Eine fränkische Dorfjugend: Oskar Roehlers neuer Roman

Oskar Roehler hat einen sensiblen Roman über den Aufbruch der BRD geschrieben – und über seine fränkische Dorfkindheit.

Regisseur und Autor: Oskar Roehler (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Auch Oskar Roehler ist ein Opfer der Pandemie. In diesen Tagen sollte der jüngste Film des Schriftstellers und Regisseurs in die Kinos kommen. Titel: „Enfant Terrible“.

Der Film handelt von Rainer Werner Fassbinder, einem schrecklichen Kind und wütenden Künstler aus den Tagen des deutschen Nachkriegs. Fassbinder wurde am 31. Mai 1945 geboren. Wir feiern den 75. Geburtstag des bekanntesten deutschen Filmemachers nach der Ära der Ufa, der am 10. Juni 1982 ausgebrannt war und gestorben ist.

Das Leben Fassbinders ist ein idealer Stoff für Roehler, der im eigenen Werk mit den Wunden des Lebens ringt. „Die Unberührbare“ war als Abrechnung mit seiner Mutter, der Autorin Gisela Elsner, sein bester Film. Sein letzter Roman „Selbstverfickung“ war eine rülpsende und kotzende Beschimpfung der Gegenwart in der Berliner Republik.

Auch Oskar Roehler ist ein Enfant Terrible der Kulturszene, wankend zwischen Meisterschaft und Enthemmung. Er wurde 1959 in Starnberg geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit bei den Großeltern in einem fränkischen Dorf. Offenbar war das eine selige Zeit.

Denn Roehler hat ihr den Roman „Der Mangel“ gewidmet, ein ungewohnt zärtliches und genaues Buch aus den Händen dieses Berserkers. Auch wenn die Beschreibung der Zeit in den beginnenden 60er Jahren eher an den dumpfen Aufbruch ins deutsche Wirtschaftswunder während der 50er erinnert, wird die Stimmung vor der Revolte von 1968 präzis umrissen:

Männer im gehetzten Karriere-Aufbau, Frauen als geisterhafte Haushaltswesen, das angstbesetzte Risiko der Schaffung von Wohneigentum in einer Flüchtlingssiedlung. Und die Fremdheit an einem Ort, dessen Bevölkerung aufgeteilt war zwischen utopiefreien Ureinwohnern und nie akzeptierten Fremden mit dem Hang zum Besseren.

So einfühlsam beschreibt Oskar Röhler die Männer der Aufbaugeneration: „Unsere Väter rauchten Pall Mall oder Rothändle ohne Filter. Sie hatten große Hände. Sie trugen nach Feierabend im Sommer Feinrippunterhemden. Sie waren einsilbig und wirkten arrogant. Wenn sie an ihren Zigaretten zogen, knisterte die Asche vorne an der Spitze, die immer länger wurde, bis sie irgendwann abfiel, denn unsere Väter waren oft tief in Gedanken versunken, und vergaßen die Asche an ihren Zigaretten. Sie wirkten einsam da draußen auf den Balkonen an der Landstraße.“

Atembeklemmende Atmosphäre schafft Roehler im ersten Teil seines Romans. Dann allerdings wird er ihm immer mehr zur Parabel eines sinnlosen Aufbruchs. Seitenlang schuften die Familien in den Lehmgruben der Gärten einer Siedlung, die nie fertig wird. Und dann wechselt der Autor vom erzählerischen „Wir“ zum „Ich“ und schafft die Legende einer ästhetischen Erziehung.

Der Schuleintritt wird zum brutalen und traumatischen Erlebnis. Doch ein anthroposophischer Nachbar macht das gerade sechsjährige Kind mit Kultur vertraut. Er liest Samuel Beckett oder gar James Joyce, Stanislaw Lem oder Thomas Bernard vor und macht es in der Münchner Pinakothek gleich mit Francis Bacon vertraut.
Hier grenzt der Autor die Welt der Intellektuellen sehr hart von der anderen Wirklichkeit der Selbstzufriedenen ab. Lebensglück resultiert daraus allerdings nicht. Eines der gebildeten Kinder endet als Mann zerschmettert auf einer Bohrinsel.

Und auch über den Ich-Erzähler kommt das Verhängnis – Oskar Roehlers Werk wird, wie fast immer, autobiografisch und bitter. Eines Tages holt der „richtige Vater“ das Kind aus dem dunklen Idyll. Dieser „richtige Vater“ war der Schriftsteller Klaus Roehler, mit dem Oskar nur in Krise lebte.
In „Der Mangel“ verzeiht er ihm am Ende mit einem Segenskreuz aus Urin. Das schreckliche Kind reckt sich wütend aus dem sensiblen Beobachter der Bundesrepublik am Beginn des Wirtschaftswunders hervor.

