Gerald Murnanes behutsames Buch „Grenzbezirke“

Der bald 80-jährige australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt auf seinem Kontinent seit vielen Jahren als Nobelpreiskandidat. Jetzt hat er ein Erinnerungsbuch geschrieben, in dem vieles steckt, was sein Schreiben von dem anderer Autoren unterscheidet. Es heißt „Grenzbezirke“.

Gerald Murnane (Foto: Giramondo Publishing/Suhrkamp)

Wie bereits in seinem Hauptwerk „Die Ebenen“ (1982), das 2017 endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt uns Murnane in „Grenzbezirke“ mit auf eine Reise in die Innerlichkeit jenseits des realistischen Erzählens. Behutsamkeit durchdringt die Seiten.

Der Ich-Erzähler ist unschwer als Alter-Ego des Autors zu erkennen. Er hat ein Haus am Rand der Zivilisation nahe dem australischem Outback bezogen, um dort die Ecken, Zwischenräume und Kanten der menschlichen Wahrnehmung zu erkunden. Dafür erlegt er sich Regeln auf. So „hütet“ er seine Augen, um wachsamer für das zu sein, „was an den Rändern meines Gesichtsfeldes“ wirkt. Mönchisch experimentiert er mit Sehtechniken. Es interessiert ihn, ob und wie sich neue Bilder, Gedanken, Assoziationen, Bewusstseinsströme auftun, wenn man zum Beispiel das gewöhnliche menschliche „Starren“ auf Dinge durch Blinzeln oder schräge Augenstellung variiert.

Zugegeben, das klingt schrullig. Doch der Autor bringt eine ernstzunehmende Lebenserfahrung ein. Nachdem er Witwer wurde, war der Ich-Erzähler so mutig, das Wagnis des Wegziehens zu wählen. So erfahren wir, dass er, der zeitlebens ein Leser und Liebhaber von Büchern gewesen ist, den Inhalt seiner Regale zurückgelassen hat. Ihn bewegte dazu die Annahme, dass jeder Lesende die wichtigen Essenzen, Prägungen durch Literatur bewusst oder unbewusst speichert – wenn sie denn von Belang für ihn persönlich sind.

Als Schatzgräber verschütteten Wissens übt der Erzähler sich, wenn er versucht, durch den Anblick von Farben einer Murmel oder über das Hören eines Lieds Zugang zu eingeschlafenen Gefühlen seines früheren Lebens zu erhalten.

Murnane erzählt vom Radiobeitrag einer Kollegin: Weil auch sie den Stückeschreibern, Drehbuchautoren und Biografen misstraut, „die zu leicht durch das Sichtbare verlockt werden“, fühlt er sich verstanden. Das „Empfinden stiller Intensität innerhalb der Steinmauern in entlegener Landschaft“ hält er wie sie dagegen. Seinem Denken und Fühlen haftet etwas Naturmystisches an. Sätze fließen sanft. Peter Handke oder W. G. Sebald sind ihm Sprachverwandte. Manchmal entstehen durch das Drehen und Wenden bei der Suche nach präziser Annäherung an die Dinge aber auch Längen.

Wer „Grenzbezirke“ als Einladung sieht, im Heute der Hektik, der schnellen Bilder, der wissenschaftlichen Sicherheiten den sinnlichen Weg in die andere Richtung einzuschlagen – dem schenkt der Australier Mut und Inspiration.

Christian Mückl

Gerald Murnane: Grenzbezirke. Bibliothek Suhrkamp, 231 S., 18 Euro.