Puerto Rico, Hawaii auch zu den USA. Denn, während andere Imperien ihre Kolonien als Statussymbole nutzten, sind die USA hier verhaltener. Sie wollten doch die Rebellen sein, nicht das dunkle Imperium.

Es begann mit dem spanisch-amerikanischen Krieg Ende des 19. Jahrhunderts, als Amerika die Philippinen erhielt, aber den Kolonien das Bürgerrecht verweigerte, so wie den nordamerikanischen Siedlern einst das „Recht des Engländers“ verwehrt worden war.

Von den Unabhängigkeitsbewegungen, denen die US-Politik mal wohlwollend, mal ablehnend gegenüberstand, von denen der US-Bürger aber kaum etwas mitbekam, geht Immerwahr aus und fokussiert daraufhin vor allem die Zeit der Weltkriege. In dieser Phase stiegen die USA zur Supermacht auf.

Abgesehen von Kolonien – vor allem kleinen Inseln –, die nötige Rohstoffe zur Verfügung stellten, konnten sich die USA auch durch zwei Aspekte als imperiale Macht durchsetzen: Erstens setzte sich Englisch als Weltsprache durch, zweitens ging die Normierung technischer Geräte zur Vereinheitlichung von Amerika aus.
Dabei ist dieser Staat aber auch in doppelter Hinsicht ein aufsehenerregendes, ambivalentes Imperium: Denn zum einen gaben die USA freiwillig, ohne Unabhängigkeitskrieg, einige Kolonien auf – eine historische Einmaligkeit. Zum anderen aber hat kein anderes Land mehr Militärstützpunkte im Ausland als die USA, wodurch sie ein „pointillistisches“ Imperium wurden.

Mit Witz und Charme, ohne dabei kritische Noten zu vergessen, beschreibt Immerwahr die imperiale US-Außenpolitik. So legt er ein gut lesbares und hochinformatives Werk vor, zu einem, zwar vage bekannten Thema der amerikanischen Geschichte, das aber selten mit diesem Fokus geliefert wird. Dabei betreibt der Historiker einen Rundumschlag von Außenpolitik über Militär- und Technikgeschichte bis zum Alltag der kolonisierten Völker.

Getrübt wird Immerwahrs Leistung durch einige Versäumnisse: Etwa spielt die Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner, bis hin zum Genozid, eine eher marginale Rolle. Auch der Kalte Krieg wird kaum erwähnt.

Nach den Weltkriegen macht der Autor einen Zeitraffer und kommt erst wieder auf den „War on Terror“ detailiert zu sprechen. Bekanntermaßen werden hier Freiheitsrhetorik und Demokratisierung kombiniert mit einem kriegerischen Expansionsdrang – was das Paradox des US-Imperialismus zusammenfasst.
Man darf die USA neutral als Imperium bezeichnen, da sie Kolonien und ausländische Militärstützpunkte besitzen – nicht wenige davon in Deutschland.

Doch gerade unter Trump wird klar, dass man die USA auch negativ als Imperium sehen kann: Als ein machtvoller Staat, der rücksichtlos schwächere Staaten schlägt, mit den NATO-Säbeln rasselt oder die pure Macht des Geldes in Krisenzeiten (wie Corona) als Druckmittel nutzt, etwa gegen die WHO. Erhellend, informativ, lebensnah.

Philip Dingeldey

Daniel Immerwahr: Das heimliche Imperium. Die USA als moderne Kolonialmacht. S. Fischer, 713 S., 26 Euro.