Margaret Atwoods brillante Erzählungen: „Die steinerne Matratze“

Frauen leben länger — nicht nur aus biologischen Gründen. Manchen Männern muss man einfach beim zeitigen Abtreten helfen, meint Margaret Atwood. Ihre neuen Erzählungen „Die steinerne Matratze“ sind ein wahrhaft mörderisches Vergnügen.

Man vergisst leicht, dass Margaret Atwood schon 77 ist. Und damit selbst so alt wie die allesamt schon etwas angetagten, ja angenagten Männer und Frauen, von denen sie in ihrem neuen Kurzgeschichtenband „Die
steinerne Matratze“ erzählt: gewohnt komisch eben und ohne jedes wohlfeile Mitleid. Spöttischer denn je – was auch an der beherzten, mitunter saloppen Übersetzung liegt – macht sich die kanadische Autorin da über den unvermeidlichen Hingang der Kreatur Mensch her.

NZ-atwood „Fackelt die Alten ab“, der Titel der letzten Story, wird – so hoffen wir – dennoch nicht ihr eigenes Motto sein. Mit wachem, durchaus besorgtem Blick in die Zukunft einer überalterten Gesellschaft schildert Atwood darin ein nobles Seniorenheim, das in den Fokus einer landesweiten Protestbewegung frustrierter junger Leute gerät. Als Brandstifter rücken diese, mit Babymasken getarnt, bereits militant näher . . .

Ein Horrorszenario, wie Atwood es insgeheim liebt – und gleichzeitig eine Art später Operette. Wilma, die Protagonistin, lässt sich im feinen Ambiente erst mal von einem ungarischen Galan verwöhnen. Sie braucht ihn auch als Berichterstatter, denn Wilma sieht fast nichts mehr, nicht mal sich selbst im Spiegel: „Es ist wie im Internet, bei diesen Leerstellen in Gesichtsform, wenn noch das Foto fehlt“.

Dafür sieht sie befremdliche kleine Wesen, kostümiert wie in einem Historienfilm, keck vor ihrer Nase tanzen. Muss sie sich ernsthaft Sorgen machen? Immerhin der Geruchssinn funktioniert noch, und Wilma wittert, wenn alle im Speisesaal sitzen, die „Basisnote schleichenden Verfalls und undichter Stellen“ durch sämtliche Kosmetika hindurch: „Zarte Blütendüfte bei den Frauen, knackige Gewürznoten bei den Männern, innerlich noch immer ganz die knospende Rose, ganz der schroffe Pirat“.

Atwood hat eine stilistische Meisterschaft erreicht, deren gnadenlose Ironie und süffisant ausgestellte Sinnlichkeit immer wieder an den unvergessenen John Updike erinnern. Anders als dieser aber verkneift sie sich jede Nostalgie, jedes sentimentale Nicken, sieht dem nur bedingt eingeschränkten Treiben ihrer Senioren, die oft von der Vergangenheit eingeholt werden, munter und maliziös zu.

„Verna hatte anfänglich nicht vorgehabt, jemanden zu töten“, fängt etwa die Titelgeschichte an – und natürlich zieht so ein Satz den Leser unweigerlich hinein. Verna, die lustige Witwe (von drei Männern), die eigentlich nur Urlaub machen will und eine Arktis-Kreuzfahrt bucht (auf der vielleicht auch Mann Nummer vier ist), trifft unerwartet auf ihre erste große Liebe aus der fernen Jugend. Die damals allerdings ein bitteres, brutales Ende fand, mit fatalen Folgen. Ein Leben später ist die Zeit für Rache gekommen, so scheint es. Und Verna weiß doch, wie man reiche ältere Herren unauffällig ins Jenseits befördert, oder nicht? Bob, pass auf!

Das mag moralisch bedenklich sein, unterhaltsam, und zwar auf klügste Weise, ist es dennoch, wenn Atwoods schwarze Spinnen ihre Fäden sortieren und die ahnungslosen Opfer bald sanft umgarnen.

Ein eigenes Buch im Buch bilden die ersten drei der neun Geschichten, die eine gescheiterte Beziehung von einst erneut in die Jetztzeit holen, wie ein Triptychon auf drei Sichtweisen verteilt. Im Zentrum: die Schriftstellerin Constance, die wider Erwarten mit einer Fantasy-Reihe reich und berühmt wurde, während ihr viriler, aber betrügerischer Ex-Liebhaber Gavin als Dichter nie wirklich abhob. Gefährlich wütet ein Eissturm um ihr Haus, da träumt sie wieder von ihm – und befreit sich auf diese Weise als Witwe vielleicht auch von ihrem Mann, dessen Stimme sie immer noch hört. War er nicht ebenfalls untreu?

Wie fair Atwood im Umgang mit den Geschlechtern bleibt, zeigt sich, wenn sie den maroden Gavin im Rentnerparadies Florida danach selbst zu Wort kommen lässt und dann auch noch auf Marjorie schwenkt, die Frau, mit der Constance ihn damals ertappte. Ein Reigen, der, nun ja, am Friedhof endet – aber tatsächlich auch friedlich. Gefühle altern nicht, doch man kriegt sie vielleicht irgendwann in den Griff. Bevor alles zu spät ist . . .

Wolf Ebersberger

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, 304 Seiten, 20 Euro.