Karl Schlögel über Chanel und die Russen: „Der Duft der Imperien“

Karl Schlögel, einer der besten Kenner der osteuropäischen Geschichte, ist ein begnadeter Erzähler. Ihm gelingt es, Geschichte in Geschichten aufzulösen, ohne dabei die übergeordneten Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. In seinem neuen Buch „Der Duft der Imperien“ erzählt er von den Parfüms „Chanel Nr. 5“ und „Rotes Moskau“.

Grandioser Erzähler: Karl Schlögel (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Coco Chanels Duft steht für Luxus, Mode und den Aufbruch in die Moderne. Kreiert wurde er 1920. „Rotes Moskau“ ist ein Parfüm, mit dem der Kommunismus 1927 seine menschliche Seite zeigen wollte und dem allgemeinen Bedürfnis nach spielerischer Eleganz entgegengekommen ist.

Vor der russischen Revolution waren Düfte nur etwas für Reiche. Beide Parfüms stehen als Marken für westliche und östliche Imperien. Beide haben aber eine gemeinsame Wurzel und beide Düfte wurden von starken Frauen durchgesetzt.

Für Schlögel beginnt die gemeinsame Geschichte 1913 mit der Komposition des Parfums „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ Anlass war das 300-jährige Regierungsjubiläum der Romanows. Das Parfum, das an die aus Anhalt-Zerbst stammende Zarin Katharina die Große erinnern sollte, wurde nach Beginn des Ersten Weltkriegs in „Rallet Nr. 1“ umbenannt. Der Verweis auf die Deutsche Katharina war den russischen Kundinnen in Kriegszeiten nicht mehr zumutbar.

Geschaffen hatte das Parfum die russisch-französische Firma Rallet in Moskau, die nach Ende des Ersten Weltkriegs wieder nach Frankreich zurückkehrte. Mit dabei Chefparfumeur Ernst Beaux, der die Rezeptur von „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ kannte, und der für die Zusammensetzung von „Chanel Nr. 5“ in Frankreich verantwortlich war. Es war eine Weiterentwicklung des russischen Ursprungsdufts.

Parfumeur Auguste Michel, der ebenfalls bei Rallet gearbeitet hat und der die Duftkompositionen kannte, wurde vom Moskauer Duftkonzern Brokar abgeworben. Da er seinen Pass verloren hatte, konnte er nicht mehr nach Frankreich ausreisen. Nach der Verstaatlichung des Betriebs unter dem neuen Namen TeShe wurde dann „Rotes Moskau“ entwickelt, das allerdings nur ganz entfernt an den Romanow-Duft
erinnerte.

Protegiert wurde das „Rote Moskau“ von Polina Shemtschushina-Molotowa, der Frau des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow. Schlögel gelingt es, anhand der Biographie der beiden Frauen Chanel und Shemtschushina eine kleine Kulturgeschichte der Düfte und der Moden in den jeweiligen Gesellschaften zu schreiben.

Wie sich Chanel, die früh auf die modische Moderne setzte und Bekleidung für Frauen auf das angenehm Tragbare reduzierte: Das bedeutete eine Abkehr von schweren und mit Mustern überbordenden Kleidern. Frauen sollten sich schick und praktisch anziehen können.

Chanel, die aus ganz armen Familienverhältnissen stammte, wurde zur Stilikone. Es gelang ihr, mit Mut und Kreativität, mit vielen Ideen, einflussreichen Männern und einem opportunistischem Geschick gegenüber Vertretern des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg in Frankreich eine Modeimperium aufzubauen. „Chanel“, das ist seit den 50er Jahren eine Weltmarke.

Shemtschushina wiederum leitete zunächst den sowjetischen Parfumtrust TeShe, dann die Abteilung für die Textil- und Galanterieindustrie, später wurde sie Kommissarin für Kosmetik. Auch sie unterstützte neue Formen der Bekleidung, die sich gut tragen lassen und Frauen gut aussehen lassen. Sie kümmerte sich außerdem um die Parfum- und Salbenindustrie.

Shemtschushina hatte in den 30er Jahren exzellente Beziehungen zum diplomatischen Korps und ins Ausland. Ihre Einladungen sollen legendär gewesen sein. 1949 wurde sie überraschend zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Es half ihr nichts, dass sie stets eine glühende Stalinistin war. Diese Haltung änderte sich auch nicht durch die Verbannung. 1953 kehrte sie aus Sibirien zurück, erhielt aber keinen einflussreichen Posten mehr.

Und das „Rote Moskau“ – es ist inzwischen fast vergessen. Die Originalrezeptur wurde noch nicht wiedergefunden. Schlögel hat darüber ein lesenswertes und sehr unterhaltsames Buch geschrieben. Er weckt die Neugierde auf Bereiche der Geschichte, die bislang nur wenig bekannt waren und überrascht immer wieder mit neuen Bezügen. So hat man den Siegeszug von „Chanel Nr. 5“ jedenfalls noch nicht gekannt. Und der Leser lernt daraus, dass nicht nur Bücher eine Geschichte haben, sondern auch Parfüms.