„Der Mangel“ ist trotzdem die Lektüre wert.

Herbert Heinzelmann

Oskar Roehler: Der Mangel. Roman. Ullstein Verlag, 170 S., 23 Euro

Faustisch: Christiane Neudeckers neuer Roman „Der Gott der Stadt“

Faust und Mephisto, die schon wieder? Das ist doch ausgelutscht bis zum Gehtnichtmehr, und doch verkaufen die Mimen ihre Seele und die eigene Mama dazu, um sie auf der Bühne zu verkörpern. Aber es geht auch anders, abseits von Goethe. Wie wäre es mit einem expressionistischen Faust? Mit Entgrenzung pur? Lust, Rausch und Macht, jetzt sofort und auf immer und ewig, und sei es nur für ein paar Momente?

Frankens scharfer Literaturexport: Christiane Neudecker (Foto: Maurizio Gambarini)

Berlin im Herbst 1995. Katharina hat unter Hunderten Bewerbern einen Studienplatz für Regie an der hochangesehenen Piscator-Schule ergattert. Zusammen mit vier weiteren Studenten klebt sie an den Lippen des Bühnengottes Korbinian Brandner, der sie in die Weihen des wahren Theaters ostdeutscher Prägung einführt.

Doch die Anforderungen sind hoch: zweimal versagt, und du fliegst raus! Als Talentprobe sollen die Erstsemester ein Faust-Fragment des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912) erarbeiten.
Doch Brandner hat seine eigenen Methoden. So steckt er jedem Studenten nur ein paar Sätze aus dem Fragment zu, die für sich allein genommen keinen Sinn ergeben, alles und nichts bedeuten. „Die Geister des ermordeten Winter“ oder „ringende Schwarze im Lunapark“ oder „Faust und der Teufel auf dem Mond“.
Jeder soll sich daraus – unabhängig von den anderen – ein Konzept basteln, dieses Konzept vor einer Jury mit Zähnen und Klauen verteidigen und hernach inszenieren.

Dass das nicht gut gehen wird, macht die Autorin Christiane Neudecker schon im Prolog klar. Einer aus der Runde wird sterben. Doch wer? Der Roman „Der Gott der Stadt“ bezieht ein Großteil seiner Spannung aus der Frage, wer aus dem halben Dutzend auf der Strecke bleiben wird. Und da bieten sich alle an: Kollege Schwarz, der lieber Filme drehen will, wirft haufenweise Drogen ein, Francois ist ein sensibles Seelchen, die forsche Nele versteckt ihre Defizite hinter einer Blendfassade, Tadeusz brütet über einem finsteren Familiengeheimnis, und Katharina blufft sich durchs Leben. Und auch in Brandners Keller wesen einige
Leichen.

Die Nürnbergerin Christiane Neudecker ist selbst Theaterregisseurin und hat ihr Handwerk an der Ernst-Busch-Schule in Berlin gelernt. Da liegt die Annahme nahe, dass sie ordentlich aus dem Nähkästchen plaudert. Doch „Der Gott der Stadt“ ist kein Enthüllungsroman und auch kein privates Auskotzen. Er lebt von der genauen psychologisierenden Beobachtung.

So verlässt Neudecker die Perspektive Katharinas und lässt auch die anderen Personen mit ihrem Innenleben zu Wort kommen. Auf diese Weise entstehen heterogene Facetten der fünf Protagonisten. Darüberhinaus versteht es Neudecker grandios, sowohl den Ensemblegeist der Truppe zu beschwören, als auch die Intrigen und Machtspiele untereinander in brutaler Detailfreudigkeit zu skizzieren.

Im Laufe der Handlung erscheint Brandner als ein Mephisto, der in seiner Privatinszenierung fünf faustische Seelen in ihrem Geltungsdrang aufstachelt und gegeneinander ausspielt. Doch der Magus dahinter ist immer noch Georg Heym selbst, der mit seinen sinistren Metaphern alle im Griff hält – und dem die Autorin mit Zitaten und Anspielungen aus seinem Werk Tribut zollt. Schon der Romantitel ist nach einem Heym-Gedicht ausgewählt.

