Lutz Seilers großer Nachwende-Roman: „Stern 111“

So viel Anfang war nie: Lutz Seiler erinnert in seinem preisgekrönten neuen Roman „Stern 111“ an die kurze anarchische Zeit nach dem Mauerfall. Und an einen jungen Mann, der – wie er selbst – Dichter werden wollte.

Preisgekrönt: Autor Lutz Seiler (Foto: Schmidt, dpa)

Sogar– und das freut natürlich uns Nürnberger – Kevin Coyne kommt als uralternativer Rocker vor. Oder Nick Cave, als er vom heroinbleichen Punker der frühen Jahre zum poptauglichen Balladensänger wurde, mit Liedern wie dem „Weeping Song“. Lang ist’s her, und der ganze Roman ist ja selbst eine Art Radio, das die längst verklungenen, verwehten Töne und Stimmen der späten 80er Jahre noch einmal einfängt und in Erinnerung ruft – ohne Nostalgie, ohne Ostalgie.

Dennoch: „Stern 111“, das alte DDR-Radio, das Lutz Seiler schon im Titel beschwört, steht auch für das, was nicht preisgegeben werden sollte im Lauf der Zeiten und Leben, steht für alte Hoffnungen, Träume, Werte, für alles, „was gut und richtig war“, auch wenn man es, persönlich wie historisch, vielleicht verdrängen und vergessen will.

Sogar als „Leitstern für die Reise“ kann die eigene Vergangenheit noch dienen, so eine der Erkenntnisse, die Seiler seinem mit sich selbst hadernden Helden, dem etwas verkrachten Studenten Carl Bischoff, in den Ranzen packt. „Stern 111“, das ist ja auch, auf einer Ebene, ein ganz klassischer Bildungs- und Entwicklungsroman. Ein junger Mann versucht, sich selbst zu finden. Ohne Eltern, aber mit einer jungen Frau – nicht ganz einfach, die erste große Liebe!

Und dann unter diesen Bedingungen: November ’89, gerade ist die Mauer gefallen, die Grenzen sind offen, da ordern Bischoffs den braven Sohn von der Uni zurück ins heimische Gera. Inge und Walter haben die Koffer schon gepackt und wollen gen Westen, so schnell wie möglich, wer weiß, was noch kommt – Carl kann sich derweil ja um die Wohnung kümmern! Hat Carl nicht immer gemacht, was Mutti und Vati sagten?

Das ist die Konstellation, die dem Buch schon viel seiner subtilen Komik gibt. Die Eltern werden hier flügge, der Sohn bleibt zuhause – und schaut den späten Nestflüchtern, den „Auswanderern“, wie sie sich selbst nennen, teils neidisch, teils besorgt, auf jeden Fall sich arg wundernd hinterher.

Zunächst aus dem beschaulichen Gera, bald aber aus dem Osten der Hauptstadt, Berlin-Mitte, wohin sich Carl heimlich aufmacht, im alten, aber perfekt gepflegten Russen-Wagen aus der Garage, einem weiß-orangenen „Shiguli“. Darin schläft er anfangs sogar, bis die Winterkälte es nicht mehr zulässt.

Und bis Carl, fröstelnd und fiebernd gleichermaßen, von einer Gruppe Aussteiger gerettet, ja – in jeder Hinsicht – reanimiert wird. Das „kluge Rudel“ werden sie genannt, und als Hausbesetzer wollen sie lieber nicht angesehen werden. Die Häuser werden ja nicht „besetzt“, sondern „in Obhut genommen“, wie es Rudelführer Hoffi, „der Hirte“, geradezu religiös formuliert. Stets an seiner Seite: eine Ziege namens Dodo, deren Milch fast schon magische Kräfte hat. Wie sie selbst ja auch.

Man kann „Stern 111“ auch als Fortsetzung von Seilers famosem ersten Roman „Kruso“ lesen, der auf Hiddensee vor der Wende spielte – und als ziemlich abgedrehte Figur taucht dieser Kruso sogar kurz auf. Warum, so sein Vorschlag, werden die leeren Wohnungen, die das Rudel knackt, nicht von den nun arbeitslosen DDR-Grenzhunden bewacht? Gegen die kapitalistischen Klassenfeinde, die alles ein- und aufkaufend von Westen näherrücken?

Wie in „Kruso“ schildert Seiler ein schräges, anarchisches, die eigene Freiheit absurd verteidigendes Milieu aus den naiven Augen eines Novizen. Carl ist immerhin gelernter Maurer, lässt sich also gut einsetzen im utopischen Niemandsland, etwa beim Ausbau einer Kellerkneipe, der „Assel“. Ein klammer, aber trinkfreudiger Ort, wo Carl auch kellnert und sich erst die abrückenden Russen, dann die anrückenden „Arbeiterinnen“ – des Strichs auf der Oranienburger Straße! – wohlfühlen.

