Philippe Sands’ herausragende Reportage: „Rückkehr nach Lemberg“

Nürnberg, im Herbst 1946. Im Gerichtssaal 600 fallen die Urteile gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher. Der brillante Robert Jackson ist die Ikone in diesem revolutionären Strafprozess. Im Schatten des US-amerikanischen Hauptanklägers ziehen aber auch heute vergessene Juristen die Fäden.
Von zwei Männern aus der zweiten Reihe erzählt der britische Völkerrechtsexperte Philippe Sands in „Rückkehr nach Lemberg“. Dabei wollte er anfangs nur seine jüdische Familiengeschichte erforschen.

Am 20. November 1945 begann der Hauptkriegsverbrecherprozess im Schwurgerichtssaal, Justizpalast an der Fürther Straße. Die Aufnahme zeigt den Saal mit den Angeklagten und ihren Verteidigern. (Foto: Ray D’Addario, 1946/Stadtarchiv Nürnberg).

Für die „Bekämpfung der Juden“, so hielt Hans Frank im Juni 1944 in seinem Diensttagebuch fest, was er soeben in einer Rede vor Parteiführern gesagt hatte, „war es unerläßlich, daß wir Polen bekamen . . . Seit der Ausrottung der Juden in Polen ist es, rein blutsmäßig gesehen, mit der jüdischen Zukunft vollkommen vorbei; denn nur hier gab es Juden, die Kinder hatten.“

Die Tage des „Schlächters von Polen“ waren bald darauf gezählt. Gute zwei Jahre später, am 16. Oktober 1946, wurde Frank in Nürnberg am Galgen hingerichtet. Als Hitlers Statthalter in den besetzten polnischen Gebieten hatte er die nazideutsche Mordmission im Osten systematisiert, unter anderem mit den Vernichtungslagern von Treblinka, Belzec und Majdanek. Nach dem Völkerrecht war er damit schuldig geworden.

Der Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg brach erstmals in der Weltgeschichte mit einem tradierten Konzept: Er machte Schluss mit der unantastbaren Souveränität eines Staates. Wer im Namen eines Landes Unrecht gegen Individuen oder Gruppen beging, blieb nun nicht mehr immun gegen Strafverfolgung.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord sind seit Nürnberg strafbar, auch wenn die Ahndung in der Realität viel zu oft scheitert. Zu verdanken ist dieser zumindest theoretische Durchbruch zwei Männern, denen der britische Rechtsanwalt Philippe Sands mit einem Buch ein Denkmal setzt: Hersch
Lauterpacht (1897–1960) und Raphael Lemkin (1900–1959).

Während Lauterpacht den Tatbestand der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ für den Prozess ausarbeitete und maßgeblich die britische Anklage beriet, entwickelte Lemkin im Hintergrund noch während des Kriegs den Begriff „Genozid“.

Die beiden polnisch-jüdischen Rechtsgelehrten, die als Nachbarn und Studienkollegen aufwuchsen, einander jedoch nur flüchtig kannten, standen damit in einer bizarren Konkurrenz. Sands problematisiert eindrücklich, wie der rechtliche Schutz von Bevölkerungsgruppen den Schutz der individuellen Menschenrechte stören, ja aushebeln kann.

Internationale Strafverfolger sind uneins, ob der Tatbestand „Völkermord“ Konflikte zwischen Gruppen nicht sogar schürt, weil er ihre Identitäten stärkt. „Rückkehr nach Lemberg“ zeichnet Lauterpachts und Lemkins ähnliche Werdegänge nach, ihre konträren Persönlichkeiten und Rechtsauffassungen – aber noch weit mehr. Es ist kein ganz übliches Sachbuch. Ein halb autobiografischer, experimenteller Zug macht es besonders und hervorragend. Denn Lauterpacht und Lemkin waren Zeitgenossen von Sands’ Großvater.

