Frau und Hund: „Der Freund“ von Sigrid Nunez

Was tun, wenn Apollo mit ins Bett möchte? „Der Freund“ ist nicht das erste Buch der US-Amerikanerin Sigrid Nunez, doch war die 69-Jährige bislang eher ein Geheimtipp. Das hat sich geändert, seit sie für ihren neuen Roman den National Book Award bekam. Damit hat sie auch hierzulande einen Bestseller gelandet.

Clever: US-Autorin Sigrid Nunez (Foto: Ettlinger, Aufbau)

Man könnte dieses Buch eine Sensation nennen, wenn sein zurückgenommener Stil, seine Scheu vor allem Vordergründigen diesen Begriff nicht unangemessen erscheinen ließe. Die Ich-Erzählerin schreibt darin an einen langjährigen Freund, der sich kürzlich das Leben genommen hat.

Eine Art Brief also. An einen Toten? Keine schlechte Adresse für die Selbstgespräche, die Briefe durchaus sein können. Besonders, wenn eine Antwort nicht zu erwarten ist. Dazu muss der Empfänger nicht unbedingt gestorben sein.

Die Erzählerin lässt die Jahrzehnte der Freundschaft Revue passieren und versucht, den Kern dieser intensiven Beziehung zu ergründen, zärtlich und reflektiert zugleich. Es gibt manches, was diesen ehemaligen Uni-Lehrer von ihr, dessen Kollegin sie später wurde, in ein fragwürdiges Licht rücken könnte: Neben seinen drei Ehen pflegte er auf dem Campus – den er als legitimes Jagdrevier betrachtete – mit großer Selbstverständlichkeit unzählige erotische Eskapaden mit Studentinnen.

Auch mit der Erzählerin ging er, als sie noch seine Studentin war, einmal ins Bett (ein Fehler, wie er danach sagte!) und hakte es ab wie ein gescheitertes Experiment – ohne sich zu fragen, was es ihr bedeutet haben könnte. Verbunden blieben sie aber nicht zuletzt durch eine andere gemeinsame Leidenschaft: die Liebe zur Literatur.

Die Erzählerin, die um die 60 sein dürfte, lebt offenbar seit langem allein und zurückgezogen in einem kleinen Appartement in New York, das sie in erster Linie nur verlässt, um an der Universität Schreibkurse zu geben.

Das ändert sich mit dem Tod ihres Freundes, denn eine seiner Ehefrauen vermacht ihr dessen Hund, eine beeindruckende Dänische Dogge, mit der sie ab sofort die Wohnung teilt und die ausgedehnte Spaziergänge einfordert.

Das tischhohe Tier heißt Apollo und ist für sie zunächst nur eine postume Verbindung zu seinem einstigen Besitzer. Doch mit irritierendem Nachdruck beansprucht Apollo einen Platz in ihrem Bett, legt ihr „seine massive Pfote, so groß wie eine Männerfaust, mitten auf die Brust und lässt sie dort“.

Es beginnen Grenzen zu verschwimmen und zwar weitaus vielschichtiger, als man zunächst annimmt. Schon allein dieser Name: Apollo. Wird der tote Freund wiederum anfangs nicht einmal als Romeo bezeichnet. . .?

„Der Freund“ nennt sich Roman, ist aber ein Buch, das weniger von etwas handelt, als von vielem spricht: von Freundschaft und Liebe, vom Miteinander der Menschen, ihren Gemeinsamkeiten, ihren Einsamkeiten; von Trauer und Schmerz, vom Trost in der Literatur. Immer wieder nimmt die Erzählerin Zuflucht zu anderen Schriftstellern, den Selbstmördern Kleist und Virginia Woolf, dem Tierfreund Rilke, den wundersamen Märchen Hans Christian Andersens.

Dabei dient ihr nicht das eigene Empfinden als Maßstab, sie formuliert Sätze oft als Fragen, stellt auch sich selbst, was sie denkt und schreibt, zur Disposition. Gewissheiten sind etwas für Feiglinge, und es dürfte aufmerksame Leser(innen) kaum überraschen, wenn sich am Ende des Romans auch noch die letzten auflösen.

Es ist auch das vorsichtige Formulieren, der bewusst unspektakuläre, aber subtile Blickwinkel einer Suchenden, der diesen komplexen Roman zu einem empathischen, immer wieder ergreifenden Buch macht – ohne die Fähigkeit zum (Mit-)Gefühl je auszustellen, auch ohne einen Hauch Sentimentalität. Für feine Ironie sorgen dabei Seitenhiebe auf den heutigen Literaturbetrieb.

