Geschafft! „Kämpfen“ von Karl Ove Knausgård

Der Preis, über Privates zu schreiben, ist hoch. Karl Ove Knausgård hat ihn bezahlt. Auch davon handelt „Kämpfen“, der abschließende Band seines autobiografischen Romanexperiments.

Die Stunde null saß ihm im Jahr 2009 im Nacken. Die Freigabe des ersten Romans stand bevor. Und bei jeder Mail, die einging, wurde Karl Ove Knausgård bang. Denn erst im allerletzten Moment hatte er das Skript den Menschen gesendet, die im Buch vorkamen: von der Mutter über die Schwiegermutter bis zu seiner ersten Frau. Keine ahnte, was er da geschrieben hatte. Es gibt Seiten in „Kämpfen“, die lesen sich wie ein Thriller.

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård. Foto: dpa

Ein Onkel machte aus seinem Hass keinen Hehl. Wollte das Buch verhindern, ihn fertigmachen. Auch für Knausgårds zweite Ehe wurde das Werk zum Damoklesschwert. Die drei kleinen Kinder bekamen den Anfang vom Ende der Beziehung ihrer Eltern hautnah mit. Prägnant, flüssig und packend erzählt uns der Autor intime Katastrophen – und spart nichts aus.

Im abschließenden Band seiner Romanserie spannt Knausgård den Bogen bis an den Anfang seines Wahnsinnsprojekts zurück. Um am Ende, wenn auf Seite 1280 alles vollbracht ist, eine Autofahrt in den erlösenden Gedanken münden zu lassen: „. . . und den ganzen Weg über werde ich genießen, wirklich genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin“.

Wer dem Sog der Bände „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ verfallen war, die der deutsche Verlag bewusst nicht unter dem Originaltitel „Min Kamp“, also „Mein Kampf“, ins Deutsche übernahm, darf gespannt sein, sich freuen. Da ist er wieder, der – inzwischen preisgekrönte – Sound dieses ungewöhnlichen Autors. So weit, so spannend. Doch plötzlich stößt er uns vor den Kopf.

Es ist nicht die bewährte Collage-technik der Zeitsprünge, die irritiert. Auch nicht die schockierende Klarheit – zum Beispiel, wenn er die psychische Erkrankung seiner Frau nachvollzieht. Wer Knausgård liest, ist Verwundungen gewohnt.

Nein, was dieses Buch „anders“ macht als die anderen Bände, ist ein mehrere Hundert Seiten langer Mittelteil. Ein Buch im Buch, das die Privatheit unterbricht. 500 Seiten hat sich der in Schweden lebende Norweger (Jg. 1968) tatsächlich die Freiheit gegönnt, aus heiterem Himmel einen umfangreichen Exkurs durch die Literaturgeschichte und Philosophie des 20. Jahrhunderts aufzuzäumen.

Gut, die essayistische Seite des manischen Lesers und sinnierenden Suchers Karl Ove ist uns spätestens seit seinem Sammelband „Das Amerika der Seele“ bekannt. Dass er den einen oder anderen Roman-Fan mit derart schwer vermittelbarer Proseminar-Prosa verlieren wird, gehört wohl zum Kalkül. Denn: „Die Bücher, die ich gelesen habe, sind ebenso untrennbar Teil meiner Geschichte wie alles, was ich erlebt habe.“

Also werden Adorno, Broch, Borges, Joyce oder Kafka befragt, wenn es etwa um den Unterschied zwischen dem Sublimen und dem Erhabenen geht. Nach einer – langatmigen – Betrachtung der Lyrik von Paul Celan stellt Knausgård Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in den Mittelpunkt.

Die Jugenderinnerungen des Hitler-Kameraden August Kubizek unterminieren hier seine These, wonach noch kein Mensch per se „böse“ zur Welt gekommen sei. Dem Hitler-Biografen Ian Kershaw unterstellt Knausgård in diesem Zusammenhang Schablonenhaftigkeit.

Viele Seiten lang kreist Knausgård um die Frage nach den Mechanismen, die am Werk sind, damit es zum Unheil kommt. Hitlers „Mein Kampf“ zum Beispiel habe bei der Veröffentlichung im Jahr 1925 allenfalls Distanzierung erzeugt – um dann 1933 trotzdem Programm zu werden: „Nicht Hitler hatte sich verändert, sondern die Gesellschaft um ihn herum.“

Der letzte Teil des Buches führt wieder tief in die Familie des Autors hinein. Knausgård reflektiert Vaterschaft, wenn er anmerkt, dass manche Söhne einen „Mann“ als Vater hätten (die Glücklichen), andere hingegen nur einen Sohn gebliebenen Erwachsenen mit Kind. Aus seiner eigenen Gebrochenheit macht er kein Hehl.

Den Autobiografen in seiner Vita hat der Norweger mit diesem Buch offiziell beerdigt. Der Poet hingegen, er lebt. Schon für Herbst ist sein Zyklus zu den Jahreszeiten angekündigt, von Künstlern illustriert. Knausgård hat ja selbst bereits in einem Romantitel formuliert: „Alles hat
seine Zeit“.

Christian Mückl

Karl Ove Knausgård: Kämpfen. 1280 Seiten, Luchterhand, 29 Euro.