Ulrike Almut Sandigs Missbrauchsroman: „Monster wie wir“

„Wenn man nicht darüberspricht, dann ist es nicht geschehen.“ So lautet der Schlüsselsatz im Roman von Ulrike Almut Sandig, der zunächst in der späten DDR spielt, dann in Frankreich und schließlich im Osten nach der Wende.

Ulrike Almut Sandig (Foto: Michael Aust/Stadt Erlangen)

Verinnerlicht haben den fatal falschen Satz die zwei zentralen Figuren des Buchs, die anfangs noch Kinder sind. Ruth, die als Ich-Erzählerin zurückblickt auf die Geschehnisse, und der schneeblonde Viktor, der mit seinem faltigen Lachen aussieht wie ein Troll. Die anderen Kinder gruseln sich vor ihm, Ruth nicht. So werden die beiden Freunde in einer Kleinstadt der DDR-Provinz – obwohl Ruth in einer Pastorenfamilie mit kleinem Trabi-Glück aufwächst, während Viktor, dessen Vater Parteifunktionär mit Privilegien und Posten bei der NVA ist, im Lada herumkutschiert wird.

Zwei unterschiedliche Haushalte, und doch regiert in ihnen das gleiche Schweigen. Dinge nicht zu sagen, mag eine Kernkompetenz unter dem SED-Regime gewesen sein, doch mit staatlicher Bespitzelung hat das Schweigen in diesem Buch nichts zu tun. Es ist ein universelles Schweigen, das überall regiert, wo Erwachsene sich an Kindern vergreifen.

„Die einen hatten Bisse am Hals. Die anderen rote Backen, Hintern oder blaue Rücken. Manche hatten beides. Das ist wie Karies, sagte Mutter im Vorbeigehen.“ Ruth spricht nicht über die Momente, in denen der Großvater sie auf seine Knie zieht und rhythmisch an ihrem Hals saugt wie ein Vampir. Viktor nicht über die Abende, an denen sich sein Schwager mit ihm in seinem Kinderzimmer einschließt, während seine Schwester nebenan den Fernseher lauter stellt. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: der verhängnisvolle Dreiklang von Misshandlung und Missbrauch, der sich durch Familien zieht.

Die 41-jährige Autorin, aufgewachsen in Sachsen und 2016 bereits einmal zu Gast beim Erlanger Poetenfest, begann mit Lyrik, schrieb Kurzgeschichten und Songs. Mit „Monster wie wir“ legt sie ihren ersten Roman vor. Ein lyrischer Klang zeichnet auch ihn aus, zugleich weicht Sandig souverän allen Stolperfallen aus, wie sie eine literarische Annäherung an ein Thema birgt, das fast täglich Schlagzeilen liefert. Keine Empörungs-Haltung, kein Betroffenheitston richtet sich in ihrem Buch auf der Ebene moralischer Überlegenheit – und damit in sicherer Distanz zum Geschehen – ein.

Stattdessen bettet Sandig den Horror in den ganz normalen Alltag. Die Gewalt und die sexuellen Übergriffe finden mit der gleichen Selbstverständlichkeit statt wie Ausflüge zum Baggersee, Kohleschippen im Hof, Klettern in Apfelbäumen oder der gelegentliche Streit der Eltern. Ein kluger Kunstgriff, denn so en passant präsentiert, wirken die Szenen noch monströser. Dass die Vorkommnisse, über die keiner spricht, tatsächlich Ähnlichkeiten haben mit Karies – davon erzählen die nächsten Kapitel des Romans.

Wie kranke Zähne, die im Inneren zusehends verfaulen, ist die einst kindliche Seele für den Rest des Lebens durch ein Brandzeichen versehrt. Viktor trainiert sich alle Emotionen ab, alles Nachdenken aus dem Kopf und teilt jetzt selbst aus. Ruth spielt besessen Klavier, geht auf Tourneen durch die ganze Welt und versteckt ihre geschwollenen Augen hinter einer Sonnenbrille, wenn der Mann, den sie trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – liebt, wieder mal zugeschlagen hat.

Was Ruth, Viktor und allen anderen widerfährt, löst ein Echo aus, das sich endlos fortsetzt.

Tamara Dotterweich

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir. Roman. Schöffling & Co., 240 S., 22 Euro

Karg und wuchtig: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“

Es ist ein erschütternder Roman, der angesichts der aktuellen „Burka-Debatte“ gut in die Zeit passt: Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ – die Autorin bezieht sich dabei auf eine wahre Geschichte einer aus der Türkei stammenden Kurdin.

