Neuer Blick auf Napoleon: Ein Prototyp der Moderne?

Braucht es wirklich noch eine Biografie über Napoleon Bonaparte, die sich zu den anderen Tausenden Werken über diese Persönlichkeit gesellt? Der Historiker Patrice Gueniffey bejaht dies – und sein Buch „Bonaparte“ unterscheidet sich auch von allen bisherigen Darstellungen.

„Napoleon nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten in Paris“ von Paul Delaroche im Museum der bildenden Künste Leipzig (Foto: Jan Woitas/dpa)

Gueniffey sieht Napoleon als ersten Menschen der Moderne, der diverse Rollen gespielt habe: korsischer Patriot, jakobinischer Revolutionär, moderater Republikaner, Thermidorianer, Eroberer, Diplomat, Gesetzgeber, Putschist, Diktator, Monarch und Exilant. Er stand für das revolutionäre Pathos und gleichzeitig für den Wunsch der Bevölkerung nach einem Führer. Gueniffeys Buch ist damit ein historisches Werk über Napoleon und die napoleonische Zeit, aber mit einer philosophischen Perspektive auf die Moderne.

Der erste Band der auf zwei Bände angelegten Biografie liegt nun in deutscher Übersetzung vor, und schon zu den Jahren von Napoleons Geburt 1769 bis zum Jahr 1802, als er sich zum Konsul auf Lebenszeit machen ließ, liefert Gueniffey knapp 1300 Seiten. Die sind minutiös recherchiert und weisen einen beachtlichen Literaturapparat auf. Schon dadurch gelingt dem Historiker ein Mammutwerk, eine epochale Darstellung.

Genannt hat er den ersten Teil „Bonaparte“, da Napoleon in dieser Zeit noch seinen Familiennamen verwendete, erst in italienischer, dann in französischer Schreibweise. Schon die vielen Namensänderungen stehen für die wechselnden Rollen, die die Figur einnahm.

Gegliedert ist „Bonaparte“ in sechs Teile, die chronologisch je für eine Lebensphase und gleichsam einen modernen Prototyp stehen: etwa den Patrioten und Revolutionär, den großen Feldherrn in Italien, den Selbstdarsteller in Ägypten und den Putschisten.

Vielleicht ist es aber gerade der schiere Umfang, durch den die Kernthese Gueniffeys in den unübersichtlichen Wogen des Quellenmaterials teils untergeht. Bei den ausführlichen Schilderungen bleiben oft weitere Erklärungen aus, warum es sich gerade bei Napoleon um einen Prototypen der Neuzeit handeln soll.

Was der Autor unter einem so vielschichtigen Phänomen wie der Moderne überhaupt versteht, wird nicht von ihm definiert. Ist es die Kombination aus alten und neuen Werten, ist es die Politik als Kampf, ist es eine Dynamik sich wandelnder Identitäten, sind es Egoismus und Opportunismus statt Tugend?

Damit bleibt der Aspekt der Moderne zwischen Schilderungen von Kriegsverläufen und Napoleons Selbstinszenierung als Revolutionär und Mythos eine eher versteckte Erscheinung. Dennoch kann man mit Hilfe dieses Buches die Moderne, wie Adorno und Horckheimer, als paradoxale Dialektik sehen, zwischen Fortschritt-Mythos und verspätetem Heldentum, wie Nietzsche mit Bezug auf Napoleon meinte. Gueniffey spielt erst in der Mitte des Werkes und nur auf wenigen Seiten darauf an, dass Napoleon als Moderner ja verschiedene Gegensätze und Ideale verkörpert – wie Monarchie und Demokratie, alte und neue Freiheiten.
Das fordert vom Leser einiges an Kombinier-Arbeit.

Einerseits hat Gueniffey einen großen Wurf gelandet, ein intellektuelles und detailliertes Lesevergnügen geschaffen, wie man es nur noch selten bekommt; andererseits erwartet er vom Leser auch eine große Leistung. Und gerade die Notwendigkeit dieser Biografie, über die Moderne zu reflektieren, macht das Werk so interessant und vorbildlich. Man darf also darauf gespannt sein, ob Gueniffey im zweiten Band deutlicher wird. Die knapp 1300 Seiten sind minutiös recherchiert und weisen einen beachtlichen Literaturapparat auf. Schon dadurch gelingt dem Autor ein Mammutwerk.

Philip Dingeldey

Patrice Gueniffey: Bonaparte. 1769–1802. Suhrkamp, 1296 Seiten, 58 Euro.