Raffiniert: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

Den Preis der Leipziger Buchmesse hat dieses Jahr Lutz Seiler bekommen. Mit seinem raffinierten neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hätte auch Ingo Schulze ihn verdient gehabt.

Ingo Schulze, nicht Schultze (Foto: dpa/Stache)

Es kommt in der Tat selten vor: Dass man einen deutschen Roman liest und sich plötzlich denkt, hoppla, der könnte auch von Philip Roth sein! Kann man einem Autor ein größeres Kompliment machen?

Dabei fängt Ingo Schulze ganz naiv und märchenhaft an. Erzählt von einem ach so beliebten, belesenen, die deutsche Geistesgeschichte gleichsam repräsentierenden Mann, dabei gutmütig und bescheiden: dem Antiquar und Buchhändler Norbert Paulini, der nicht nur in seiner Heimat Dresden, sondern darüber hinaus den allerbesten Ruf genießt.

Erstausgaben, Kassetten, gesammelte Werke und bibliophile Bände: Bei Paulini gibt es alles, sogar zu den sonst knappen Zeiten der DDR. Schon die Mutter hatte ja, bevor sie bei seiner Geburt starb, an teuren und wertvollen Büchern gehortet, was nur ging. Klein-Norbert schlief, kein Witz, auf Stapeln von Klassikern. Ein Bett gab es nicht.

Und er nimmt den geerbten Auftrag wahr, eröffnet, sobald es irgend geht, ein Geschäft, in dem alle Kunden, Akademiker wie Amateure, garantiert glücklich werden. Muss man ihn nicht lieben? Paulini ist wie wir! Und er ist konsequent. „Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“

Bitter, wenn ausgerechnet er, dieser rechtschaffene Händler des Guten, Schönen, Wahren, zum hilflosen Wendeopfer wird. Von den alten Besitzern aus der Villa geworfen, von der Insolvenz eingeholt und bis an die „Netto“-Kasse gedrängt, dann auch noch von der Jahrhundertflut der Elbe um etliche Regalmeter beraubt. Auch mit seiner Frau, der Stasi-Friseuse, hat er kein Glück . . .

Aber kann man ihm, dem man so nahe schien, die Treue halten, wenn er am Ende dieses ersten Teils den Mund auftut und völlig unerwartet die übelsten rechtsextremen Positionen vertritt? Man glaubt als Leser seinen Ohren oder Augen nicht. Vom Paulus zum Saulus, von Paulini zu Saulini? Wen hatten wir da die ganze Zeit eigentlich vor uns?

Und schon folgt ja, aus der Sicht eines Paulini-Bekannten, die Korrektur. Ein erfolgreicher Berliner Autor, hinter dem niemand anderes zu stecken scheint als Ingo Schulze selbst, entlarvt Teil eins als seine eigene Fiktion, gedacht als Hommage, die dann von der Wirklichkeit eingeholt wurde.

Aber Vorsicht! Nicht Schulze, sondern „Schultze“ (mit t) wird der Erzähler genannt und gesteht dann auch noch ein, dass sein Verhältnis zum Antiquar von Eifersucht getrübt ist: Dessen Helferin Lisa landet zwar willig in Schultzes Bett, will aber dort nicht bleiben. Paulini, das alte Monster, hat sie offenbar in der Hand.

Und dann, Teil drei: ein Mord. Oder nur Unfall? Zumindest, und hier entfaltet sich erst die ganze Größe und geheime Spannung dieses Buchs, eine Enthüllung, die dem Leser erneut den Boden unter den Füßen wegzieht und den Titel weiter fasst, als einem lieb ist: „Die rechtschaffenen Mörder“ sind unter uns!

Was als Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Büchermenschen begann, endet als Krimi und kaltblütige Bilanz, dazwischen die jüngste deutsche Geschichte von Ost und West, ein Erotikdrama zweier alternder Männer, das alles im irritierenden, immer wieder ernüchternden Clinch von Realität und Literatur, Wahrheit und Lüge. Wem kann man da trauen?

Ingo Schulze schon. Er hat einen verdammt guten Roman geschrieben.

Wolf Ebersberger

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer, 318 S., 21 Euro