Wiederentdeckt, wild und frei: Albertine Sarrazin

Sich frei schreiben: So lässt sich das Werk der Französin Albertine Sarrazin (1937–1967) ganz gut fassen. Es war die einzige Freiheit, die sie hatte – und mit Leidenschaft verteidigte.

Albertine Sarrazin (1937-1967) Foto: AFP

Literatur ist auch eine Frage der Umgebung. Es macht einen Unterschied, ob man in stiller Abgeschiedenheit schreibt oder im dröhnenden Herzen einer Metropole; im Spiegelkabinett von Wohlstand oder im Aktenstaub eines grauen Alltags; unter wärmender Sonne oder im Eis der Einsamkeit. Und sei es, dass man sich von diesen Orten fortschreibt.

Albertine Sarrazin war keine Bewohnerin des Elfenbeinturms. Viele Jahre ihres kurzen Lebens hat sie in Haft verbracht – und hat darüber etwa Folgendes geschrieben: „Von meinem Gefängnis (…) möchte ich nichts hassen, verleugnen oder vergessen, sonst würde ich selbst verschwinden; ohne das Gefängnis bin ich nichts“.

Zeile um Zeile ihrer Bücher kritzelt sie dort in winziger Schrift auf alles, was Papier ist und schmuggelt es nach draußen. „Querwege“ heißt, nach „Astragalus“ (1966; neu erschienen 2013) und „Der Ausbruch“ (1967; 2018), der dritte und letzte Roman, der so entstanden und jetzt neu herausgegeben worden ist.

Man kann über die Bücher von Albertine Sarrazin nicht sprechen, ohne von ihrem Leben zu erzählen. Sie war eine radikal autobiographische Autorin, doch wird niemand bestreiten, dass es sich dabei um Literatur handelt – ja, um große Literatur, was die bilderreiche Sprache angeht und darin, wie sich hier eine Stimme formt, die kämpferisch ein Leben verteidigt.

Gerade dadurch, dass es sich so abseits gängiger Lebensentwürfe abspielt, weist es über sich hinaus, katapultiert sich mit stolzem Selbstbewusstsein aus seinem Schattendasein ins Licht. Als eine der ersten hat das Simone de Beauvoir erkannt, die dafür sorgte, dass Sarrazin den Beginn ihres Ruhms noch erleben konnte.

Geboren wird Albertine 1937 in Marokko, sie erfährt nie, wer ihre Eltern sind. Ein konservatives älteres Ehepaar in Frankreich adoptiert sie, mit zehn wird sie vergewaltigt. „Mein Status heißt elternlos und unerwünscht“, so lapidar fasst sie zusammen, wie sie ihren Platz in der Welt empfindet. Gefängniszellen und Heime werden die Ortsmarken ihres Lebens, aber überall fühlt sie sich fremd. Nur mit, nur für Julien (der im Roman „Lou“ heißt) tut sie alles und wird ebenso vorbehaltlos zurückgeliebt; auch er ist als Kleinkrimineller an den Rändern der Gesellschaft zuhause.

„Querwege“ erzählt davon, wie Albe, so nennt sie sich, aus dem Gefängnis entlassen wird und ein Jahr zu überbrücken hat, bis auch Lou freikommt. Dafür muss sie sich wieder in die Obhut ihrer Adoptivmutter begeben, die mittlerweile in einem Kloster lebt. Und eine Stelle im Kaufhaus Prisunic antreten, wo sie mit Ironie die Konsumgier der Klein- und Großbürger kommentiert. Den Begriff der Arbeit dehnt sie im Roman immer wieder angewidert als „Ar-ba-i-t“ ins Vulgäre. Die Übersetzerin Claudia Steinitz trifft durchwegs Sarrazins frechen, frischen, freizügigen Klang.

Albe bleibt eine Unbehauste. Sie lebt und schreibt als Außenseiterin. Aus dieser Perspektive beobachtet sie die Welt um sich, zu der sie nicht gehört, nach der sie sich nicht sehnt. Was sie sieht, destilliert sie mit einer Mischung aus Schärfe und Sarkasmus, Witz und Verachtung zu einem wenig schmeichelhaften Bild ihrer Mitmenschen.

Unverstellt ist aber auch der Blick auf sich selbst. Ohne Scheu offenbart sie sich als Diebin, die nicht nur aus Not stiehlt, sondern aus Leidenschaft; angesichts der funkelnden Ohrringe einer Tischnachbarin kann sie sich nur mit Mühe zurückhalten: „Ich zappelte vor Lust“.

Auf alten Fotografien fixiert sie den Betrachter mit herausforderndem Blick, wirkt mit den großen Augen und dem hellen Teint zart und zerbrechlich wie ein Kind, unglaublich jung. Und so, unglaublich jung, stirbt sie mit 29 an einem ärztlichen Kunstfehler.

„Ich bin ein lachender, hungriger Spatz in den Regenrinnen der traurigen Dürftigkeit, ich suche darin das Lustige und das Nährreiche“, so beschreibt sie sich. Aus ihren kargen Fundstücken hat Sarrazin Großes geschaffen.

Tamara Dotterweich

Albertine Sarrazin: Querwege. Ink Press, 224 Seiten, 20 Euro