Eine Entdeckung: die Autorin Lucia Berlin

Eine literarische Stimme, die man noch nicht kannte – und so schnell nicht wieder vergessen wird: Lucia Berlin. Zum ersten Mal ist die einzigartige amerikanische Autorin (1936 – 2004) nun auch auf Deutsch zu erleben.

berlin So ein wunderbarer Name, fast wie erfunden: Lucia Berlin. Könnte er nicht gut aus dem New Yorker Dunstkreis eines Andy Warhol sein? Sie wissen schon: Eine dieser schönen Damen, die womöglich gar keine Dame ist, nur sehr androgyn und natürlich – oder auch unnatürlich – sehr sehr glamourös. Ein Geschöpf aus der „Factory“ des Künstlers, nachtschwarz schimmernd, somnambul und sexy.

Aber es hat sie wirklich gegeben und sie hat wirklich so geheißen. Und was sie geschrieben hat, diese große, bei uns kaum bekannte Schriftstellerin, hat sich auch wirklich ereignet – zumindest im Kern. Oder wie sie es selbst, frontal offen und flatterhaft, in einer ihrer Geschichten formulierte: „Ich übertreibe oft und verwechsle oft Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

Sie lügt nie. Ja, das spürt man als Leser, und noch in der kleinsten der 30 Kurzgeschichten des Bandes „Was ich sonst noch verpasst habe“. Mit ihm wird die amerikanische Autorin erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Mit ihm müsste sie – so Gott will, aber will er? – endlich berühmt werden, wie sie es zu Lebzeiten nie wurde. Auch nicht in ihrer Heimat. Dort hat letztes Jahr immerhin ein neuer Auswahlband – anders betitelt, aber Grundlage der deutschen Ausgabe – für Furore gesorgt und die Autorin posthum populär gemacht.

Denn Leser, die Freude haben an der unscheinbaren, doch schicksalsträchtigen Erzählkunst einer Alice Munro, am jüdisch gepfefferten Plauderton einer Grace Paley, am dunklen, mit Aberwitz überbrückten Seelenabgrund einer Sylvia Plath – all diese Leser werden auch Lucia Berlin ins Herz schließen. Und zwar von den ersten saloppen Zeilen an, mit denen ihre so leicht wirkenden, in Wirklichkeit schweren, weil durchwegs erlittenen Geschichten beginnen.

Manches bleibt Skizze, wird nicht weitergesponnen. Und doch: Alle Stationen, die Lucia Berlin in ihrer wechselhaften Biografie durchlief, finden sich auch in diesen unerschrocken komischen, dann wieder unerwartet rührenden Stories wieder.

1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geboren und zunächst in Minenstädten des Westens aufgewachsen, kam Berlin zur Mutterseite nach Texas – ein Nest von Suff und Missbrauch. Bald ging es nach Chile, wo die Familie als Upper Class ihren bescheidenen Reichtum feiern konnte, dann querbeet durch Mexico, New Mexico, Kalifornien. Drei Ehen, vier Söhne, viel Alkohol, zuviel Alkohol, immer wieder, dazu lebenslang die Krankheit Skoliose. Am Ende eine sichere Stelle an der Uni von Boulder, Colorado, und – stets neben sich – ein Sauerstoffgerät.

Von den Erinnerungen an den Großvater, einen heruntergekommenen Zahnarzt (dem sie, fast surreal, helfen muss, sich alle Zähne zu ziehen), über die Schikanen der Klosterschule (als Außenseiterin im Stahlkorsett) bis zu den vielen Jobs, mit denen sie sich und die Kinder über Wasser hielt (Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Arzthelferin in der Notaufnahme): Berlin packt die Situationen am Schopf und, samt aller haarsträubenden Details, in eine ungeschönte, unerhört lebendige Prosa. Antje Ravic Strubel, selbst Autorin, hat sie trefflich übersetzt.

Manchmal denkt man an Raymond Carver oder gar an Bukowski: Aber Berlin hat ihren ganz eigenen Stil, die Dämonen zu bannen. Wenn sie von der späten Wiederannäherung an ihre Schwester berichtet, als diese Krebs im Endstadium hat, davon wie sich beide, nun versöhnlich, an die kalte Mutter, auch sie Trinkerin, erinnern, dann zeigt der Blick aufs harte Sein die zartesten Seiten. Sie sind es, nicht die Grausamkeiten, die den Atem des Lesers stocken lassen.

Wolf Ebersberger

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Arche Verlag, 382 Seiten, 22,99 Euro.