Wiederentdeckt: die Chansonsängerin Barbara

Mit „Göttingen“ schrieb sie nicht nur eines ihrer schönsten Chansons, sondern auch – Staatsmänner weisen immer wieder darauf hin – ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der deutsch-französischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum zwanzigsten Todestag wird der Pariser Sängerin Barbara (1930–1997) nun erneut gedacht. Erstmals erscheinen bei uns ihre lesenswerten Memoiren, dazu ein Tributalbum des Klassikpianisten Alexandre Tharaud.

Der war – Jahrgang 1968 – schon damals ein großer Fan der Künstlerin und folglich sogar auf ihrer Beerdigung anwesend, Ende November in Bagneux bei Paris. Nach dem Nieselregen kam die Sonne heraus und die letzten treuen Anhänger, die tapfer und schweigend ausgeharrt hatten, begannen am Grab ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. „In dieser düsteren Stimmung hatten wir im Grunde nur einen einzigen Wunsch: zu singen“, schreibt Alexandre Tharaud.

Und so sangen sie. Sangen Barbaras Lieder, die sie so liebten. „Ein herrlicher, improvisierter Chor aus lauter schrägen, unbeholfenen Stimmen.“ Eine Geisterbeschwörung – und die willkommene Tröstung der Gemeinde: „Barbara war da, mehr denn je, sie lebte in unseren Stimmen.“

Vor 20 Jahren gestorben, jetzt in ihren Memoiren und neuen Alben verewigt: die französische Sängerin Barbara, die sich stets selbst am Klavier begleitete. (Foto: dpa)

Das gilt auf seine Weise auch für das wunderbare Doppelalbum, das Tharaud jetzt zum Jubiläum aufgenommen hat – und das vielleicht schon damals als Idee seinen Ursprung hatte. Hier nun wird sie umso professioneller umgesetzt und hält so die Erinnerung an den grazilen Chansonstar wach.
Alexandre Tharaud, von Bach und Scarlatti über Mozart bis zu Rachmaninow und Satie ein extrem vielseitiger – und vielgepriesener – Interpret am Flügel, konnte für „Barbara“ eine illustre Schar von Musikern gewinnen. Von Klassikkollegen wie Geiger Renaud Capuçon über alte Weggefährten der Künstlerin bis zu Popstars à la Vanessa Paradis, gewohnt erotisch hauchend: Alle machten mit.

Und fächern in ihren Versionen die melancholischen, stets aber leichten und elegant dahinperlenden Chansons von Barbara völlig neu auf. Deren zarter Nachtigallenstimme, so fragil wie flott flötend, kommt dabei wohl die Schauspielerin Juliette Binoche am nächsten, wenn sie die Liebesbilanz „Mes hommes“ (Meine Männer) singt: eine erstaunliche Anverwandlung!

Zerbrechlich wie immer Jane Birkin im aufs Jenseits blickenden „Là-bas“ (das sie dann auch noch auf Englisch wiederholt), mit fast femininer Grazie der Sänger Dominique A. in „Cet enfant-là“ – ein Lied über den vergeblichen Kinderwunsch Barbaras. Kein einziges Chanson wird hier verschenkt, selbst exotischere Stimmen wie Rokia Traoré aus Mali oder die Spanierin Luz Casal gliedern sich stimmig in die Hommage ein, bezaubern mit eigenem Akzent.

Und ja, sogar der alte Helmut Berger hat seinen gelungenen Auftritt: Rezitiert, nicht ohne gewisse Süffisanz, die schlichten und doch völkervereinenden Zeilen des Liedes „Göttingen“, das Barbara nach Konzerten in der Stadt geschrieben hatte. Weil auf der Bühne des Jungen Theaters nur ein lausiges altes Klavier herumstand, organisierten Studenten flugs einen Flügel aus der Nachbarschaft. Die Künstlerin zeigte sich dankbar, ihr Blick auf Deutschland, das sie lange nicht besuchen hatte wollen, wurde gnädig.

