Schau und Frau: Ein starkes Buch über Sängerin Nico

Eine Liebeserklärung aus Fürth: Nach gut zwei Jahren Recherche, Schreib-, Fleiß- und Schweißarbeit bringt Manfred Rothenberger sein Buch über das rauschhafte Leben der Sängerin und 60er-Jahre-Ikone „Nico“ heraus.

Sängerin Nico (Foto: aus dem Buch „Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ von Manfred Rothenberger, Starfruit Verlag)

Die Frau war die Schau. Zwischen Schall und Schönheit, Wut, Wahn, Selbstzerstörung und Sucht. Ein Hingucker als Deutschlands first Topmodel für Fotografen wie Herbert Tobias und Willy Maywald. Ein Blickfang dann für Männer wie Andy Warhol und Federico Fellini, deren Muse sie wurde. Für Bob Dylan, Iggy Pop, Lou Reed oder Jim Morrison eine Gefährtin im Blitzlichtgewitter. Die Frau war die Schau – doch als Rothenberger nach einem Buch über sie suchte fand er: so gut wie nichts.

Manfred Rothenberger hat, wie er eingesteht, sich in den dunkleren Momenten seiner fast 60 Lebensjahre immer wieder mal hilfesuchend von der düsteren Singstimme Nicos aus dem Plattenspieler trösten lassen.
Weil er zum einen als arbeitswütiger Direktor des Nürnberger Instituts für moderne Kunst seit Jahrzehnten mutig Ausstellungen von und über – sagen wir mal frech – auch „schwer Vermittelbare“ anzettelt und sich zum anderen das zeitraubende, dafür glückbringende Hobby eines feinen kleinen Idealisten-Verlags namens Starfruit leistet – lag die Sache auf der Hand. Wenn es schon kein gescheites Buch über Nico gibt, wird halt eins gemacht!

Bereits im Frühsommer war im Galeriehaus Defet Rothenbergers Nico-Schau „Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ (nach einem Zitat der Autorin Juliane Liebert) zu sehen. Und schon dort war das nach wie vor aktive Magnetfeld der Kölner Weltbürgerin Nico (1938–1988) spürbar. Nun liegt das Buch dazu vor. Wie in allen „Starfruit“-Veröffentlichungen wird darin der Crossover von bildender Kunst und Literatur, Wortsinn und Wahnsinn vom Cover bis zum letzten Blatt durchexerziert.

Was auf gut 600 Seiten zwischen den Noir atmenden Buchdeckeln steckt, mag Rothenberger manche kurze Nacht beschert haben. Sein Problem. Für Leser ist es eine Offenbarung. Um die Sache zu stemmen, tat er sich mit dem „Kammerflimmer-Kollektiv“-Aktivisten, Musikfreak und Lebenskünstler Thomas Weber (Jg. 1969) zusammen.

Einmal das finstere Blut der späten 60er Jahre geleckt, suchten, besuchten, befragten und durchfilterten Rothenberger und Weber Zeitzeugen in aller Welt, sichteten Archivmaterial und heuerten Beitragschreiber an. Sie fanden Künstler, die an Nico einen Narren gefressen hatten. John Cale, Julian Cope, Marianne Rosenberg, Jonathan Meese oder Rosemarie Trockel gehören neben vielen weiteren zum Kreis. Auch der für Nico-Besessene eigentlich viel zu spät geborene Nürnberger Künstler Sebastian Tröger (Jg. 1986) zählt dazu.

So ist eine Art Staralbum voller Lebenserfahrungen entstanden, das der nicht ganz einfachen Künstlerin gerecht werden dürfte, die ja selbst keinem Konflikt aus dem Weg ging bei ihrem zuweilen torkelnden Tanz zwischen der Gosse der Junkies und dem samtenen Glanz ihrer Zeit als Model und bei Velvet Underground.
Als Leser reiben wir uns die Augen über Nico-Gedichte (u. a. von Franz Dobler), Originalfotos, Kunstwerke, zu denen die Sängerin andere inspirierte. Ja sogar Postkarten, welche die Künstlerin an die deutsche Mutter ihres viele Jahre jüngeren Lovers geschrieben hatte, taten Rothenberger und Weber auf.

Der besagte Lover hieß bürgerlich übrigens Lutz Graf-Ulrich (Jg. 1952) und ist heute als „Lüül“ von der
Berliner Band 17 Hippies bekannt. Rothenberger hat ihn für das Buch interviewt. Über die Kindheit der
als Spross einer Brauerei-Dynastie in Köln geborenen Christa Päffgen reimt sich Lüül heute zusammen: „Die Christa war nicht biestig oder so, aber anders als die anderen Kinder. Etwas komisch halt.“

Ein Stern zwischen Schatten und Licht. In ihrem feinen Elternhaus versuchten sie, die Verbindung mit der drogensüchtigen Tochter totzuschweigen. Und der Schauspieler Alain Delon, mit dem Nico offenbar einen gemeinsamen Sohn hat, verleugnet diesen, obwohl er ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Wen wundert’s, dass selbst Leonard Cohen ihr verfiel. Doch hinten anstehen musste. Die Schlange der Verehrer war lang.

