Flo Hayler und die Ramones: ein Leben als Fan

Es gibt wohl kaum eine Band, die posthum so sorgfältig seziert wurde wie die Ramones. Der renommierte Autor Everett True ließ mit seinem Standardwerk „Hey Ho, Let’s Go: Die Story der Ramones“ eigentlich schon keine Fragen offen. Die Musiker Marky und Johnny erzählten höchstpersönlich ihr Leben und ihr Tourmanager Monte A. Melnick plauderte munter aus dem Nähkästchen.

Wilde Jungs: die Ramones (Foto: Warner Music)

Die Dokumentation „End Of The Century“ kratzte dann mit einem schonungslos-ernüchternden Blick hinter die Kulissen am Mythos der vermeintlichen „Happy family“, während Ex-Manager Danny Fields aus seinem Archiv einen opulenten Bildband zusammenbastelte. Zu guter Letzt wurde die Karriere der New Yorker Punkrock-Ikonen auch noch als epische Graphic Novel in Szene gesetzt . . .

Warum al o sollte die Welt noch ein Ramones-Buch brauchen? Vielleicht, weil Flo Hayler etwas erschaffen hat, was man getrost und durchaus im Wortsinn als Opus Magnum bezeichnen darf. Der Musikjournalist und Radiomoderator hat sich 1990 mit dem Ramones-Fieber infiziert und ist der Band in den folgenden Jahren nicht nur durch die halbe Welt nachgereist, sondern pflegte bis zu ihrem Tod auch private Kontakte zu Joey, Johnny, Dee Dee & Co.

Es sind diese persönlichen Begegnungen und intimen Einblicke, die „Ramones: Eine Lebensgeschichte“ weit über eine normale Biografie hinausheben. Auf 640 Seiten schildert Hayler nicht nur kenntnis- wie detailreich die Geschichte der Band, sondern verwebt sie kunstvoll mit seinem eigenen Dasein als „Fanboy“.

Bei aller Bewunderung läuft der Autor, der den fiktiven „Brüdern“ in Berlin sogar ein eigenes Museum gewidmet hat, aber nie Gefahr, sich in devoter Heldenverehrung zu ergehen. Dass er sein Mammutwerk mit einem gnadenlosen Verriss des wohl ziemlich würdelosen Abschiedskonzerts vom August 1996 eröffnet, beweist die kritische Distanz zum Ramones-Kosmos.

Hayler weiß auch, dass sich hinter den stets ein wenig an lebende Comicfiguren erinnernden Jeans- und Lederjacken-Trägern sehr komplexe Menschen verbargen. Der von Zwangsstörungen besessene, hochneurotische Joey, der rechtskonservative, zu Gewaltausbrüchen neigende Kontrollfreak und Reagan-Bewunderer Johnny, der von Drogen und Alkohol gezeichnete Dee Dee: Hinter der coolen Fassade taten sich Abgründe auf. Es ist auch kein Geheimnis, dass sich Joey und Johnny abseits der Bühne regelrecht hassten, weil der Gitarrist dem Sänger einst die Frau ausgespannt hatte.

Zugleich vermittelt Hayler aber auch eine Ahnung von der außergewöhnlichen, fast familiären Bindung zwischen den Musikern und ihrer treuen Fanbase. Und von der wilden Faszination, die die Punkrock-Pioniere mit ihren unverwüstlichen Drei-Akkord-Hymnen wie „Sheena Is A Punkrocker“, „Rock ’n’ Roll Highschool“ oder „Blitzkrieg Bop“ heute noch ausüben – auch wenn ihr ikonisches Logo längst vom Mainstream als Modetrend vereinnahmt wird und T-Shirts von Leuten ziert, die es bei einem Konzert keine fünf Minuten ausgehalten hätten . . .

Neben den ebenso informativ wie unterhaltsam geschriebenen Texten machen Hunderte von exklusiven Fotos sowie Konzertplakate, Tickets, Albumcover, Setlists, Zeitungsartikel und obskure Memorabilien Haylers Schmöker zu einer wahren Bibel für all jene Menschen, denen ein gepflegtes „Gabba Gabba Hey!“ auch heute noch locker von den Lippen geht.

Uli Digmayer

Flo Hayler: Ramones. Eine Lebensgeschichte. Heyne Hardcore, 640 Seiten, 48 Euro.