Übrigens: Von Karl Schlögel ist zuletzt auch eine erweiterte Neuausgabe seines Buchs „Das russische Berlin“ erschienen, eine Reise in das untergegangen Berlin der 20er und 30er Jahre. Auch hier: Die große Geschichte löst sich in viele kleine, anschauliche Geschichten auf.

Wer Zeit hat zum Schmökern, der kann sich in Schlögels Universen verlieren. Es sind wunderbare Leseerlebnisse.

André Fischer

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. Chanel Nr. 5 und Rotes Moskau. Hanser, 221 Seiten, 23 Euro.
Das russische Berlin. Suhrkamp, 667 Seiten, 38 Euro.

Davide Longos melancholischer Roman: „Die jungen Bestien“

Der Autor Davide Longo (Foto: Rowohlt)

Es gibt Bücher, die gaukeln uns vor, sie wären Krimis. Dabei ist das Kriminelle gar nicht das Spannendste an ihnen. Es sind die Atmosphären, die Orte und die Stimmungen der Menschen darin.

Davide Longo, der Schriftsteller aus dem Piemont, hat bereits mehrfach ein Händchen für das Erzählen von Existenzen in wilden Zeiten oder besonderen Landschaften bewiesen. „Der Steingänger“, sein Debüt im Jahr 2004, war ein Schleuserroman voller Natur und den von ihr geprägten Bergbewohnern. In „Ein aufrechter Mann“ (2012) gelang ihm eine gespenstische Adaption von Cormac McCartheys apokalyptischem Roman „Die Straße“, in eine archaische Alpenwe+lt nach dem Niedergang der Zivilisation verlegt.

Nachdem Longo sich mit „Der Fall Bramard“ (2014) ein Hintertürchen Richtung Kriminalliteratur aufgemacht hat, erneut vom Klima des alpinen Südens beschienen, liegt jetzt der Roman „Die jungen Bestien“ vor. Vordergründig erneut ein Krimi. Hintergründig ein Porträt italienischer Gesellschaftsgeschichte. Es führt von der Gegenwart zurück bis in die Zeit vor 40 Jahren.

Als Leser lernen wir Bramard zum zweiten Mal als Ermittler kennen. Die „Bestien“ sind nur das eine – die Brigade Rosse, eine Art italienische RAF der späten 70er Jahre. Das andere ist Corso Bramards Charisma, vom Noir und einem späten Existenzialismus durchweht. Und es ist Arcadipane, sein unter Potenz- und Familienproblemen leidender Kollege, der sich einen dreibeinigen Hund zulegt und eine Therapeutin aufsucht. Die ihn schon mal in Rechnung stellt, dass er sie überraschen durfte, während sie mit dem Hausmeister Sex hatte…

Aus den Zutaten Terrorgeschichte und Midlife Crisis, Behördenschlamperei und Familienchaos, Sex und Sehnsucht präsentiert uns Longo eine Minestrone wohl abgeschmeckter Literatur mit mediterranem Lebensgefühl. Weil das neue Buch wieder ein Krimi werden sollte, schwimmen in der Suppe quasi auch noch etliche schon ältere Knochen herum.

Ein Leichenfund nahe der Schnellzugstrecke Turin-Mailand lässt das ungeklärte Verschwinden einer Gruppe Militanter vor Jahrzehnten wieder in den Fokus der Polizei geraten. Der Flashback in die Tage des Terrors ermöglicht es Logo erzählerisch, die unter den Teppich gekehrten schmutzigen Seiten der italienischen Geschichte zu thematisieren.

Aber eigentlich ist es etwas anderes, was die Lektüre dieses Buches ungewöhnlich macht. Es ist der impressionistische Schreibstil, der alles durchzieht: „Es gibt eine Stunde am Abend, da auch zwischen den weniger schönen Palazzi und den expliziten Ladenschildern (Brot, Schuhe, Seile und Schnüre, Pizza, Hosen) alles von Chrom überzogen erscheint. Zu dieser Stunde fällt es einem schwer, die Straße zu verlassen, weil die Abgase sich mit einem gewissen Brackwassergeruch vermengen, der von der Dora her kommt, und jeder Atemzug der letzte scheint. Kein Anderswo begehrenswert und süß die Melancholie“.

Wer in einem Krimi die Poesie über die Action stellt wie Longo (geboren 1971), kann es sich leisten, auf den Showdown zu verzichten. Wenn etwas nachhallt, dann die Stille einer Küche, die zwischen Herd, Espressokanne und einem mit Schularbeiten bedeckten Tisch in der Luft liegt wie feiner Staub.

Einer, der nach Hause kommt, sagt „da bin ich“. Bezeichnend, dass er es leise sagt.

Christian Mückl

Davide Longo: Die jungen Bestien. Rowohlt, 416 Seiten, 22 Euro.