Alle drei kamen aus der Stadt Lemberg, heute Lwiw in der Ukraine, und alle drei konnten vor Hans Franks Judenverfolgungskommando ins Exil entkommen. Philippe Sands schließlich – ist das noch Zufall? – schlug eine Laufbahn in der internationalen Verfolgung von Menschenrechtsverbrechen ein, klagte etwa den chilenischen Diktator Augusto Pinochet an, lange bevor er nun seine eigene Identität erforschte.

Es ist müßig, seine Recherchen nachzuerzählen, derart akribisch ist er über Jahre vorgegangen, um die Welt gereist und in Archive gestiegen. Dabei lüftete er so manches Familiengeheimnis. Nicht alle Gesprächspartner waren so leicht aufzutun wie die Mitarbeiter des Memoriums Nürnberger Prozesse oder der Sohn Hans Franks, Niklas Frank, der seit Jahrzehnten öffentlich seinen Nazi-Vater hasst.

Sands’ Mutter, seine wichtigste Zeitzeugin, lebte zwar noch, hatte als Spross einer typischerweise im Schweigen gefangenen Familie von Holocaust-Überlebenden aber außer einigen Fotos und Briefen wenig beizusteuern.

Geschichte schillert in diesem Buch vielfarbig, und sie schillerte ja tatsächlich in Lemberg. Seit dem Ersten Weltkrieg war es ein Ort voller ethnisch-kultureller Spannungen, weil wechselnde Machthaber – von 1941 bis 1945 dann Hans Franks Generalgouvernement – ihn einander entrissen wie ein Stück Beute.
Als hätte es übrigens noch einer weiteren kritischen Stimme gegen das fragwürdige neue „Holocaust-Gesetz“ in Polen bedurft, dokumentiert Sands’ Spurensuche auch Antisemitismus und Judenpogrome im unabhängigen Polen der Zwischenkriegszeit.

Das Buch, im Original nach der Adresse des großväterlichen Elternhauses „East West Street“ betitelt, hat sogleich Literaturpreise bekommen – durch und durch verdient. Sands besitzt die unter Juristen seltene Gabe, eine komplexe Faktensammlung zu einer Reportage zu verweben, die spannend zu lesen bleibt. Dabei hilft ihm die Unbefangenheit, mit der man im angloamerikanischen Sprachraum die Ich-Perspektive beim Schreiben einsetzt.

Von der persönlichen Betroffenheit lässt sich Sands kaum emotionalisieren, er schafft es auch, die Exkurse zu Hans Franks Terrorherrschaft – die allein Bücher füllen könnte – knapp zu halten. Er ist kein Historiker, muss daher an manchen Punkten an der Oberfläche bleiben, und hat es dennoch geschafft, aus der Historie der Nürnberger Prozesse neue Aspekte herauszuarbeiten.

Wo private und politische Geschichte so nachvollziehbar in Beziehung gesetzt werden, kann die Erkenntnis wachsen.

Isabel Lauer

Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. S. Fischer Verlag, 592 Seiten, 26 Euro.

Erschütternd: Götz Aly über „Europa gegen die Juden“

Ein Buch, das weh tut – und wichtig ist: Götz Alys neue Studie über den Antisemitismus, „Europa gegen die Juden“.

Mendel Max Karp wurde 1892 im galizischen, damals österreichischen, nach 1918 polnischen Dorf Ruszelcyce geboren. Der spätere Geiger wanderte nach Deutschland aus. Durch einen Erlass der polnischen Regierung verlor er aber 1938 wie Tausende andere Juden seine Staatsbürgerschaft, weil er in Deutschland lebte. Ende Oktober 1938 wurde er deshalb zusammen mit 17000 anderen Juden aus Deutschland über die Grenze gejagt und verschwand als Staatenloser in einem polnischen Lager.

Mit Hilfe seines Cousins, der in Amerika lebte, gelang es Mendel Max Karp, wieder aus dem Lager herauszukommen und das Ticket für eine Passage aus Deutschland nach Amerika zu ergattern. Doch die Hilfe kam zu spät. Karp wurde nach Kriegsbeginn ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt und zugrunde gerichtet. Er starb dort 1940.

