Donnerwetter! Frank Witzels Roman „Direkt danach …“

Frank Witzels neuer Roman „Direkt danach und kurz davor“ ist ein großes Buch für kluge Leser.

Nach 100 Seiten wollte ich aussteigen aus der Lektüre dieses Buches, obwohl bis zum Ende noch 444 weitere drohten. Ich las Frank Witzels neuen Roman mit dem Titel „Direkt danach und kurz davor“.
Vor zwei Jahren hatte mich der Vorgänger „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ begeistert – Witzel bekam dafür den Deutschen Buchpreis. Im neuen Buch hing ich in einer Situation fest, in der ein gewisser Siebert aus einem Fenster auf die Straße schaute, von der aus eine gewisse Marga in seinem Rücken erschossen wurde.

Oder war Marga aus dem Fenster gesprungen? Es gab keine Erzählung der Situation, sondern nur eine Annäherung an die Situation aus Fragen und Reflektionen. In den Fragen wurde manchmal Zukunft angedeutet und war manchmal von Vergangenheit die Rede. Aber alles blieb aufgelöst, erstarrt – wie in ganz langsamer Zeitlupe.

Er mag es komplex: Autor Frank Witzel (Foto: Arne Dedert/dpa)

Ich wollte aussteigen, aber ich konnte nicht. Denn ich war schon wieder vom Sog der Sprache Witzels eingefangen. Es ist keine komplizierte Sprache. Sie ist einfach, prägnant, in dieser Prägnanz oft aphoristisch und in den Höhepunkten poetisch. Nicht die Sprache macht die Lektüre schwierig, sondern Witzels Überzeugung, dass die Welt zu komplex ist, um sie in einer geradlinigen Geschichte zu erzählen. Und damit hat er Recht, wenn man bedenkt, dass jeder von uns ein Körper aus Quantenschaum ist und ein Geist aus konstruierten Erinnerungen und unbewusst gefälschten Geschichten von sich selbst.

„Das Entsetzliche“, schreibt Frank Witzel, „ist das, was von der Erinnerung und der Erzählung gleichermaßen ausgeschlossen ist. Wir versuchen, dieses Ausgeschlossene durch ein geschlossenes Narrativ zu ersetzen, erreichen es selbst aber nie.“

Witzel philosophiert – an dieser Stelle ganz ernsthaft. An anderen Stellen gelingen ihm ironische und dennoch bedenkenswerte Philosophie-Parodien wie ein auf Wittgenstein anspielender „Tractatus Logico-Bufonicus“, der mit dem Satz beginnt „Wir sagen: Die Welt ist alles, was im Fall ist.“

Ja, man muss seinen Wittgenstein schon kennen, um hier mitzukommen. Man muss Ahnung haben von der
Literatur, der Malerei und manchen absurden Naturtheorien der Nazis, um Listen von fiktiven Büchern, Tafelbildern, Mythen zu genießen. „Direkt danach und kurz davor“ ist ein Roman für kluge Leser. Für die aber wird er Seite für Seite besser – und witziger.

Worum es geht? Um die Zeit direkt nach dem Dritten Reich und kurz vor dem Anbruch des Wirtschaftswunders. Es ist eine beklemmende Epoche, die Witzel atmosphärisch brillant rekonstruiert, eine Epoche der Ratlosigkeit, in der alte Verbrechen verschwiegen wurden und die Menschen sich an die Momente klammerten.

Es geht um brutale Experimente an Menschen, die „der alte Siebert“ vorgenommen hat, um Attentate, Zugunglücke, den Absturz eines Flugzeugs – alles in Möglichkeitsform. Es geht um Kinder und wie sie erzogen wurden. Es geht um Erziehungsgrotesken und um Farcen von Schicksalen. Es geht um die Vergangenheit, die in die Gegenwart mit ihren Handys und Fernbedienungen hineinragt. Es geht um die „Weltmechanik“, die alles in Bewegung hält. Und es geht um die Vielfalt von Erzähl-Facetten wie in einem barocken Schelmenroman.

Das Buch kann kein Kritiker kritisieren, weil ihm der Autor dauernd seine Werkzeuge der Interpretation und des Zweifels aus der Hand nimmt. Vielleicht kann man eine Annäherung so versuchen wie im Deutschlandfunk, in dem sich drei Kritiker zwei Stunden lang mit dem Schriftsteller unterhalten haben.

Das war jene Suche nach dem „Unschlüssigen“, die Witzel fordert und für die er uns sogar ein Sinnversprechen macht: „Wahrscheinlich geht es allein darum, das Zufällige, in das man hineingeboren wird, und das ebenso Zufällige, das man daraus macht, anzunehmen.“ Romane wie „Direkt danach und kurz davor“ helfen dabei. Der Leser darf nur nicht aussteigen.

Herbert Heinzelmann

Frank Witzel: Direkt danach und kurz davor. Roman. Matthes & Seitz, 544 S., 25 Euro.