Rétif de la Bretonne und seine prallen Memoiren

Rétif de la Bretonne – ein französischer Autor des 18. Jahrhunderts, den nicht jeder kennt. Und offenbar ein richtiger Casanova, wie seine sehr lesenswerten Memoiren zeigen . . .

Der Bub hat alles, was das Herz begehrt: klaren Verstand, Lust auf Bildung, unversiegbaren Fleiß, einen aufrichtigen Charakter und ein hübsches Gesicht. Dazu eine Schüchternheit, die sämtliche Frauen ermuntert, den Jungen unter ihre Fittiche zu nehmen, an ihren Busen zu drücken und in die fundamentalen Dinge des Lebens einzuweihen.

Monsieur Nicolas hätte in seinem 18. Jahrhundert eine steile Karriere machen können. So reichte es nur zum Schriftsetzer und Autoren. Da aber zeichnete er sich durch eine enorme Produktivität aus. 187 Bücher soll er geschrieben haben, Romane, Erbauliches und höchst Subversives. Vor allem, was erotische Leidenschaften und Vorlieben für zierliche Damenfüße und -schuhe betrifft („Der Fuß der Fanchette“).

Rétif de la Bretonne war ein französischer Romancier… und sehr freizügig. Historischer Stich (FOTO: Reinhard Kaiser)

Nicolas Edme Rétif, der sich Rétif de la Bretonne nannte (1734 bis 1806), hat zwar nicht die Pornografie erfunden, wohl aber den Begriff: Sein Buch „Le Pornographe“ ist kein Schweinkram, sondern ein für damalige Zeiten revolutionäres Traktat, das die Prostitution in geordnetere Bahnen lenken sollte. Auch sonst mangelte es ihm nicht an originellen Ideen: So sollten Buben ab 16 Jahren erfahrenen Frauen ab 32 zugeführt werden. Sind die Männer 32, sollten sie 16-jährigen Mädchen die niederen Weihen erteilen.

Warum ist Rétif de la Bretonne kein „großer“ Autor geworden? Zum einen, weil er aus kleinen Verhältnissen stammte, zum anderen, weil ständig geile Gelüste seine ehrbarsten Absichten durchkreuzten. Und weil ihm es ein wenig an Imagination gebrach. Dafür schilderte er Anekdoten aus seinem eigenen prallen Leben („Der verführte Landmann“).

Im Alter führte er sein ehrgeizigstes Projekt aus: „Das enthüllte Menschenherz“ (1797), eine Lebensbeichte von Kindheit bis zur Gegenwart, die kein edles, zweifelhaftes oder noch so schmutziges Detail auslassen sollte. Augustinus‘ „Confessiones“ dienten Rétif als Vorbild. Obwohl vollendet, standen den Memoiren die Französische Revolution im Weg und ihr Umfang: 5000 Seiten!

Von diesen 5000 Seiten hat der Übersetzer Reinhard Kaiser – berühmt geworden als Bearbeiter des „Simplicissimus“ – gerade mal 640 übrig gelassen. Doch gewinnt man schnell den Eindruck: es sind die essenziellen Seiten. Umso mehr, als sie besonders Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter gewichten, also die Jahre, die die Weichen für das ganze Leben stellen.

Ist „Das enthüllte Menschenherz“ aber tatsächlich „eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur“, wie der rührige Galiani Verlag tönt? Was das Ausleuchten seelischer Abgründe betrifft, ist Dostojewski immer noch unangefochtener Tiefentaucher. Dazu ist die behauptete Aufrichtigkeit mit Vorsicht zu genießen, denn jede Autobiografie ist auch eine Selbststilisierung.

Dafür findet der Leser hier eine Bildungsroman-Biografie vor, freilich den Roman eines gescheiterten Bildungsweges. Die eigentliche Wurzel des Übels liegt in der Diskrepanz der Wahrnehmung der sich entfaltenden Seele und den vorgefassten Meinungen der Tonangeber, namentlich, was Sitte und Anstand betrifft. Und die gebieten: Unerreichbare Damen sind besonders begehrenswert!

Was nun die erotischen Episoden in gehobenen wie niederen Kreisen betrifft, so befleißigt sich Monsieur Nicolas einer gewählten Sprache und herzerfrischender Metaphern. Wird es gar zu skandalös, weicht der Autor auf nobleres Latein aus (Übersetzung im Anhang). Das macht seine Abenteuer höchst vergnüglich.
Gelegentlich trägt er, was die Verknotungen des Schicksals betrifft, dick auf. Dass er unwissentlich seine eigene Tochter schwängert, deren Mutter er als Jüngling beglückt hat, ist schon hart genug. Dass ihm solche Vaterfreuden aber auch noch mit drei verschiedenen Nymphen widerfahren, ist denn doch zu viel des Argen.

Wie gesagt, Stilisierung – auch und gerade im Verwerflichen. Andererseits wälzt sich Nicolas kaum wollüstig im Schlamm der Selbstbezichtigung. Kühl analysiert er das Verbotene seines Treibens und die Diktatur des Phallus, die ihn vom rechten Wege bringt.

Er steht zum Genuss seiner Gelüste, er weiß um die Ausbeutung und um den Betrug an seiner jeweiligen Herzdame, und er weiß, dass er bitter dafür bezahlt. Das hebt Retifs Autobiografie weit über die moralisierenden Ergüsse seiner Zeitgenossen. Nur eine Weisheit von vielen: „Nach dem Koitus sind alle Lebewesen traurig, ausgenommen der Hahn und der Schüler, der es gratis treibt.“

Reinhard Kalb

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz. Deutsch von Reinhard Kaiser. Galiani, 720 Seiten, 38 Euro.