Babylon Nürnberg? Volker Kutschers neuer Roman „Marlow“

Volker Kutscher schickt seinen Helden Gereon Rath in dem neuen Krimiband „Marlow“ auch nach Nürnberg . . . zum Reichsparteitag 1935.

Der Autor Volker Kutscher. (Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ hat in der ARD sehr gute Einschaltzahlen erreicht. Bis zum Frühjahr wird die dritte Staffel, in der erneut Kommissar Gereon Rath im Mittelpunkt steht, verfilmt. Die illustre Gemengelage aus politischen Spannungen, Kriminalität und libertären Lebensentwürfen im Berlin der 20er Jahre scheint derzeit auf großes Interesse zu stoßen: Im Buchhandel gibt es über ein Dutzend neuer Bücher, die von Berlin in dieser Epoche handeln.

Dabei sind die Kriminalromane von Volker Kutscher, auf die „Babylon Berlin“ zurückgeht, noch gar nicht mitgezählt. Kutscher beackert die Reichshauptstadt literarisch bereits seit 2007, als sein erster Roman „Der nasse Fisch“ erschienen ist. Die Berlin-Saga beginnt mit der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs. Kommissar Gereon Rath wird von Köln in die Reichshauptstadt versetzt. Dort soll er ein Komplott in der Polizeiverwaltung aufdecken.

Mit „Marlow“ ist jetzt der siebte Band erschienen. Wieder steht Rath, inzwischen zum Oberkommissar befördert, im Zentrum des Erzählens. Er hat inzwischen die schillernde Charlotte, die vergeblich versucht hat, Kommissarin zu werden und die Rath seit dem ersten Band begleitet, geheiratet. Beide erziehen einen Stiefsohn.

Das Buch spielt 1935. Die Nazis regieren seit zwei Jahren Deutschland. Viele haben sich mit den neuen Machthabern arrangiert. Charlotte, genannt Charly, die immer noch unter dem nie geklärten Mord an ihrem Vater leidet, aber nicht. Sie geht, wo sie kann, auf Distanz und streitet sich mit ihrem Mann und mit Vertretern des neuen Regimes.

Der Stiefsohn soll dem Ehepaar Rath deshalb wieder weggenommen werden, weil sie keine verlässlichen Anhänger der Nazi-Ideologie sind. Charly will aus Deutschland weg, aber wohin ohne Geld?
Rath versucht, sich im Alltag auf seine Polizeiarbeit zu konzentrieren und glaubt, dass der Nationalsozialismus nicht auf Dauer an der Macht bleibt. Er versucht einfach wegzusehen, wenn es um Politik geht. Für viele seiner Kollegen bieten Gestapo oder der Sicherheitsdienst Chancen, persönlich aufzusteigen. Im Kern des Kriminalromans geht es um Unterlagen, die Gereon bei einem tödlich verlaufenden Unfall findet. Sie enthalten Material, um Innenminister Hermann Göring wegen seiner Rauschgiftsucht zu erpressen.

Auch wenn Kutscher die Kolportage streift, so gelingt es ihm hervorragend, den historischen Stoff in die Fiktion einzuweben: Die Rivalitäten der Vertreter des neuen Machtapparats untereinander, aber auch mit den alten Eliten. Wie gefährlich kleine Dinge werden, wenn sie als Widerstand gegen das Regime interpretiert werden können. Der offene Rassismus, obwohl die „Nürnberger Gesetze“ noch gar nicht gelten. Das um sich greifende Denunziantentum, die schleichende Rechtsbeugung und der Opportunismus, der auch Verbrechern eine neue Chance gibt.

Unterweltkönig Johann Marlow, der in allen Büchern von Kutscher eine zwielichtige Rolle spielt und der Rath immer wieder bestochen hat, ist plötzlich SS-Mann ehrenhalber und stellt Himmlers Männern Frauen, Rauschgift und Alkohol im – Kutscher-Lesern schon bekannten – „Venuskeller“ zur Verfügung.

Die Spuren, denen Rath nachgeht, um den Unfall, der offenbar geplant war, aufzuklären, führen ihn bis nach Schwabach, in die Fränkische Schweiz und zum Reichsparteitag 1935 nach Nürnberg. „Nürnberg soll eine schöne Stadt sein“, hofft Rath und bringt dann Charlotte Lebkuchen mit Hakenkreuz mit – was die Ehe extrem belastet.

Kutscher erzählt von der Nazi-Begeisterung der Hitlerjugend und der Bevölkerung, ohne didaktisch-anklagende Kunstgriffe einzusetzen. Er berichtet von der Geschäftstüchtigkeit der Franken, alle Zimmer im Umkreis von 50 Kilometern um Nürnberg zu vermieten, manche auch zweimal. Und es ist erschreckend, wie sich Gereon Rath – gegen seinen Willen – von der Sieg-Heil-Begeisterung anstecken lässt.