Nicht zuletzt ist „Der Gott der Stadt“ auch ein Berlin-Roman. Das Berlin der Wendezeit erweist sich als ein Kosmos, der wie Frankensteins Monster mit Hochglanz und Marodem, Ost- und Westmentalität, Bruchbuden und Villen, internationalen Wohnheimen und Schatten aus der Vergangenheit zusammengenäht ist.

Und auch ein Zeitroman. In einer Zeit, als es weder Handys noch Internet gab, mutet die Recherche nach den Hinweisen, die Heyms Fragment enthält, wie eine nostalgische Schnitzeljagd durch Bibliotheken, Nazi-Antiquariate und Friedhöfe an – als wären wir mit Dan Brown auf Spurensuche nach den llluminati.
Natürlich steckt auch ein gutes Stück Paranoia und Verschwörungstheorie mit drin. Ist Heym mit seinem Freund wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen? Gehen Satanisten ins Theater? Und warum eigentlich schmeckt der Salbeitee so komisch?

So viele Fragen tauchen im Roman auf. Doch Fragesätze beendet die Autorin nicht mit einem Fragezeichen, sondern einem Punkt. Offenbar ein Stilmittel, bei dem die Antwort schon in der Frage enthalten ist.
Eines aber bleibt unverzeihlich: Bei ihrer Spurensuche liest Katharina in der „Offenbarung von Johannes dem Täufer“. In der Bibel gibt es mehrere Johannes, aber die Apokalypse hat ein anderer geschrieben, nicht der Prophet. Da hat die Autorin im Reli-Unterricht wohl süß geschlummert. Und der Lektor auch.

Reinhard Kalb

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand, 660 Seiten, 24 Euro.

Hermann Glasers „Buchfranken“: Geburtstag im Gefängnis

Die Reihe „Buchfranken“ bringt die letzten drei Bände heraus, die Hermann Glaser betreut hat. Eines der Themen: die erste deutsche Eisenbahn.

Hermann Glaser im Garten seines Hauses im mittelfränkischen Roßtal (Foto: Johnston, dpa)

Sein Tod im vergangenen Jahr bedeutet einen herben Verlust für die hiesige Intellektuellen-Welt. Zum Glück erscheinen selbst posthum noch Texte von Hermann Glaser, dem einstigen Kulturreferenten der Stadt Nürnberg und weit über deren Grenzen hinaus bekannten Publizisten und Vordenker. Er konnte, ungeachtet seines hohen Alters, bis zuletzt nicht vom Schreiben lassen.

In der Reihe „Buchfranken“, die Glaser zusammen mit dem Schrenk-Verlag ins Leben gerufen hat, kam vor kurzem Band 18 heraus: „Geburtstag bei Mörderinnen“, eine Sammlung von Erfahrungen, die Glaser bei seinen Reisen rund um den Globus gemacht hat. Der Titel bezieht sich auf einen sehr speziellen Geburtstag des Autors, den er im Gefängnis verbracht hat – eben bei Mörderinnen.

Und auch die nächsten zwei Bände von „Buchfranken“ sind nun auf dem Markt. „1000 Tageszeichnungen“ heißt Nummer 19 mit einer Auswahl aus 2900 zeichnerischen Notizen von Fridhelm Klein aus den Jahren 2009 bis 2017. Der 1938 in Berlin geborene Künstler und Pädagoge, der an der Akademie der Bildenden Künste München sowohl studierte als auch lehrte und in Nürnberg ebenfalls aktiv war, zückte immer und überall sein Zeichenwerkzeug – und das jahrzehntelang, wie ein Besessener.

Den Titel des Buches erklärt er selbst folgendermaßen: „Tageszeichnungen heißt, im Alltag zu jeder freien Minute und ohne Rücksicht auf Verluste anderer Zeitzirkel den Zeichenstift, hier Kugelschreiber, zur Hand zu nehmen, um unablässig Zeichenspuren aus der Hand fließen zu lassen.“

Einem ganz anderen Sujet widmet sich „Buchfranken“-Band 20, „Marx Meets Wilson. Der Philosoph und der Lokomotivführer der ersten deutschen Eisenbahn“. Das Buch enthält Beiträge von Regine und Jürgen Franzke, Hermann Glaser, Hendrik Bebber und Johann Schrenk, ergänzt durch Betrachtungen von Karl Marx und Friedrich Engels, dazu sogar Johann Wolfgang von Goethe.