Der Hintergrund: Barbara stammte aus einer jüdischen Familie, hatte als Kind die Verfolgung durch die deutschen Besatzer am eigenen Leib miterleben müssen. Das lässt sich alles nachlesen in den Memoiren der als Monique Serf geborenen Sängerin, die nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. „Es war einmal ein schwarzes Klavier . . .“, so der Titel des zwar unvollendet gebliebenen, aber in sich schlüssigen – und sehr schön geschriebenen – Berichts.

Barbara hatte ihn im Jahr ihres Todes begonnen. Von der Bühne aus Krankheitsgründen bereits zurückgezogen, lebte sie in ihrem Landhaus in Precy sur Marne, östlich von Paris. Und blickte nun noch einmal zurück auf Kindheit und Jugend, auf die schwierigen Familienverhältnisse, die Zeit des Krieges und die langwierigen Anfänge ihrer Karriere. Dass sie Klavier spielen und singen wollte, wusste sie schon als kleines Mädchen: Mit den Händen klopfte sie auf den Küchentisch und träumte von Tasten.
Dafür war nur kein Geld da. Noch bevor die Familie immer wieder vor den Nazischergen flüchten musste (auch im unbesetzten Teil Frankreichs), floh sie vor den Vermietern.

Geradezu leitmotivisch, knapp und doch poetisch erzählt das Buch, wie Barbara es dann doch schaffte, ein eigenes Instrument zu haben – und damit endlich „die Frau, die singt“ zu werden, die sie von Anfang sein wollte.

Der Künstlername stammte von „Varvara“, ihrer geliebten Großmutter aus der Ukraine; die musikalischen Kenntnisse von den Gesangsstunden, die sie bekam – und die sie als jugendliche Gasthörerin sogar ans Pariser Konservatorium brachten. Ihre Lehrer sahen in ihr eine klassische Sängerin. Sie selbst nicht. Aber als was sah sie sich dann?

Erste künstlerische Gehversuche mit Tingeltangel und Chansons, zunächst in Brüssel, und auch einige sehr kritische Zeiten am Rande der Bohème (fast wäre sie einmal – vor Hunger und Not – auf dem Straßenstrich gelandet) führten dann doch auf den richtigen Weg. Barbara entdeckte die Lieder von Jacques Brel und Georges Brassens für sich, fand in dem kleinen Pariser Cabaret „L’Ecluse“ (Die Schleuse) am linken Seine-Ufer eine Nische für ihre neuartige Kunst. Täglich um Mitternacht trat sie dort ab Mitte der 50er Jahre auf: ein Nachtgewächs des literarischen Gesangs, zart und apart.

Der Durchbruch kam zehn Jahre später, 1964, mit eigenen Liedern, wie es das Album „Barbara chante Barbara“ schon im Titel postulierte. Ihre Autobiografie zeigt, wie persönlich, ja intim und wahr die Texte ihrer Chansons stets waren. Etwa wenn Barbara den Tod des Vaters in „Nantes“ beschreibt. Er hatte die Familie verlassen müssen (wohl auch wegen sexuellen Missbrauchs, aber das wird nur angedeutet), nun bedauert die trauernde Tochter, dass der Anruf aus dem Krankenhaus zu spät kam, sie ihn nicht mehr lebend vorfand.

Unter den losen Erinnerungen, die das kleine Buch abrunden, ist eine Liebeserklärung an den Schauspieler Gérard Depardieu, mit dem sie 1986 die Musikrevue „Lily Passion“ aufführte. Die Liebe war beidseitig: Bereits Anfang dieses Jahres hat der Mime auch ein Album für sie vorgelegt: „Depardieu singt Barbara“. Und Barbara – war da.

Wolf Ebersberger

Barbara: Es war einmal ein schwarzes Klavier . . . Unvollendete Memoiren. Wallstein, 200 S., 18,90 Euro.