Katharinawinkler Es könnte ein wunderschöner Saphir sein, der an einer filigranen Goldkette baumelt, ein Collier aus afghanischem Lapizlazuli oder ein Ring mit einem großen Stein aus Aquamarin: So würde man sich blauen Schmuck am ehesten vorstellen. Doch nichts von alledem tragen Filiz und die Frauen, in deren archaischer Männerwelt sie groß wird und an der sie fast zugrundegeht – mit geschundenem Körper. „Blauschmuck“ tragen aber fast alle, und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann gehören sie nicht dazu und werden – das ist das absolut Groteske – von Nachbarinnen und Familienmitgliedern dafür auch noch verspottet.

Denn hier in einem besonders archaisch geprägten Teil des türkischen Kurdistan, wo der Roman beginnt, behandeln Männer ihre Frauen nicht nur wie ihr persönliches Eigentum, wie eine Sache, die nur dazu da ist, sie zu bekochen, ihnen abends die dreckigen Socken auszuziehen, die Füße zu waschen, ihre sexuellen Triebe zu befriedigen und ihnen Kinder zu gebären, am besten natürlich Jungs.

Beim kleinsten Anlass schlagen sie die Frauen grün und blau – so entsteht der „Blauschmuck“, am ganzen Körper und in den unterschiedlichsten Farbvarianten. Katharina Winkler schildert die Brutalität, die ihre Protagonistin erlebt, und ihre Emotionen in karger und doch wuchtiger Sprache, mit einer Härte, die noch lange nachwirkt.

Nicht einmal die Tatsache, dass sie sich ihren Bräutigam – gegen den Willen der Eltern – selbst aussucht, schützt sie vor den brutalen Attacken ihres Mannes, mit denen dieser bereits kurz nach der Hochzeit beginnt. Die Schwiegermutter malträtiert die junge Frau dazu psychisch. Die Szenen sind bestürzend, davor sei gewarnt.

Dass sich durch die Migration des jungen Paars nach Wien etwas bessert – und Filiz statt ausgewaschener langer Blümchenröcke endlich modische Jeans tragen kann: weit gefehlt! Hier zwingt sie der Ehemann nun in den Niqab, die Vollverschleierung mit Gesichtsschleier, also in das, was wir Burka nennen. Und schlägt sie auch hier bis zur Ohnmacht. Ein schwer zu ertragender Stoff – und ein Romandebüt, mit dem Winkler, 1979 in Wien geboren, beim Poetenfest für viel Aufmerksamkeit sorgen wird.

Der wahre Fall, den die in Berlin lebende Autorin verfremdet hat, ist 20 Jahre her. Besteht also die Hoffnung, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Noch immer gibt es laut Amnesty International in der kurdischen Gesellschaft häufig Fälle von familiärer Gewalt – physisch und psychisch. Auch wenn Tendenzen sichtbar sind, dass sich die Lage bessert – zum Beispiel angesichts des Drucks durch die sozialen Medien. Doch die stark patriarchalisch geprägte Stammeskultur gerade auf dem Land wandelt sich nicht über Nacht.

Allerdings sei davor gewarnt, die Dinge zu verallgemeinern und – angeregt durch die drastischen Schilderungen in „Blauschmuck“ – zu unterstellen, die meisten kurdischen Männer würden ihre Frauen schlagen. Ein solcher Schluss wäre fatal – und unsinnig. Denn auch diese Gesellschaft ist inzwischen vielschichtig, viele junge Frauen studieren und sind im Parlament – etwa im kurdischen Nordirak. Und im kurdischen Syrien haben junge Frauen gerade in den vergangenen Monaten der ganzen Welt gezeigt, wie selbstbewusst und stark sie heute sind – und wie sie sogar brutalste IS-Kämpfer in die Knie zwingen können. Dass ausgerechnet sie sich dann von ihren Ehemännern schlagen lassen, erscheint irrwitzig.
Das macht Mut. Und wäre wohl Stoff für einen weiteren spannenden Roman . . . .