Es ist die Blindheit der Menschen, die einen erschaudern lässt. Gerade Kutschers unaufgeregtes Erzählen von den Ereignissen geht unter die Haut. Die Biederkeit, die Bösartigkeit gegenüber Menschen, die anders sind, haut den Leser richtiggehend um, denn er weiß, was das Regime in den folgenden Jahren alles anzetteln und ausführen wird.

Das Buch ist ein richtiger Schmöker, den man nicht aus der Hand legt, weil man wissen will, wie er ausgeht. Rath kann zwar die geplante Erpressung Görings in Grundzügen aufklären und auch die Rolle, die Marlow bei der Ermordung von Charlottes Vater gespielt hat, doch eine Überführung der Täter findet im NS-Regime nicht mehr statt. Am Ende muss sich Rath der stärkeren Macht beugen. Er verfängt sich im NS-Netz, was er immer vermeiden wollte.

Sicher, manches ist doch arg abenteuerlich konstruiert, aber der kriminologische Kern ist spannend und, was die Historie betrifft, auch gut erzählt. Was will man mehr?

André Fischer

Volker Kutscher: Marlow. Piper Verlag, 528 Seiten, 24 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.

Brunetti, der Bienenflüsterer: die neue Donna Leon

Ab auf die Insel: Donna Leon verordnet Guido Brunetti in seinem 26. Fall „Stille Wasser“ eine Auszeit auf einer Gemüseinsel vor der Lagunenstadt – und landet damit umgehend auf Platz eins der Bestsellerliste.

Mamma mia, das musste ja mal so kommen: zu viel Arbeit, Pasta, Grappa und Espresso! Kein Wunder, dass Donna Leon da die Notbremse und unseren Lieblingscommissario aus dem Verkehr ziehen musste: mit einem dramatischen Zusammenbruch.

Doch keine Angst. Der vermeintliche Herzinfarkt ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Um einen übereifrigen Kollegen vor einer dienstlichen Dummheit zu retten. Trotzdem lautet die anschließende Diagnose: Burnout. Und Guido Brunetti wird auf die Gemüseinsel Sant’ Erasmo verbannt. Mit Zahnbürste und Minimalausstattung und Plinius (dem Älteren) statt Gattin Paola im Gepäck.

Aber gar nicht schlecht, so eine Auszeit, die der tatsächlich ordentlich gestresste Guido in einer Prachtvilla mit eigenem Bootssteg, Park und Hausverwalter verbringen darf. Wohl dem, der eine begüterte Ehefrau mit ebensolcher Verwandtschaft hat, die einem solche Annehmlichkeiten gratis überlässt.
Ab sofort also bloß noch ein Glas Weißwein pro Tag, cholesterinarmen Fisch und acht Stunden Schönheitsschlaf. Tagsüber Schwimmen in der Lagune und Bootsausflüge mit dem Verwalter. Es gab in der Weltgeschichte schon schlechtere Exile.

Ist natürlich etwas weit hergeholt, dass der dienstbare (Haus-)Geist – Davide Casati – ausgerechnet der beste Ruderfreund des eigenen Vaters war. Auch, dass sich der Commissario mit Davide quasi aus dem Stand stundenlang wie ein Galeerensträfling ins Zeug legt. Immerhin wird er so ratzfatz topfit. Und wir lernen en passant die Gewässer und Eilande vor der Stadt von einer Seite kennen, die mit Sicherheit in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Kleiner Imker-Crashkurs inklusive.

Davide hat nämlich ein hübsches Hobby: seine „Mädchen“, wie er die Immen in zahlreichen Bienenstöcken auf den Grasinseln in den Salzmarschen vor La Serenissima, nennt. Dorthin rudert das Duo nun zwei Wochen lang. Eine Katastrophe, dass in den Körben plötzlich nichts mehr brummt und summt. Und dann ist der philosophische Honigmacher auch noch verschwunden. Schluss mit lustig für Guido Brunetti und Aus mit der Auszeit.

„Mehr nicht?“ könnten wir nun die in der Stadt lebende US-Erfolgsautorin Donna Leon fragen, deren Kultkommissar wir seit 25 Fällen und genau so vielen Jahren die Treue halten. Zugegeben: „Stille Wasser“ ist tatsächlich ein ebensolches. Keine verschachtelten Handlungsebenen, wie man das aus früheren Büchern gewohnt ist.

Auch das neue zentrale Thema – die maritime Verklappung von Giftmüll vor Ort – gab’s in „Das Gesetz der Lagune“ schon einmal. Andere brisante Themen-Eisen wie Mafia, Korruption, Sex-Tourismus, Nazis und Flüchtlingen aus Afrika sind auch schon abgegrast. Trotzdem ist Leon mit dem kritischen Zustandsbericht ihrer Wahlheimat und der Welt ein weiterer, sauberer Wurf gelungen. Sprachlich und mit seinen Bildern auf dem Punkt. Nur von Honig aus der Lagunenstadt sollte man künftig wohl besser die Finger lassen.

Kerstin Benz

Donna Leon: Stille Wasser. Diogenes, 343 S., 24 Euro.