Daniel Kehlmanns großer neuer Roman „Tyll“

Auf den Spuren des Simplicissimus: Hat Daniel Kehlmann mit „Tyll“, soeben erschienen, sein bestes Buch geschrieben? Die ersten Lobeshymnen legen es nahe. Selbst einem bluttriefenden Thema wie dem Dreißigjährigen Krieg gewinnt der deutsche Erfolgsautor jedenfalls auch bewusst unterhaltsame Aspekte ab. Ein historischer Roman als zeitloses Schreckensbild – und große Gaukelei.

Daniel Kehlmann auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Dedert, dpa)

Selbst Shakespeare tritt hier auf: sehr charmant. Gerade hat er am englischen Königshof sein neuestes Stück „Hamlet“ aufführen dürfen, nun bedenkt er die kunstsinnige KönigstochterElizabeth – vom Theater ganz allgemein, von ihm ganz besonders angetan – mit einem untertänigsten Handkuss. Ach, wären alle Künstler doch so angenehm! Tyll, ihr Narr und Unterhalter, wird ihr die Wahrheit ganz anders servieren – knallhart ins Gesicht, auf Augenhöhe, ohne geringsten Respekt. Aber dafür, wie er selbst umgehend einwenden würde, wird er ja bezahlt!

Tyll, das ist der mehr oder weniger verbürgte Till Eulenspiegel oder eben Tyll Ulenspiegel, den sich Daniel Kehlmann als seinen jüngsten Romanhelden auserkoren hat. Wie man es von einem ironisch geprägten Erzähler wie Kehlmann erwarten konnte, aber nicht als blanke Biografie des mittelalterlichen Spaßvogels und Bürgerschrecks oder als süffiger Historienschmöker à la Sabine Weigand, Iny Lorentz oder Ken Follett, sondern als kühnes literarisches Spiel.

Nicht nur, dass dieser „Tyll“ seiner eigentlichen Epoche entrissen wird und, gewissermaßen als zeitlos brauchbarer Mythos, aus dem 14. flugs ins 17. Jahrhundert versetzt wird, er ist – genau genommen – nicht mal die Hauptfigur im hier aufgespannten Panorama. Kehlmann, dieser rebellierende Musterschüler, nutzt ihn als eine Art narrative Staffel, die er von Episode zu Episode reicht, um die Lebens- und Sterbewelt des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) in allen möglichen Facetten zu beleuchten.

Wie raffiniert und spannend er dies macht, zeigt bereits das erste der insgesamt acht Kapitel, aus denen „Tyll“ besteht. Da tritt der Artist auf seinem Hochseil in einem kleinen Bauerndorf auf, das bislang von den Verheerungen des Krieges verschont blieb. Das Chaos freilich, das Tyll Ulenspiegel auslöst, als er alle Zuschauer dazu auffordert, doch ihre rechten Schuhe nach ihm zu werfen (die sie dann natürlich wiederhaben wollen), ist wie ein Vorzeichen jener Vernichtung, der hier am Ende keiner entgehen wird. Das Kapitel wird erzählt als Rückblende – es sprechen die Toten selbst, ein Chor der namenlosen Opfer.

Tyll, dieser Schelm, ist dabei nicht nur ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Situation, er ist auch eine dämonische Figur. Mager, hohlwangig, uniformiert mit Lederkappe und Wams: ein früher Horrorclown, der gnadenlos böse die Mächtigen wie die einfachen Massen reizt und herausfordert. Am Nächsten kommt man ihm wohl als Kind: Sohn eines einfachen Müllers, der dennoch von Wissen und Weisheit träumt und sowohl sich wie anderen mit seinen heilerischen Kenntnissen (und hier und da dem passenden Zauberspruch) weiterhilft.

Das wird ihn leider den Kopf kosten. Zwei Jesuiten bringen den alten Ulenspiegel als „Hexer“ an den Galgen, hemmungslos folternd und selbst den kleinen Tyll zu belastenden Aussagen gegen den Vater zwingend. Der spätere Gelehrte Athanasius Kircher ist einer von ihnen – und wird von Kehlmann als wahrlich teuflische Figur, die auch noch mehrfach auftaucht, gezeichnet.

Mehr noch freilich ist es der Moloch der scheinbar religiös motivierten, letztlich aber als reines Hauen und Stechen, Rauben und Morden endenden Kriegsmanöver, der – egal von welcher Seite – die deutschen Lande blutrünstig verschlingt. Abgeholzte Wälder, verbrannte Erde, ein Heer von Krüppeln und Berge von Leichen: Kehlmann führt den Leser aufs Kriegsfeld und in die Krankenlager. Hunger, Leid und Gestank überall.

