Andrzej Stasiuk im dunklen „Osten“

ostenAndrzej Stasiuk bereist Orte, die kaum andere locken. Und dann schreibt er großartige Bücher darüber. „Der Osten“ heißt sein jüngster Roman.

Solche Sätze über die Transsibirische Eisenbahn stehen in keinem Reiseprospekt. „Ich wollte nach sechs Stunden nur gähnen. Es war, als führe ich mit der Elektrischen nach Nasielsk und dieses Nasielsk entfernte sich immer mehr.“ Nur die allmächtige russische PR sei imstande, so eine Fahrt „als etwas Attraktives darzustellen“.

Wenn der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk (Jg. 1960) nicht gerade unwegsame Reisen unternimmt, ist er seit drei Jahrzehnten in den nicht minder unwegsamen Beskiden daheim. Mit seinem neuen Roman „Der Osten“ setzt er sein literarisches Herzensprojekt fort: Orte aufzuspüren, vornehmlich in den Weiten hinter dem Ural, wo tatsächlich noch Menschen leben. Landschaftserfahrungen zu machen in Gegenden, von denen wir Westeuropäer nicht einmal ahnten, dass es sie gibt.

Wenn Stasiuk aufbricht, nehmen sich Sehnsucht und Desillusionierung gegenseitig nichts. Als Suchender in Russland, der Mongolei oder in China unterwegs, musste er „dort hinfahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelt, dessen Kind ich bin“.

Empfindsam hofft der Reisende an den Randbezirken der Zivilisation längst nicht mehr darauf, so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit zu finden. Dafür entdeckt er noch im staubigsten vorderasiatischen Steppennest Körnungen von Poesie: „Dort, wo die wüsten Winde entstehen. Dort wo die Dunkelheit geboren ist.“

Die Gattungsbezeichnung Roman trifft es insofern, weil Stasiuks Sätze und Gedanken rein subjektiv sind. Hier eine harte, staubtrockene, zuweilen auch urzeitliche Wirklichkeit, die sich stoisch in die Gegenwart hinübergerettet hat. Und dort die nicht minder urpersönliche Wahrnehmung des Autors. Reiseeindrücke, in knappen Sätzen aneinandergereiht, verdichten den Stoff, Meditationen über die Landschaft oder den allgegenwärtigen Dreck im Osten liegen nah beieinander, haben fast lyrischen Sog.

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