Eine Entdeckung: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Nun, wo bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen war, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kamen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival standen, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra nun geworden ist (ab 29. September läuft er auf Netflix) – das Buch und sein Autor sind eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

Im Stau: John Irving auf der „Straße der Wunder“

Jeder neue Roman von John Irving wird von seiner Lesergemeinde erwartet wie der nächste Schuss von einem Süchtigen. Und nach den beiden späten Meisterwerken „Letzte Nacht in Twisted River“ und „In einer Person“ sind die Erwartungen an und die Sucht auf seinen 14. Roman besonders hoch.

Um es gleich zu sagen: Die meisten werden enttäuscht sein. Irvings „Straße der Wunder“ versammelt zwar viele der gewohnten Figuren, Motive und Konstellationen, breitet sich aber in einem zähen magischen Realismus – Garcia Marquez lugt manchmal aus dem Sammelsurium an Einfällen hervor – auf erschöpfenden 784 Seiten aus.

Kultautor John Irving.  Foto: dpa Auf zwei Zeitebenen erzählt der Meistererzähler von einem Meistererzähler: Juan Diego Guerrero, ein von allen verehrter Romanautor und Literaturdozent, fliegt auf die Philippinen, um ein altes Versprechen zu erfüllen, das er als Junge gegeben hat. Seine treusorgende Ärztin Dr. Rosemary hat ihn zwar mit Medikamenten versorgt, aber ein unheimliches Mutter-Tochter-Duo bringt ihn noch am Flughafen dazu, die Betablocker abzusetzen und lieber zu Viagra zu greifen – mit wundersamen Folgen für sein Traum- und Sexualleben, aber desaströsen Konsequenzen für seine Gesundheit.

Juan Diego driftet zurück in seine eigene Vergangenheit, wird von Erinnerungen bedrängt: an seine Schwester Lupe, deren unverständliche Sprache er übersetzen muss und die Gedanken und manchmal auch die Zukunft liest; an Señor Eduardo, einen angehenden katholischen Priester, der die tägliche Selbstzüchtigung mit Peitschen gegen die Liebe zu einem sich prostituierenden Transvestiten eintauscht; an die riesige Müllhalde im mexikanischen Oaxaca, auf der die Kinder aufwachsen und Juan Diego die Literatur entdeckt; und an den Zirkus der Wunder mit seinen schönen Artistinnen und fiesen Löwenbändigern, der ihnen auf unterschiedliche Weise zum Schicksal wird.

Dazwischen gibt es Zu- und Unfälle, Mysterien und Tragödien – und zusätzlich überraschend deutliche Kritik an den Praktiken der katholischen Kirche und ihrem Wunderglauben.

Irving überstrapaziert seine von Charles Dickens und Kollegen gelernte Technik der Vorausdeutung. Auf vieles wird so früh und so häufig angespielt, dass sich beim späteren Auserzählen nur noch ein Schatten der beabsichtigten emotionalen Wirkung einstellt: Wenn Lupes grausiges Ende schon von Beginn an mehrfach angesprochen wird, haben wir Leser es schwer, zum Finale noch Mitleid oder Schrecken zu empfinden!

Ein interessanter Aspekt an Irvings Stil ist aber trotzdem auch hier, dass seine Prosa immer dann am lebendigsten wirkt, wenn es ans Sterben geht. Allein der Tod der Prostituierten und Putzfrau Esperanza, die von einer monströsen Marienstatue scheinbar „ermordet“ wird, oder das langsame, tragische Aids-Sterben eines herzensguten Elternpaares sind Passagen, bei denen sich zeigt, dass auch ein weniger gelungener Roman aus den Händen Irvings noch eine Schatzkammer öffnen kann.

Wie für Juan Diego durch das Absetzen der Betablocker sind auch im ganzen Roman die Erinnerungen präsenter als die konstruierte Gegenwartshandlung mit ihren bedrohlichen Tieren und überzogenen Sex- und Todesbotinnen.

Figuren wie Edward Bonshaw, der auf einen Mah-Jongg-Stein fällt, so dass ihm für immer ein „L“ in die Stirn gezeichnet ist, der Müllhaldenchef Rivera, der vielleicht, vielleicht auch nicht, Juan Diegos Vater ist, oder der „gute Gringo“, ein junger amerikanischer Kriegsdienstverweigerer, der kurzzeitig den Weg der (Halb-)Waisen kreuzt, bleiben auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis. Während man die merkwürdige Pilger-Reise, die dem Roman den Rahmen gibt, am liebsten schnell vergisst . . .

Die „Straße der Wunder“ hätte mit einer linearen Erzählweise wohl besser zum Ziel geführt. Wir warten auf den nächsten Irving!

Andreas Frane

John Irving: Straße der Wunder. Roman. Deutsch von Hans M. Herzog. Diogenes, 784 Seiten, 26 Euro.