Aber Carl hat ja nur Augen für Effi, den Schwarm aus Kindertagen, die in Berlin Künstlerin werden will so wie er Dichter, und die mit ihm – ein wunderbares Kapitel – bis nach Paris fährt, um an die gemeinsame Liebe zu glauben. Illusionen hier wie da, schmerzhaft, wenn man sie als solche erkennt. Aber dass Carl Lyriker wird – wie es Lutz Seiler geworden ist, bevor er mit Romanen grandios reüssierte –, das wollen wir doch gerne glauben . . .

Ein großer Wurf!

Wolf Ebersberger

Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp, 528 Seiten, 24 Euro.

Raffiniert: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

Den Preis der Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Lutz Seiler bekommen. Mit seinem raffinierten neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hätte auch Ingo Schulze ihn verdient gehabt.

Ingo Schulze, nicht Schultze (Foto: dpa/Stache)

Es kommt in der Tat selten vor: Dass man einen deutschen Roman liest und sich plötzlich denkt, hoppla, der könnte auch von Philip Roth sein! Kann man einem Autor ein größeres Kompliment machen?

Dabei fängt Ingo Schulze ganz naiv und märchenhaft an. Erzählt von einem ach so beliebten, belesenen, die deutsche Geistesgeschichte gleichsam repräsentierenden Mann, dabei gutmütig und bescheiden: dem Antiquar und Buchhändler Norbert Paulini, der nicht nur in seiner Heimat Dresden, sondern darüber hinaus den allerbesten Ruf genießt.

Erstausgaben, Kassetten, gesammelte Werke und bibliophile Bände: Bei Paulini gibt es alles, sogar zu den sonst knappen Zeiten der DDR. Schon die Mutter hatte ja, bevor sie bei seiner Geburt starb, an teuren und wertvollen Büchern gehortet, was nur ging. Klein-Norbert schlief, kein Witz, auf Stapeln von Klassikern. Ein Bett gab es nicht.

Und er nimmt den geerbten Auftrag wahr, eröffnet, sobald es irgend geht, ein Geschäft, in dem alle Kunden, Akademiker wie Amateure, garantiert glücklich werden. Muss man ihn nicht lieben? Paulini ist wie wir! Und er ist konsequent. „Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“

Bitter, wenn ausgerechnet er, dieser rechtschaffene Händler des Guten, Schönen, Wahren, zum hilflosen Wendeopfer wird. Von den alten Besitzern aus der Villa geworfen, von der Insolvenz eingeholt und bis an die „Netto“-Kasse gedrängt, dann auch noch von der Jahrhundertflut der Elbe um etliche Regalmeter beraubt. Auch mit seiner Frau, der Stasi-Friseuse, hat er kein Glück . . .

Aber kann man ihm, dem man so nahe schien, die Treue halten, wenn er am Ende dieses ersten Teils den Mund auftut und völlig unerwartet die übelsten rechtsextremen Positionen vertritt? Man glaubt als Leser seinen Ohren oder Augen nicht. Vom Paulus zum Saulus, von Paulini zu Saulini? Wen hatten wir da die ganze Zeit eigentlich vor uns?

Und schon folgt ja, aus der Sicht eines Paulini-Bekannten, die Korrektur. Ein erfolgreicher Berliner Autor, hinter dem niemand anderes zu stecken scheint als Ingo Schulze selbst, entlarvt Teil eins als seine eigene Fiktion, gedacht als Hommage, die dann von der Wirklichkeit eingeholt wurde.

Aber Vorsicht! Nicht Schulze, sondern „Schultze“ (mit t) wird der Erzähler genannt und gesteht dann auch noch ein, dass sein Verhältnis zum Antiquar von Eifersucht getrübt ist: Dessen Helferin Lisa landet zwar willig in Schultzes Bett, will aber dort nicht bleiben. Paulini, das alte Monster, hat sie offenbar in der Hand.

Und dann, Teil drei: ein Mord. Oder nur Unfall? Zumindest, und hier entfaltet sich erst die ganze Größe und geheime Spannung dieses Buchs, eine Enthüllung, die dem Leser erneut den Boden unter den Füßen wegzieht und den Titel weiter fasst, als einem lieb ist: „Die rechtschaffenen Mörder“ sind unter uns!

Was als Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Büchermenschen begann, endet als Krimi und kaltblütige Bilanz, dazwischen die jüngste deutsche Geschichte von Ost und West, ein Erotikdrama zweier alternder Männer, das alles im irritierenden, immer wieder ernüchternden Clinch von Realität und Literatur, Wahrheit und Lüge. Wem kann man da trauen?

Ingo Schulze schon. Er hat einen verdammt guten Roman geschrieben.

Wolf Ebersberger

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer, 318 S., 21 Euro