Götz Aly (Foto: dpa)

Der Historiker Götz Aly erzählt diese Lebensgeschichte zu Beginn seines Buches – und macht damit deutlich, dass der Antisemitismus in Europa breit gestreut war und die Nationalsozialisten mit Ausnahme von Belgien und Dänemark in allen besetzten Ländern Freiwillige einsetzten konnten, die den Holocaust aus Überzeugung unterstützt haben.

Hätten die Polen 1938 Mendel Max Karp nicht die polnische Staatsbürgerschaft abgesprochen, dann wäre er noch rechtzeitig nach Amerika entkommen. Aly macht aber auch klar: Bei aller weit verbreiteten Judenfeindschaft in Europa – umgebracht haben Karp die Deutschen.

Alys Buch „Europa gegen die Juden 1880–1945“ zeigt, auf welcher breiten Front der Antisemitismus Gesellschaften geprägt hat. Gesellschaften, die im 19. Jahrhundert gerade begonnen hatten, die Herausforderungen der Moderne anzunehmen. Aly beginnt mit 1880, weil die vorausgehende Befreiung und Akzeptanz der Juden im um sich greifenden Nationalismus nach und nach wieder aufgehoben wurde.

Die Möglichkeit, mit Bildung, Fleiß, Einfallsreichtum und Flexibilität den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen, hatten vor allem die bislang oft geächteten Juden genutzt. Sie sahen ihre Chance, den Kreislauf aus Armut, Demütigung und Ausgrenzung, dem sie über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt waren, zu durchbrechen.

Die Gesellschaften vor allem in Osteuropa und Südosteuropa wie Russland, Polen, Litauen, Rumänien, Ungarn und Griechenland neideten aber den Juden ihre einsetzenden Erfolge in Schulen und Universitäten, als Ärzte, Rechtsanwälte oder Unternehmer. Es folgten neue Pogrome, neue Ausgrenzungen von einer höheren Schulbildung, von Universitätsabschlüssen, neue Enteignungen.

Es ist ein erschütternder Gang durch rund 70 Jahre europäischer Geschichte. Aly legt offen, was hinter dem nationalistischen und rassistischen Antisemitismus steckt: Es ist der Neid auf eine wirtschaftlich erfolgreiche Personengruppe, die ihre Möglichkeiten angesichts der einsetzenden wirtschaftlichen Dynamik nutzt. Antisemitismus und die Forderung nach rassisch reinen Gesellschaften waren die Begründung, den Juden Arbeitsplätze, Häuser oder Geld wegzunehmen. Das belegt Aly schlüssig. Es war der Aufstand von Faulen, Zaudernden, nicht Erfolgreichen, Ängstlichen und Enttäuschten gegen die erfolgreichen gesellschaftlichen Aufsteiger.

Als nach dem Ersten Weltkrieg Frankreich das Elsass ethnisch säuberte und die historisch gewachsene Mischung von französischen, deutschen und alemannischen Traditionen gewalttätig trennte, war in Mitteleuropa ein Paradigma geboren, das Schule machte. Frankreich begründete die Vertreibung der Deutschen aus dem Elsass und aus Lothringen mit dem Staatsziel der nationalen Homogenisierung, die auf eine Säuberung und Abschiebung von Menschen deutscher Abstammung hinauslief. Die Betroffenen waren oft auch Opfer eines Staatsraubs.

Zusammen mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs starkmachte, war der Teufelscocktail, den die Nationalsozialisten dann über Europa verbreiteten, angerührt.

Rassistische und antisemitische Ausgrenzungen von Volksgruppen wurden mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht und der angestrebten Reinheit des Volkskörpers begründet: Es war aber nur die perfide Argumentation, sich ungehemmt zur bereichern. Bei der Mischung von Volksgruppen in vielen Ländern Europas war es ein Wahnsinn, dem eine Methode zugrunde lag.