Stephanie Rupp

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp, 198 Seiten, 18,95 Euro

Eine Entdeckung: die Autorin Lucia Berlin

Eine literarische Stimme, die man noch nicht kannte – und so schnell nicht wieder vergessen wird: Lucia Berlin. Zum ersten Mal ist die einzigartige amerikanische Autorin (1936 – 2004) nun auch auf Deutsch zu erleben.

berlin So ein wunderbarer Name, fast wie erfunden: Lucia Berlin. Könnte er nicht gut aus dem New Yorker Dunstkreis eines Andy Warhol sein? Sie wissen schon: Eine dieser schönen Damen, die womöglich gar keine Dame ist, nur sehr androgyn und natürlich – oder auch unnatürlich – sehr sehr glamourös. Ein Geschöpf aus der „Factory“ des Künstlers, nachtschwarz schimmernd, somnambul und sexy.

Aber es hat sie wirklich gegeben und sie hat wirklich so geheißen. Und was sie geschrieben hat, diese große, bei uns kaum bekannte Schriftstellerin, hat sich auch wirklich ereignet – zumindest im Kern. Oder wie sie es selbst, frontal offen und flatterhaft, in einer ihrer Geschichten formulierte: „Ich übertreibe oft und verwechsle oft Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

Sie lügt nie. Ja, das spürt man als Leser, und noch in der kleinsten der 30 Kurzgeschichten des Bandes „Was ich sonst noch verpasst habe“. Mit ihm wird die amerikanische Autorin erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Mit ihm müsste sie – so Gott will, aber will er? – endlich berühmt werden, wie sie es zu Lebzeiten nie wurde. Auch nicht in ihrer Heimat. Dort hat letztes Jahr immerhin ein neuer Auswahlband – anders betitelt, aber Grundlage der deutschen Ausgabe – für Furore gesorgt und die Autorin posthum populär gemacht.

Denn Leser, die Freude haben an der unscheinbaren, doch schicksalsträchtigen Erzählkunst einer Alice Munro, am jüdisch gepfefferten Plauderton einer Grace Paley, am dunklen, mit Aberwitz überbrückten Seelenabgrund einer Sylvia Plath – all diese Leser werden auch Lucia Berlin ins Herz schließen. Und zwar von den ersten saloppen Zeilen an, mit denen ihre so leicht wirkenden, in Wirklichkeit schweren, weil durchwegs erlittenen Geschichten beginnen.

Manches bleibt Skizze, wird nicht weitergesponnen. Und doch: Alle Stationen, die Lucia Berlin in ihrer wechselhaften Biografie durchlief, finden sich auch in diesen unerschrocken komischen, dann wieder unerwartet rührenden Stories wieder.

1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geboren und zunächst in Minenstädten des Westens aufgewachsen, kam Berlin zur Mutterseite nach Texas – ein Nest von Suff und Missbrauch. Bald ging es nach Chile, wo die Familie als Upper Class ihren bescheidenen Reichtum feiern konnte, dann querbeet durch Mexico, New Mexico, Kalifornien. Drei Ehen, vier Söhne, viel Alkohol, zuviel Alkohol, immer wieder, dazu lebenslang die Krankheit Skoliose. Am Ende eine sichere Stelle an der Uni von Boulder, Colorado, und – stets neben sich – ein Sauerstoffgerät.

Von den Erinnerungen an den Großvater, einen heruntergekommenen Zahnarzt (dem sie, fast surreal, helfen muss, sich alle Zähne zu ziehen), über die Schikanen der Klosterschule (als Außenseiterin im Stahlkorsett) bis zu den vielen Jobs, mit denen sie sich und die Kinder über Wasser hielt (Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Arzthelferin in der Notaufnahme): Berlin packt die Situationen am Schopf und, samt aller haarsträubenden Details, in eine ungeschönte, unerhört lebendige Prosa. Antje Ravic Strubel, selbst Autorin, hat sie trefflich übersetzt.

Manchmal denkt man an Raymond Carver oder gar an Bukowski: Aber Berlin hat ihren ganz eigenen Stil, die Dämonen zu bannen. Wenn sie von der späten Wiederannäherung an ihre Schwester berichtet, als diese Krebs im Endstadium hat, davon wie sich beide, nun versöhnlich, an die kalte Mutter, auch sie Trinkerin, erinnern, dann zeigt der Blick aufs harte Sein die zartesten Seiten. Sie sind es, nicht die Grausamkeiten, die den Atem des Lesers stocken lassen.

Wolf Ebersberger

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Arche Verlag, 382 Seiten, 22,99 Euro.