Was Apollo angeht: mit ihm erfüllt die Erzählerin ihrem Menschenfreund einen Wunsch. Es war vielleicht sein letzter. Vielleicht aber auch nicht.

Tamara Dotterweich

Sigrid Nunez: Der Freund. Roman. Deutsch von Anette Grube. Aufbau, 235 S., 20 Euro

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“, das neue Buch des Bestsellerautors David Foenkinos, führt amüsant in die leicht erregbare französische Literaturszene – und ein bisschen Liebe gibt es am Ende natürlich auch.

Wo landen sie wohl, jene unzähligen, von Verlagen abgelehnten Manuskripte? Im bretonischen Finistère, tief im Westen Frankreichs, gibt es eine Bibliothek dafür – und eine junge Pariser Lektorin entdeckt dort unerwartet ein Meisterwerk. Der Autor ist offenbar Monsieur Henri Pick, der einstige
Pizzabäcker des Ortes; beharrt seine Witwe auch darauf, ihn niemals lesend oder nur mit einem Buch gesehen zu haben.

Hatte dieser Mann, der lediglich Einkaufslisten verfasste, ein geheimes Parallelleben geführt? Ein sich derart um die Entstehungsgeschichte rankendes Mysterium beflügelt jedenfalls den Erfolg des Romans. Stürzt Einzelne, viele, ganz Frankreich in den Romanrausch, ja in das Gefühl neuen Selbstbewusstseins und in die tiefe Sehnsucht, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Ein ganzes Volk dürstet plötzlich nach Publikum!

Gleichermaßen verändert die Karriere des Romans das Leben seiner Leser, auch das seiner Entdeckerin, der jungen Lektorin. Neue Lieben entstehen, unerwartete Erfolge werden wahr, Paare gehen auseinander, was gewiss schien, gerät ins Wanken. Die bretonische Gemeinde wird von Pick-Wallfahrern überschwemmt – immer mehr Schicksale verweben sich um den Roman zu einem Netz aus Empfindungen, Träumen, Hoffnungen.

Für Literatur-Fans ist David Foenkinos „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ein Buch über Bücher, die Liebe zu ihnen und den Bibliotheken mit ihrem so unbeschreiblichen Flair. Der Bestsellerautor (der auch schon im Nürnberger Literaturhaus zu Gast war) gräbt mit seinem Text tief in der menschlichen Seele, um dort – auf so subtile wie humorvolle Weise – die vielfach schmerzhafte Sehnsucht nach Beachtung zu entlarven. Frei von einer gewissen Langatmigkeit, sogar Umständlichkeit ist Foenkinos verschachtelter Roman dennoch nicht.

Wer lieber lauscht als liest, findet in der Hörbuchfassung mit Schauspielstar Axel Milberg ein absolut wertiges, vermutlich sogar fesselnderes Pendant! Milberg schlüpft einfühlsam und gänzlich uneitel in die so unterschiedlichen Figuren und hüllt sie in einen Erzählduktus aus feiner, nie aufdringlicher Süffisanz und wohldurchdachtem Rhythmus.

Gegen Ende des Romans lässt Milberg verstärkt darstellerisches Temperament zu – es hätte dem Text schon früher gutgetan. Das eher zögerliche Anlaufen der Erzählung befördert Foenkinos auch mit einer üppigen Figurenansammlung nicht. Sie verwirrt den Lesedrang eher, als sie diesen Roman über einen vermeintlichen Betrug im eitlen Literaturbetrieb befeuert. Doch da Foenkinos seine Helden erzählen lässt, wechselt auch der Leser ständig die Sicht: ein nicht zu unterschätzender Kniff, um ein Tempo zu suggerieren, das der Text nicht hat.

Muss er auch nicht. Unterhaltsam ist das Buch über die Macht der Bücher und die Gefühle ihrer Erzeuger allemal. Böse? Ja, auch das! Und bis zum letzten Buchstaben – den Ausgang hatte man irgendwie geahnt – mit genussvoll-eitlem Augenzwinkern garniert.

Anabel Schaffer

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. DVA, 336 Seiten, 19,99 Euro.
Als Hörbuch im Hörverlag, 6 CDs. Vollständige Lesung von Axel Milberg.