Am Ende seines Buches stellt Götz Aly folgende spannende These zur Diskussion: „Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten. Gute, niemals zu missbilligende Bildungspolitik und der staatlich geförderte Wille zu massenhafter Aufwärtsmobilität, also die größten Erfolge im Europa des 20. Jahrhunderts, steigerten den Hass.“ Eben auf die Erfolgreichen, die ihre Chance besser als andere nutzten.

Der zivilisatorische Fortschritt und der damit einhergehende massenhafte soziale Aufstieg begünstigten den Zivilisationsbruch des Holocausts, so Aly. Lesenswert.

André Fischer

Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880–1945. S. Fischer, 431 Seiten, 26 Euro.

Die Früchte der Erinnerung: „Das Marillenmädchen“

Der Marillenbaum im Garten ihres Wiener Elternhauses ist für Elisabetta Shapiro Halt und Erinnerung an ihre Familie. Nur durch einen Zufall blieb sie damals – 1944 – verschont, als ihre Eltern und ihre beiden Schwestern Rahel und Judith ins KZ deportiert wurden. Bei Kriegsende ist sie elf Jahre alt. Einsam und alleine, nur mit den Stimmen ihrer beiden toten Schwestern im Kopf, fristet sie seitdem ihr Dasein.

Jahr für Jahr sammelt Elisabetta die Früchte des Marillenbaumes auf, den einst ihr Vater pflanzte, und kocht daraus Marmelade. Im Keller stapeln sich die Gläser, fein säuberlich mit der Jahreszahl versehen, wie ein kostbares Vermächtnis, das bewahrt werden muss. Ein Glas aus dem Jahre 1944 ist gekennzeichnet mit „M plus A“, Marille und Arsen. „Es ist nur für den Notfall, Kezele“, sagte die Mutter damals zu Elisabetta. „Falls sie dir was tun wollen und ich dir nicht helfen kann.“

„Das Marillenmädchen“ von Beate Teresa Hanika, die bereits mehrere erfolgreiche Jugendbücher schrieb, ist ihr erster Roman für Erwachsene. Die Ich-Erzählerin Elisabetta ist inzwischen eine alte Frau, sie erzählt die Geschichte von Pola, einer jungen Deutschen, die bei ihr zu Untermiete wohnt – was kein Zufall ist. Die Schicksale der jungen Tänzerin und der alten Dame sind unweigerlich miteinander verknüpft.

Die Zeiten in dem intelligent gebauten Roman sind nicht klar voneinander getrennt und wechseln oftmals von Absatz zu Absatz, so wie eben auch Elisabettas Gedanken immer wieder in die Vergangenheit abschweifen. So werden parallel die Geschichten von Pola aus der Gegenwart und Elisabetta aus der Vergangenheit erzählt, bis die beiden Erzählstränge schließlich ineinander münden und die Geschichte komplementieren.
 
Durch die unterschiedlichen Zeitebenen und Erzählperspektiven, die oft fließend ineinander übergehen, erschließt sich das Buch nicht sofort. Hinzu kommt die Namensgleichheit von Elisabettas Schwester und ihrer Enkelin, was die Zeitlinien zusätzlich verwischt. Vieles bleibt offen und unausgesprochen oder wird nur angedeutet in kleinen Gedanken- und Erinnerungssplittern.

Der lakonische Erzählstil, die melancholisch-nachdenkliche Grundstimmung, die poetisch-sensible Sprache, all das wirkt sehr berührend und zieht den Leser tief in die Geschichte hinein. Das Tragische ist, dass Elisabetta zweimal dasselbe Schicksal erleiden muss. Es ist ein Buch über alten und neuen Antisemitismus und zeigt auf erschreckende Weise, dass manche Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Und trotzdem behält der Roman einen lebensbejahenden Grundton. „Irgendwer muss vergeben. Irgendwer muss seine Hand hinstrecken“ – um nicht selbst zu zerbrechen, um endlich Frieden zu finden. Eine bittersüße Erzählung.

Michaela Höber

Beate Teresa Hanika: Das Marillenmädchen. Roman. btb Verlag, 254 Seiten, 19,99 Euro.