Sasa Stanisic und seine „Herkunft“: Deutscher Buchpreis

Empört über Handke: Sasa Stanisic, Schriftsteller aus Bosnien und Herzegowina. (Foto: Jan Woitas, dpa)

Wer bin ich? Das ist die eine Frage. Die andere: Wo komme ich her und wie wichtig ist das überhaupt? Der in Hamburg lebende Autor Sasa Stanisic, Jahrgang 1978, stellt sie in seinem aktuellen Buch „Herkunft“ und findet zumindest erzählerisch Antworten. Dafür bekam er nun den Deutschen Buchpreis. Und nutzte die Gelegenheit, sich gleich über den Literaturnobelpreis für Serbenfreund Peter Handke zu beschweren.

Ja, es wirkt fast wie das Paradies, dieses kleine Dorf. Ganz abgeschieden und still liegt Oskorusa im Osten Bosniens, von Wald umwachsen am Fuße des Berges Vijarac: die Quelle seiner Familie, oder? Denn dort lebten einst seine Urgroßeltern väterlicherseits und bauten ihr Haus – jetzt ist nur noch ihr Grab übrig.
Sasa Stanisic hat es mit seiner geliebten Großmutter Kristina besucht. Hat an einem heißen Sommertag im Schatten unter dem Speierlingsbaum am Grab gesessen und mit den letzten Einheimischen – mehr als ein Dutzend sind es nicht – gespeist, ganz friedlich.

Und natürlich muss man da an den Baum der Erkenntnis denken, nicht umsonst sitzt oben in den Zweigen eine Schlange, eine Hornotter, und züngelt ebenso real wie symbolisch. Die Erkenntnis – am Ende des Buches – wird bitter sein und ein bisschen ratlos, die Vertreibung aus dem Paradies hat dann längst stattgefunden. Oma Kristina weiß eh nichts mehr, sie ist inzwischen dement; die Familie – mit muslimischen Wurzeln auf der Mutterseite – lebt in der Diaspora.

„Herkunft“, Sasa Stanisics ambitioniertes neues Buch, ist so etwas wie der Versuch, die Splitter und über die Länder verteilten Steinchen zusammenzutragen und daraus, wie ein Mosaik, wieder ein ganzes Bild werden zu lassen. Bericht, Autobiografie, Tagebuch, Roman – zum Schluss sogar ein Spiel, bei dem der Leser zwischen verschiedenen Varianten wählen und hin- und herblättern darf: „Herkunft“ ist vieles – und wie jede Herkunft, als Produkt des Zufalls, schwierig festzumachen.

Stanisic, der aus der Stadt Visegrad stammt, erzählt einerseits von einem großen Verlust, von Krieg und Flucht und ihren Verwüstungen: Jugoslawien, „das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr… Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats.“ Ein glückliches Kind, muss man hinzufügen, ein Kind Titos.

1992 entkam die Familie den drohenden Schrecken der Bosnien-Kriege und fand – die Eltern nur vorübergehend, dann mussten sie wieder ausreisen – in Deutschland eine neue Heimat. Da ist Sasa gerade 14 Jahre alt und kann kaum ein Wort Deutsch.

Aber das wird sich ändern. In Heidelberg – mit den Freunden, die sich an der Aral-Tankstelle im sozial schlichten Emmertsgrund treffen, mit den ersten Mädchen wie Rike, denen er imponieren will, mit Lehrern, die im Schultrott doch erkennen, welche Talente das Flüchtlingskind in sich trägt, wird Sasa Stanisic die fremde Sprache nicht nur lernen, sondern lieben lernen.

Was für ein Moment, wenn die Klasse dann im Unterricht auch ein Gedicht von ihm bespricht – und natürlich darf das niemand wissen! Deutsch, „besprenkelt mit der Muttersprache“, nennt er diesen knalligen Jugendjargon von damals, den er, als einen Stil von vielen, in der Erinnerung noch einmal aufleben lässt – „wirklich schön“.

Er tut dies immer aus der akuten Gegenwart heraus, in der er dieses Buch schreibt: politisch konfrontiert mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und dem Aufstieg der AfD, aber auch persönlich ungewiss und zögernd, wie er sich selbst, seine familiäre Identität, sinnvoll und schlüssig darstellen soll. Ist nicht das ganze Konzept von Herkunft fraglich, ja gefährlich? Ist nicht auch ein Buch, das sich so nennt, zum Scheitern verurteilt?

Die Großmutter – deren Geschichte dramatisch dominiert – wird verstummen. Aber umso stärker erwächst ein neuer Impuls: Sasa, der Enkel, wird weiter erzählen. Gut so.

Wolf Ebersberger

Sasa Stanisic: Herkunft. Luchterhand, 355 Seiten, 22 Euro.

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.