Buchtipps zu Henry James

Ein Pionier in der Wiederentdeckung von Henry James ist der kleine Cadolzburger Ars Vivendi Verlag. Zum Jubiläum legt er den Band „Im Käfig“ (20 Euro) mit vier berühmten Erzählungen – darunter „Daisy Miller“ und „Die Drehung der Schraube“ – sowie den großen Roman „Das Porträt einer jungen Dame“ (24,90 Euro) wieder auf. Gottfried Röckelein, der für dessen Übertragung damals viel Lob bekam, durfte nun auch „Was Maisie wusste“ (19,90 Euro) in elegantestes Deutsch bringen.

Umwerfend schön gestaltet der Manesse Verlag seine neu übertragenen James-Bücher – mit farbigem Schnitt, Leinen und Lesebändchen. Nach dem Roman „Washington Square“ und den Geschichten „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ erschien zuletzt das amüsante Frühwerk „Die Europäer“ (24,95 Euro).

James_24917_MR1.indd „Die Gesandten“, einer der elaborierten Meisterromane von Henry James, liegt auf 700 Dünndruckseiten nun bei Hanser vor – ein Klassiker, mit bewusster historischer Patina von Michael Walter höchst kunstvoll übersetzt (39,90 Euro). Anregender noch, gerade für James-Anfänger, mag die handliche Kurzprosa sein: die kompakte Schriftsteller-Erzählung „Die mittleren Jahre“ (Jung und Jung, 12 Euro) oder „Eine Dame von Welt“ über eine unerschrockene Amerikanerin, die in Paris um ihren Ruf kämpft (Aufbau Verlag, 16,95 Euro).

Gut auch, dass endlich erste biografische Annäherungen an den Autor auf Deutsch erhältlich sind. Zweimal „Henry James“ also: Die englische Professorin Hazel Hutchison gibt einen informativen, eher sachlich gehaltenen Abriss (Parthas, 24,80 Euro), die deutsche Literaturkritikerin Verena Auffermann eine begeisterte Hommage, zudem mit großen Fotos garniert (Deutscher Kunstverlag, 22 Euro). Das schöne Zitat auf dem Cover: „Leben Sie so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler.“ Nun ja. „Lesen Sie“ würde auch stimmen.
Wolf Ebersberger

Henry James zum 100. Todestag

Dieses Jahr hätte er seinen 100. Todestag: Henry James, der große amerikanische Autor. Eine Annäherung an den Pionier des psychologischen Erzählens, der sich so leicht nicht packen lässt.

Schon dieser Einstieg: „Wenn ganz bestimmte Umstände zusammentreffen, dann gibt es nur wenige Stunden im Leben, die angenehmer sind als die, welche jenem Zeremoniell gewidmet sind, das als Nachmittagstee bekannt ist.“ Ein Satz, wie von einem Butler gebracht, auf einem kleinen Silbertablett. Sehr formell, aber nicht ohne feine Ironie. Und natürlich ein Satz, den so nur ein Engländer geschrieben haben kann. Dabei war Henry James, der damit seinen wohl erfolgreichsten Roman „The Portrait of a Lady“ begann, Amerikaner: 1843 in New York geboren.

james Aber er wurde zum Engländer, lebte seit 1882 in London, später in Sussex, und erhielt 1915, knapp ein Jahr vor seinem Tod, gar die britische Staatsbürgerschaft. Wer, wenn nicht er, kannte sich also aus, mit den subtilen und weniger subtilen Unterschieden – zwischen Amerika und Europa, zwischen aufstrebsamen neuen Bürgern und ehrbewusstem, alten Adel, zwischen jungem Blut und kaltem Kalkül, das voll Dünkel den steif und trügerisch bewahrten Konventionen verhaftet bleibt?

Henry James, der mit seinen Geschwistern bereits als Schüler vom ruhelosen Vater (Henry James senior), einem Religionsphilosophen, hin und her über den Atlantik geschickt wurde, um nur ja die ideale Ausbildung zu bekommen, hat Europa geliebt. Vor allem Frankreich und Italien, man lese nur seine Reiseberichte. Aber in seinen vielen Kurzgeschichten und Romanen kommt der Kontinent, der alte, oft ernüchternd schlecht weg.

Nicht selten tragisch, oft freilich satirisch, drohen die amerikanischen Männer und Frauen, die Henry James glücksuchend nach Paris, London oder Rom fahren lässt, übel zu scheitern. Alles ist so anders hier, so undurchsichtig, wie der Held aus „Die Gesandten“ erfahren muss, der einen jungen Landsmann zurückholen und, ja, moralisch retten soll. Es gibt sogar Todesfälle, wie die berühmte „Daisy Miller“. Oder eben, wie bei Isabel Archer, der umfangreich porträtierten Lady, die Falle einer romantischen Fehlentscheidung: fatal, wie sie auf den falschen Mann hereinfällt! In Jane Campions schöner Verfilmung von „Portrait of a Lady“ ist es John Malkovich, der die arme Nicole Kidman fast ruiniert, sozial, seelisch und finanziell. Das Geld, der Besitz – vererbt oder verweigert oder strategisch erheiratet – spielen bei James stets eine wichtige Rolle.

Bereits Truffaut hat Henry James als Vorlage genommen, später war es der ebenfalls anglophile Amerikaner James Ivory, der die raffinierten, oft recht komplizierten Romane von Henry James für das Kino zu nutzen wusste. Mit viel Dekor und historischem Kolorit, was leicht täuschen mag. Denn unter der gediegenen Oberfläche brodelt es bei James stets, kommen die heftigsten und hochleidenschaftlichen Gefühle zum Vorschein, oft ungeahnt, oft grausam.

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