„Alles kein Zufall“: Anekdoten von Elke Heidenreich

Kleine Geschichten, große Wirkung: Elke Heidenreich hat es mit ihrem neuen Erzählband „Alles kein Zufall“ bis in die Bestsellerlisten geschafft. Was nichts heißen würde – aber das Buch ist auch noch wirklich gut . . .

NZ-elke Ein Glück, dass sie – um es nicht zu vergessen, wie sie offen zugibt – sich alles aufschreibt. Und dann auch noch alles aufhebt. Oder eben aufgehoben hat. Denn das ist das Buch von Elke Heidenreich ja auf jeden Fall: ein Versuch, die über die Jahre wild und wahllos angesammelten Erinnerungen, Briefe und Notizen – häufig nur auf kleinen Zetteln, in Kisten oder als Lesezeichen in Büchern verwahrt – neu zu sichten und zu werten.

Endlich mal aufzuräumen und also auch auszumisten, sich zu befreien vom Ballast des gelebten und gelittenen Lebens, Abschied zu nehmen von alten Lieb- und Freundschaften, den bernsteinhaft konservierten Gefühlen aus nicht immer frohen Kinder- und Jugendtagen, von verschütteten Gesten und Gemengelagen, die man, in der Rückschau, vielleicht kaum mehr begreift.

Schau mal, das war ich damals – und das der Mann an meiner Seite. Kaum zu glauben! Herrje, wie die Zeit vergeht . . .

Hat die erfolgreiche Autorin und Kritikerin, Jahrgang 1943, hier einfach nur ihre Schubladen geleert und daraus – schnell, schnell – ein nettes Büchlein geschustert? Nein, das nun zum Glück nicht. „Alles kein Zufall“, wie Heidenreich das vernügliche Ergebnis nennt, ist zwar durchaus ein Zettelkasten – voller Anekdoten, Episoden, kleiner, aber besonderer Erlebnisse und Zitate –, zugleich jedoch auch eine heimliche Autobiografie.

Und das ist das Interessante daran: Tiefer denn je lässt sie hier blicken, in den eigenen, nicht selten chaotischen Haushalt der Emotionen, in die ewige Rühr- und Verführbarkeit durch die Reize männlicher Weggefährten, in das lebenslang problematische Verhältnis zu ihrer Mutter. Bis dorthin, wo es wehtat – und manchmal noch immer tut. Heidenreich nennt nicht unbedingt Namen, gibt aber klar und eindeutig Auskunft. Ebenso uneitel wie schonungslos, sich selbst und den anderen gegenüber.

Um dem Ganzen eine Ordnung zu geben, hat sie ihre Texte und Textchen – kaum mehr als eine Seite lang, oft nur ein paar Sätze – nach dem Alphabet betitelt. Von A wie „Allein“ bis Z wie „Zufall“. Oder eben „Alles kein Zufall“, wie es abschließend und gleichsam als Bilanz heißt. Denn fast schon abergläubisch hält sich Heidenreich fest an den Koinzidenzen und „Zeichen“, als die sie das vermeintlich Zufällige sieht: wie jenes Containerschiff „Esperanza“, das gerade den Rhein hinabfährt, als sie, melancholisch ob eines ganz besonders grauen Tages, am Ufer steht und zagt. Esperanza – die Hoffnung.

Es geht also auch um Verzweiflung, um Krebs-Krankheit und Krise, vom Tagebuch belegt. Und genauso um Kraft und Zuversicht, um Mut und Weitermachen, das Annehmen, ja sich geborgen Fühlen in Sein und Zeit. „Zweimal im Leben hatte sie, die bewusst Kinderlose, so ein winziges Kind im Arm“, schreibt sie über das geahnte Glück im Angesicht von Nachwuchs – in der dritten Person. Gerade die gewählte Distanz berührt.

Anderes lässt schmunzeln, mitunter laut auflachen. Etwa wenn sie von dem Freund erzählt, der, ein alter Schwerenöter wie einst ihr Vater, immer ein Paar Frauenschuhe dabei hat – um sie neben seinen vors Hotelzimmer zu stellen . . .

Kleine Marotten, Kindermund, ein Mops als Begleiter: Wie schade, wenn Heidenreichs bezaubernde Zettel ungelesen geblieben wären!

Wolf Ebersberger

Elke Heidenreich: Alles kein Zufall. Hanser, 234 Seiten, 19,90 Euro.