So long, Nico. Am 18. Juli 1988 kippte sie auf Ibiza vom Fahrrad
und war tot. Tot? Aus 624 Buchseiten steigt sie wieder auf.

Christian Mückl

Nico – Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist. Herausgegeben von
Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Starfruit Verlag, 624 Seiten, 35 Euro.

Zwischen Köln, Venedig und Paris: Hanns-Josef Ortheil

Vielleicht hätte Mia bei ihrer Abreise nach einem Studienaufenthalt in Venedig nicht so leichtfertig Einladungen aussprechen sollen. Denn eines Tages steht der junge Venezianer Matteo vor ihrer Kölner Haustür. Entgegen strenger Abmachungen ihrer Drei-Mädel-WG (Kein Mann in der Wohnung!) erhält er Einlass. Und mischt das Leben der drei, die ihm bald mehr als Sympathie entgegenbringen, gehörig auf. Ganz durchschauen sie ihn nicht. Wer ist dieser junge Mann?

Ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, der stundenlang durch Köln streift und hochkonzentriert Sehenswürdigkeiten zeichnet, dabei merkwürdige Affinitäten zu Barlachs schwebendem Engel hat. Einer mit großem Harmoniebedürfnis, der aber auch ganz tatkräftig abwäscht und saubermacht sowie der Betreiberin eines kleinen Cafés mit Rat und Tat zur Seite steht.

Er liebt Paris… Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: Peter von Felbert)

Genaueres zur Handlung des Romans – nicht zuletzt auch eine Hommage an Ortheils Heimatstadt Köln (und an Venedig und an die durch die beiden Dome verkörperte Kultur) – sei hier nicht verraten. Beim ersten Lesen mag einem das Buch fast ein bisschen zahm und altmodisch erscheinen. Aber vielleicht will Ortheil, dass man aufmerksam auch zwischen den Zeilen liest: Da entdeckt man dann ein Plädoyer für Tugenden und Werte wie Achtsamkeit, Langsamkeit, für den intensiven Blick auf die Umgebung, die Bedeutung des Reisens und so weiter.

Und man findet einige aus früheren Werken bekannte Themen des Autors wieder: die Vaterbeziehung und die Bruder-Thematik. Ortheil selbst hat ja bekannt, dass er in Matteo fast ein „alter ego“, eine brüderliche Figur sieht. Wer noch mehr erfahren will: Hanns-Josef Ortheil liest in Erlangen auch aus diesem Roman.
Sehr anspruchsvoll geht es in „Paris, links der Seine“ zu, der zweiten Ortheil-Neuerscheinung des Herbstes. Hier machen sich die lebenslang geführten Kladden des Autors, mehrere Aufenthalte in Paris und sein sehr aufmerksames Betrachten bemerkbar.

Ortheil erkundet das Gebiet links der Seine abseits von Touristenströmen, findet stille Plätze und interessiert sich besonders für die Themen Literatur und Küche. Dabei folgt er nicht nur den Spuren von Ernest Hemingway und Roland Barthes – zwei Schriftsteller, die ihm viel bedeuten und auf seine schriftstellerische Arbeit Einfluss hatten – und anderer nicht nur berühmter Poeten, sondern berichtet auch von Lokalen der Jazz- und Chanson-Szene.

Manche Details sind verblüffend: So soll Sartre angeblich im „Le Tabou“, ein Treffpunkt für junge Nachtschwärmer, gesungen haben … Dazu kommen – ähnlich früheren Büchern wie dem über Rom – eine Menge Tipps für Lokale unterschiedlichster Couleur: Ob nur ein kleiner Imbiss oder ein großes Menu, ein spezieller Drink oder eine große Weinprobe – Ortheil, der Feinschmecker, hat immer lohnende Vorschläge.
Dass er an besonderen Buchläden nicht vorbeigehen kann, erstaunt nicht. Eher, dass er sogar bedeutende Herrenausstatter besucht.

Mit all diesen Spaziergängen entsteht nicht nur für Paris-Kenner, die die Stadt einmal ganz anders erleben wollen, sondern besonders für Freunde französischer Literatur ein konzentrierter Reiseführer, der auch zuhause viel Neues entdecken lässt. Die atmosphärisch dichten und vielsagenden Fotos stammen übrigens von Ortheils Sohn Lukas.

Anja Weigmann

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.
Paris, links der Seine. Insel Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.