Was bedrückend wäre, wenn er – wie in seinem umwerfenden Durchbruchsroman „Die Vermessung der Welt“ (2005) – nicht auch feinere, fröhlichere Saiten anschlagen würde. Eben mit jener Elizabeth, der Enkelin von Maria Stuart, die mit dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich verheiratet wird. Als „Winterkönig“, den sich die Böhmen gegen den Kaiser wählen, ging er, glücklos und verspottet, in die Geschichte ein. Nach seinem frühen Tod wird sie, eine herzerwärmende, kluge Frau, mit allen Mitteln um die verlorene monarchische Würde kämpfen. Und Kehlmann scheint ganz bei ihr.

Natürlich ist er als Autor selbst ein Narr und Eulenspiegel: ein luftiger Artist, der elegant und leichthändig mit Geschichten, Zeiten, Menschentypen jongliert. Keck entzieht er sich der Festlegung, spielt mit der Wahrheit, streckt jedem, der es genau wissen will, die Zunge heraus – und ein bisschen Magie ist auch mit dabei. Einen historischen Roman mag man „Tyll“ also kaum nennen. Die Kapitel sind stilistisch wie bunte Bälle, jeder anders, gegen die Chronologie in die Höhe geworfen. Fange sie auf, wer kann.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt, 474 Seiten, 22,95 Euro.

Daniel Kehlmanns Geisterhaus

Gruselig wie nie zuvor zeigt sich Erfolgsautor Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch „Du hättest gehen sollen“. Eine Erzählung, so kurz wie kunstfertig.

Nach seinem vielschichtigen letzten Roman „F“ scheint Daniel Kehlmann nun am G-Punkt angekommen zu sein: G wie Grusel, G wie Gänsehaut, G wie gutgemachte Unterhaltung. „Du hättest gehen sollen“, eine Erzählung von gerade mal 92 Seiten, ist vielleicht auch nicht mehr als ein Genrestück, das man sich leichterdings – und gewissermaßen ohne literarischen Reibungsverlust – als Film vorstellen könnte.

daniel Die Geschichte hat es aber durchaus in sich. Kehlmann ist einfach zu klug, um nur Konfektion in der Kategorie Horror zu liefern. Sein Horror ist umfassender, existenzieller, beunruhigender – gerade weil er so karg und so konzentriert beschrieben wird. Während ein Stephen King seine Stories fast schon fabrikmäßig stanzt und auswalzt, greift die Verunsicherung des Lesers hier mit der Eleganz und poetischen Präzision einer Marie Luise Kaschnitz.

Verunsichert wird freilich zuerst die Hauptfigur selbst. Ein junger Drehbuchautor, der sich mit seiner Familie in die – vermutlich Schweizer – Berge zurückgezogen hat, um an einem neuen Auftrag zu arbeiten. Die Filmkomödie „Allerbeste Freundinnen“ war ein Erfolg, nun soll es auch Teil Zwei geben, wieder mit Jana und Ella und – natürlich – ein paar ungeplanten erotischen Verwicklungen. Männer!

Kehlmann fängt gleich mit einem Ausschnitt aus dem neuen Drehbuch an, geht dann über in die Aufzeichnungen des Autors selbst, der, wie in einem Tagebuch, seinen Alpen-Aufenthalt niederschreibt. Der Leser ist also von Beginn an gefordert, zu sortieren, was er als Text vor sich hat, was hier passiert oder auch nicht. Denn immer mehr verlieren die geplanten Dialoge ihre Form, die Dinge ihre Konturen – und der Chronist seine klare Sicht auf sich und die Welt.

Liegt es am Druck des Filmproduzenten, der bereits erste Ergebnisse will? Oder an Susanna, seiner Frau, die auffällig oft mit ihrem Handy beschäftigt ist, statt sich um Töchterchen Esther zu kümmern? Die Ehe mit der schönen Schauspielerin ist in der Krise, soviel ist bald sicher.

Aber auch das moderne Ferienhaus selbst, am Hang weit über dem winzigen Dorf gelegen, scheint einen seltsamen Einfluss zu haben, ja geradezu ein Eigenleben. Warum ist der Flur plötzlich so lang? Hing hier nicht ein Bild? Und warum nur zeigt der Spiegel das ganze Zimmer, aber nicht den darin sitzenden Mann? Wird er – Frage aller Fragen – womöglich verrückt? Natürlich wird Kehlmann den Teufel tun, das zu beantworten.

„Du hättest gehen sollen“ ist, wenn man so will, nicht wahnsinnig originell, aber – Wort für Wort – wahnsinnig spannend. Und eine charmante, clevere Fußnote zu Kings „Shining“, mehr noch zur genialen Verfilmung durch Stanley Kubrick. Auch an David Lynch und seine verstörenden Werke lässt Kehlmann, ein bekennender Cineast, immer wieder denken.

Sein subtiles Kopf-Kino wirkt garantiert für zwei Stunden – und darüber hinaus.

Wolf Ebersberger

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt, 92 Seiten, 15 Euro.