Die Texte changieren zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Um die Tatsachen kümmert sich hauptsächlich Jürgen Franzke, der frühere Leiter des Nürnberger Verkehrsmuseums. Als versierter Kenner arbeitet er die Historie der Ludwigs-Bahn zwischen Nürnberg und Fürth sowie der berühmten „Adler“-Lokomotive auf, inklusive der Geschichte von William Wilson, dem ersten deutschen Lokführer, der eigentlich Engländer war.

Hendrik Bebber, London-Korrespondent verschiedener Tageszeitungen, befasst sich mit der seltsamen (Brief-)Freundschaft zwischen Karl Marx und William Wilson, um die sich einige Gerüchte ranken. Ein Spiel mit „Facts und Fakes“, formuliert Glaser dazu im Vorwort. Und der große deutsche Dichterfürst wird in dem Band auch kurz zitiert, mit seinem berühmten Werk „Dichtung und Wahrheit“. Jede Zeit hat eben ihre eigene Sprache . . .

Ute Wolf

Tommie Goerz im Bierkeller

Tommie Goerz ist bekannt geworden durch sechs Franken-Krimis, in denen deutlich wird, dass die Hauptfigur Friedo Behütuns sehr gerne mal die lärmigen Großstädte der Metropolregion verlässt und sich auf einem Keller in der Fränkischen Schweiz ein oder zwei Seidla fränkischen Landbieres gönnt. In Goerz’ neuem Bändchen „Auf dem Keller“ geht es mitnichten um Kriminalfälle, sondern um Geschichten rund um Bierkeller und das dort dargereichte Hauptgetränk.

„Hans“ heißt in diesem Bändchen mit 35 Geschichten aus der fränkischen und Oberpfälzer Umgegend die Hauptfigur. Dessen Erlebnisse sind keineswegs kriminalistisch spannend; Tommie Goerz nähert sich dem Thema eher (bier-)philosophisch. Und der Hans hat die Geschichten nicht alle selbst erlebt; manche sind ihm auch zugetragen worden.

Goerz stellt existenzielle Fragen wie, warum es auf Kellern keine Bedienungen gibt oder warum die Wirte der Bier-Tempel nach außen hin oft „mufflerd“ wirken – und er gibt stichhaltige Antworten. Insofern ist das Büchlein auch ein Kompendium der fränkischen Seele.

Viele kleine Erlebnisse machen den Reiz von „Auf dem Keller“ aus. Ein Beispiel: „Die Vielfältigkeiten der Antworten ist doch immer wieder überraschend. Auch hier, als dem Hans ein Wirt auf die Frage ,Wos hobbdern nu zeann Essen?‘ mit einer Gegenfrage geantwortet hatte: ,Kald oder warm?‘ Der Hans entschied sofort: ,Scho lieber warm.‘ Darauf der Wirt, furztrocken und wie selbstverständlich: ,Mir hamm blos nu kald.‘ Man weiß bei fränkischen Wirtsleuten halt nie, was man für eine Antwort bekommt.“

Solche überraschenden Alltagserlebnisse sind der Stoff, aus dem dieses Bändchen gewebt ist. Es geht um die Langsamkeit, die einen auf dem Keller umfängt, um den Seelenfrieden, den man nur hier richtig genießen kann, und um fränkische Schläue. So antwortet ein Wirt dem Hans auf die Frage, ob es bei ausgedehnten nächtlichen Festivitäten denn nicht zu Beschwerden komme: Höchstens die Jäger, die die Reviere rund um sein abgelegenes Lokal gepachtet haben, könnten sich beschweren. „Deshalb hobbi die Jachd edds ah pachd.“

Tommie Goerz hat sich genau umgeschaut und noch genauer hingehört in den fränkischen Bier-Oasen, doch macht er sich auch ums Essen seine Gedanken: Karpfen mit und ohne Ingreisch, Karpfen in Bierteig mit Soße und was der Leckereien mehr sind . . . Und auf die Frage, ob man auch etwas ohne Fleisch zum Essen haben könnte, antwortet die Wirtin des Dorfgasthauses, sie könne Bratwürste machen . . . Denn Fleisch, das ist für den Franken immer am Stück; ist es durchgedreht, ist es kein Fleisch mehr, sondern Gehäck, Wurst oder so etwas.

Eine Liebeserklärung an Franken hat Tommie Goerz hier verfasst, eine Liebeserklärung, die aber auch die kleinen Schwächen dieses Stammes nicht verschweigt und sie humorvoll auf die Schippe nimmt…

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Auf dem Keller. Biergeschichten. Verlag ars vivendi, 218 Seiten, 14 Euro