F. C. Delius rechnet mit Luther ab

Die einen halten Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) für den wichtigsten lateinischen Kirchenvater und Philosophen der Spätantike. Andere, wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, sehen in ihm den großen Manipulator, der nur mithilfe eines Tricks seine Erbsündenlehre durchgesetzt hat; eine Lehre, die der Kirchengeschichte eine fatale Wendung gegeben habe.

In keinem Evangelium sei von der Erbsünde die Rede, meint Delius, der einem evangelischen Pfarrhaus entstammt, sich selbst aber als Nichtgläubigen bezeichnet. Und daran ist vor allem Augustinus schuld, der Bischof aus dem nordafrikanischen Hippo, der durch einen Übersetzungsfehler die Botschaft des Paulus vom alten Adam missdeutet habe. Letzterer sei von der Schlange, letztlich aber von Eva verführt worden, den verbotenen Apfel zu essen. Eine Schuld, die sich aufs ganze Menschengeschlecht übertragen habe.

Was das Ganze mit Martin Luther und der Reformation zu tun hat? Nun, Luther war ein – zunächst überzeugter – Mönch im Orden der Augustinereremiten. Und als solcher habe er sich dem Kirchenvater Augustinus auf Gedeih und Verderb verschrieben – obwohl doch Luther selbst aus dem Griechischen übersetzt habe und den Fehler des Augustinus bemerkt haben müsste.

Mit solchen Fragen löchert Delius in seinem neuen Büchlein, das er eine „Streitschrift“ nennt, die bronzene Lutherfigur, die er auf ein Bier vom Sockel holt. Quasi unter dem Siegel des Reinheitsgebots beschwört er den Reformator doch zuzugeben, seine Reformation, die sich so hoffnungvoll angelassen hatte, versemmelt zu haben . . .

Zwar habe der Professor in Wittenberg sich mit den Ablassverkäufern angelegt und erfolgreich dem Papst und dem Kaiser die Stirn geboten; von seiner Höllenangst aber und dem Dogma der Erbsünde habe er sich jedoch nicht lossagen wollen und können.

All die Glaubensnöte seiner Kindheit, die Leibfeindlichkeit des Christentums, und letztlich auch die Diskriminierung der Frau schiebt Delius auf diese Erbsündenlehre, die Augustinus sich, wie Quellen belegen, mit der Schenkung von 80 Berberhengsten an den damaligen Kaiser Honorius erkauft hat. Andere Theologen der damaligen Zeit, wie Pelagius und der weithin unbekannte Julian von Eclanum, seien hingegen mundtot gemacht worden.

Die Geschichte mit den 80 numidischen Zuchthengsten, mit denen sich Augustinus Gehör verschaffte, treibt Delius schon seit geraumer Zeit um. Bereits in seinem Buch „Die Linke Hand des Papstes“ hat er die Begebenheit eingeflochten. Doch das Buch wurde damals anders gelesen, weil es just herauskam, als Benedikt XVI. zurücktrat. Da hat man dem Autor seherische Kräfte nachgesagt.

Diesmal räumt Delius ein, dass ihn die Kindheit im Pfarrhaus geprägt hat; auch das Buch zeugt letztlich davon, dass ein Rest des inneren Protestanten in ihm nach wie vor wirkt und rumort.

Doch ist es andererseits eine Distanzierung von einer Christenlehre, die auf schwerverdaulichen Dogmen basiert. Am Schluss muss sich der Reformator den Vorwurf gefallen lassen, ein „Ultra-Augustiner“ geblieben zu sein.

Schade, dass der bronzene Luther zu allem nur schweigen kann.

Raimund Kirch

Friedrich Christian Delius
: Warum Luther die Reformation versemmelt hat. Rororo, 64 Seiten, 8 Euro.